Dienstag, 24. Februar 2026

Lektürentagebuch 24.2.26

Lektürentagebuch 24.2.26

In den frühen Morgenstunden nach
Der letzten Dichtung der Nacht in
Wolf von Niebelschütz Erzählband
Geisterfrühstück ein wenig gelesen

Der ewige Traum vom Höherkommen
Sind die Gedanken zu einem Bild von
Carlo Carlone überschrieben das den 
Titel Krönung des Verdienstes trägt

Zunächst erfahren wir einiges über
Diesen Barockmaler der 1775 mit
Über neunzig starb und seine Zeit
Des Überschwangs der dann ein

Viel nüchterner Klassizismus folgte 
Römische Sittenstrenge wurde neu 
Entdeckt nur Mozart und Haydn den
Zuckerguss noch etwas hoch hielten

Eine gewagte These ist es schon
Zwei der Wiener Klassiker als
Bürgen des Rokoko zu nehmen
Aber gut gewagt ist nicht schlecht

Kalt nennt Niebelschütz den Wind
Des Klassizismus der nun wehte
Was für die Dichtung weniger galt 
Die im Sturm und Drang sich erging

Scharf urteilt er über die alle Pracht
Beendende französische Revolution
Die ihren Prediger Robespierre selbst
Am Ende ermordete dabei übersieht

Er die Erklärung der Menschenrechte
In diesem Text von 1960 und sieht in 
Freiheit Gleichheit Brüderlichkeit ein
Graffiti auf enteigneter Kirchenwand

Das klingt eher als ob der sich dafür
Zeitweise bei den Nazis anbiedernde
Autor den beleidigten Deutschen gibt
Dem die Revolution noch fremd blieb

Kenne diesen Geist und wuchs mit
Diesem auf von den Großeltern her 
Sehe darum die reaktionäre Gefahr
Darin die eine AfD und Merz brachte

Der Mensch wolle frei sein aber nicht
Für die Freiheit sterben möchte gern
Herrschen aber nicht beherrscht von 
Irgendwem werden dagegen hilft 

Der Motor Ehrgeiz der nach oben
Immer strebt und mehr will dessen
Hässliche Verkörperung der Kanzler
Im Gegensatz zur Vorgängerin zeigt

Ohne Ehrgeiz meint Niebelschütz
Würde der Mensch faul und stumpf 
Er wolle keine Gleichheit sondern 
Das Hohe erniedrigen wie zugleich

Das niedrige erhöhen sich stets dabei
Bestätigt nur fühlen und über andere
Hinausragen eine These die nur im
Kampf kleiner Terrier enden kann 

Heute seien wir milder geworden
Meint einer der Musk und Trump
Nicht miterleben musste bevor noch
Riesige Kreuzfahrten modern wurden

Der kriegerische Held jedoch auf
Dem Deckengemälde schaut nicht
Auf den Lorbeerkranz sondern auf 
Angenehm weiblich gerundete Engel

Verdienst sei eine doppeldeutige
Vokabel leider entwertet wie der Lohn
Heute verdienst du etwas und wirst
Damit entlohnt aber nicht belohnt 

Wer verdient was verdient wäre da
Unterscheiden die Franzosen präziser
Die Gage für den Lohn die Meriten
Für den ideellen Verdienst meint

Niebelschütz die entsprechenden
Vokabeln zitierend aber dafür ihre 
Deutsche Entsprechung ignorierend
Da ist sein Bild ungenau falsch

Er meint der Barock malte seinen
Dank an die Decke während der
Angeblich sparsamere Alte Fritz
Nur den pour le mérite umhängte

Denke an die Decken im Potsdamer
Neuen Palais und finde auch dieses 
Bild wieder ziemlich schief auch im
Preußischen Rokoko wurde geprotzt

Dies um die Schäden auszugleichen
Welche sieben Jahre Krieg in seiner
Staatskasse verursachten investierte 
Dieser König in Deckengemälde auch

Dagegen hätte das 19. Jahrhundert
Den Titelsegen begonnen der vom
Geheimrat zum Doktor h.c. reichte 
Uns heutigen genüge genug Lohn

Jeder könnte für sich besser ideelles
In materielles umwandeln etwa in
Bücher Schallplatten oder Reisen
Wobei zumindest ersteres gefällt

Die Zeiten sichtbarer Verewigung
Seien endgültig vorbei außer du 
Heißt Trump und hältst dich für
Großartig bedeutend noch dazu

Heute wichen die Dunstwolken 
Der allegorischen Bilder den
Dunstwolken der Automobile
Wir könnten nicht beides haben

Was für ein schiefes Bild denk ich
Verzichte lieber auf beides mit der
Künftig elektrischen Mobilität die
Viel effektiver als Benzindunst je

So beendet Niebelschütz seine
Betrachtung einer Ölskizze bei
Der ich dachte nur weil der Vater
Kunsthistoriker war versteht der

Sohn als Journalist noch nicht
Gleich viel vom Thema trotz
Der geerbten Bibliothek aber
Es gab Grund zum Widerspruch

Die kritische Betrachtung wurde
Länger als gedacht für eine nur
Dreiseitige Bildbetrachtung in der
Mehr möglich gewesen wäre

Niebelschütz hat die Sprache wie
Das Talent deutlich mehr aus der
Kleinen Betrachtung zu machen
Beerdigte er seine Vorurteile

Doch könnte die Lektüre solcher
Literarischer Texte wie in diesem
Band der Anderen Bibliothek auf
Historische Gefahren hinweisen

Der kritische Blick auf die Revolution
Ohne deren Bedeutung für unsere
Freiheit heute zu sehen ist gefährlich
Verkennt damit wesentliches noch

Den elementaren Dreiklang von
Freiheit Gleichheit Brüderlichkeit
Als Graffiti abzutun belegt diese
Gefährliche historische Blindheit

Es ist dies der Geist von dem auch
Thomas Mann sich 1914 bis 1918
Noch in den Betrachtungen eines
Unpolitischen wegtreiben ließ

Jener Geist der auch die Weimarer 
Republik in Brand setzte dem ein
Ernst Jünger zu lange huldigte der
Die Nation als heilig noch verklärte

Es ist nichts dagegen zu sagen das 
Rokoko als Ausläufer des Barock
Reicher und schöner zu finden das
Teile ich in manchem ästhetisch auch

Doch daraus eine Relativierung der
Freiheit und ihrer Werte abzuleiten
Ist mindestens gefährlich wenn nicht
Eine Form geistiger Brandstiftung

Für dieses Thema auch dank der
Jahrelangen Arbeit mit den Brüdern 
Des Grand Orient sensibler noch
Geworden sehe ich den Text kritisch

Es freut mich die eigene Stabilität
Gegenüber nationaler Gesinnung
Die sich in Andeutungen ergeht
Zu erkennen sie ist gerade nötig

Wer allerdings wirklich dieses leicht 
Subversive reaktionäre Element bei
Niebelschütz erkennt ist noch fraglich
Aber gut darüber gedichtet zu haben


Spannend setzt sich Egon Friedell
In seiner Kulturgeschichte der Neuzeit
Mit der Philosophie des Barock hier
Gerade bei Leibnitz auseinander

Weil sich die Welt schrittweise vom
Kleinsten zum Größten entwickelt
Kann es nichts überflüssiges geben
Nichts schädliches nichts wäre je

Unberechtigt darum leben wir in der
Besten aller Welten wie einige Jahre
Später Voltaire seinen Candide ganz
Ironisch gemeint sagen lässt

Leibniz aber macht keine Witze er
Begründet lieber ernsthaft aus dem
Wesen Gottes den etwas später die 
Enzyklopädisten nicht ernst nahmen

Weil die Welt sich aus Monaden also
Individuen zusammensetzt deren 
Wesen in der Beschränktheit besteht
Entsteht konsequent eine solche 

Diese ist entweder physisch oder
Moralisch ohne Unvollkommenheit 
Wäre die Welt nicht vollkommen
Sondern wäre überhaupt nicht

So ließen sich die Übel der Welt
Den Schatten in einem Gemälde
Oder den Dissonanzen in einem
Musikstück jeweils vergleichen 

Was einzeln misstönend wäre
Wird als Ganzes zur Harmonie
Was von Augustinus übernommen
Die beste Welt sei die bestmögliche

Hier gäbe dann alles vorbestimmt
Vom geaberglaubten Gott eine höhere
Harmonie und macht die Welt so zum 
Kunstwerk das einem Uhrwerk gleiche

Damit löst Leibniz auch das alte
Leib Seele Problem mit einem Schlag 
Sie verhielten sich wie zwei Uhren die
Immer die gleiche Zeit anzeigen

Es könnte scheinen als ob der Barock
Der nach Friedell in Leibniz kulminiert
Die Tendenzen der Renaissance noch
Fortsetzte mit immer mehr Logik

In der Mechanisierung geht es sogar
Noch weiter aber ist zugleich ungleich
Labyrinthischer und hintergründiger
Sie flieht ruhelos zwischen zwei Polen

Mechanisches und Unendliches sind
Als gegenüber gegensätzlich präsent
Als wolle der Barock ein letztes Wort 
Nicht aussprechen oder sich binden

Seine Scheu vor der endgültigen
Zusammenfassung sei Produkt
Seines Freiheitsdranges wie seiner
Frömmigkeit zugleich im Gegensatz

So sei das Weltall ein Mechanismus 
Nach mathematischen Gesetzen nur
Bewegt durch mysteriöse Fernkräfte
Der menschliche Geist darin sei ein

Präzises Uhrwerk das wiederum
Irrational aufgebaut sei durch Teile
Die sich der Beobachtung entziehen
Ihm einen Astralschimmer gäbe

Das Gehabe der Menschen erreicht
Die Präzision eines Puppentheaters
Wie zugleich dessen magische auch
Unwirklichkeit weiter vorhanden ist

Die barocke Menschheit zöge wie
Ein wohlgeordneter hellerleuchteter
Maskenzug an uns vorbei der sein 
Wahres Gesicht weiter verbirgt

Darauf beruhe der hohe ästhetische
Reiz der den Barock umwittert über
Andere Perioden hinaushebt er weiß 
Dass unser Leben ein Geheimnis ist 

Präzise und mit treffenden Worten
Erfasst Friedell den Geist der Zeit
Der im nächsten Kapitel sich dann
Der Agonie des Barock widmet 

Weiterhin konsequent spricht er
Dabei von der femininen Barocke
Die im deutschen männlich bleibt
Aber wer weiß was Austria macht 

Hierbei folge ich sonst dem Text
Zitiere teils wörtlich weil es zu
Genial schon ist es noch lange 
Umdichten zu wollen es ist gut so

jens tuengerthal 24.2.26

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