Sonntag, 22. Oktober 2017

Sonntagsunruhe

Es ist Sonntag und ich höre die U-Bahn in der Ferne vibrieren, die Martinshörner von Polizei und Feuerwehr klingen in der übrigen Stille noch lauter. Die Läden haben geschlossen, darum haben Menschen, die unter der Woche arbeiten, noch mehr Stress, ihre Einkäufe statt in Ruhe am Sonntag noch im großen Andrang Freitagabend oder Samstag zu erledigen.

Der Grund für die Sonntagsruhe  liegt im Aberglauben, beruft sich auf die Bibel und die Worte, dass der Mensch am siebten Tage Ruhen solle. Ob dieser Tag der Sonntag oder der Samstag ist, der Feiertag am Freitagnachmittag oder Samstag um 0h beginnt, ist zwischen den Weltreligionen als Brutstätten des Aberglaubens umstritten.

Es ist sicher gut, alle paar Tage einen Tag innezuhalten, denke ich auch, der freiberuflich seit Jahrzehnten keine Sonntage kennt, sondern Aufträge, die eben mehr oder weniger schnell unabhängig vom Wochentag zu erledigen sind. So nehme ich mir frei, wenn weniger oder gar nichts zu tun ist und genieße dann die Zeit nach meinen Vorstellungen, wobei  mir völlig egal ist, was die Welt um mich herum in der Zeit noch macht, um meine Ruhe zu genießen, wie es mir gefällt.

Manchmal lese ich oder ich bin wieder so voller Gedanken, dass ich schreiben muss, wie an diesem Sonntag.  Finde Sonntage völlig überflüssig und eine Einrichtung des diktatorischen Aberglauben, die dringend überprüft werden sollte. Wichtig aber ist für mich, sich Zeit nehmen zu können, um zur Ruhe zu kommen, nachzudenken - wenn mir diese Zeit aber jemand diktiert, bewirkt es eher das Gegenteil.

So wenig ich gerne Freizeitparks besuche, um mich mit der Massen fragwürdigen Vergnügen hinzugeben, die in der Mehrheit schon beim bloßen Gedanken daran Übelkeit bei mir verursachen, so fremd ist es mir auch einen freien Tag mit allen teilen zu müssen.

Bis hierhin würden vielleicht noch viele zustimmen, sehen wir von meiner Abneigung gegen Freizeitparks und die Orte ab, die im Faust als Volkes wahrer Himmel bezeichnet werden. Auf einen Jahrmarkt bekommen mich keine zehn Pferde gezogen, wenn ich nicht muss und ich ziehe nahezu allem meinen Lesesessel vor, jenen Ort des Glücks und der beschaulichen Stille, an den ich mich so gerne, ein gutes Buch in der Hand, zurückziehe.

Es gibt aber ja auch viele Menschen, die gerne die Gesellschaft anderer gleichgesinnter haben und sich in dieser wohlfühlen. Verzichte darauf so gerne wie auf die lautstarken Äußerungen dieser Lebensform, sei es durch Lautsprecherbeschallung meines Hinterhofes oder die übliche Berieselung in Cafés. So hätte ein Café nach meinem Geschmack, das ohnehin eher ein Teesalon wohl wäre, eher Separeés als lange Tafeln und ausreichende Beleuchtung zum Lesen, vor allem Ruhe oder dezente klassische Musik.

Aber der Sonntag ist ja für alle da und nicht nur für mich, mit meinen Sonderwünschen. Von meinen Eltern wurde ich noch so erzogen, dass ich nicht so elitär sein dürfe, die Gewohnheiten der anderen Menschen auch respektieren und schätzen solle, mich nicht über dieses geistlose Treiben erheben dürfe, alle Menschen gleich seien und eben nicht jeder von Natur aus eine Neigung zum geistigen Leben habe.

Vermutlich ist die ganz große Mehrheit anders und wünscht sich anderes und bis ich vor über 30 Jahren das erste mal Hesse oder Mann las, dachte ich meine Neigung sei ein Unikat, mich verstünde keiner - warum die aber den generellen Feiertag des Aberglauben brauchen, verstehe ich noch weniger.

Wenn es besser ist für den Menschen, nur 5 Tage am Stück zu arbeiten und dann 2 Tage Pause zu machen, sollte alle Arbeit so eingerichtet werden, auch wenn ich nicht glaube, dass sich eine solche Regel generalisieren lässt. Denke vielmehr, es bräuchte weniger Regeln, damit Menschen sich ihrer Art gemäß, freier entfalten können. Aber nehmen wir mal die 5 Tage Regel als gültig  an, dann könnten diese Tage wunderbar gestaffelt werden - es gäb kein Wochenende mehr, sondern jeder hätte seine zwei freien Tag alle 5 Tage, wann es ihm und seiner Firma eben passt. Manche blieben beim alten Muster, andere gestalteten es flexibel, manche machten nur einen Tag Pause und arbeiteten jeweils drei Tage davor und danach. Es gibt da unendlich viele Varianten, die mich nicht interessieren. Sicher ist das Wochenende gut für gemeinsame Zeit der Familien - aber was wäre, wenn es flexibler wäre?

Der Gedanke, der mich mehr umtreibt ist, ob die Menschen ohne festen Sonntag glücklicher wären oder die Masse diesen gemeinsamen Tag braucht, ob er sich nun auf den ollen Aberglauben bezieht oder nicht, weil sie, wenn es nicht alle tun, nie zur Ruhe kommen und ein Leben ohne Wochenende als Kontrapunkt zur Woche für die vielen gern klagenden Arbeitnehmer schlicht unvorstellbar wäre.

Hatte noch nie einen Job mit Wochenende und fester Zeiteinteilung außer den Schichten im Krankenhaus, die dafür aber an jedem Tag beliebig um die Uhr liegen konnten und je nach Bedarf auch länger dauern konnten. Kenne es nicht, brauche es nicht, finde es nervig, wenn alle zur gleichen Zeit gern Freizeit spielen wollen.

Es hat soziale Vorteile, gemeinsame feste Zeiten zu haben, um sich zu verabreden und anderes mehr, doch wiegt das in meinen Augen sehr wenig, gegen den Vorteil freier Zeitgestaltung und den ungeheuren ökonomischen Vorteil der flexiblen Gestaltung.

Nach meiner vermutlich etwas einzelgängerischen Sicht werden soziale Kontakte ohnehin überschätzt, ist das meiste miteinander nur Geschwätz, auf das ich gut verzichten kann, was ich besser mit einem guten Buch ersetze. Dennoch sitze ich manchmal gern in einem der Cafés bei mir vor der Tür oder umme Ecke, um in dem belanglosen Geschwätz in Ruhe schreiben zu können. Nutze also das Sozialverhalten der anderen zumindest als Hintergrundmusik meines eigenen Tuns, so losgelöst von dieser Welt es auch immer sein mag. Meist belächle ich das Tun der anderen freundlich und bleibe ungestört für mich. Damit zufrieden, bin ich schon fast genervt, wenn mich ab und zu doch jemand in ein Gespräch zwingt, das auch nur um die immer gleichen Dinge bald kreist, sich in steten Wiederholungen der Darstellung seiner selbst gern erschöpft.

Unterließe es ganz, hätte ich nicht auch noch ein gesundes Maß an Eitelkeit, dem gelegentliche Bestätigung nicht völlig fremd ist, auch wenn es für diesen Reiz und seine Befriedigung heute schon soziale Netzwerke gibt. Bin also im Ergebnis wohl asozial und stolz darauf, weil mir die meiste Freizeitbeschäftigung zu blöd ist und ich nichts auf dem Viehmarkt der gegenseitigen Fleischbeschau noch suche.

Das macht nichts, solange ich niemand damit störe und die anderen, sein lasse, wie sie sind, was ich am liebsten tue, warum mir auch soziale Netzwerke und ihre verbalisierte Dummheit meist noch schneller auf den Geist gehen, als ich dort noch rege Kontakte anknüpfen könnte.

Es gibt sicher auch mal interessante Menschen. Aber sie sind selten und eine große Ausnahme - warum sollte ich mich also mit 99,9% Langweilern in geistiger Hinsicht oder Idioten umgeben, um 0,1% eventuell  nicht zu verpassen, frage ich mich an diesem Sonntag und käme fast vom Thema ab.

Von mir aus bräuchte es keine Sonntage, denke es wäre für alle besser, ihre Zeit freier und flexibler zu gestalten. Den Aufschrei der Kirchen, sollten wir aushalten, vielleicht ist es ihr letztes Röcheln und dann siegt endlich die Vernunft über den Aberglauben, wäre doch ein gutes Ergebnis.

Bin gegen den Sonntag, weil er das Herdenverhalten fördert, unflexibel macht und an etwas festhält, von dem wir uns befreien sollten, um jeder für sich, glücklich zu sein - aber ich fürchte, ich stehe mit dieser Meinung, wie so oft, eher allein. Und so geht es immer weiter, bis die Menschheit sich kollektiv aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit befreit und jeder begreift, was Freiheit heißt im Sinne von Kant. Da dies noch zu keinem absehbaren Zeitpunkt geschehen wird, verzichte ich auf alle weiteren Bemühungen und Worte in diesem Zusammenhang - mögen die Menschen ihren Sonntag genießen, ich tue es auch, wie an jedem anderen Tag auch, was mir wichtiger scheint als eine solche Debatte, geht es doch um nichts als den größtmöglichen Genuss im Leben und wenig ist der Aufregung je wert.

jens tuengerthal 22.10.2017

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