Mittwoch, 15. Juli 2026

Lektürentagebuch 15.7.26

Lektürentagebuch 15.7.26

Schon am frühen Morgen gegen fünf
Las ich noch von Harry Graf Kessler 
In den Erinnerungen eines Europäers
Über Taufen und Attentate 

Zunächst wird ausführlich von der 
Taufe seiner Schwester erzählt für 
Die der Kaiser unbedingt Pate auch
Sein wollte was im Kaiserreich eine

Große Ehre natürlich war darum
Wurde alles in Baden Baden wo sie
Den Sommer in einer Villa verbracht
Auf den Besuch vorbereitet der

Kaiserlichen Hoheit wie sogleich
Ein Termin für die Taufe vereinbart
Zu dem alles mit Kornblumen schön 
Geschmückt war weil der Kaiser sie

So sehr liebte wozu Harry wieder
Seiner Mutter zitiert die Wilhelm
Den Sohn von Königin Luise als einen 
Ganz großen Romantiker beschrieb

In beidem jedenfalls meinem Vater
Sehr ähnlich der ansonsten eher
Weniger kaiserlich meist auftrat
Was vermutlich auch besser so war

Für majestätische Inszenierungen im
Preußischen Stil war eher noch mein
Grotepater genannter Großvater der
Preußische Kadett kam da wohl durch

Ob Wilhelm es lieber schlicht gehabt
Hätte statt wie von Lehndorff geplant
Dem kaiserlichen Adjutanten bleibt
Im Laufe der Zeremonie unklar

Am Termin war seine Majestät leider
Unpässlich darum wurde der nächste
Tag dann genommen ob dann gleich
Alle Kornblumen ersetzt wurden

Lässt Harry die Leser im unklaren
Zumindest die auf das Taufkleid der
Schwester dazu gestickten hatten 
Wohl problemlos Bestand über Nacht

Der Vater durfte das Kind dem Kaiser
Bringen der es bei der Taufe dann in
Seinen kaiserlichen Armen halten soll
Dieser jedoch tätschelt der Schwester

Die mit großen Augen dabei ziemlich 
Desinteressiert schaute nur den Kopf
Vom Baby halten möchte er lieber
Verschont bleiben er hätte da keine

Erfahrung was wirklich erstaunt aber
Zumindest zeigt der Kaiser Schwäche 
Gibt sich menschlich wie männlich
Beschränkt zeitgemäß zugleich

Ein Lied zur Kornblume aber möchte
Der Kaiser zu gerne von der Mutter
Hören die ihn oben empfing was nach
Kessler den Romantiker wieder zeigt

Warum dies alles so inszeniert wurde 
Wie teils planwidrig ablief wenn der
Kaiser wirklich der Vater war was
Sehr biologisch unwahrscheinlich 

Bleibt unklar aber zeigt zumindest
Harry will uns sagen an dem Gerücht
Über das sich der Hof das Maul in 
Berlin noch zerriß war nichts wahr

Wäre der Kaiser der Vater gewesen
Die Blamage sein Kind noch vom
Ehemann der Geliebten gereicht zu
Bekommen hätte das Hofzeremoniell

Zu verhindern gewusst und hätte ein
Lehndorff nie zugelassen an dessen
Loyalität mit dem Kaiser dem er über
Zwanzig Jahre als Adjutant diente 

Wie Kessler mehrfach betont kein 
Zweifel bestand weil es die Beteiligten
Unnötig erniedrigt hätte außer es soll
So alle Gerüchte klar widerlegen

Eine schöne Inszenierung um die
Kleinigkeiten der Repräsentation in 
Einer Monarchie die Teil der Macht 
Waren heute eher Nebensache sind

Bei Festen des Bundespräsidenten 
Als sie noch in Schloss Bellevue 
Stattfanden erlebte ich es ein wenig
Aber heute zählen andere Dinge

Unklar was wirklich war bleibt hier
Dennoch so manches aber es ist 
Element der Verschwörungstheorien
Das reale Nichts zu inszenieren

Wirklicher dagegen waren die beiden
Attentate auf Kaiser Wilhelm I von
Denen Lehndorff ihnen nach Paris
Voller Sorge und Gefühl schrieb

Zu Tränen gerührt und erschüttert
Zeigt sich der immer hohe Offizier
Des Garde du Corps dabei weich 
Wie sehr menschlich berührt auch

Diese Briefe von Lehndorff an seinen
Vater die relativ wenig aussagen fügt 
Kessler in den Text ein weil sie ein
Diplomatisches Bonbon waren

Was kam durch die Zensur des noch
1870/71 besiegten Erbfeindes wo
War mit Mitlesern immer zu rechnen
Wie verändert dies Wissen Briefe 

Dies deutet Kessler an aber unterlässt 
Es leider darüber aufzuklären was 
Zwischen den Zeilen noch stand
Wovon er als Kind nichts wusste

Stattdessen kommt nach den Briefen
Aus Berlin noch eine Lobrede auf den
Treuen Lehndorff der auch noch ein
Jugendfreund von Bismarck war

Doch am Ende dieser verrät uns der
Autor Kessler wie wichtig Lehndorff
Als Brücke zwischen Kaiser und dem
Immer auch cholerischen Kanzler war

Ein Offizier der nie Lackstiefel trug 
Weil diese nur von einem Mangel
An Disziplin zeugten steht für das
Gute Preußen hier quasi sinnbildlich

Doch zugleich wird dieser Preuße
Als sehr gefühlvoll auch gezeigt
Eine lyrisch weiche Seite die so
Wenig zum sonst Bild passt das

Preußen sich als Soldatenstaat
Zu gerne vor der Welt gab was 
Der kunstsinnige Kessler hier ganz
Liebevoll historisch korrigiert

Als Kessler diese Erinnerungen
Anfang der dreißiger Jahre schrieb
Gab es das Kaiserreich nicht mehr
Aber noch war Preußen nicht vorbei

Im preußischen Arkadien mit den
Gärten rund um Potsdam ist diese
Schöner Seite Preußens weiter noch
Gewachsen und blühend schön 

Es gibt ein zartes weiches Preußen
Schöner Kultur jenseits des bloßen
Gleichschritt schnell schießender die
Nur getrennt marschieren um dann

Vereint zu schlagen wie Moltke es
Als Feldmarschall siegreich tat was
In Gärten und Parks sich eher zeigt
Die noch jeder Erinnerung wert sind

Die ehemaligen Kasernen der Elite
Des Garde du Corps in den Bauten
Von Stüler gegenüber von Schloss
Charlottenburg sind heute Museen

Wo die angesehensten preußischen
Offiziere und Truppen hausten haben
Museum Berggruen und gegenüber
Scharf-Gerstenberg ihren Platz heute

Kunst und Kultur ersetzt das Militär
Was so von Preußen blieb ist ohne
Sorge liebenswert wie ein Genuss
Was auch erinnert sein sollte

jens tuengerthal 15.7.26

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