Versgedanken VI
Montaigne denkt an die Frauen des
Königreichs Pegu in dem diese sich
Mit nichts als einem vorne noch weit
Geschlitzten Tuch bedecken so dass
Bei ihnen mit jedem Schritt den sie
Tun alles ganz zu sehen ist was nur
Der Form halber noch Schicklichkeit
Wahrt sich aber real immer offen zeigt
Diese behaupten zwar sie seien auf
Diesem glücklichen Einfall gekommen
Die Männer von ihrer Vorliebe für sich
Wie sie dort üblich sei abzuhalten
Montaigne meint dass sie damit mehr
Verlieren als gewinnen da der volle
Hunger heftiger wirke als jener der
Durch die Augen vorgesättigt wurde
Wie obigen Indianerinnen erging es
Auch Livia die meinte für eine ganz
Tugendhaften Frau sei ein nackter
Mann nicht heißer als kalter Marmor
Die Spartanerinnen dagegen meint
Montaigne die noch jungfrâulicher
Als ihre Jungfrauen waren sahen
Die jungen Männer noch täglich
Nackt ihre Leibesübungen verrichten
Bedeckten ihre Oberschenkel auch
Nicht weiter weil sie sich ihrer Tugend
Auch so sicher genug noch waren
Während bei ihnen heute die
Reifröcke das Tugendwächteramt
Erfüllen sollten das jede körperliche
Annäherung damit ausschlösse
Welch Illusion und welch naives
Vertrauen in bloße Förmlichkeiten
Einen weibliche Formen betonenden
Reifrock als Tugendwächter zu sehen
Dagegen glaubten jene besonders
An die Verführungskraft der Nacktheit
Die es wie der heilige Augustinus für
Möglich hielten dass am Tage des
Jüngsten Gerichts die Frauen als
Männer auferstehen um uns auch so
Entrückt noch zu verführen ob darum
Frauen falls sie einmal beginnen zu
Theoretisieren in diesen Dingen dann
Meinen dass Männer sich genauso in
Frauen verwandeln können ist noch
Offen zu Montaignes Zeiten während
Unsere darüber nur lachen können
Wie die Schriften des Augustinus
Ernsthaften Menschen nur als ein
Witz eines Mystikers vorkommen
So versuchten wir mit allen Mitteln
Sie zu ködern und scharf zu machen
Reizen ihre Phantasie ohne Ende und
Schreien dann Zeter und Mordio
Besser meint Montaigne gestehen wir
Die Wahrheit dass kaum wer unter
Uns der die Schande die ihm durch
Fehltritte seiner Frau droht nicht
Stärker fürchtet als die durch sein
Eigenes Verhalten verursachte dem
Es dabei weitaus mehr um die
Reinheit des Gewissens seiner Gattin
Geht als das eigene je zu bedenken
Lieber Dieb und Mörder wäre oder der
Gatte einer solchen gar als dass sie
Nur irgend weniger keusch wäre
Während die Frauen lieber noch ihr
Geld verdienten oder auf dem Feld
Ruhm ernteten in der Schlacht statt
Ständig auf der Hut sein zu müssen
Glaubt ihr sie sähen nicht wie sich
Jeder zu gerne in dieses Vergnügen
Noch stürzte alles dafür riskierte
Fragt Montaigne die Männer nun
Die Zuordnung der Laster sei einfach
Ungerecht so gäbe es tausende viel
Schändlichere Verfehlungen noch als
Die Sinneslust natürlich auszuleben
Doch bewerteten wir die Laster nicht
Nach ihrer Natur sondern allein nach
Eigennutz daher bekommen sie die
Vielen ungleichen Ausprägungen
Unsere Moral mache die Hingabe
Der Frauen zu einem schwereren
Laster als es nach der Natur ist
Beschwört darum Folgen herauf
Die schlimmer sind als ihre Ursache
So fragt er sich ob die Taten von
Caesar und Alexander an Härte je
Der Standhaftigkeit einer jungen Frau
Gleichkommen die auf diese Art
Erzogen wurde im reizvollen Treiben
Der Gesellschaft sich ungerührt zeigt
Um ihre Reinheit zu bewahren
Es gäbe kein dornenreicheres Tun
Als dies keusche Nichtstun er fände
Ein Leben lang eine Ritterrüstung
Tragen leichter als Jungfernschaft
Das Gelübde der Keuschheit sei
Von allen das härteste da am
Schwersten einzuhalten so sagte
Hieronymus der Teufel liege in
Den Lenden wo er sich teuflisch
Wohl zu allen Zeiten fühlte was
Beim Ausblick dort verständlich
Aber stets ein weites Feld ist
So hätten wir zweifellos noch die
Mühsamste und am meisten Kraft
Erfordernde aller menschlichen
Pflichten den Damen aufgebürdet
Doch sollten sie daran festhalten
Weil es doppelten Nutzen böte
Sie könnten uns widerstehen und
Moralischen Vorrang beanspruchen
Was ihnen meint Montaigne nicht nur
Höchste Achtung einbringen würde
Sondern auch mehr Liebe am Ende
Was taktisch sehr klug klingt
Doch fragt sich der heutige Leser
Und wieviel mehr vermutlich noch
Die heutige Leserin wie sind solche
Ratschläge moralisch zu bewerten
Wird ein ritterlicher Mann abgewiesen
Gibt er darum keineswegs auf falls es
Um Sittsamkeit und nicht um Rivalen
Willen geschieht denn wir mögen
Noch so sehr drohen fluchen jammern
Alles Lüge denn wenn wir lieben dann
Lieben wir Frauen darum um so mehr
Wie sie uns ein wenig widerstehen
Was in heutigen Zeiten doch eher
Fraglich erscheint in denen nur ja
Ja heißen soll und alles andere als
Belästigung ausgelegt werden kann
Nichts wirkt verlockender noch als
Gelassene Selbstsicherheit die sich
Hinter keiner kalt abweisenden Miene
Noch verschanzen muss so sei es
Würdelos und dumm weiter gegen
Verachtung und Hass anzudringen
Doch eine tugendhafte Haltung lädt
Mit Wohlwollen zum Wettstreit ein
Frauen dürften ohne ihrer Ehre damit
Abbruch zu tun unserem Werben bis
Zu einem gewissen Grad schon auch
Erkenntlich zeigen uns fühlen lassen
Dass sie uns nicht gering schätzen
Warum sollten sie uns auch kein
Gehör schenken solange es sich in
Den Grenzen des Schicklichen hält
So sagte eine kluge Königin unserer
Tage sich jeder Annäherung von
Vornherein zu verschließen sei ein
Zeichen von Schwäche und zeige nur
Die eigene Verführbarkeit wie eine
Frau die ihre Keuschheit noch keiner
Bewährungsprobe aussetzte sich
Dieser auch nicht rühmen dürfte
Die Grenzen der Ehrbarkeit seien
Nie so eng gezogen dass sie keinen
Spielraum böten denn sie gehen in
Einen Streifen Niemandsland über
Diesen zu nutzen sei noch keine
Übertretung während ein Mann der
Eine Frau in den innersten Gürtel
Ihrer Festung treibt ein Dummkopf sei
Der Wert eines Sieges bestimme
Sich nach der Schwierigkeit wer
Wissen will wie tief der Eindruck war
Den er bei einer Frau hinterließ
Der messe von ihrer Tugendhöhe aus
So gibt manche mehr die weniger gibt
Der Wert einer Gunst bemisst sich
Allein nach ihrem Beweggrund noch
Alle anderen Umstände besagen
Nichts da sie zufällig unwesentlich
Sind weniges kostet eine mehr als
Andere ihr alles dass sie leicht gibt
Wenn irgendwo meint Montaigne
Seltenheit über den Wert einer Sache
Entschiede dann hier seht darum nie
Darauf wie wenig ihr nur bekommt
Schaut lieber wie wenige es haben
Wie sich der Wert einer Münze je
Nach Prägung und Beizeichen ändert
Seltenheit eben kostbar macht
Egal was verbitterte Männer auch
Vorbringen würden an Verleumdung
Tugend und Wahrheit würden doch
Stets siegen so habe er erlebt
Wie junge Frauen allein durch große
Standhaftigkeit also Nichtstun sich
Ihren guten Ruf zurück eroberten
Nachdem sie als anrüchig galten
Als Platon gesagt wurde die Leute
Redeten schlecht über ihn meinte
Er lass sie reden er werde so leben
Dass sie ihren Ton bald ändern
Heute jedoch verfällt Montaigne am
Ende in das Jammern alter Leute über
Die schlechten Zeiten sollten Frauen
Gottesfurcht und Tugend zeigen was
Ein zu lächerlicher Maßstab ist ihn
Zu kommentieren doch findet er die
Verkommenheit der Zeit schlimmer
Noch als sie in seiner Jugend waren
Es ist das typische klagen alter Leute
Über die schlimme Jugend vor dem
Wegzulaufen meist klüger ist was zu
Montaigne eher überhaupt nicht passt
Was früher von Liebschaften ganz
Geheim nur dem besten Freund
Erzählt wurde sei heute eher ein
Öffentliches Thema geworden
Alle brüsteten sich öffentlich mit
Der ihnen von dieser oder jener
Erwiesenen Gunst wovon sich
Kluge Frauen besser enthielten
Zwar ist dem Schluss der Enthaltung
Am Ende zuzustimmen aber die
Begründung war dünn peinlich das
Kann der kluge Franzose besser
jens tuengerthal 11.3.26
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen