Dienstag, 3. März 2026

Versgedanken III

Versgedanken III

Weiter in Montaignes Essay über
Einige Verse von Vergil wo er hofft
Die Freiheit die er sich schreibend
Herausnimmt möge den Mut wecken

Sich über alle Tugenden hinweg die
Nur feige vorgeheuchelt wären als 
Ausgeburt unserer Mängel und Makel
Zu setzen um vernünftig zu werden 

Du musst deine Fehler erstmal selbst
Durchschauen damit du sie auch
Offenbaren kannst wer seine Fehler
Vor anderen verbirgt pflegt dies auch 

Vor sich zu tun weil sie diese nicht
Für verborgen genug halten solang 
Sie ihnen noch selbst sichtbar sind
Worüber ich hier schon schrieb

So würden sich die Krankheiten des
Körpers offenbaren in dem sie sich
Verschlimmern was uns Grippe schien 
Wird so in Wirklichkeit zur Gicht 

Dagegen werden die Krankheiten des
Geistes mit ihrer zunehmenden
Verschlimmerung immer dunkler noch
Der Kränkste spürt sie am wenigsten 

Eben darum müssten wir sie meint
Montaigne nachts der Brust entreißen
Um sie ans Tageslicht zu zerrn warum
Darüber reden schon helfen kann

Ihm sei jede Verstellung so zuwider
Dass er es meide sich Geheimnisse
Überhaupt anvertrauen zu lassen da
Er nicht abstreiten könne was er weiß

Verschwiegen wäre nur wer es von
Natur aus ist nie aus nur Pflicht wer
Den Fürsten dient müsse sowohl
Verschwiegen wie ein Lügner sein 

So findet er Lügen schlimmer noch
Als Unzucht treiben wer vor die Wahl
Zwischen Lastern gestellt würde
Käme wirklich in die Klemme erst 

Origines war vor die Wahl gestellt
Worden einen Götzen anzubeten oder
Sich von einem großen hässlichen
Afrikaner missbrauchen zu im lassen 

Er wählte die Götzen was wiederum
Die Kirchengeschichte sündhaft nennt
So hätten Frauen recht die lieber zehn
Männer als eine Messe nähmen

Sollte es ein Mangel an Zurückhaltung
Sein wie er die eigenen Fehler noch
Zu veröffentlichen bestünde doch nie 
Gefahr dass dies Schule mache

Schon Ariston hätte gesagt die
Leute fürchteten am meisten Stürme
Die ihre Häuser abdecken dabei sollte
Doch genau dies offenbart werden

Da wird das Gewissen ins Bordell
Geschickt und zugleich Biedermann
Gespielt selbst Verräter und Mörder
Hielten maskiert auf die Etiketten

Ganz im Sinne der Hugenotten die
Eine Ohrenbeichte ablehnen berichtet
Er in aller Öffentlichkeit gewissenhaft
Wie schon Augustinus Origines und 

Hippokrates gesteht er öffentlich die
Mängel seiner Lebensführung so
Hungere er danach sich bekannt zu
Machen egal wie vielen nur wahrhaft

Was meint zu gewinnen der alles um
Der Ehre Willen tut wenn er sich der
Welt in einer Maske zeigt und so sein
Wahres Wesen verbergen würde

Dazu erzählt er wie König Archelaos
Durch die Straße ritt und jemand über
Ihm Wasser ausgoß worauf ihm seine
Begleiter rieten er solle den bestrafen

Dieser meinte darauf der andere
Hätte das Wasser über dem nur
Ausgegossen für den er ihn hielt
Nicht über ihn das ginge ihn nichts an

Als Sokrates erzählt wurde es würde
Schlecht über ihn geredet sagte er nur
Alles falsch in ihm sei nichts von dem
Was sie ihm nachsagen würden

Wer ihm Montaigne schmeichelte er
Sei ein guter Steuermann bescheiden
Gar enthaltsam rühre ihn zu keinerlei
Dank wie umgekehrt auch bei einer

Beschimpfung als Verräter Dieb oder 
Trunkenbold ließe ihn das unberührt
Nur wer sich verkennt weidet sich am
Unverdienten Beifall noch nur nicht er 

Weil er in sein Innerstes schaut wisse
Er genau was ihm zukomme er 
Würde gern weniger gelobt aber dafür
Besser erkannt werden so könne er

Wohl für weise gehalten werden aber
Im Sinne einer Weisheit die er lieber
Torheit nennen würde so verdrießt es
Ihn wenn seine Essays den Damen

Für gewöhnlich nur als eine Art von
Einrichtungsgegenstand dienen den
Sie sich in ihren Salon stellen dabei
Dürfte dieses Kapitel nun endlich

Ihm Zutritt in ihre Privatgemächer
Geben er liebe ja den etwas intimeren
Umgang mit ihnen so böten die nur 
Öffentlichen Beziehungen weder 

Wonne noch Würze und gerade beim
Abschied flammt die Liebe zu den 
Dingen die wir lassen müssen heißer
Auf als je zuvor so sagt auch er den 

Spielen dieser Welt Lebewohl dies
Sei ihre letzte Umarmung aber um
Beim Thema zu bleiben statt noch
Sentimental zu werden fragt er gleich

Was der Geschlechtsakt dieser so
Natürliche nützliche ja notwendige
Vorgang den Menschen getan hat
Dass sie nicht ohne Scham von ihm

Zu reden wagen und ihn verbannen 
Aus allen ernsthaften Gesprächen
Keine Hemmung hätten wir töten 
Rauben und verraten zu sagen

Aber dabei murmeln wir nur zwischen
Den Zähnen meinen wir etwa desto
Weniger wir darüber redeten desto
Mehr könnten wir daran denken

Es sei doch ein Witz dass jene Worte 
Die am wenigsten genutzt werden
Zugleich die am besten verstandenen 
Seien geläufig wie das Wort Brot 

Dem Geschlecht was diese Sache am
Meisten betriebe sei auferlegt worden
Darüber beharrlichst zu schweigen 
Was die Damen lächelnd intim meint

So würde es noch als Verbrechen 
Gelten diesen Akt anzusprechen
Auch nur für eine Anklage was dem
Verbrecher sogar Freiheit schenkt

Ginge es da nicht wie mit jenen 
Büchern die weil sie verboten sind
Nur um so mehr verkauft würden 
Er halte es da lieber mit Aristoteles 

Der meinte Schamhaftigkeit gereiche
Noch der Jugend zur Ehre aber dem
Alter bringe sie nur Spott ein zitiert
Nun in der Antike gepriesene Verse 

Es irrt wer Venus zu sehr flieht
Wie wer zu sehr für sie erglüht
Oh Göttin die du über alles waltest
Nichts erquickliches entstünde je
Ohne dich und nichts erhöb sich
Zu den Gestaden hellsten Lichts

Wer den Musen ihre Liebesträume
Nähme beraubte sie ihrer schönsten
Spiele wie der edelsten Stoffe für
Ihre Werke die wenig nur behielten

Wer Amor die Dichtkunst nähme
Brächte ihn um seine beste Waffe
Er stünde undankbar da und hätte 
Vergessen wieviel er ihr schulde 

Er sei noch nicht so lange von der
Hofliste der Diener Amors gestrichen
Dass er dessen Macht vergessen
Noch wärmt sein Blut die alte Glut

Es bliebe eine Spur von Erregung
Möge diese Glut weiter schwelen
Sie nie in seines Lebens Winter fehlen
Ausgetrocknet und gebeugt bliebe

In ihm noch ein Rest vom alten Feuer
Wie das Meer sich nach dem Sturm 
Erst langsam wieder beruhigt dabei
Wirke die Macht Amors in Versen

Welche Finger hätten noch stärker 
Der Liebeszauber der Dichtung
Überflügelt die Liebe selbst nie
Sei Venus so schön wie bei Vergil

So umschlingt Venus ihren Gatten 
Vulkan und schon durchdringt die
Vertraute Flamme und Glut gleich
Mark und Bein und Blut wie neu

Die Wolken spaltet des Blitzes 
Jäher Strahl Feuer sprühend ohne 
Zahl bis Vulkan erschöpft vom
Liebesdienstn hingegossen liegt

Die Glieder nun schlaff dichtete 
Vergil lag er hingegossen in der
Gattin Schoß dazu meint aber
Montaigne einschränkend noch

Für eine verheiratete Venus hätte 
Der Dichter sie zu leidenschaftlich
Dargestellt sei doch die Ehe eher
Ein Vernunft gelenktes Geschäft 

Dort seien die Begierden nicht
Derart wild noch sondern eher
Abgestumpft und trübselig so sei
Die Liebe dort nur ein trüber Gast 

Diese hasse es wenn Verbindungen
Nicht ausschließlich um ihretwillen
Eingegangen werden und die Ehe 
Diente Familie und Vermögen erst

Du heiratest nicht für dich sondern
Für deine Nachkommen wie deine
Familie warum Ehen besser durch
Dritte als durch das Paar selbst

Ausgerichtet werden sollten weil
Eine solche Verbindung sich besser
Auf das Urteil anderer statt auf das
Eigene vernünftigerweise gründet 

Dies sei allen Liebeshändeln doch
Entgegengesetzt warum er es eine
Unzucht finde sich in der Ehe den
Ausschweifungen der Sinneslust

Ohne Verstand hinzugeben so solle
Nach Aristoteles der Mann die Frau
Nur zurückhaltend und zuchtvoll
Berühren dass sie nicht zu wild werde

Gleiches rieten auch die Ärzte eine
Zu heftige Wollust verderbe nur den
Samen und hemme die Empfängnis 
Warum der laue Geschlechtsverkehr

Wie er in der Ehe natürlich sei nur 
Mit beträchtlichen Abständen noch
Ausgeübt werden soll damit sich so
Die Inbrunst speichern könnte 

Hierzu zitiert er wieder Verse nach
Denen der Samen des Mannes nur 
Dann zur Zeugung taugt wenn der
Gattin Schoß ihn gierig in sich saugt

So kenne Montaigne keine Ehen die
Schneller in Schwierigkeiten gerieten 
Als jene die auf Schönheit und das
Liebesverlangen sich gründeten

Hierzu bedarf es nach seiner Sicht
Welche die Romantik umdrehte doch 
Ernsterer Fundamente sowie eines
Stets vorsichtigen Vorgehens dazu

Leute die meinen es täte der Ehe gut
Sie mit der Liebe zu verbinden seien
Wie jene die den Adel mit Tugend 
Verbinden wollen was zwei Dinge

Miteinander verbindet die teilweise
Verwandtschaft haben aber zwischen
Denen erhebliche Unterschiede doch
Bestehen darum besser getrennt

Erbe ersetze keine Erfahrung was
Montaigne nun noch an Beispielen
Aus der Antike weiter ausführt die
Belächeln wird wer ihn selbst liest

Montaigne erzählt dann noch eine
Geschichte vom Umgang mit dem
Adel in Calicut in Indien die auch
Komisch absurd sexuell wieder ist

Eine gute Ehe falls es sie gibt wie
Montaigne humorvoll einschränkt 
Hat weniger mit Liebe zu tun als
Mit Freundschaft sei eine stetige

Lebensgemeinschaft noch voller
Beständigkeit und Vertrauen mit
Einer Unzahl wechselseitiger Dienste
Wie Pflichten für eine gute Ordnung

Keine Frau die auf den Geschmack
Einmal kam möchte je die Rolle einer 
Geliebten ihres Gatten übernehmen
Als Ehefrau wohnt sie weit sicherer

In seinem Herzen denn als Geliebte
Fragst du den Gatten wessen Glück
Ihn mehr sorge wessen Unglück ihn 
Tiefer träfe wäre die Antwort klar

Dass gute Ehen so selten sind zeigt
Deren Wert und Würde sie sind das 
Gute Fundament der Gesellschaft
Das wir dennoch schlecht machen

Wir glichen den Vögeln die wenn im
Käfig alles tun herauszukommen aber
Wo frei versuchten hereinzukommen
Wozu er passend Sokrates zitiert

Der gefragt ob es besser sei zu
Heiraten oder nicht nur meinte
Was auch immer wir tun wir werden
Beides schon bald bereuen

Die Ehe sei eine Zweckgemeinschaft
Auf die das Wort zutrifft der Mensch
Ist dem Menschen entweder ein Gott 
Oder ein Wolf dazwischen wäre nichts 

Es müssten sich viele Eigenschaften
Verbinden eine Ehe aufzubauen was 
Den einfachen Geistern leichter fiele 
Er sei aber weniger dazu geeignet

Ohne diese wunderbaren wie weisen
Worte Montaignes zu kommentieren 
Verneige ich mich lächelnd vor seiner
Weisheit noch glücklich unverheiratet

jens tuengerthal 3.3.26

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen