Samstag, 19. August 2017

HiHa 001

Adam war Erster
Erzählt Märchenbuch Bibel
Als SIE noch übte

Eva aus seiner
Rippe brachte Erkenntnis
Mit Apfelessen

Vernunft weiß Natur
Ist und war immer alles
Anfang wie Ende

jens tuengerthal 19.8.2017

HiHa Historische Haikus

Einleitung

HiHa sind Haikus zu historischen Themen, die in ihrer strengen 3-Zeilen Form, die Geschichte der Menschheit erzählen. Knappheit zwingt zur Reduktion auf wesentliches. Was macht die Epochen der menschlichen Geschichte aus, gibt es dafür ein objektivierbares Geschichtsbild oder ist die Gewichtung immer subjektiv und lokal.

Die gewählte Form ist traditionell asiatisch, sogar noch eingeschränkter japanisch, der kleinen Insel im Pazifik, dessen Volk sich lange für die Welt hielt, die es noch länger nicht bei sich zuließ, von der abgeschottet diese Sonderlinge ihre Existenz begründen und damit einem anderen Volk in der Mitte Europas ähnelten, das sich auch gerne für etwas besonderes hielt, auch wenn sie auf keiner Insel sondern eher im Wald lebten.

Gerade hielt sich wieder ein anderes Inselvolk teilweise für etwas ganz besonderes, möchte sich darum aus der Mitte Europas verabschieden und beim großen Nachbarn im Westen, wollten sie sich ganz auf sich zuerst konzentrieren und taten dies unter einem möglicherweise bereits dementen, zumindest lange schlecht geführten Präsidenten bisher sehr rüpelhaft und unkultiviert, wie es neureichen Stammtischbewohnern eher entsprach als der Verständigung der Völker, was die Haiku als reduzierte Form noch näher legt - der Kontrapunkt zum Weltgeschehen, der über dieses berichtet - infolge seiner Dichte zum Innehalten zwingt. Von dem cholerischen Türkenonkel, der gerne aus den Überresten des einst osmanischen Reiches eine große Nation schmiedete, sie zuvor aber ins Mittelalter führen möchte, um nur sicher jeden Anschluss zu verlieren, sei lieber geschwiegen - es geht ja um bedeutende Geschichte, nicht Größenwahn und Potenzprobleme.

Wer immer über Geschichte schreibt, genau wie jene, die Geschichte schrieben, tut dies höchst subjektiv als einzelner, ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben zu können, auch wenn gerade jene, die dies versichern, es um so lieber wollen. Was ich danach noch sagen soll, jeden Anspruch zu relativieren, keine Ahnung zu behaupten, die ich nicht habe, weiß ich nicht so genau, darum sage ich lieber dem Haiku entsprechend weniger.

Unübertroffen im bescheidenen Tiefstapeln war schon Ende des 16. Jahrhunderts Michel de Montaigne, mit seinem “Was weiß ich schon?” - dem schließe ich mich einfallslos an und maße mir noch zusätzlich an alle Ereignisse nach Laune zu gewichten, um in dieser historischen Dichtung auch einen möglichst authentischen Spiegel meiner selbst und meiner Vorurteile zu sehen. Da ich nicht von mir weg kann und alles, was ich schreibe, ohnehin gefärbt ist durch meine Überzeugungen, meine Herkunft und anderes, was mich prägte, kann ich statt dagegen zu kämpfen, Objektivität vorzutäuschen, die keiner je erreicht, auch aus Lust und Laune subjektiv über Geschichte schreiben, dann habe zumindest ich Spaß daran, um nichts anderes geht es ja im Leben immer und so lese wem’s gefällt, was ich hier tue, soll mir Spaß machen und unterhalten.

jens tuengerthal zu
Berlin den 19. August 2017

Freitag, 18. August 2017

Kriegsopfer

Schon wieder Tote
Im Krieg gegen den Terror
Wir sind halt im Krieg

Vielleicht merkt nun wer
Krieg hat keine Grenzen mehr
Oder Schlachtfelder

Opfer sind überall
Täter werden auch alle
Krieg ist der Terror

jens tuengerthal 18.8.2017

Vorspannung

Kurz vorm Gewitter
Schleichen die Menschen eher
Voller Erwartung

jens tuengerthal 18.8.2018

Donnerstag, 17. August 2017

Glücksdauer

Wie lang hält das Glück
Wenn zwei es sich versprechen
War es versprochen

Versprecher mit Folgen
Werden Ehe oft genannt
Mit und ohne Glück

Wer das Glück hütet
Verspricht sich weniger leicht
Bleibt länger glücklich

jens tuengerthal 17.8.2017

MISSverständnis

Sie wollte schmusen
Er griff nach ihrem Busen
Das war noch zu schnell

Sie küssten sich doch
Er griff lieber nicht mehr zu
Das fand sie öde

Frauen verstehen
Fällt Männern immer schwerer
Je mehr sie wollen

jens tuengerthal 17.8.2017

Weiberlaunen

Launen der Weiber
Ertragen wir Männer mit
Blick auf die Leiber

jens tuengerthal 17.8.2017

Seinsfrage

Ich kann mich ärgern
Oder mich lieber freuen
Über das gleiche

jens tuengerthal 17.8.2017

Sommersex

Sex im Sommer ist
Heißer meist als im Winter
Zumindest verschwitzt

jens tuengerthal 17.4.2017

Wahlkrampf

Einer kämpft darum
Eine will lieber bleiben
Alles klingt so dumm

jens tuengerthal  17.5.2017

Sommerlöchrig

Wahlkampf im Sommer
Ist eher überflüssig
Es siegt weniger

jens tuengerthal 17.8.2017

Sommertage

Sommertage sind
Stiller in den Ferien
Manchmal weht ein Wind

jens tuengerthal 17.8.2017

Mittwoch, 16. August 2017

LitErotik

Erotische Literatur ist ein sehr weites Feld, mit dem ich mich nur selten beschäftige, weil ich 99,99% dessen unlesbar und peinlich finde. Wenige Ausnahmen bestätigen diese Regel leider nur.

Die Wahrnehmung dieses Bereiches und die dabei Bedürfnisse sind geschlechtsspezifisch unterschiedlich. Während Männer es lieber mögen, wenn es klar zur Sache geht, wie Frauen in der Praxis eigentlich auch, wollen sie literarisch dazu irgendwie verführt werden, glauben dabei, Sex sei nur gut, wenn er auch irgendwie romantisch verklärt wird, treten die meisten erotischen Geschichten für Frauen in einem so peinlichen Gewand auf, dass dem männlichen Leser entweder gleich vor Müdigkeit die Lust entschläft, bis etwas passiert, was der Erregung wert wäre oder eine zufällig vorhandene Erektion wieder erschlafft, bis sie in weiblicher erotischer Literatur eine heiße Stelle findet, was die Umsetzung literarischer Träume nachhaltig jeweils verhindert und diese Druckwerke so, statt Bastelanleitungen für besseren Sex zu werden, immer nur getrennt verwendete Onaniervorlagen bleiben, bei denen seltene Ausnahmen nur das Gegenteil belegen.

Kurz gesagt: Die meiste erotische Literatur fördert nicht die tatsächliche Erotik sondern behindert sie, lässt allein die Autoerotik exponentiell ansteigen, aber vielleicht ist das ja auch so gewollt, bleibt die Onanie schließlich immer sichere Liebe an und für sich, die nur ausnahmsweise mehr vorbereitet, warum seine Kunden sicherer bindet, wer auf diese Form der Sexualität in der Literatur setzt, ohne es zu sagen, weil unbefriedigte Träume die Chancen am Markt noch erhöhen.

Für diese These gibt es natürlich auch Gegenbeispiele und die Grenze zwischen Erotik, Pornografie und Literatur ist eine beständig fließende. Schaue ich mir etwa Henry Millers Opus Pistorum, bei dem er seitenweise bezahlt wurde und das erst in den 90ern überhaupt als Literatur in Deutschland freigegeben und nicht mehr als Pornographie gesperrt war, verschwimmt diese Grenze schon sehr, weil Miller einfach alles beschrieb, was Mann sich dazu nur ausdenken kann und was der Schwanz des Ich-Erzählers Johnny Thursday so im Paris der 20er erlebte. Er tut das in seinem typisch lockeren Ton und plaudert einfach nur halt über Sex.

Besonders erotisch fand ich das nie, auch wenn es Szenen gibt, die in ihrer Deutlichkeit geil beschrieben sind, ist die Stimmung ähnlich erotisch wie es Pornos auch sind: gar nicht. Weil es nur um Sex und seinen Vollzug geht, der ja nicht eigentlich erotisch sondern ein schlicht mechanischer Vorgang ist, der mehr oder weniger eindeutig beschrieben wird. Der lockere Ton des Autors unterhält dabei gut, aber dies Buch länger oder am Stück zu lesen, schafft keine erotische Stimmung, sondern bleibt eine nüchterne, wenn auch journalistisch teilweise gute Beschreibung aus dem Reich der Pornographie, wenn auch zur guten Reportage manches fehlt.

Anders da schon seine Freundin Anais Nin, die bei der Beschreibung des Sex auch kein Blatt vor den Mund nahm, aber es dabei auch schaffte, eine erotische Stimmung zu kreieren, wie etwa in ihrem Delta der Venus, dem Klassiker der erotischen Literatur, der immer noch literatisch heutige Machwerke um Längen übertrifft. Doch las ich es mit meiner damaligen Freundin Ende der Teenie-Zeit und wüsste nicht, wie ich es heute beurteilte. Zumindest hat es uns damals gelegentlich inspiriert.

Vielleicht keine ganz große Literatur aber immer noch, auch wenn bald hundert Jahre alt, um Längen besser als die grauenvollen Shades of Grey, bei denen ich sogar das Rezensionsexemplar nach einem angeödeten Leseversuch im Altpapier entsorgte. Auch wenn ich sonst eher Bücher, die ich entbehren kann, lieber auf die Straße stelle, irgendeinen glücklichen Leser findet es in Berlin immer, habe ich dieses Machwerk lieber dem Papierrecycling übergeben, damit zumindest dies Exemplar keiner mehr lesen würde, ich das meinige zumindest tat, es zu vergessen.

Doch will ich ja nicht über Beispiele schlechter Bücher sondern über erotische Literatur hier schreiben und wie es manche Autoren schaffen, eine solche Atmosphäre zu kreieren, weil die Beschäftigung mit literarischen Restmüll weder erotisch noch sonst erregend ist. Sich darüber aufregen, was für Mist so gedruckt wird, scheint mir auch nicht sonderlich verlockend, am besten würden solche Machwerke keines weiteren Wortes mehr gewürdigt.

Was ist der Schlüssel zur erotischen Spannung als Leser und als Autor und was sind gute Beispiele dafür?

Eine großartige erotische Stimmung kreieren immer wieder Klassiker wie  Marcel Proust, immer eher verzweifelnd als erfüllend, Oscar Wilde oder Tania Blixen. Auch das Hohelied der Bibel hat einige Stellen bei denen die Schönheit der Sprache mit der beschriebenen Sinnlichkeit eine Stimmung schafft, die einen Kitzel weckt, den ich erotische Stimmung nennen würde.

Teilweise auf der Grenze zur Pornographie und in mehr aber auch literarisch wunderbar fein beschrieben ist “Die Frau des Buchhändlers” von Pierre Bourgeade, in dem es viel um Bücher geht, was für den bibliophilen schon eine an sich sinnlich schöne Stimmung ist, die gemischt mit den verschiedenen Erzählsträngen über die ins pornografische reichenden Abenteuern der Protagonistin, eine Stimmung von solcher Schönheit schafft, dass die Erotik zwischen den Seiten in einer Weise spürbar wird, wie ich es selten bei einem Buch erlebt habe.

Die Bücher, die klassischerweise im Genre Erotik verkauft werden, halte ich zum größten Teil für literarisch unbedeutend und auch die Werke eines Maupassant, die teilweise sehr deutlich werden, versetzten mich nie in eine solch erotische Stimmung wie die Frau des Buchhändlers oder einige Stellen in Manns Zauberberg.

Bei Mann denke ich etwa an den Karnevalsabend im Sanatorium Berghof, in der sich der Protagonist Hans Castorp der von ihm verehrten Clawdia Chauchat, der Dame mit den Kirgigisenaugen vom guten Russentisch, die immer die Tür knallen ließ, wenn sie den Speisesaal betrat, nähert, wie vorher und später nie wieder, weil in dieser Nacht alle Regeln aufgehoben scheinen.

Hier zaubert Mann eine erotische Stimmung, auch wenn ich große Teile des in französisch geschriebenen Dialogs beim ersten Lesen noch nicht verstand, war ich höchst erregt von dieser erotischen Spannung. Der große Autor schafft diese eher indirekt, wie vorher noch mehr als die irgendwo weit im Osten wohl verheiratete Dame Hans ein Röntgenbild ihrer Brust verehrt, auf dem natürlich nichts ganz konkret zu erkennen ist, um so mehr sich aber in Schemen andeutet und eine unkeusche Nähe nach der Natur schafft, von der er vorher als anständiger Hamburger Junger aus guter Familie nicht mal zu träumen wagte.

Auch Proust spielt in la Recherche über endlose Seiten mit der erotischen Spannung, die sich immer mehr steigert, ohne irgendwann die endlich Erlösung zu finden. Es ist das noch nicht und das Wachstum der Lust auf das Unerreichte, die eine erotische Stimmung für mich ausmachen.

Lese ich dagegen die wunderbaren Erotischen Geschichten aus der Renaissance, die kürzlich in der Anderen Bibliothek erschienen und die es teilweise an Deutlichkeit nicht fehlen lassen, amüsiere ich mich darüber eher und freue mich literarisch an den so alten Schätzen europäischer Erzählkunst, die zu der Zeit entstanden, als Boccacio seinen Decameron schrieb. Letzteres Werk, entstanden zum großen Teil auch in der ländlichen Isolation, in die sich reiche Patrizier auf der Flucht vor der Pest zurück zogen, schafft seine größten erotischen Momente, wo es weniger direkt ist. Dagegen sind die Geschichten etwa auch vom Wiederentdecker des Lukrez in der Renaissance Poggio Bracciolini zwar von stürmischer Direktheit beim Sex, wie es vom Sekretär des Papstes kaum zu erwarten war, die aber dem Geist der Renaissance und ihrer Sinnlichkeit ganz entsprechen, jedoch selten wirklich erotisch.

Bevor ich mich nun in weiteren Beispielen dessen verliere, was ich in der Literatur erotisch finde und die anderen möglicherweise völlig abstrus vorkommen, will ich versuchen, eine allgemeine Regel daraus abzuleiten, um ein Prinzip zu finden, was diese besondere sinnliche Stimmung ausmacht, die wir erotisch nennen und empfinden. Bin mir nicht sicher, ob es eine solche überhaupt gibt und darin wirklich Übereinstimmung erreicht werden kann oder es wie bei Sex und Liebe immer ist, es auf den einzelnen ankommt und was diesen in genau der Situation gerade reizt, aber die Suche allein scheint mir reizvoll genug, sich in Worten auf den Weg zu machen, den Kern der Erotik zu finden.

Schreibe auch lange genug erotische Geschichten und Gedichte, konnte dabei auf eine kleine, überschaubare eigene Erfahrung jenseits der Literatur zurückblicken, die sicher das Schreiben mitgeprägt haben. Dies Schreiben war, soweit es um den Zweck ging, eine irgendwie erotische Stimmung in den Lesern und vor allem Leserinnen zu wecken, wider Erwarten, erstaunlich erfolgreich und wurde relativ positiv aufgenommen. Es traf den Ton, der die Leserinnen berührte, ohne sie vor den Kopf zu stoßen, was mir heute als der Schlüssel zu lustvollen Schreiben erscheint. Erregte dort, wo es berühren sollte, ohne dabei Grenzen zu verletzen

Weniger ist, wie so oft, mehr und die Andeutung bewegt zunächst mehr als der direkte Griff ans Geschlecht oder in die Porno-Kiste, bei dem ich ohnehin eher zurückhaltend bin, da Porno zwar als Mittel zum Zweck, schlichte Geilheit zu wecken, nicht ganz schlecht ist, aber nichts in meinen Augen mit erotischer Stimmung zu tun hat, die mehr vom noch nicht lebt als vom Vollzug des Aktes, der dann in mehr oder weniger eindringlich beschriebenen mechanischen Bewegungen besteht. Überhaupt reizten die zu keinem Ende oder zu noch keiner Befriedigung führenden Werke, ob als Kurzgeschichte oder als Lyrik, meist mehr als die vollendet beschriebenen Akte, so sehr ich mich auch bemühte, das Glück  in Worten treffend festzuhalten. Am Ende ist ein sich ergießen oder spritzen und ein zuckendes Miteinander zwar der Gipfel der Lust aber literarisch eher mäßig interessant.

Das Vorspiel und der Versuch reizen, gelesen scheinbar mehr als der Höhepunkt selbst. Frage mich, ob das eher daran liegt, dass unbeschreiblich Schönes eben besser erlebt als beschrieben werden kann oder viele diese geteilte Erfahrung vollkommenen Glücks, die ich den schönsten Sex nenne, gar nicht kennen und darum den Versuch allein, die eigene Erfahrung spiegelnd, bereits als das höchstmögliche nur empfinden und damit zufrieden sind.

Ob diese Gleichzeitigkeit des Glücks, wenn zwei erregte Leiber zuckend aufeinander, innig verschlungen, zusammen kommen, wirklich noch mit Worten fassbar ist, das Glück des sich ineinander und aufeinander Ergießens, um in totaler Befriedigung selig einen Moment verharrend, alles zu  haben, je beschrieben werden kann, frage ich mich, um Worte ringend selbst und denke auch dabei wird weniger mehr sein.

Casanovas Erinnerung im Hinterkopf, die manch sexuelles relativ ausdrücklich beschreiben, wie es ihm als alternder Liebhaber am Rheuma leidend, einsam auf Schloss Dux in die Feder floss, fiel mir auf, dass der Moment davor, die Verführung, die Spannung bis zum Moment der Erlösung auch beim Altmeister der Erotik und größten Liebhaber immer viel aufregender zu lesen war, als die Erlösung von dieser Spannung.

Hört beim gemeinsamen Orgasmus die Erotik auf, handelt es sich dabei schon längst um Pornographie, die eben einen sexuellen Akt mehr oder weniger mechanisch beschreibt?

Gibt es auch beim Sex den Wendepunkt, wo die Erotik zum rein sexuellen Akt wird, in dem sich nur noch zwei Körper geil an- und ineinander reiben?

Weiß es nicht so genau und denke dabei gerade an meinen Großvater, der immer sagte, im entscheidenden Moment sitzt das Hirn im Hintern und hilft schieben -  irgendwie habe ich das Gefühl, er traf damit den Punkt. Dann aber, sind alle weiteren Ausführungen an dieser Stelle in Betreff der erotischen Literatur überflüssig.

Es wäre dann mit der Erotik wie mit aller Natur, sie ist das Vorspiel, um genug Reiz für den Akt zu schaffen, bei dessen Vollzug wir nur noch unserem Trieb folgen, nicht mehr denken, keine Erotik mehr brauchen, weil die Geilheit von alleine wirkt. Wenn zwei Partner miteinander guten Sex haben, genießen sie den Akt vollkommen als solchen und denken auch an nichts anderes dabei, weil sie vollkommen glücklich und vor lauter Erregung ohnehin zu keinem klaren Gedanken mehr fähig sind.

Denke ich dagegen an all die früheren Partnerinnen, die von sich sagten, der Sex sei ihnen nicht so wichtig, es zähle vielmehr die Zärtlichkeit und Nähe dabei, weiß ich heute genau, sie haben es nie ganz genießen können und liebten darum auch die Erotik des Vorspiels mehr als den Vollzug, weil sie dabei, wenn überhaupt, nur eine irgendwie sekundäre Befriedigung erreichten und das vollkommene Glück überhaupt nicht kannten. Es gab mit ihnen vielleicht eine Erotik und den ewigen Reiz des Vorspiels, den sie teilweise gut steigern konnten, aber nie Zufriedenheit und entsprechend unzufrieden war ich in diesen Beziehung immer nach kurzer oder längerer Zeit unzufrieden, manchmal nur brauchte ich, in der Illusion der Liebe gefangen, etwas länger, die eigentlich triste Wirklichkeit zu erkennen und die Konsequenz zu ziehen.

Schrieb in dieser eigentlich unzufriedenen und vor allem irgendwie unbefriedigten Zeit, viele meiner erotischsten Gedichte und Geschichten, die alle vor Sehnsucht nur so überquollen, was mich wieder zurück zum Thema bringt, dem Schlüssel der Erotik in der Literatur. Wo der Dichter glücklich und befriedigt ist, hat er weniger unbefriedigte Sehnsucht und damit weniger Antrieb, über das zu schreiben, was die erotische Spannung ausmacht.

Erotik scheint mir mehr die Sehnsucht als ihre Befriedigung zu sein. Wollte ich ein Leben lang erotische Geschichten und Gedichte erfolgreich schreiben, müsste ich mir wohl eine Partnerin suchen, mit der ich keine sexuelle Erfüllung finden kann, damit ich von der Sehnsucht danach getrieben, darüber entsprechend schreiben kann. Wer alles hat, schreibt nur noch aus der Erinnerung über die Sehnsucht der Natur nach Befriedigung, ist nicht innerlich getrieben.

Ob ich die Erotik, solange sie erfüllt ist, noch literarisch voller Sehnsucht beschreiben kann, bin ich nicht sicher - schließlich schreibe ich gerade auch ein bloß theoretisches Essay über die erotische Literatur und keine solche Lyrik oder Geschichten dieser Art, weil ich glücklich bin, alles habe, die Sehnsucht nicht aus mir nach Worten schreit, die den Moment herbeischreiben wollen, den ich lange so sehr vermisste.

Betrachte ich diese Situation, könnte ich nun bedauern, für das reale Glück die literarische Sehnsucht nach Erotik verloren zu haben. Doch genieße ich lieber die wunderbare Wirklichkeit, statt voriger Jahre der Frustration, die mich ständig dazu trieben die unbefriedigte Sehnsucht literarisch zu beschreiben.

Ob uns das nun grundsätzlich viel über das reale Liebesleben erotischer Autoren sagt, weiß ich so allgemein nicht zu sagen - was weiß ich schon, möchte ich mit Montaigne fragend noch einschieben -, zumindest kann ich für mich die Regel aufstellen, dass sich das Bedürfnis nach erotischem, also sehnsüchtigem, Schreiben umgekehrt proportional zur erlebten Befriedigung verhält.

Natürlich kann ich auch erotische Gedichte oder Geschichten schreiben, wenn ich befriedigenden Sex habe, manchmal kommen noch wunderbar inspirierende Gedanken und ich wüsste nichts schöneres zu beschreiben, als das, was ich nun erleben darf - doch scheint die Erotik von der Spannung des Bedürfnisses zu leben und da ich nur schreiben kann, wenn es mich dazu drängt, ich nicht anders kann, die Worte raus wollen, ist erotische Literatur, die von der unerfüllten Spannung lebt, gerade nicht mein Thema.

Vielleicht gelingt mir irgendwann noch der Gegenbeweis der These, dass erotisches Schreiben, damit es gut wird, nicht Ausdruck eines Mangels an realer Erotik sein muss, bisher ist mir das noch nicht gelungen und wenn es auch in Einzelfällen vielleicht aus Erfahrung oder mit genug handwerklicher Technik dennoch glückt, auch glücklich befriedigt und ohne Sehnsucht eine erotische Geschichte zu schreiben, wenn dies erforderlich sein sollte, so ändert es nichts am unwiderstehlichen Antrieb zum erotischen Schreiben aus der Sehnsucht nach endlich Erfüllung und wer die hat, sucht nicht mehr gegen alle Widerstände. Wer dennoch schreibt, tut es einfach aus Spaß, könnte es auch lassen, ließe es vermutlich besser und ehrlich gesagt, betrachte ich die meiste erotische Literatur so, freue ich mich für die Autoren, sie scheinen nicht alle schlechten oder keinen Sex zu haben und schreiben dennoch ohne Zwang und unwiderstehliches Bedürfnis und ich denke, sie ließen es besser, nicht nur weil die Produkte keinen hohen kulturellen Wert in meinen Augen haben, sondern weil sie ohne Zwang schreiben, einfach nur aus Spaß vielleicht und so ist am Ende auch das Ergebnis, entbehrliche Unterhaltung.

Die Beziehungen von Männern und Frauen sind immer wieder auch schwierig, scheitern aus den unsinnigsten Gründen, von denen nur die wenigsten ein Wort wert sind, weil die meisten so peinlich kleinlich in Wirklichkeit bleiben, dass sie nur die Teilnehmer beschämen können, dennoch genügt die daraus wachsende Sehnsucht und Verzweiflung, gelegentlich gute Literatur zu schaffen. Erotische Literatur ohne Sehnsucht und Verzweiflung in den Autoren, die um Worte ringen, bleibt nettes Geplauder zum Thema Sex ohne Mehrwert oder erotische Spannung - so stilistisch perfekt es auch geschrieben sein mag. Ein Selbsterfahrungsbericht über den eigenen Sex zu schreiben, ist so erotisch wie ein Diätkochbuch mit  medizinischer Indikation, vielleicht ein kleiner Skandal aber ohne Verzweiflung und vor allem Sehnsucht leeres Geschwätz, wie es die Regale der Bahnhofsbuchhandlungen mit mehr oder weniger sinnlichen Titelbildern füllt und besser schnell wieder vergessen wird. Auch hoher Reichtum an Details bei der Beschreibung der körperlichen Vorgänge des Vollzugs der Erotik, des Sex also, schafft selten eine erotischere Stimmung als ein medizinisches Sachbuch zum gleichen Thema.

jens tuengerthal 15.7.2017

Dienstag, 15. August 2017

Gewaltspiele

Trump benimmt sich wie ein Idiot, bestenfalls würde ihm noch zugestanden, falls ihm die Zurechnungsfähigkeit aufgrund seines Alters und seiner fortschreitenden Demenz nicht ganz abgesprochen wird, peinlich wie ein schlecht erzogener, neureicher, kleiner Junge zu reagieren und es erstaunt immer noch, wie viele mutmaßlich impotente Männer dies noch bejubeln.

So ist sich die Presse der Welt, zumindest in allen liberalen Medien einig, während seine von diesen wiederum als rechtsradikal bezeichneten Organe, jubeln, weil sich in die präsidialen Wortrülpser jeder ihrer politischen Träume integrieren lässt, auch die Radikalen sich voll eingebunden fühlen.

Das Schema scheint alt, einfach und durchschaubar und es fragt sich mancher, wie viele Amerikaner so blöd sein können, nicht zu merken, wie dieser Typ sie in eine Katastrophe hinein steuert.

Wer keine politischen Ideen hat, spielt gerne mit Gewalt, um von der eigenen Unfähigkeit abzulenken. Lange blieb es bei verbaler Gewalt, die sich am gerade geeigneten Gegner entlud. Die Geschichte zeigte immer wieder, dass alle, deren Macht nur auf Luftblasen aufbaute, Gewalt nutzten, von ihrer Hohlheit abzulenken und Menschen damit an sich zu binden.

Ist der erfolgreiche und in so vielem peinlich neureiche Trump ein solcher Gewaltherrscher, der blind mit dem Feuer spielt oder ist er schon zu verblödet, zu wissen, was er will oder tut und wird einfach wie eine Marionette von verschiedenen Gruppen in unterschiedliche Richtungen gesteuert?

Die Amerikaner finden solche Menschen wie Trump weniger peinlich als viele Europäer. Hier gilt in calvinistischer Tradition noch etwas, wer sich ein Vermögen verdient, wird dies als Gotteslohn gesehen. Der so gesehen Liebling der Götter ist bei all seinen geschmacklichen Entgleisungen, seiner stupiden Borniertheit und der mangelnden Bildung dennoch für viele dort ein Vorbild, weil er es geschafft hat, reich zu werden, im Luxus zu schwelgen. Er lebt den amerikanischen Traum, auch wenn er nicht vom Tellerwäscher zum Millionär wurde, kann er doch von sich sagen, mit offensichtlich sehr bescheidenen intellektuellen Mitteln alles erreicht zu haben.

Frage mich allerdings, ist dieser peinliche Immobilien-Tycoon, der mit Miss-Wahlen bekannt wurde und auch vom Geschmack seiner Einrichtung, soweit sie bekannt ist, eher an Zuhälter erinnert, denn an seriöse Geschäfte, wirklich so primitiv, wie ihn die ihm nicht gerade wohlgesonnenen Medien nicht müde werden zu verkünden?

Ist dieser geschäftlich so erfolgreiche Mann wirklich so dumm und billig oder hat er nur begriffen, welche Stimmung er aufgreifen musste, sich gut zu verkaufen?

Pokert er mit solch sturen Narren wie denen in Nordkorea oder Venezuela auf die richtige Art und hat das besser begriffen als der Rest der Welt?

Wenn Kulturen nebeneinander leben, sprechen wir von Parallelwelten. Diese können meist friedlich koexistieren. Manchmal aber kommt es an den Bruchstellen zu harten Konfrontationen und die schon immer sagten, es drohe der Untergang der Kultur, tauchen aus ihren Löchern auf und prügeln sich mit denen, die von einem normalen, friedlichen Nebeneinander träumen, wie 99% der Menschheit auch.

Auf Ausgrenzung und Abgrenzung setzt nur eine kleine Minderheit, die aber gern so viel Lärm macht, als sei sie ein Mehrheit, die sich dagegen nur angewidert von diesem schmuddeligen Spektakel abwendet.

In den USA meint diese kleine, gern zu laute Minderheit nun, sie stellten den Präsidenten, weil dieser sich von einem ihrer Organe beraten lässt, die jeder vernünftige Mensch Lügenpresse nennen müsste, wäre dies Wort nicht von anderen schon besetzt worden. In dieser Situation fühlen sich die vielen kleinen impotenten Männer, die sonst nichts mehr abbekommen, plötzlich groß und reißen gern das Maul auf.

Ob dies ernster zu nehmen ist, als die Gewaltorgie aus dem Schwarzen Block angesichts des G20 Treffens in Hamburg, wäre der Frage wert und der Vergleich scheint mir nicht mal so abstrus. Dort nutzten einige Krawalltouristen aus ganz Europa eine Situation, um Randale zu machen und mit dem Schanzenviertel traf es dabei genau diejenigen, die sich sonst gerne mit dem Schwarzen Block solidarisch zeigen und auf den Bullenstaat schimpfen. Das ist natürlich Pech und Dumm gelaufen aber ob es darum besser ist, linke Kräfte am Rande der Gesellschaft zu isolieren und damit zu radikalisieren oder sie konstruktiv einzubinden, bedarf der Diskussion.

Ob Trump langfristig klüger handelte, wenn er die Rechtsradikalen, die ihn wählten, dadurch verprellte, dass er radikal verurteilte, was in Charlotteville geschah, ist durch nichts beweisbar und beruht allein auf Annahmen des politischen Konsens.

Sich mit Neonazis und Rassisten wie dem Ku Klux Clan zu verbünden, sie zumindest nicht deutlich zu  verurteilen, auch wenn noch alle Ermittlungen offen sind, verstößt klar gegen den Konsens politischen Sprechens in den Vereinigten Staaten. Wer gegen den Konsens verstößt, riskiert dafür bestraft zu werden und dies alles nur, um sich die wenigen Stimmen einer radikalen Minderheit zu sichern.

Das wäre, als ob deutsche Politiker die Verbrechen der Nazis oder den Holocaust relativieren, was hierzulande noch dazu eine Straftat wäre, nur um Stimmen bei den Radikalen zu fischen. Doch welcher vernünftige Mensch riskiert um einer winzigen radikalen Minderheit wegen seine Mehrheit?

Trump wird auch bei diesem Thema geschickt zurückrudern oder es durch noch radikalere Schritte an anderen Fronten relativieren. Aber auch wenn er sich dann dem Druck der Vernunft beugt, können die Rechstradikalen sich dennoch weiter verstanden fühlen und über den moralischen Druck auf ihren Präsidenten verständnisvoll lächeln, da sie ja wüssten, insgeheim sei er doch auf ihrer Seite.

Es kommt bei solchen Fragen nie auf Fakten an oder tatsächliche Überzeugungen, sondern auf die geschickte Nutzung einer politischen Stimmung, um den großen Karren des Medientrosses, in die eine oder andere Richtung zu bewegen. Das Argument der Fake-News ist ein Witz an sich, da es zumeist von denjenigen genutzt wird, die sich besonders gern an Verschwörungstheorien halten und denen der Überblick fehlt, komplexe politische Prozesse zu verstehen und die auf der Welle der Stimmung also des Gefühls, damit des genauen Gegenteils von Fakten, reiten wollen.

Wer ein wenig Einblick in politische Prozesse und ihre größtenteils Alternativlosigkeit hat, wird immer weniger radikale Meinungen vertreten und Sprüche machen, die nur ihn selbst blamieren.

Politik ist immer die Kunst des Möglichen, wie Bismarck es schon sagte - es geht darum, was umsetzbar ist und pragmatisch realisiert werden kann. Dabei die große Drama-Queen Bismarck zu zitieren, ist nicht ohne einen gewissen Witz. Zwar hat der langjährige Reichskanzler und preußische Kanzler, alles an taktischen Finessen genutzt, was sich nur denken lässt, doch im Gegensatz etwa zu Angela Merkel, die diesen Weg konsequent und ohne Dramen verfolgt, gab es beim großen Otto eigentlich keine Entscheidung ohne Szene und wie hat er den Kaisern nicht immer wieder mit Rücktritt gedroht, um seine Meinung durchzusetzen, den für ihn richtigen Weg zu gehen.

Dagegen sehen wir bei der Pragmatikerin Merkel, die völlig ohne eigenen Ehrgeiz scheint, jedenfalls als absolut unbestechlich gilt und ihrer Natur nach auch ohne jedes männliche Imponiergehabe ist, wie sie in Europa und Deutschland dies seit Jahren auf sanfte Art realisiert. Sie neigt weder zu radikalen Entscheidungen, noch redet sie aufschneiderisch darüber. Zudem sucht sie eher stille Kompromisse als laute Entscheidungen, die sie mehr durch lange Verhandlungen als durch laute Drohungen erreicht.

Otto und Angela, die vom Wesen her völlig gegensätzlich waren, glichen sich also in der Überzeugung, dass Politik die Kunst des Machbaren sei und wie dieses auf die eine oder andere Art pragmatisch durchgesetzt werden kann.

Dagegen stehen die Stammtische und die Populisten, die feste Meinungen aus voller Überzeugung vertreten, meist mit Gefühl, ohne sich um die Realisierung zu scheren. Deren Sprüche sind auf den Pegida Spaziergängen zu hören und die Redner dort übertreffen sich in solchen Plattitüden.

Diese Menschen werden vielfach von der demokratischen Politik nicht mehr erreicht. Sie verfallen totalitären Stimmen, wie den Mediensender des Kreml in Deutschland, die auch das Monopol der Berichterstattung von den Pegida Aufmärschen bekamen und gut bezahlten, was deren Gründer die Auswanderung nach Mallorca ermöglichte, auch wenn er dort nicht erwünscht war.

Solche Menschen schwärmen von Trump, bejubeln seinen Sieg, glauben, er mache Politik in ihrem Interesse, auch wenn er primär seine privaten ökonomischen Interessen durchsetzt und halten ihrem jahrelangen Sponsor Putin für einen echten Kerl, der natürlich alles tut, die Demokratien der EU zu destabilisieren, wie es gute Geheimdiensttechnik lehrt. Widerwillig ließ sich der US-Präsident darum auf die auch von seiner Partei gewünschten Sanktionen gegen Putins Russland ein, bei denen wiederum widerstreitende ökonomische Interessen miteinander in Konkurrenz standen, die einzelne Amerikaner in der Ukraine oder gegen Russland verfolgten, um kurzfristig den eigenen Energiemarkt zu stärken.

In das Klientel der sich ähnlichen, leicht primitiven, autoritären Herrscher gehört auch der Türken-Onkel Erdogan, der wiederum den IS wenn nicht direkt unterstützt, so doch schon lange indirekt fördert.

Ob Trump in einer Liga mit Putin, Erdogan, den polnischen Kartoffelkönigen, dem peinlichen Ungarn, Lukaschenko und anderen von diesem Kaliber steht, die sich gern von hörigen Massen bejubeln lassen, ist noch offen. Großmäuligkeit und Chauvinismus ist noch nicht demokratiefeindlich.

Viele sind sich in ihrem Urteil über den in vieler Hinsicht peinlichen und geschmacklosen Ami einig, weil er alle Vorurteile der Europäer gegenüber den USA bestätigt und sich auch genauso benimmt. Ob die Welt aber nach vier Jahren Trump nicht doch wider Erwarten friedlicher sein wird als nach 8 Jahren Obama und er mit seinem Getöse am Ende mehr erreicht als der Friedensnobelpreisträger und die zu oft gescheiterte Clinton, ist eine andere Frage.

Es wählten den geschmacklosen Neureichen auch viele, die sich vor einer Herrschaft der Frauen mehr fürchteten, als ihnen ein großmäuliger Idiot bedrohlich erschien. Natürlich gab es die Angst um männliche Privilegien, die keinen Grund als Traditionen haben, wird über die Neudefinition der eigenen Rolle gestritten, auch im Silicon-Valley etwa gerade bei Google und auch wenn sich diesmal die herrschende und politisch korrekte Version noch durchsetzte - Trump steht auch für viele Männer, die sich von emanzipierten Frauen unterdrückt und an den Rand gedrängt fühlen, weil er den Damen noch wirklich zeigt, wo es langgeht - ganz dahingestellt, ob er in seinem fortgeschrittenen Alter nun wirklich noch einen hochkriegt, woran gewisse Zweifel aus Erfahrung auch im Land von Viagra nicht unbegründet sind, selbst wenn Melanja noch so gut und teuer operiert wurde.

Aber unabhängig von Trumps tatsächlicher Potenz und der seiner geträumten Welt, die ihn längst nur noch mit den Überraschungen beglückt, die er hören möchte und die ihm gut tun, stellt sich die Frage, ob dieser komische Typ im Ergebnis das Land einen und mehr Konflikte lösen wird, als er noch draufgängerisch provoziert.

Glaube nicht, dass dieser Mann so dumm ist, wie ihn Teile unserer Medien längst darstellen und so primitiv, wie es zu offensichtlich scheint. Vielmehr fürchte ich, dass ihn viele unterschätzen und völlig erschüttert bemerken werden, wie falsch sie lagen und wie leicht es dem Blender darum fallen könnte, erneut zu blenden. Sei es nur mit dem Argument, ihr habt euch alle getäuscht.

Ob er der Welt langfristig mehr schadet, wenn er die Masse der Politikverdrossenen für seine sehr eigenwillige Art der Politik begeistern kann, ist noch offen. Zumindest hat einer ohne Inhalte, der nichts erreicht hat bisher, enorm viel Wind gemacht und alle schreiben über ihn.

Kaum regt sich alle Welt auf, schmiss ihm der Merck Chef seinen Berater Posten vor die Füße, dem er noch, cholerisch wie er eben ist, böse Worte hinterher twitterte, kann sich der Präsident dann plötzlich doch in aller Deutlichkeit distanzieren und gibt genau das vorher von diesem geforderte Statement ab, in dem er sich zur Gleichheit aller Amerikaner als von Gott geschaffene Geschöpfe bekennt.

So lächerlich dieser Aberglaube ist, den ich mir tunlichst verbitten würde - ich bin von keinem Gott geschaffen, sondern Produkt der Zeugung meiner Eltern - so sehr steht er doch auf dem Boden dieses bigotten Landes und seiner Verfassung zumindest.

Es wird dies von den radikalen Rechten natürlich als eine Konzession an die herrschende political correctness gesehen und da er sich erst doppeldeutig äußerte, werden sie sich davon nicht gemeint fühlen, sondern weiter annehmen der Präsident, was er unter dem typisch amerikanischen moralischen Druck nun auch immer sagte, stehe insgeheim doch auf ihrer Seite.

Die nachgereichte Moral ist also wenig wert und es scheint vielmehr, als habe er auch genau das beabsichtigt und zuerst seine Wähler aus der rechtsradikalen Ecke gepflegt, um dann auf den nationalen Konsens einzuschwenken, wie es die Mehrheit vom Präsident erwartet.

Die Frage bleibt am Ende, ob diese Haltung eine Gefahr für die Demokratie darstellt oder nur Nichtwähler besser einbindet und ihnen die Illusion der Identifikation für ihre Ideen gibt, auch wenn es Trump wie immer nur um die Vorteile der Reichen geht, die er fördert und schont.

Moderne Rechtsstaaten sind zu vielschichtig, als dass einer, auch wenn er so außergewöhnlich viel Macht hat wie der US-Präsident hat, das ganze System einfach aushebeln könnte. Es hängen daran zu viele Menschen mit ihren je Einzelinteressen, so dass keiner den Staat ganz auf sich zuschneiden kann. Der Vorteil des parteilichen Pluralismus ist eben auch, dass er die Vielfalt erhält. Der Erfolg der amerikanischen Ökonomie hängt an dieser Vielfalt und es wird sich bis zur nächsten Wahl zeigen, dass Trump und sein Team nahezu nichts von den großen Versprechen umsetzen konnte, wenn er nicht anfängt, vernünftige Kompromisse zu suchen. Dieser neureiche Unternehmer ist zu ehrgeizig, als dass er einen peinlichen Abgang als Versager riskieren würde.

Halte nicht viel von dem, was Trump bisher leistete, finde ihn persönlich nur peinlich und hoffe die Welt hat ihn bald hinter sich - ein unkultivierter Neureicher, der kein Benehmen gegenüber Damen zeigt und auch sonst alles zeigt, was ich an den USA immer unangenehm fand - aber das ist nur meine völlig private Meinung und in jeder Hinsicht irrelevant, was mein politisches Urteil über Trump betrifft, spielt dies keinerlei Rolle, denn ich halte es sehr wohl für möglich, dass er sich nicht so dumm anstellt, wie es gerade scheint und aus seiner Rolle als Antipode des Systems doch erstaunliches bewegt und sieht.

Hunde die bellen, beißen nicht, habe ich früh gelernt, stimmte immer, zumindest solange sie bellen, können sie nicht zubeißen. Menschen die sich gerne aufblasen, lassen meist auch nur viel Luft ab, die keinen beunruhigen muss. Dieser Mann ist zu ehrgeizig, nur peinlich in Erinnerung zu bleiben, darum wird er irgendwann anfangen, an seinem Bild für die Nachwelt zu arbeiten und dem kann die Welt wohl relativ gelassen entgegen sehen.

jens tuengerthal 14.8.2017

Samstag, 12. August 2017

Liebessex

Wie sich Sex und Liebe zueinander verhalten, ist eine der spannendsten Fragen, die uns viel über den Charakter der Beteiligten und ihr Talent zur Lust lehren.

Vorab erstmal zu dem weniger spannenden Thema, ob es auch ohne geht, es also Sex ohne Liebe oder Liebe ohne Sex gibt. Sex ohne Liebe gibt es und ist ein großes Geschäft immer noch. Gäbe es keine sexuelle Befriedigung ohne Liebe, hätte es nie Prostitution gegeben. Diese gab es seit Menschengedenken immer und wird es trotz aller verwirrten Verbote irgendwie immer geben. Wenn die ehrliche Hurerei, wie gerade von Skandinavien ausgehend, überall verboten würde, überlebte die Prostitution dennoch in der Ehe als anerkannter Form des käuflichen Sex, bei dem nur die Modi des Geschäftsabschlusses etwas versteckt werden. Gerade Kulturen, die hohen Wert auf ihre häufig religiöse Moralität legen, betreiben die Ehe in der Form des legitimen Beischlafs als Geschäft zur gegenseitigen Versorgung.

Um so verpönter es ist, die Dinge beim Namen zu nennen, die Ehe also als Hurerei mit Siegel zu bezeichnen, desto mehr ist sie es für gewöhnlich faktisch. Einziger Unterschied zur gewöhnlichen Hurerei ist in vielen Fällen nur, dass es zwischen Ehepartnern kein ehrliches Geschäft ist und dass Liebe dabei vorzutäuschen, ein wichtiger Bestandteil bleibt, womit die ehrliche gute Sache, der Vertrag über gemeinsamen Sex zur wechselseitigen Befriedigung, in den Hintergrund gerät und als wertlos betrachtet, dies infolge meist auch wird, was beide Seiten unbefriedigt hinterlässt.

Dies muss aber nichts an der Liebe ändern, auch wenn diese sich für viele nur noch in der Missgunst ausdrückt, mit der sie auf ihre ehelichen Rechte in der Form der Ausschließlichkeit bestehen, ohne diese wahrzunehmen oder dem anderen schenken zu wollen. Die Frage, ob dies auf Dauer glücklich macht oder befriedigt scheint begründet.

Ein Teil der mehrheitlich Frauen hat sich damit abgefunden, dass von der großen Liebe nur geträumt wird und dafür gelebt wird, was halt geht. Vielfach sind es diese, die dann betonen, es käme ihnen mehr auf Zärtlichkeit und Nähe als auf Befriedigung beim Sex an. So unbefriedigend ist und bleibt der Sex mit ihnen auch. Manche stört das nicht, wie es auch viele Männer gibt, die gerne ins Bordell gehen, um sich gegen Geld in den Frauen dort zu befriedigen, ohne emotionalen Stress oder ähnliches. Die dort Huren geben beim Sex vor, Spaß zu haben, was aber eigentlich gegen die Hurenehre geht, da es ja nur ums Geschäft geht dabei.

Dieser Sex ohne Liebe kann besser sein als der Sex ohne Beteiligung aber mit Liebe, zumindest körperlich für eine Seite weniger frustrierend und die andere wird dafür bezahlt, dass der zahlende Gast ein gutes Gefühl behält. Ein ehrliches Geschäft, was nur moralisch anrüchig ist und dennoch millionenfach praktiziert wird, so gibt es mittlerweile Bordelle mit einer Flatrate für langjährig frustrierte Männer, auch wenn ich bezweifle, dass diese darum mehrfach können und sich eine solche Flat wirklich auszahlt, die Gegenstand großer Aufregung von feministischer Seite ist. Es kostet einfach mehr und führt Mann sogleich die Beschränktheit seiner Fähigkeiten vor aber gerüchteweise soll es für manche ein ähnlich großartiges Gefühl vermitteln, wie ein All-you-can-eat-Buffet, an dem sie auch nicht mehr verzehren können als sonst oder sich nur bis zur Übelkeit überfressen.

Beim bezahlten Sex geht es nur um die Befriedigung des Kunden, um die sich die dafür bezahlten Damen oder Herren entsprechend bemühen. Hier fällt die emotionale Komponente völlig weg, was viele, gerade Herren erleichternd finden, auch wenn es einige auch verheiratete Männer gibt, die bei Huren mehr Zärtlichkeit und emotionales Verständnis bezahlen als wilden Sex und die solche Termine nur zum Reden oder Kuscheln verabreden. So verschwimmen manche Grenzen und es wird die Hurerei in alle Ewigkeit geben, ob sie nun Ehe oder Bordell genannt wird.

Neben dem bezahlten Sex ohne Liebe, der klassischen Hurerei, gibt es auch die freie Verabredung zweier Bedürftiger zu ausschließlich sexuellen Zwecken, wozu es speziell sexuelle Plattformen oder entsprechende Clubs gibt und für weniger freie Menschen gibt es dann noch die Dating Plattformen wie Finya oder Tinder, die ähnlichen Zwecken dienen, es nur anders nennen, zumindest weniger offensichtlich sind.

Neben der virtuellen Verabredung zum Sex gibt es auch noch die Möglichkeit in Bars oder Clubs Menschen mit diesem ausschließlichen Interesse zu treffen, allerdings ist dabei, wie immer im realen Leben, die Gefahr, dass sich einer der Beteiligten doch verliebt, ob er das nun wollte oder nicht, deutlich größer. Auszuschließen ist das auch nicht bei der virtuellen Verabredung aber zumindest kann dem vorab verbal vorgebeugt werden, was manchmal helfen soll.

Rede da eher theoretisch, da ich mich immer lieber verliebte, wenn ich Sex hatte oder zumindest mit dieser Absicht an die Sache heran ging, da ich finde, alles andere ist eher eine Form von rhythmischer Gymnastik am Ende, die zwar befriedigen kann aber nur sportlich bleibt, weil ihr das romantische Element fehlt. Dafür muss, wer um der Liebe willen Sex hat, viele Kompromisse eingehen und bemerkt oft erst hinterher, wie wenig lohnend das ganze eigentlich war, weil ja verliebt nicht über Vorlieben, Stellungen und ähnliches gleich geredet wird. Dafür ist die gegenseitige verliebte Hingabe so viel schöner, dass alle anderen Versuche sexueller Befriedigung damit verglichen überflüssig erscheinen.

Die Verliebtheit führt dabei sogar zu einer teilweisen Erblindung, die manches nicht erkennen lässt, was zu einer gedeihlichen Sexualität erforderlich wäre. So habe ich mich dreimal verlobt, ohne eine schöne gemeinsam befriedigende Sexualität zu haben, war dabei eigentlich, weil ich es ja anders kannte, ständig frustriert und habe den Betreffenden dennoch lebenslängliche Paarung versprochen, weil die Liebe oder das Bedürfnis nach Bindung größer war als das natürliche Bedürfnis nach gutem Sex.

Zum Glück ist der Mensch ja lernfähig, könnte ich nun sagen, da sich inzwischen alles zusammenfand, was ich mir nur an Glück in dieser Hinsicht wünschen könnte - doch könnte ich dieses Glück genauso dem Zufall zuschreiben, da ich mich genauso gebunden hätte, wenn der Sex nicht so perfekt gewesen wäre, weil die Größe der Liebe doch alles überragen soll und wichtiger sein muss als ein kleinliches Timing beim Sex. Weiß ja inzwischen eher wie viele Menschen dieses Glück nie im Leben haben und den Sex eher als einen nunmal dazu gehörenden und artistisch zu erledigenden körperlichen Akt ohne echte Leidenschaft betrachten und habe an diesen Fällen ja schon oft genug gelitten, solchen Frauen dreimal die Ehe versprochen, auch wenn ich es hätte besser wissen sollen.

Die Liebe kann also unabhängig vom Sex sein und stärker als dieser, auch in eigentlich sexuellen Beziehungen und das wird meist für moralisch gut und richtig gehalten. Im Gegenteil wäre es auch aus meiner Sicht höchst verwerflich gewesen, eine Beziehung zu beenden, nur weil ich mit den Frauen nicht zusammen kommen konnte oder der Sex nicht so toll war, denn natürlich kommt es für die lebenslängliche Partnerschaft von Mann und Frau wie für die große Liebe ohnehin auf ganz andere Sachen als nur Sex an.

Doch schon dies Wörtchen “nur” ist höchst verdächtig, denn guter Sex, der beide zufrieden stellt und glücklich macht, ist nicht nur das beste Mittel, auch Konflikte zu klären, sondern hilft uns auch, einander wirklich nahe zu kommen und wo es in dieser Hinsicht eben nicht harmoniert, wird auch der Rest immer nur ein irgendwie Kompromiss sein, auf den sich nur einlassen sollte, wer ansonsten alternativlos den Rest seines Lebens alleine wäre.

Eine Ehe kann auch ohne funktionierenden gemeinsamen Sex, der beide möglichst zeitgleich befriedigt, glücklich sein. Kinder, Familie und manches mehr kann Brücken über Mängel schlagen, die uns eigentlich unzufrieden machen. Dies alles kann gehen und muss in vielen Fällen gehen, weil die Dinge eben sind, wie sie sind. Doch kulturgeschichtlich betrachtet, ist die unbefriedigte Sexualität vermutlich wichtiger für das gedeihliche Zusammenleben der Menschen als alle Religionen und sonstigen vorgeschobenen Ersatzgründe.

Wer guten Sex hat und gemeinsam Befriedigung findet, hat die Chance dauerhaft schon allein dadurch, der Natur folgend glücklich zu sein. Wer nicht, wird dies durch anderes kompensieren wollen oder, falls eine Seite dies Glück schon kennt, immer irgendwie unbefriedigt sein, was keinen auf Dauer glücklich macht. Alle, die dies nicht kennen, sollten sich nun bloß keine Sorgen machen und einfach weiterleben wie bisher, wenn es ihren Partnern genauso geht, können sie auch so halb befriedigt vollkommen glücklich vermutlich durchs Leben wandeln. Falls es nicht so ist, wird die Natur sich eigene Wege irgendwann suchen.

Kann es in einer solchen, für eine Seite unbefriedigenden Beziehung je Treue geben, außer erzwungen und was tun sich die Partner damit an?

Während Liebende, die glücklichen Sex mit gemeinsamer Befriedigung leidenschaftlich teilen, nicht über das Wort Treue nachdenken müssen, weil sie ja miteinander alles haben, wird es bei den Liebenden ohne glücklichen Sex schwieriger.

Habe das unterschiedlich und je nach Gelegenheit verschieden gehandhabt. Der langweiligsten meiner drei Verlobten, bevor sich Sex und Liebe so glücklich bei mir fanden, war ich am treuesten, was auch daran lag, dass wir in dieser Zeit nahezu jede Nacht miteinander verbrachten und ich hervorragend neben ihr schlief, was zumindest ein irgendwie auch zufrieden machender Ausgleich für den Mangel an echter Befriedigung war. Bei den anderen war es unterschiedlich aber es gibt Dinge über die sogar der schreibende Gentleman besser schweigt, sogar wenn eine Dekade vergangen sein sollte inzwischen.

Sex und Liebe verbunden ist das Beste, was es geben kann. Es ist, wenn du es einmal glücklich erfahren durftest, alternativlos und macht die vielen Versuche der Menschen um dich eher lächerlich und entbehrlich. Wenn alles passt, ist alles gut und es stellen sich keine Fragen mehr. Dann wird Sex ohne Liebe zum nur noch langweiligen Sport, der noch dazu mit einem stets schlechten Gewissen vor sich selbst verbunden wäre, weil ich meinem Gefühl untreu wäre. Warum sollte ich mir so etwas, logisch bedacht, noch antun?

Mir fällt kein Grund ein. So bin ich meiner Liebsten und vierten Verlobten vollkommen treu, nicht weil ich Treue aus Prinzip richtig fände, bin da eher liberal und sehe solche Fragen locker, sondern, weil ich nichts besseres mehr erwarte, nichts an das Vorhandene heranreichte und wenn doch, ich dadurch den mir wertvolleren Charakter der Liebe beeinträchtigte, was nichts wiederum wert wäre. So kann ich sagen, ich habe alles gesehen, alles erreicht und lehne mich glücklich, mit dem was ist, nun zurück und es ist gut so.

Natürlich ist noch Sex ohne Liebe für mich vorstellbar, kann ich reizvolle Frauen schön finden, aber in Summa und gemessen an dem, was für mich zählt, kann ich sagen, nichts wäre es wert, den Status quo, der, wie ich inzwischen weiß, keinesfalls selbstverständlich ist, aufzugeben und genieße lieber, was ist, statt mich noch jemals zu fragen, was sein könnte oder anders aufregender oder besser wäre.

So wie ich nicht das Bedürfnis habe, noch die Welt zu sehen oder irgendwo unbedingt hinzufahren, muss ich auch nicht mehr andere Schöße schmecken oder fühlen, Brüste begreifen. sondern lehne mich zufrieden zurück und denke, besser wird es nie, was natürlich ein bloß vom Gefühl getragenes Urteil ist, aber auf was sonst sollte ich mich in der Liebe noch verlassen.

Bleibe also auch am Ende dabei - Sex ohne Liebe geht, ist aber eher sportlich, liegt mir also ohnehin weniger und wenn du alles hast, wirst du im Leben immer glücklicher sein, wenn du dich damit zufrieden gibst, statt dich nach anderem zu sehen und was außer glücklich sollte ich im Leben sein wollen?

jens tuengerthal 12.8.2017

Freitag, 11. August 2017

Quotenquark

Wenn die Sozialdemokratie ein Problem lösen will, plädiert sie für eine Quote, um damit einen formalen Rahmen zu schaffen, der das Nachdenken ersetzen kann. Bin mir nicht sicher, ob dies am proletarischen Ursprung der ehemaligen Arbeiterpartei liegt und dem daraus resultierenden Mangel an kritischen Geistern.

Weiß aus Erfahrung, wie schwer es ist in der SPD eine Entscheidung zu fällen, wer alles berücksichtigt werden muss, welche Kompromisse zwischen den internen Flügeln vorab nötig sind und das jeder für seine Stimme zusätzlich bedacht werden möchte in seiner speziellen Klientelgruppe.

Die Frauenquote in den Führungsetagen der deutschen Wirtschaft schien nötig, um gegen die Vetternwirtschaft der Knaben dort anzukommen, wie von ihrer inzwischen Verteidigungsministerin geführt, sogar die Kanzlerin irgendwann ein wenig widerwillig anerkannte. Ob sie darum gut war und den Betreffenden half, ist eine andere Frage, auch wenn es die Sozen gern aller Welt so verkünden, als hätten sie und nicht Frau von der Leyen solche Instrumente diskutabel gemacht.

Egal wie gut eine Frau ihren Job auch macht, wird sie immer an der Quote gemessen werden, die ihr den Zugang zu diesem Job erleichterte. Dies wird weder der Frau noch der Sache gerecht, schafft nur für lange Zeit gute Ausreden für alle im Bewerbungsverfahren unterlegenen Männer, die in Arien des Selbstmitleids verfallen können und sät damit immer indirekt Zweifel an der tatsächlichen Qualifikation einer Frau.

So hat die sich gern feministisch gebende SPD der Sache der Frauen mal wieder einen Bärendienst erwiesen und eher laut gebrüllt, um als Tiger zu starten und als Bettvorleger zu landen, der keinem nutzt. Wie diese Partei zwar eine starke Frauengruppe hat, die sich gerne am Frauentag bei der Verteilung von Rosen hervortut, ansonsten aber eher den je Vorsitzenden Eierwärmer strickt.

Gemessen an ihren Forderungen an die Wirtschaft schneidet diese Partei altproletarischer Chauvis und Aufsteiger meist schlechter ab als jede andere. Es gibt in der SPD keine starken Frauen außer in Alibi-Funktion und daran wird sich so schnell nichts ändern. Mehr für Frauen bewegte und veränderte längst die konservative CDU, auch durch ihre Vorsitzende Merkel, die eben als Frau erfolgreich ist, ohne dies betonen zu müssen, wie es ihrer Sozialisation in der DDR typischerweise entspricht.

Sie brauchte keine Quote, nahm sie aber hin und setzte sie durch, als sie notwendig und alternativlos wurde, während die SPD es auch in ihrer Zeit an der Macht in Koalition mit den Grünen nie schaffte. Alternativlos ist auch so ein Merkel-Wort über das nun seitenlang geschrieben werden könnte bezüglich der Notwendigkeit der Dinge im Lichte ihrer relativen Gültigkeit. Gab es je etwas alternativloses, was verrät die Annahme davon über den Horizont dessen, der solches annimmt?

Quote ist etwas typisch sozialdemokratisches - alle Ortsvereine oder Abteilungen, wie diese kleinsten Gliederungen in Berlin heißen, verfügen über solche in allen ihren Gremien und Männer sind stets zur Zurückhaltung aufgefordert, weil Frauen erst die Quote erreichen müssen, die formal gefordert ist, unabhängig von Qualifikation, Bereitschaft oder Mehrheitsmeinung. Dieses formale Erfordernis hat so in die scheinbar demokratische Partei ein neues Kriterium eingebracht, an dem alle leiden, die aktiv gestalten wollen, weil Formalien sie ausbremsen, die eher einem wohl geordneten Beamtenhirn entsprungen zu  sein scheinen, als den Erfordernissen der Praxis zu entsprechen.

Wie die SPD vor Ort überhaupt noch zum regieren kommt, angesichts des hohen Aufwandes der inneren Organisation, ist mir bis heute rätselhaft und fordert eine hohe Leidensfähigkeit, derjenigen in Amt und Würden und viel Phantasie, um trotz der starren Formen und Quoten überhaupt noch etwas gestalten zu können. Habe in der Zeit in meiner SPD Abteilung hier in Prenzlauer Berg wenig real gestaltet und mich irgendwann genervt abgewandt, weil es nahezu nur um die Einhaltung von Formalien und Quoten ging, die jedes Engagement von vornherein ausbremste, abgesehen davon, dass ich in dieser Arbeiterpartei als zutiefst bürgerlicher Mensch ohnehin nie ein wirkliches Zuhause fand, der Sozialismus immer eine Horrorvorstellung und kein Ideal war.

Es geht aufgrund der gesetzlichen Formalien bei nahezu allen Parteien so zu und sie beschäftigen sich zeitlich gemessen zu 95% mit Formalien und von den noch für Inhalte verbleibenden 5% wird die Hälfte der Zeit darüber gestritten, welche Meinung wie zu gewichten ist und nebenbei ist jeder Flügel der Partei, deren es in der Berliner SPD allein einige gibt, stets dabei, die anderen auszuspielen.

Dies als kleine Vorgeschichte zu dem neuen höchst innovativen Plan der aufstrebenden Partei um den sexy Buchhändler Schulz eine Quote für Elektroautos einzuführen. So sieht die SPD Innovation. Verschlafenen deutschen Autobauern soll eine Quote vorgelegt werden, als lebten wir in einer Planwirtschaft, welches Soll an Elektroautos sie bis zu welchem Tag erfüllen sollen.

Während der trocken gelegte Kandidat diesen für seine Verhältnisse ungeheuer innovativen Vorschlag in Umlauf bringen lässt, steigt der Kurs von Tesla, die Elektromobilität faktisch am Markt realisieren, auch wenn sie bisher hauptsächlich Schulden machen, übersteigt ihr Marktwert längst die Aussichten der einst deutschen Autogiganten, die nun durch eine Quote vom höchst innovativen Kandidaten in die Spur gebracht werden sollen. Tesla hat es nicht nötig, zur IAA zu kommen, diesem Jahrmarkt der Autoindustrie, den ich als in Frankfurt lebender Knabe noch zu Grundschulzeiten liebte, weil ich die Karren aus unseren Quartett Spielen endlich live sehen konnte - sie haben die Zeichen der Zeit erkannt und machen die Menschen durch innovative Technik neugierig, statt durch lächerliche lebensverlängernde Quoten für tote Dieselmotoren.

Quoten sind Ideen aus der Planwirtschaft und real untauglich, auf einen schnellen Markt zu reagieren, der sich nach den Bedürfnissen seiner Verbraucher richtet, die er noch ein wenig durch geschicktes Marketing mitsteuern hilft. Sie sind Totgeburten von Anfang an und verursachen mehr Probleme, als sie lösen können - manchmal müssen sie hingenommen und höflich belächelt werden, wie im Fall der Frauenquote, um Innovation und Veränderung anzuschieben, auch wenn sie zunächst mehr schadet als nutzt, auch und gerade denen, deren Weg sie unterstützen soll. Doch zur Platzierung eines neuen Produktes am Markt sind sie untauglich und zeugen nur von völliger ökonomischer Inkompetenz.

Wer die Führungsstärke der deutschen Industrie in Europa erhalten will, muss den Umbau auf elektrische Technologien und Internet beschleunigen, statt den falschen Weg durch Subvention unentschlossen zu erhalten - sonst werden deutsche PKW bald das Schicksal der deutschen Steinkohle teilen.

Wo ist in diesen Zeiten ein Schröder, der das Land im Rahmen der ersten Krise durch eine innovative Abwrackprämie vor größeren Verlusten rettete?

Stattdessen kommt ein aus Brüssel abgeschobener politischer Beamter auf die rasend innovative Idee doch den Markt durch eine Quote anzuregen, wie sie in anderen Bereichen schon so erfolgreich war - die Quote ist und bleibt Quark - sie kann eine Notlösung in bestimmten Fällen sein aber die Idee, sie taugte dazu die Position der deutschen Automobilindustrie, die gerade den Anschluß an die Zukunft verliert, auf dem Markt zu verbessern, ist so sozialdemokratisch, dass mir einfach nichts mehr dazu einfällt, als ein stummes Kopfschütteln - beruhigen können mich nur die geringen Aussichten dieser Partei der Versager und Schwätzer, die ich zum Glück wieder verließ, auch wenn es vor Ort sehr sympathische Menschen immer wieder gab.

Welcher irgendwie kritisch denkende und an der Zukunft interessierte Mensch so etwas noch unterstützen kann, ist mir ein Rätsel aber vermutlich ist dies auch häufig durch ähnlich absurde Traditionen begründet wie jene, die Nepalesen dazu brachte, ihre Frauen in der Regel zu verbannen -  die Quote scheint eine sozialdemokratische Religion geworden zu sein, die jenseits ihres ständigen faktischen Schadens beibehalten wird, weil sie Tradition wurde und nur so lässt sich auch dieser neue Vorschlag aus dem Lager von Mr. 100% verstehen - eine Quote geht immer …

jens tuengerthal 11.8.2017

Regelrecht

Es ist manchmal sehr spannend, von entlegenen Orten der Welt zu lesen oder zu hören und zu erfahren, was dort als üblich gilt. Im Vergleich mit unserem Alltag kommt uns vieles zunächst völlig absurd vor und gleichzeitig können wir unsere Gewohnheiten am anderen hinterfragen.

Wie normal ist unsere Normalität und wie fremd ist das Fremde, wer befindet sich näher an der menschlichen Natur, was bleibt für uns unmenschlich und warum?

 Noch spannender wird das Thema, wenn es um den Bereich Sexualität und den Umgang mit dem Geschlecht geht. Auch wenn wir Menschen uns alle auf die gleiche Art fortpflanzen, haben wir dabei überall andere Gewohnheiten und was am einen Ort als alltäglich und normal gilt, wird an einem anderen sogar mit dem Tod bestraft - manchmal begegnen uns solch völlig unterschiedliche Vorstellungen von dem was richtig  und erlaubt ist sogar in einem Staat. So war in einzelnen Bundesstaaten der USA der Analverkehr oder oraler Sex unter Strafe gestellt, während andere schon die Hochzeit von Homosexuellen erlaubten.

Nun hat Nepal ein Gesetz erlassen, dass es unter Strafe stellt Frauen während der Menstruation aus der Dorfgemeinschaft zu verbannen oder sie während dieser Zeit zu zwingen, tagelang in Kuhställen oder primitiven Hütten zu hausen. Diese Praxis wird Chaupadi genannt und gehört zu den vielen Regeln, die es auf der Welt gibt, die Frauen diskriminieren. Danach gelten die Frauen während ihrer Regel als unrein und sie dürfen weder Essen zubereiten, noch zur Schule gehen oder sonst am sozialen Leben teilnehmen.

Die Frauen, die dann gezwungen sind, etwa in primitiven Laubhütten zu leben, sind dadurch verschiedensten Gefahren ausgesetzt von der Unterkühlung und sonstigen witterungsbedingten Gefahren bis hin zu Schlangenbissen und es kam schon häufiger zu Todesfällen, über die dann in empörten westlichen Medien teils ausführlich berichtet wurde.

Eigentlich kein Freund solcher Empörung über eben kulturelle Riten und der Einmischung in traditionelles Leben, kann ich es diesmal nur begrüßen, dass die nepalesische Regierung sich entschlossen hat, den aus dem hinduistischen Aberglauben, der dort verbreiteten Religion, stammenden Brauch unter Strafe zu stellen. Gleichzeitig hat sie auch andere Frauen diskriminierende Praktiken wie Säureangriffe und Sklaverei unter Strafe gestellt.

Damit wendet sich die Regierung gegen uralte Traditionen, die so unmenschlich sind wie das Kastenwesen des Hinduismus und andere Teile dieses Aberglaubens es immer waren. Sie wurde dazu auch durch die Aufmerksamkeit der westlichen Medien insbesondere nach dem schweren Erdbeben und der mit ihm in Verbindung angelaufenen Hilfsaktionen gebracht.

Es wäre zu hoffen, dass sich solche Aufmerksamkeit auch auf einen so unmenschlichen Brauch wie die Klitorektomie richtete, die zwar medial groß immer wieder hier angeklagt wurde aber in den Regionen immer noch üblich ist und mit der großen Zahl von Flüchtlingen, die hier Schutz suchten, teilweise, trotz geltender Verbote, hier wieder praktiziert wird.

Beide Praktiken sind unmenschlich und zeugen von einem Frauenbild, was wir nicht tolerieren können und wollen. Doch stecken hinter diesen Riten selten nur Männer und mehr traditionell denkende Mütter, die sich ihrem Aberglauben verbunden fühlen und ihre Kinder so erziehen wollen, wie auch sie aufwuchsen. Sie haben nicht das Empfinden, etwas grausames zu tun, sondern halten ihr Verhalten für völlig legitim und normal, meinen im Gegenteil, ihre Töchter vor Unreinheit und Schande zu bewahren, auch wenn sie diese mit dem Festhalten am Aberglauben erst dieser aussetzen.

Steht es mir als Mann und als in einer westlich emanzipierten Kultur aufgewachsenes Wesen überhaupt zu über solche Bräuche zu urteilen, die mir nach dem Gefühl unmenschlich, grausam und primitiv erscheinen, die ich gern weltweit geächtet sähe?

Wenn ich annehme, dass alle Menschen gleich geboren werden und jedem unveräußerliche Rechte wie körperliche Unversehrtheit, Würde und Freiheit zustehen, muss ich mich darüber aufregen und gegen solch unmenschliche Riten kämpfen.

Zum Glück kommt dies Gesetz nun von einer nepalesischen Regierung und ich muss mir keine Gedanken darüber machen, ob hier westliche Einmischung traditionelle Lebensformen stören, die eben soziokulturell bedingt entstanden sind. Sie haben es selbst bemerkt und geändert und ich freue mich, wenn damit nun zumindest in Nepal weniger Frauen und Mädchen diskriminiert werden sollten, nur weil sie einem alten Aberglauben folgen, der sich Religion nennen darf.

Doch wo ziehe ich da klare Grenzen, was darf ich erlauben und wo ist bereits ein Eingriff vorhanden, der dringend verboten und verfolgt werden muss. Bei der Klitorektomie sind sich die westlichen Kulturen da zum Glück inzwischen sehr einig, verurteilen und bestrafen es in ihrem Gebiet, wenn sie der Täter und Täterinnen habhaft werden.

Müsste ein gleiches auch etwa für die Beschneidung von Jungen gelten, wie sie in islamischer und jüdischer Tradition nach dem uralten Aberglauben üblich ist?

Dabei setzten sich Menschenrechtler, die sonst für eine volle Emanzipation von Homosexuellen oder sonstigen Minderheiten streiten, plötzlich für die Religionsfreiheit ein, auch wenn die Begründung dabei nicht vernünftiger ist, als sie es bei der Verbannung der Frauen in Unreinheit ist.

Fände es auch politisch schwierig, wenn gerade in Deutschland nun Juden nicht mehr ihrer Tradition gemäß leben dürften, weil ein solcher irreversibler Eingriff in die körperliche Unversehrtheit der Knaben verboten werden müsste wie die Klitorektomie, zumal dieser Eingriff meist keine gravierenden körperlichen Folgen hat. Doch rechtlich betrachtet dürfte ich den einen Eingriff in Freiheit und körperliche Unversehrtheit an Minderjährigen nicht anders beurteilen als die Verbannung der menstruierenden Frauen nach hinduistischem Aberglauben.

Beide beruhen auf Vorschriften des jeweiligen Aberglauben, die mit den Freiheitsrechten einer modernen Demokratie unvereinbar sind. Würde ich also gefragt und müsste in diesem Fall entscheiden, was erlaubt und was verboten werden muss, wäre ich auch aufgrund unserer Geschichte in einem moralischen Dilemma.

Würde nach meiner Überzeugung sogar noch weitergehen und etwa die Taufe von Kindern, die sie, ohne dass sie mündig wären, darüber zu entscheiden, in eine Religionsgemeinschaft aufnimmt und ihnen damit die Freiheit nimmt, darüber selbst nach freiem Gewissen zu entscheiden. Sie wachsen dann bereits in der christlichen Tradition auch in den Schulen auf, in denen wir immer noch die jeweiligen Sekten ihren sektiererischen Unterricht nach den Vorschriften des jeweiligen Aberglauben geben lassen.

Dieser Unterricht schadet meist nicht, die wirkliche Aufnahme in die Gemeinschaft erfolgt erst mit Konfirmation oder Firmung, die Kinder erfahren in diesen Stunden oft auch manches über andere Kulturen und Glaubensformen und sie sind eben eine lange Tradition unserer Gemeinschaft, die niemandem derzeit wirklich schadet.

Betrachte ich etwa meine Schwester, die eine sehr tolerante und aufgeklärte Lehrerin für evangelische Religion ist, wäre ich völlig unbesorgt, meine Kinder bei ihr in den Unterricht zu geben, wenn ich sie je taufen ließe, was mir aber schon falsch erschiene, da Menschen sich nach meiner Überzeugung frei und mündig für einen Glauben entscheiden sollten und also erwachsen, nicht als pubertierende Teenies, die sich vor allem auf die Geschenke zum entsprechenden Fest freuen. Dennoch denke ich, dass es meiner Tochter nicht schadete, von ihr manches über die Religionen zu lernen, wäre dabei völlig unbesorgt, weil ich bei ihr nie einen missionarischen Eifer beobachtete, sondern eher einen kritisch aufgeklärten Geist wie er bei vielen gerade evangelischen Theologen oder Religionslehrern sehr verbreitet ist nach meiner geringen Erfahrung.

Der Religionsunterricht ist Tradition in unserem Land wie die Initiationsfeste von Taufe, Erstkommunion, Konfirmation und Firmung. Sie bilden einen wichtigen Teil unserer gewachsenen Kultur und ich frage mich, wenn ich über sie urteile, schon ob das von der Vernunft gebotene Plädoyer gegen Taufe und religiöse Riten im Alltag und mit Minderjährigen nicht auch einen wichtigen Teil unserer Kultur verloren gehen ließe und wie wir diesen dann ersetzen könnten.

Auch den Nepalesen geht ein Teil ihrer Kultur verloren, wenn sich die Frauen während der Regel nicht mehr zurückziehen. Abgesehen von der unmenschlichen Diskriminierung und ihrer absurden Begründung könnte der einmal monatliche Rückzug aus der Gemeinschaft auch etwas positives haben, wenn er nicht als schmutzige Unreinheit erzwungen sondern als ein erhebender Rückzug betrachtet würde.

Sollten wir uns nicht alle einmal im Monat zurückziehen, um zu uns zu kommen, Zeit  für uns allein und zum Nachdenken zu haben?

Aus meiner philosophischen Überzeugung, die von der radikalen Aufklärung geprägt ist und irgendwo zwischen Kant und Stirner sich zuhause fühlt, bin ich strikt gegen die Kindstaufe und die religiöse Erziehung von Minderjährigen, damit der vernünftig erzogene und aufgewachsene Mensch, der sich selbst von der Sklaverei der Vorurteile befreite, indem er Aufklärung im Sinne Kants betrieb, die Befreiung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit vernünftig betrieb und also aus eigener Kraft ohne den Aberglauben an höhere Mächte zu urteilen lernte.

Auch wenn Kant manches schrieb, was religiöse Menschen zu ihren Gunsten auslegen können, weil er eben auch ein preußischer Hochschullehrer im Zeitalter des Absolutismus war, ist seine Antwort auf die Frage, was Aufklärung sei, dies SAPERE AUDE,  habe Mut, der Kern seines Denkens, an das sich auch der kategorische Imperativ nahtlos anschließt, der uns lehrt jedes Gesetz an unserem Gewissen zu messen, über dem es nichts gibt.

Handeln wir den Ideen des großen Königsbergers entsprechend, sind wir frei und was sonst kann die Demokratie, die sich Freiheit und Menschenrechte auf ihre Fahnen schrieb, wünschen?

Nichts sonst, scheint mir und es lässt sich mit diesem Maßstab jede ethische Frage, die der Normierung vorausgehen sollte, vernünftig beantworten.

Die nepalesische Gesetzgebung gegen die eigene kulturelle Tradition scheint mir danach vernünftig und gut. Die vorherige Diskriminierung von Frauen aus Gründen des Aberglauben fand ich absurd und keinesfalls tolerabel, freue mich, dass es den Frauen dort nun zumindest dem Gesetz nach besser geht. Wobei erst die Zeit zeigen wird, inwieweit sich dies Gesetz auch durchsetzt und von den lokalen Behörden durchgesetzt wird, wie lange es dauert, bis der Aberglaube der aufgeklärten Vernunft weicht.

Das nepalesische Gesetz stellt die Befolgung der alten Riten unter Strafe. Schon 2005 hatte  das nepalesische Verfassungsgericht den Chaupadi verboten, der aber im kaum entwickelten Westen des Landes weiter praktiziert wurde. Ob dort nun das neue Gesetz große Wirkung entfaltet, wird sich zeigen, vor allem frage ich mir wer danach bestraft werden soll. Die Frauen, die sich den Erwartungen fügen und sich wie Aussätzige einmal im Monat behandeln lassen oder Priester, die diesen Aberglauben weiter predigen und lehren?

Was kann ich überhaupt gegen gewachsene Gewohnheiten tun und bringt es etwas, solches Gewohnheitsrecht zu pönalisieren?

Neige dazu, dies zu bejahen, weil Fortschritt immer Veränderung bedeutet und wenn sich die Zivilisation ausbreitet, ist damit auch die Verbreitung ihrer Gewohnheiten und Regeln verbunden, die eben andere verdrängt. Die Frauen in islamischen Ländern werden auch irgendwann die Geltung des göttlichen Rechts, das ihre Freiheit beschränkt, immer mehr infrage stellen. Damit werden sich die Kulturen verändern und insofern dies im Zeitalter von Internet und globaler Kommunikation auch bedeutet, dass Menschen und Ziele sich weltweit immer ähnlicher werden, folgt daraus auch eine Verdrängung der Gewohnheiten, die dazu nicht mehr passen.

Damit gehen einerseits Teile dieser Kulturen unter und verlieren ein einendes Glied, was der je Aberglaube an vielen Orten der Welt immer noch ist - sofern wir uns weltweit auf den Maßstab des kategorischen Imperativs einigen können, heißt dies die größtmögliche Gewissensfreiheit für jeden einzelnen. Für diesen Zugewinn an Freiheit und Humanität, diese tolerante Basis eines gedeihlichen Miteinanders im Geiste der Toleranz, scheint der drohende Verlust kultureller Eigenheiten mir relativ gering.

Aber ich betrachte es als Europäer, der mit diesen Grundsätzen aufwuchs, zu dessen Kultur der Geist der Aufklärung gehört, in dessen Tradition ich lebe und denke und strebe damit danach dieses Denken in der Welt zu verbreiten und zum herrschenden zu machen. Finde das die bestmögliche Form des Zusammenlebens und wüsste keine, die ein besseres Miteinander gewähren könnte.

Dementsprechend, finde ich es absurd eine Frau in ihrem natürlichen Zyklus, der ihre Fruchtbarkeit auszeichnet und damit unseren Fortbestand garantiert als unrein zu betrachten, wie ich überhaupt ein religiöses Denken in Kasten absurd finde, weil alle Menschen die gleichen Rechte und Chancen haben sollten, auch wenn ich nicht zu denen gehöre, die behaupten alle Menschen sein gleich, denn wie verschieden begabt sie allein schon sind, kann jeder leicht im Alltag bemerken.

Der Satz der amerikanischen Verfassung, dass alle Menschen gleich geschaffen worden sein, scheint mir absurd, weil es für mich keinen Schöpfer gibt, sondern Menschen natürlich entstandene Geschöpfe sind und das auch wenn unsere Natur uns dazu befähigen sollte Menschen künstlich zu schaffen, wir dies in Teilen längst können und tun. Außerdem zeichnet es uns Menschen eben aus, dass wir alle irgendwie unterschiedlich beschaffen sind in ganz vielem und uns darum nie ganz gleich sind.

Das Prinzip der Gleichheit, das beim Ritus des Chaupadi in der Frage der Egalität von Mann und Frau ihrer Natur nach verletzt wird, wäre absurd, wenn es die faktischen Unterschiede verleugnen wollte. Menschen sind verschieden begabt, haben unterschiedliche Neigungen und Interessen, sollten nie gleichgemacht werden, sondern nur alle die gleiche Chance bekommen, ihrer Neigung und Begabung entsprechend leben zu können. Unsere Gemeinschaft schreibt zumindest theoretisch seit der französischen Revolution auch die materielle Gleichheit groß und leitet daraus je nach politischer Herkunft eine mehr oder weniger große Umverteilung ab, will Gleichheit politisch durchsetzen, was immer davon zu halten ist.

Der Zwang zur Gleichheit wird beim Thema Gender besonders laut, die auch nach versteckten Diskriminierungen etwa in der Sprache suchen. An sich eine ehrenvolle Sache, denn welcher Mann will schon Frau diskriminieren - gibt es vielleicht auch, aber so ganz grundsätzlich hat daran kein Mann ein Interesse, weil die Folgen für das Zusammenleben meist verheerend sind, wenn Mann nicht gerade auf Vergewaltigung steht, was zum Glück nur wenige tun meines Wissens nach und über Idioten zu reden, wie sie etwa gerade die USA regieren, ist meist nur idiotisch und lohnt nicht weiter, auch wenn sie zufällig Präsident wurden. So ist es auch mit der erzwungenen Gleichheit, die sich noch mit Lächerlichkeiten an der Sprache austobt aber zum Glück gerade nicht mein Thema ist.

Für das Thema Gender gilt wie für das Thema Trump, es ist besser dazu zu schweigen und die sich davon betroffen fühlenden, es unter sich klären zu lassen - auch wenn ich nun den Hass aller Feministinnen ernten würde, sage ich es doch, Männer und Frauen sind nicht gleich - sie sind in entscheidenden Dingen verschieden und das ist auch gut so, darum passen sie trotz aller natürlichen Gegensätze manchmal so gut zusammen, zumindest in der Mitte, was vermutlich eine chauvinistische Diskriminierung darstellt, die für Sprachkämpfer*innen und andere Fanatiker*innen und außen schlimmer noch ist als nepalesische Riten, die nun gesetzlich verboten wurden und so hat jeder seine Probleme.

Während in Nepal nun die Frauen nicht mehr in den Stall geschickt werden dürfen, bekommen im Zuge der Gleichberechtigung in Berlin nun auch die Frauen Pissoirs. Ob es dadurch weniger Schlangen vor Frauenklos geben wird oder das Unisex Klo die Frauen diskriminierenden Stehpinkel Einrichtungen vollständig abschafft ist so unklar wie die Frage, ob sich am Umgang mit den Frauen in Nepal etwas ändert, wenn sie nicht mehr öffentlich diskriminiert werden dürfen und der Aberglaube dafür in die Hinterzimmer zieht, in denen es weiter so zugeht, wie vorher vorne nur eben erzwungen versteckt.

Das jüdische Krankenhaus Berlin, das einen großen Teil der Beschneidungen an jüdischen und muslimischen Knaben vornimmt, hat in der Debatte über ein Verbot argumentiert, ihr Haus böte zumindest höchsten hygienischen Standard und verhinderte Infektionen und sonstige Probleme, wie sie die sonst im Hinterzimmer vorgenommenen Beschneidungen mit sich brächten. Dies Argument erinnert an die Krankenhäuser, die für eine Erlaubnis zur Abtreibung mit der Gefahr der sonst Engelmacherinnen argumentierten, was wiederum stark an jemanden erinnert, der sich für die Abgabe von Präzisionswaffen an Killer ausspricht, damit sie ihren Job möglichst sauber und schmerzfrei erledigen können.

Für die katholische Kirche, die Abtreibung unter ihrer polnischen Flugente Mord zu nennen begann und mittelalterlich in Afrika gegen Verhütung predigte und damit AIDS bei der Ausbreitung gut half scheint obiger Vergleich nicht absurd. Für mich schon, weil ich der Frau das Recht und die Herrschaft über ihren Körper zugestehe und diese Freiheit ist durch den für die Zeit der Fruchtbarkeit währenden Zyklus und die natürliche Notwendigkeit der Schwangerschaft bereits genug eingeschränkt ist, die Freiheit eines lebenden Menschen mir wichtiger scheint als die vielleicht Existenz eines Fötus. Aber das ist eine Entscheidungsfrage, in der ich den ethischen Gewohnheiten meiner Kultur entsprechend werte.

Rein logisch wäre ein strenger Positivismus genauso vertretbar und vermutlich sogar konsequenter als diese Entscheidung. Danach müsste entweder jedes Leben gleich geschützt werden und dann wäre Abtreibung Mord oder ich begrenzte das Leben auf die autonome Existenz, was aber zur Folge hätte, dass ich etwa Bewusstlose straflos töten könnte oder, weil  ihnen ja die für das Menschsein nötige autonome Existenz fehlt -  damit  brächen herrliche Zeiten für die Organspende an - sollte ein Fehler dabei gemacht werden, ginge es nicht mehr um Mord und Totschlag sondern nur noch um eine schlichte Sachbeschädigung.

Auch wenn der australische Philosoph Singer solches konsequent positivistisch vertritt, schiene es mir eher unmenschlich und eiere ich lieber weiter mit irgendwie schlechten Kompromissen herum, was Leben ist, wann es beginnt und zweifle, ob es dazu eine verbindliche Aussage geben kann, außer der Nulllinie im EEG, zumindest solange wir Hirntote noch nicht wieder erwecken können. Dies tue ich sicher auch aus gut verstandenem Eigennutz, war ich doch nach einem Fahrradunfall in den 80ern wochenlang bewusstlos und hätte sonst einfach gut ausgeschlachtet werden können, wäre nicht mehr da, was ja lesbar noch der Fall ist.

Verliere mich wieder im weiten philosophischen Umfeld der Frage nach dem Leben, dabei ging es doch ursprünglich darum, ob Frauen in der Regel unrein sein dürfen, eine Ausgrenzung nur nach dem Aberglauben legitim sein darf.

So betrachtet war und fiel mir die Antwort leicht. Natürlich sind Frauen in der Regel nicht unrein oder aussätzig - der dazu passende uralte Witz, der fragt, warum Germanen in der Regel rote Bärte tragen, zeugt, so blöd er ist, von einem anderen Bild der Frau als es dieses Bergvolk mit seinen abstrusen Riten bewies.

Die bloße Abstoßung der Gebärmutterschleimhaut hat nichts unreines an sich, sondern ist die conditio sine qua non der weiblichen Fruchtbarkeit und damit der irgendwann Fortpflanzung, die der natürlichen Erhaltung unserer Art dient. Nichts daran kann natürlicherweise schlecht oder unrein sein. Ein Ritus, der solches lehrt, ist unmenschlich und gehört gebannt, wie es die Nepalesen nun glücklicherweise taten.

Doch die Betrachtung des Lebens und der Zeugung lässt die Gedanken eben weit schweifen, die geneigten Leser mögen es mir verzeihen. Gerne befreite ich die Menschen von allem Aberglauben, gäbe zumindest jedem die Chance, ein Leben ohne kennenzulernen, warum ich Kindstaufe wie Beschneidung konsequent verböte - aber, ich bin nur einer, froh die Freiheit zu haben, dies heute straflos äußern zu können - warum sollte ich meinem lieben Freund, der seine Tochter taufen ließ, weil es in seiner uralten, adeligen Familie eben so üblich ist, dies verbieten wollen, wenn er sich in dieser Tradition geborgen und aufgehoben fühlt und ich habe keine Sorge, dass seine Tochter davon irgendeinen Schaden nahm, sie bei ihren Eltern mit freiem Geist und viel Intellekt aufwachsen wird, mehr als viele Atheisten ihren Kindern je vermitteln.

Natürlich finde ich es gut, wenn die Nepalesen nun absurde Riten verbieten, die Frauen diskriminieren und sogar am Leben gefährden. Am besten würden alle Religionen verboten für Kinder und was Erwachsene sich antun, sollte ihre Sache sein, solange sie wirklich frei sind, womit die ganze Geschichte wieder von vorne beginnen könnte, weil um die Definition dessen was wirklich frei ist, mindestens genauso lange gestritten werden könnte. Wie unfrei sind erwachsene, gläubige Frauen in Nepal nun, die auch künftig ihre Unreinheit im Kuhstall oder in Laubhütten zelebrieren wollen durch dies Gesetz geworden und wer wäre ich, ihnen erzählen zu wollen, was für sie gut und richtig ist?

Was weiß ich schon, frage ich mich und schließe also staunend und unwissend dieses Essay, in dem ich eigentlich begeistert von einer bloßen Gesetzesänderung am anderen Ende der Welt berichten wollte und denke, sich in Bescheidenheit und Toleranz üben, könnte immer helfen, vielleicht weiß ich dann am Ende etwas mehr.

jens tuengerthal 11.8.2017

Donnerstag, 10. August 2017

Verlustangst

Manche fürchten sich lieber, statt etwas zu ändern, damit sie sich nicht mehr fürchten müssen. Dann richten sie sich in ihrer Angst gemütlich ein und klagen gern, halten alle, die es anders sehen für Verräter oder Idioten, während sie mit ihrem Glauben an Verschwörungstheorien oder ihre alles dominierenden Ängste, allen übrigen eher verrückt erscheinen.

Normalerweise sind diese ängstlichen Menschen in ihrem Wahn in der Minderheit und eine allenfalls belächelte Randgruppe, die nur manchmal unangenehm laut wird, wie wir es gerade lange bei den Pegiden in Dresden erleben mussten, die ihre Xenophobie nur noch wenig als Kulturrettung für das Abendland zu tarnen versuchten. Unter den Wählern der Extremisten am rechen und linken Rand findet sich ein überproportional hoher Anteil an solch ängstlichen Menschen.

Warum Menschen sich lieber in die Angst flüchten, als den Mut zu wählen, mit dem sie sich gut fühlen würden, habe ich noch nie verstanden. Frage mich aber, ob dies je auf objektiven Tatsachen beruht oder aus egal welcher Sicht immer nur eine Frage der Haltung ist.

Angst vor etwas zu haben, ist nur eine Frage der Einstellung. Es gibt keine objektiven Kriterien für Angst, nur gewisse Ähnlichkeiten bei Gruppen von Menschen. Angst ist laut Wikipedia ein Grundgefühl, welches sich in als bedrohlich empfundenen Situationen als Besorgnis und unlustbetonte Erregung äußert. Auslöser können dabei erwartete Bedrohungen etwa der körperlichen Unversehrtheit, der Selbstachtung oder des Selbstbildes sein. Krankhaft übersteigerte Angst wird als Angststörung bezeichnet.

Viele Menschen fürchten den Tod, andere überhaupt nicht, suchen ihn im Gegenteil für sich als Freitod oder als Attentäter im Selbstmordanschlag. Die Bedrohung, vor der sich ängstliche Menschen fürchten, braucht keine objektiven Kriterien, es geht ja um ein Gefühl und also nur eine Empfindung des Betroffenen, für die keine allgemeinen Maßstäbe gelten.

Als Junge hatte ich Angst im Dunkeln, ließ immer Spalten im Rollladen und meine Eltern mussten mir versprechen, Licht im Flur an zu lassen, zu dem meine Tür einen Spalt offen stehen solle, damit ich beruhigt einschlafen konnte. Einen Schutz gab mir mein Teddy in der Nacht, den ich überallhin mitnahm und daher sogar mit auf die Klassenfahrt nehmen wollte, was allerdings auf keinen Fall rauskommen durfte, da so etwas für einen fast zehnjährigen Jungen total peinlich wäre. Stand also nicht zu meiner Angst, ohne den Teddy nicht einschlafen zu können, sondern ließ ihn insgeheim von meiner Mutter in mein Kissen einnähen, das mitzunehmen nicht peinlich war.

Liebte meinen Teddy, stand aber nicht dazu, weil es nicht zu meiner Rolle als Junge passte und so wurde die Angst aus der Rolle zu fallen, mir wichtiger als das eigentlich heilige Gefühl der Liebe. Diese Angst bestimmte mein Leben, bis Liebe und Leidenschaft für die Frauen alles andere überwog und dabei natürlich kein Mann seinen Teddy mitnehmen konnte.

Vorher aber hatte ich noch lange Angst, meinen geliebten Teddy irgendwo zu verlieren und hätte mir nicht vorstellen können, ohne ihn zu leben. Da ich entsprechend vorsichtig mit ihm war und immer auf ihn aufpasste, habe ich ihn tatsächlich nie verloren. Irgendwann habe ich ihn dann vergessen und er landete dann eine zeitlang bei meiner Tochter und von da vermutlich aussortiert als eben uralter abgegrabbschter Teddybär, dessen Hände und Füße meiner Mutter schon mehrfach mit Lederenden geflickt hatte, weil ich ihn über die Jahre so durchgeliebt hatte, als olles Ding im Keller, wo er nun in einer Kiste das Leben anderer vergessener Stofftiere teilt.

Bei  meinem Teddy traf sich die Verlustangst mit der allgemeinen Kinderangst im Dunkeln, über die ich mit der gewohnten Gegenwart hinweg kam. Verlustangst gibt es in vielen Formen und deren schlimmste Form ist die Eifersucht. Es gibt immer noch Menschen, die meinen Eifersucht sei eben eben eine Ausdrucksform der Liebe, ungebändigtes Gefühl und völlig in Ordnung. Das halte ich für einen Irrtum. Zwar ist Eifersucht meist getrieben durch Verlustangst und von daher der kindlichen Angst um meinen Teddy, für den ich mich zugleich öffentlich schämte, weil ein Junge doch als Held ohne können musste, sehr ähnlich, doch ist sie in einem entscheidenden Punkt anders. Es geht dabei um ein anderes menschliches Wesen, das wir kaum je lieben können, wenn wir es besitzen wollen, wie einen Teddy.

Sicher habe ich meinen Teddy geliebt aber auch wenn ich ihm viel anvertraut habe und mir sicher war, er würde mich irgendwie beschützen, wusste ich doch, er war ein Stofftier - eine bewegliche Sache, wie ich es im Jurastudium nennen lernte, kein lebendes Wesen, warum ich ihn auch ohne Bedenken in das Kissen einnähen lassen konnte. In der Liebe zwischen zwei Menschen, die interessant wird, wenn die Teddys uninteressant werden, der Trieb neue Gewohnheiten schafft, geht es dagegen um die Begegnung von zwei selbständigen Wesen und die Liebe hat nur einen Wert als Gefühl, wenn sie nicht gekauft wird, sondern ein Geschenk um ihrer selbst willen ist. Es soll von “Herzen” kommen, was immer die Blutpumpe real damit auch zu tun hat, gilt uns Liebe nur was, wenn sie echt ist, ohne dass wir immer so genau sagen können, was dies echte eigentlich ist.

Auch manche Fußballvereine werben mit der wahren Liebe ihrer Fans. Dies besonders bei bodenständigen Menschen und schlichteren Gemütern, wie es etwa der BVB seit Jahren erfolgreich tut und dabei noch die Melodie aus Pippi Langstrumpf ein warmes, kindliches Gemeinschaftsgefühl schafft, auch wenn dies real wenig mit dem nüchternen Geschäft des Fußballs zu tun hat, noch dazu bei einer Aktiengesellschaft, aber Gefühl verkauft sich eben besser als nüchterne Zahlen.

Das hat nun auch die CDU begriffen und setzt für den Wahlkampf der Kanzlerin, die bisher eher mit einem schlichten, “sie kennen mich”, erfolgreich war, auf eine mit besonders emotionaler Werbung erfolgreiche Werbeagentur. Lassen wir uns überraschen wie die eigentlich nüchterne Merkel, die ihr Amt eher korrekt wie ein preußischer Beamter führt, nun auf der Welle des Gefühls reiten wird. Dass sie es kann, hat sie schon mehrfach bewiesen, wenn sie mit feinem Gespür auf bloße Stimmungen im Volk reagierte und ihre Überzeugungen rasch an das genaue Gegenteil wieder anpasste. Sie reagiert meist sehr dezent, lässt die Dinge, wenn möglich, alleine geschehen und ihren Lauf nehmen. Ihr Programm ist Vertrauen in Erfahrung und Kontinuität für eine breite Mehrheit aus der Mitte. Damit bietet sie wenig Angriffspunkte und muss sich kaum auf Provokationen und Polarisierung einlassen.

Anders der verzweifelte und etwas peinliche Kandidat der SPD, der Herr Schulz von nebenan, der für einen Buchhändler erstaunlich glaubhaft völlig unintellektuell wirken kann. Er schürt die Angst vor Ungerechtigkeit und also die, zu kurz zu kommen, die vielen Deutschen noch wichtiger lange war als die Verlustangst und wirbt für mehr Gerechtigkeit, die er als noch kleinerer Koalitionspartner der Regierung nicht glaubwürdig vertreten kann. Er appelliert also an ein Gefühl und will eine Stimmung nutzen, die wenige seiner Wähler betrifft.

Wer wirklich Angst hat, sozial zu kurz zu kommen oder meint zu den Verlierern der Hartz IV Reformen zu gehören, wird eher die Linke wählen als die alte Sozialdemokratie, die diese Regelung einst an der Macht selbst einführen ließ. Die Sozialdemokratie ist, stark, wenn sie sich als vernünftige Kraft der Mitte präsentiert, die ökonomisch erfolgreich arbeitet und ein Bündnis zwischen Arbeitern und Arbeitgebern schmieden kann, mit dem es der Mehrheit real besser geht.

Sie scheitert, wenn sie sich als bessere Linke präsentiert, weil diese Positionen kein vernünftiger Bürger aus der Mitte wählen kann. Mit Schulz, dem langjährigen Parlamentsvorsitzenden in Brüssel und Straßburg, der lieber Kommissar geworden wäre als Kandidat aber angesichts der Aussichten auf europäischer Ebene den Rückzug auf nationale Ebene vorzog und nun alles tut, die SPD zum schlechtesten Ergebnis ihrer Geschichte in der BRD zu führen, weil er an die Verlustangst der Wähler und die Angst vor Ungerechtigkeit appelliert, ohne ihnen glaubwürdig ernsthaft oder populistisch brauchbar eine Alternative bieten zu können, weil er entweder als Regierungsmitglied oder als europäischer Politiker schon lange Teil des Systems ist, dass er damit unglaubwürdig angreift, ist die Sozialdemokratie  am Tiefpunkt ihrer Geschichte und Glaubwürdigkeit angekommen - Angst ist eben keine Perspektive.

Nach einem kurzen medialen Boom für den Überraschungskandidaten, der als Mr. 100%, noch seiner Partei alle Angst vor der erneuten Niederlage gegen Mutti nahm, ist er inzwischen auf unter Steinbrück-Niveau gelandet und schon scheint vielen sein Vorgänger, der sich auch durch nichts verdient machte als die Dauer seiner Amtszeit, wieder als der bessere Vorsitzende. Langsam bekommen es auch die üblichen stromlinienförmigen Jubelchargen der Partei mit der Angst zu tun, da dieser Würselner Lückenbüßer nun sogar ankündigte, sein Amt auch im Falle einer Niederlage, nicht aufgeben zu wollen.

Wer mit Angst in der Mitte in Zeiten der Hochkonjunktur und bei niedriger Arbeitslosigkeit erfolgreich werben will, muss mindestens naiv sein. Wer schlecht redet, was gut läuft, dessen Teil er vor allem seit Jahren irgendwo immer war, braucht verdammt gute Argumente, um nicht zum Clown zu werden. Bisher sieht es eher danach aus, als trüge Schulz die rote Nase nicht als trocken gelegter Ex-Alki sondern viel mehr als Witzfigur, die kein Argument hat, die von ihr getragene und vertretene Politik plötzlich schlecht zu reden.

Ob der Spezialdemokrat darum solch populistische Argumente immer wieder nutzt, die ihm keiner abnimmt und die nur die Parteien für ängstliche Randgruppen und Verlierer, AfD und Linke, stärken?

Es sammeln sich dort in den beiden radikalen Parteien nicht nur die klassischen Verlierer und Ewiggestrigen sondern all jene, bei denen die Angst etwas zu verlieren, die Hoffnung, zu den Gewinnern zu gehören, überwiegt. Die Wähler der nur scheinbar gegenüberliegenden politischen Pole sind sich näher, als vielen ihrer Anhänger bewusst ist.

Bei  Amazon könnte als Vergleichsangebot stehen, wer heute AfD oder Linke wählt, hat meist auch Angst, zu kurz zu kommen oder nicht genug zu kriegen, glaubt, es ginge ungerecht zu und fühlt sich besonders benachteiligt. Warum angesichts dieser bekannten Fakten die SPD einen Gerechtigkeitswahlkampf auf einen Kandidaten zuschneidet, der nur unter Quotengesichtpunkten irgendetwas abbekommen konnte noch, scheint relativ unklar, angesichts ihres hohen Potenzials unter Beamten.

Wer mit der Angst spielt, wird von ihr erfasst und kommt schnell in ihr um, weil sie stärker wird als geahnt, in Potenz wächst. Wie oftmals völlig irrational, um nicht zu sagen idiotisch, sich ängstliche Menschen verhalten, ist bekannt. Warum Menschen sich dagegen freiwillig und voller Begeisterung der Angst und ihrer Herrschaft unterwerfen, bleibt rätselhaft und könnte doch der Schlüssel zum Erfolg der Populisten sein, die nicht nur von mangelnder Bildung profitieren, sondern auch eine Befriedigung in der Angst schenken, wie sie vernünftigen Menschen völlig unverständlich ist, die aber der Hauptantrieb bei Pegida und Autonomen ist, die Provokation zu suchen.

Wer sich verfolgt fühlt und aus diesem Kitzel noch Befriedigung zieht, wird sich im Kreis der Verfolgten wohl fühlen und die Gesinnungsgenossen werden ihre Ängste noch wechselseitig potenzieren - hier gilt dann nicht, meiner ist länger, die klassische Konkurrenzangst unter Männern, die schnell zur Impotenz führt, falls Mann sich unterlegen fühlt, sondern mein Horror und meine Angst sind viel größer und begründeter.

So erinnern die Horrorszenarien vom Untergang des Abendlandes und den Vergewaltigungsorgien der Islamisten, genau wie entsprechende Ängste auf der linken Seite, vor dem Faschismus der Eliten oder der sozialen Ausbeutung mich immer mehr  an die Quartettspiele kleiner Jungen, bei denen es uns auch immer darum ging, den anderen mit höherer Geschwindigkeit, geringerem oder größerem Gewicht,  mehr PS und anderen Vergleichsmaßstäben auszustechen. Es dauerte, bis ich bemerkte, dass weniger die  ausschließliche Konzentration auf Rekorde immer gewinnen ließ, sondern das geschickte Pokern mit relativen Qualitäten -  manchmal ist am Ende auch Sieger, wer den Kürzesten hat, wenn er ihn nur richtig einzusetzen weiß.

Überhaupt scheint mir die Leidenschaft für Angst und Katastrophen vielfach die Folge von zu wenig oder zu schlechtem Sex zu sein, denn warum sollte je danach trachten, sich mit solchem Unsinn wie Angst selbst zu quälen, wer guten Sex und tiefe gemeinsame Befriedigung kennt?

Wer genießen kann und dies zu leben versucht, hat weniger Raum für Angst und mehr für schöne Träume und Lust, was das Leben fraglos angenehmer macht. So könnte ausreichend guter Sex vielen Extremisten das Wasser abgraben.

Doch bedenke ich, wie schwer das inzwischen vielen Menschen fällt und das ich 7 Jahre und mehr als 7 Frauen warten musste, um wieder guten Sex zu haben, als hätte ich dem Aberglauben gemäß, meinem Gegenüber beim Anstoßen nicht in die Augen gesehen, könnte die Lösung des Problems der Angst als Quelle des Extremismus über den guten Sex schwerer fallen als erhofft und die erwartbar schlechten Ergebnisse derweil die Frustration weiter erhöhen und die Extremisten dauerhaft stärken und wer dann noch darüber impotent wird, würde schnell zur Gefahr für die Welt, wie uns die asexuellen Diktatoren und Verbrecher dieser Welt lehren könnten.

Aber auch beim Sex gilt der Wahlspruch der Aufklärung, SAPERE AUDE, habe Mut. Wer es wagt, sich seines Verstandes zu bedienen, um zu genießen, was ist, wird dabei meist mehr Vergnügen haben, als all jene, die sich nur blind von ihren Trieben steuern lassen, deren Glück oder Unglück dabei eher ein historischer Zufall denn ein bewusster Genuss ist.

Für Sex und Politik aber gilt, wer also aufgeklärt Mut hat, kritisch denkt, statt Propaganda zu verbreiten, wird freier und glücklicher sein, als all diese Opfer, die über Lügenpresse schimpfen, weil ihnen die Propagandasender des Kreml sagen, was die Wahrheit ist und sie darum überall fürchten belogen zu werden. Diese Angst vor der Wirklichkeit wird sich bei jeder Konfrontation mit der Realität außerhalb ihres engen von russischer Propaganda geformten Horizontes noch potenzieren und da diese nahezu überall ist, werden sich die armen Opfer überall verfolgt fühlen.

Denke dabei gerade an die Krankenschwester, die ich bei der Arbeit Ende der achtziger im Krankenhaus kennenlernte und die davon schwärmte, wie sie immer wieder zu Schulungen in die DDR, das bessere Deutschland, wie sie meinte, fuhr. Dann kam die Wende und die DDR hatte sich erledigt. Eine zeitlang verbreitete diese Schwester noch Gerüchte, dies sei  ein von Imperialisten finanzierter Putsch gewesen, dann wurde ihre Kaderorganisation Mitglied der PDS und später der Linken - sie fühlte sich auch immer verfolgt, wie übrigens so manche radikale Linke, die ich in meinem Leben schon traf. Nichts durfte ich von ihrer Arbeit irgendwem erzählen, da sie fürchtete, entlassen zu werden, was ich für unwahrscheinlich hielt, da sie eine wirklich gute Schwester war und es in einem Pflegeberuf ohne Führungsaufgabe völlig egal ist, ob jemand mal Berichte an die Stasi lieferte.

Irgendwann, Jahre später, als ich lange schon nicht mehr an der Klinik arbeitete und mein Vater in Rente war, redete und lachte ich doch noch mal mit ihm über diesen Fall. Er fand es eher komisch, fragte sich, ob es wohl eine Stasi-Akte über ihn als Chefarzt gab, schließlich lag die Station in der diese Schwester arbeitete, direkt über seiner Abteilung und seinen Büros. Gestört hatte es mich schon lange, dass mich eine Hörige der DDR, die Teil eines Terrorregimes war, das sie finanzierte, vom vertrauten Gespräch mit meinem Vater abhielt -  dennoch war mir mein Ehrenwort, dass ich ihr gegeben hatte, so kostbar, dass ich es hielt, bis mein Vater in Rente und die DDR nur noch eine Anekdote in den Geschichtsbüchern war, ohne bleibende Werte unterging.

Fragte meinen Vater, als es längst egal war, ob es ihm keine Sorge machte, überwacht worden zu sein von der Stasi, doch er lachte nur - was sollten die von ihm wollen, was nehmen oder stören? Er wollte frei von jeder Angst sein, liberal in seinem Denken bleiben und sich von keinem Extremisten zu irgendeiner radikalen Ansicht verführen lassen.

Diese Sicht beeindruckte mich nachhaltig und auch wenn ich sie jetzt geschönt habe, mein Herr Vater durchaus gelegentlich mal zu absurden politischen Meinungen neigt, trifft es doch den Kern seiner Überzeugungen gut und führt mich wieder zu dem Thema zurück, um das es in diesem Essay geht, die Angst vor Verlusten oder zu kurz zu kommen als Antrieb der Radikalisierung.

Warum radikalisieren sich weniger Menschen in Saudi Arabien als im Irak oder Jordanien, auch wenn die dortige Regierung mit ihrer wahhabitischen Spielart des Islam sich kaum vom IS und seinen Ansichten unterscheidet?

Weil sie relativ zufrieden im Wohlstand leben und es sich lieber gut gehen lassen und auf ihre Habseligkeiten aufpassen, statt den Aufstand zu proben und wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm, wie Villon noch hunderte von Jahren vor dem peinlichen Schwaben Brecht dichtete, der besser in den schwarzen Wäldern geblieben wäre, statt DDR Propaganda noch zu betreiben.

Sind die Heimat des Propheten M und die Quellen seiner teils absurden Lehre näher an dessen Überzeugung oder sind es westlich liberale Imame?

Es ist mir egal, welcher Aberglaube wahrer sein soll, wenn schon das ganze System auf einer Lüge fußt, bleibt es eine Märchengeschichte für Leichtgläubige, die kritisch denkende Menschen in keiner Variante interessiert und das gilt für alle jüdischen Sekten und sonstigen spirituellen Bewegungen um den Globus, die dem Menschen ein Sein über seinen Haltbarkeitswert hinaus vorgaukeln.

Der radikale Islam kann die sich arm und unterdrückt fühlenden Muslime weltweit momentan gut motivieren ihr Leben für ein versprochenes Paradies und erschwindelte Jungfrauen zu riskieren - was schon wieder zeigt, wie unreif diese Knaben alle noch sind, denn welcher Mann mit Erfahrung will noch eine langweilige Jungfrau im Bett haben, die nicht weiß, was sie will.

Auch hier spielt  die urkapitalistisch-protestantische Angst zu kurz zu kommen, eine entscheidende Rolle und motiviert viele Menschen zu einem absurden Streben nach Gewalt aus Rache für die gefühlte Unterdrückung der früheren Kolonialherren, die als imperialistische Ausbeuter durch die Welt zogen.

Angst treibt die Radikalen, egal von welchem Rand und auch die Macht Erdogans in der Türkei beruht mehr auf irrationalen Komplexen als nationalem Stolz. Warum sollten vernünftige Menschen diesen peinlichen Potentaten wählen, der ihr Leben zunehmend beschränkt und überall auf der Welt peinlichen Ärger verursacht?

Der nationale Stolz ist zu vielem Unsinn fähig, doch frage ich mich, ob es dabei eher um die Angst geht, etwas zu verlieren oder das Gefühl zusammen mehr zu sein - zur Angst könnte noch viel geschrieben werden und der Beispiele wo erwachsene Männer sich im Schatten der Angst albern benehmen, ist kein Ende zu finden -  je gefährlicher die Werkzeuge sind, die sie zur Ablenkung dabei in den Händen halten, desto mehr reden wir über sie, wie Kim und Trump gerade beweisen - der Balkan ist auch ein steter Fundus für nationalen Stolz und die Neigung sich damit lächerlich zu machen, was vom Fußball bis zum echten Krieg reicht und es fragt sich allein, was da noch friedlich helfen könnte und wie wir die Menschheit dazu bringen, Ruhe und Gelassenheit höher zu schätzen als Eitelkeit und Macht?

Vielleicht hilft es, diese vorzuleben, sich über nichts mehr aufzuregen, um zu genießen, was ist, statt etwas ändern oder sich durchsetzen zu wollen. Finde das sehr befriedigend.

jens tuengerthal 10.8.2017