Lektürentagebuch 20.3.26
Die Verfeinerung der Deutschen geht
Weiter wo Erwin Seitz in seiner etwas
Anderen Kulturgeschichte nun über
Bürgerliche Lebenskünstler schreibt
Er möchte die Menschen gerne so
Unpathetisch wie möglich sehen um
Die Entwicklungsfähigkeit zu sehen
Grundlage ist dabei seine Natur
Biologie Libido Neurologie die Freude
An Nahrung und Fortpflanzung mit
Essen und Trinken Liebe und Sex
Die Lust am atmenden Leben mit
Sinnlichen Empfindungen geistigen
Möglichkeiten durch Sprache und
Denken die Fähigkeit zu lernen wie
Sich anzupassen wie das Wesen
Mit der Kunst auch das Angenehme
Schöne hervorzubringen dem Talent
So eine Chance zu geben um den
Genuss und die Lust daran zu heben
Daraus entsteht eine menschliche
Geschichte die selbst Orientierung
Uns bietet was kulturell möglich ist
Die Historie bleibt unabgeschlossen
Das Bewährte kann dabei helfen
Während das Neue durch Versuch
Und Irrtum erprobt wird beides hat
Michel de Montaigne auch schon
Angewandt in seinen Essais woran
Karl Popper sich später anschloss
Es ist die Kulturformel von also
Tradition und Erneuerung dabei
Jacob Burkhardt unterschied dazu
Natur und Geschichte weil erst das
Erwachte Bewusstsein einen Bruch
Mit der Natur vollzog so gab er der
Historie keine metaphysischen Züge
Sondern mehrere Möglichkeiten es
Bleibt der Mensch nach seinem einst
Ursprung ein reißendes Tier oder er
Folgt dem Trieb andere zu knechten
Kann aber auch als Drittes noch den
Staat wie Gesellschaft verfeinern was
Die hochkultivierte Alternative dann ist
Manche gilt heute als genetisch schon
Gesteuert anderes bleibt geschichtlich
Kulturell bestimmt ohne sagen zu
Können wo was beginnt und endet
In Geschichte und Kultur liegt noch
Ein Potential von Freiheit es kommt
Dabei darauf an die drei Stufen die
Burkhardt beschrieb zu durchlaufen
Dabei sollte die dritte Stufe als feine
Lebensart kultiviert erstrebt werden
Burkhardt sah drei Hauptkräfte noch
Am Werk mit Religion Staat und Kultur
Die ersten beiden seien stabil
Während die Kultur spontan frei
Beweglich gesellig Künste Dichtung
Wie Wissenschaft dabei fördert
Er unterschätzte aus heutiger Sicht
Die Wirtschaft die er der Kultur nur
Zuschlug und überschätzte noch die
Religion die heute als Kultur gilt
Ob der private Aberglaube allerdings
Wirklich kultiviert ist oder nicht doch
Für ein kultiviertes Dasein künftig
Überwunden werden sollte ist offen
Seitz sieht dagegen heute Wirtschaft
Politik und Kultur als die drei Kräfte
Der Geschichte und möchte noch die
Verfeinerung mit dazu hier nehmen
Norbert Elias sah die aristokratische
Gesellschaft der Höfe in der frühen
Neuzeit als Labor der Verfeinerung
Eine Schule gebildeten Geschmacks
Manieren Stil und das Gefühl für das
Was sich gehöre sei dort Zuhause
Aber schreibt nichts über Pomp und
Tyrannei die dort auch herrschten
So meint Seitz dass die wahre
Menschliche Verfeinerung geschah
Wo sich Bürger und Adel treffen
Wie in den Stadtrepubliken der Antike
Aus diesem Milieu stammten all jene
Schriften die der menschlichen wie
Kulturellen Verfeinerung dienten von
Homer Aristoteles Cicero Ovid Horaz
Im bürgerlichen Umfeld diente die
Lebenskunst noch der Lebensfreude
Im späten Mittelalter wie natürlich in
Der Renaissance wurde wieder an
Die klassischen Autoren angeknüpft
So gab es in England people of gentle
Birth also vornehme Geburt welche
Gentry bildeten quasi zwischen dem
Adel und dem wohlhabenden Bürgern
Gentleman und Lady eben lebte zum
Großen Teil auf dem Land während
Die gleiche Schicht in Deutschland
Eher städtisch war das bürgerliche
Patriziat die Geschlechter heißen
Was von Familie Sippe auch kam
Das Großbürgertum dann wurde
Jene Gruppe die Thomas Mann
In den Buddenbrooks karikiert
Im Zauberberg historisiert der meine
Großeltern sich zugehörig fühlten
Seitz beschreibt wie sich der alte
Aristokratisch autoritäre Stil eher
Erledigte für einen Mischstil der
Elemente beider dabei vereint
Der Begriff Gentry und Gentleman
Hätte dabei seine Bedeutung auch
Gewandelt vom Geschlecht zum
Höflichen verfeinerten Verhalten
In diesem Sinne ist auch etwa
Der Band Manieren aus der geliebten
Anderen Bibliothek von Prinz
Asfa-Wossen Asserate zu sehen
Der Enkel von Kaiser Haile Selassie
Studierte in Tübingen und war Korps
Student dort beschreibt die Sitten mit
Feinem Blick für die Zustände dabei
Hat der in Frankfurt lebende Nachfahr
Der Königin von Saba viel Tradition
Aber auch Humor beim Blick auf
Die Menschen und ihre Sitten
Traf seine kaiserliche Hoheit mal
Rauchend auf der Buchmesse in
Leipzig im Innenhof wir plauderten
Über gemeinsame Bekannte noch
Neuerdings meint Seitz tauche der
Begriff Gentrifizierung auf für die
Verdrängung der ursprünglichen
Einwohner eines Gebietes auf
Er wurde in den sechziger Jahren
Von der Londoner Soziologin Ruth
Glass geprägt und meint soziale
Veränderung der Bewohner
Lebe in Prenzlauer Berg selbst
In einem von Gentrifizierung wohl
Betroffenen Gebiet was ich aber
Weniger dramatisch bisher finde
Es kann dieser Prozess zu einer
Verdrängung der ursprünglichen
Bewohner führen die sich dann
Die Mieten nicht mehr leisten
Aber so ist der Markt eben auf
Dem Angebot und Nachfrage
Bestimmen und Orte damit auch
Verändern es bleibt nie alles gleich
Die schöne Bausubstanz der noch
Altbauten in Berlin zieht viele an
Entsprechend steigen die Preise was
Andere wiederum verdrängt
Ob das negativ oder positiv dabei
Zu bewerten ist bleibt umstritten
Halte es auch für einen natürlichen
Prozess der Verfeinerung
Dieser wird politisch noch etwas
Abgefedert mit Eingriffen die das
Eigentum mehr oder weniger stark
Infolge dann gefährden was strittig ist
Unter dem Titel Alltagserzählungen
Schreibt Alexander Bastek sein Essay
Über die Genremalerei im deutschen Impressionismus in unserem Band
Zur Liebermann Ausstellung im
Barberini in Potsdam unter dem
Titel Avantgarde Max Liebermann und
Der Impressionismus in Deutschland
Der edel gemachte Katalog lässt die
Buchstaben in einer Vertiefung ganz
Weiß in weiß gehalten dabei fühlen
Wenn der Schutzumschlag ab ist
Anhand verschiedener Gemälde von
Liebermann und Kollegen wird hier
Spannend neu das Gebiet der
Genremalerei auch betrachtet
Beginnend mit der holländischen
Dorfstraße zu Waisenhausbildern
Von Kuehl Lübeck und Liebermann
Aus Amsterdam und ihre ganz
Eigenen Besonderheiten wie die
Auffällig Fläche füllenden typisch
Impressionistischen Lichtflecken
Bei Liebermann die zentral sind
Bei Kuehl dagegen wird wieder
Spontanität inszeniert durch den
Blick ins Bühnenbild mit einem
Spontan umgefallenen Tisch
Auf der holländischen Dorfstraße
Ist die Inszenierung von der
Begegnung der Mädchen bis zum
Durchs Bild schlappenden Bauern
Eigentlich schon komisch genug
Doch sogar ein durch das Bild
Stolzierender Hahn wird noch als
Bildwürdig angesehen und die
Vielen Nebengeschichten zu der
Begegnung der Mädchen machen
Die eigentliche Erzählung fast zur
Nebensache schon wieder
Auch die Serie der Waisenhausbilder
Erzählt noch einige Geschichten dazu
So hat Kuehl im Bild zwei völlig sonst
Getrennte Institutionen vereint was
Aber wohl nur merkt wer beide kennt
So die Geschichte im Bild sieht mit
Kuehl hat Liebermann für die große
Weltausstellung in Paris 1889
Die wegen des Revolutionsgedenkens
Bismarck gehorchend offiziell keinen
Deutschen Betrag hatte eine eigene
Schau der Gegenwartskunst gebaut
Kuehl inszeniert seine Bilder mehr
Liebermann wirkt spontaner aber
Ist dafür sehr ums Licht bemüht
Was ja zum Impressionismus passt
Bastek diskutiert dann noch die
Genremalerei beim Tennis das
Als idealer Ort der Partnersuche
Oder Heiratsvermittlung galt
Das Tennisturnier in Bad Homburg
Von Ferdinand Brütt wird den
Tennisspielern am Meer von
Liebermann hier gegenüberstellt
Was früher die Bälle waren ist heute
Der Sport Club drücken sie auch aus
Was naturgemäß ähnlich komisch
Wie Tinderprofile betrachten ist
Spannend ist hier noch der Vergleich
Von Brütts Aufsichtsratssitzung das
Mit Hasenclevers Lesekabinett von
1843 ironisch im Aufbau spielt
Damit wird eine Bild Inszenierung
Aus dem Vormärz für ein ironisches
Bild zur modernen Industrie genutzt
Was eine schöne Genre Idee ist
Eine schöne Geschichte wird noch
Zum Verhältnis zur Familie Linde
Aus Lübeck erzählt wo der ältere
Bruder Augenarzt und Sammler ist
Die beiden jüngeren Maler sind
Wobei hier das Bild Heinrich Eduard
Linde-Walter besprochen wird das
Den Zuschauer durch einen ganz
Direkten Kinderblick ins Bild zieht
Was mit einem Bild von Degas spielt
Der direkte Blick zeigt auch wie sehr
Der Impressionismus damals noch
Auf Unverständnis in deutschen
Öffentlichkeit stieß die Freiluftmaler
Lenkten noch die Blicke auf sich
Zumindest der unverstellten Kinder
Ein sehr wichtiger Gedanke der auch
Von der Selbstwahrnehmung der
Künstler bei ihrer Arbeit erzählt wie
Ironisch Ablehnung thematisiert
jens tuengerthal 20.3.26