Donnerstag, 4. Juni 2026

Lektürentagebuch 4.6.26

Lektürentagebuch 4.6.26

Während aus dem Himmel über Berlin
Der Sommerregen in den Frühling fällt
Wechselt bei Siri Hustvedt in den
Ghost Stories Dezember zu Januar

Dies noch dazu immer wieder und sie
Erzählt ihre Erinnerungen auch an
Weihnachten mit und Paul auf eine
Ganz zauberhaft zarte Art wieder

Wie glücklich kann der Mann sein
Der die große Liebe dieser Frau die
Auch über seinen Tod hinaus noch
Spürbar bleibt einmal gewonnen hat

Ob Liebe der ständigen Erneuerung
Gar der Bestätigung noch bedarf 
Könnte hier passend diskutiert werden
Ist aber nicht Siris Thema darum egal

Sie beginnt wie sie endet dies Kapitel
Philosophisch mit dem Satz dass 
Jedes Foto ein Dokument von Verlust 
Von etwas ist was nie wiederkommt

Alle Fotos auch einer Serie sind 
Unterschiedlich obwohl sie identisch
Aussehen weil die Zeit sich änderte 
Erinnert sie sich an ein Foto von Paul

Sie hatte es Heiligabend 2022 als
Paul im Sessel saß mit dem Schal
Den ihm Spencer geschenkt hatte
Der Mann ihrer Tochter Sophie

Dabei trug der den Pulli mit dem
Reißverschluss seinen Liebling
Indem sie ihn darum beerdigen
Ließ einen Scotch in der Hand

Er merkte nicht dass er fotografiert
Wurde seine Augen sind getrübt 
Der Mund schmerzlich verzogen
Sie sieht die Geister der Toten

Jene die nicht auf dem Bild sind
Aber seine Züge geprägt haben
Ruby und Daniel Sohn und Enkel
Er wusste dass er Krebs hatte

Dann stellt sie sich vor wie der 
Fünfzehnjährige Miles die Briefe
Seines Großvaters lesen wird ob
Sie dann auch schon ein Geist ist

Fragt sich Siri und stellt sich vor
Wie Sophie dann sagt das ist deine
Mormor mit dir als Baby noch um
Zum Ticken der Uhr zu kommen

Die sie an ihrem Schreibtisch ticken
Hören kann und wie sehr sie es mag 
Die Zeit wegticken zu hören und so
Vergeht die Zeit wie im Fluge

Das norwegische Wort Jul steht für 
Weihnachten und heißt Rad was
Nichts mit dem Christentum noch
Zu tun hat wie ihr Vater ihnen sagte

Es geht bei Jul um das Rad der
Jahreszeiten wobei Kerzen die lange
Dunkelzeit im Norden erleuchten wie
Alles auch im Garten wieder kommt

Über die zwei Versionen der Zeit
Als Linie im einzelnen Leben und als
Rad das die Zyklen von Geburt und
Tod mit einschließt so idyllisch ist

Im ersten Jahr drückte sich ihr
Jüdischer Geliebter noch vor
Weihnachten in ihrer Familie
Das er im Jahr darauf erlebte

Dabei hätte er gedacht sie hätten 
Nicht mehr alle Tassen im Schrank
Wie sie sich an den Händen fassen
Um den Baum tanzen und sangen 

6 Erwachsene die sich wie kleine
Kinder aufführen mit der Zeit aber
Lernte Paul Auster die Rituale wie
Alle Mitglieder der Familie lieben

Eine Woche drängten sich die vier
Töchter später mit Männern und
Kindern im Haus der Eltern mitten
Im ländlichen Minnesota als Clan

Ihre Mutter fing schon im Oktober
Mit den Weihnachtsvorbereitungen an
Etwa ihren zwölf Sorten Keksen 
Heute findet es in Brooklyn statt

Sie feiern mit den News Yorker
Schwersten deren Familien und
Einigen engeren Freundinnen auch
Essen sie immer das gleiche

Schweinerippchen Preiselbeeren
Süßsauren Rotkohl Möhren Erbsen 
Salzkartoffeln und zum Nachtisch
Reispudding mit Schlagsahne

Dabei ist in einer Portion des Pudding
Eine Mandel versteckt und wer sie
Findet bekommt eine Belohnung
Jahrelang betrog ihre Mutter sie

Sorgte immer dafür dass wer die 
Mandel besonders verdiente sie 
Auch bekam wie etwa Paul im
Ersten Jahr seines Besuchs

Spät am Heiligabend als sie das
Ganze Chaos betrachtete schlug
Plötzlich die Trauer zu sie war nun
Allein es wäre nicht wie immer

Wie sie das Fest tagelang noch
Vorbereitete vom Silberputzen bis
Zum Blumen stecken für die Tafel
Denke ich auch an meine Mutter

Es machte ihr nicht mehr so viel 
Freude aber es gab ein Gerüst 
Um die Gesten ihrer Mutter in ihren 
Eigenen zu wiederholen

Neujahr feierten sie Miles ersten
Geburtstag und sie schwärmt von
Ihrem Enkel wie es nur Großmütter 
Können und erzählt Kinderspiele

Von einem alten Fax erzählt sie
Dass sie an Paul Auster sandte
Was nur eine Liebeserklärung war
Eine Wiederholung vergangener

Nachrichten mit ihrer dauernden
Liebe mit zärtlichen spielerischen
Worten betont und dazu noch als 
Beleg Kierkegaard zitiert

Der sagte Wiederholung sei Wille und
Mut anders als Erinnerung und das
Stimme natürlich so wiederhole sie
Nur was er schon wisse was aber

In der Wiederholung ihr Leben sei
Damit hätte er es dies süße Ding
Wie sie ihn am Ende nennt was ich
Rührend aber auch in dezent finde

Zum Ende des Kapitels zitiert sie
Noch aus Kierkegaards Novelle
Wiederholung wonach Wiederholung
Und Erinnerung dieselbe Bewegung 

Sind nur in entgegengesetzter
Richtung, das woran du dich erinnerst
Ist gewesen wird rückwärts wiederholt
Wiederholung aber erinnert vorwärts 

Ohne die Kategorie der Erinnerung
Löste sich das ganze Leben in einem
Leeren und inhaltslosen Lärm auf
Was für ein geniales Ende denk ich

Ein wunderschönes Kapitel was ganz 
Für sich heute stehen kann bevor ich
Das vorletzte ewig lange zur Politik
Mir noch antue lasse ich es stehen

Gedanken zur Zeit auf Fotos die
Dem Augenblick Ewigkeit verleihen
Oder ein Dokument des Verlustes
Für das was nie wiederkommt 

Traditionen aber in Familien pflegen
Die Erinnerung durch Wiederholung
Was zwar nie so wiederkommt aber
Im Ritual immer präsent noch ist

Kann Fotos als Dokumente des
Ewigen natürlichen Verlust sehen
Oder als Erinnerung die dadurch
Dem Lauf der Zeit entzogen ist

Dieses kurze Kapitel war so reich
Wie vielfältig bedeutend dass es
Solitär in der lyrischen Erinnerung
Der täglichen Lektüre stehen soll

jens tuengerthal 4.6.26

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