Sonntag, 27. September 2026

Lektürentagebuch 27.9.26

Lektürentagebuch 27.9.26

Ein wenig Michel de Montaigne in
Seinen Essays im Dritten Buch der
Wunderbaren Ausgabe aus der
Anderen Bibliothek gelesen heute

Zu gerne nehme ich den großen
Dunkelblauen Band mit der goldenen
Schrift in die Hand und weiter ging es
Über einige Verse von Vergil zum Sex

Er fragt sich ob wir nicht viel seltener
Zum Hahnrei gemacht würden wenn
Wir es weniger befürchteten denn 
Ihrer Natur nach empfinden Frauen

Alle Verbote als Anreiz sie auch zu 
Übertreten und zitiert dazu Verse
Was du willst das tun sie nimmer
Aber was du nicht willst dafür immer

Denn zum Wandeln auf der Tugend
Öden Pfad sein alle sich seit je zu
Schad was die Praxis bestätigen kann
Eifersüchtig war wer selbst dazu neigt

So erzählt er von Messalina die ihre
Heimliche Affäre öffentlich machte
Damit ihr Mann der es nicht merkte 
Sie wirklich zur Kenntnis auch nahm

Jedoch ließ er sich nicht stören und
So verlor sie Geschmack und Spaß 
Daran worauf die Kaisergattin aber
Öffentlich einen anderen ehelichte

Sie hoffte durch sein Verwehren ihr
Begehren wieder zu wecken doch er
Ließ sie nun umbringen wie einige
Noch die unter ihrer Decke steckten

So erginge es den Schlafmützen 
Noch stets am übelsten es führe zu
Große Duldsamkeit oft zu Rache 
Wenn der Zorn plötzlich aufflammt

Was Vergil über die eheliche Lust 
Von Venus und Vulkan sagt träfe
Noch mehr auf die außereheliche
Heimliche Von Venus und Mars zu 

Hierzu zitiert er die Verse des Lukrez

So wühlt der waffenmächtige Mars
Als Herr des Krieges sich lechzend
Oft in deinen Schoß und erliegt des 
Sieges Gewalt ewiger Liebeswunde
Hebt den Blick zur Augenweide
Und erhebt während euer Atem
Sich an deinem Mund vereint
Dein heiliger Leib umfließe
Den Erschlafften und aus deinen
Lippen Göttin lass zärtlich süßen
Liebestrunkenen Labsal der Worte
Sich über ihn endlich ergießen

Wenn er sich die erhaben anmutigen 
Worte sagt und ihre Bilder überdenkt 
Hat er für die Worte und Witze der
Nachgeborenen nur Verachtung übrig

Die alten Dichter waren meint er so
Gut dass sie keine gesuchten Pointen
Brauchten eine nie nachlassende
Sinnliche Kraft erfüllte ihre Sprache

Nicht erst das Ende sei Epigramm 
Sondern alles von Kopf bis Fuß
Nichts wäre angestrengt schleppend
Alle wäre aus einem Guss dort

Diese Verse packten einen und
Rissen die Geister mit es sei nicht nur
Gut geschrieben sondern gut gedacht
Die Kühnheit der Vorstellung lasse

Dabei die Worte schwellen und in die
Höhe steigen sie seien das Produkt
Praktischer sinnlicher Erfahrung was
Spürbar deutlich ihm dabei würde

Plutarch meinte er habe lateinische
Wörter durch die Dinge gelernt es sei
Was Worte zeugt und verständlich so
Uns macht die nicht nur Wind sind

Sondern aus Fleisch und Blut bleiben
Der Sinn mache Worte verständlich 
Sie bedeuten mehr als sie sagen 
Selbst Unbedarften dämmere es dort

Kostbar werde die Sprache durch die
Art wie schöngeistige Autoren sie zu
Nutzen verstünden indem sie noch
Die Bedeutung dabei vertiefen

Die Sprache bekäme so eine neue
Bewegungsfreiheit doch immer mit
Sinn und Verstand was aber nur
Ganz wenigen gegeben sei

Was bei französischen Autoren 
Seiner Zeit deutlich werde sie seien 
Erbärmlicher Originalitätssucht viel
Eher verfallen die alles erdrückt 

Unsere Sprache meint er gäbe wohl
Tuch zur genüge nur an der nötigen
Verarbeitung mangele es deutlich
Dabei gäbe es genug Worte allein

Schon in der Sprache der Soldaten
Oder Jäger denn wie die Kräuter 
Veredele sich auch die Redeweise
Wenn sie einmal verpflanzt würde 

Bei einigen Worten von Vergil oder
Lukrez falle es uns heute schwer
Die ursprüngliche Ausstrahlung noch
Zu erkennen weil der Gebrauch die

Worte für uns abnutzte ihr Reiz 
Damit banal wurde so fänden sich
Auch in der Volkssprache vortreffliche
Wendungen und Bilder noch

Deren Schönheit mit dem Alter aber
Dahinwelke und deren Farben durch
Zu häufige Nutzung verblassen doch 
Verlieren sie nichts von ihrem Duft

So lange die Nase noch fein genug ist 
Sie zu erkennen nur ihren Ruhm
Kann keiner mehr verstehen dann 
Gelehrte Werke seien zu spitzfindig

Sein Kammerjunge beschliefe sein 
Mädchen und verstünde sich darauf
Lest ihr ihm Hebraeus oder Ficino vor
Ist zwar von ihm die Rede dort aber

Er verstünde kein Wort davon auch
Selbst erkenne er bei Aristoteles sein
Tägliches Sinnen und Trachten nicht
Wieder er trägt den Talar Philosophie

Möge sich keiner darin verheddern
Wäre er vom Fach würde er so wie
Sie die Natur verkünsteln die Künste
Lieber wieder naturalisieren

Beim Schreiben schreibt er verzichte
Er weitgehend auf die Gesellschaft
Der Bücher und seine Erinnerung
Um seine Gedanken nicht zu stören 

Auch weil die großen Autoren ihn 
Zu sehr verzwergen würden eher
Hofft er das Publikum lese noch
Viel schlechtere vor und nach ihm

Ohne Plutarch aber käme er nicht aus 
Der sei in allem so bewandert und
Bietet sich zu jedem Thema an mit
Seiner großen reichen Schönheit

Es hilft ihm dass er zuhause unter
Hinterwäldlern quasi schriebe von 
Denen keiner ihn berichtigen oder
Helfen könnte keiner Latein versteht

In anderer Umgebung hätte er wohl
Besser geschrieben aber es wäre
Dann weniger seins worin aber sein
Hauptzweck besteht seines zu sein

Er würde ja Flüchtigkeitsfehler die
Ihm beim achtlosen Drauflosschreiben
Ständig unterliefen tilgen aber die
Unvollkommenheit sei sein Wesen 

Was diesem eingeboren sei zu tilgen
Wäre doch Betrug sagte ihm jemand
Er überlade die Sprache mit seinen 
Metaphern oder dieses Wort sei ein

Typisches Gascogner Gewächs oder
Diese Wendung sei zu gewagt denn 
Er scheue nicht vor Kraftausdrücken
Aus Frankreichs Gassen zurück

Jene die dies mit Grammatik noch
Bekämpfen wollten machten sich
Nur lächerlich oder diese Ausführung
Sei von keiner Sachkenntnis getrübt 

Gar diese widersprechen sich selbst
Seien geradezu hirnrissig oder hielten 
Die Leute zum besten die es ernst
Nähmen sage er gewiss aber ändere 

Nichts als Flüchtigkeitsfehler die aus 
Unachtsamkeit ihm entschlüpft doch
Nie Gewohnheitsfeier denn er rede
Doch immer so wie er auch schriebe

Er porträtiere sich nach dem Leben
Habe damit erreicht was er wollte
Jeder erkenne ihn in seinem Buch
Damit auch sein Buch in ihm

All diese Verse über Montaigne sind
Das Produkt von zwei Seiten aus
Einem Essays des Dritten Bandes 
Was zeigt wie gehaltvoll Michel ist

Noch immer habe ich das Gefühl
Nur einen kleinen Teil seines feinen
Humors den die Engländer besonders
Liebten die sie auch über die Zeit

Nach dem römischen Bannspruch
Der zu lange galt noch retteten die 
Er auch seiner Brieffreundin der
Schönen Queen Elisabeth I sandte

Es ist echtes Understatement wie es
Die feine englische Art zeigt was in
Diesen Zeilen deutlich wird und so
Hat Michel den Gentleman auch

Weit bevor er als Typ auftauchte 
Mitgeformt und zeigt viel von dem
Was als britischer Humor heute gilt
Den meine Großmutter so liebte

Hier gibt es eine große Nähe 
Zwischen dem Gascogner und
Den Briten die lange dort noch
Geherrscht hatten bis Johanna

Die französische Nationalfigur
Welche natürlich eine schöne
Wie mutige Frau war sie vertrieb 
Und die Normannen gab es ja auch 

Ohne nun über 1066 und die große
Schlacht von Hastings oder dem
Teppich von Bayeux hier zu dichten 
Ist erstaunlich wie reich Michel ist

Der Ruhm von Michel de Montaigne 
Hat gute Gründe in seinen Worten
Die Hans Stilett elegant übersetzte 
Ihn zu lesen lohnt immer auch für

Nur zwei Seiten die dem Flaneur
In seiner Bibliothek wieder genug
Zu denken für den Sonntag gab 
Dankbar solches lesen zu dürfen

Denke dabei auch an das Gespräch
Mit Karl Lagerfeld als ich einst noch
Eine Geliebte hatte die für Chanel
Lief was hier keine Rolle mehr spielt

Aber die sinnlich amouröse Nähe
Zu Michel offenbart denn mit Karl
Sprach ich über Montaigne noch
Von dem er einen Band hatte

Der angeblich aus dessen leider
In alle Welt zerstreuter Bibliothek
Noch stammte wie über die neue
Übersetzung und er wusste viel

Von Mode habe und hatte ich nämlich
Keinerlei Ahnung damals wie heute
Aber Philosophie der Renaissance
Lag mir schon damals eher nah

So verknüpfe ich mit Montaigne auch
Sinnliche Erinnerungen an die schöne 
Wohnung im VII. über den Dächern
Mit den drei wunderschönen Damen

Aber hier geht es ja um Philosophie
Wie das Selbstbild von Montaigne
Der sich hier so wunderbar malte
Wie den Dichter noch belehrte

jens tuengerthal 27.9.26

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