Lektürentagebuch 4.9.26
In Wellen von Eduard von Keyserling
Kamen die Herren im Bullenkrug an
Worauf Ernestine meinte nun würde
Das Leben ganz freiherrlich bei ihnen
Die große Tafel auf der Veranda ist
Ganz feierlich gedeckt worden und
Die Generalin prüft alles aufgeregt
Ob ihr Schwiegersohn auch genug
Eis für seine Erdbeerbowle bekommt
Ob die Spargel auch weich genug
Sein werden sie kenne doch ihren
Schwiegersohn fragt sie Malwine
Fräulein Malwine Bork lächelt ihr
Geheimnisvoll zerstreutes Lächeln
Meint die Spargel werden himmlisch
Sein und dann kamen alle zur Tafel
Baron Buttlär saß zwischen seiner
Schwiegermutter und seiner Frau
Strich behaglich dabei über seinen
Langen blonden Schnurrbart noch
Erzählte Geschichten von ganz
Allgemeinem Interesse für die sich
Frau von Buttlär sehr interessierte
Die eingefallenen Wangen gerötet
Fast wurde sie dabei etwas kokett
Unten am Tisch saß die Jugend
Leutnant Hilmar der Verlobte von
Lolo erzählte auch Geschichten
Über diese lachten Wedig und Nini
So laut dass ihre Mutter nun streng
Aber Kinder rief dabei war Hilmar
Schlank im hellen Sommeranzug
Er sah fast wie ein Knabe aus nur
Wie ein auffallend hübscher dabei
Mit dichtem schwarzen Haar von dem
Eine Locke aus dem sonst strengen
Leutnantsscheitel fiel wie bei einem
Neapolitanischen Burschen die ganz
Regelmäßigen Züge des bräunlichen
Gesichts hatten etwas scharfes dabei
Wie es sich bei alten Rassen schreibt
Keyserling hier zuweilen noch findet
Seine dunklen Augen waren lebhaft
Manchmal sprühte etwas in ihnen
Keine Disziplin in den Augen hatte
Der Onkel General von dem Hamm
Dazu gesagt aber als die Bowle kam
Wurde der Baron ganz der Genießer
Zündete sich eine Havanna an trank
Einen Schluck sah über das Meer und
Sagte Mondschein und Meer da kann
Ja müsse man gefühlvoll werden
Das Meer mache immer Eindruck
Die Unendlichkeit sei eben die
Unendlichkeit worauf alle schwiegen
Sinnend auf das Meer sahen doch
Dann lenkte Frau von Buttlär das
Gespräch wieder auf ihr Gut zurück
Ihr Vieh ihre Milchmädchen ihre
Hühner und auch ihre Butter noch
Immer wieder kehrten ihre Gedanken
Zu der fetten Wohlhabenheit zurück
Welch wunderbare Karikatur kommt
Hier ganz liebevoll gezeichnet dabei
Die Jugend wurde unruhig Nini und
Wedig wollten auf die Düne gehen
Taten dabei geheimnisvoll denn sie
Hatten eine neue Beschäftigung
Jeden Abend machten sie Jagd
Auf die Gräfin wie sie es nannten
Versuchten Doralice zu begegnen
Auch das Brautpaar ging zum Meer
Hilmar meinte er müsse nun Steine
Springen lassen und erst wenn er
Ihm ein Dutzend ins Gesicht warf
Bekomme er ein Verhältnis zu ihm
Der hätte keine Ruh muss immer was
Vorhaben meint der Baron und schaut
Wohlwollend hinterher während die
Baronin ihre Sorge darüber ausdrückt
Hitzig sei er bestätigt der Baron
Er reite gut und anfangs auch
Vernünftig aber dann kriegt er die
Leidenschaft und das Pferd mit
Fräulein Bork meint darauf mit
Verträumter Stimme sie könnte
Sich gut vorstellen dass der Herr
Leutnant seine Leidenschaft auch
Anderen mitteilt worauf die Generalin
Sie zurechtwies es sei von Pferden
Die Rede warum die Baronin ihm
Verboten hätte Pferde oder Autos
Mit in den Urlaub zu bringen und
Wenn er segelt führe Lolo nicht mit
Solange sie über das Kind wache
Soll er sie noch nicht umbringen
Worauf der Baron gutgelaunt seine
Schwiegermutter fragt ob sie auch
Das Gefühl gehabt hätte sie einen
Abgrund hinab zu stürzen
Abgrund vielleicht nicht meint die
Generalin darauf aber dass ich sie
Auf einen Ballon setzte bei dem man
Nicht weiß wohin der Wind ihn treibt
Worauf der Baron meint aber doch
Ein sehr lenkbarer Ballon was seine
Frau auch wisse und lachte vielleicht
Etwas zu laut über seinen guten Witz
Es tat ihm gut das geistvolle Haupt
Der Familie zu sein das Heiterkeit
Verbreitet während Malwine meinte
Sie fände den Leutnant herrlich
Er sei wie der Page in dem Lied
Der auf die Königstochter wartet
Vom Stamme jener Asra welche
Sterben wenn sie lieben damit
Zitiert sie aus dem Gedicht Der Asra
Von Heinrich Heine leicht verändert
Gibt sich also bildungsbürgerlich was
Für die Generalin wieder ein Grund
Zur Aufregung ist was Asra sein soll
Die Hamms stürben nicht wenn sie
Lieben die kenne sie und sie sollte
Solch Zeug nicht vor Lolo erzählen
Die neigen ohnehin schon zur
Überspanntheit worauf die Baronin
Die Geschichte von Doralice erzählt
Vom Kuss und der Sandbank
Der sie die ganze Nacht nicht mehr
Schlafen ließ was er dazu sage
Woraufhin der Baron ernst wird
Die Gräfin Köhne sei schon eine
Superbe Frau aber böse Geschichte
Der Graf hatte einen Schlaganfall sehr
Traurig seine Schwester pflege ihm
Gesellschaftlich komme sie natürlich
Nicht mehr in Betracht aber sie erwies
Ihnen einen Dienst er werde ihr bei
Gelegenheit noch dafür danken was
Seine Frau nicht verstehen will
Der Baron besteht auf Höflichkeit aber
Die erregte Baronin meinte nur diese
Frau sei als eine schwere Prüfung für
Sie hierher gesandt worden
Am Strand ließ Hilmar dafür völlig
Unermüdlich Kieselsteine springen
Lolo schaute ihm zu als er davon
Müde wurde spazieren sie weiter
Jetzt verstehe er das Meer es sei
Heute im Mondschein und allem doch
Sehr programmgemäß und sein
Schatz sei erst recht programmgemäß
Was Lolo schade findet denn ein
Programm sei nie überraschend
Worüber Hilmar lacht denn Bräute
Sollten hübsche Notwendigkeiten sein
Lolo erzählt ihm ihr Abenteuer mit
Doralice vom Kuss und den Rosen
Worauf er von der durchgebrannten
Gräfin spricht die doch nicht heilig wär
Lolo meint sie rühre sie einfach auch
Wenn sie nicht wisse warum vielleicht
Weil sie so schön sei aber wer sich
In sie verliebe müsse eben leiden
Ob es so arg mit ihrer Schönheit sei
Will Hilmar sie beruhigen doch sie
Fragt ob nichts schmerzhaftes dabei
Sei sie zu lieben was er verneint
Im Gegenteil fühle es sich gut an
Riesig vornehm sie zu lieben er
Werde dabei fast verlegen vor sich
Erzählt von seinen Kindersonntagen
Worauf sie enttäuscht fragt ob sie
Wie so ein Sonntag nur für ihn sei
Er meint so ähnlich dann kommt
Die Gräfin gemeinsam mit Hans
Ein schönes Kindergesicht mit einem
Merkwürdig schicksalsvollem Munde
Was Lolo gut findet sie habe auch
So einen gerade und er solle sie
Nun küssen und hielt Hilmar darauf
Ihr mondbeschienenes Gesicht hin
Als er sie darauf geküsst hatte
Fragt sie ihn nur nun doch Hilmar
Schüttelt den Kopf von Schicksal
Keine Spur eher ein ganz friedlicher
Pfingstsonntag auf dem Land worauf
Lolo mit den Achseln zuckt und seufzt
Worauf Hilmar meinte es sei anders
Sie hier zu küssen komme ihm wie
Eine kolossale Frechheit vor als ob
Alle fünf Weltteile ihnen zusähen
Das wäre ein eigenartiges Gefühl
Was sie darauf nicht will und sich
Von ihm losmacht seltsam ist wohl
Manchmal der Willen der Frauen
Keyserling ist ein feiner Beobachter
Der Zustände in denen er aufwuchs
Dringt tief in die Gefühle wie die mit
Ihnen verbundenen Erwartungen
Natürlich werden diese enttäuscht
Während Hilmar seiner da eher
Nüchtern vernünftigen Art gemäß
Ohne alle Leidenschaft wohl liebt
Er macht eine gute Partie wie es
Sich für ihn und seinen Stand gehört
Weiß es und will genau das eine
Verlässliche Beziehung ohne Drama
Sie träumt von romantischer Liebe
Die dem Gefühl mit Leidenschaft folgt
Miteinander großes Glück zu finden
Bekommt einen Ehemann dafür
Fein beschreibt Keyserling hier die
Spannung zwischen dem als eher
Leidenschaftlich beschriebenen
Leutnant Hilmar dessen Haltung
Zur Ehe und Liebe bloß langweilig
Konventionell wirkt der eben eine
Standesgemäße Partie macht was
Dem Wesen der Beteiligten nie reicht
Was wird aus dieser lieblosen aber
Formell korrekten Beziehung in der
Begegnung mit Doralice die beider
Träume als Sünderin wohl weckt
Zitierte oben bewusst dass hier vom
Autor genutzte ‘man’ was ich sonst
Vermeide weil ich Frau nicht unter
Mann subsumiere aber hier passt es
Der Adel ist ständig damit beschäftigt
Was ‘man’ tut darf oder nicht und
Wurde meist so verheiratet wie es
Stand und Vermögen entsprach
An das Verhalten sind strenge
Maßstäben geknüpft an sich
Wie an andere um anerkannt
Im sozialen Kontext zu bleiben
Dies kritisch zu hinterfragen oder
Sitten und Gewohnheiten noch
Auch für sich zu überprüfen ist
Dort noch eher ungewöhnlich
Die alte Herrschaft bleibt also
Mit ihren internen Sitten völlig
Unmündig im Sinne der Aufklärung
Was tragisch eigentlich ist
Charles und Diana spielten dies
Schicksal öffentlich noch aus
Was für eine Seite tragisch endete
Vermutlich wäre weniger da mehr
Der Grenzen seines Standes sehr
Wohl bewusst beschreibt Keyserling
Die Überschreitung als Tabubruch
Der Freiheit und Mündigkeit schenkt
jens tuengerthal 5.9.26