Lektürentagebuch 22.3.25
Heute in vier Bänden ausgiebig gelesen
Von Berlin über Sardinien ging es nach
Davos um in einem erdachten Reich der
Epoche der Aufklärung zu enden
Begonnen schon in der Nacht als ein
Flaneur in Berlin mit Franz Hessel der
Über den Vergnügungspark der alten
Hasenheide erzählt den es noch gibt
Allerdings ist dieser in Neukölln nördlich
Des Flugfeldes Tempelhof gelegene Park
Heute eher Grünfläche mit wunderschönem
Baumbestand wie einem Hundegelände
Diesen auch Lieblingen vieler Berliner
Die mehr Nachsicht als Kinder genießen
Einen Spielplatz zu geben schafft einen
Jahrmarkt ganz eigener Art heute dort
Hessel berichtet von der historischen
Nutzung insbesondere auch durch den
Später berühmt gewordenen Turnvater Jahn
Der die Jugend wehrtauglich machen wollte
Der Vater der deutschen Turnerbewegung
War zu Lebzeiten bei der Regierung nicht
Sonderlich beliebt bekam aber später dort
Noch ein Denkmal mit Säule gesetzt
Über die auch zweifelhafte Gesinnung
Dieses nationalen Freiheitskämpfers
Schreibt Hessel nichts er wird heute mit
Einem Sportpark in Prenzlauerberg geehrt
Die Hasenheide ist im Gegensatz zum
Benachbarten Tempelhofer Flugfeld ein
Schön angelegter Park der den Besuch
Trotz oder wegen seiner Geschichte wert ist
Seinen Namen erhielt er zur Zeit des
Großen Kurfürsten der dort noch zur
Jagd ging und Hasen halten ließ was
Noch Friedrich Wilhelm I. verteidigte
So verlange der als Soldatenkönig
Bekannte Vater Friedrichs des Großen
Löcher in den Zäunen der Gärten damit
Die Hasen der Heide genug fraßen
Für literarisch interessierte kann noch
Erzählt werden dass dort das Duell
Zwischen von Ardenne und Hartwich
Stattfand dass in Fontanes Effie vorkommt
Armand von Ardenne war das Vorbild
Für Fontanes Baron Geert von Instetten
Der Effie heiratete in deren Mutter er
Als junger Mann schon verliebt war
Die Ardenne Affäre bei der dieser den
Postmeister Hartwich im Duell erschoss
Wurde Grundlage für Fontanes Roman
Effie Briest Ardenne wurde bald begnadigt
Seiner weiteren Karriere schadete die
Bestrafung nach dem Duell nicht der
Offizier brachte es bis zum General
War mit Krupp und Liebermann befreundet
Finde es immer wieder spannend welche
Rolle Orte in Berlin in der Literatur spielen
Die wie Fontanes Effie zu Klassikern wurden
So auch die heute Hasenheide vielfältig
Von der Hasenheide ging es nach Süden
In Marcello Fois großen Familienroman
Mercede und der Meisterschmied in das
Ländliche Sardinien wo Dörfer Städte werden
Diesen Weg der Entwicklung auch in den
Köpfen der Bewohner des Hochlandes
Beschreibt Fois sehr einfühlsam besonders
Für die Rolle seiner Protagonisten dabei
Welche Rolle der Ort als Marktplatz für
Bauern aus den Bergen spielte wie dies
Das Leben der Einwohner veränderte sie
Langsam zu Wohlstand dabei kamen
Es ist die Insel und das Land in seinem
Ursprünglichen Charakter dort spürbar
Die wilde Natur wird lesbar die dort auch
Ihre Bewohner und ihr Leben formt
Weiter ging es nach Davos in die so
Berühmte erotische Szene aus dem
Zauberberg von Thomas Mann die
Dazu passend teils französisch ist
Hatte bei meiner ersten Lektüre des
Großen Romans von Thomas Mann
Ende der achtziger Jahre mangels Sprachkenntnis viel nicht verstanden
Damals konnte ich noch nicht im Netz
Nach einer verdienstvollen Übersetzung
Suchen und fragte meine Liebsten nun
Besser ausgerüstet erfuhr ich wenig neues
Viel außer emotional in einer sehr großen
Liebeserklärung von Hans Castrop an die
Verehrte Clawdia Chauchat passiert nicht
In dem Moment der Zweisamkeit dort
Zumindest verbal streift der junge Hans
Sehr gewagt den Schoß der rotblonden
Russin in anatomischen Worten die seine
Sinnliche Göttin gewagt anschwärmen
Sie nimmt dies gerne hin streichelt sogar
Seinen Kopf dabei zärtlich und fragt ihn
Warum er bei so viel Gefühl nicht schon
Vorher ihr näher gekommen wäre
Leider reise sie nun morgen ab was den
Erotisch wie emotional aufgewühlten Hans
Fast fassungslos macht aber seinen
Zumindest verbalen Erguss nicht stoppt
So geht es plaudernd bis zum Ende des
Kapitels wie damit des Karneval worauf
Die schöne Clawdia ihren Papierhut absetzt
Um ihn ihrem Prinz der Liebe aufzusetzen
So sind sich die beiden bevor sich die
Schöne Russin erstmal verabschiedet
Zumindest verbal so nah wie möglich
Gekommen ganz egal wer dabei kam
Hielt diese sinnliche Szene um den
Karneval lange für zentral wohl auch
Weil das Verborgene bedeutend scheint
Tatsächlich passiert geistig nicht viel
Die etwas ältere in Dingen der Liebe
Deutlich erfahrenere Clawdia macht dem
Kleinen Hans deutlich dass wer Früchte
Des Paradieses will sie nehmen muss
Die Lehre und Weisheit dieser Worte
Lohnen einen Gedanken auch wenn
Mann sich heute besser zurückhält
Statt sich etwas nehmen zu wollen
Auch wenn Frauen gerne betonen
Sie erhofften sich vom Richtigen
Genau das ohne alle Umwege weiß
Keiner vorher ob er zufällig richtig ist
Der Dialog von Clawdia und Hans ist
Etwas besonderes dabei er wirbt um
Ihr Herz und sie als die Überlegene
Meint er hätte es früher wagen sollen
Wie sehr erst das Du der Fasnacht
Half alle Grenzen fallen zu lassen
Wie Hans dabei immer wieder betont
Dahingestellt spielt die Form eine Rolle
Was der richtige Weg dabei ist kann
Wohl nie für alle Fälle beantwortet werden
Wenn es passt wirst du es spüren ist auch
Kein sehr erhellender Ratschlag dazu
Große Gefühle zu beschwören kann
Den Weg zum weiblichen Heiligtum
Manchmal öffnen aber genauso auf
Lächerlich gefährliche Abwege führen
Dann wird dem sich erklärenden Mann
Liebevoll über den Kopf gestreichelt
Wie es Hans im Zauberberg widerfährt
Was die Männlichkeit nur mäßig fördert
Das tatsächlich erotischste dieser Szene
Ist vermutlich die Wahl der Sprache um
Einen privaten Raum zu schaffen der sich
Vom gewöhnlichen verbal so abgrenzt
Das ach hättest du doch früher oh Hans
Könnte wie eine Einwilligung klingen die
Der Phantasie weite Räume öffnet der
Thomas Mann aber kein Wort widmet
Überlegen bleibt Clawdia Hans wenn auch
Lesbar gerührt wie womöglich willig in
Der bereits angeheiterten Stimmung die
Damen in lustvollen Situationen schätzen
Unklar ist ob dies so ist um hinterher
Sagen zu können ach wir waren ja
Betrunken dabei oder real dadurch
Ein wenig enthemmt auch zu sein
Für Knaben im Alter von Hans mag
Die Lust im Rausch unschädlich sein
Herren über fünfzig sollten dabei eher
Vorsichtig sein nicht zu enttäuschen
Doch von solchen Details erfahren
Die Leser des Zauberbergs nichts
Sie spielen auch weiter keine Rolle
Der Zauberberg bleibt Bildungsroman
Wer scharfe erotische Stellen sucht
Um so Stimulation zu finden sollte
Dazu eher andere Autoren je nach
Neigung dabei lesen dort lebt Kultur
Diese ist sprachlich immer wieder ein
Auch ironischer Hochgenuss etwa die
Für Clawdia unverständliche Erklärung
Er wiederhole nur was schon früher war
Madame Chauchat kannte Pribislaw Hippe
Den Schülerschwarm nicht und auch die
Geschichte von dessen Leihe sicher nicht
Den Bleistift tanzt nur in Hans Kopf
So endet der Karneval der Kranken mit
Einer großen Liebeserklärung nach der
Ein hoch emotionaler Hans von seiner
Clawdia die Narrenkappe bekommt
Im Tarot ist der Narr die höchste Karte
Doch sollen hier keine weiteren Ausflüge
In dunkle Abgründe der Esoterik gewagt
Werden halten wir uns lieber an Settembrini
Auch wenn Hans seinem Mentor gegenüber
Clawdia verleugnet zeigt die von Mann selbst
Für zentral gehaltene Schnee Szene auch
Die klare Hinwendung zum Humanismus
Clawdia Chauchat ist da der dunkle
Asiatische Gegenpol triebhafter Lust
Den die Aufklärung mit geistigem Licht
Durch strenge Vernunft überwinden will
Jedoch ist es Clawdia die Hans ermahnt
Sich selbständig zu machen und dazu
Die Initiative früher zu ergreifen was fast
Nach Befreiung aus der Unmündigkeit klingt
Dazwischen balanciert diese Szene fein
Ohne das sexuell real etwas passiert was
Gefühl und Phantasie keine Grenzen zieht
Eine vielfältig lohnende Lektüre dabei
Auch in einer Liebesgeschichte nur hier
Aus der Zeit der Aufklärung ging es
Weiter mit Hermann und Ulrike von
Johann Karl Wezel aus dem Jahr 1780
Der noch vor der französischen Revolution
Erschienene Roman zeigt deutlich auch
Die Schattenseiten des Absolutismus der
Fürstlicher Willkür wehrlos aussetzte
Während Wieland den Roman für den
Besten deutschen Roman jemals hielt
Fand Goethe ihn eher mäßig was an
Seiner Nähe zum Herzog liegen könnte
Wezel beschreibt die Ereignisse wie
Den Terror durch zufällige Günstlinge
Sehr gut im Geiste kritischer Aufklärung
Auch wenn es manchmal viel wird
Eine gewisse Weitschweifigkeit ist bei
Der Lektüre schon zu bemerken aber
Wer Laurence Sterne und dessen
Tristram Shandy mag wird es lieben
Eine lohnende Lektüre auch um den
Geist im absolutistischen Deutschland
Zur Zeit der Aufklärung zu verstehen
Wie sich humorvoll gewehrt wurde
Die kleinen bösartigen Spiele die
Der neue Günstling des Grafen im
Bewusstsein seiner Macht spielt sind
Offenbarung wie hässlich Macht macht
Während ein Trump wieder wie ein
Absoluter Fürst mit Willkür seine
Günstlinge bevorzugt und Gegner
Verfolgt ist der Text hochaktuell
Schon 1780 wurde solches Verhalten
Als gewissenlos gesehen wie in der
Literatur moralisch angeklagt warum
Es gut tut sich daran zu erinnern
Ob die Verdrängung einer Konkurrentin
Durch die deutsche Außenministerin
Ähnliches Kaliber hat scheint fraglich
Es zeigt eher politisch nötige Chuzpe
jens tuengerthal 22.3.25
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