Dienstag, 4. August 2020

Erotisches

Was ist wirklich erotisch, ist es je etwas?

Bei der Beschäftigung mit der Frage, was eigentlich erotisch ist, taucht die Unterscheidung zwischen Liebe und Lust wieder auf und bekommt einen neuen Gehalt. Die Erotik baut den Reiz auf, die sinnliche Anziehung, die in der erfüllten Lust am Höhepunkt gipfelt, von dem sie aber als quasi Vorspiel noch weit entfernt ist.

Frage ich mich,  ob es erotischer ist am Strand einer Nackten zwischen die Beine oder auf die Brüste zu schauen, die dort eher inflationär sichtbar herumliegen, oder den Ansatz von nur Strümpfen am leicht verrutschten Rock einer Dame im Café zu sehen oder den Träger eines BHs irgendwo ungeplant hervorblitzend zu genießen, weiß ich genau, die natürliche Nacktheit kann schön anzuschauen sein, hat aber wenig Reiz im Gegensatz zum halb enthüllten, was nur etwas ahnen lässt und genau damit Spannung und Reiz aufbaut. So gesehen dienen die knappen Textilien an den Textilbadestränden allein dem mehr an Erotik und nicht der vorgeblichen Keuschheit aber das ist ein anderes Kapitel.

Pornografische Nacktfotos können schnell allen erotischen Reiz verlieren, weil sie zu sehr offenbaren, was aus dem Versteck erst sinnlich hervorschaut. Sie können geil sein, ihren Zweck erreichen, aber mehr selten, weil es dabei um Sex und nicht um Erotik geht.

Liebte es meine Liebsten nackt zu fotografieren, bei welcher Gelegenheit auch immer, um mich an ihrer Schönheit zu freuen, aber es verlieren auch die heißesten selbstgedrehten Pornos mit der Liebe schnell allen Reiz, kamen mir immer schon im Moment ihrer Entstehung eher komisch vor, auch wenn die Telefone heute beste Filmqualität liefern, fehlt Pornos ohnehin meist jede Erotik, weil es dabei nur noch um den Vollzug geht und nicht mehr um den langsamen Aufbau einer Spannung, die nur langsam genossen werden kann. Insofern verlorene Liebe und ähnliches dem erotischen Befinden eher abträglich ist, taugen solche Bilder nicht mal als Onaniervorlage, warum sie genauso gut gelöscht werden können, da ohne jede weitere Bedeutung.

Finde Bilder weiblicher Geschlechtsteile sehr reizvoll und sie bewirken bei der Betrachtung eine sexuelle Erregung, warum das Frauen mit dem männlichen Glied so geht, erschließt sich mir weniger, aber ich muss ja auch nicht alles verstehen, geschweige denn meinen, Frauen überhaupt verstehen zu können. Fand schon in Kinderzeiten die Betrachtung einer Vagina im Brockhaus oder in einem der medizinischen Lehrbücher meines Vaters erregend. Aber erotisch würde ich den Blick aufs Geschlecht nie nennen.

Es gab einmal bei Zweitausendeins den Bildband Vulvas, den ich nur leicht verschämt anfänglich aber dann voller Genuss durchblätterte, der verschiedenste Scheiden in all ihrer Unterschiedlichkeit mit oder ohne Frisur präsentierte und die Vielfalt der Möglichkeiten der Natur in diesem Bereich offenbarte. Später gab es auch solche Bände für Pos und Brüste, die ich gleichfalls mit Freude leicht erregt durchblätterte aber nie einen erwarb, auch wenn ich Kunstbände mit Aktfotos habe, war der pure Vulva-Bick nichts, was ich im Regal stehen haben wollte.

Es gibt auch erotische Bilder völlig nackter Menschen, deren Geschlecht sichtbar ist, doch sind diese für mich eher die Ausnahme. Erotische Spannung entsteht vielmehr aus dem noch nicht, was unsichtbar bleibt, bloß ahnen und hoffen lässt. Ein Porno oder pornografische Bilder erfüllen den Zweck sexueller Erregung aber mehr nicht, sie bauen keinerlei erotische Spannung auf, sondern zielen auf den schlichten sexuellen Vollzug, während die Erotik scheinbar in einem Zwischenbereich des noch nicht aber mit zarter Hoffnung auf ein beinahe doch Zuhause ist.

Sehe ich ein Bild einer Frau, der ich teilweise unter ihren Rock oder zwischen ihre Beine schauen kann, entsteht damit, wo es gut komponiert ist, eine erotische Spannung. Die grässlichen Up-Skirt-Bilder dagegen, bei denen notgeile Typen Frauen ungefragt unter den Rock fotografieren, fand ich noch nie erotisch sondern immer eher abstoßend. Allein das Element des Verbotenen des Spanners kann hier eine gewisse Spannung erzeugen. Brüste die sich in ihrer Form, wie auch immer dabei gehalten, gepusht oder nach der Natur, abzeichnen erzeugen Spannung, während die schwingenden Brüste der Beachvolleyballspielerinnen am FKK-Strand frei von jeder Erotik waren, wie ich es auch nicht sonderlich reizvoll fand, zwischen nackte unverhüllte Beine, die sich präsentieren zu schauen, außer für den Moment der kleinen sexuellen Erregung.

Wie das Frauen mit dem männlichen Glied und dessen mehr oder weniger schrumpeligen Anhängseln geht, kann ich nicht beurteilen.

Früher waren im deutschen Playboy im Gegensatz zum französischen oder amerikanischen nie Schamlippen zu sehen, was mit der Unkultur der Nacktrasur schwierig wurde, die auch jede Erotik dem Schoß raubt, der dann nur als Objekt der Begierde übrig bleibt, ein quasi pornografisches Objekt wird, zur Stimulation von Wesen mit pädophiler Neigung, ungesund eben. Dieses nicht sehen oder nur ahnen hatte einen besonderen Reiz und die heute gefallene Unterscheidung zwischen Aktfoto und Pornografie sorgte zumindest für einen höheren erotischen Reiz, der den bearbeiteten Bildern schon lange fehlt.

Während sich heute Frauen Schamlippen wie Brüste absurd formen lassen und damit meist nur deren Funktion massiv beeinträchtigen, noch sonst einen erkennbaren Gewinn davon haben als normative Anpassung an ein Ideal des Durchschnitts, dem nur gefallen will, wer selbst sich nichts wert ist, was aber zur Kultur der Nacktrasur passt, die eben genau damit hinschauen lässt, was früher zumindest einen Rahmen von Haaren noch hatte, wundern sich viele ernsthaft über den Verlust jeder Erotik im Zeitalter frei verfügbarer Pornografie, was fast katholisch klingt aber eher aus Sorge um echte Lust geschrieben wurde.

Nichts gegen Pornos, wenn sie fair und gut gedreht sind, die Beteiligten gut behandelt wurden. Aber alles dagegen, wenn die Porno-Industrie ihre Machwerke erotisch nennt, was sie nahezu nie sind, auch nicht sein sollen, weil es nur um den geschlechtlichen Akt geht, der im Vollzug mit mehr oder weniger Vorspiel präsentiert wird.

Fragte mich jemand, welche Literatur ich wirklich erotisch fand, fiele mir neben Proust immer Thomas Mann ein, der die Spannung perfekt inszenieren konnte, ohne je wirklich über Sex zu schreiben, zumindest seltenst ausdrücklich. Dagegen sind Henry Miller oder Aeneis Nin bloß mehr oder weniger gute Beschreibungen der Technik des Sex gelungen, aber selten wirklich erotische Momente, auch wenn Henry sich in stille Tage in Clichy darum teilweise ernsthaft bemüht. Tucholsky hat in Rheinsberg und Schloss Gripsholm höchst erotische Texte geschaffen, ohne dabei je ins Detail zu gehen. Borchardt hat im Weltpuff Berlin wunderbar erotische Elemente neben und zwischen dem vielen Sex versteckt, der selten je erotisch aber immer reizvoll und höflich beschrieben ist.

Miteinander wild zu werden, sich stöhnend einander hinzugeben mit allen dabei möglichen Verrenkungen und Spielarten kann wunderbar lustvoll und geil sein - wie schön, wenn es passt und ein beide bereicherndes Ende findet aber für mich ist da die Erotik schon vorbei, die wenn im Moment davor, im Spiel um den Reiz relevant ist, der sie langsam wachsen lässt und ihr das wunderbar knisternde Moment gibt.

Sex kann sehr erotisch sein, auch wenn das selten der Fall ist, da meist beide, oder wieviele Beteiligte auch immer, geil aufeinander nach dem Vollzug streben und sich zu vereinen suchen, um den Gipfel ihrer Natur nach zu genießen.

Das sinnliche Element der Spannung, die noch nicht zum Ziel kommt, reizt aber nicht erreicht, ist die Basis der Erotik und die kann auch beim Sex spielerisch eingesetzt werden, indem etwa die Stimulation der entsprechenden Organe plötzlich unterbrochen wird, um den Reiz noch zu erhöhen, ein erotisches Theater zu inszenieren, was aber auch gehörig schief gehen kann und Anfängern nicht unbedingt zu empfehlen ist.

Erotisch ist das nicht ganz, ein wenig verhüllt aber reizend, ein noch nicht, was aber alles daran setzt, das Wollen zu steigern. Sie hat etwas spielerisches und ist damit sehr menschlich. Der Sex im Vollzug dagegen, wo jeder mit seinem Ego nach Befriedigung strebt, will zum Ziel, eindringen oder aufnehmen, sich überschwemmen und sich am Ende miteinander selig erschöpfen. Die Erotik baut die Spannung auf, die spätere Lust stehen und fließen lässt, warum ich, wie ich Sex und Liebe unterscheide, die nichts miteinander zu tun haben, zumindest nicht in dem Moment, auf den es am Ende ankommt, sondern nur beim Vorspiel bemerkbar sein können auch Sex und Erotik unterscheide, was leider im alltäglichen Sprachgebrauch nicht der Fall ist, warum Erotik-Center meist die denkbar unerotischsten Orte sind, so professionell gut auch die dortigen Werktätigen ihrem Job nachgehen, da es dort bloß um Sex und seinen Vollzug und nicht um Erotik geht, wie Pornos eben keine erotischen Filme je sind oder wenn nur zufällig nebenbei.

Ob der Sex im erotischen Umfeld viel besser wird, als im rein sexuellen ist strittig. Finde die Erotik ein wunderbares Vorspiel, um die Spannung langsam zu schaffen, auf der die Erregung fußt, die guten Sex ausmacht. Aber es kann auch mal schneller, wilder Sex, der direkt zur Sache kommt, statt lange zu spielen in manchen Fällen passend und schön sein, wenn es allen Teilnehmern so gefällt. Nur sollten wir wie bei der Liebe auch die Erotik nicht mit dem Vollzug der Lust vermischen, bei der wir gerne auch ungehemmt, laut oder sonst ungewöhnlich uns verhalten dürfen, was zur Erotik eher weniger passte, sie schnell zerstörte und dem dabei natürlichen Egoismus einen unangenehm primitiven Beigeschmack gäbe.

Natürlich spielt im Idealfall alles ineinander und schafft so einen erotischen Raum, in dem die Lust sich natürlich vollzieht, doch ist selten wirklich alles ideal sondern passiert die Lust manchmal auch zufällig nebenbei und dann ist es gut, um Enttäuschungen zu vermeiden, die Welten voneinander zu trennen. Wenn die Liebste mit verzerrtem Gesicht auf mir reitet und sich zum Höhepunkt stöhnt, sieht das, auch mit großer Liebe gefilmt, nie erotisch aus, es ist halt Sex und den kannst du als solchen miteinander genießen, was wunderbar ist und Teil unserer Natur aber wer Erotik und Sex vermischt, läuft beständig Gefahr vom einen oder anderen frustriert zu sein und kann keines für sich genießen. Der Sex sei Sex, die Erotik sei Erotik, die Liebe sei Liebe, alles hat seinen Platz zu seiner Zeit. Beständige Vermischung führt nur zu emotionalem Chaos und Unfähigkeit in allem, weil nichts mehr ganz genossen wird, wie es ist.

Sagt mir eine Frau im erotischen Vorgeplänkel fick mich, ich bin so geil auf dich, stößt das eher ab, weil es zu weit geht, umgekehrt vermute ich ähnliches, sagt sie es beim Sex, heizt es die Stimmung noch an und hebt die Lust - ein ich liebe dich vor dem Orgasmus kann diesen eher ausbremsen und sollte sich darum gespart werden. Wo wir viehisch wild und geil übereinander herfallen, sollen wir auch so sein, wo wir uns voll erotischer Sinnlichkeit verehren, um uns zu begehren, wäre dieser Ton völlig fehl am Platz und so ist es mit den Worten wie mit den Berührungen, die immer der Situation angepasst sein sollen, nach meinem Gefühl, weil Frau nicht einen Sexknopf hat, sondern ein komplexes eng mit dem Geist verbundenes Organ, was in verschiedenen Situationen unterschiedliche Berührung und Intensität dabei verlangt, was mit dem simpleren männlichen Organ nicht vergleichar ist, warum so viele Männer immer nach dem einen Knopf bei Frau suchen und über diesen wilde Theorien aufstellen.

Es gibt diesen so wenig, wie das immer richtige Rezept zum guten Sex, der an ganz vielem hängt und eben sich auf die Situation sensibel einstellen muss, was Männer bei der Kommentierung von Fußballspielen häufig besser gelingt als beim Umgang mit den weiblichen Sexualorganen aber vielleicht hilft es ja, darüber zu reden, hier eine für beide erfreulichere Bewegung in Gang zu setzen. Das weibliche “Glied”, der nervus pudendus eben, liegt nach innen und so kommt es auch auf innere Harmonie im Ganzen an.

Dieser scheinbar mechanische letzte Punkt führt wieder zur Erotik und ihrer entscheidenden Bedeutung für schönen Sex, weil diese eben die Spannung aufbaut, die spätere Berührung wünschenswert erscheinen lässt und auch das manchmal der Natur nach etwas grobmototischere männliche Verhalten bei der Stimulation dann als genau richtig erscheinen lässt. So spricht auch aus männlicher Sicht sehr viel dafür, eine schöne erotische Spannung langsam aufzubauen, um mit seinen beschränkten Fähigkeiten dennoch etwas erreichen zu können, was beiden irgendwie Freude macht. Aber das alles ist natürlich ein weites Feld und wie gut kenne ich auch die vielen Frauen, die behaupten ganz anders als alle Frauen zu sein, dies oder das nie zu wollen, was sie dann nur insgeheim enttäuscht doch erwarten, wie inzwischen auch die Männer, die ohne ein sinnliches Vorspiel nicht mal mehr einen hoch kriegen und sich dafür so schämen, dass sich das Risiko von mal zu mal sogar potenziert und wie gut es tut, darüber wie über sich zu lachen, ist auch eine Frage der Liebe, die bekanntlich alles kann aber dazu im nächsten Essay über die Liebeswahrheit.

jens tuengerthal 4.8.20

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen