Samstag, 21. Oktober 2017

Sexkorrekt

Das Weinstein ist eines der besten Restaurants in Prenzlauerberg, liegt direkt an meinem Platz, bietet ausgezeichnete deutsch-französische Küche, sowie hervorragende Weine und ich gehe ausgesprochen gern dorthin, wenn auch leider viel zu selten. Das hat zwar nichts mit dem Thema zu tun, wollte nur vorab sagen, was mir zuerst einfällt, wenn ich den Namen Weinstein wie im Moment täglich höre und was ich darüber denke. Gutes Essen ist wichtiger als Skandale und das sage ich nicht, weil Essen der Sex des Alters sei.

Der andere Weinstein ist oder war Filmproduzent und hat sich Damen gegenüber wohl eher wie ein Trump als eines Gentleman gemäß benommen. Das ist nicht gut und nichts was mir gefällt und ich will es auch nicht schön reden, finde es bei einem Trump so hässlich wie bei einem Weinstein, wenn es denn so war, wie bisher behauptet und die ganze #MeToo Affäre nun wirklich das beschriebene Drama ist oder doch nur eine gute Show für die Publicity bestimmter Personen, die von den Trump nahe stehenden Medien stark gefördert wird. Breitbart und Fox schlachten jedes schmutzige Detail mit großer Freude aus und sehen sich auf einmal im Bündnis mit den radikalen Feministinnen, weil es ihrer Sache dient.

Zum einen hilft es die bigott, verlogene, amerikanische Moral hochzuhalten, zum anderen schadet es den Demokraten wenn einer ihrer Anhänger und großen Spender in einen Sexskandal verwickelt ist, was wiederum von den Problemen um Trump ablenkt und diesen völligen Versager im Amt hält, auch wenn vernünftigerweise längst alle Welt überlegt, wie sie ihn loswerden könnte.

Es klingt toll, wie sich unter dem Hashtag #MeToo immer mehr Menschen dazu bekennen auch Opfer zu sein und es damit den Schweinen endlich an den Kragen geht, die uns schon so lange unterdrücken, ruft das Gewissen der Unterdrückten dieser Welt.

Real ist das teilweise öffentliche Hetze und Denunziation die Menschen und Karrieren zerstören kann, ohne je rechtsstaatlichen Anforderungen zu genügen. Sollte sich in einem späteren Verfahren herausstellen, dass die so denunzierten völlig unschuldig waren, einfach nur Opfer gehässiger Hetze wurden, wird es sehr schwer, ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Der Fall Kachelmann, bei dem ein völlig unschuldiger Mann, wie später alle Gerichte bestätigten, monatelang im Gefängnis saß und Alice Schwarzer als feministisches Gewissen der Nation zur Bild Kolumnistin des Prozesses wurde, in dem sie schon längst ihr Urteil gefällt hatte, sollte uns in Erinnerung sein. Kenne solche Verfahren aus eigener Erinnerung zur Genüge und weiß, wie schnell du auf der falschen Seite sitzen kannst, wenn eine Frau dir nur böse will, die sexuelle Korrektheit die Gesellschaft gegen dich aufhetzte.

Zum Glück halten sich hier, wie wohl auch in den USA, Gerichte noch mehr an Recht und Gesetz, als sich vom gesunden Rechtsempfinden der aufgebrachten Bürger leiten zu lassen. Früher gab es noch Schandpfähle an die Verbrecher gebunden wurden, um dort der Wut der Öffentlichkeit ausgesetzt zu sein, die sie bespucken, missachten und sonst quälen durfte, was als höhere Gerechtigkeit im Sinne des Volkes angesehen wurde. So etwas verstößt klar gegen die Würde des Menschen und würde hier sofort verboten. Zumindest insoweit bin ich relativ beruhigt.

Doch die medialen Marterpfahle wie jene in den sozialen Netzwerken wirken viel nachhaltiger und können eine menschliche Existenz dauerhaft beschädigen, ein Leben zerstören, ohne dass es dafür einen definierten Schutz gäbe, weil sich die Medien in ihrem Tun immer auf ihr Grundrecht berufen können und die Würde des Angeklagten und der Rechtsstaat den Menschen hier wenig wert zu sein scheint, wenn es um ein schnelles und sicheres Urteil über moralisch verwerfliche Personen geht.

Den Weinstein wollen sie alle bestrafen, dieses Schwein, der junge Frauen qua seiner Macht missbrauchte. Sollte er das tatsächlich über das auf Bühnen und im Film übliche Maß getan haben, wird er wohl, soweit keine sonstigen Hindernisse vorliegen, dafür rechtlich belangt werden. Bis dahin aber hat er, verflucht nochmal, als unschuldig zu gelten und der mediale Krieg gegen einzelne Personen, der darauf zielt eine Existenz zu zerstören, spricht eher gegen die beteiligten Autoren als gegen den Täter, egal was war.

Ein Urteil fällen im Rechtsstaat Richter, nach Recht und Gesetz. Nicht Zeitungen und nicht betroffene Frauen, die nun mehr oder weniger verklärt öffentlich ihre Erlebnisse bekannt geben.

Finde es gut, sich gegen sexuelle Diskriminierung zu wehren. Aufzustehen gegen eine Ungleichbehandlung, die viele Frauen schon in ihrem Leben traf. Finde es aber mehr als problematisch, wenn dabei jeder zum öffentlichen Ankläger wird und wir neue moralische Hexenprozesse bekommen, die ein Hashtag wie #MeToo schnell mit sich bringt.

Weiß nicht, was Weinstein wirklich tat, es geht mich auch nichts an, mögen Gerichte an seinem Wohnort über diese Frage urteilen. Sollte er verurteilt werden, können auch die Medien gern empört oder vernünftig darüber berichten. Das ist ihre Aufgabe.

Wenn aber, wie jetzt gerade, auf einen, der schon am Boden liegt, eingetreten wird, um ihn völlig öffentlich zu zerstören, zeugt dies weniger von Betroffenheit als von Feigheit und klingt mehr nach einem Tribunal als endlich Gerechtigkeit.

Die Grenze zwischen noch korrekt und zu anzüglich ist im sexuellen Bereich schnell fließend. Wer darf was noch und wer nicht. Ob all dies einer genauen staatlichen Festlegung bedarf oder mehr Regeln nicht die letzte Schönheit des Sex völlig zerstören, sollte auch diskutiert werden.

Bin ein extrem vorsichtiger und Frauen verehrender Liebhaber, dennoch weiß ich genau, wann ich mal härter zupacken muss, die vorsichtige Annäherung ein Ende hat, der Sex beginnt oder es bei diesem auch mal ruppig zugehen kann und wie wenig passiert, wenn wir dabei nicht auch handeln, wie viele Frauen über die heute Weicheier klagen, die es nicht mal schaffen, ordentlich zu zupacken oder wilden Sex verstünden - aber gerade das ist eine Gratwanderung, bei der sich Mann auch fürchten muss, schnell im Bereich des kriminellen zu landen.

Dies lässt sich durch die wenig erotische aber eben nötige ausdrückliche Zustimmung vor jeder Aktion klären und damit kann Mann sich, auf Kosten der sinnlichen Stimmung, den Rücken frei halten und ich habe es auch nie wieder anders gemacht, seit Kachelmann  spätestens, wer will sich schon zum Täter stempeln lassen. Andererseits haben mir gegenüber schon manche Frauen geklagt, dass die Typen alle zu schlaff wären, sich nichts mehr trauten, eher impotent würden, bevor sie von sich aus eine Frau anmachten und unter der drohenden Gefahr einer Anklage, verstehe ich diese Männer auch - wozu sich einer Gefahr aussetzen, wenn du das zu befriedigende Bedürfnis auch schneller, effektiver und meist viel günstiger mit deinen eigenen Händen klären kannst.

Onanie ist zwar kein Sex, aber leider gibt es für 99% der Frauen, wie ich heute sagen muss, da ohnehin keinen großen Unterschied und dann ist auch alles übrige entbehrlich - der Kick für das Ego relativiert sich vernünftig betrachtet doch sehr schnell. Würde Mann heute auch immer bei hoher Bedürftigkeit eher zur Onanie als zur dreisten Anmache raten. Bedürftige Männer erreichen ohnehin nichts und werden von Frauen sofort als solche erkannt und aussortiert. Kein Ziel von Interesse in ihrem Beuteschema, außer es bleibt in der Nacht nichts anderes übrig. Sich auf dieses Niveau zu begeben, kann ich keinem empfehlen, auch wenn es längst Alltag in deutschen Bars wurde.

Wer etwas Erfahrung mit Frauen hat, weiß, sie kommen von allein, wenn du dich am wenigsten für sie interessiert und sie dir sogar eher lästig erscheinen, du die erste Annäherung sogar abwehrst - damit weckst du ihren sportlichen Ehrgeiz und sie tun Dinge, über die sie sich noch vielleicht fünf Minuten zuvor, unter welchem Hashtag auch immer, im Netz empört aufregten, weil sie es wollen. Alles andere lohnt ohnehin nicht, sage ich heute, wo mich keine als meine mehr interessiert, weil die Erfahrung mir sagt, 99% lohnen sexuell nicht und emotional vermutlich noch weniger.

Wer dagegen bedürftig ist und wem dies anzusehen ist, der müht sich meist vergeblich und der wird schnell der Belästigung für ein Verhalten geziehen, dass sie sich vom völlig desinteressierten Nachbarn, der auch nicht wesentlich besser aussah, nur gewünscht hätten. Wie oft haben Frauen schon mal zu mir gesagt, nimm mich richtig hart, komm vergewaltige mich, ich bin deine, du kannst mit mir machen was du willst - besonders letzteren Satz fand ich, der ich keinerlei SM Neigung habe, immer eher abturnend, er kam auch meistens von denen, die von gutem Sex keine Ahnung hatten.

Wenn ich dagegen einer wildfremden Person im Supermarkt sagen würde, dass ich sie gerne vergewaltigen würde oder sie mit mir machen könne, was sie wolle, bewegte sich ein solches Verhalten schnell bereits im Bereich des Strafbaren, sogar eines Verbrechens.

Das Einverständnis und die Verständigung sind dabei der Schlüssel zum Glück. Lass Frau machen und es geht viel schneller, als wenn Mann sich lange immer wieder um die Falschen bemüht. De natürliche Instinkt für eine gute Trefferquote, scheint bei den Damen noch deutlich höher. Auch meine Liebste hat mich ausgesucht, nie hätte ich so eine junge Dame angemacht oder nur daran gedacht, völlig abwegig.

Ob Herr Weinstein dies missachtete, was er tatsächlich tat, wie weit dieses Verhalten schon vom in der Branche üblichen abwich, wird irgendwann ein Gericht klären. Bis dahin hat er als unschuldig zu gelten und wir, denen die Freiheit und die Würde des Menschen etwas wert ist, sollten uns hüten, weiter an den öffentlichen Pranger unter #MeToo zu schreiben oder Menschen, die medial an einem solchen Schandpfahl gefesselt wurden, noch weiter zu quälen, der Verfolgung preis zu geben.

Im Rechtsstaat urteilen nur Gerichte über schuldig oder nicht. Wenn Frauen gern miteinander über ihre schlechten Erfahrungen reden wollen, sollen sie das natürlich gern tun. Machen Männer ja auch und tauschen sich manchmal amüsiert freundlich aus, wenn sie feststellen, den gleichen Schoss geteilt zu haben. Wer aber öffentlich andere anklagt, sollte dafür genauso verfolgt werden der Verleumdung wegen wie die Täter ihrer Tat wegen. Schlimmer noch scheint mir diese öffentliche Diskriminierung von Menschen inzwischen, die medial noch ständig befeuert wird. Wer Öl in dieses Feuer gießt, aus egal welchem Fall und mit egal welcher Vergangenheit, ist eher eine feige Sau als ein mutiger Mensch.

Diese moralische und auch die exakte rechtliche Unterscheidung, nach der ein Angeklagter bis zu seiner Verurteilung als unschuldig zu gelten hat, ist wichtig, um den Rechtsstaat und in ihm die Freiheit aller zu erhalten. Die Herrschaft einer bigotten Meinung, die von hurigen Medien benutzt wird, ihre Auflagen oder ihre Klicks zu steigern, ist eine große Gefahr für die Freiheit und muss so bekämpft werden, gerade im liberalen Rechtsstaat.

Dazu gehört ein irgendwie Verständnis dafür, was eigentlich liberal ist und warum es wichtig ist, den Rechtsstaat, gerade im Zweifel, zu verteidigen, dass der in dubio Grundsatz, nach dem jeder bis zum richterlichen Urteil als unschuldig zu gelten hat, ein wichtiges Rechtsgut für unserer aller Freiheit ist, die es mehr von einem vermeintlich moralischen Staat zu verteidigen gilt, der dann nach gesundem Volksempfinden urteilt, wie es die Nazis ausdrücklich taten.

Es ist ein weites und komplexes Thema ohne einfache Antworten. Die Frauen, die zu Opfern von Männern wurden, verdienen jede Hilfe und Unterstützung und dennoch hat jeder der Täter, bis zu seiner Verurteilung als unschuldig zu gelten und zur Verurteilung genügt eben nicht die Aussage einer Beteiligten in einem komplexen Prozess.

Achten wir mehr auf den Schutz der Freiheit und sein wir weniger sicher in unseren Urteilen. Der öffentliche Pranger gefährdet unsere Freiheit mehr als das Vergehen eines Einzelnen, der allein rechtlich dafür zur Verantwortung gezogen werden sollte, warum auch das Verhalten der New York Times hier mehr als zweifelhaft im Sinne ihrer sonst guten und aufklärerischen Tradition ist.

Am schlimmsten aber daran ist, dass diese vermeintliche Verteidigung der Frauen bei gleichzeitiger Einrichtung und Etablierung des Netzes als öffentlicher Pranger, nur die Falschen stärkt und dem Lager um Trump etwa Auftrieb gibt, weil der Weinstein Skandal die vielen um Trump vergessen macht. Ist es das wirklich wert?

Gönne auch Diven ihre Rache aber auch nicht mehr als jedem Menschen in den Grenzen des Rechtsstaates und der Fall Kachelmann mahnt zur Vorsicht, auch das können wir den USA zu Bedenken geben. Die Verteidigung des Rechtsstaates ist hier die Verteidigung der Freiheit. Der Pranger ist abgeschafft und auch als es ihn noch gab, war er nur eine Strafe für  öffentlich bereits verurteilte Täter, nicht für Unschuldige, als was Weinstein weiterhin zu gelten hat.

Wer die Freiheit nicht achtet, zeigt sich der Nutzung des Netzes unwürdig und dies sollte ihm auch deutlich so gesagt werden. Das Schwein soll bestraft werden, ist eben nichts als gesundes Volksempfinden und das Gegenteil von Gerechtigkeit und das, was wir hier unbedingt nun vermeiden sollten. Lassen wir die Juristen ihre Arbeit tun.

jens tuengerthal  21.10.2017

Sexwahr

Was ist der wahre Sex
Ist es nur der Höhepunkt
Zu dem jeder mal kommt
Irgendwie meist für sich

Wenn dies zu zweit geschieht
Würde ich es Vorspiel nennen
Solange es nicht zusammen
Beiden zugleich dabei kommt

Dachte früher die meisten hätten
Irgendwie Sex miteinander mal
Das wäre völlig normal doch
Welch leichtfertiger Irrtum

Manche Frau schon sagte mir
Zärtlichkeit sei viel wichtiger
Da wusste ich eigentlich schon
Sie hat nie wahren Sex gehabt

Die wenigsten erleben es je
Solches Glück ist eine Gnade
Wenn Natur perfekt mal passt
Was leider die Ausnahme ist

Dann kannst du dich riechen
Magst immer dich schmecken
Spürst den Höhepunkt kommen
Bist dabei ganz miteinander

Las davon wie viele Frauen
Es nur spielten zum Ende
Damit er endlich Ruhe gibt
Wolle es nie im Leben glauben

Heute weiß ich es ist sehr selten
Die Ausnahme von der Regel
In der sich nur befriedigt wird
Wie onanieren halt miteinander

Wer dies Glück findet ist selig
Mehr gibt es nie zu erreichen
Alles andere eher entbehrlich
Onanieren geht besser allein

Wie glücklich preise ich mich
Dies immer erleben zu dürfen
Sogar in der Ferne synchron
Noch kommen zu können

Was soll Treue für alle jene
Die dies Glück nie kennen
Sex für sich bleibt beliebig
Wer einmal teilte bleibt dabei

Wenn du dies errungen hast
Sich eins zum anderen fand
Braucht es nicht mehr sonst
Treue ist einfach nur logisch

Wozu sich noch probieren
Wenn es besser nie wird
Genieße ganz was du hast
Sonst suche lieber weiter

Es gibt die und den einen
Wo alles einfach nur passt
Natur so zusammengehört
Dann hast du wohl alles

Weiß darum und genieße es
Behalte es ganz für mich nun
Wie ich ihr gänzlich gehöre weil
Beide wissen besser wird es nie

Hier ist die Treue keine Pflicht mehr
Sie ist die logische Konsequenz da
Wer einen Schatz findet ihn hütet
Denn mehr gibt es nicht im Leben

Lehne mich gelassen zurück
Bin zufrieden mit dem Leben
Habe alles Glück nun erreicht
Und genieße es völlig zu zweit

jens tuengerthal 20.10.2017

Freitag, 20. Oktober 2017

Erregungen

Früher regte sich auf, wer wichtig war, um seiner Rolle zu entsprechen, wie ein Franz Josef Strauß, ein Wehner und andere mehr, die sich politisch anbrüllten. Heute hat gewonnen, wer gelassen bleibt und Selbstbeherrschung zeigt. Ist das Konsequenz der weiblicheren Politik unter Merkel oder die logische Folge der menchlichen Erfahrung?

Das Frauen weniger hysterisch wären, kann ich aus aller Erfahrung nicht unbedingt bestätigen, auch wenn die auf Freud zurückgehende Benennung nach der Gebärmutter, der Hysteria, für diese psychische Störung zu weitgehend und einseitig ist, nur dem schlichten Begriffsschema der Psychologie entspricht, die als Glaubensform mit ihrem Katechismus vom Unterbewusstsein nur den alten Glauben entsprechend ablöste und fraglich bleibt mit welcher menschlichen Verbesserung.

Die Kanzlerin aber ist sicher weniger hysterisch, als die meisten Männer, weil sie die Dinge vernünftig und gelassen angeht, eine große Führungspersönlichkeit eben ist, wie wir heute urteilen. Doch noch in meiner Jugend, in der Brandt, Schmidt und später Kohl Kanzler waren,  galt ein völlig anderer Umgangston, wurde sich hysterisch angebrüllt im Bundestag.

Auch der Umgang mit dem anderen Geschlecht war noch ein anderer. Einerseits galten noch bestimmte Regeln der Höflichkeit, war es normal, einer Dame die Tür aufzuhalten, ihr in den Mantel zu helfen und ähnliches mehr, wofür ich heute schon sehr komisch angeschaut werde, wenn ich es weiter als ganz normal zelebriere. Dafür nahmen sich andererseits so einige Herren in höherer Verantwortung gegenüber den Damen Dinge heraus, die sie heute ihren Job kosten würden, zumindest wenn sie bekannt werden, wie der Fall Weinstein uns gerade lehrt.

Denke ich an die Geschichten, die meine Mutter über den Grapscher Willy Brandt, der häufiger im Bremer Parkhotel zu Gast war, in dem sie bis zu meiner Geburt noch als Empfangsdame arbeitete, gibt der einst Friedensnobelpreisträger für den Kniefall zu Warschau ein ganz anderes Bild ab. Ein unbeherrschter Typ, der nach Belieben nach Zimmermädchen und anderen grapschte, weder Benehmen noch Contenance hatte, sich alle  Getränke und Damen auf Senatskosten liefern ließ - ein chauvinistischer Widerling wie Trump, was dem Vorbild so vieler Sozialdemokraten wohl keiner zugetraut hätte.

Aber auch diese Veröffentlichung wird nichts an der weiter Willy Anbetung der Sozen ändern, die besonders, was sie selbst angeht, immer sehr unkritisch waren. Vielleicht suchen sie noch den Feind im eigenen Bett - die bösen Seeheimer gegen den linken Flügel - aber mal hinterfragen, warum bisher nur die CDU eine Kanzlerin stellte, Frauen für aussischtsreiche Ämter vorsah und real erst die Kinderbetreuung durch Ursula von der Leyen frauenfreundlich reformierte, können die Frauen der Sozis aus dem AsF vermutlich selbst nicht beantworten, die lieber weiter Eierwärmer für ihre 100%igen Vorsitzenden stricken.

Betrachten wir den Umgangston und die Riten miteinander, ändert sich gerade wieder sehr viel. Der Umbruch von der patriarchalen Struktur der Gesellschaft, die mit Macht und Kraft führte, zu einem weiblicheren Führungsstil, der auf Ruhe und Qualität setzt, Egalität eher fördert als den Rudelkampf, wird die Gesellschaft als ganzes verändern. Die Sozen haben die Chance Andrea Nahles dies erreichen zu lassen und damit endlich wieder konkurrenzfähig zu werden, nachdem sich genug unfähige, trockengelegte Typen die Hörner abgestoßen haben und immer weiter in den Keller sanken.

Das kann ich nun schlecht oder gut finden, es wird dennoch geschehen und ist längst im Gang. Die Revolution Merkel kommt nicht mit Trompeten und roten Fahnen, sondern dezent durch die Hintertür, leugnete selbst als Physikerin zunächst alles feministische in ihrer Politik, gibt sich scheinbar konservativ und lässt es dann gut organisiert laufen.

Manche Männer fürchten nun um ihre klassische Hosenrolle, was Vereine wie den AfD für eine kurze Zeit größer macht, als es der realen Stimmung in der Bevölkerung eigentlich entspricht, da die Fanatiker immer eher noch wählen als die Mehrheit derer, die einfach nur ihre Ruhe wollen und oben eine zuverlässige Beamtin, die ihre Pflicht preußisch korrekt erledigt.

Der Wechsel der Modelle ging schleichend vor sich und manche haben es bis heute nicht verstanden -  so etwa die SPD, die ihren natürlich männlichen Kandidaten und Vorsitzenden von seinem Vorgänger per Königswahl bestimmen und sich vorsetzen ließ und danach den neuen Vorsitzenden und Kandidaten, den die Herren im Hinterzimmer bestätigten, auftragsgemäß bejubelte und mit allergrößter Mehrheit wählte.

Auch ein Seehofer spielt immer wieder gern die Bierzeltmachtspielchen in straußscher Manier, um scheinbar die Kanzlerin vorzuführen, die ihn am viel längeren Arm wieder verhungern lässt mit ihrer Gelassenheit. Das sehen viele nie, die nur auf den Lärm achten, weil Frauen, wenn sie so gut und klug wie Merkel sind, eher mit Zwischentönen leise führen, statt das große Theater zu beginnen. Diese Form der Führung hat die Macht und alle Hebel leise übernommen, statt mit großem Trara und es gibt kein zurück.

Schröder machte nach der Wahl Merkels betrunken noch in scheinbarer Unkenntnis der Zahlen peinliches Theater, während die nächste Kanzlerin gelassen blieb, seine Lächerlichkeit blieb und er wurde zum Almosenempfänger von Putins Gnaden und die SPD schafft es bis heute nicht, hier klar Position zu beziehen. Vorher hatte ihr Stoiber die erste Kandidatur geraubt und nochmal verloren, bis sie endlich selbst antrat und am Ende gewann.

Es gibt nichts spektakuläres zu Merkel und ihrer Führung zu berichten. Keine bunten Schlagzeilen wie bei den Geliebten der französischen Präsidenten. Niemand würde sie der Bestechlichkeit verdächtigen. Auch ihre Freundschaft zu den beiden mächtigsten Medienfrauen im Land, Friede Springer und Liz Mohn, gilt als völlig unverdächtig, weil sie sich keine Loge auf dem Wiener Opernball von VW zahlen lässt, nicht öffentlich Havannas raucht und ähnliche Rituale verbliebener Männlichkeit mehr. Sie braucht auch keinen Sportwagen und das sie im Wahlkampf Regierungsflieger nutzte, war nur ein Scheinskandal, denn was sollte die immer Kanzlerin sonst tun?

Korrekt, zuverlässig, in aller Ruhe, den Regeln gemäß, ohne Profilierungssucht oder das Bedürfnis besonders zu glänzen, nur in Ruhe und gelassen, erledigt sie pflichtbewusst ihre Arbeit, lässt sich als größtes Ereignis für den Regenbogen einmal im Jahr in Bayreuth sehen, um Wagner zu lauschen und liest im übrigen gern oder wandert ein wenig.

Sie gibt ehrlich gesagt, keinen wirklichen Grund zur Erregung. Der von Russland finanzierte und medial gesteuerte Hass der Pegiden ist darum kein echter, sondern eine bloß lächerliche Verschwörung der Narren, die sonst dem öffentlich rechtlichen Rundfunk ständig vorhalten, er würde Fake verbreiten. Unangreifbar wie Teflon, bleibt nichts an dieser Frau haften.

Könnte mich nun fragen, ob das ihrem Geschlecht entspricht oder eher nichts damit zu tun hat, wenn mir nur ein Mann von dieser Machtfülle und Gelassenheit als politisches Gegenüber einfiele. Die Kanzlerin handelt so, wie es Kant als Ideal im kategorischen Imperativ beschreibt, sie entspricht ihrem Vorbild Katharina der Großen und übertrifft diese als demokratisch gewählte Herrscherin sogar noch, weil sie sich sogar noch für ihren Kurs die Bestätigung des Volkes holt.

Mit dem Humboldt Forum fördert diese aufgeklärte Herrscherin noch die neue museale Enzyklopädie einer globalen Welt, auch wenn kleingeistige Berliner Bürgermeister nun für eine Epoche lieber Nabelschau betreiben - sie hat mit ihrer Freundin Monika den Kurs bestimmt, ohne dabei größer als gerade nötig in Erscheinung zu treten, die Nachwelt soll sie loben, sie hält sich lieber an das ach so preußische Motto des Feldmarschalls Moltke, viel  leisten, wenig in Erscheinung treten.

Weiß nicht, ob es ihr heimlich Freude macht, diese ganzen Testosteron gesteuerten Hengste in der Politik mit ihrer Gelassenheit immer wieder vorzuführen, bis alle irgendwann auf ihren Kurs einschwenken, zumindest bestätigen so egal wo auf der Welt immer wieder alle die deutsche Kanzlerin, die so ganz anders ist als etwa ein Bismarck, der ständig von einem cholerischen Anfall zum nächsten hechelte, den Kaiser erpresste und so manche Entscheidung unter Einsatz seines Lebens verfocht, als ginge es darum und nicht nur um die Macht, an der er klammerte, bis Wilhelm II. ihn absetzte ohne eine Alternative zu haben.

Die Kanzlerin erregt sich nicht sonderlich, zumindest nicht nach außen, auch wenn sie nach innen streng auf die Einhaltung ihrer Vorgaben achten mag, dazu ist sie auch zu sehr Preußin, aber sie hat keinerlei Gockelgehabe, möchte niemand ihren geschwollenen Kamm präsentieren und muss nichts gewinnen, außer Wahlen, die sie auch lieber verwaltet und das macht die sonst im immer hormonellen Kampf befindlichen Männer fast wehrlos. Sie wissen nicht, wie sie darauf reagieren sollen, kampflos geschlagen zu werden.

Die Taktik ist schlicht genial. Sie erfordert etwas Geduld und gute Nerven, wobei hilft, nicht alles so ernst zu nehmen, was manche von sich geben, auch nicht persönlich. Dann werden sich die anderen schon irgendwann von alleine völlig nervös blamieren und sie bleibt solange sitzen, bis sie gewonnen hat, dann zieht sie ihre Figuren auf dem Schachbrett und schlägt damit zugleich wieder Wurzeln an anderer Stelle, flicht ihr Netzwerk und die nervösen Männer zappeln nur und wissen kaum, wie ihnen geschieht.

Das ist vielleicht das Geheimnis des Systems Merkel, mit dem sie auch die kommenden Koalitionsverhandlungen gelassen überstehen wird. Sie lässt, die Gockel sich aufblasen, dann schreien sie ein wenig herum und sie nickt dazu freundlich, wartet ab, bis alle keine Luft mehr haben, fragt dann ganz realistisch, wie das nun alles funktionieren soll, was denn alternativlos wäre und hat damit gewonnen.

Wer dieses Prinzip als Mann verinnerlicht, wird sich nicht mehr unnötig erregen, nur noch dann, wenn es beiden Seiten Lust bereitet, was ja nie unnötig ist, sondern die Dinge geschehen lassen. Gelassenheit ist der Schlüssel zu guter Führung.

Habe irgendwo ein Micky Maus Heft, in dem Goofy unter asiatischer Namensvariante eine Kampfsportschule als Meister führt, in die Micky als junger Heßsporn zur Ausbildung kommt. Kater Karlo ist natürlich der Bösewicht, der mit seinen Räubern angreift, wogegen  sich Goofy als Meister nicht verteidigt, sondern ihn erstmal nur machen lässt und am Ende gewinnt natürlich doch Goofy dank der größeren Gelassenheit, die vorher alle Gegner nervös macht.

Dies sollten wir Männer uns merken, wenn wir erfolgreich von Merkel lernen wollen, wie Führung heute funktioniert und warum Imponiergehabe sich nahezu erledigt hat, ein neues Zeitalter unter der Führung einer Frau anbricht. Vielleicht gibt es auch Frauen, die zu männlichem Imponiergehabe und Drohungen neigen, auch da würde mehr Gelassenheit statt schematischer Muster helfen, langfristig erfolgreicher zu sein und vermutlich gelassen glücklicher. Denke ich an die Kanzlerin, habe ich das Gefühl, sie kann in den Spiegel schauen und mit sich zufrieden sein, ohne sich oder anderen etwas vormachen zu müssen, sei es auch nur rituell, stelle ich mir sie als einen glücklichen Menschen vor, der einen Weg ging, der mit Ruhe Früchte trägt, auch wenn ich mir sicher bin, dass es noch lange dauern wird, bis alle es begriffen haben.

Das System Merkel hilft überall im Leben, ob bei Eifersucht, Neid, Konkurrenz, fiesem Mobbing und anderen unangenehmen Erfahrungen. Üben wir uns in Gelassenheit, sein wir uns sicher, warten wir ab, wenn es gut für uns ist, kommt es auf uns zu und wählt uns aus, wenn nicht, lohnt es die Mühe ohnehin nicht mehr.

jens tuengerthal 20.10.2017

Nachtliebe

Liebesnächte kennen wir schon
Lustvoll geteilt um verschlungen
Ineinander danach einzuschlafen

Nun schlafen wir getrennt ein
Zumindest räumlich leider noch
Bis du von deiner Insel kommst

Doch näher als nah fühle ich dich
In mir voller Sehnsucht und Liebe
Jetzt wo ein Teil von mir fehlt

Wie schmerzvoll ist es doch
Sich lange vermissen zu müssen
Wir fühlbar groß wird die Liebe

Könnte unendlich wohl leiden
An dem was mir nun fehlt
Ohne dass es etwas änderte

Darum freue ich mich lieber
Mehr an der geteilten Sehnsucht
Fühlt sich weniger einsam an

Was wir haben ist für immer
Da sind Wochen nur wenig
Geduldig warte ich was kommt

jens tuengerthal 20.10.2017

Friedrichsstraßig

Von Kreuzberg aus ging es am frühen Vormittag wieder in Richtung auf den heimatlichen Prenzlauer Berg, dabei die ganze Friedrichstraße hinunter und über drei Friedhöfe am Wegesrand, des schönen Herbstlaubes wegen. In Summa waren es etwas über 18 km bei immer strahlenderer Sonne ein Flanieren durch die Stadtmitte mit erstaunlich viel Grün dazwischen.

In der Jüteborgerstraße ging ich los, wo ich zuvor noch einen sehr frühen Termin mit meiner wunderbaren Tochter zu erledigen hatte und flanierte von dort oben mitten durch den Bergmannkiez hinab. Verschlafen sahen um diese frühe Stunde wenig nach acht Uhr noch die meisten Gesichter hier aus. Aber anders als auf dem heimischen Berg. Kreuzberg hat die ältere alternative Szene, die lange vor der Wende bestand, dort in der Nische am Rand der Mauer nach Ostberlin ihr eigenes Dasein geführt und teilweise bis heute überlebt,. Es gibt dort mehr Menschen über fünfzig oder älter, die sich noch irgendwie jugendlich fühlen und so leben wollen. Daneben gibt es eine große türkische und arabische Gemeinschaft, die teils daneben einfach ihr eigenes Leben lebt und sich teils an die freie Szene dort angepasst hat, ausgesprochen locker ist.  Es wird sich toleriert und meist freundlich bis liebevoll miteinander umgegangen.

Von der Jüterboger Straße führt die Friesenstraße direkt zur Marheineke Markthalle, die wiederum an der Bergmannstraße liegt, welche dem ganzen Kiez seinen Namen gab. Der Bergmannkiez ist voller Kneipen, Secondhand Läden und anderen Orten der typisch Kreuzberger-Kultur mit ihrem alternativen Flair, der langsam immer schicker und gediegener wird, sich dagegen aber auch wehrt und gerne noch etwas schlampig tut, weil sie ja schon immer die Schmuddelkinder spielen und nicht hipp sein wollen.

Durch die Markthalle zu flanieren, ist auch am Morgen herrlich, wenn die Stände frisch aufgebaut werden, die Anwohner sich ihre belegten Schrippen beim Bäcker holen, der bretonische Käse und die südfranzösische Wurst noch etwas zu intensiv duften, das Obst noch frisch und prall in den Auslagen liegt. Mag dieses Kreuzberg irgendwie, mit seiner alternativen Szene erinnert es mich an ein Museum meiner Kindheit in den 70er Jahren und so fühlt es sich auch in manchem an, dort hindurch zu laufen.

Im Mittelalter noch lag Kreuzberg außerhalb der Doppelstadt Berlin Cölln, die eben die Insel mit einschloss. Es gehört heute neben Neukölln, Friedrichshain, Gesundbrunnen und Prenzlauer Berg zu den am dichtesten besiedelten Gebieten Berlins und die Bebauung erstreckt sich teilweise bis in den vierten Hinterhof. Im 19. Jahrhundert erweiterte sich Berlin südlich um die nördlichen Teile des heutigen Kreuzberg. Namensgeber der großen Straßen waren damals die Helden der Befreiungskriege wie Yorck von Wartenburg und Gneisenau oder die Schlacht bei Waterloo, nach der das Waterloo-Ufer heißt, auch wenn es nur das Hauptquartier von Wellington war, das 1947 erst in Mehringdamm umbenannt wurde.

Wichtig im Städtebau war das 1821 eingeweihte Nationaldenkmal auf dem namensgebenden Kreuzberg. Die damals noch Tempelhofer Berg genannte, immerhin 66 m hohe Erhebung, lag mitten in den Feldern vor der Stadt und auf ihr wurde nach Plänen von Schinkel ein Denkmal in der Form eines Eisernen Kreuzes errichtet, um an die Befreiungskriege gegen Napoleon zu erinnern, die später auch der Beginn von Preußens Aufstieg zur Großmacht waren, wenn auch Friedrich der Große eigentlich die strategische Grundlage dafür mit der Eroberung Schlesiens legte.

Auch nach der Eingemeindung in Groß-Berlin 1920 hieß der Bezirk zunächst Hallesches Tor und wurde erst später nach dem Berg mit dem Kreuz benannt. Im 2. Weltkrieg schlugen sich die verbliebenen Nazis noch lange mit den anrückenden Russen um diesen Bereich, wobei es nur um wenige blutige Tage ging und manche Kommandeure noch Hitlers Politik der verbrannten Erde folgten und so etwa das Kaufhaus Karstadt am Hermannplatz in die Luft sprengten, wie es die dortige SS tat.

Nach dem Krieg wurde ein großer Teil des ehemaligen Bezirks dem amerikanischen Sektor zugeteilt. So war auch der wichtigste Übergang in den Osten der Checkpoint Charlie in der Friedrichstraße - aber dazu, wenn ich später beschreibe, wie ich diese vollständig entlang flanierte oder auch nicht, denn eigentlich ist er nur noch Geschichte, besser nachzulesen. Kurz davor kreuzt die Kochstraße die Friedrichstraße, der östliche Teil heißt heute Rudi Dutschke Straße, um an die studentischen Unruhen zu erinnern, die eine Auslieferung der Springerpresse verhindern wollte, die am anderen Ende der Kochstraße gemacht wurde. Bei den sogenannten Osterunruhen kam es damals zum Anschlag auf den Studentenführer Rudi Dutschke. Aus der Wut darüber radikalisierte sich ein Teil der Studenten weiter, was direkt oder über Umwege in den Untergrund führte, in dem dann der Terror der RAF entstand, der die 70er Jahre prägen sollte und den damaligen Kanzler Helmut Schmidt als unnachgiebig hart zeigte. Wie weit die RAF von der Stasi finanziert, ein Produkt östlicher Geheimdienste war wie es Pegida heute ist und Teile der Linken immer noch lieber ihre Anweisungen und Gelder aus Moskau erhalten, dass aber auch AfD und NPD finanzierte als umfassend radikaler Brandstifter, sei hier dahingestellt, wichtiger war mir auf die vielen brandheißen Stellen in der deutschen Geschichte in diesem kleinen Bereich hinzuweisen.

Heute sind fast ein Drittel der Einwohner Kreuzbergs Migranten. Teils türkischer Abstammung und deren Nachkommen. Ab 1987 war Kreuzberg für seine regelmäßigen massiven Straßenschlachten zum 1. Mai berühmt. Die Gewalt ist eher ritualisiert und ein mediales Ereignis, wurde durch Veranstaltungen wie Myfest aufgefangen. Dabei geht es weniger um politische Motive als um die Suche nach Randale und Abenteuer wie auch in Hamburg - typisch jugendlicher Irrsinn ohne tiefere Bedeutung, nichts was größerer Aufregung noch wert wäre.

Seit 1925 hat sie die Zahl der Einwohner Kreuzbergs ungefähr wieder halbiert und lag 2013 bei 152.000. Regiert wird Kreuzberg durch die traditionell starke alternative Szene in den letzten Jahren Grün, vorher Rot, auch wenn es sogar Bürgermeister aus der CDU gab.

Vom Marheineke Platz aus folgte ich der Zossener Straße Richtung Landwehrkanal, um am Ende die Friedrichstraße, die am Halleschen Tor beginnt, in voller Länge zu laufen. Überquerte dazu die Gneisenaustraße und flanierte weiter, bis mich die Friedhöfe am Halleschen Tor magisch anzogen und nach Westen in den Friedhof abbiegen ließen. Die Friedhofsanlage liegt zwischen Mehringdamm und Zossener Straße. Es sind dort mehrere Friedhöfe noch außerhalb der Berliner Zollmauer auf einem Gelände heute zusammengefasst. Insgesamt sechs Friedhöfe wurden so vereint, von der Dreifaltigkeitsgemeinde bis zu den Herrnhutern. Auf dem Friedhof sind insgesamt 28 Mitglieder der Familie Mendelssohn bestattet worden, die in Berlin und weit darüber hinaus eine große Rolle spielten. Daneben finden sich dort noch die Gräber des Architekten Knobelsdorff, mit Moehsen der ehemalige Leibarzt Friedrichs des Großen und des Geodäten Gauß sowie anderer mehr oder weniger berühmter Berliner. Schön war es, bunt war es und die Sonne schien durch den noch leichten Dunst am Morgen, der über dem Friedhof schwebte, auf dem ich noch wenig andere Besucher traf. Durch die Grünanlage zwischen Blücherstraße und Waterloo Ufer, ging es Richtung Landwehrkanal. An der Stelle, an der sich die Straße von Waterloo Ufer in Tempelhofer Damm umbenennt, überquerte ich sie in Richtung Kanal und die dort gelegene Brücke direkt an der U-Bahn Station Hallesches Tor.

Die U-Bahn ist dort wie im zentralen Prenzlauer Berg eine Ü-Bahn eigentlich, die auf einem Gerüst überirdisch am Kanalufer entlang fährt und sich am Halleschen Tor mit der tatsächlich U-Bahn in Richtung Tempelhof kreuzt. Ging an dieser verkehrsumtosten Stelle über die auf der anderen Seite des Kanals gelegene Straße Hallesches Ufer und kam am Mehringplatz in eine seltsame Siedlung, die das Ende der Friedrichstraße bildet. Das dortige Neubaugebiet ist ein sozialer Brennpunkt und also ein neudeutsch Präventionsgebiet genanntes Viertel. Angelegt wurde der Platz bei der Erweiterung Alt-Berlins um 1730. Von 1734 bis 1815 hieß der Platz noch in alter Schreibweise Rondel am Halleschen Thore - daraus wurde dann nach dem Sieg von Wellington und Blücher bei Waterloo über Napoleon der Belle Alliance Platz.

Belle Alliance und Waterloo meinen die gleiche Schlacht, die nur Blücher und Wellington unterschiedlich nach ihren jeweiligen Hauptquartieren nannten. Der Brite saß bei dem belgischen Dorf Waterloo, der Preuße auf dem Gehöft Belle Alliance und Wellington hoffte noch, dass es Nacht wird und die Preußen kommen, was sie ja bekanntlich taten - aber eigentlich ist es der gleiche Ort um die letzte Schlacht Napoleons bevor er verbannt wurde. Dieser siegreiche nationale Taumel gegen die Franzosen, schien der Regierung von Berlin nach 1945 nicht mehr angebracht und so wurde der die Friedrichstraße abschließende Platz zum Mehringplatz nach Franz Mehring, dem Publizisten Politiker und marxistischen Historiker, was Grund genug heute für eine Rückbenennung in Belle Alliance wohl wäre, zumal Mehring heute als Antisemit gilt.

Auf dem Platz mit den seltsam wechselnden Namen steht eine Viktoriasäule mit dem Namen Friedenssäule, sie wurde nach einem Entwurf von Cantian noch unter der Regentschaft Friedrich Wilhelms III. errichtet, ist so als ein Denkmal für die Befreiungskriege zu sehen, auch wenn der Platz nun nach einem ollen, antisemitischen Marxisten heißt - Berlin eben, wollen sie was verbessern und machen es am Ende noch schlimmer und nichts wirklich.

Aus einem Brunnen erhebt sich die Säule aus schlesischem Marmor, erzählt von der Zeit, als Schlesien noch nicht polnisch war. Die Viktoria, die auf der Säule balanciert, ist ein Abguss von Rauchs zweiter Charlottenburger Viktoria, die wiederum nach dem antiken Vorbild einer 1823 in Pompeji gefundenen kleinen Nike aus Bronze entstand. Eingeweiht wurde die Säule mit deren Bau zugleich das howassergefährdete Gebiet unterkanalisiert und angehoben wurde zum 20. Jahrestag der Schlacht bei Großbeeren, bei der sich die Preußen erfolgreich den Franzosen entgegenstellten am 3. August 1843. Die Spülung der Kanalisation erfolgte durch den Brunnen um die Säule, die so auch einen praktischen Zweck zumindest verfolgte. Die Truppen des preußischen Heeres waren zur Schlacht bei Großbeeren übrigens durch das Hallesche Tor aus der Stadt abgezogen, warum die Erinnerung doppelt passte.

Ende des 19. Und zu Beginn des 20. Jahrhunderts bot der Belle Alliance Platz großbürgerlichen Wohnkomfort vom feinsten. Die Gegend galt damals als vornehm - wie schnell sich Zeiten doch ändern oder verkehren. Nach Ende des Zweiten Welkrieges wurde der Platz als total zerstört eingestuft. Den Wettbewerb für die Bebauung gewann Hans Sharoun, der eine bewohnbare Stadtlandschaft schaffen wollte, was sichtbar wird, wenn du durch das seltsam anmutende Rondel heute läufst. Als der Schüler Scharouns nach dem Tod des Meisters übernahm, hatten sich die politischen Vorgaben vollständig verändert und es ging mehr darum, sozialen Wohnraum zu schaffen, was so manche baulichen und ästhetischen Verbrechen der 60er und 70er begründen sollte, für die kein Politiker oder Architekt je haften musste.

Die Gestaltung ist wieder typisch, nett gedacht aber schlecht gemacht und so wundert der hohe Drogen und Alkoholkomsum dort nicht, um diese für viele vermutlich Wohnhölle zu ertragen, die einst beste bürgerliche Wohngegend am Halleschen Tor war und heute eher 1-Euro-Läden und Spielhöllen neben gammeligen Döner Läden beherbergt am Kreuzberger Ende der Friedrichstraße um die Ecke vom Willy Brandt Haus. Einen der Billigläden mit sehr freundlichem Personal besuchte ich auch und fand erstaunlich gute Schnäppchen. Hier, kurz vor Beginn der teuren Friedrichstraße, noch in Kreuzberg, im alten Westberlin, bevor es in Mitte schick wird.

Die Friedrichstraße wurde übrigens nach dem Kurfürsten Friedrich III. von Brandenburg benannt, dem Großvater des Alten Fritz, der später König Friedrich I. in Preußen wurde und dessen Frau Charlottenburg ihren Namen gab.

Die Friedrichstraße beginnt am Oranienburger Tor, der Kreuzung von Friedrichstraße mit Torstraße und Hannoverscher Straße. Sie überquert die Spree an der Weidendammbrücke und unterquert den Bahnhof Friedrichstraße, sehen wir von dessen großen unterirdischen Areal einmal ab. Dieser Bahnhof, der zu DDR Zeiten auch Bahnhof der Tränen hieß, ist typisch für Berlin, weil er für die perfide Trennung und Teilung Berlins durch die Kader der SED stand, deren Nachfolger heute als sogenannte Linke im Bundestag angeblich für moderne linke Politik stehen wollen - aber das totalitäre Gedächtnis vieler Menschen scheint sehr kurz.

Die letzte Regierung der DDR versuchte noch mit ihren bescheidenen ästhetischen Mitteln die Friedrichstraße zu einem urbanen Boulevard auszubauen, an seine große Geschichte im Berlin der 20er anzuknüpfen. Die Gerüste ihrer Versuche wurden nach der Wende abgerissen. Im übrigen halten sich die durch den Sozialismus verursachten Schäden an der einstigen Prachtstraße, der ich mich von Süden kommend näherte, in überschaubaren Grenzen. Anders als beim vollständig verschandelten Alexanderplatz, der städtebaulich ein toter Aufmarschplatz ist, wie er den Hirnen totalitärer Sozialisten nur entsprungen sein kann und wie wir diesen Ausbund an Hässlichkeit überall im ehemaligen Ostblock finden können.

Diese deutliche ästhetische Kritik ändert nichts an der Anerkennung der Lebensleistung vieler Ossis, es stellt nur den primitiven Geschmack ihrer Führung in die richtige Reihe, der sogar noch den des Nationalsozialismus unterbot, wofür die meisten nichts konnten und der eben systemimmanent war, warum dringend die verbliebenen Sünden dieser Zeit entfernt werden sollten, um wieder mehr Schönheit Raum zu geben, statt sich in Ostalgie zu ergehhen.

Ein Beispiel dafür wäre das grässliche Thälmann Denkmal am Rande des gleichnamigen Parks in Prenzlauer Berg. An Thälmann, den Held der östlichen Pioniere, der real einer der Mörder der Weimarer Republik war, den aber nicht mal Stalin von Hitler wieder wollte, sollte nicht mehr öffentlich erinnert werden und bevor der Denkmalschutz auf die Idee kommt das Grauen der DDR weiter für schutzwürdig zu erklären, sollte der Schönheit wieder Freiraum zur Entfaltung gegeben werden. Wie sehr diese Orte mit größter Erbitterung von Politikern der Linken verteidigt werden, zeigt deren wahre Wurzeln und macht jeden weiteren Diskurs überflüssig. Wir stellen in der Demokratie keine grauenvollen Denkmale ihrer Feinde auf sondern beseitigen die totalitäre Ästhetik vorheriger Diktaturen so schnell wie möglich - doch dieser demokratische Tenor ist in der Berliner SPD, die gern auf Kuschelkurs mit der Linken geht, nicht mehrheitsfähig, was sie logisch unwählbar für mich als ehemaliges Mitglied sogar machte.  Aber genug vom Grauen, wenden wir uns lieber wieder der Geschichte und den Wegen dieses Prachtboulevards zu, der Unter den Linden in ihrer Mitte kreuzt.

Das Viertel bis zum Brandenburger Tor, das Ende des 17. Jahrhunderts in Planquadrate eingeteilt wurde, hieß nach der zweiten Frau des Großen Kurfürsten, Dorothea Sophie von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg, was etwas lang wäre, schlicht Dorotheenstadt. Die zweitwichtigste Straße nach dem längst Prachtboulevard Unter den Linden war die große Querstraße, die zunächst auch genauso hieß. Sie reichte damals von der Weidendammer Brücke bis zur Behrenstraße. Als es um den Ausbau des neuen Viertels ging, beschied der Kurfürst Friedrich III., dass Querstraße kein anständiger Name wäre und sie darum seinen tragen sollte - wörtlich sagte er “ein anständiger Name muss es sein, der meinige.” Sich groß fühlen, scheint zu helfen, einmal Großer genannt zu werden, auch wenn der Alte Fritz weniger dazu neigte.

Danach wurde erweitert, gebaut und aufgekauft in dem neuen Stadtteil, der ab da den Namen Friedrichstadt trug. In diese Gegend waren meist Hugenotten gezogen, die durch ihr hohes handwerkliches Geschick, Reichtum und Ansehen des Herrscherhauses mehrten. Als der Soldatenkönig seinem Vater folgte, forcierte er den Ausbau der Friedrichstadt sogar mit militärischer Gewalt.  So konnte die Friedrichstraße schließlich bis zum Halleschen Tor südlich und bis zum Oranienburger Tor nördlich verlängert werden. Dabei können wir uns vorstellen, dass der Teil nördlich der zu diesem Zeitpunkt noch hölzernen Weidendammer Brücke, noch sehr ländlich eher war. Dafür wurden dann viergeschossige Kasernenbauten für das königliche Husaren Regiment dort gebaut. Infolge ließen sich erste Kontore und Manufakturen in der Friedrichstraße nieder.

Auch im Rahmen der Märzrevolution von 1848 spielte die Friedrichstadt eine Rolle. Hier, nahe der Caféhäuser, in denen zuvor viele Wochen debattiert wurde, fanden wichtige Barrikadenkämpfe ab, die auch den Abzug des königlichen Militärs aus der Stadt erzwangen.

Im 19. Jahrhundert gewann der Abschnitt zwischen der Weidendammer Brücke und dem Halleschen Tor immer mehr an Bedeutung. Es kamen teure Hotel, Restaurants und Künstleretablissments und mit ihnen immer mehr zahlende Gäste. Die Friedrichstraße war um 1900 ein Haupthandelsplatz für Edelsteine und Gold und zugleich ein Zentrum der Berliner Prostitution, wie ich sie, als ich vor 17 Jahren in die Stadt zog noch am 17. Juni und auf der Oranienburger erleben durfte und die der Stadt mehr Flair gaben als die immergleichen Ketten und gefegten Bürgersteige.

Martin Heidegger, der philosphische Lehrer der großen Hannah Arendt, der sich auch mit den Nazis gut engagierte und sie bejubelte, schrieb seiner Frau im Juni 1918 über die Friedrichstraße:

„Eine solche Luft künstlich hochgezüchteter, gemeinster u. raffiniertester Sexualität hätte ich nicht für möglich gehalten, ich verstehe aber jetzt Berlin schon besser – der Charakter der Friedrichstraße hat auf die ganze Stadt abgefärbt […] Die Menschen hier haben die Seele verloren.“
– Martin Heidegger: Mein liebes Seelchen!

Ein Philosoph, der moralisch empört über Seelen schwadroniert, fühlt sich mit Sicherheit bei den eher hausbackenen Nazis wohler als in einer mondänen Weltstadt, in der leider zu oft kleine Geister die Regierung mitbestimmen, die sich mehr fürchten, als der Energie der Stadt, genug Raum zu geben, sich genial hier zu entfalten, wie es allein zu dieser Stadt passte. So viel zu Weltgeist und Enge.

Folgte der Friedrichstraße nun von Süden, also ihrem Ende gen Norden zu ihrem Anfang und kam also zuerst durch die Fußgängerzone mit den meist eher bedürftiges Klientel ansprechenden Läden, die teilweise auch orientalisches Gold und falschen Glitzer anboten, woran wir sehen, wie sehr die Umgebung den Ort auch prägt.

Bis zum Checkpoint Charlie, der alten Zonengrenze, die heute noch museal wach gehalten wird mit als amerikanische Soldaten verkleideten Statisten, wird es, bis auf einzelne Bauten, nicht sonderlich prächtig, dann steigt es von der Wertigkeit ein wenig bis zur Leipziger Straße hin an und macht nach dieser den Sprung nach oben in dem Stück zwischen Leipziger Straße und Unter den Linden. Danach kommt nur noch der Bahnhof Friedrichstraße, das Kulturkaufhaus Dussmann, das ich des Namens wegen für überschätzt halte und das einfach nur auf großer Fläche bietet, was jeder gute Buchladen auf kleinerer schöner präsentiert, einige Hotels und ein Revuetheater aber nicht mehr mit diesem Anspruch auf noble Exklusivität, den der Abschnitt hinter dem Gendarmenmarkt ausmacht, der neben der Galerie Lafayette, zahlreiche mehr oder weniger bekannte Designer und Juweliere beherbergt, bei dem VW mit seiner großen Repräsentanz des bunten Konzerns Unter den Linden den Abschluss bildet.

Viele Konsumtempel und Orte an denen auch wohlhabende schnell viel Geld los werden können, reihen sich aneinander, geben sich edel und wirken doch immer noch ein wenig neureich. Es ist eben nicht gewachsen diese Mitte, sie ist aufgesetzt und glänzt nur so, wie es entsprechende Orte in Paris oder London tun, wer ein wenig an der Fassade kratzt, spürt schnell den Geist der DDR auch hier noch auf, was aber dem kultischen Kapitalismus zumindest ein dialektisches Gegenbild gibt und so auch seine Art ästhetischen Wert wohl hat, zumindest soweit ich darüber nachdenke, wovon ich beim größeren Teil der Besucher nicht ausgehen würde.

Der Flair eines KadeWe fehlt dort einfach und diese viele Tradition kann eine schnell hingeworfene Galerie Lafayette auch nicht künstlich erzeugen, so sehr sie sich bemühen - vermutlich fehlt es auch am gediegen und selbstsicher schauenden Personal dort und sie nahmen stattdessen gut geschminkten, gerade noch ansehnlichen Durchschnitt dafür, der zumindest freundlich lächelt. Allein in der Lebensmittelabteilung des Lafayette kommt ein Gefühl von Weltstadt und internationalem Flair auf, tauchen wir genüsslich in diese edle Welt auch als nur ärmliche Besucher ein oder als betrachtende Flaneure.

Ersparte mir diesmal alle Konsumtempel, hatte ja noch zwei Friedhöfe im Hinterkopf und außerdem schmerzte die Hüfte noch vom unfreiwilligen Salto nahe der Charité am Vortag, als ich vor dem unerwarteten Bus flüchtete. So ging ich vorbei, betrachtete, nahm das eine oder andere Bild auf, ließ mich aber weder beeindrucken noch mitreißen vom Strom der dort angebotenen Gelüste.

Überquerte bald die Linden, genoß den Blick in westlicher und östlicher Richtung, ging weiter bis zu Dussmann, wo sich mein Besuch auf die kleine sehr überschaubare Abteilung schöner Bücher, insbesondere der Anderen Bibliothek beschränkte. Den Rest halte ich dort für völlig entbehrlich für Kulturmenschen, eher für eine Zumutung sogar. Fand den von der Liebsten gepriesenen Band der Brüder Goncourt, der schön aufgemacht wie immer, zumindest einen Reiz zum Konsum auf dieser ganzen Strecke für mich darstellte, sehen wir von dem Schnäppchen im etwas verwahrlosten 1-Euro Laden am Mehringplatz und den Delikatessen in der Markthalle ab, doch widerstand ich diesem und fühlte mich noch besser als die ewige Friedrichstraße am Oranienburger Tor endete und von da an als Chausseestraße weiter lief, was im Unterschied vermutlich nur bemerkt, wer es weiß und darum versteht, dass die Torstraße die Mauer war, hinter der es ins freie Land ging, in dem ursprünglich die Charité noch lag, in der auch viele Arme und Huren verkehrten, von den Soldaten mal abgesehen.

Merke schon, überall tauchen die Huren auf, die Berlin nun so bitterlich fehlen, dass die Stadt in reinlicher Langeweile immer mehr verliert vor allem von dem, was sie mal sexy machte und da mag es Clubs für jeden Sex geben, wie es will. Wer das älteste Gewerbe aussperrt, raubt der Stadt die öffentliche Erotik. Dies sage ich nicht, weil ich sie besuchen oder ihre Dienste konsultieren möchte - bewahre, kein Interesse mehr - sondern weil ich die Veränderung bemerke, die den wunderbaren Geist der Stadt, in die ich 2000 zog langsam unter sauberem Feminismus politisch korrekt erstickt. Berlin wird sterbenslangweilig, wenn es so weitergeht und dann werden Künstler sich neue Orte suchen, um sie zu beschreiben und anziehend zu machen und arm aber sexy ist dann nur noch Geschichte, dann bleibt nur arm aber ungebildet, was keine besonders anziehende Kombination ist.

Genug von den Huren mehr von den Friedhöfen. Als erstes kam nun der Dorotheenstädtische Friedhof in der Chausseestraße westlich gelegen in Richtung der alten Charité, an den noch der Friedhof der französischen Domgemeinde, also der Hugenotten, grenzt. Eigentlich heißt der Friedhof korrekt Friedhof der Dorotheenstädtischen und Friedrichswerderschen Gemeinden, liegt in Mitte und bedeckt 17.000 Quadratmeter. Auf ihm fanden zahlreiche bekannte Persönlichkeiten ihre letzte Ruhe, wie es im Slogan des Aberglauben so schön euphemistisch heißt. Es wurden und werden eben dort die Reste auch und gerade prominenter Toter entsorgt. Von Bertolt Brecht, der mit Helene Weigel noch im Grab kuschelt zu Heinrich Mann, der eher theoretisch dort liegt, bis zu Johannes Rau und Christa Wolf.

Der Friedhof wurde zwischen 1814 und 1826 noch mehrfach vergrößert, dennoch war bereits 1860 Schluss und er wurde wegen Überbelegung geschlossen und es durften nur bereits bezahlte Gräber weiter genutzt werden oder Promis ein Ehrengrab bekommen. So hat etwa die Akademie der Künste dort weiter ein Nutzungsrecht, was etwa Anna Seghers dort hinbrachte, wie immer wir diese Sozialistin ästhetisch beurteilen.. Hegel und Fichte reichen Schinkel und Schadow auf diesem kleinen aber feinen Friedhof die Hand, den ich mit besonderem Blick auf das schöne Laub in der Sonnne durchquerte. Betreten hatte ich den Friedhof übrigens nicht durch den üblichen Gang am Brecht Haus vorbei sondern über den Friedhof der französischen Domgemeinde, der sich allerdings längst weiter draußen an der Chaussee Straße noch erweiterte, wo der gute Theodor Fontane sein Grab neben seiner Frau fand. Dort lief ich an diesem Tag aber nicht mehr hin.  Stattdessen wieder durch das Romantiker Viertel mit Schlegel und Tieck Straße, um an deren Ende über die Bergstraße zum Friedhof Sophien II zu kommen, der direkt zwischen Invaliden und Bernauer Straße liegt und auch mit großen und wunderschön alten Bäumen bunt zu beeindrucken wusste.

Es ruht dort neben Carl Bechstein und Walter Kollo auch Max Stirner, ehemals als Atheist und Anarch in die letzte Reihe gestellt, hinter der nur noch die Nonnen des gegenüberliegenden Klosters kamen, nun nur noch sehr weit hinten gelegen aber kein Solitär mehr, wie es doch so gut zum Autor des Einzigen passt. Sein Grab, das quasi über 30 Jahre direkt an der Mauer stand, besuche ich immer. Nicht um den Toten zu ehren - der Tod geht mich nichts an, wer tot ist, ist nicht mehr und nur noch eine bewegliche Sache, braucht keine Ehre, sondern um mich an seine guten Ideen im Einzigen und seinen Weg zu erinnern, den jener andere Junghegelianer namens Karl Marx, der viel bekannter wurde, obwohl oder vermutlich eher weil er so totalitär wie primitiv dachte, so empfindlich kreuzte und störte.

Vom letzten Friedhof aus besuchte ich nur auf einen Sprung noch den wunderbaren Buchladen Ocelot in der Brunnenstraße zwischen Invaliden und Torstraße, ein wenig zu plaudern und schöne Bücher anzuschauen nach genug Gräbern. Nun ging es durch den Weinbergspark hinauf und zurück auf den heimatlichen Berg, den ich mit dem Überschreiten der Schwedter Straße wieder erreichte.

jens tuengerthal 19.10.2017

Donnerstag, 19. Oktober 2017

Liebesvertrauen

Auf die Liebe zu vertrauen
Ist Bedingung ihres Seins
Darum bin ich lieber sicher
Als ohne Liebe zu leben

Was kann ich schon wissen
Gerade bei einem nur Gefühl
Schon Luft wäre viel sicherer
In dem was wirklich drin ist

Zweifel sind stets der Anfang
Vom Ende des Vertrauens
In der Liebe wie im Alltag
Darum liebe ich zweifellos

Du bist die Beste und Schönste
Dich will ich glücklich machen
Dessen bin ich mir ganz sicher
Alles sonst ist verglichen egal

So liebe ich ohne zu wissen
Weil ich ganz genau weiß wie
Glücklich ich mit immer sein will
Mache ich mir aus nichts etwas

So mache ich mir die Welt stets
Wie sie mir gefällt damit sie auch
Morgen noch meine ist und ich
Das Glück mit dir genießen kann

jens tuengerthal 19.10.2017

Charlottenadel

Nach dem bürgerlichen Charlottenburg gestern im Literaturhaus in der Fasanenstraße ging es heute ins königliche Charlottenburg im gleichnamigen Schloss. Waren hin und zurück, mit kleinen Umwegen der Schönheit wegen, 28,5 km mit einem wunderschönen Ziel immer mit der schönsten Frau in Dublin im Ohr im Ganzen etwas über 5h zu Fuß durch Berlin.

Wie immer am Helmholtzplatz begonnen, die Kastanienallee hinab, die irgendwann in dann schon Mitte zum Weinbergsweg wird. In Mitte der Linienstraße bis zur Friedrichstraße gefolgt, um dann wieder über Reinhard- und Luisenstraße zur Marschallbrücke zu kommen, an der ich rechts Richtung Reichstag abbog und von dort an immer geradeaus zu gehen mit kleinen verkehrstechnischen Umwegen im Tiergarten. Gegenüber dem Parlament folgte das Kanzleramt, das ich rechts liegen ließ, um weiter zwischen Bäumen zu flanieren.

Unerwartet erklang im noch rosa sonnigen Tiergarten das Carillon, neben dem Haus der Kulturen der Welt. Das große von Hand bespielbare Glockenspiel erklang durch die Herbststimmung und begeisterte die Zuschauer mehr als den Flaneur, der sich auf die Ruhe im Tiergarten freute, es aber lächelnd zur  Kenntnis nahm. Von der heute John Forster Dulles Allee, die früher noch ihrer alten Nutzung entsprechend In den Zelten hieß und die vor der Revolution von 1848 eine gewichtige Rolle spielte, bog ich wieder in den Tiergarten ein und genoss neben dem umgebenden dort Grün zwischendurch schöne Blicke auf Schloss Bellevue, das heutige Bundespräsidialamt, das an einigen Wegachsen des Tiergartens durch die Bäume sichtbar wurde. Kurz nach dem Neubau des Amtes überquerte ich den Spreeweg, der dort vom Großen Stern, mit der Goldelse, wie die Siegessäule in Berlin heißt, inmitten, kam und wie der Name unschwer verrät zur Spree führte. Lief grüßend am Feldmarschall Moltke Denkmal vorbei, überquerte den Altonaer Weg und folgte dann im Tiergarten parallel dem 17. Juni bis zum Ende des Tiergartens, durchschritt das Tor nach Charlottenburg und bog direkt danach rechts auf das Einsteinufer ab, jenen Weg, der zunächst den Landwehrkanal entlang und später am Zusammenfluss der Spree folgend, bis zum Schloss Charlottenburg führt, auch wenn ab der Mündung in die Spree, die parallele Straße nicht mehr so heißt, wechselnde Namen führt, ist es doch für den Flaneur ein gleicher immer weiterführender Weg am Ufer bis in den Garten des Schlosses Charlottenburg, den ich in der Erinnerung immer als Ganzes das Einsteinufer nannte, bis mich Google eines besseren belehrte. Wer schaut schon auf Straßennamen oben, wenn er unten die Spree hat und im Ohr die Liebste?

Als ich dort ankam war die Sonne leider bereits verschwunden aber der Park zum Glück noch geöffnet. Das Schloss wie Schinkels Neuer Pavillon waren angestrahlt und boten so genug Gelegenheit zu schönen Bildern, in denen sogar die zauberhafte herbstliche Färbung sichtbar wurde. Das Schloss oder der ursprünglich Landsitz von Sophie Charlotte von Hannover, der Gattin von König Friedrich I sind Namensgeber des späteren Ortsteils von Berlin geworden. Nachdem Sophie Charlotte ihrem Gatten, dem damals noch Kurfürsten von Brandenburg, ihren Landsitz Caputh zurückgegeben hatte, schenkte er ihr 1695 das Dorf Lietze oder Lützow, etwa 7 km vor Berlin mit einem Grundstück.

Noch im gleichen Jahr beauftragte Sophie Charlotte den kurfürstlich brandenburgischen Baumeister Nering mit der Planung einer Sommerresidenz. Als dieser wenige Monate darauf starb übernahm Martin Grünberg die Ausführung. Der erste Bau war noch relativ bescheiden und umfasste nur den mittleren Teil. Außerdem aber wurde, der großen Opernliebe der Königin wegen noch ein kleines Opernhaus errichtet, aus dem später ein Museum wurde, dort war die Vor- und Frühgeschichte wie der sagenhafte Goldhelm zu sehen, bis die Sammlung nach der Restaurierung ins Neue Museum auf die Museumsinsel umzog  und das künftig vermutlich zum Hohenzollernmuseum wird, das vor dem Krieg noch im Schloss Monbijou untergebracht war,was aber ja leider in der Schlacht um Berlin verloren ging, wie so vieles hier.

Von der Oper rührt auch der erste Spitzname des Schlosses her, dass auch Charlottes Musenhof genannt wurde. Die hochmusikalische spätere Königin hatte viele Künstler nach Berlin geholt und eine Menge für die kulturelle Entwicklung der märkischen Provinzstadt getan. Am 11. Juni 1699 wurde das kleine Schloss eingeweiht und seither von Sophie Charlotte als Residenz genutzt. Es hieß zunächst nach dem benachbarten Dorf die Lietzenburg oder Lützenburg.

Da Architekt Grünberg von seinem Amt 1698/99 zurücktrat, hat vermutlich der spätere Schlossbaumeister Andrea Schlüter die Ausführung und Erweiterung übernommen. Als Friedrich  I. sich schließlich 1701 in Königsberg selbst zum König in Preußen krönte und Sophie Charlotte zur Königin wurde Eosander von Göthe der nächste Architekt des Königspaares, die nicht mehr nur Kurfürsten waren. Er erweiterte das Schloss bis zu den Hofgebäuden und ließ sie mit dem Schloss verbinden, so dass der Bau imposanter, eben königlicher wirkte. Dabei war Friedrich in Brandenburg weiterhin nur Kurfürst, denn König wurde er nur in Preußen, also dem Teil des ehemaligen Deutschordenslandes, der den Hohenzollern nach der Auflösung des Ordens im Wege der Erbschaft zufiel, also in Ostpreußen und damit außerhalb des Deutschen Reiches eigentlich, in dem es nur einen König gab, den von Böhmen und einen gewählten Kaiser, der über viele Jahrhunderte auch mit dem böhmischen König identisch war im Hause Habsburg, die Winterkönigsausnahme und die Wahl des Bayern nach Maria Theresias Krönung mal eben ignoriert.

Viel später erst, nachdem sein Enkel, Friedrich der Große, sich Polen das erste mal mit Zarin Katharina und Maria Theresia teilte und es eine Landverbindung zwischen der Mark und Ostpreußen gab, nannten sich die Könige in Preußen auch Könige von Preußen, sogar nachdem die Wiedererrichtung Polens auf dem Wiener Kongreß, das sogenannte Kongesspolen, die Landbrücke längst wieder gekappt hatte. Einmal Könige von Preußen blieben sie es und plötzlich waren die Berliner Preußen und gaben sich preußisch, auch wenn die stolzen Märker früher eher nichts mit den östlichen Pruzzen am Hut hatten, die nicht zum Reich gehörten und sie die gleichen schlechtgelaunten märkischen Großmäuler blieben wie vorher auch, taten sie nun so als seien sie Preußen.

Am 1. Februar 1705 starb dann die schöne kulturbeflissene Königin Sophie Charlotte und der König nahm das zum Anlass das Schloss und die angrenzende Siedlung in Charlottenburg umzubenennen, statt dem ursprünglich namensgebenden Lietzensee. Auch jetzt beauftragte er Göthe mit dem weiteren Ausbau des Schlosses, wie der imposanten Schlosskuppel ab 1709. Außerdem wurde der Bau auf der Westseite noch um eine große Orangerie und eine Kapelle erweitert, erstere diente der Überwinterung der über 500 Zitronen-, Pomeranzen und Apfelsinenbäume aus dem Barockgarten, letztere vermutlich dem Aberglauben, der die Herrschaft von Gottes Gnaden auch rechtfertigte, welchen Hokuspokus auch immer andere dort betrieben.

Eine typisch berlinerische Anekdote zu dem Barockgarten, der nach dem Krieg wiederhergestellt wurde, allerdings vom Original abweichen in einer etwas anderen Form, ist, dass inzwischen dieser aus damals Sparsamkeitsgründen so errichtete Garten heute selbständig unter Denkmalschutz steht und eine Wiederherstellung des Originalzustandes so verhindert, womit wir uns nun weiter mit einem etwas fragwürdigen Gartendenkmal  aus den 50er Jahren herumschlagen müssen, weil auch nicht ganz gelungenes so historisch werden kann, dass es Schutz genießt. Da denke ich nur, wie gut, dass der aufgrund Asbestbelastung völlig entkernte Palast der Republik schon abgerissen ist für das Humboldt Forum genannte Schloss und nicht der Denkmalschutz das Grauen erhielt. Aber vermutlich gilt auch der völlig deplatzierte und verunglückte Berliner Dom längst als geschützt, statt, dass er endlich wie schon von den Zeitgenossen seiner Errichtung Hessel und Kessler gewünscht, abgerissen würde als wilhelminische Peinlichkeit um den bewahrungswürdigen Zustand zu Schinkels Zeit wieder herzustellen. Wer schützt die Schönheit vor solchen Beschützern?

Aber der wunderbare Garten, an dem viele große Gärtner wie auch Lenné noch wirkten in seiner Weite wird durch diesen Ausrutscher an der Rückfront des Schlosses nur wenig beeinträchtigt, auch wenn dieser nicht viel schöner wird dadurch. Die nur gestutzte Natur bleibt eben fragwürdig.

Unter dem Soldatenkönig, nach dem Tod Friedrichs I. 1713, fristete das Lustschloss ein Schattendasein. Den interessierten bekanntlich seine Langen Kerls mehr als jede Kultur, von der er ohnehin nichts verstand. Doch seine Sparsamkeit andererseits führte zumindest dazu, dass der Bestand erhalten wurde. Das Opernhaus jedoch, mit dem er nun gar nichts anfangen konnte, schenkte Friedrich Wilhelm I. seinen Bürgern, auf dass sie eine Schule daraus bauen sollten, ein zumindest ehrenwerter Zweck, wenn auch typisch. Er nutzte den schönen Bau jedoch zu repräsentativen Zwecken. So etwa zur Unterzeichung des Charlottenburger Vertrages mit dem englischen König Georg I., über den Preußen in den Besitz der Grafschaft Jülich-Kleve gelangte und für das Fest als sein Nachbar August der Starke von Sachsen ihm 1728 einen Gegenbesuch abstattete. Berühmter aber ist der vorige erste Besuch auch deshalb, weil Gerüchten zufolge er dort eine seiner Geliebten vor den Augen des jungen Kronprinzen Friedrich nackt auf einem Diwan präsentierte, was den Knaben angeblich genug reizte, sich auf eine wilde Nacht mit ihr einzulassen, auch wenn sein prüder Vater ihm sofort die Augen zugehalten haben soll. Es gibt Vermutungen,
dass Friedrich, der später der Große wurde, sich dort die Syphilis holte und die folgende Quecksilberbehandlung zu einer dauerhaften Impotenz führte, was zumindest erklärte, warum er auch in seiner Rheinsberger Zeit kinderlos blieb, als er seine ihm aufgezwungene Gattin Elisabeth Christine noch relativ häufig auch mal nächtens besuchte.

Ob Friedrich nun schwul oder ein bisschen bi war, weiß ich nicht zu beantworten, spielt aber für die Betrachtung des Schlosses Charlottenburg keine Rolle. Ob er darum so viele Kriege führte am Anfang oder nur, weil er es konnte, da sein Vater ihm volle Kassen hinterließ, bleibt offen. Friedrich II. jedenfalls machte sofort nach dem Tod seines Vaters 1740 Charlottenburg zu seiner Residenz, da er das Berliner Schloss ohnehin nicht ausstehen konnte und er dies seiner Frau gemeinsam mit dem in Pankow quasi allein überließ. Er hielt im Schloss die Tempelarbeiten seiner Freimaurerloge ab, aus der die Großloge ‘Zu den drei Weltkugeln’ entstand, die es als eine Splittergruppe der eher konservativen und überalterten deutschen Freimaurerei bis heute besteht. Der Ort, an dem noch der Geist seiner schöngeistigen Großmutter Sophie Charlotte wehte, die er nie kennenlernte, zog ihn magisch an.

Friedrich ließ nun das Schloss durch seinen Baumeister Knobelsdorff seinen Bedürfnissen entsprechend im Stil des Rokoko, der auch seine spätere Sommerresidenz Sanssouci prägte, erweitern und umbauen. Dabei entstand statt der eigentlich geplanten östlichen Orangerie nun der Neue Flügel. Jedoch war das Charlottenburger Glück mit Friedrich von kurzer Dauer. So begann er bald das Stadtschloss Potsdam umzubauen und sein Lustschloss Sanssouci zu errichten und ab da wurde Schloss Charlottenburg im damals noch Vorort Berlins, Teil Großberlins wurde es erst 1920, nur noch für Familienfeste genutzt.

Was ich heute von dem schönen Schloss sah, auch wenn es diesmal außen blieb, erhielt seine Form mit dem Schlosstheater am Ende des westlichen Flügels und der kleinen Orangerie von Langhans unter dem Dicken, wie die Berliner den Neffen Friedrichs II., Friedrich Wilhelm II., liebevoll spöttisch nennen. Dieser kunstsinnige Monarch, der seiner Liebhaberinnen und Nebenfrauen und geringer militärischer Leistunge in Preußen eher verspottet wurde, auch seiner fülligen Figur wegen, hat vermutlich mehr für die Kulturgeschichte Berlins getan als sein so berühmter Onkel, der Berlin eher nichts ausstehen konnte. Dies auch unter Berücksichtigung der Friedrichstadt und des Neuen Palais in Potsdam, jenem etwas groß geratenen Protzpalast, der die ökonomische Krise nach dem Siebenjährigen Krieg überwinden half und vom Bauherren selbst völlig ignoriert wurde.

Das Theater in Charlottenburg wurde zu einem Spielort für deutsche Literatur, die sein Onkel Fritz noch so sehr vernachlässigte, weil er in der Kunst nur das Französische zu schätzen wusste. Damit wurde es zu einem bedeutenden Ort auch in der deutschen Literaturgeschichte. Ab 1795 gab es sogar freie Karten für Bürgerliche. Der Dicke ließ sich im 1. Stock des Schlosses eine Winterwohnung und im Erdgeschoss mit der Terrasse zum Garten einen Sommerwohnsitz einbauen, was die Entfernungen des Umzugs überschaubar machten.

Eine wichtige Rolle bei der kulturellen Entwicklung Charlottenburgs und Preußens, zumindest Berlins spielte Wilhelmine Enke, die Geliebte des Königs, die schon sein Onkel Fritz toleriert hatte und die der Dicke  später zur Gräfin Lichtenau machte: Sie hatte ein Palais neben Schloss Charlottenburg und Unter den Linden. Manche nennen sie die preußische Pompadour - doch wird ihr Einfluss auf den König weniger groß gewesen sein als jener der Pompadour auf Ludwig XV., zumal sie sich offiziell überhaupt nicht für Politik interessierte, während die Pompadour zu einer der wichtigsten Unterstützerinnen der Enzyklopädisten am französischen Hof wurde und damit den Kern der späteren Revolution zu säen half, zumindest bewusst die Freiheit des Wortes unterstützte gegen die Kirche. Die Enke oder Gräfin Lichtenau hatte dafür fünf Kinder mit dem König, von der allerdings nur eine Tochter die Kindheit überlebte. Besonders tragisch für den König war der Tod des Sohnes, des sogenannten Grafen von der Mark, was bei einer nur Geliebten zumindest nicht dagegen spricht, dass sie Spaß daran hatten. Tragisch dagegen war ihr weiteres Schicksal nach dem Tode ihres Mannes. Es wurde nicht ihr kultureller Einfluss gewürdigt sondern ihr ein Verfahren gemacht und das Vermögen beschlagnahmt, so dass diese kluge und kulturell einflussreiche große Frau eine längere Zeit aus der Erinnerung vertrieben wurde - die beiden Söhne Luises, erst Friedrich Wilhelm IV. und dann Wilhelm II. regierten bis 1888 und würdigten die Enke nicht. Die Spuren ihres Einflusses sind bis heute auch im Schlossgarten Charlottenburg sichtbar und werden zum Glück nicht mehr verschwiegen und so ist ein Teil des adeligen Glanzes in Charlottenburg doch der kunstsinnigen einer bürgerlichen zu verdanken. Wilhelmines Vater war Tambour in einem Regiment des Alten Fritz gewesen.

Sein Sohn, Friedrich Wilhelm III., Könige gehen ja immer gern in Serie irgendwie, wohnte mit seiner Gattin, der besonders später berühmten und verklärten Königin Luise, die ich allerdings für ein überschätztes Opferlamm halte, und den Kindern in Charlottenburg. Nach der Rückkehr aus Königsberg 1810, wohin sie vor Napoleon geflohen waren, wurde nur Luises Schlafzimmer nach Entwürfen von Schinkel neu gestaltet. Da sie noch im selben Jahr starb, hatte sie nicht mehr viel davon.

Nach 14 Trauerjahren heiratete der im Gegensatz zu seinem Vater hochmoralische Friedrich Wilhelm III. nochmal - diesmal war es die eigentlich nicht standesgemäße Gräfin Auguste von Harrach, die er in der Kur in Böhmen kennenlernte, sein südlicher Kurschatten also nach der blonden aus Mecklenburg-Streelitz, die so schön hessisch schwätzte, da Luise bei ihrer Großmutter in Darmstadt aufwuchs. Zwar waren die Vorfahren von Auguste irgendwie Reichsgrafen aber da nicht regierend, genügte dies dem strengen preußischen Hausgesetz eigentlich nicht, warum die Ehe als morganatisch betrachtet wurde von offizieller Seite. Er ließ das gelten, da an eine Luise ohnehin nichts heranreiche. Frage nicht wie Auguste sich dabei gefühlt haben mag als katholische Österreicherin im protestantischen Berlin.

Dafür kam die Gräfin Harras und damit die Nachwelt in den Genuss des Neuen Palais, das FW III. für seine morganatische Ehefrau und sich im Garten noch östlichen des Neuen Flügels von Schinkel im Stile einer schlichten italienischn Villa errichten ließ. Der streng symmetrische weiße Kubus, typisch Schinkel und sein moderner Geist, dessen Fassade lediglich durch eine Säulenloggia und dunkelgrüne Femsterläden aufgelockert wurden, ist bis heute von klassischer Schönheit neben dem bloß barocken Schloss.. Auch bei der Innenarchitektur verwirkliche Schinkel seinen äußerst schlichten typischen Stil, der Preußen berühmt machte.

Die Gräfin Harras musste auch mit dem pompös romantischen Mausoleum im SchlossparK für ihre Vorgängerin, die preußische Heilige Luise, leben. Dies durch eine Tannenallee vom Park separierte Grabmal, in dem später auch FW III. beerdigt wurde, neben seiner Luise, während ihr nur ein Platz ohne Namen am Rand zugestand, steht für tief dunkle Romantik, die keiner mehr schön finden muss, ist aber vielleicht dem trauernden Witwer nachzusehen, der leider König war und die Möglichkeit seiner Frau ein Monument für die Ewigkeit zu schaffen, aber keinen Geschmack oder Stil hatte wie ihn Großmogul Shah Jahan bewies, als er das wunderbare Taj Mahal für seine verstorbene Liebste bauen ließ. Der so deutsche Piefke noch dazu im Geist der Romantik gefangen, trauerte düster, statt die Königin seines Herzens durch Schönheit noch zu erheben aber es ist ja auch nur Charlottenburg und nicht Indien, dieser Stadtteil in dem viele gern mehr wären als sie je sein werden und darauf auch noch stolz sind mit der schon von Fontane frech belächelten märkischen Dreistigkeit, die sich gerne selbst lobt, die nur noch von der peinlichen Hamburger Selbstliebe übertroffen wird, die so gar nicht hanseatisch sondern schlicht gewöhnlich bleibt - vielleicht ein Preis zu langer SPD Regierung die vornehme Zurückhaltung, wie sie alte Bremer Familien noch schätzten, nicht mehr kennt, für die noch Schmidt und von Dohnany standen, aber das ist alles längst Geschichte.

Unter Friedrich Wilhelm IV., dem Sohn der als Toter zur besonderen Kultfigur in Preußen gewordenen Königin Luise, wurden die Wohnräume im Stil des Spätklassizismus und Neorokoko umgestaltet, was zumindest von außen zum Glück unsichtbar blieb.  Nach seinem Tod nutzte noch seine bayerische Witwe Elisabeth einige Zeit die Räume.

Der letzte Nutzer war für ganz kurze Zeit der 99 Tage Kaiser Friedrich III., der lange warten musste, bis sein Vater, der andere Sohn von Königin Luise, Wilhelm I., der erbte weil sein Bruder kinderlos blieb, 1888 endlich starb. Er zog dann jedoch bald zum Sterben ins Neue Palais nach Potsdam umzog, was nicht unbedingt schöner aber zumindest viel größer ist.

Ab diesem Zeitpunkt war Schloss Charlottenburg nur noch ein Museum und blieb es bis heute. Wilhelm II., der ohnehin keinen Geschmack hatte und eine der gräßlichsten deutschen Bauepochen mit seinem Namen prägte, wusste das Kleinod an der Spree nicht zu schätzen, protzte lieber im Stadtschloss mit neuer Kuppel und ähnlichen Geschmacklosigkeiten oder im Neuen Palais auch, dem Trotzbau Friedrichs nach dem Siebenjährigen Krieg, errichtet nach dem Motto, Hurra wir leben noch, den der feinsinnige Friedrich nie bewohnte oder betrat.

Das berühmte Bernsteinzimmer, das nach dem 2. Weltkrieg auf ominösen Wegen verschwand, war ursprünglich auch für Schloss Charlottenburg bestimmt. Jedoch wurde dieses auch als achtes Weltwunder bezeichnete Kabinett, das noch Schlüter entwarf, vom Soldatenkönig, der wenig Sinn für extravagante Kunst hatte, an den Zaren Peter den Großen verschenkt.

Gegenüber dem Museum, das ich nach einem kleinen Picknick bei Brot und Tee am See im Dunkeln noch umrundete befinden sich in den beiden Stüler Bauten, die zum Schlossensemble gehören, zwei der schönsten Kunstsammlungen Berlin. Das Museum Berggruen, mit der Sammlung des aus Berlin stammenden Kunsthändlers Heinz Berggruen, als wunderbare Kollektion der klassischen Moderne um Klee und Picasso und gegenüber die Sammlung Scharf-Gerstenberg, die sich bis in die Moderne hinein mehr auf den surrealen Bereich konzentrierte und so eine prächtige Ergänzung der Sammlung Berggruen ist. Die beiden Häuser, über die ich an anderer Stelle ja schon einiges erzählte, auch von der letzten Begegnung mit Heinz Berggruen und seinen Geschichten im Vorübergehen, zwischen Bildern und Leben, sind eine wunderbare Ergänzung des etwas gravitätischen Schlosses Charlottenburg, das natürlich nett ist, aber eben eine alte Eichengalerie als Ausweis seiner Schönheit hat, was viel über tumbes deutsches Kunstverständnis und wenig über Eleganz verrät, die in dem zauberhaften Garten teilweise durch geniale Sichtachsen Wirklichkeit wird. Doch Berlin hat nun eben zwei geniale Sammlungen dem etwas bescheideneren Kunstgeschmack seines Herrscherhauses gegenübergestellt und das ist auch gut so und typisch für diese Stadt, die nicht immer alles falsch macht.

In dem schönen Schlossgarten befindet sich auch noch das zauberhafte Teehaus Belvedere, das 1788 von Langhans gebaut wurde, der auch das gotische Angelhaus an der Spree errichtete, das sich jedoch als zu anfällig erwies und 1884 mit dem Korbhaus abgerissen werden musste.

Der Schlossgarten ist immer noch das Naherholungsgebiet der Anwohner, die sich gegen Pläne der Schlösserverwaltung wehren, ein Eintrittsgeld zu erheben, was zu erbitterten Streitigkeiten führt, wie die Potsdamer für die Gärten um Sanssouci und Neues Palais gerade bewiesen und natürlich eine Bürgerinitiative gründen ließ.

Ob in Schlösser und Museen nicht ohnehin immer freier Eintritt gewährt werden sollte, ist sehr wohl die Frage, die der Gründungsdirektor des Humboldtforums Neil McGregor, der vom British Museum nach Berlin kam, aus guten Gründen stellte und die nun zu diskutieren sein wird. Wird mehr geschätzt, für was wir bezahlen oder macht es eine Demokratie aus, ihren Bürgern Bildung und Kultur möglichst kostenlos zur Verfügung zu stellen, was angesichts teurer englischer Universitäten und Schulen schon sehr fragwürdig erscheint?

Zurück folgte ich wieder der Spree durch die inzwischen Dunkelheit am Ufer entlang, das ab dem Landwehrkanal nach dem berühmten auch Berliner Physiker Einstein hieß, den die in vieler Hinsicht dumm primitiven Nazis als Juden vergraulten. Durch das Charlottenburger Tor wieder in den Tiergarten, am Großen Stern in Richtung Schloss Bellevue, vor dem ich dann nach rechts Richtung Reichstag abbog, wie ich gekommen war, wollte ich zurück, entschied mich jedoch an dem Schwangere Auster genannten Haus der Kulturen der Welt für einen kleinen Umweg und folgte ab hier der Spree, am Kanzleramt entlang, unter der Moltkebrücke hindurch, gegenüber dem Bahnhof weiter, bis zum Kindergarten des Bundestages, auf dessen Höhe ich die Spree Richtung Reinhardtstraße überquerte - in Richtung Charité, wie passend, ließ ich mich noch beinahe von einem Berliner Bus überfahren, entkam aber gerade noch durch einen etwas ungeplanten Salto - auch datt ist Berlin, besonders das danach der Busfahrer ausstieg und mich anschnauzte, was mir denn einfiele, er hätte schließlich Fahrgäste im Bus, die hätten fallen können, statt zu fragen, wie es mir ginge, der tatsächlich gefallen war. Das musste lieben oder drüber lachen, wenn du in Berlin glücklich werden willst, denke ich manchmal. Hätte er mich erwischt, dächte er vermutlich, was looft der Kerl auch da, wo ich fahren will.

Humpelte mit dem Trost der besorgten Liebsten im Ohr weiter gen Prenzlauer Berg durch Mitte und kam über Linienstraße, Choriner Straße und Kollwitzstraße schließlich nach 28 km wieder zum heimatlichen Helmholtzplatz, reich an Eindrücken vom königlichen Charlottenburg und seiner manchmal sogar spannenden Geschichte, was heute fast unglaublich scheint beim Blick gen Westen, in der sich die Geschichte des königlichen Preußens wiederspiegelt.

jens tuengerthal 17./18.10.2017

Dienstag, 17. Oktober 2017

Sturmliebe

Meine Liebste liebt Stürme
Freute sich auf Ophelia sehr
Die heute über ihre Insel fegte
Kannte dabei keine Furcht

Ophelia war Hamlets innig geliebte Frau
Die es nie werden durfte weil Intrigen am
Dänischen Hof die Liebe zerstörten worüber
Die große Liebe verstarb wie später der Prinz

Fürchtete um sie dabei mehr
Auch wenn es westlich wütete
Weiß keiner was so passiert
Im wilden Hurrikan an Land

Drei starben in Irland bis jetzt
Weniger als beim letzten mal
Was es keinesfalls besser macht
Nur gäbe es etwas gutes dabei

So froh dass sie es gut überstand
Ihr Leben nicht einfach verwehte
Freue ich mich mehr daran warum
Sie die Stürme so sehr liebt wie ich

Weil es dann drinnen bei Buch und Tee
Noch schöner wird voll Leidenschaft stets
Als Spiegel äußerer Stürme in ihr wohl
Freue ich mich an ihrer Rettung so sehr

Die beste aller nur möglichen Frauen
Deren Stürme vielen verborgen sind
Hat den Sturm heil überstanden was
Dichter und Flaneur glücklich macht

So ist am Ende wieder alles gut
Was doch märchenhaft beruhigt
Wäre es nicht gut dann wäre es
Nicht zu Ende und das ist gut so

Manchmal ist es also gut so
Wenn Leben kein Theater ist
Die Bühne für die Schau bleibt
Das Leben lieber lustvoll liebt

jens tuengerthal 17.10.2017

Charlottenbürger

Heute ging es durch den Tiergarten nach Charlottenburg ins Literaturhaus in der Fasanenstraße. Ein Weg, der laut Google auf einer Strecke 9,7 km lang ist und bewältigbar schiem. Am Ende waren es fast 6h für beinahe 27 km hin und zurück, aber dazu nun mehr.

Lief wie üblich am Helmholtzplatz los, durch die Kulturbrauerei und über die Oderberger Straße in die Kastanienallee, um heute nochmal in das gestern längst geschlossene Antiquariat zu gehen und einen Band für die Prinzessin zu erstehen. Kulturgeschichte vom Hof des Sonnenkönigs mit dem Titel ‘Hinter den Fassaden von Versailles, Mätressen, Flöhe und Intrigen, was schon reizvoll genug war, den minimalen Umweg zu nehmen.

Duchquerte am Ende der Kastanienallee, die da natürlich längst Weinbergsweg heißt, um auf den dort früher Weinberg hinzuweisen, den heute Weinbergspark ohne Weinbau, in dem sich bei warmen wunderbaren Herbstwetter die Menschen sonnten und es sich gut gehen ließen und hatte dabei immer die Liebste in Dublin im Ohr, die gerade live den Hurrikan Ophelia ertragen musste, aber zum Glück nicht im am schlimmsten betroffenen Gebiet war. Ein Gegensatz in beiden Naturerlebnissen. Bog in die Ackerstraße ein und fand kurz hinter der Ackerhalle das Antiquariat wieder und den gesuchten Band noch im Schaufenster und erstand ihn sofort zur gemeinsamen Lektüre.

Weiter die Ackerstraße entlang bis zu ihrem Ende, an dem ich links in die Linienstraße einbog. Von der Linie wich ich bei Tucholsky in die nach ihm benannte Straße gen Süden ab, überquerte die Oranienburger mit Blick auf die Neue Synagoge und folgte der nach dem großen Berliner Literaten benannten Straße bis zur Ebertbrücke über die Spree, auf der ich im schon leicht rosanen Licht, den Blick auf das Bode Museum genoss. Nach der Brücke hieß die vorher Tucholskystraße dann nach den Geschwistern Scholl, was ja auch irgendwie passt. Ignorierte diese historisch interessante Folge der Straßennamen mit Münchner und Berliner Geschichte aber und folgte dem Weidendamm bis zur Planckstraße, auf der ich dann an dann am Jacob und Wilhelm Grimm Zentrum, der neuen schönen, zentralen Bibliothek vorbeilief, die direkt an der S-Bahn Linie durch Mitte liegt und damit quasi im Rücken der alten Staatsbibliothek, bis zu der ich aber nicht ganz kam, sah nur ihre Rückseite, da ich bevor die Planckstraße plötzlich Charlottenstraße heißt und zum Gendarmenmarkt führt in die Dorotheenstraße nach rechts gen Bundestag einbog.

Auf der Dorotheen blieb ich, auch wenn die Aussichten dort, sehen wir von ein wenig Dussmann ab, eher mäßig interessant sind, bis zur Wilhelmstraße, um das alte Berlin wieder durch das Brandenburger Tor gen Tiergarten zu verlassen. Der Tiergarten, über den die Meiden gerade so lautstark skandalisierten, weil er ein Hort von Müll und Verbrechen wäre, ist die grüne Lunge früher vor den Toren und heute irgendwie inmitten Berlins und ein Ort der Ruhe, der Schönheit und des Flanierens, sehen wir von den rasenden Radlern ab, die mir blendend hin noch häufiger als zurück entgegen kamen und ignoriere ich den Verkehr  nebenan. Die Huren, die früher am Anfang der Straße noch tief im Westen standen, wurden leider vertrieben, es fehlt ihr damit das großstädtische trotz der mondänen Breite ein wenig. Die Strichjungen gibt es noch, da wir uns nicht füreinander interessierten, kann ich nichts dazu sagen und um Müllberge zu sehen, war es zum Glück schon zu dunkel. Viel Lärm um nichts also mal wieder in Berlin oder nur der Versuch ein wenig Aufmerksamkeit zu heischen? Ich weiß es nicht so genau, denke aber Förderung und Erhaltung des Tiergartens wäre gut und wichtig, warum egal welche Prostitution ihm schadet, weiß ich nicht - mehr Beleuchtung würde da vermutlich mehr helfen als viel Kriminalisierung.

 Lange lief ich parallel zum 17. Juni in der immer stärker werdenden Dämmerung und bog erst kurz vor großen Stern ein wenig nach Süden ab, um dann die alte Hofjägerstraße zu überqueren und zum Landwehrkanal zu kommen. Passend ist der Name Hofjäger dort insofern, dass der Tiergarten früher das Jagdrevier des Hofes im Schloss auf der Insel Cölln wurde, bis er irgendwann zum Lustgarten wurde. Damals gehörte Charlottenburg noch lange nicht zu Großberlin, sondern war ein Städtchen nebenan, später an der Bahnstrecke nach Potsdam gelegen und Anfang des Jahrhunderts der Wohnort von Franz Hessel, Harry Kessler, den Berggruens und vielen anderen berümten und prägenden Gestalten der Berliner Kultur. Benannt wurde es, wie das gleichnamige Schloss, das Ziel des nächsten Gangs des Flaneurs ist, nach Sophie Charlotte von Hannover, der Gemahlin von Kurfürst Friedrich III., der später König Friedrich I. wurde, dem Sohn des Großen Kurfürste. Damals hieß der Flecken und das Vorwerk noch Lützow und das dort errichtete Sommerschloss trug den Namen Lützenburg aber dazu mehr, wenn ich auch da bin und in dem dort wunderbaren Schlosspark flaniere. Als sie schon 1705 mit 31 starb, ließ der König den Ort und das Schloss Charlottenburg nennen.

Fand den Weg quer durch den Tiergarten an Cafe am Neuen See und der spanischen Botschaft vorbei zum Landwehrkanal und folgte mal wieder diesem historisch auch insofern bedeutenden Gewässer, weil in ihm 1919 Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ersäuft wurden. Diese Köpfe des Spartakusbundes, starben in Zeiten als Kommunisten und Sozialdemokraten nach der Novemberrevolution noch um die Macht in Berlin rangen, bis die Regierung aufgrund der hiesigen Unruhen mit den Kommunisten von Spartakus gen Weimar auswich und der dann so genannten Weimarer Republik den Namen gab, die leider nur von kurzer Dauer war.

Der Weg in der schon ziemlich fortgeschrittenen Dämmerung am Landwehrkanal entlang war sehr beschaulich und schön. Menschen saßen auf Bänken oder am Ufer direkt, schmusten oder plauderten, es lag an diesem wunderbaren Herbsttag etwas frühlingshaftes in der hier besonders reinen Berliner Luft. Dem Tiergartenufer folgte ich genüsslich flanierend noch mit hohem Tempo, da ich ja den Buchladen im Literaturhaus gerne noch besucht hätte, bis zur Unteren Freiarchenbrücke, die ich schon im ziemlich dunkeln überquerend am Schleusenkrug vorbeikam.

Erzählte der Liebsten im Ohr dabei die Geschichte, die jüngst den Berliner Boulevard aufheizte, von der genau da ermordeten Schlossbesitzerin und genoss den leicht gruseligen Kitzel der Atmosphäre in den frühen Abendstunden bei genug Dunkelheit, sich zu fürchten, wenn nötig. Im Schleusenkrug war sie gewesen, bis sie danach irgendwann grausam zu Tode kam - mehr weiß ich leider nicht darüber zu berichten, da ich von den bunten Blättern selten mehr lese als die Schlagzeilen im Vorübergehen. Auf dem weiteren Weg sorgte dann der eher unangenehme Geruch nach Pisse, der mutmaßlich aus dem nebenan Tiergefängnis stammte, das sich sonst Berliner Zoo nennt, aber nichts anderes eigentlich ist, nur das bei Gefangenen solche Folter wohl verboten wäre, für Ablenkung.

Versuchte die unangenehmen Gedanken an den dort Tierknast zu vertreiben - ich gebe es zu, ich mag Zoos nicht, weder für Menschen noch für Tiere und finde die Betrachtung von Gefangenen eine für beide Seiten entwürdigende Handlung - mit dem Blick nach vorne zum berühmten Bahnhof Zoo, der heute nur noch ein eher unwichtiger Regionalbahnhof und eine hauptsächlich S-Bahn-Haltestelle geworden ist. Bei Bahnhof Zoo dachte ich an das Buch Christiane F, was zugegeben keine angenehmeren Gedanken weckte und diesen piefigen Bahnhof aus einer anderen Zeit für mich immer irgendwie unangenehm machte. Las dieses Buch in früher Jugend, von meiner Mutter mir wohl zugegeben sehr erfolgreich zum Zwecke der Abschreckung gegeben. Das ist  vermutlich übertrieben aber die Erinnerungen an den Breitscheidplatz, der um die Ecke liegt und die Trauerfeier für Prinzessin Kira in der nahen Gedächtniskirche vor einigen Jahren, taten auch nichts dafür, die Gegend schöner zu finden. Dass ich noch einige Jahre in einem Callcenter im dortigen Hochhaus in der Hardenbergstraße eine eher unangenehme Zeit damit verbrachte Menschen zu teure Lose sehr erfolgreich zu verkaufen, hob die Stimmung auch nicht. Wollte ich noch weiter meckern, schimpfte ich über die dort Straßenführung und ähnliche typisch Berliner Unzulänglichkeiten, die zu vielen Umwegen zwingen und das Flanieren zum Spießrutenlauf zwischen Absperrgittern machen, bis ich endlich zum alten Kudamm kam.

Der Kudamm ist nett und eben altes Westberlin - da ändert sich nicht viel, auch wenn mal Geschäfte neu gebaut wurden und das alte Café Kranzler nun nur noch ein winziger Teil eine Shopping Centers ist. Dort lässt sich gut flanieren und an dem vorhandenen Bestand freuen, die Blicke am Wohlstandskonsum erwärmen, wie gleich zu Beginn bei Käthe Wohlfahrt, wo das ganze Jahr Weihnachten ist. Ignorierte die überreiche Dekoration an diesem wunderbaren Herbsttag, an dem nichts weiter entfernt zu sein scheint als die Adventszeit, auch wenn ich längst wieder Spekulatius genieße. Ging am Altberliner Brauhaus vorbei, vor dem der Altersdurchschnitt der Gäste deutlich im Rentenalter lag und deutlicher macht als in Prenzlauer Berg oder Mitte, was für ein Generationenproblem wir theoretisch längst haben, aber das ist eben Charlottenburg, Heimat der reichen Witwe, die sich schminken als wären sie in Düsseldorf und nicht in Berlin und damit den Standard der Damen im Westen setzten, die durchschnittlich immer angemalter mir erscheinen, was sie nicht unbedingt schöner macht, aber vielleicht manches verdecken hilft, wovon ich noch weniger wissen will.

Von der Konsummeile erlöste mich die endlich Fasanenstraße, die zwar selbst noch genug davon hat, vom Botox to go Laden bis zu sonstigen Boutiquen, in denen sich Charlottenburger Witwen standesgemäß einkleiden und Kleinigkeiten für ihre Enkel kaufen, die aber nach wenigen Metern nur zum Garten des Literaturhauses führt mit dem erhofften Buchladen. Selig ging ich auf ihn zu und ahnte doch schon wenige Meter davor, was mich erwartete, nichts mehr. Dieser schloss leider schon um 19.30h, warum Kohlhaas & Co für diesmal auf ihren wenig solventen Kunden verzichten mussten, ich kam 5 Minuten zu spät und in Charlottenburg wird pünktlich geschlossen. Hatte ja auch schon ein wunderbares kulturgeschichtliches Buch antiquarisch erworben und freute mich nun auf einen feinen Tee oder Wein im Café des Literaturhauses, das ich schon so lange liebe.

Entschied mich für eine günstigere Kanne grünen Sencha statt dem Pfälzer Riesling, es ist ja schließlich schon Oktober, genoss ihn bei der elektrischen Pfeife mit Vanille und schwärmte der Liebsten im Ohr vom letzten gemeinsamen Besuch voller Zärtlichkeit vor. Diesmal leider allein, besuchte ich nach dem Tee nur noch die sehr gepflegten Örtlichkeiten, schaute in die Kaffehausrunde dort, voller vielleicht Literaten, vom einkaufen erschöpften Literaten, wie feiernden jungen, gut gekleideten Erben und machte mich auf den Rückweg durch die Nacht, die eigentlich noch ein früher Abend war.

Ging lieber gleich durch die Fasanenstraße, um mir die Baustellen und den unangenehmen Bahnhof Zoo zu ersparen, am Kempinski vorbei und anderen gediegenen Lokalitäten, die zu gut zu diesem Ort passen, schließlich auch die Universität der Künste als Brutstätte künftiger Musenjünger passierend bis zum wieder Landwehrkanal, durch das Charlottenburger Tor wieder in den Tiergarten und diesem auf geradem Weg folgend, nur den Stern noch kurz notwendigerweise überquerend.

Auf Höhe des Reichstages, den ich vom Gefühl her immer lieber Bundestag nennen möchte, was er ja auch ist, obwohl er im ehemaligen Reichstag des preußischen Deutschen Reiches von nach 1870 tagt, bog ich über den 17. Juni gen Norden zum Parlamentsgebäude ab. Betrachtete den mächtigen aber eher durch Forsters Doppelhelix in der Kuppel schön gewordenen Bau einen Moment ohne übermäßige Andacht und wandte mich dann der Spree zu, der ich bis zur Marschallbrücke folgte, von der an ich die Luisenstraße bis zur Charité flanierte. Luise wird zu Wilhelm nach dem Marschall ist auch so eine lustige Berliner Straßenfolge, die nicht ganz so amüsant ist wie Friedrich, Chaussee, Müller. Die Elite-Uni lebt im DDR-Plattenbau, der nur ein wenig neu  verkleidet wurde. Dabei entdeckte ich die neue Notfallambulanz an der Rückseite und das die Spaziergänger nun wieder leicht die Abkürzung zur Philippstraße nehmen können, die dann über die Hanoversche zur Friedrichstraße führt, die ab dort, ich bog ja gen Wedding nach links ab, Chausseestraße heißt, um sich später nochmal im tiefen, früher links roten Wedding, der heute eher türkisch rot anmutet, in Müllerstraße umzubenennen aber doch immer die gleiche Straße bleibt, die auf der anderen Seite in Kreuzberg zwischen hässlichen Hochhäusern irgendwo nahe dem Willy Brandt Haus im Nichts verendet. Was typisch für Berliner Glanz und Gloria ist - eine Prachtstraße, die sich im hässlichen Nichts der Nachkriegsbauten verirrt und Preußens Glanz der heutigen Lächerlichkeit preisgibt. Ob das an der Wilhelmstraße gelegene nahe Willy Brandt Haus, der manchen werte frühere Kanzler hieß ja auch mal Wilhelm, aber das wäre eine andere Geschichte, zu diesem Ende passt, sei an dieser Stelle dahingestellt.

Von der Chausseestraße ging ich in die Tieckstraße, durch ein romantisch schönes Viertel, wollte noch am Café Honigmond und dem gleichnamigen Hotel vorbeigehen, vielleicht im Café verweilen. Lag dieses doch nach meiner Erinnerung Ecke Novalis, Eichendorff, Tieck Straße und wäre somit der richtige Ort für einen Dichter, auch wenn es tatsächlich an der Borsigstraße lag, was weniger romantisch war, aber auch nichts nutzte, weil es inzwischen Neumond hieß und geschlossen war, wie das Hotel eher gewöhnlich nun aussah, schien das alte Café nun wenig verlockend. Zeiten kommen und Zeiten gehen. Nach der Tieckstraße folgte die Schröderstraße weniger romantisch und die Bergstraße führte mich schließlich zur Invalidenstraße, jenseits aller Romantik, bei der ich an der Ecke Brunnenstraße noch einmal das dortige ehemalige Kaufhaus Jandorf besuchen wollte, das zu Hermann Tietz ab 1929 gehörte, dem später Hertie, das dann von Karstadt übernommen wurde, die sich auch erledigt haben, in dem gerade die typisch peinlich denglische berlin foodweek stattfindet. Viele sich wichtig findende Leute standen davor und rauchten oder warteten schlangenweise, um hineinzukommen - fand weder die Sache noch mich, wichtig genug die Sache weiter zu verfolgen, auch wenn das Gebäude sehr interessant ist. Durch den Verkauf von Karstadt an Nicolas Berggruen, den Starinvestor und Sohn des Berliner Kunstmäzenen Nicolas Bergguen, gab es zumindest einen Moment Berliner Geschichte dem Namen nach, aber das hat sich mit dem Weiterverkauf an einen österreichischen Investor nun auch erledigt.

Die Invalidenstraße ging ich den Berg hinauf, an der Zionskirche vorbei, in der einst Dietrich Bonhoeffer noch Arbeiterkindern aus dem Wedding Konfirmationsunterricht erteilte, während er längst viel weitergehender forschte, bis ihn die Nazis ins KZ sperrten, wo er umkam. Über seine alte Schulfreundin Marion York war Bonhoeffer auch mit dem Kreisauer Kreis verbunden, in dem Helmuth James Moltke und Peter York eine Gruppe des Widerstandes gegen das NS Regime auf dem moltkeschen Gut Kreisau aufbauten. An ihn erinnert ein bronzener Torso an der Südseite der Kirche und so wenig ich mit Gott und Kirche sonst zu tun habe, finde ich die Erinnerung an diesen großen Deutschen immer gern der Worte wert.

Die Kastanienallee entlang bis zur Oderberger, ging ich, wie gekommen, durch Kulturbrauerei und anschließend Lychener Straße, die früher auch la Ly hieß, um ihr zu DDR-Zeiten, als hier alles noch leberwurstgrau und nicht pastellfarben war, ein wenig französisches Flair zumindest nominell zu geben in der Umgangssprache der Bewohner, zum heimatlichen Helmholtzplatz, den ich gewohnheitsmäßig, wenn auch mit ein wenig schweren Beinen nach über 26 Kilometern noch umrundete.

Bei allem immer die wunderbare Liebste im Ohr, die im sturmumtosten Dublin ausharrte, aber sich zumindest für einen Moment vor ihr Schloss wagte, um zu sehen, dass die Schäden sich doch scheinbar in überschaubaren Grenzen hielten - so telefonierte der bisher wärmste und sonnigste Berliner Herbsttag mit dem wildesten Sturm in Irland seit Menschengedenken und zeigte wie seltsam parallel und doch entfernt nah gleiche Welten geteilt sein können und wie unwichtig die Liebe alles Wetter macht, wo doch in ihr ebenso schnell die Witterung wechseln kann.

jens tuengerthal 16.10.2017