Lektürentagebuch 25.9.26
Ein frühreifer Meister soll Raffael
Gewesen sein der bereits mit zwölf
Nach dem Tod des Vaters in dessen
Werkstatt arbeitete und lernte
Wie Antonio Forcellino in seiner
Biographie Raffael berichtet aber
Vor der Übernahme standen noch
Zahlreiche Prozesse seines Onkels
Über drei Instanzen stritt er sich mit
Der Witwe von Giovanni Santi um
Deren Unterhalt die auch Stiefmutter
Des jungen Genies noch war
Vom Tod Raffaels Vater 1494 bis ins
Jahr 1500 gingen die Prozesse bei
Denen sich die reichsten Familien
Von Urbino untereinander stritten
Doch der wohlhabende Bartolomeo
Unterlag in allen Instanzen und war
Verpflichtet worden der Witwe seines
Bruders weiter Unterhalt zu zahlen
In dieser Zeit lernte und arbeitete
Der junge Raffael bereits lange mit
In der von den Mitarbeitern weiter
Geführten Werkstatt des Vaters
Dabei stritt sein Onkel Bartolomeo
Auch für das Recht seines Neffen
Die Werkstatt des Vaters weiterhin
Zu führen wie zu übernehmen
Sein besonderes Talent zeigte sich
Darin nach Forcellino dass er schon
Mit 17 den ersten Auftrag bekam
Was dann das nächste Kapitel wird
Egon Friedell widmet sich in seiner
Kulturgeschichte der Neuzeit nun
Den unsittlichen Pflanzen und dem
Naturforscher Karl von Linné
Dieser schrieb sein komplettes
Systema naturae in der er sämtliche
Pflanzen und Tiere in eine strenge
Binäre Nomenklatur einordnete
Alle mit je zwei lateinischen Namen
Bezeichnete nach Gattung und Art
Welche die Verwandtschaft zeigen
Dazu noch klare knappe Diagnosen
Auch die Mineralien ordnete er so
Die Flora die er so nannte gliederte
Er in zwitterblütige und getrennt
Geschlechtliche Pflanzen genau auf
Er unterschied ob männliche und
Weibliche Blüten auf derselben oder
Auf verschiedenen Pflanzen dabei
Vorkommen was klar sexuell war
Diese Einteilung brachte ihm viele
Anfeindungen wegen ihres eher
Schlüpfrigen Charakters weil einige
Pflanzen im Konkubinat leben
Diese skandalösen Zustände wurden
Als Verleumdung der Blumen und der
Schöpfung also Gottes betrachtet der
Nie solche Unzucht zulassen würde
Einige meinten ein so unkeusches
System sei der Jugend nicht zumutbar
Auch dass er den Menschen in die
Gruppe der Primaten einordnete
Empörte religiöse Menschen zutiefst
Nun meint Friedell Linné wäre aber
Nicht darwinistisch orientiert gewesen
Sondern bekannte sich zur Schöpfung
Abgesehen davon dass Aberglaube
Nie Natur wie sie ist widerlegen kann
Ist die Behauptung unsinnig weil
Darwin erst 100 Jahre später lebte
Der erwachende Natursinn ist Thema
Des nächsten Abschnitts der gleich
Feststellt dass der Hauptsitz des
Aufgeklärten Denkens England war
Dieses war aufgeklärt praktisch wie
Naturwissenschaftlich fundiert von wo
Die hier hochbedeutsam genannte
Institution der Freimaurer ausging
Die erste Großloge gründete sich
Bereits 1717 ihr Name erinnert an
Die gewerkschaftlichen Verbindungen
Aus denen sie hervorging behauptet
Friedell was nicht ganz stimmt denn
Die ersten Logen hießen nach den
Kneipen in denen sie sich trafen also
Ganz prosaisch zum Bratrost aber
Erinnere an alte Dombauhütten die
Durch ganz Europa zogen und ihr
Ideelles Ziel war die Errichtung des
Salomonischen Tempels aus den
Brüdern die sich als Bausteine sahen
Ihren Platz im Tempel danach suchten
Es ging um allgemeine Duldung und
Menschenliebe dabei mit Toleranz
Ferner sei England der Geburtsort
Des modernen Naturgefühls dazu
Entwarf Langley 1728 in seinen
Neuen Grundsätzen der Gartenkunst
Das erste Programm des englischen
Gartens die sich klar gegen die
Geometrische Parktradition stellte
Von Versailles die Natur verkrüppele
Es werden keine geraden Reihen
Von Bäumen mehr geduldet alles
Soll irregulär wirken und wild aber
Typisch Rokoko künstlich erzeugt
Noch immer ist die Natur dort eine
Theaterdekoration wie im Barock
Was William Kent in seinen fermes
Ornées dann auch verwirklichte
Montesquieu den Friedell den ersten
Großen Anglomanen Frankreichs
Nennt verwandelte nach seiner
Rückkehr aus England den Park
Seines Stammschlosses in einen
Englischen Garten auch die damals
Beliebten Wirtschaften zeugen von
Dem erwachenden Natursinn
Dabei kostümierten sich vornehme
Damen und Herren als Weinschenke
Bauern Jäger Fischer und spielten
Ganz einfaches Landleben nach
Schlittenfahrten werden gemacht und
Klopstock besingt den Eislauf dafür
Trugen die Damen im Sommer die
Breiten Strohhüte der Schäfer
Es ist ein kokettieren mit der Natur
Noch nicht die romantische Sicht
Sondern die idyllische gastliche mit
Lämmern Bächlein und Wiesen
Das höchste Lob der Natur ist noch
Angenehm die Natur wird vor allem
Als Spenderin von Genüssen geliebt
Das Hochgebirge ist noch verhasst
Samuel Johnson nennt noch 1755
In seinem Dictionary den Engländer
Wie ein Weltwunder bestaunten die
Berge kranke Auswüchse der Natur
So beschreibt er die schottischen
Highlands als abschreckend karg
Auch Hallers Alpengedicht wäre
Eher moralisch politisierend gewesen
Der moderne Engländer ist um diese
Zeit bereits fix und fertig mit Spleen
Cant über Business wie der typischen
Nüchternheit gepfeffert mit Ideen
Es wird Tiefe durch Gründlichkeit und
Bedeutung durch Klarheit ersetzt sie
Sind so fromm wie geschäftstüchtig
Glauben an Feiertagen an Gott
Während der Woche an Physik und
Den neuen Börsenbericht und beides
Mit der gleichen Inbrunst im Wechsel
Mal die Bibel dann die Bilanzen
Nach dem Tod von Queen Anne fiel
Die Krone dem Kurfürsten von
Hannover zu wodurch es wieder eine
Personalunion mit dem Kontinent gab
Georg I war geistig so unbedeutend
Wie seine drei Namensvettern die ihm
Noch folgten konnte kein Englisch
Verständigte sich mit Küchenlatein
Sein Premierminister war dafür
Robert Walpole der ihm die Mehrheit
Im Unterhaus durch Bestechung noch
Sichern konnte und entsprechend
Herrschte große Korruption die
John Gay in seiner Beggars Opera
Satirisch verewigt hat die zugleich
Eine Parodie auf die modische
Italienische Oper noch war als bei
Der Premiere ein Couplet über die
Bestechung nach demonstrativem
Applaus wiederholt wurde hatte
Premier Walpole Geist genug noch
Eine zweite Wiederholung zu fordern
Was ihm den Beifall dann brachte
Im Parlament trugen ihn die Whigs
Ein kurzer Blick in Friedells große
Kulturgeschichte der Neuzeit bringt
Immer wieder neue Tiefe und zeigt
Die großen Zusammenhänge auf
Es ist eine Freude dies mit den
Kleinen Wertungen und Urteilen die
Völlig unwissenschaftlich sind zu
Lesen und so ein doppelter Genuss
jens tuengerthal 25.9.26
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