Dienstag, 10. März 2026

Lektürentagebuch 10.3.26

Lektürentagebuch 10.3.26

Egon Friedell schreibt diesmal in 
Seiner Kulturgeschichte der Neuzeit 
Über die erotische Décadence die im
Rokoko ganz neue Formen fand

Noch häufiger als die Wanne ist
In lasziven Bildern der Zeit die mit
Größter Unbefangenheit überall
Aufgestellt wurden ein anderes 

Requisit inszenierter Erotik die
Schaukel die damals in Mode kam 
Einige Elemente des Rokoko fein
Zum Ausdruck bringt nämlich

Das spielerische wie die dabei nur 
Vorgetäuschte Infantilität wie zugleich
Der erwachende Sinn für Freiluft mit
Der Galanterie der Mannes und der

Kokotterie der Frau und sie wirkt
Durch den kitzelenden Schwindel
Wie eine Art Aphrodisiakum wovon
Damals reger Gebrauch gemacht 

Auch mit wesentlich weniger noch
Harmlosen Stimulanzien wurde es
Oft noch ausschweifend genutzt
Alle Welt nahm damals Liebespillen 

Spanische Fliegen und ähnliche
Anregungsmittel jedoch meint Friedell
Es sei unbegreiflich wie aus solchen
Mitteln geschlossen werden könnte

Das Rokoko sei ein sehr erotisches 
Zeitalter gewesen im Gegenteil war es
Unerorisch und wollte nur auf die
Genüsse dennoch nicht verzichten

Gerade weil alles Streben dort dem
Problem der Liebe und dabei auch der
Bereicherung Intensivierung wie der
Verfeinerung ihrer Technik diente 

Mache deutlich dass ihnen dabei
Alle schöpferische Kraft abhanden
Gekommen war wenn nicht mehr
Die Sache an sich Thema war

Wurde die Methode zum Problem
Gemacht was immer den Anfang
Der Décadence kennzeichnet wofür
Friedell zahlreiche Beispiele bringt

Andererseits entwickelte der dann
Niedergang eine Feinheit die nur 
Ihr eigen ist und sie ausmacht stellt
Der Wahlwiener dann doch fest

Denke an Huysmans Gegen den 
Strich in dem ich gestern noch las
Über das ich als nächstes noch mit
Großer Lust schreiben werde

So hätte das Rokoko darum als
Epoche des Niedergangs keine
Erotischen Genies hervorgebracht
Aber immerhin erotische Artisten

Halte diese dialektische These von
Friedell schlicht gesagt für völligen
Unsinn keine Epoche seit sich die
Christliche Sekte ausbreitete war

So erotisch und freizügig auch
In den moralischen Grundlagen
Die eine Philosophie der Lust zur
Kunst des Lebens so machte

Es war die Epoche eines äußerst 
Verfeinerten Genusses der sich
In der Lust gern freizügig zeigte wie
Seit der Antike schon nicht mehr

Rokoko und Erotik sind darum in
Ganz vieler Hinsicht Synonyme 
Als Ausfluss des feinen Stils was 
Dem Namen Ende nicht widerspricht

Im Gegenteil heißt doch auch im da
Dominanten französisch noch der
Höhepunkt petit mort der kleine Tod 
Was zeigt warum es der Gipfel war 

Verständlich allerdings ist es für
Einen Österreicher die in dieser
Lasziven Epoche die christliche
Prüderie Maria Theresias ertrugen 

Doch ist dieser Blick auf die dann
Eher asexuelle Witwe die vorher
Ihr Gatte im Stil der Zeit eben ständig
Betrog was sie so bigott dafür machte

Sicher nicht repräsentativ für eine 
Epoche aber vielleicht kommen dem
Autor solche Ideen im Kaffeehaus
Wie der Bibliothek in Wien eher

Als große Artisten der Erotik stellt
Friedell dann Casanova und die
Pompadour vor ohne weitere tiefe 
Begründung aus deren Wirken

Für Casanova führt er nur an dass 
Dieser noch mit über neunzig täglich
Einen Stapel Liebesbriefe erhielt da 
Schon jammernder Bibliothekar in 

Schloss Dux der sich in seinen dort 
Geschriebenen Erinnerungen über
Dieses unwürdige Personal stets
Beschwert dafür kommt die eine 

Anekdote über seine einzige echte
Niederlage bei Madame Cramer in
Schloss Tournay erzählt wie von dem
Echten Duell zweier Damen um ihn

Schon diese Behauptung zeigt dass 
Friedell offensichtlich keine tiefere
Kenntnis von Casanovas Werk hat
Indem es zahlreiche Niederlagen gibt

Auch der Marschall Richelieu der
Hier gestern auch gelesen wurde
Wie gleich passend noch ein wenig
Wird von Friedell dabei erwähnt

All das ist etwas dünn und wird hier
Weder Casanova der in Lyon zum
Bruder des Grand Orient wurde wie
In Paris die Lotterie erfand nie

Gerecht und ignoriert wie sehr die
Erinnerungen von Casanova doch 
Vom Geist der Aufklärung getragen
Was immer wieder spürbar auch ist

Doch auch der Pompadour die sich
Als aufgeklärte Retterin von Diderots 
Enzyklopädie einen Namen machte 
Wird erotische Artistin nicht gerecht

Was vielversprechend immerhin
Mit der Schaukel begann die auch 
Erotisch große Bedeutung hatte 
Verpufft diesmal in Nichtigkeiten 

Schade in Anbetracht des großen 
Wissens sonst von Friedell der auch
Ein großer Erotomane war einzig die
Sorge vor Zensur rechtfertigte es

Da dieser Teil jedoch erst 1927 auf
Den Buchmarkt kam ist es keine
Taugliche Entschuldigung für den 
Mangel in Erotik und Aufklärung mehr


Gehe darum direkt über wieder
Zum Marschall Richelieu um sich
Vom Gegenteil überzeugen zu
Lassen beim sinnlichen Thema

Dieser durfte bis elf schlafen was 
In Anbetracht der doppelten erst 
Nächtlichen Abenteuer doch völlig
Angemessen noch erscheint

Längst schon war zum Frühstück
Geläutet worden als er endlich
Erschien belagert von den 
Versammelten Frauen die seine 

Geschichte der Nacht hören wollten
Unter ihnen auch die Herzogin aber
Er war ja an sein Versprechen nichts
Zu verraten gebunden und hielt es

Stattdessen erfand er eine Geschichte
Über seine Erlebnisse dort wohin ihr
Streich den ich gerade nicht erinnere 
Ihn gegen seinen Willen trieb 

Erzählt wie er auf der Bank schlief
Wie von seinen wilden sinnlichen 
Träumen dort und sah dabei seine 
Natürlich errötende Herzogin an

Was ihnen beiden offensichtlich
Merkte keiner im Umfeld noch
Doch bemühte sie sich sogleich
Jeden Verdacht abzuwiegeln

Sie tat dies voll echter Sorge um 
Seinen Fuß die sie nicht spielen
Musste sondern dem Instinkt der
Liebe dabei überzeugend folgte 

Für die nächste Nacht sagte sie ihm
Leider ab außer er könne sich den 
Schlüssel bei ihrer Jungfer holen
Worauf er erschöpft verzichtete 

Das Spiel mit der Lust gegenüber
Der Gruppe der ahnungslosen Frauen
Von denen nur die eine mehr weiß
Ist eine feine Form der Erotik

Sie dehnt die sinnliche Zweisamkeit
Noch weiter aus bezieht damit alle
Zuhörerinnen ein und spielt mit der
Sinnlichkeit dabei mit Leichtigkeit

Es ist eine lachende Atmosphäre
Zwischen echter Lust die sich wagte
Einander alles zu geben wenn auch
Als Nötigung eigentlich begonnen 

Mit deren Erinnerungen er sie 
Damit reizend spielt und dem
Offenen Spiel mit der Lust aller
Die er so auch erotisch bindet 

Das ist doppelt genial konstruiert 
Weil es die Geliebte provoziert wie
Sich flirtend zugleich mit allen dabei 
Zu erotischen Themen amüsiert 

Der Marschall Richelieu wusste
Genau was er tat auch als er noch
Jung und relativ unschuldig war sich 
Sogar für verliebt dabei noch hielt 

Mit der Geliebten unbemerkt in einer
Gruppe von Frauen zu flirten wie
Mit all ihren Freundinnen zugleich
Ohne dass sie es hindern könnte

Das ist wirklich schon eine Form
Der artistischen Liebeskunst weil 
Der doppelte Boden seinen ganz
Besonderen Reiz dabei entfaltet

Erinnere mich daran wie ich noch
Ende der 80er Jahre eine Freundin
Hatte die auf einem Heidelberger
Mädchengymnasium Abitur machte

Eine ihrer Freundinnen war mit dem
Besten Freund von mir von uns
Verkuppelt worden aber jene Dame
War nur eine Freundin von ihr

Diese wirkte sehr cool und war auch
Zwei Jahre älter als ich aber hatte
Sexuell noch keine Erfahrung als 
Unser kleiner Flirt begann 

Wenn wir uns in der Gruppe trafen
War ich offiziell der Freund der einen
Aber insgeheim der Geliebte der
Anderen was schon aufregend war

Irgendwann nach dem Sommer
In dem ich mit meinem Vater durch
Kanada fuhr also wochenlang nicht
Da war erledigte sich das alles

Aber die Erinnerung auch an die
Vertrauten Gespräche noch in 
Größerer Runde mit doppelter
Bedeutung waren sehr intensiv


An die Amouren des Marschalls
Richelieu anschließend und auch
Passend zu Friedell kommt nun
Ein Kapitel aus den Erinnerungen

Des Venezianers Casanova das
Die griechische Sklavin heißt und
Ganz unaufgeregt mit der Pflege
Der sterbenden Großmutter beginnt 

Briefe der Mutter die darauf nach 
Einigen Wochen aus Warschau bei
Der Familie eintrafen verfügten die
Auflösung ihres Haushaltes dort

Mangels Erbe von der Großmutter
Sollten er und seine Geschwister
Zu einem Abbé ziehen den sie
Ihnen nannte und der sie aufnahm

Eine Woche später kam noch ein
Brief demgemäß Giacomo selbst
Mit zu einem Bischof ziehen sollte
Der gerade sein Bistum erhielt

Wohl auch dank ihres Einflusses 
Bei der Königin die wiederum den 
Papst zu dieser Verleihung brachte
Er solle den geistlichen Weg nun

Einschlagen das wäre eine sichere 
Zukunft der Bischof reise über 
Venedig da würden sie dann alles
Weitere noch miteinander regeln

Der Bischof kam sie besprachen sich
Dann wurden die Anweisungen für die
Reise schon seltsam aber Casanova
Folgte ihnen ganz genau

Zuerst fuhr er mit dem Schiff nach
Ancona wo er dann 28 Tage in 
Quarantäne musste weil auf einem
Schiff in Venedig die Pest ausbrach

Dort langweilte sich der junge Mann
Spazierte zuerst im Hof bis ihm ein
Aufseher auch dieses Vergnügen 
Noch verbaute und saß danach

Gelangweilt auf dem Balkon als er
Eine wunderschöne großgewachsene 
Griechische Sklavin eines älteren
Türken im Hof erblickte

Er beobachtete sie und freute sich
An ihrem Anblick wann immer es
Sich so ergab doch sie die las
Wenn sie nicht arbeiten musste

Verschwand nach kurzem Blick
Immer schnell wieder wenn sie sich
Beobachtet sah worauf er gleich
Überlegt wie er ihr schreiben könne

Dies macht er zuerst mit einem
Leeren Brief und dann einem der
Sie unter Komplimenten bat des
Nachts unter seinen Balkon zu

Kommen zumindest reden zu können
Sie erscheint tatsächlich und beide
Gestehen sich ihre Liebe und halten 
Durch ein kleines Loch im Balkon

Zumindest ein erstes mal Händchen
Er erfährt dass sie Christin sei und
Er sie kaufen könnte weil ihr alter 
Türke sie gerne verkaufen wolle

Nach langem hin und her wie 
Wühlend kratzenden Versuchen 
Der Annäherung schlug sie vor
Diamanten zu besorgen mit denen 

Er sie freikaufen könnte was er
Aber feige aus moralischen Gründen
Ablehnt als sei nicht die Freiheit einer
Sklavin wertvoller als jeder Besitz

Besser hätte er seinen Zeitgenossen
Diderot dazu gelesen dann wäre er
Nicht vor Eigentum zurückgeschreckt
Der heiligen Kuh der Gesellschaft

Dringend sollte diese geschlachtet
Werden um endlich wieder die nötigen
Prioritäten richtig zu setzen dafür den
Reichtum der Welt umzuverteilen

Genug für alle wäre schon lange da
Keiner braucht solche Schätze je
Eigentum ist Diebstahl wie schon 
Proudhon uns lehrte aber hier

Blieb der angehende Pfaffe feige
Am nächsten Tag endet auch seine 
Quarantäne und er begibt sich nach
Rom und von da über Neapel nach

Sizilien wo er nach mühsamer 
Reise davon am Ende im Wagen
Seinen Bischof findet doch die
Verhältnisse dort sind ärmlich

Eine Messe hört er sich noch an
Betrachtet das elende hässliche
Publikum dann beschließt er dass 
Er ganz dringend weg müsse

Der Bischof der Schulden hat bleibt
Ein Jahr später ist er schon tot dafür 
Bleibt Casanova beim Bischof in 
Palermo für dessen Sohn der auch 

Ein Dichter wäre als Unterhaltung
Zumindest erstmal mit Quartier
So kommt es anders als gedacht
Aber immer auch mit Liebe dabei

Nun zum Abschluss noch wie schon 
Angekündigt zu Joris-Karl Huysmans 
Gegen den Strich jenem Meisterwerk 
Der Dekadenz in dem sich der vom 

Lärm und Treiben der Gesellschaft
Völlig ermüdete Jean Floressas des
Esseintes von der Gesellschaft in
Seine Bibliothek zurückzieht

Dort mit vielen heiligen Büchern
Aber auch ein wenig zeitgenössischer
Literatur der Band erschien 1887 wie
Personal zurückgezogen lebt 

In dem gestern gelesenen Kapitel
Hat er gerade ein teures Medikament
Aus Paris kommen lassen fühlte sich
Ein wenig erholt und begann seine

Bibliothek der Zeitgenossen zu 
Sortieren doch schon ganz bald
Ist der junge Adelige der den Autor
Robert de Montesquieu beschreibt

Schon völlig erschöpft legt sich
Auf seinen Diwan und gibt dem
Diener Anweisungen weiter seine
Bibliothek der Gegenwart zu sortieren

Es ist völlig dekadent und von sich
Erschöpft hat keinerlei Perspektive
Aber geht stilvoll zugrunde und lässt
Darum die Bibliothek noch sortieren

Das ist mit feiner Genialität die alle
Details des spleenigen Dandy aus
Uralter edler Familie beschreibt ein
Besonders feines Lesevergnügen 

jens tuengerthal 10.3.26


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