Freitag, 10. April 2020

Beschränkungsmeister

Natur und Kunst

Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen
Und haben sich, eh’ man es denkt, gefunden;
Der Widerwille ist auch mir verschwunden,
Und beide scheinen gleich mich anzuziehen.

Es gilt wohl nur ein redliches Bemühen!
Und wenn wir erst in abgemeßnen Stunden
Mit Geist und Fleiß uns an die Kunst gebunden,
Mag frei Natur im Herzen wieder glühen.

So ist’s mit aller Bildung auch beschaffen:
Vergebens werden ungebundne Geister
Nach der Vollendung reiner Höhe streben.

Wer Großes will, muß sich zusammenraffen;
In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,
Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.

Johann Wolfgang v. Goethe

Beschränkungsmeister

Gilt was Goethe im Sonett uns lehrte
Über die Kunst der Meister noch in
Virtuellen Welten weiter oder hat sich
Im grenzenlosen Netz jedes Gesetz
Erledigt was nicht allein am Markt
Der niemals schläft angebunden ist
Was hat in schlafloser Zeit plötzlich
Corona als erzwungene Pause gezeigt
Wie menschlicher Wille stärker noch
Als alle Märkte entscheiden kann
Sogar ganz gegen deren Natur
Ist die Kunst der Beschränkung
Zu der auch die Quarantäne zwingt
Das Wunder was den Meister krönt
Der im weniger glänzen kann
Was aber wäre am Ende noch
Das Gesetz was uns erst Freiheit
Geben kann nicht logisch nimmt
Auch ohne seinen Wittgenstein
Je verstanden zu haben sogar
Wenn das so viele wie er zuerst
Selbst so empfanden macht
Schon diese Beschränkung
Uns möglicherweise freier noch
Als wenn wir völlig unbeschränkt
Zu wissen meinten ahnen wir doch
Wie die Grenzen der Sprache allein
Die Welt uns begrenzen können
Wie das Subjekt eine solche ist
Also nicht diese selbst aber auch
Da am Ende lieber einzugestehen
Weil Wissen wohl zuviel schon wäre
Dass wir besser schweigen worüber
Wir nicht sprechen können ist ein
Guter Anfang verzögerte Stille nun
Wortlos mit Corona zu genießen
Während sich das ewige Schweigen
Langsam den 100.000 nähert bleibt
Mehr Nichts in allem nun womit sich
In der Beschränkung der Meister zeigt
Was also logisch auch bleibt

jens tuengerthal 10.4.20

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen