Dienstag, 19. April 2016

Kulturgeschichten 0194

Verschwörungstod

Wer ist an allem schuld?

Warum sterben am Ende alle?

Wie könnte es anders sein?

Gibt es höhere Mächte?

Verschwörungstheorien versuchen ein Ereignis oder einen Zustand durch das zielgerichtete, konspirative Wirken von Personen zu einem meist illegalen Zweck zu erklären. Die Theoretiker der Verschwörung behandeln dabei gerne Dementis als Beweis für ihre Ideen, die oft auf unbelegbaren Ideen und Phantasien fußen. Besonders gerne leugnen sie die Grundregeln der Plausibilitätsprüfung, um nicht auf Widersprüche in ihrem geschlossenen System zu stoßen.

Verschwörungstheorien sind Produkte überschießender Phantasie gepaart mit Angst, die sich möglichst einfache Antworten sucht, um nicht aus dem unschlüssigen System herauszufallen. Sie zeugen eher von einem pathologischen Zustand der Beteiligten als der Suche nach Lösungen. Besonders viele davon finden sich immer wieder im politischen Umfeld. Sei es die geheimen Kräfte, welche die Supermächte bestimmen oder die jüdisch freimaurerischen Zeichen auf den Dollarscheinen oder die geheimen Zeichen am Himmel, die uns eine chemische Vergiftung im eigentlich Unischtbaren sichtbar machen.

Was Menschen davon haben, sich so etwas auszudenken, habe ich noch nie verstanden, sehen wir davon ab, dass die Leichtgläubigkeit vieler Menschen bis heute ein gutes Geschäft ist und so ist die Gruppe der Dan Brown Leser vermutlich ästhetisch wie logisch weniger anspruchsvoll hinsichtlich dessen, was sie sich vormachen lassen und doch halten sich manche von ihnen im Wahn für besonders hellsichtig, was den pathologischen Zustand bestätigen könnte, wollten wir diesem unerquicklichen Thema weiter nachforschen.

Diejenigen, die ein Staatsoberhaupt beseitigen wollen, nennen sich auch meist Verschwörer, gelingt es, sind sie Revolutionäre oder schlicht neue Herrscher, wenn nicht, werden die zu Verschwörern und gern zum Gespött, auch wenn die Geschichte hier manchen Eindruck umschreibt.

Die Pegiden halten sich in ihrem Hass auf Merkel, die ihr nationales Bild durcheinanderwirft, und ihrem primitiven Islamhass für die Retter des Abendlandes vor dem ansonsten drohenden Untergang. Inwieweit sie Teil einer Verschwörung sind oder sich von russischen Medien nur mangels intellektuellen Widerstand so leicht führen lassen, ist noch nicht endgültig klar. Betrachten wir die echten Verschwörungen der Geschichte, wurden sie  meist von einer intellektuellen Elite gebildet, wovon bei den Pegiden sichtbar nicht die Rede sein kann, sie wünschten den Umbruch, um eine aus ihrer Sicht destruktive Entwicklung aufzuhalten. Die Zielsetzung einer Verschwörung kann reaktionär oder progressiv sein, so war auch der Hitler-Ludendorff Putsch eine klare Verschwörung, auch wenn sie scheiterte und die  Beteiligten nur in den Knast brachte. Auf der weniger stringent organisierten linken Seite fällt es schwerer klare Ziele einer Verschwörung auszumachen. Auch die Attenäter um den 20. Juli 1944 hatten zwar eine Verschwörung gebildet, die einen gut organisierten Umsturz plante, der leider am Überleben Hitlers scheiterte, nur links wäre dieser Kreis von Offizieren und vielen Adeligen kaum zu nennen. Auch die Weiße Rose, deren Mitglieder am 19. April 1943 von Freisler zum Tode verurteilt wurden waren kein linker Kreis von Verschwörern,  im Gegenteil ehemals sogar Anhänger der Nationalsozialisten gewesen. Der linksradikale und oft etwas chaotische Haufen der Antifa plant zwar manches, was verschwörerisch klingt, gewalttätig und staatsfeindlich ist, doch kommen die Theorien zur Verschwörung auch dieser Gruppe meist nur von rechter Seite, die deren Bezahlung durch den Staat behaupten, was so albern ist, dass es müßig sogar ist, dies zu widerlegen. Es fragt sich nur, was diejenigen noch denken, die solchen Theorien anhängen.

Wo zwischen rechts und links heute die Pisonische Verschwörung gegen Kaiser Nero einzuordnen ist, bleibt fraglich. Es waren weniger aufrechte Bürger und Republikaner, die noch die Republik vor dem Tyrannen retten wollten, als römischer Adel und Senatoren, die sich gegen die Mißachtung der Sitten durch den Princeps wehren wollten und ihn durch einen anderen zu ersetzen, beabsichtigten. Am 19. April 69 nahm sich nach der Aufdeckung der nach ihm benannten Verschwörung Gaius Calpurnius Piso das Leben, der von den Verschwörern als Nachfolger Neros ausersehen worden war. In der Folge wurden daneben auch noch Seneca, Marcus Lucanus und Titus Petronius als angebliche Mitverschwörer zum Selbstmord gezwungen.

Nach der Ermordung seiner Mutter Agrippina, die ihn immer noch zur Disziplin rief, war Nero gänzlich seinen künstlerischen Neigungen gefolgt, dichtete, komponierte, schauspielerte, vernachlässigte die Staatsgeschäfte in Rom und widmete sich lieber Wagenrennen oder der Malerei in seiner Lieblingsstadt Neapel. Er entsprach damit nicht dem kernigen, militärischen Ideal eines römischen Princeps und das wollte der Senat nicht länger hinnehmen und den Primus schlicht beseitigen.

Die Ermordung war für die neronischen Festspiele im Jahr 65 geplant, da sie mit einer weiteren Verhöhnung der alten Traditionen rechneten. Piso stammte aus der alten republikanischen Aristokratie, war unter Claudius Suffektkonsul gewesen, also eine Art nachgewählter Konsul, stand, aber sonst nicht zu Neros Umfeld zählte, zwar auch als Künstler dilletierte aber bescheidener dies als Nero tat. Die Senatoren beschlossen Nero in seiner neapolitanischen Villa zu töten, wogegen sich Piso aussprach, der es lieber in Rom wollte, um dabei zu sein und nicht seine große Chance zu verpassen, zumal es auch Konkurrenz für ihn gab in der Gestalt des Silanus eines entfernten Veerwandten des Augustus, also julianisches Geschlecht, der noch dazu mehr dem Ideal des Senats in seiner strikten, fast militärischen Lebensführung entsprach.

Ablaufen sollte es ähnlich wie bei Cäsar. Der stärkste der Senatoren sollte vor Nero bittend auf die Knie fallen, um seine Füße festzuhalten und die anderen sich auf ihn stürzen, während Piso mit Claudia Antonia, der Tochter des Claudius, auf Rufus warten, der ihn ins Lager der Prätorianer bringen wollte, die ihn zum neuen Princeps ausrufen würden.

Die Verschwörung flog jedoch auf, weil sich ein Senator zuhause verdächtig verhielt, geschätzte Sklaven freiließ, sein Testament erneuerte und noch sein Messer schleifen ließ. Der Sklave besprach dies mit seiner Frau, die ihn anstiftete, sein Wissen teuer bei Hofe zu verkaufen. Der verhaftete Verdächtige und der mit ihm verdächtigte Verschwörer, widerstanden der Folter nicht, es genügte der Anblick der Folterinstrumente bei den Senatoren, ihnen die Zungen zu lösen. Ob das schon spätrömische Dekadenz ist, sei dahingestellt.

Bei der Zerschlagung der Verschwörung tat sich der Mitverschwörer Rufus besonders hervor auf den bisher noch kein Verdacht gefallen war. Auf den Lehrer des Nero, Seneca, fiel nur durch einen Briefwechsel ein Verdacht, den er nicht ausräumen konnte. Ihm wurde die Nachricht des Todesurteils überbracht und er nahm sie stoisch hin und verbrachte die letzten Stunden seines Lebens in philosophischer Konversation und nahm sich anschließend selbst das Leben.

Insgesamt kostete die gescheiterte Verschwörung 19 Leben statt des einen und zwang 13 ins Exil. Auch in den folgenden Jahren wurden noch einige, die Nero widersprachen oder sich gegen ihn stellten, schnell hingerichtet und verurteilt - angesichts der Wilkür dieser Akte war die verkehrte Reihenfolge beabsichtigt.

Ob der Suizid des Stoikers Seneca der größte Verlust der Verschwörung war, sei dahingestellt, ob die Stoa, die sich gern von Epikurs Lusprinzip abgrenzt. ohne es recht zu begreifen, dazu taugt, eine menschliche Antwort zu finden, wäre eine andere Frage. Ihr anhand der Sprüche des Senca zu folgen, der als einer der reichsten Römer, die Tugend hochhielt, aber selbst den Genuß gerade auch mit sehr jungen Mädchen ausgiebig lebte, wie ihn Rufus angeklagt hatte, könnte interessant sein und wer sich dadurch aufgefordert sieht, Seneca zu lesen, könnte manches interessante entdecken, was ein sehr reicher Philosoph nach seiner Karriere als Hauslehrer tat, um sein Leben im größten Wohlstand zu rechtfertigen, der kaum seinen Tugenden entsprach. Er schlief auf einem harten Bett, wenn er nicht die Nächte mit Damen verbrachte, die bei seinen ausschweifenden Festen immer jünger wurden.

Er verurteilte Gier und Geiz und war doch einer der rücksichtslosesten Gläubiger, der Schuldner quälte. Die hehren Grundsätze, dier er vertrat hatten wenig mit der Person zu tun, die er war. Sein Erfolg bei der Erziehung des Cholerikers Nero, der Bruder und Stiefmutter umbrachte, ist relativ bescheiden, im Gegenteil - Nero, der von einem Stoiker erzogen wurde, der die Tugend hochhielt, tat, was die Stoiker den Epikuräern vorwerfen, lebte nach dem Lustprinzip, nur tat er dies, ohne Befriedigung und in steter Steigerung, war eine völlige  Fehlbesetzung nach dem Stiefvater Claudius, den Seneca schon als sehr schwach beschrieb, während heutige Historiker ihn für vorbildlich und gut halten, gerade im Gegensatz zu seinem Stiefsohn. Was aus ihm geworden wäre, hätte ihm ein epikuräischer Erzieher nicht die Tugend beständig sondern die Lust als Ideal gegeben und diese bescheiden vorgelebt, ist heute müßig und nur des Blickes auf den Menschen nach der je Philosophie wegen interessant.

Wie beurteile ich nun die Pisonische Verschwörung, nach der viele Senatoren zu Mördern am Tyrannen geworden wären, um bestimmter moralischer Grundsätze der früher Republik wegen. Der Tyrannenmord, der einem Plan folgt und einen Umsturz zum Ziel hat, kann moralisch gerechtfertigt sein, wenn durch den Tod des einen, die Leben vieler gerettet werden, eine dauerhafte Katastrophe verhindert wird. Ausnahmsweise kann ein solcher Eingriff auch erlaubt sein, um einen Tyrannen zu stürzen und die Republik als höheren Wert wiederherzustellen. Allein der moralischen Beurteilung oder Verurteilung des Handelns einer Person kann nie eine moralische Rechtfertigung sein, einen anderen zu töten.

Handelte also der Sklave der verriet verwerflicher oder die Senatoren, die sich verschworen?

Ein höheres Ziel, als den den einen zu beseitigen, der nicht ihren Grundsätzen entspricht, ist nicht zu erkennen. Auch wenn es nie einen tauglichen Grund aus heutiger Sicht geben kann, einen Menschen zu töten, der Mord nicht durch das Opfer legitimiert werden darf,  ist dies eine Frage, über die vom Widerstand gegen Hitler intensiv diskutiert wurde und die der Diplomat und Landwirt Moltke anders beantwortete als die Offiziere, Stauffenberg, Tresckow oder Rönne, auch wenn ihre Herkunft und Sozialisation durchaus vergleichbar war.

Was verrät es über Menschen, die den politischen Mord aus machtästhetischen Gründen rechtfertigen?

Wer sind diese Pegiden, die Kanzlerin Merkel hängen wollen, weil sie nur so das Abendland meinen, retten zu  können?

Unterscheiden sich diejenigen, die den Untergang beschwören, von denen, die zum Mord aufrufen?

Wann werden die Anhänger von Verschwörungstheorien zu Verschwörern?

Wie muss sich ein Staat vor denen schützen, die ihn mit Gewalt verändern wollen?

Wer bedroht Freiheit und Rechsstaat in Deutschland und Europa stärker, rechte Populisten oder islamistische Terroristen?

Was ist gegen die Dummheit zu tun als Aufklärung?

Zwei andere Revolutionen fanden an diesem 19. April noch statt, die vielleicht noch bedeutender waren in der historischen Wirkung.

Am 19. April 1529 protestiere 6 Fürsten und 14 Reichsstände auf dem Reichstag zu Speyer als Vertreter der noch protestantischen Minderheit gegen die Verhängung der Reichsacht gegen Martin Luther sowie die Ächtung seiner Schriften und seiner Lehre, was als Protestation zu Speyer in die Geschichte einging. Dieser Widerstand gegen den Trick mit dem Karl V. den Katholizismus wieder einführen wollte, gilt mittlerweile als die Geburtsstunde des Protestantismus. Aus dem Widerstand gegen einen Katholizismus, der andere Überzeugungen als Sekten verdammen wollte, wie sie es damals mit den Hussiten getan hatten, wuchs ein starker Protestantismus vor allem im Osten und Norden Deutschlands. Aus dieser Entwicklung folgte logisch rund hundert Jahre später der 30jährige Krieg, auch wenn dabei noch andere Dinge als Auslöser mitspielten, war doch die konfessionelle Frage mitentscheidend. Der Protest der Protestanten hat Deutschland und damit Europa für die nächsten Jahrhunderte geprägt. Die Herrschaft des Hauses Habsburg aus Wien, Brüssel, Antwerpen oder Madrid, war nicht mehr unstrittig. Achtzig Jahre kämpften die Niederlande, dagegen ist der Krieg in Afghanistan noch vergleichsweise jung.

Die zweite Revolution am 19. April drehte sich um Religion und die Herrschaft über den Glauben, es war ein Kampf für die Freiheit des eigenen Glaubens aber zugleich auch einer, in dem Fürsten ihre Macht und Autonomie beweisen wollten, indem sie den Reformator Luther, dem sie folgten, verteidigten. Damit waren sie nicht mehr von Rom abhängig und seinen engen Verbündeten auf dem Kaiserthron. Das System des Heiligen Römischen Reiches war infrage gestellt worden. Schon länger stritten sie im Reich darum, bei diesem Protest bewiesen die Fürsten ihre Macht und Freiheit im Bündnis mit den Glaubensbrüdern und verbaten es sich, als Ketzer verurteilt zu werden.

Ist die Reformation eine Befreiung gewesen oder nur eine Machtverschiebung?

Im Sinne von Luthers Freiheit eines Christenmenschen war es sicher eine Befreiung von römischer Übermacht und ein Stück geistige Autonomie, weil zwischen dem Gläubigen und seinem Gott keiner mehr stehen musste. Der Anspruch Roms, war im Streit über den Ablass, das also erkaufte Seelenheil, mit dem der Petersdom finanziert wurde, infrage gestellt worden und damit die alte Struktur der Macht. So gesehen war es eine Befreiung, auch für die Fürsten, die hier protestierten und die Städte, die  ihre Kirchenvorstände selbst wählten.

Doch änderte die Reformation zunächst nichts an den Strukturen der Gesellschaft, die noch von den mittelalterlichen Ständen geprägt war. Es blieben die Hierarchien und die Pflicht zum Gehorsam, die Luther auch vehement für die Fürsten verteidigte, die für ihn protestiert hatten. So rechtfertigte der Reformator, der weniger Revolutionär war, die brutalste Gewalt gegen die aufständischen Bauern, die nur Menschenrechte und Freiheit verteidigen wollten. An den bestehenden Herrschaftsstrukturen wollte er nichts ändern, einzig den Glauben ein wenig auf seine Wurzeln aus seiner Sicht zurückführen.

Dafür befreite er auch die Gläubigen und pflanzte einen Geist der Freiheit in die Menschen ein, der ihm aber dann wiederum so gefährlich schien, dass er lieber die alten Strukturen wieder heiligte, statt die Freiheit des Christenmenschen konsequent zu Ende zu denken. Damit war der Reformator zugleich konterrevolutionär, als einige seinen Gedanken zu Ende dachten, ließ er sie verfolgen und rechtfertigte jede Gewalt, damit die Ordnung erhalten bliebe.

So bekamen die Protestanten ein kleines Stück geistige Freiheit vor ihrem erdachten Gott zugestanden, eine die eigentlich revolutionär war, die aber darum lieber ordentlich eingegrenzt wurde, damit der, der sich mit dem Papst als Revoluzzer anlegte, es sich nicht noch mit den Fürsten versaute, die noch zu  ihm hielten.

Den Gedanken der Freiheit, den er formulierte, konsequent gedacht, taten die Bauern nur, was Luther vordachte und so wurde Luther vielleicht zu einem Beispiel für den deutschen Umgang mit der Freiheit und der Revolution. Es gibt niemand zwischen Gott und dir, lernt der Protestant, so gesehen bist du im Glauben frei, im Leben aber gilt die alte Ordnung und auch wenn das nicht konsequent war, hielt es Luther doch im Bannkreis der Mächtigen und den Protestantismus damit an der Macht, zumindest in Teilen des alten Reiches.

War die Verabredung der Fürsten und Städte eine Verschwörung gegen Rom?

Ist es wichtig, was für den einen oder anderen Aberglauben spricht?

Könnte die Freiheit, die so eingeschränkt gewährt wurde, nicht von der wirklichen Freiheit abgelenkt haben?

Könnte der fürstliche Protest nicht ein Symbol für den deutschen Freiheitskampf sein?

Warum standen die Bauern gegen 10% Steuern auf und wir finden bis zu 50% normal?

Ist die Frage nach der Freiheit so im Glauben erstickt worden mit Hoffnung auf ein besseres Jenseits?

Eine weitere fürstliche Revolution geschah am 19. April 1713, als Karl VI. in der Pragmatischen Sanktion bestimmte, dass beim Fehlen männlicher Nachkommen im Haus Habsburg auch weibliche Nachkommen in den habsburgischen Erblanden erbberechtigt werden. Dieses Gesetz, das Maria Theresia die Regierung ermöglichte, hatte sich der Kaiser teuer erkauft. Er stellte damit zugleich die Unteilbarkeit der habsburgischen Erblande fest und ermöglichte, die in seinem Fall nötige nachrangige weibliche Erbfolge, was einen Bruch mit dem alten salischen Erbrecht darstellte und zu viel Unruhe im Reich führte.

Es wurde übrigens nicht für Maria Theresia erlassen, die erst vier Jahre nach diesem Gesetz geboren wurde. Eigentlich veröffentlichte die Pragmatische Sanktion nur, was die Habsburger insgeheim schon jahrelang auch für die spanische Erbfolge vertraglich geregelt hatten, um die Unteilbarkeit zu gewährleisten. Nach dem Spanischen Erbfolgekrieg hatte sich dies Thema weitgehend erledigt und so wurde mit dem Gesetz nur veröffentlicht, was zuvor schon lange hausintern praktiziert wurde und wogegen sie im spanischen Erbfolgekrieg noch gegen Frankreich gekämpft hatten, um die Einheit der Erblande im Haus Habsburg zu gewährleisten.

Aus Sorge, die Töchter seines Bruders Josef, beziehungsweise noch mehr deren Ehemänner, die Kurfürsten von Bayern und Sachsen, könnten nach seinem Tod Ansprüche geltend machen, bemühte er sich um Anerkennung der Regelung auch durch die anderen europäischen Mächte. Diese erreichte er zwar mit viel Geld, jedoch bestritten die beiden Kurfürsten nach seinem Tod das Erbrecht von Maria Theresia und machten zugunsten ihrer Frauen Ansprüche auf die habsburgischen Erblande geltend.

Friedrich II., dessen Vater, der Soldatenkönig, noch die pragmatische Sanktion anerkannte hatte, forderte nun im Gegenzug für die Anerkennung die Abtretung Schlesiens, was er bekanntlich bald besetzte in der richtigen Einschätzung, Österreich könne sich eigentlich keinen Krieg leisten, auch wenn seine juristische Begründung dafür mehr als fragwürdig war, siegte nach vielen Jahren Krieg doch im Frieden von Hubertusburg doch noch Preußen als Besetzer, wenn auch zu einem hohen Preis und lange um das Risiko seiner völligen Vernichtung.

Für die österreichische Monarchie gilt die pragmatische Sanktion quasi als Gründungsurkunde der habsburgischen Monarchie, in der erstmals die Zusammengehörigkeit der Erblande festgestellt wurde, damit hatte sie, solange später kuk noch bestand eine quasi verfassungsrechtliche Bedeutung.

Was nach pragmatischer Gleichberechtigung klingt, war eigentlich nur ein fortgesetzter Monopolismus des Hauses Habsburg, das damit seine Ansprüche auf die von ihm einfach so regierten Länder geltend machte. Die Habsburger, nach Maria Theresia Haus Habsburg-Lothringen als pragmatische Bindestrichexistenz in der Vorwegnahme unserer heutigen Leutheuser-Schnarrenbergers und ähnlicher Formen der Emanzipation, behaupteten sich damit in einer Rolle im Reich, das nach seiner Auflösung einfach als österreichisches Kaiserreich weiterexistierte, bis auch dieses mit den bekannt katastrophalen Folgen zerfiel, die bis heute nicht bewältigt sind, wie wir im ehemaligen Jugoslawien sehen und dem Bedürfnis nach Abgrenzung in Ungarn.

Drei fürstliche Revolutionen und Verschwörungen, die Europa unterschiedlich prägten und veränderten. Die römische Revolution in der Pisonischen Verschwörung blieb am wirkungslosesten, sehen wir davon ab, dass Kaiser Nero sie nutzte, seine Macht zu stabilisieren und auch weiter alle Gegner schnell auszuschalten und es der Welt mit Seneca einen sehr pragmatischen Philosophen raubte. Die Protestation von Speyer hatte als Gründung des Protestantismus die weiteste Wirkung, die bis heute fortlebt und spannenderweise hat die evangelische Kirche bei der einzigen deutschen Revolution die langfristig erfolgreich war, der von 1989 in der DDR, eine nicht unbedeutende Rolle als Hort und Verstärker gespielt. Die Revolution von 1918 war zwar auch eine zeitlang erfolgreich, doch haben wir inzwischen in Neufünfland länger demokratische Verhältnisse als sie nach 1918 überhaupt herrschten, auch weil sich viele Deutsche zu schnell nach Ordnung und einem starken Führer sehnten, dem sie gehorchen konnten.

Dies Bedürfnis ist in Teilen Ostdeutschlands und insbesondere unter den Pegiden, die vielfach Putin verehren noch wesentlich höher als im Westen, wo sie schon 66 Jahre gute Erfahrung mit der Demokratie sammeln konnten, obwohl sie die einzig  wirksame und friedliche Revolution dort anstießen, die der Westen nur übergestülpt und geschenkt bekam und so ist vermutlich auch der Osten noch in sich gespalten zwischen denen, die für die Freiheit kämpften und jenen, die mehr Angst um Wohlstand und Sicherheit haben. Vielleicht wirkt sich hier nur das beschränkt revolutionäre Wesen aus, das mit der Protestation von Speyer geprägt wurde. Zwar sehen sich die Pegiden als Retter des Abendlandes an, somit in Tradition der Kreuzritter, doch wünschen sie eigentlich nichts als die beschränkte Gesellschaft der DDR in der es nahezu keine Ausländer gab und die internationale Solidarität bloß eine Formel der Partei war. Eine Gesellschaft, die es nicht mehr gibt und der Versuch des AfD mit seinem grundgesetzwidrigen, rassistischen Programm, das eine Religionsgemeinschaft, unabhängig vom Verhalten ihrer Mitglieder diskriminierend bekämpft, die Illusion zu wecken, so etwas könne künstlich durch Schließung der Grenzen wiederhergestellt werden, offenbart sein Scheitern schon mit der Verkündung - Ewiggestrige versuchen eine Illusion zu wecken, die sie nicht realisieren können, statt aktiv Impulse der Integration und Assimilation zu setzen, polarisieren sie und schaffen damit die Parallelgesellschaft, die sie vorgeben bekämpfen zu wollen. Dies im Wissen, dass nur die weitere Polarisierung und Radikalisierung ihre Existenz sichert, auch auf die Gefahr das Grundgesetz und seine Werte zu verraten, die Demokratie durch Lügen zu gefährden.

Pegida und ihr Dunstkreis, in dem auch der AfD blüht, zeugen von einem Missverständnis der Demokratie, wie wir es überall in Europa kennen und sehen, dem sich diese nun anschließen wollen und es kann sich die Bundesrepublik fragen, was sie nach 1989 falsch gemacht hat, so viele Bürger nicht zu intergrieren, die ihren Wertekanon nicht mittragen. Revolutionen, wenn sie Erfolg haben sollen, werden von oben getragen - zwar finanziert der russische Fürst die Feinde der Demokratie in Europa derzeit aus Trotz gegen den Boykott gegen ihn nach seiner absehbaren Landbesetzung, aber das sind nur kleine Spielchen wie die Fliegeraktionen der Amerikaner und Russen im jeweiligen Grenzgebiet. Wer der Lügenpresse-Propaganda den Hahn zudrehen will, kann dies geduldig tun, bis Russland sich diesen Propaganda Unsinn nicht mehr leisten kann, weil Öl zu billig bleibt und das Reich Pleite ist oder schnell indem er mit Putin über eine Lösung verhandelt, die integriert und Demokratie weiter ausbaut.

Es wird keine Revolution diesbezüglich von unten geben, die Spaziergänger sind gut gesteuerte Opfer russischer Propaganda, wem dies zu lästig wird, der sollte Prioritäten setzen. Wenn in Sachsen-Anhalt 30% Populisten wählen, stellt sich die Frage, wo unsere Schmerzgrenze erreicht ist. Wollen wir einen amerikanischen Kalten Krieg gegen Russland lieber führen als den inneren Frieden hier wahren?

Mit dem Einzug des AfD in Landtage werden plötzlich viele rechtsradikale Netzwerke staatlich finanziert, die bisher nur durch ausgiebige Spitzeltätigkeit einiger überleben konnten. Schnell wird eine Propaganda im Land normal, die nicht zum Wertekonsens des Grundgesetzes passt. Die  Kriegserklärung dieser verlogenen Kreuzritter gegen den Islam ist ein weiterer Schritt der Eskalation der konservativen Revolutionäre. Es wird bald wieder Schilder an Gemüseläden geben, kauf nicht beim Moslem oder Deutschland Moslemfrei. Das hatten wir schon mal und es ist nicht zu erwarten, dass die Bevölkerung nach 25 Jahren Privatfernsehen klüger geworden wäre.

Einer der Schlüssel zum inneren Frieden liegt in Moskau, der andere in Washington und dazwischen kann Europa sich nur hübsch machen, um attraktiv zu bleiben, als Wertegemeinschaft, in die Moskau möchte, dann werden wir schnell postrevolutionären Frieden finden, können die geistigen Brandstifter angemessen bestrafen und die immer noch nicht integrierten Ossis demokratisch integrieren. Auch eine Linke, die stärker ist als andere demokratische Parteien, spricht mehr für wütenden Traditionalismus als Kulturrevolution, wie die nur mühsam getarnten Stalinisten Wagenknecht-Lafontaine uns zeigen, nur schaden die dem Ruf des Wirtschafstandortes als kleine Opposition weniger.
jens tuengerthal 19.4.2016

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