Dienstag, 9. Juni 2026

Lektürentagebuch 9.6.26

Lektürentagebuch 9.6.26

Von der Lebenslust des Franz Hessel 
In Spazieren in Berlin weitergelesen
Mit Franz Hessel zum Tanzen in den
Einschlägigen Etablissements dabei

Er las auf Plakaten von den Bällen für
Die ältere Jugend mit Klassefrauen zu
Denen Herren unter 25 keinen Zutritt
Haben was er tatsächlich erlebte

Einer wurde abgewiesen wollte dann
Seinen Ausweis zeigen aber der Herr
An der Kasse meinte nur dass sehe er
Auch so was ihn aber nicht betraf der

Sichtlich also vermutlich schon mit
Seiner Glatze das nötige Alter besaß
Und so wagte er sich auf einen Ball
Für die ältere Jugend und mehr

Sie bestellten Wein mit Namen Samos 
Was zumindest Eindruck machte der
Veranstalter setzte sich in seinem
Älteren Gehrock an ihren Tisch

Dieser Gehrock erinnerte ihn an den 
Den ihr Ordinarius der Untersekunda
Während des Wintersemesters trug 
Der Verein hier sei noch sehr jung

Er logierte im früher Logenhaus das
Kaiser Friedrich selbst eingeweiht hat
Darum waren Ringe auf die Wände
Gemalt die noch zu erkennen waren

Erzählte noch vom Sarg für den Eid 
Der eine Etage tiefer noch stand
Sprang dann auf und leitete mit einer
Würdigen Dame die Polka hier ein

Dann kam der Vereinsgründer wieder
Erzählte tagsüber sei er handwerklich
Tätig wie er es ausdrückte er wolle
Gemütliches Beisammensein fördern 

Störende Elemente die einer Dame
Zu nahe treten würden gleich wieder 
Ausgeschieden sie waren zu fremd
Dort um irgendwas zu riskieren

Darauf wurden noch verschiedene
Tänze vorgeführt und nachgemacht
Einige Herren legten ein Taschentuch
Zwischen ihre Hand und den Rücken

Je reifer die Jugend beobachtete er
Desto tiefer rutschte die Hand ob das
Schon Elemente waren fragte er sich
Was typisch Hessels feiner Humor ist

Damen die mit Damen tanzten zeigten 
Dabei nicht die gleiche Innigkeit wie
In gewissen Lokalen ironisierten eher
Die ungewohnte Paarung noch

Häufig gab es Damenwahl dann 
Durften sie jeder Tänzerin ihren 
Tänzer abklatschen auch sei für 
Mitglieder die Garderobe billiger

In kurzer allgemeinen Ansprache 
Lobte er noch altdeutsche Tänze 
Alle aufforderte zur Gemütlichkeit
Noch weiter auch beizutragen 

Dieser brachte dann die Kapelle als
Sie frisches Bier bekam ein Prosit dar 
Nun hatte er ein Bild solcher Bälle
Wusste wenn er davon las Bescheid

Weniger sozialdemokratische Zwecke 
Verfolgen wohl die Bälle bei denen
Anschluss über Tischtelefon kommt
Bieten dafür urfidelen Hochbetrieb

Sie versprechen prunkvolles wie
Künstlerisches und intimes dazu
Haben laut ihrer Werbung dann die
Kultiviertesten Luxusstätten der Welt

Das Tischtelefon sei seelenkundig
Weil der mittlere Berliner gar nicht
So selbstsicher wäre wie er gern tut
Am Telefon aber faßt er dann Mut

So heißt es dort offen im Programm
Genier dich nicht und rufe an 
Ob sie dich mag erfährst du dann 
So geht die Paarung wilde Wege

Nun besucht er ein Etablissement
Mit Schummerlicht in dem sich Paare 
Von gleichem Geschlecht bewegen
Durch mehrere Säle dabei getrennt

Was früher noch ein kühner Protest
Gegen das Sittengesetz war sei heute
Ein ziemlich harmloses Vergnügen 
So seien dort Besucher zugelassen 

Auch solche die gerne mit dem je
Anderen Geschlecht noch tanzen 
Können hier ganz neues noch lernen
Die Normalität wird zur Besonderheit

Früher so kommt es ihm vor sei noch
Alles sündhafter gewesen da ging es
Bei der Lust mehr um Gefährlichkeit
Wurden beim Cancan Röcke gerafft

Wären die Brüste noch halb entblößt
Bis zu den mit Tüll betonten Warzen
Gewesen und ihnen ganz schummrig
Schon vom Anblick dort geworden

Damals blühte der Palais de Danse
Mit Babylon und Renaissance Damen
Auch präraffaelitischen Einlagen und
Spielarten fanden sich dort wohl

Manche von damals hätten noch
Karriere gemacht Bäckerstöchter
Wurden zu Herzoginnen eine sogar
Sei königliche Hoheit geworden

Heute sei der Palais dagegen nicht
Wiederzuerkennen als er neulich dort
Hineingeriet sah er nur lebenslustige 
Aus Merseburg auf Berlin-Besuch

Sie wollten hier beim Besuch der
Berliner Verwandten die halbe Welt
Sehen von der nur ein abnehmendes 
Schüchternes Viertel noch auftauchte 

Herrlich humorvoll beschreibt Hessel
Die Berliner Tanzwelten die teilweise 
Wie Clärchen’s Ballhaus heute noch
Jugend und ältere zum Tanz laden

Auch Tischtelefone durfte ich noch
An einem Abend kennenlernen als ich
Mit einem Herren von Familie hier
Unterwegs war was heute ja egal ist

Heute sitzen die gelangweilten mit
Enttäuschten Erwartungen frustrierten
Dates in den Cafés zusammen was
Selten mehr als höflich noch wird 

Wenn schon Berlin dann gleich
Weiter Tucholsky gelesen im schönen
Inselband vorn die Ostsee und hinten
Die Friedrichstraße kam Nebenan

Das Gedicht beschreibt den gierigen
Lauscher an der Wand der dabei im
Nebenzimmer wen kommen hört
Wer sie wohl sind und was geplant

Das Ohr an der Wand hört er ein 
Stöhnen hat er es sich doch gedacht
Dann war es nur das Zimmermädchen
Marie und der lustvolle Traum platzt

Reimt dann eher komisch noch wie 
Auswärts alles besser scheint was 
Nicht seines ist bleibt ewig er ein
Wandersmann zum Zimmer nebenan

Daran anschließend aus selbigem
Band noch den Saisonbeginn an der
Ostsee gelesen der genau das im
Ersten Frühling noch beschreibt

Herrlich komisch und ironisch wird
Die feierliche Eröffnung der Ostsee
Im Frühling 1922 angetreten zur
Sommersaison dabei beschrieben 

Dort wo die Wogen in gerader Linie
An den Strand rollen kündigt sich
Der Frühling an und alle Wirte stehen
Bereit zum großen Empfang

Die dunklen Katen werden gelüftet 
Der Grogduft des Winters darf 
Abziehen alles wird nun schön 
Gemacht viele Gäste zu empfangen

Es sollen die Berliner alle kommen
Vereinzelt wohl auch Sachsen was
Keiner mehr erkennen kann doch 
Jeder schon bald wohl hören wird

Die fleißigen Gemeindevertreter
Verdreifachen die Kurtaxe und legen
Dazu den hohen Zimmerpreis fest
Den Strand reinigt nun die Jugend

Waisenkinder verteilen am Strand
In gehörigem Abstand Bernstein für
Touristen die sich freuen sollen der
Nach Berlin gekarrte Fisch wird 

Umgehend zurückbeordert auch
Etwas Regionales bieten zu können
Quallen und Tang werden vom
Strand vor die Häuser geschleppt

Dies dient der Herstellung von
Frischer Seeluft für die Nase dafür
Bringt Zinnowitz ein Hakenkreuz an
Badehosen werden dort nur noch

Nach Visitation durch den Amtsarzt
Ausgegeben an die mit Vorhaut wohl
Ein herzerfrischend antisemitischer
Wind pfeift am judenreinen Strand

Die Toiletten sind sämtliche in
Schwarz-weiß-rot gestrichen mit
Monarchischen Sprüchen versehen
Die Stellung kann bezogen werden

In Heringsdorf ächzte der Dampfer 
Freya an den Strand das einzig
Arische Lebewesen weit und breit
Trat schon lange vor Erfindung der 

Dampfmaschine seinen Dienst an 
Der Küste an steht also bereit und
Der Gemeindevorsteher zeigt seinem 
Sohn eine Scheibe die er als Kind

Noch eingeworfen hat denn hier in
Mecklenburg werde nach alter Sitte
Nichts geändert oder erneuert nur
Die Schiffer hängen sich Bärte um

Ostpreußens Steilküste sei noch
Am besten dran Berliner und Mücken 
Seien dort völlig unbekannt und die
Nobelpreisträger kamen erst später

Schilder mit Verboten werden neu 
Gepinselt dabei kann das was noch
Nach Belieben ergänzt werden und
Am Horizont dampft ein Kriegsschiff

Es fährt im Sommer ständig hin und
Her damit die Berliner auch sehen
Wofür sie so dicke Steuern zahlen
Frisch gesalzene Wogen rollen an 

Die Wirte stehen die Küste entlang
Vor ihren Häusern wie Raubvögel
Lauern auf Beute dann ein langer
Zug am Strand von Swinemünde

Der Landrat dort gefolgt von einer
Reihe Badeort Delegierter von
Holstein noch bis Samland was
Heute der Vladimir besetzt hält 

Die Emma Möwen kreisen und
Klacksen kleine Glückwünsche
Der Wind weht der Zug steht
Der Landrat hält eine Rede

Stets habe die Ostsee noch zum
Reich gehalten in ihr liege doch 
Die Zukunft von der schmutzigen
Konkurrenz der Nordsee wird dort

Lieber geschwiegen zumal auch
Das Wasser die Hälfte der Zeit
Viel zu weit weg noch dazu sei 
Hiermit ist die Ostsee eröffnet

Mit schön spitzer Ironie spießt
Tucholsky hier viele Konflikte auf
An denen sich bis heute nichts
Verändert hat es bleibt dort alles

So wie vor hundert Jahren schon
Nur sind eben Teile östlich nicht
Mehr deutsche Ostsee aber die
Nazis in Mecklenburg leben noch

Bald schon haben sie auch wieder 
Mehrheiten und ganz völkische
Bushaltezustellen gibt es schon
Im Nordwesten Mecklenburgs wieder

jens tuengerthal 9.6.26



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