Donnerstag, 11. Juni 2026

Lektürentagebuch 11.6.26

Lektürentagebuch 11.6.26

Mit Franz Hessel geht die schöne
Rundfahrt durch Berlin weiter der
Er als Schüler und Kenner der Stadt 
Noch schöne Anekdoten hinzugefügt

Als der Verkehrsturm am Potsdamer 
Platz der die älteste Ampel war grün
Wird fahren sie an den Tortempeln 
Entlang die es nicht mehr gibt

Über den Leipziger Platz geht es
Wo die Generale Brandenburg und
Wrangel über das Wetter reden wie 
Der Berliner Volkswitz schön dichtet

Sie bewundern das nun Warenhaus 
Wertheim gegenüber von KPM der
Königlichen Porzellan Manufaktur
Die heute Unter den Linden sitzt 

Leer und wie zu vermieten sieht das
Lange preußische Herrenhaus aus 
Mangels Herren sollen dort nun etwas
Staatsrat und Volkswohlfahrt drin sein

Auch das Kriegsministerium daneben
Sei ziemlich ehemalig selbst die nun
Reichswehrangelegenheiten werden
Anderswo inzwischen erledigt

Wie Spielzeug von Fürsten in deren
Schlössern und Gärten stehen noch
Die steinernen Soldaten in den alten
Uniformen dort oben herum 

Während überm Postministerium an
Der nächsten Ecke Giganten eine
Mächtige Weltkugel schleppen die
Hoffentlich nicht herunterfällt 

Sie gehört zu den Schrecken des 
Vergangenen Jahrhunderts die nun
Überall weggeputzt werden all dies 
Könne dann in ein zu gründendes

Museum für neowilhelminische
Architektur wohin vieles was jetzt
An Prunk noch herumsteht kommt
Entsorgt werden meint Hessel

In Brandenburg ist ja Platz genug
Den Berliner Dom am besten gleich
Mitentsorgen die peinliche Fehlgeburt 
Die unser Weltkulturerbe versaut

Das beste am Postministerium sei
Die Sammlung von Verkehrsmitteln
Postkutschen und Eisenbahnen in 
Miniatur vor allem alte Briefmarken

Angenehm rund käme dort aber die
Mauerstraße daher die diese Welt der
Rechten Winkel abrundet sie zeigt
Die Strecke der alten Stadtmauer dort

So hat sich der Soldatenkönig der die
Friedrichstadt so hübsch in Reih und 
Glied bauen ließ über diese aus dem
Rechten Winkel fallende geärgert

Auch rundlich käme zur rechten nun
Die Betlehemskirche wie zur Linken 
Schleiermachers Wirkungsstätte die
Dreifaltigkeitskirche aber weiter geht's

Vor den gewaltigen ganz nackten
Steinmädchen am Warenhaus Tietz 
Biegen sie zum Gendarmenmarkt 
Ab schon von weiten leuchten die 

Beiden Kirchenkuppeln und das
Flügelpferd auf dem Schauspielhaus
Gegen den staubblauen Himmel nun
Wird dort gehalten und Hessel starrt

Auf den Bühneneingang wo er als 
Schüler Schlange stand um die hehre
Darstellerin der Jungfrau von Orleans
Noch herauskommen zu sehen

Die Fremden schauen dafür die
Beiden Kirchen mit den berühmten
Gontardschen Kuppeltürmen am
Deutschen und französischen Dom an

Dabei sind die Türme noch wesentlich 
Staatlicher als die Kirchen die älter 
Sich schüchtern unter ihnen ducken
Was zum preußischen Geist passe

Dazwischen von Schinkel gebaut das
Prächtige Schauspielhaus was eine
Wunderbare Einheit dafür bildet mit
Der großartigen Freitreppe davor

Die nutzte zu seiner Zeit aber nur 
Der Hofstaat das einfache Publikum
Hatte unten einen eigenen Weg dafür
Steht der Begas Schiller etwas eher

Unglücklich vor dem Ganzen er wäre
Vermutlich lieber ein bemooster Trion
Im Brunnen geworden als in der Toga
Mit Damen am Sockel dort zu stehen

Den Fremden wird die Preußische 
Staatsbank die alte noch königliche 
Seehandlung gezeigt während er
Lieber zur Weinhandlung schielt 

Lutter & Wegner gibt es heute wieder
Dort verkehrte schon E.T.A. Hoffmann 
Der um die Ecke auch wohnte war
Richter am heute Jüdischen Museum 

Um die Ecke biegend kommen sie
Zum Hausvogteiplatz wo früher die
Politischen Gefangenen inhaftiert
Waren sind nun viele Geschäfte 

Altertümlich wäre noch der Grundriss
Hier beginnen Wallstraßen und der
Alte Fischwerder das dritte Berlin
Am Hospital der Grauen Schwestern

Doch der Wagen fährt gen Norden
Vorbei an der Reichsbank einem
Werke Hitzigs noch der auch die 
Börse gebaut hat im Renaissancestil

Der den bescheidenen Klassizismus 
Letzter Schinkelschüler nach 1870
Dann ablöste zwar noch besser war 
Als was danach kam aber schon 

Das Wilhelminische Spiel mit alten 
Stilen vorbereitet hat was dann als
Grauen über Berlin sich trotzig legte 
Noch unschuldig dagegen sei die

Modifizierte Gotik die Schinkel in 
Der Friedrichswerderschen Kirche 
Im schönen Klinkerbau verwandte 
Das sei brav altpreußisch noch

Sieht mehr pflichtgetreu als fromm
Noch aus lässt eher an üb immer
Treu und Redlichkeit als an Mystik
Denken im warmen nordischen Ton

Hessel erzählt noch vom Erzengel
Der über den Portal einen Drachen
Tötet und fragt sich ob die eleganten 
Damen der Modehäuser gegenüber

Lieber den Drachentöter sehen als 
Helden und Verteidiger oder einen
Verträumt in die Ferne blickenden
Engel noch viel lieber sehen würden 

Die kleine Tour durch Alt-Berlin muss
Etwas eilig ausfallen aber Hessel 
Berät anstatt was es zu sehen gäbe
Was heute nicht mehr ist anstatt

Kann der Fremde dann den Nachbau
Auf DDR Platten mit alter Fassade im
Nikolaiviertel sehen der Rest ist weg
Sie fahren durch die Brüderstraße 

Dort steht das Nicolaihaus des
Berühmten Berliner Verleger das
Einst ein Hort der Aufklärung war
Als Friedrich Nicolai dort lebte

Hier wurde es zum gesellschaftlichen
Mittelpunkt von Berlin dort gab es zu
Hessels Zeiten ein Lessing Museum
Er empfiehlt dazu die Tagebücher der

Nicolai Enkelin Lily Partei die später
Dort wohne wo heute der ekelhafte 
Alexanderplatz alles schöne verdrängt
Im Nicolaihaus liebte ich mal wen

Doch besichtigt habe ich es leider
Trotz der Zuneigung zur Aufklärung
Noch nie vielleicht sollte ich das mal 
Zumindest literarisch auch vertiefen 

Von da aus geht es zu Petrus also
Dem Heiligtum der Fischer von 
Alt-Cölln auf der anderen Seite
Wie vom Spittelmarkt die Rede ist

Der nach dem dort Spital heißt aber
Erzählt noch einiges zu der Figur die
Kein Meisterwerk wäre aber dafür
Schöne Geschichten noch hätte

Plaudert vom Cöllnischen Fischmarkt
Wo früher das Rathaus auch stand 
Auch das Narrenhäuschen dass der
Ausnüchterung diente ist leider weg

Jedoch gäbe es am Fischmarkt das
Gasthaus zum Nussbaum was heute
Im Nikolaiviertel steht noch mit den 
Zeichnungen von Zille der dort malte

Das Original wurde bei einem der
Bombenangriffe zerstört auch vor
Dem ähnlichen Nachbau steht ein
Nussbaum und hängen Zille Bilder

Weiter geht es über den Mühlendamm
Die Brücke die Cölln und Berlin noch
Verband und trennte als es noch
Zwei waren die sich auch schlugen

Die bronzenen Markgrafen dort
Albrecht der Bär und Waldemar
Bräuchte es für ihn dort nicht sie
Stehen ja schon an der Siegesallee

Letztere ist heute der 17. Juni mit
Etwas weniger militärischem Pomp
Aber immer noch zu viel für mich
Mit Kanonen auf der Siegessäule

Der Mühlendamm soll hübsch wohl
Gewesen sein im Gebäude der alten
Mühle sei nun die Sparkasse und
Bald werde es ganz abgerissen 

Am Molkenmarkt fällt ihm das Palais
Ephraim auf des berüchtigten Bankier
Von Friedrich dem Großen zu dem er
Den Berliner Volksmund noch zitiert

“Von außen schön, von innen schlimm 
Von außen Friedrich innen Ephraim”
Das Haus war zu Hessels Zeit noch
Behörde und ist heute Museum

Um den Molkenmarkt lag die älteste
Ansiedlung von Berlin hier gab es
Zu Hessels Zeiten noch die letzte
Erhaltene mittelalterliche Gasse 

Er beschreibt nun den berühmten
Krögel der so berühmt ist dass ihr
Wagen hält und aussteigen lässt 
Sie ist seit 1935 schon Geschichte

Die alte Gasse musste dem Neubau 
Der Münze weichen die später
Zum Standort diverser Clubs wurde
Aber Hessel erzählt Geschichten

Zum mittelalterlichen Berlin wie
Der Unehre der dort tätigen Damen
Berichtet vom Museum dort wie dem 
Neuen wilden Freibad ganz nah

Schön ist wie Hessel die ganz alte
Berliner Geschichte mit Berichten
Vor Ort noch verbindet somit die
Fahrt mit Fußnoten versieht 

Dabei tauchen Orte auf die es heute 
Schon nicht mehr gibt und andere
Werden im alten Kontext gezeigt
Der vieles der Stadt verstehen lässt

Mit seiner fein spöttischen Ironie
Macht er sich über das deutsche
Wesen im Wilhelminismus lustig 
Erklärt aber auch die Entstehung

Wenn schon Berlin dann auch weiter
Dachte ich und zog Berlin eine
Literarische Einladung aus dem
Wagenbach Verlag aus roter Reihe

Beginne dort mit Durs Grünbein
Berlin ist ein Sack würde er sagen
Viel Geschichtsgerümpel und dazu
Jede Menge urbaner Plunder darin 

Er malt viele treffende sehr lyrische
Bilder von Berlin die zu betrachten
Lohnt warum ich sie im folgenden
Teils auch in Verse dazu packe 

Manche Prinzipien hätte Berlin
Vor allem preußische doch hat
Der Sack zum Glück ein Loch und so
Fällt das meiste wieder unten heraus

Gut träfe es sich hier zu leben denn 
Sei nicht das menschliche Leben
Selbst so ein löchriger Sack fragt er 
Berlin sei kollektiver Schlendrian

Das westöstliche Sumpfgebiet aus
Frühstücks Cafés und Hinterhöfen
Mit Klitschen die sich Firma nennen
Berlin sei ein Manöverfeld nur 

Von großstädtischem Ausmaß dabei
Durchzogen von unsichtbaren Fronten
Die Kurze genannt werden dabei ein
Strengliniertes Gebilde eigener Art

Ordnungsämter und Kinderspielplätze
An deren Rand sich arbeitslose Väter 
Versammeln die einst Soldaten waren
Heute nur Zeitung einfach lesen

Berlin war militärisch-industriell war
Weltgeist und seine Austreibung ein
Steinerner Aggregatzustand einst die
Hochburg Angestellter Mitteleuropa

Zentrale des sachlichen Realismus
Kapitale aufquellender Reiche noch
Aus der ein Trümmerhaufen für 
Verlorene Seelen wurde die heute

Zum föderalen Rückzugsgebiet wurde 
Als Mottensofa am Straßenrand mit
Etwas tief Unterirdischen wie stets
Ein Labyrinth noch dazu

Berlin sei ein Vakuum das sich immer
Von neuem fülle egal womit sofern es
Nur Unterhaltungswert hat und Musik 
Dazu gespielt wird als Metropolis

Berlin ist der ganz große Bluff
Täglich gebrochener Versprechen 
Eine Stadt die alles doppelt hat
Damit auch das Deutsche Ost West 

Abendland und Morgenland zugleich
Siamesisches Zwillingspaar das nur
Wenig gemeinsam hat außer dem
Verkehr und den Namen als Stadt 

Berlin sei Paradies für Hochstapler 
Wie die Händler heißer Luft was zur
Politik der Hauptstadt auch gut passt
Worauf er berlinerisch noch zitiert

Der einzige Stil im Stillosen war hier
Immer das große Krawallschlagen
Wie sich dann gegenseitig Anöden
Heiner Müller nannte Berlin noch

Das Letzte der Rest sei Vorgeschichte
Sollte Geschichte stattfinden wird
Berlin der Anfang sein sagte Müller
Was Grünbein hier auch zitiert 

Hier nahm die deutsche Geschichte
Die schlimmstmögliche Wendung die
Kläglich wie ein Satansfurt endete 
Dichtet Grünbein zutreffend

Schreibt von Ernst Jünger und
Gottfried Benn der über Berlin sagte
Es liege wie Angkor im Urwald die
Fahrten dahin seien Expeditionen

Unternommen halb aus Wehmut
Halb aus Neugier bis heute noch
Zieht es Menschen nach Berlin
Wie Grünbein einst aus Dresden

jens tuengerthal 11.6.26

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