Freitag, 29. Mai 2026

Lektürentagebuch 29.5.26

Lektürentagebuch 29.5.26

Von der Lebenslust gelesen bei
Franz Hessel in Spazieren in Berlin
Der passend zum Freitagabend heute
Typisch berlinerisch begleitet ausging

Die Jugend lernt zu genießen beginnt
Hessel schon sehr elegant denn das
Fiele doch den Deutschen nicht leicht
Doch der Berliner verfiele dabei eher

Der Gefahr der Häufung in seinem
Vergnügungseifer mit Hang zur
Quantität und zum Kolossalen so sein
Auch Kaffeehäuser nun Gaststätten

Sie wären prätentiös vornehm dabei
Nirgends mehr gäb es behagliche
Unscheinbare Ledersofas und stille 
Winkel wie in Paris oder Wien

Statt Kellner riefen sie noch dümmlich 
Titulierend Herr Ober und einfacher
Bohnenkaffee hieße Mokka double
50 Bardamen wären mehr als 10

Immer wieder gibt es die ganz neuen
Groß-Cafés mit Platz für 1000 Gäste 
Humorvoll beschreibt Hessel wie es
Dort alles inklusive dann zugeht 

Dort wird etwas geboten fürs Geld
Das Nachmittagsgedeck für 2,50
Dazu Kuchen soviel sie nur wollen
Überall ist Betrieb auch für die Alten

In einem Monsterspeisehaus müsste
Der zweite Feiertag erlebt werden wo
Alles Ausgang hat da gibt es auch so
Manch Draufgängerisches ganz billig

Das Essen in riesigen Portionen wird
Beschrieben und das inzwischen das
Weniger als vornehm bei der Jugend
Gilt die im Gemüse wählerisch pickt 

Die Riesendoppelkonzerte die Berlin
Für Gaumen Auge Ohr und Tanzfuß
Reizen die Jugend nicht mehr so sie
Üben sich in Enthaltsamkeit dafür

Hygienische Kasteiungen sportlicher
Grundsätze steuern sie durch die
Vielzahl möglicher Vergnügungen so
Sicher wie durch nächtliche Straßen

Finden die Tanzpfade im Dickicht der
Menschenanhäufungen malt Hessel
Wieder elegant schönste Bilder von
Der immer unruhigen Großstadt

Es häufen sich die Feste so in 
Manchen Nächten vom Zoo zu Kroll
Zur Akademie in Charlottenburg wie
In der Philharmonie zur gleichen Zeit

Dazu kommen noch die Geheimtipps
In diesem oder jenem Atelier und sie
Wissen genau zu wählen was wann
Wo insbesondere noch los ist

Es braucht dazu stets den richtigen
Tanzpartner der nicht mit dem zu
Verwechseln ist den Frau gerade liebt 
Seine Aufgabe wäre eine ganz andere

Darüber hätten ihn seine jungen
Freundinnen belehrt während sie sich
Für das eine oder andere Fest noch
Zurechtmachen mit großem Ernst 

Diese Vorbereitung sei wichtiger oft 
Als das eigentliche Fest ganz ohne
Jede Eile legen sie sorgsam Hand
An sich für das Kunstwerk einer Nacht

Dabei könnten sie in aller Ruhe noch
Beobachtet werden und ihre ganz
Konzentrierte Gegenwart genossen
Werden was sonst nicht leicht ist

Im allgemeinen hätten sie das Tempo
Was Berlin und unsereinen atemlos
Immer macht dabei können sie ganz
Erstaunlich viel an einem Abend alles

In der zu träumerischen Teestunde
Wollen sie plötzlich einen Aperitif
Trinken was er in Berlin nicht mal
Erwartet hätte und schnell belehrt wird

Eiligst geht es ins Auto fährt dann die
Budapester Straße entlang um gleich
Gegenüber dem Aquarium zu halten
Geht es mit Maria ins Hotel dort 

Natürlich werden Bekannte von ihr
Die vor großer Karriere stehen noch
Getroffen und begrüßt dann wird auf
Dem Weg zum Tisch in der Bar noch

Rasch das neue Revuewunder mit
Küsschen begrüßt dass er nur aus
Den Bildern bunter Magazine kennt 
Ihnen zunächst sitzen nun zwei

Etwas zu frisch gemalte Mädchen
Eine von ihnen glaubt Maria noch
In St. Moritz gesehen zu haben dabei
Rümpfen sie schick gern die Nase

Weil sie noch ein Rendezvous mit
Freunden im Neva Grill hat die
Später in die Komödie wollen wird 
Er einem ihrer Freunde überantwortet 

Dieser nimmt ihn mit zu Horcher wo
Sie in einer Stunde sein will und sie
Könnten bis dahin männlich gediegen
Speisen und Burgunder trinken sie

Käme zum Dessert dann zurecht ob 
Auch als vertieft Hessel nicht weiter
Die Seezunge zu der Gert sich für 
Sie beide entschied wird dann auf

Gut Pariser Art am Tisch behandelt
Vor ihren Augen manche mögen das
Die verspeisten Tiere noch als solche 
Zu sehen ich finde es eher ekelhaft

Dieser Gert ist in jungen Jahren schon
Angesehen in Berliner Bank wie
Diplomatenkreisen und erzählt ihm
Von der Berliner Gesellschaft diese 

Sei heute schwer zu fassen weil die 
Alte Trennung der Stände nun aufhört 
Dabei begegnen sich Prinzen und
Sozialisten am Tisch der Bankiers

Minister und Staatssekretäre müssten
Mehr Zweckessen mitmachen als am
Ende der Politik günstig ist was sich 
Bis heute noch kaum geändert hat

Dann sprechen sie über Frauen
Gert erzählt gerade wie er beim
Dinner zwischen zweien saß bei
Denen eine höflich korrekt war

Während die andere gerne möglichst
Anzügliche Andeutungen machte jede
Bemerkung zweideutig nahm als
Maria wieder am Tisch erschien 

Diese interessierte sich nicht für 
Die Theorie sondern wollte sie
Zu einem wichtigen Russenfilm weil
Sie den von Gert bevorzugten 

Über den Pariser Amerikaner schon
Aus Paris kennt wo sie ihn in dem 
Kleinen Kino im Quartier Latin sah
So geht es weiter wie Maria wünscht 

Nach dem Kino sitzen sie dann im 
Casanova nahe am Klavier wo ein
Komponist der durch einen Schlager 
Berühmt wurde diesen immer spielt

Maria und Gert beraten sich was
Noch unternommen werden könnte
Was sie eigentlich sollten und was
Sie lieber doch nicht wollen oder so

Dann entscheiden sich die beiden
Für eine Bar in dunkler Gasse die
Nicht jeden hereinlässt daher ein
Eher erlesenes Publikum hätte 

Dort erkennt er bekannte Gesichter
Eine singt Chansons wie die Piaf
Während Gert und Maria tanzen
Schaut der Flaneur Hessel sich um

Diejenigen aus Kunst und Lebenslust 
Die er kennt was wenige sind wären 
Wohl alle hier dann ruft ihn derjenige
Der in Paris das Dôme groß machte 

Der hier ein berühmter Maler wäre
Neben sich die schöne Russin die
Ihm auch bekannt vorkommt sein
Lächeln gilt zwei Poetentöchtern

Er kannte sie noch als Kinder nun 
Weltreisende und Eroberinnen sind
Dann ein neuer Schub Kömmlinge
Aber sie bleiben der junge Mixer

Sei doch ein zu guter Schenke bis
Es plötzlich drei Uhr ist und schon
Einige Stühle auf dem Kopf stehen
Dann will Maria in den Damenklub 

Der wäre ganz nah und sie würde
Sie mitnehmen doch haben sie dort
Kein Glück auch nicht als Gefolge
Eines Mitglieds dafür geht es nun

Ins Künstlereck wo sie Hühnersuppe
Unter gotischem Gewölbe löffeln nun
Könnten sie noch weiterziehen bis in
Den dämmernden Morgen dann

So hätte Schwannecke für die Seinen 
Noch eine Seitenpforte offen auch der
Gastwirtsangestelltenverband öffnete
Erst mitten in der Nacht für Kenner 

Dort gäbe es bis Mittag Essen und
Trinken noch auch da wäre Gert
Mitglied doch das Bewusstsein es
Könnte noch ewig weitergehen 

Schläfert Hessel angenehm genug
Ein an dieser Stelle zu pausieren
Was ich in Aussicht des Freitag
Eine gute Idee nun auch finde 

Schon gestern hatte ich auf einer
Bank im Park am Helmholtzplatz
Bei einer Zigarette nach der Tour
Zurück auf den Berg begonnen 

Im Katalog der Ausstellung zu lesen
Hier schreibt Anette Hüsch die kluge
Direktorin der Alten Nationalgalerie 
Über Paul Cassirer und die Kunst 

Visionär und Vermittler ist dieser
Abschnitt betitelt in dem Hüsch die
Frage Cassirers warum er mit den 
Französischen Bildern spekulierte

Als Zitat an den Anfang stellte um den
Lesern diesen besonderen Menschen
Paul Cassirer vorzustellen wie er es
Schaffte Sammler und Menschen mit

Seinem Gespür für Begabung wie
Repräsentative Gelegenheiten zu
Begeistern wobei der damalige
Direktor der Nationalgalerie

Hugo von Tschudi eine besondere
Rolle auch spielte der auch dabei
Die Mäzenaten die diese Einkäufe
Ermöglichten an sein Haus band

Hüsch erklärt warum der Durchbruch
Des Impressionismus dabei in den 
Mittelpunkt gestellt wurde der stets
Kristallisationspunkt des Salons war

Damit wird die Wucht beschrieben 
Mit der die Ausstellungen wirkten
In der deutschen Öffentlichkeit wie
Bei der Debatte über diese Kunst 

Durch Medien und Wissenschaft
Die sich Schlachten dabei lieferten 
Zwischen französischer Leichtigkeit
Und nur sinnentleerter Oberfläche

Dabei wird an einzelne Gegner wie
Deren jeweilige Motivation erinnert 
Was deutlich macht welch große
Rolle Cassirer dazwischen spielte 

In diese Debatte wiederum griff
Liebermann mit einem scharfen
Artikel in der Frankfurter Zeitung ein
Die bis zu Pauli nach Bremen bebte 

Das Prinzip der Kollektiv Ausstellung 
Ermöglichte Cassirer Gegensätze in
Seinem Salon lebendig präsent zu
Halten offen für beides zu sein

Er ließ Meier-Graefe im Salon gegen
Böcklin reden aber stellte zugleich
Auch diesen und Menzel aus wie er
Das Zusammenspiel auch schätzte

Cassirer konzentrierte sich mehr
Auf Persönlichkeiten als auf bloß
Kunsthistorische Debatten oder
Die dort üblichen -ismen

Als Sekretär wie als Geschäftsführer 
Der Berliner Secession wie zugleich
Kunsthändler pflegte Cassirer seine
Wertvollen Kunden ganz besonders

Dies wird am Beispiel des Sammlers
Osthaus der das Folkwang Museum
Zunächst in Hagen begründete das
Heute in Essen viele Bilder bekam

Ihm schickte er mehrere van Gogh
Sogar zur Ansicht als er nicht zum
Salon kommen konnte und dieser
Kaufte als erster in Deutschland

Gerade bei van Gogh setzte er auf
Wiederholungen so hatte er 1914
Laut Katalog 146 Nummern gezeigt
So viele wie nie wieder auf einmal

Durch seine guten Kontakte zur
Witwe des Bruders hatte er den 
Direkten Draht geschaffen und
Für van Gogh auch genutzt

Das Universum Paul Cassirer hat
Den deutschen Blick auf die Kunst
Verändert und durch Verkäufe an 
Museen auch weiter geschärft 

Eine gute Einleitung der Direktorin
Der Alten Nationalgalerie die mit
Viel Wissen und Gespür für den
Kontext Cassirer hier einordnet 

jens tuengerthal 29.5.26

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