Lektürentagebuch 12.6.26
Wieder unterwegs mit Franz Hessel
Auf der Rundfahrt in dem Band
Spazieren in Berlin geht es vom
Molkenmarkt auf einen stillen Platz
Dort steht die älteste Kirche Berlins
Die Nikolaikirche die sich darum bis
Heute mit der Marienkirche streitet
Aber das älteste Fundament hat
Es stammt noch aus dem Jahre
1230 ist aber 1330 abgebrannt
Dann wieder aufgebaut worden
Heute Teil des Märkischen Museum
Dort gibt es noch Erbbegräbnisse
Die von Schlüter geschaffen wurden
Die gotische Halle hat viel große und
Kleine Kapellen mit Denkmälern
Es finden sich alle Kunstepochen
Sie wurde protestantisch aber hätte
Noch etwas von der alten Pracht
Hessel fehlt nur der Weihrauch
Hier hätte auch der Ablasskrämer
Tetzel gepredigt umlagert vom ganzen
Damaligen Tout-Berlin wie Hessel
Ein wenig spöttisch hier erzählt
Der Platz war früher Nikolaikirchhof
Was zu den vielen Gräbern passte
Dort standen ein paar sehr alte
Häuschen die winzig und eng waren
Eines hier rühmte sich noch Berlins
Kleinstes Haus zu sein es ist nur vom
Nachbarhaus zu betreten und bloße
Drei Fenster breit davon gab es wohl
Noch einige im alten Berlin erzählt
Hessel sie sind heute Geschichte
Über den Mühlendamm geht es über
Die Inselbrücke nach Neukölln
Hier und gegenüber auf der großen
Friedrichsgracht gibt es wieder einige
Sehr alte Häuser doch ist der Wagen
Zu eilig um alles noch anzusehen
Dort gäbe es das Relief eines Mannes
Der eine Tür trägt angeblich soll er an
Das Köpenicker Tor noch erinnern
Deren Haspen dort aufbewahrt waren
Witziger findet er die Deutung die vom
Alten Schuster erzählt der hier lebte
Der ein Los in Friedrichs Lotterie sich
Kaufte und an seine Tür klebte
Als er nun wider Erwarten gewann
Musste er die Tür zur Lotterie tragen
Diese Lotterie an der Friedrich gut
Verdiente und die Bürger viel kostete
Leitete wiederum Direktor Casalbigi
Der aus Casanovas Erinnerungen
Auch bekannt ist der selbst in Paris
Die erste Lotterie gegründet hatte
Aus Dankbarkeit für seinen Gewinn
Ließ der Schuster das Bild an seinem
Haus anbringen solche Sagen gibt es
In Berlin noch einige zu erzählen
Im Vorbeifahren wirft er einen Blick
Auf die Brücken welche noch der
Stadtbaurat Hoffmann dem Berlin so
Viel verdankt gebaut hat
Sie hätten das Neue dem Alten dabei
Angepasst ohne in Historismus zu
Verfallen wie unter Wilhelm II hier ist
Meisterwerk das Märkische Museum
Cöllnischer Park hieße der Garten da
Vor der Front der Museumsburg die
Verschiedene Stilperioden vereinigt
Im Innern gibt es viel Heimatkunde
Heute leider durch den Leiter der
Auch das nervige Berlin Museum
Im Humboldt-Forum verantwortet
Ideologisch pädagogisch ruiniert
Hessel erzählt wie schön es damals
Noch war und wünscht sich ein
Museum für Berliner Interieur wo auch
Als Kuriosum der Wilhelminismus
Seinen Platz fände ohne zu stören
Vor dem Museum steht noch ein
Nachgemachter Roland nach dem
Brandenburger weil Berlin seinen
Schon früh unter Kurfürst Friedrich II
Verlor den Bären der Stadt unter
Seinen Adler zwang und erzählt
Vom neuen Roland tief im Westen
Sie sehen den Abbruch der alten
Jannowitzbrücke beim Bau der
Neuen die es heute noch gibt sieht
Die Trümmerreste dort schwimmen
Am Stadthaus sieht er den Bär von
Wrba der heute im Bärensaal des
Auch von Hoffmann gebauten
Stadthauses seinen Platz fand
Nebenbei steht eine Replik auch
Im Tierpark dem Ost Berliner Zoo
Auf dem meine Tochter schon
Kletterte der Bär ist also bekannt
Warum er zum Stadtier wurde ist
Dabei unklar Hessel nennt es eine
Volksetymologie weil Berlin nichts mit
Bär zu tun hat Wendisch Wehr heißt
Ein solches Wehr verband noch in
Wendischer Zeit die Spreeufer so
Gab es schon vor dem Mühlendamm
Eine Verbindung der beiden Orte
An der Parochialkirche vorbei stehen
Ein paar alte abzureißende Häuser
Ein Spukhaus ohne Fenster und ein
Antikriegsmuseum das Hessel sehr
Liebevoll beschreibt mit Stahlhelmen
Als Blumentöpfe und schrecklichen
Bildern innen und darum auch hofft
Es finde einen würdigen Platz wieder
In der Jüdenstraße öffnet sich der
Durchgang zum großen Jüdenhof
Der kleine unweit von dort fiel schon
Der Straßenverbreiterung zum Opfer
Dort steht ein alter Akazienbaum
Unter dem die Juden als sie mal
Wieder vertrieben wurden ihr Gold
Vergraben haben sie wussten wohl
Bald würden sie wieder gebraucht
Sie hausten damals noch hinter
Eisentoren und durften nur in ihrer
Zwangsuniform auf die Straße gehen
Das war ein Kaftan und spitze Hüte
Festen Wohnsitz durften sie nicht
Erwerben nicht auf Messen handeln
Und mussten Schutzgelder zahlen
Offenbar gefiel es ihnen dennoch
Denn aus jeder Verbannung sind
Sie wieder zurückgekehrt schreibt
Hier der selbst Berliner Jude Hessel
Der aber schon als Kind getauft
Wenig damit je zu tun hatte erzählt
Er erzählt die Geschichte von der
Hinrichtung des Hofjuden Lippold
Der auch Münzmeister Lippold
Wurde wegen Zauberei und Mord
Angeklagt und gestand unter Folter
Wurde dann öffentlich gevierteilt
Vor der Hinrichtung befragt ob
Sein Geständnis stimme widerrief er
Wurde im spanischen Stiefel gefoltert
Gestand und wurde gevierteilt
Etwas Ghettoähnliches gäbe es
Heute an anderer Stelle schreibt
Hessel und meint das von vielen
Osteuropäischen Juden zuerst
Gewählte Scheunenviertel das
Zwischen Alexanderplatz und
Bülowplatz gelegen war wo es
Noch Männer mit langen Bärten
Wie Schläfenlocken gäbe und
Schwarzhaarige Fleischertöchter
Die noch Jiddisch reden was
Heute eher in der Rikestraße
Noch in Prenzlauer Berg zu sehen
Ist wo die Lauder Foundation noch
Orthodoxe Rabbiner für den Osten
Ausbildet neben der Synagoge dort
Im Scheunenviertel aber hätten
Auch Läden und Stehbierhallen
Hebräische Inschriften gehabt
Wären noch eine Welt für sich
Sobald sie akklimatisiert dann
Weiter nach Westen ziehen
Tun sie die Zeichen ihrer Eigenart ab
Was Hessel schade findet
Von einer Privatstraße erzählt er noch
Die neues Ghetto genannt doch findet
Er diese des Scherzes nicht würdig
Dort fände sich keiner im Kaftan
Noch einen Artikel im Katalog von
Cassirer und der Durchbruch des
Impressionismus gelesen über die
Welt von Berlin und von dort in diese
Über das Tiergartenviertel schreibt
Gesa Kessemeier unter dem Titel
Vom vornehmen Wohnviertel das
Seinen Rahmen durch Mode und
Kunst erhält erzählt über die
Viktoriastraße 35 die mehr als
35 Jahre lang die Adresse der
Kunsthandlung Cassirer war
Durch Monet und Manet zu Money
Wollte Cassirer dort kommen wurde
Bereits 1899 gewitzelt es war damals
Das eleganteste und wohlhabendste
Wie gleichzeitig kunstsinnigste Viertel
Mit eleganten Sandsteinhäusern im
Französischen Villenstil das einzig
Vornehme Viertel in ganz Berlin
Hier gab es Berliner Kultur auch trotz
Wilhelm II und hier blühte sie auch auf
Rathenau etwa lebte Viktoriastraße 3
In Sichtweite von Cassirer noch
Paul Cassirer den Max Liebermann
Einen Charmeur von bezwingendem
Talent nannte passte perfekt hierhin
Er wollte seine Nachbarn begeistern
Bald zog Cassirer auch privat aus
Charlottenburg ins Tiergartenviertel
Lange lebte er mit Blick auf die
Matthäikirche dort dazu gibt es
Im Katalog eine Karte die zeigt wer
Dort alles lebte und handelte mit
Allein schon 44 Erläuterungen dazu
Welche die Kunstdichte zeigen
Nahezu nichts davon steht heute
Noch an diesem Ort wo Philharmonie
Gemäldegalerie mehr ausstellen als
Noch neue Kunst je handeln
Den Anfang machte ein Onkel von
Max Liebermann Adolph Liebermann
Mit seiner Villa mit eigener Galerie
Mit Oberlicht von 1872 bis 1876
Der Salon Cassirer und sein Erfolg
Zog weitere Händler und sonst im
Kreativen Bereich tätige in das Viertel
Berliner Dependancen kamen hierher
Auch Kunstmöbel wurden bald hier
Gehandelt so zogen etwa bald die
Deutschen Werkstätten mit ihrem
Leiter Lucian Bernhard dort hin
Die Reformkleid Pionierin Fia Wille
Eröffnete mit ihrem Mann dort ein
Geschäft wie als Highlight das
Hohenzollern Kunstgewerbehaus
Ab 1911 fand es sich im Viertel
Mehr und mehr an Antiquitätenhandel
Inneneinrichtung wie etwa auch
Leni Michels Fougner als Meisterin
Mehr als 35 Privatsammlungen die
Zum Teil der Öffentlichkeit zugänglich
Auch waren finden sich dort um die
Jahrhundertwende schon
Herausragend war die Sammlung des
Textilindustriellen Hermann Simon der
Die Nofretete nach Berlin brachte die
Von Alfred Messel gebaute Villa war
Ein Kunstwerk an sich alles hatte dort
Den idealen Platz gefunden der
Unternehmer Eduard Arnhold feierte
Als bester Kunde Cassirers bei sich
Den Impressionismus sein Haus
Stand wo heute die Gemäldegalerie
Ihren Platz gefunden hat zeigte alles
Manet Monet Pissaro Sisley Degas
Renoir Liebermann von Uhde im
Saal mit eigenem Oberlicht dazu
Meinte Tschudi 1909 die Sammlung
Sei die künstlerisch wertvollste
Auch Margarete Oppenheim die
Cézanne besonders liebte aber auch
Manet und van Gogh wurde zwar
Lange für verrückt gehalten aber
Ab den Zwanziger Jahren wurde ihr
Früher Mut sehr bewundert der nur
Seinem Geschmack gefolgt war
Der ihre Sammlung berühmt machte
Das Ehepaar Julie und Julius Elias
Hatten ihre Wohnung voller Monet
Manet Renoir Munch Liebermann
Corinth oder Slevogt dort auch
Der Kunst folgten ganz exklusive
Modesalons etwa Gerson mit dem
Sammler Hermann Freudenberg
Es kamen die Stars der Szene
Dort kleidete sich auch die Frau
Von Cassirer Tilla Durieux ein bei
Johanna Marbach Olga de Bayer
Clara Schultz die Kleidkunst kam
Cassirers Galerie wurde von dem
Architekten und Designer Henry
Van der Velde modern ausgestattet
Paul Cassirer machte die Bauleitung
Ende der Zwanziger Jahre hatte das
Tiergartenviertel seinen Zenit erreicht
Doch im Herbst 1929 kurz nach dem
Freitod von Eduard Simon begann
Das Ende der Tiergartenkultur und
Die Kunst wanderte nach Amerika
Die Nationalsozialisten zerstörten
Jenes kunstsinnige Viertel komplett
Heute sind nicht mal die Spuren
Des Viertels noch zu erkennen
Es wurde von Nazis abgerissen
Für deren wahnsinnige Projekte
Immerhin fanden Kunst und Kultur
Hier mit Kulturforum Philharmonie
Wie Neuer Nationalgalerie und bald
Berlin Modern eine neue Heimat
jens tuengerthal 12.6.26