Sonntag, 29. Oktober 2017

Sturmwanderer

Eigentlich wollte ich nur zum Gleisdreieck laufen, um mir den neuen Park anzuschauen. Es wurde länger und aufregender als ich dachte und ohne das ich wusste, wie mir geschah.

Die Wanderung begann wie immer am Helmholtzplatz, führte mich über das Göhrener Ei, Senefelder und Kollwitzstraße zur Schönhauser Allee, die ich Richtung Schwedter überquerte, um nach einem kleinen Einkauf bei Lidl dann doch mit den Waren auf dem Rücken die Choriner gen Mitte hinunter zu marschieren noch etwas unentschieden ob mit oder ohne Schirm. Es wehte ein büschen Wind, wie die Norddeutschen sagen, wenn sich ein Sturm ankündigt - aber der sollte ja nur die Ostsee betreffen und wenn erst morgen kommen, dachte ich und so hatte ich es noch vor einigen Tagen gelesen.

Sich bei Unwetter oder Sturm auf Tage alte Vorhersagen zu verlassen, ist, zugegeben, etwas leichtsinnig, wie mir jeder Seemann bestätigen würde - aber ich wollte ja weder zur See fahren, noch schien mir das Sinken der Temperaturen in der Nacht bedenklich.  Merkte unter dem Schirm, den ich doch irgendwann aufspannte, weil mich der ständige feuchte Film auf der Brille nervte. Irgendwann beim Marsch durch Mitte verabschiedete sich die Liebste dann von mir, weil sie von dem ständigen Wind auf das Mikro meines Headsets Kopfschmerzen bekäme, wie sie meinte und was ich ja verstand, aber leider auch nicht zu ändern wusste, da ich ja nun zum Park am Gleisdreieck meine Nachtwanderung machen wollte und mich von einem büschen Wind davon nicht abhalten lassen konnte.

Über die Auguststraße und ein Stückchen Oranienburger kam ich wieder auf die Friedrichstraße, die ich ganz entlang zu laufen beschlossen hatte, was angesichts der Fallwinde dort nicht immer vergnüglich wurde. Große Straßen mit hohen Häusern an den Seiten sind eben noch windempfindlicher als kleine Gassen mit niedrigeren Häusern. Kam bis zum Ende, staunte unterwegs noch in manches Schaufenster für einen kurzen Blick. - doch mit Schirm bei böigem Wind in der Stadt ist nicht unbedingt immer ein Vergnügen, eher im Gegenteil, auch für die anderen an allen engen Stellen dort.

So freute ich mich, als ich am Ende der Friedrichstraße bald  den Landwehrkanal erreichte und diesem unter der U-Bahn nur noch bis zum Gleisdreieck folgen wollte. Das war nicht ganz so einfach, wie ich es mir vorgestellt hatte. Der Weg unter den Gleisen endet zwischendurch an einer Straße oder führt dich direkt auf die andere eigentlich flasche Seite und so entschloss ich mich nach der dritten Brücke unter der hier oberhalb fahrenden U-Bahn doch lieber an das andere Ufer des Landwehrkanals zu wechseln und am Tempelhofer Ufer bis zum Technik Museum dem Kanal zu folgen.

Ein kleines Stück weiter westlich übrigens heißt diese Straße dann Schöneberger Ufer und dort sollte ich nach meinem länger als geplanten Marsch durch den neuen Park am Gleisdreieck wieder herauskommen. Etwa an der Stelle, wo ungefähr eine Stunde später eine Böe ein Baugerüst von einem Haus riss und einen dort Läufer unter sich begrub, der dann schwerverletzt ins Krankenhaus musste. Glück gehabt also, dachte ich, auch mit den Bäumen dort, die alle während meines Marsches an ihnen vorbei stehen blieben, auch wenn manche bedenklich schwankten.

Das Deutsche Technikmuseum bestaunte ich und lief, statt gehörig auf die Google Karte zu schauen, an ihm vorbei bis zum Schiffahrtsmuseum, wo ich dann irgendwo merkte, in eine Sackgasse gelangt zu sein und wieder zurück lief, inzwischen den Blick zwischendurch auf die Karte im Telefon und doch die schönen Boote dort im Technikmuseum registrierend.

Auf der anderen Seite fand sich schließlich ein Weg, den ich auch besser über die Fußgängerbrücke von der anderen Seite am Halleschen Ufer genommen hätte, aber hinterher ist der Flaneur meist klüger und lässt sich die Situation mit viel mehr Weisheit beurteilen als in Wind und Regen unterm Schirm, wenn du das Telefon nur zur Not für einen Moment zücktest. Kam an Windmühlen und anderen musealen Dingen dort vorbei, bis irgendwann das Museumsgelände endete und der Park anfing. Insofern die hohe wilde Vegetation hier wie dort gleich war, überall vereinzelt Schienen liefen, war die Abgrenzung nicht so ganz deutlich. War ich schon im Park oder noch auf dem Museumsgelände?

Der Park am Gleisdreieck ist eine aus drei Teilen bestehende öffentliche Grünanlage auf dem Gebiet der Bahnbrachen des ehemaligen Potsdamer und Anhalter Bahnhofs mit einer Größe von 31,5 Hektar. Der Park setzt sich zusammen aus der Gleiswildnis, die über den alten Anlagen von selbst und alleine gewachsen ist und großen Grünflächen mit Liegewiesen. Teilweise wird der Park von den sich dort kreuzenden U-Bahnen durchquert, was gerade in der Nacht wunderbare bis skurrile Lichterscheinungen gibt, die ich mit weniger Wind und Regen bestimmt gerne fotografiert hätte.

Sich auf Google Maps zu verlassen ist manchmal eine gute Idee, führt manchmal aber auch nicht weiter und so landete ich beim ersten Versuch die westliche Hälfte des Parks zu erreichen in der Gleiswildnis, die ihren Namen wirklich verdient, voller Fußfallen ist und die ich darum gerade im Dunkeln mit immer noch einem büschen Wind um mich, schnell wieder verlassen wollte.

Nahm dann den Weg gen Süden bis fast zum Flaschenhalspark in Kreuzberg auf dessen Erkundung ich aber angesichts der Dunkelheit und der Witterung doch lieber verzichtete. Dafür ging ich nach dem wie angegeben verlaufenden Weg nach Westen wieder gen Norden an der Legacy Graffity Hall of Fame vorbei, was sich toll denglisch anhört und ähnlich bescheuert war, denn es handelte sich im Ergebnis nur um einige legal besprühte Wände am Bahndamm mit wessen Zeichen darauf auch immer.

Ob die Sprühschmiererei Kunst ist, manchmal gibt es ja auch wirklich erstaunlich schöne Bilder und nicht nur diese idiotisch pubertären Tacs, mit denen Gangs ihr Dasein bekannt geben, möchte ich nicht streiten - es ist eine Form des Ausdrucks, den sich die Großstadt sucht und eine Kunst, die von der Straße kommt und damit näher am Puls der Zeit ist als vieles in den schicken Galerien in Mitte. Natürlich ist es Kunst, verdient Schutz, auch wenn es nervt und aus dem illegalen Untergrund kommt, von Jungens verbreitet wurde, die ihre überschüssigen Hormone so in den Griff bekommen wollten. Der Kick des Illegalen macht die Spüherei zu einer Form des sozialen Aufstandes, über den du dich in der Großstadt aufregen kannst oder nicht, der aber einfach dazu gehört und wenn es der nicht wäre, würde es ein anderer werden.

Schon von daher war diese legale Hall of Fame - schon bei dem ekligen Wort sträuben sich mir die Nackenhaare - eigentlich eine contra dicito dessen, was sie darstellen wollte aber immerhin doch eine nette Idee. Künstlerisch fand das dort Gebotene nicht besonders einfallsreich oder genial, bis auf eine kleine Ausnahme ganz am Rand. Da fanden sich viel schönere Graffitis auf dem Weg durch die Stadt -  es war so ein wenig Kreuzberg halt - wir haben uns alle lieb, auch die Schmuddelkinder gehören dazu und bekommen hier einen Spielplatz und wir loben ihre Kunst, damit sie sich anerkannt und integriert fühlen - alles nett und schön und mit großem sozialpädagogischen Impetus vermutlich - aber der Name ist ein Witz und besser diese kleine Wand hieße Kreuzberger sozialpädagogisches Integrationsprojekt für Sprayer ohne künstlerischen Anspruch.

Ging lächelnd weiter und dachte, sie haben sich zumindest bemüht, etwas nettes daraus zu machen, was ja eigentlich nicht schlecht oder böse ist, sondern richtig nett, auch wenn manche sagen, nett sagte keiner mehr, weil es die kleine Schwester von Scheiße sei, hier passt es irgendwie und so hat der Park am Gleisdreieck auch seine nette Ecke. Ging durch die Gleise getrennt an der Schöneberger Wiese vorbei, unterquerte die auf hohen Eisenkonstruktionen hier verlaufenden Gleise auf Höhe der Station Gleisdreieck und ging durch den Park wieder gen Landwehrkanal. Um die Hochtrassen der U-Bahnlinien, die sich hier kreuzen wurden inzwischen Parkhäuser gebaut, die noch völlig offen bisher die Bahnen zwischen den Etagen sichtbar entlang fahren lassen. Dann kreuzen sich die Bahnen oben und unten wie kreuz und quer und du bist obwohl im Park noch stehend, den zufällig wilden Elementen dort mit Wind und Sturm ausgesetzt, zugleich mitten im Gewirr der Großstadt. Ein vielfältig faszinierender Ort.

Den Landwehrkanal überquerte ich am Ende des Parks auf der Köthener Straße Richtung Norden, ging unter der U-Bahn Station Mendelsohn-Bartholdy Park durch, ignorierte den kleinen dazugehörigen Park davor aber völlig sondern lief durch den eher langweiligen Tilla Durieux Park, eine Grünanlage auf dem Weg zum Potsdamer Platz, in der mehr der Blick auf die Neubauten nebenan als das öde Grün selbst auffällt. Beim nächtlichen Besuch in Parks ist es übrigens häufig so, dass eher die leuchtende Umgebung als das nahe Grün, was Nachts ja wie alle Katzen grau eher wirkt, auffällt.

Am Potsdamer Platz ging ich über den benachbarten Leipziger Platz um von dort aus durch die, wie ich ja schon wusste, nächtlich geöffnete Mall of Berlin zu laufen. Was tat es gut mal einige Meter ohne beständigen Wind, der am Schirm zerrte und den dauernden Nieselregen zu sein. Fotografierte schöne Wäsche für die Prinzessin, ansonsten finde ich Berlins größten Konsumtempel, der gänzlich ohne einen Buchladen auskommt, nicht mal von den sonst so grauenvollen Ketten, eher entbehrlich und langweilig. Doch gab es ein bequemes Ledersofa, auf dem ich Platz nahm, der Liebsten einige Bilder zu schicken und mich zu erholen für den nächsten und letzten Teil der Wanderung.

Über den Ziethenplatz; Mauerstraße, Taubenstraße ging es zur Jägerstraße und von dieser über den Gendarmenmarkt. Wie üblich von dort in nordöstlicher Richtung am Hotel de Rome vorbei, zwischen Staatsoper und Kommödchen über das Forum Fridericianum, das sich heute Bebelplatz nennt, an der Humboldt die Straße überquert, gen Nordosten an Schinkels Neuer Wache vorbei und anschließend gegenüber der Museumsinsel bei der Kanzlerin vorbei, bei der vor der Tür diesmal auch die Polizisten im Auto saßen, so bescheiden war die Witterung und einen Film auf dem Bildschirm ihres GPs des kleinen Polizei Opels schauten - sah es und dachte mir, wie gut, dass sich die Zeiten ein wenig geändert haben, erstaunlich, was heute schon normal ist.

Am Bode Museum, in dem gerade die neue großartige Ausstellung über afrikanische Kunst im Vergleich mit im Sturm flatternden Plakaten die Besucher lockt, über die Brücke, die zum Monbijou Park führt, der an das im Krieg verlorene Schloss erinnert, das dort stand und in dem unter anderem auch die Mutter Friedrichs des Großen noch lange lebte. Der Straße folgte ich bis zur Oranienburger, wo sie auch endet, kurz vor der prächtig in die Nacht glänzenden Kuppel der Neuen Synagoge und die ich aber nur überquerte ohne der Synagoge, in der noch das Centrum Judaicum untergebracht ist, mehr als einen Blick unter dem Schirm hervor zu schenken, da es noch vor Mitternacht war und ich noch möglichst viele Kilometer laufen wollte.

Von der an den Bürgermeister der 1848er Jahre erinnernden Krausnickstraße, bog ich nach links, was ungefähr nördlich sein dürfte, in die Kleine Auguststraße ein, folgte ihr bis zum Koppenplatz und war von da aus wieder auf meiner üblichen Runde die Ackerstraße gen Wedding hinunter. Vorher ging es noch an diversen Clubs vorbei und als ich schließlich die Invalidenstraße überquerte, versicherte mir die Liebste, die inzwischen, kurz nach der Mall of Berlin, dem Kaufhaus mit dem peinlichen Namen, erreichten wir uns, wieder in meinem Ohr saß, es sei nun Mitternacht. Dann kam es nicht mehr auf die Zeit an und ich konnte in Ruhe flanieren und dabei rauchen, so es mir dem Wind zum Trotz gelang überhaupt eine anzustecken oder an meiner E-Pfeife zu ziehen, die ich aber lieber heute schonen wollte unterwegs.

Überquerte den Streifen im Gehweg der Ackerstraße, der den Verlauf der Mauer markiertem wandte mich dann ein wenig gen Norden die Bernauer hinauf bis zur Hussitenstraße, an der ich nun am Humboldthain vorbei laufen wollte. Es wurde ein Kampf mit dem Schirm und den Fallwinden zwischen den dort Hochhäusern, wie ich ihn so schlimm nicht erwartet hätte und er kostete nach inzwischen 20 gelaufenen Kilometern letzte Kraft. Weiß nicht genau, wie ich es schaffte, irgendwann bog ich nach der S-Bahn und nach dem Humboldthain, aus dem mir zum Glück kein Baum ohne Ankündigung auf den Kopf fiel, gen Norden in die Hochstraße ein, lief bis zum Gesundbrunnencenter, an dem ich die Badstraße, wie die vorher Brunnenstraße hier heißt, überquerte und der dann Behmstaße an wenig prächtiger Umgebung des Gesundbrunnen vorbei gen Prenzlauer Berg folgte, bis ich wieder zwischen meinen schönen heimischen Altbauten ankam reichlich gebeutelt und ziemlich geschafft von dem büschen Wind. Las nun erst in den Nachrichten, die Unwetterwarnung des DWD und sah, was hinter mir alles noch durch die Gegend flog.

jens tuengerthal 29.10.2017

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