Mittwoch, 11. März 2026

Versgedanken VI

Versgedanken VI

Montaigne denkt an die Frauen des
Königreichs Pegu in dem diese sich 
Mit nichts als einem vorne noch weit
Geschlitzten Tuch bedecken so dass

Bei ihnen mit jedem Schritt den sie
Tun alles ganz zu sehen ist was nur
Der Form halber noch Schicklichkeit
Wahrt sich aber real immer offen zeigt 

Diese behaupten zwar sie seien auf
Diesem glücklichen Einfall gekommen
Die Männer von ihrer Vorliebe für sich 
Wie sie dort üblich sei abzuhalten 

Montaigne meint dass sie damit mehr
Verlieren als gewinnen da der volle
Hunger heftiger wirke als jener der
Durch die Augen vorgesättigt wurde

Wie obigen Indianerinnen erging es
Auch Livia die meinte für eine ganz
Tugendhaften Frau sei ein nackter
Mann nicht heißer als kalter Marmor

Die Spartanerinnen dagegen meint 
Montaigne die noch jungfrâulicher
Als ihre Jungfrauen waren sahen 
Die jungen Männer noch täglich

Nackt ihre Leibesübungen verrichten
Bedeckten ihre Oberschenkel auch
Nicht weiter weil sie sich ihrer Tugend
Auch so sicher genug noch waren

Während bei ihnen heute die
Reifröcke das Tugendwächteramt
Erfüllen sollten das jede körperliche
Annäherung damit ausschlösse

Welch Illusion und welch naives
Vertrauen in bloße Förmlichkeiten
Einen weibliche Formen betonenden
Reifrock als Tugendwächter zu sehen

Dagegen glaubten jene besonders
An die Verführungskraft der Nacktheit
Die es wie der heilige Augustinus für 
Möglich hielten dass am Tage des 

Jüngsten Gerichts die Frauen als
Männer auferstehen um uns auch so
Entrückt noch zu verführen ob darum
Frauen falls sie einmal beginnen zu

Theoretisieren in diesen Dingen dann
Meinen dass Männer sich genauso in
Frauen verwandeln können ist noch
Offen zu Montaignes Zeiten während

Unsere darüber nur lachen können
Wie die Schriften des Augustinus
Ernsthaften Menschen nur als ein
Witz eines Mystikers vorkommen

So versuchten wir mit allen Mitteln
Sie zu ködern und scharf zu machen
Reizen ihre Phantasie ohne Ende und
Schreien dann Zeter und Mordio

Besser meint Montaigne gestehen wir
Die Wahrheit dass kaum wer unter 
Uns der die Schande die ihm durch
Fehltritte seiner Frau droht nicht 

Stärker fürchtet als die durch sein
Eigenes Verhalten verursachte dem
Es dabei weitaus mehr um die 
Reinheit des Gewissens seiner Gattin

Geht als das eigene je zu bedenken
Lieber Dieb und Mörder wäre oder der
Gatte einer solchen gar als dass sie
Nur irgend weniger keusch wäre

Während die Frauen lieber noch ihr
Geld verdienten oder auf dem Feld
Ruhm ernteten in der Schlacht statt 
Ständig auf der Hut sein zu müssen

Glaubt ihr sie sähen nicht wie sich 
Jeder zu gerne in dieses Vergnügen
Noch stürzte alles dafür riskierte
Fragt Montaigne die Männer nun

Die Zuordnung der Laster sei einfach
Ungerecht so gäbe es tausende viel
Schändlichere Verfehlungen noch als
Die Sinneslust natürlich auszuleben

Doch bewerteten wir die Laster nicht
Nach ihrer Natur sondern allein nach
Eigennutz daher bekommen sie die
Vielen ungleichen Ausprägungen

Unsere Moral mache die Hingabe
Der Frauen zu einem schwereren
Laster als es nach der Natur ist
Beschwört darum Folgen herauf 

Die schlimmer sind als ihre Ursache
So fragt er sich ob die Taten von 
Caesar und Alexander an Härte je
Der Standhaftigkeit einer jungen Frau

Gleichkommen die auf diese Art
Erzogen wurde im reizvollen Treiben 
Der Gesellschaft sich ungerührt zeigt
Um ihre Reinheit zu bewahren

Es gäbe kein dornenreicheres Tun
Als dies keusche Nichtstun er fände 
Ein Leben lang eine Ritterrüstung 
Tragen leichter als Jungfernschaft 

Das Gelübde der Keuschheit sei
Von allen das härteste da am
Schwersten einzuhalten so sagte 
Hieronymus der Teufel liege in 

Den Lenden wo er sich teuflisch
Wohl zu allen Zeiten fühlte was 
Beim Ausblick dort verständlich
Aber stets ein weites Feld ist

So hätten wir zweifellos noch die
Mühsamste und am meisten Kraft 
Erfordernde aller menschlichen 
Pflichten den Damen aufgebürdet 

Doch sollten sie daran festhalten
Weil es doppelten Nutzen böte
Sie könnten uns widerstehen und
Moralischen Vorrang beanspruchen

Was ihnen meint Montaigne nicht nur
Höchste Achtung einbringen würde 
Sondern auch mehr Liebe am Ende
Was taktisch sehr klug klingt

Doch fragt sich der heutige Leser
Und wieviel mehr vermutlich noch
Die heutige Leserin wie sind solche
Ratschläge moralisch zu bewerten

Wird ein ritterlicher Mann abgewiesen
Gibt er darum keineswegs auf falls es
Um Sittsamkeit und nicht um Rivalen
Willen geschieht denn wir mögen 

Noch so sehr drohen fluchen jammern
Alles Lüge denn wenn wir lieben dann 
Lieben wir Frauen darum um so mehr
Wie sie uns ein wenig widerstehen

Was in heutigen Zeiten doch eher
Fraglich erscheint in denen nur ja
Ja heißen soll und alles andere als
Belästigung ausgelegt werden kann

Nichts wirkt verlockender noch als
Gelassene Selbstsicherheit die sich
Hinter keiner kalt abweisenden Miene
Noch verschanzen muss so sei es

Würdelos und dumm weiter gegen
Verachtung und Hass anzudringen
Doch eine tugendhafte Haltung lädt 
Mit Wohlwollen zum Wettstreit ein

Frauen dürften ohne ihrer Ehre damit
Abbruch zu tun unserem Werben bis
Zu einem gewissen Grad schon auch
Erkenntlich zeigen uns fühlen lassen

Dass sie uns nicht gering schätzen 
Warum sollten sie uns auch kein
Gehör schenken solange es sich in
Den Grenzen des Schicklichen hält 

So sagte eine kluge Königin unserer
Tage sich jeder Annäherung von
Vornherein zu verschließen sei ein
Zeichen von Schwäche und zeige nur

Die eigene Verführbarkeit wie eine
Frau die ihre Keuschheit noch keiner
Bewährungsprobe aussetzte sich
Dieser auch nicht rühmen dürfte

Die Grenzen der Ehrbarkeit seien 
Nie so eng gezogen dass sie keinen
Spielraum böten denn sie gehen in
Einen Streifen Niemandsland über

Diesen zu nutzen sei noch keine
Übertretung während ein Mann der
Eine Frau in den innersten Gürtel
Ihrer Festung treibt ein Dummkopf sei

Der Wert eines Sieges bestimme 
Sich nach der Schwierigkeit wer 
Wissen will wie tief der Eindruck war
Den er bei einer Frau hinterließ 

Der messe von ihrer Tugendhöhe aus
So gibt manche mehr die weniger gibt
Der Wert einer Gunst bemisst sich 
Allein nach ihrem Beweggrund noch

Alle anderen Umstände besagen
Nichts da sie zufällig unwesentlich
Sind weniges kostet eine mehr als
Andere ihr alles dass sie leicht gibt

Wenn irgendwo meint Montaigne
Seltenheit über den Wert einer Sache
Entschiede dann hier seht darum nie
Darauf wie wenig ihr nur bekommt

Schaut lieber wie wenige es haben
Wie sich der Wert einer Münze je
Nach Prägung und Beizeichen ändert
Seltenheit eben kostbar macht 

Egal was verbitterte Männer auch
Vorbringen würden an Verleumdung
Tugend und Wahrheit würden doch 
Stets siegen so habe er erlebt 

Wie junge Frauen allein durch große 
Standhaftigkeit also Nichtstun sich
Ihren guten Ruf zurück eroberten 
Nachdem sie als anrüchig galten

Als Platon gesagt wurde die Leute
Redeten schlecht über ihn meinte
Er lass sie reden er werde so leben 
Dass sie ihren Ton bald ändern

Heute jedoch verfällt Montaigne am
Ende in das Jammern alter Leute über
Die schlechten Zeiten sollten Frauen
Gottesfurcht und Tugend zeigen was

Ein zu lächerlicher Maßstab ist ihn
Zu kommentieren doch findet er die 
Verkommenheit der Zeit schlimmer
Noch als sie in seiner Jugend waren

Es ist das typische klagen alter Leute
Über die schlimme Jugend vor dem
Wegzulaufen meist klüger ist was zu
Montaigne eher überhaupt nicht passt

Was früher von Liebschaften ganz
Geheim nur dem besten Freund
Erzählt wurde sei heute eher ein
Öffentliches Thema geworden 

Alle brüsteten sich öffentlich mit
Der ihnen von dieser oder jener
Erwiesenen Gunst wovon sich
Kluge Frauen besser enthielten

Zwar ist dem Schluss der Enthaltung
Am Ende zuzustimmen aber die
Begründung war dünn peinlich das
Kann der kluge Franzose besser

jens tuengerthal 11.3.26

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