Lektürentagebuch 10.6.26
Schon in der Nacht oder in den
Frühen Morgenstunden mit dem
Feinsinnigen Franz Hessel eine
Rundfahrt durch Berlin begonnen
Unter den Linden kurz vor der
Friedrichstraße hielten hüben wie
Drüben Riesenautos mit livrierten
Männern mit Goldbuchstaben davor
Die Unternehmen hießen Elite oder
Käse er entscheidet sich für das
Letztere sitzt nun in Lederpolstern
Umgeben von echten Fremden
Der Führer fragt alle neuen Gäste
Ob sie deutsch verstehen und ob
Sie schwerhörig sind was keine
Beleidigung sein soll sondern
Der besten Platzwahl dabei dient
Auf weißer Fahne stünde vor ihm
Sightseeing was Hessel einen netten
Pleonasmus nennt dann erste Fotos
Die einen stehen die anderen sitzen
Um auf ein Bild noch zu passen und
Schon geht es am Alten Fritz vorbei
Auf Augenhöhe mit dem Sockel
Es geht an der Sonnenseite der
Bibliothek nun entlang manche
Fenster auf dem Weg wecken
Gute Erinnerungen bei ihm
Die Spitzengardinen bei Hiller an
Den fast vergessenen Duft von
Hummer und Chablis wie den alten
Portier dort der so diskret leitete
Sieht Reisebüros denkt an seine
Herzlosen Abfahrten die ihn noch
Die geliebte Stadt verlassen ließen
Nun aber kam die Wilhelmstraße
Dies sei die Regierungsstraße von
Deutschland still und privat war es
Im Auswärtigen Amt da wohnte die
Tänzerin Barberina einst als sie
Schon Freiin Barbara von Cocceji
Geworden war von 1862 bis 1878
Über hundert Jahre später wohnte
Bismarck noch dort bevor er später
Ins Palais Radziwill zog wo damals
Noch der Reichskanzler wohnte der
Heute Bundeskanzlerin heißt dafür
Im Tiergarten an der Spree haust
Beim Finanzministerium witzelt er
Dies sei von oben bis unten mit
Gold gefüllt worüber die richtigen
Fremden dann auch lachen können
Hessel tröstet sich dafür an der so
Schönen Weite des Wilhelm-Platzes
Dem grünen Gerank am Eingang der
U-Bahn hier wie an Zietens Rücken
Die Leipziger Straße kommt die als
Größte Geschäftsstraße der Stadt
Vorerst nur gekreuzt wird es geht
Weiter die Wilhelmstraße hinauf
Nun das Palais des Prinzen Heinrich
Was heute Universität ist aber von
Der Route ein bloßer Witz sein kann
An den altvertrauten Museen aber
Damals in der Prinz Albrecht Straße
Gelegen hielte der Wagen nicht
Die Fremden wissen nicht was sie
In der Kunstbibliothek verpassten
Auch er dürfe hier nicht zu lange am
Alten Kunstgewerbemuseum noch
Verweilen das heute im Bunker
Des Kulturforums sich versteckt
Wie sehr bedauert Hessel nun den
Umzug auch der Kunstschulen
Nach Charlottenburg in Erinnerung
Noch der rauschenden Feste dort
Am Völkerkundemuseum ging es
Vorbei das heute im Humboldt Forum
Also im neu gebauten Schloss noch
Seinen Platz wieder fand ohne mehr
Worte zum Inhalt noch zu finden
Touristen genügt scheinbar der
Anschein dagewesen zu sein zum
Glück vollkommen als Erfüllung
Statt von Kulturgeschichte erzählt
Der Sprecher vom Café Vaterland
Was das größte der Stadt wäre
Eine kulinarische Weltreise erlaubte
Im Haus Vaterland dann geht es
Von der Rheinterrasse mit Riesling
Tanzenden rheinischen Girls unter
Rennreifen hinab zur feurigen Bodega
Die zwei schüchternen Spanierinnen
Aus der Ackerstraße werden dann die
Stimmung durch ihren Tanz heben so
Sie nicht schon abgebogen sind in die
Wildwest Bar mit ihrer Prärieromantik
Kaufen sie gleich ein Programm damit
Sie wissen wie ihnen zumute zu sein
Hat dann gibt's Heurigen noch
Ungarische Weine werden vor dem
Hintergrund der sonnigen Puszta
Dem erweiterten Besucher angeboten
Bevor es ins türkische Café noch geht
Dort gibt es dann den stärksten aller
Berlinisch-türkischen Mocca Double
Was direkt zum Münchner Löwenbräu
Die durstigen Besucher dann führt
Die aufwartenden Mädels im Dirndl
Redeten bayrischer als bayrisch
Jodeln zur Musik die Herren in
Lederhosen dort machen doch dann
Wird noch ein echtes Alpenglühen
Illuminiert und eine zünftige echte
Wirtshausschlägerei inszeniert doch
Weiter geht es im großen Ballsaal
Dort streifen die deutschen Girls
Auf dem Weg zum Auftritt ganz
Dicht an ihnen noch vorbei dann
Wird sehr sinnlich vorgetanzt dazu
Vom Balkon zur Erholung sei dort
Der Potsdamer Bahnhof zu sehen
Mit Wanderern die es nach Potsdam
Zieht wo es die schönsten Parks gibt
Potsdam sei für ihn das irdische
Jenseits von Berlin noch dazu an
Einem Wochentag voller Stille ach
Läge es nur nicht in Brandenburg
Nun aber ging es dafür hier zum
Potsdamer Platz der vor allem kein
Platz sei was heute noch treffender
Der eigentlich nur eine Kreuzung ist
Dort wo Berlin früher zu Ende war
Ist heute der Verkehr ganz gewaltig
Auf engstem Raum in der Mitte wacht
Der berühmte Verkehrsturm über alles
Schwärmt noch von Haus Wertheim
Das inzwischen Geschichte ist wie
Von Galerien und Boutiquen in der
Bellevuestraße dort nun Pause
In Erwin Seitz Verfeinerung der
Deutschen geht es nun zu Ludwig
Dem Deutschen mit Sympathie für
Das ostfränkische deutsche Reich
In Regensburg beginnt Seitz die
Geschichte des Karolingers der
Ein Enkel von Karl dem Großen
War gastronomisch zu erzählen
Beginnt wieder ein echter Seitz
Mit bayrischer Angeberei und
Schwärmt von schweinisch guter
Küche in Regensburg die dabei
Ländlich bodenständig blieb im
Ehemaligen Bischofspalast das
Er wieder Schwein und Bier dem
Wein und feinerem vorzieht
Setzt eine bekannte inzwischen schon
Erwartbare Tradition des fränkischen
Patriotismus ohne sachliche Gründe
Für das katholische Bayern fort
Später jedoch recherchiert er präzise
Schildert die Geschichte von Ludwig
Wie seine Rolle im Reich meist exakt
Kleine historische Fehler können
Großzügig dem Lektorat dabei noch
Zugeschrieben werden weil sie klar
Im Widerspruch zu den sonstigen
Angaben dabei auch stehen
Ganz am Ende endlich gesteht auch
Seitz dass Ludwig Frankfurt und nicht
Regensburg zum Hauptort machte
Die komplexe Geschichte der Erben
Des Sohnes von Karl dem Großen
Also Ludwig des Frommen und seiner
Söhne die teilweise mit dem Vater
Wie auch untereinander um die
Macht im dreigeteilten ehemaligen
Fränkischen Reich rangen und wie
Dabei Ostfranken zu Deutschland
Wurde wird gut dabei erzählt
Warum die Vorstellung des ersten
Deutschen König der auch in den
Erinnerungen etwa von Notker dem
Stammler aus Sankt Gallen dabei
Zur Verteidigung von Bier und
Bayerische Küche dient bleibt
Unklar aber so schlagen eben
Kulinarische Vorlieben durch
Anlässlich der Kultur der Verfeinerung
Deftige Küche mit Schwein und Bier
Zu betonen bleibt paradox aber ist
Vermutlich eine Glaubensfrage auch
Sehr wichtig ist Ludwig für die klare
Wie friedliche Trennung der Teile
Die von Karls Reich blieben auch
Wenn er seine Kriege suchte
Natürlich spielte Ludwig auf den
Versammlungen der Fürsten auch
Gern den starken Mann wie es die
Deutschen schon immer mochten
Sein Beitrag zur echten kulturellen
Verfeinerung bleibt eher undeutlich
Eher scheint die liberale Hofkultur
In Aachen unter Ludwig erledigt
Auch darauf weist Seitz nicht wirklich
In seinem sonst informativen Kapitel
Hin was Wikipedia teils wörtlich zitiert
Zumindest ohne grobe Fehler diesmal
Das fast angehängte Lob Frankfurts
Was für Ludwig bedeutender war
Als Regensburg je tröstet zwar aber
Zeigt hier setzt ein Bayer mal wieder
Historisch falsche Prioritäten aber
Es kann am Ende darüber noch
Mit ihm auch gelacht werden denn
Frankfurt wäre der Ort gewesen
Insofern Seitz durch Deutschland hier
Kulturell reist ist auch ein Ausflug
Nach Regensburg verzeihlich nur
Ist Frankfurt kulturell bedeutender
Woher die seltsame Neigung der
Bayern kommt alles durch die
Blauweiße Brille zu betrachten
Wird immer rätselhaft bleiben
Über die Verfeinerung der Deutschen
Von einem bayerischen Biertrinker
Wie Schweinefreund zu lesen ist
Immer ein wenig komisch auch
jens tuengerthal 10.6.26
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