Freitag, 26. September 2025

Lektürentagebuch 26.9.25

Lektürentagebuch 26.9.25

Weiter geht es im Geisterfrühstück von
Wolf von Niebelschütz in den Divertimenti
Plaudereien über das Erzählen wie das
Vorlesen als Kunst der Unterhaltung

Er erzählt von den alten Erzählern die
Am Rande der schlesischen Wälder ihre
Geschichten zum besten gaben die wohl
Hätte jemand sie aufgeschrieben allerlei

Fehler zeigen würden auf die es dank 
Der Stimmung am Feuer nicht ankam
Wie er der Joseph Conrad bewunderte 
Selbst ein Geschichtenerzähler wurde 

Der sich zwischen seinen Figuren
Gelegentlich verliert weil diese sich 
Immer weiter noch entwickeln warum
Es dauert bis er sie aufschreiben kann

Er sieht sie nicht wie Balzac als nur
Holzfiguren am Bettrand die er wenn 
Eine stirbt einfach herunter stößt eher
Hat er Figuren der Comedia dell’arte

Immer hätte er sein Publikum im Blick
Das er über mindestens 600 Seiten in
Spannung dann halten will mit seinen 
Figuren die er am Feuer tanzen lässt

Vom Vorlesen beginnt mit dem Bericht
Des Fürsten von Ligne der nach Tacitus
Dessen Germanen auch hier liegen über
Das Sterben des Dichters Petronius erzählt

Dieser ließ sich zu Musik noch schönste
Verse zu Musik aufsagen was er doch
Viel mehr der Rede wert fände als der
Grausame von Turennes oder Seneca

Deren Schönheit fesselte ihn so sehr
Dass er in der Stunde des Abschieds
Weder von Unsterblichkeit der Seele
Noch die Maximen der Weisen brauchte 

Niebelschütz meint die Verse des Horaz
Klängen hohl weil wir ihre Melodie nicht
Mehr hören können wie er die Verse lobt 
Die als Liedtexte zu uns noch kamen 

Gute Poesie klingt für sich ob durch das
Versmaß bei dem der Takt mir fremd ist
Oder durch die Melodie der Stimmen die
Ihr Echo im Dichterkopf dann finden

Er erinnert an Wilhelm Müller der durch
Schuberts Vertonungen unsterblich wurde 
Doch trügen dessen Verse schon selbst
Die Melodie des Waldes hörbar in sich

Homers Blindheit lässt ihn auf dessen 
Feines Gehör für seine Verse schließen
Durch Barden überlieferten sich die Sagen 
Von Gudrun und den Nibelungen noch

Sagen wollen gesagt werden meint der
Autor wir heutigen hätten kein Gespür
Mehr für den Klang etwa von Goethes
Reineke Fuchs der gehört werden will

Der Fürst von Ligne erfahren wir liebte
Zerstreute Menschen aber sah darin
Noch etwas anderes als wir er sah die
Tiefe ihrer Gedanken die er schätzte

Geistesgegenwart dagegen fand er dumm
Geradezu bösartig schien sie ihm können
Die Jahre seit dem Tod des einst großen 
Österreichischen Feldmarschalls genügen

Uns ihm verachtenswert erscheinen zu
Lassen denn sicher hätte er wohl alle
Verachtet die statt Homer beliebige
Schundromane nur lesen wie so viele

Jeder zerstreut sich auf seine Weise
Wie die meisten sich heute von Netflix
Zerstreuen lassen statt gute Verse noch
Zu lesen lieber bildlich berieselt werden

Ob die Kultur darum heute verdorben sei
Wie Niebelschütz meint oder sich nur das
Niveau demokratisch senkte und damit
Die Mehrheit Ungebildeter alles dominiert 

Könnte an dieser Stelle gestritten werden
Schon immer las nur eine kleine Minderheit
Die Masse konsumierte Druckwerke oder
Heute eben Filme mit wenig Niveau warum 

Der Streit wohl müßig ist und jede die bis
Hierhin diese Verse las ist schon ein
Beispiel für das Gegenteil warum mir der
Kulturpessimismus immer fragwürdig war

Nun nörgelt Niebelschütz noch etwas über
Dutzende Dutzendbücher die uns die Zeit
Vertreiben und sie doch nur rauben wo
Wir Goethes Diwan lesen könnten 

Das Vorlesen sei eine gute Schule des
Geschmacks die hören ließe was auch
Gehört noch wertvoll scheint dabei fielen 
Die meisten Bücher heute wohl durch

Es höbe den Leser aus dem Rückzug
Auf ein höheres Niveau als nur mit sich
Dieser würde zum Schauspieler dann
Der vom Zuhörer bewertet wird

Über Jourbet den großen Moralisten
Kommt er auf die Athener die Geist 
Wie Gehör kunstvoll ausbildeten und 
Schlechte Verse nie ertragen hätten 

Die These Musik sei die Mutter des
Wortes darum Klang sein Ausdruck
Dessen aufschreiben wie die Notation
Nur der Rahmen des Klang ist gewagt

Ob alles der Melodie stets folgt was
Den Gedanken davon gelöst ignoriert
Jeden Vers als Gebet um Musik sieht
Scheint mir verhallende Illusion hier

Literatur ist was bleibt wenn alle Musik
Verklungen und kann im Geist Stellen
Berühren die keine Melodie erreicht
Weil sie uns selbständig denken lässt

Widerspreche Niebelschütz hier also
Ganz entschieden weil er damit auch
Die Freiheit des Geistes an flüchtige 
Klänge nur hängt was zu wenig ist

Vorlesen nennt er etwas schlichtes 
Wie zugleich die Essenz des Lesens
Was in sich widersprüchlich bleibt so
Sei Vorlesen der Weg zur Vollkommenheit

Finde diese These sehr gewagt besuche
Selten Lesungen finde sie eher störend
Um mir meine Gedanken zu machen zum
Gelesenen wovon es eher ablenkt

War immer gerne ein Vorleser als Vater
Wwie als Liebster aber warum dies mehr
Wert sei als stille Lektüre die viel tiefere Gedanken ermöglicht bleibt unklar

Halte den großen Vorlese Zirkus eher
Für ein Marketing der Verlage für ein
Auf Events versessenes Publikum das
Das besser mehr für sich lesen sollte

Doch wie Niebelschütz so treffend hier
Vorher schon anmerkte der Garten der
Kultur ist bunt und vielfältig es gibt für 
Jede Art einen Platz bestes zu tun


Das vierte Kapitel in Lázár war wieder
Eine kurze vielfältige Freude die mit
Der Feststellung begann dass es kein
Bild oder Foto von Imre irgendwo gab 

Der verrückte Bruder des Schlossherren
Sándor wurde wie ein dunkles Geheimnis
Der Familie lieber versteckt oder sogar
Wenn Gäste kamen eingeschlossen 

Dies nicht weil er nicht edel genug aussah
Was er mehr als sein Bruder sicher tat 
Sondern um das Dunkle lieber gut zu
Verbergen damit es keiner bemerkte 

Manchmal träumte Maria die Baronin
Noch davon dass sie auf Sándor der
Nackt auf allen Vieren mit einem Sattel
Zu Imre in den Westflügel reiten würde

Dort würde sie dann ihren Mann als
Guten Gaul an den Bettpfosten binden 
Damit er zusehen könnte wie sie und
Imre sich mit wilder Lust liebten

Tatsächlich hatte sie nie mehr als ein
Paar Worte mit ihm gewechselt ihre
Zimmer im Osten und Westen lagen
Zu weit auseinander sie trafen sich nie

Solange der kleine Lajos noch nicht
Ordentlich essen konnte musste er
In einem anderen Salon mit Imre wie
Dem Kindermädchen seinen Brei essen

Er liebte den Onkel Imre der ihm stets
Geschichten von Waldgeistern erzählte
Ihm etwas gutes im den Grießbrei legte
Wenn das Kindermädchen weg sah 

Der kleine Lajos hatte schon überlegt
Wofür er bestraft wurde dass er diesen
Gräßlichen Grießbrei dreimal am Tag
Essen musste was als gesund galt 

Ilona dagegen durfte mit den Eltern
An der Tafel mit den 24 Wappenstühlen
Essen und sie hasste es und beneidete Laios der sein Glück noch genoss

Dann musste er auch an die große Tafel
Immer voller Angst eines der schweren
Stücke des Silberbestecks fallen zu lassen
Worauf ihn der Vater nebenan prügelte

Sehr aufmerksam und fein aber auch die
Sexuellen Abgründe und Leidenschaften
Nicht verschweigend wird hier erzählt
Wie parallele Welten dort existierten 

Die Angst vor dem prügelnden Vater 
Kannte die Generation meines eigenen
Vaters auch noch dessen vermutlicher
Erzeuger vier Jahre jünger als Laios war

In meiner Kindheit in den Siebzigern war
Diese Gewalt schon tabu es passierte
Nur gelegentlich dass ihnen mal die
Hand ausrutschte was ihnen leid tat

Wie systematisch Sandor seinen wohl
Psychisch erkrankten Bruder isolierte
Entsprach dem Geist der Zeit wohl
Wie dem Standesdünkel noch mehr 

Nicht weniger auffällig aber sind die
Dem entgegengesetzten Gelüste der
Baronin die ihren Mann nur erträgt es
Mehr zum edlen schönen Imre zieht

Biedermann versteht es seine Leser mit
Kleinen Andeutungen zu fesseln in denen 
Immer wieder auch literarische Gestalten
Auftauchen als Zeugen des Charakters

So wird die große Familiengeschichte
Durch den literarischen Rahmen auch
Wenn teilweise fast phantastisch schon 
Beglaubigt als etwas größeres noch

Dies schwankt zwischen Komödie
Drama und Sittengeschichte deren
Flaneure wir als Leser sein dürfen
Und ist dabei wundervoll erzählt

jens tuengerthal 26.9.25

Versmaß

Versmaß

Versmaß beschrieb früher
Ein heben und senken
Der Silben im Vers
Sie heißen
Jambus Trochäus Anapäst
Nicht zu vergessen Daktylus
Sie sind wie sie klingen
Zwei oder dreihebig was
Sprache Rhythmus geben soll
Dabei ist Klang wichtiger als
Inhalt noch werden kann
Macht euch einen Reim darauf
Damit ich dann gleich weglauf
Solange breche ich lieber
Prosa um Gedanken
Im Umbruch zu wecken
Dichter kommt Dichtung nie 

jens tuengerthal 26.9.25

Sein

Sein

Sein ist
Mehr nicht
Braucht weder
Sinn noch Glaube
Auch Glück gehört
Eher zufällig dazu 
Es beginnt mit der
Geburt und endet
Mit dem Tod
Das ist alles
Was ich daraus mache
Ist meine Sache allein

jens tuengerthal 26.9.25

Dichterliebe

Dichterliebe

Dichter lieben in
Versen dichter am Gefühl
Als in Wirklichkeit 

Schreiben was es ist
Ohne zu wissen wem wird 
Alles austauschbar

jens tuengerthal 26.9.25

Dichterleben

Dichterleben

Dichter leben für
Dichtung meist ohne Mittel
Davon zu leben

jens tuengerthal 26.9.25

Dichtung

Dichtung

Dichtung verdichtet
Sprache zu Versen ohne
Anfang und Ende

jens tuengerthal 26.9.25

Lektürentagebuch 25.9.25

Lektürentagebuch 25.9.25

Weitere Kapitel voller Begeisterung in
Lázár von Nelio Biedermann gelesen
Tiefer in die Geschichte voller Lust im
Abgelegenen Waldschlösschen getaucht 

Am Tag der Heiligen Drei Könige wurde
Lajos von Lázár geboren dem 6. Januar
Des Jahres 1900 und am Rand vom Wald
Lag noch der alte Schnee von gestern

Der noch aus dem gerade verendeten
Jahrhundert stammte wie das Kind mit
Den wasserblauen Augen und der dabei
Durchsichtigen Haut das so fremd aussah

Bis über seinen Tod hinaus sollte es den
Mann den es heute zum ersten Mal sah 
Sándor von Lázár für seinen Vater halten das so hässlich war dass seine Schwester

Als das Kindermädchen sie hineinführte
Ihrem Vater auf Hose und Schuhe kotzte
Warum sich der Baron umziehen musste
Bevor er mit der Tochter allein an der

Großen Tafel die Platz für 20 Gäste bot 
Vom Herend Porzellan essen konnte wie
Der Autor fein die Stimmung im Schloss
Wie der Familie spiegelt wo vieles noch

Unausgesprochen blieb wie auch die Wut
Des Vaters stillschweigend übergangen 
Während die Ahnen von der Wand aus
Dem schweigsamen Mahl zusahen

Erst bei der Zigarre nach dem Essen
Hatte der Vater Zeit zum nachdenken
Überlegt einen winzigen Moment das
Durchsichtige Kind dezent zu töten

Damit er ungestört sein Leben zwischen
Siegelring und Taschenuhr fortsetzen
Konnte wie er es gewohnt war das am
Morgen bei Sonnenaufgang begann

Ein frischer Vater der seinen Sohn
Einen Moment zu töten überlegt um
Sein Leben ohne das Kuckuckskind 
Ungestört fortsetzen zu können

Wenn er aufstand öffnete er die Vorhänge
Um so auch seine Frau zu wecken weil er
Langschläferei nicht ausstehen konnte
Ging ins Bad und rasierte sich bis auf

Den kräftigen Schnurrbart den er mit
Olivenöl bestrich und die Leser sehen
Den ungarischen Baron dabei vor sich
Kleidete sich dann vor seiner Frau an

So ist sein Leben eine empörte stete
Aufforderung es ihm nachzutun dem
Pflichtbewusst korrekten der seiner
Täglichen Pflicht schon vorauseilte 

Maria verließ ihr Bett erst wenn seine
Schritte im Flur verhallten auch sie nahm
Im Bad das Rasiermesser um sich damit
Zu ritzen auf fein dezente Art am Arm 

Das unsichtbare Muster der Narben war
Nie jemandem aufgefallen als dem Knecht
Der ihr auf ihren Schimmel half wobei der
Ärmel ihre Bluse ein wenig hoch rutschte

In Páls wasserblauen Augen hatte sie
Sofort die Frage gesehen die nach dem
Arm greifen wollte aber dann doch nur 
Fragte wieso tun sie das Frau Baronin

Sie sah ihn bei ihrer Antwort so mitleidig
An als hätte er diese Narben und sagte
Damit ich weiß dass ich noch lebe was 
Ein Satz von unglaublicher Tiefe ist

Denke an die Liebsten bei denen ich
Diese Narben noch ahnungslos sah
Die ich natürlich retten wollte was 
Selten als solche erfolgreich war

Als er ihr am Abend nach dem langen
Ausritt aus dem Sattel half sah sie
Erstmals seinen traurigen Blick und
War ihm in den Stall gefolgt 

Neun Monate später kam Lajos das Kind
Mit himmelblauen Augen zu durchsichtiger
Haut was als letzter Satz des ersten
Kapitels auf feine Art nachhallt

Es vergingen dann noch zweieinhalb
Jahre bis der Baron den Jungen mustert
Wie seiner Frau die Frage stellt die seit
Der Geburt des Kindes im Raume lag

Doch Maria die Baronin war vorbereitet
Hatte Lügen geübt in allem und als die
Frage endlich kam fiel es ihr ganz leicht
Alles auf einen Vorfahren zu schieben

Zwar kamen dem Vater die Augen 
Irgendwie bekannt vor aber da Pál
Einige Wochen nach der Geburt an
Einem Huftritt starb blieb es dabei

Die Art wie all diese Ereignisse fein
Beschrieben werden erinnert sehr an 
Sándor Marai auch wie er mit den 
Großen Geheimnissen der Familie spielt 

Als der Vater des Baron eines Tages
Auf der Jagd im Wald verschwand und
Statt diesem ein Hirsch kam der vor dem Klavierzimmer tot zusammenbrach 

Wird schon ein magisches Bild gemalt
Das diesen großen Wald beschreibt
In dem das Waldschlösschen steht
Der eine so wichtige Rolle spielt

Wie der Wald seinen Vater verschluckte
Die Mutter tötete und seinen Bruder
Verrückt werden ließ auf dessen Nachtisch
Er E.T.A. Hoffmans Nachtstücke liegen sah 

Im dritten Kapitel nun erfahren wir wie
Imre der Bruder die Nachtsstücke las 
Mit dem Sandmann beginnend nicht
Aufhören kann und die Romantik ihn 

Völlig in den Bann zieht bis Imre der
Nach dem Verschwinden des Vaters
Herr des Hauses war nur noch völlig
Überspannte Selbstgespräche führt

Wie der Bruder dann in ein Sanatorium
In die Schweiz kommt von wo er mit
Einer Geschlechtskrankheit und gelben
Augen zurückkehrt ohne geheilt zu sein

Nun übernimmt Sándor dessen Rolle
Während dieser in einem blauen Zimmer
Im Westflügel hauste und täglich durch
Die Fenster in den dunklen Wald starrte

Ihren Wald den sie bewirtschafteten
Indem Vater und Mutter verschwanden 
Indem Imre Geister sah die aus den 
Nachtstücken entflogen waren

Lese es und freue mich wie fein diese
Leicht magische Geschichte erzählt wird
Werde Hoffmann wieder lesen denke ich
Die Ausgabe vom Bouquinisten in Paris

Die ich mit der schönen Liebsten fand
Der ich mich offiziell versprochen hatte
Die dort in einem Schlösschen lebte
Auch psychische Grenzgängerin war

An Grimms Märchen hatte sich Imre
Beim Sandmann noch erinnert gefühlt
Die sein Wiener Kindermädchen erzählte 
Bis die Geister seinen ganz ergriffen

Das ist ein großartig magisches Erzählen
Was die Literatur in die Literatur legt
Mit dem Geist der Romantik spielt
Der wenig für die Landwirtschaft taugt

Es scheint als könnte es wieder eine
Lust an dieser Magie des Erzählens 
Geben die einen wie ein Sog packt 
Alle Grenzen dabei überschreitet

jens tuengerthal 25.9.25

Donnerstag, 25. September 2025

Diwanblick

Diwanblick

Schaue ich vom Diwan geradeaus
Sehe ich die beiden Bilder von
Kant und Diderot vor mir die beide
Von einmal Liebsten geschenkt

Seltsam genug waren die beiden
Deutlich jünger als ich erfassten
Damit meinen geistigen Kosmos
Ganz auch wenn sie irgendwie

Aus anderen Kulturen stammten
Was die Frage stellt wer wirklich
Nah kommt wer Träume fühlt
Um so geistige Welten zu teilen

Beide sind längst Geschichte doch
Der Blick vom Diwan blieb mir so
Leben sie um mich weiter wie der
Geist der Aufklärung hier wohnt 

Irgendwann ist alles nur noch Geschichte
Was dennoch bleibt ist was vielleicht zählt
Lebe mit hunderten Erinnerungen hier
Im Museum meines Lebens zusammen

Manche teilten eher nur den Diwan
Anderen flogen mit mir zusammen
Durch geistige Universen und einige
Hinterließen bleibende Spuren hier

jens tuengerthal 25.6.25

Nie ’man’

Nie ’man’

Liebe die Frauen und verehre sie
Darum käme ich nie auf die Idee 
Frau Mann zu nennen und finde
Die Subsumierung unter ‘man’
Eine billige Ausrede sich vor der
Persönlichen sprachlichen Verantwortung
Drücken zu wollen die ins scheinbar
Unpersönliche flüchtet aber real
Alle Menschen unter Mann stellt
Wenige nur erkennen das Problem
Weil es üblich ist so zu reden 
Finde es immer schmerzhaft
Auch weil es Frau nicht gerecht wird
Eine überkommene Ungleichheit
Sprachlich feige fortsetzt weil es
Für die Allgemeinheit spricht die
Damit unter Mann fallen soll
Sofern sie unbedacht ‘man’ nutzen
Habe aber wenig Hoffnung dass
Diese Gewohnheit korrigiert wird
Wollte es nur mal sagen
Vielleicht liest es ja eine 
Und versteht mich was
Zugegeben unwahrscheinlich ist

jens tuengerthal 25.9.25

Liebesdauer

Liebesdauer

Dauerhaft glücklich
Machte Bücherliebe mich
Bleibe nun dabei

jens tuengerthal 25.7.25

Zufriedenheiter

Zufriedenheiter

Zufrieden heiter
Leben macht glücklicher als
Haben wollen je

jens tuengerthal 25.9.25

Teemittel

Teemittel

Tee ist das beste
Mittel gegen alles was
Für genauso wirkt

jens tuengerthal 25.9.25

Geburtstagsliebe

Geburtstagsliebe

Geburtstage sind etwas wunderbares
Auch wenn meiner erst Montag ist
Kann nicht früh genug mit der Vorfreude
Zumindest bei mir begonnen werden

Ob sich sonst noch jemand für diesen
Außergewöhnlichen Tag interessiert ist
Eher ungewiss was auch nicht zählt
Solange ich es zu genießen weiß

Wie alle Jahre wieder schenke ich mir
Bücher die mich glücklich machen und
Nichts im Leben hat mich so zuverlässig
Glücklich gemacht wie Bücher immer

Gestern oder eigentlich vor zwei Wochen
Begann die Vorbereitung mit der Bestellung
Der ausgewählten Bände die bis heute
Schließlich ankamen manches ist Zufall

Der Entschluss mit dem Fahrrad gestern
Nach Charlottenburg zu radeln war allein
Dem guten Wetter geschuldet wie der Plan
Das Café im Literaturhaus danach noch

Besuchen zu gehen mit dem Buchladen
Alter Gewohnheit entsprach die leider
An der Realität der Baustelle scheiterte
So beschloss ich zum Trost auf dem

Rückweg doch Dussmann zu besuchen
Eigentlich nur um den Rilke Band mit
Dessen Zeichnungen zu betrachten der
Aber schon vom Format her nicht gefiel

Habe ohnehin ein wenig das Gefühl das
Rilke den mein Vater so liebe völlig
Überschätzt wird auch seit Schröder
Seine Verse zitierte ist er eher peinlich

Dort stieß ich dann auf das zauberhafte
Geisterfrühstück von Wolf v. Niebelschütz
Aus der geliebten Anderen Bibliothek
In dem ich mich seltsam gleich festlas

Dann stolperte ich beim Blick auf die
Literarischen Biographien dort noch
Über einen schönen Gedichtband von
Mascha Kaléko der schöner lächelte

Als die etwas grimmigen Biografien von
Rilke die daneben lagen wie du ohnehin
Mit Mascha die Franz Hessel für den
Verlag entdeckte immer richtig liegst 

Mit diesen beiden die ich mangels noch
Anderer Taschen dann auf dem Rad in der
Bauchtasche meines Hoodies verstaute
Ging es erfüllt zurück auf den Berg 

Im Briefkasten dort das nächste Glück
Ein kleines Paket mit einem schon fast
Vergessenen Band über Franz Hessel mit
Dem Titel Nur was uns anschaut sehen wir

Der Katalog zu einer Ausstellung in dem
Vorhin geschlossenen Literaturhaus in der
Fasanenstraße vom September 1998 also
Vor nunmehr ganzen 27 Jahren was ja

Wie Freunde der Mathematik und Magie
Sofort erkennen drei hoch drei oder auch
Drei mal drei mal drei ist womit ich nun mit
Drei neuen Büchern Montag entgegen sah

Das war zu jener zauberhaften Zeit als
Dieses Literaturhaus noch ein Ort für gute
Literatur im schönen Garten ohne die
Unerträglich russische Besatzung war 

Über die weibliche Führung des Hauses
Schweige ich als Gentleman lieber weil
Es missverstehen werden könnte und
Verneige mich höflich von Ferne

Schrieb noch die halbe Nacht also
Bis gegen zwei Uhr zumindest über
Den Ausflug mit Bildern und bis diese
Verteilt und eine letzte Runde gedreht

Um den Helmholtzplatz und dann der
Diwan ins Bett zur Nacht verwandelt
War es schon halb vier Zeit also noch
Ein Stündchen Niebelschütz zu lesen

Darüber selig eingeschlafen kam heute
Zu erstaunlich früher Stunde die Post
Welche sich modisch DHL nun nennt 
Die früher frühestens zum Tee kam

Sie brachte noch den vor Wochen bereits
Bestellten aber lange nicht lieferbaren 
Roman Lázár von Nelio Biedermann in
Dessen ersten Kapitel ich gleich versank

Was mit einer Geburt beginnt und eine
Lange leere Tafel im Gutshaus mit dem
Feinen Herend Porzellan beschrieb war
Dem damit aufgewachsenen vertraut

Die literarische Beschreibung der so
Außergewöhnlich zarten Schönheit
Der Malerei auf diesem Porzellan war
So familiär vertraut wie wunderbar

Immer an Weihnachten gibt es bei uns
Zum großen Familienessen die Suppe
Aus den grünen Herend Tassen soweit
Diese reichten der Rest bekam Meißen

Wie die Tochter dem Vater mit dem sie
Allein an der langen Tafel sitzt die noch
Für Zwanzig Personen gedacht ist die
Unterhaltung ohne die Mutter fehlt welche

Noch das Wochenbett hütet ist wunderbar 
Fein gesehen genau wie sie ihm zuvor
Auf die braunen Schuhe und die karierte 
Hose gekotzt hatte nach dem Anblick

Des durchsichtigen Bruders und so
Rutsche ich bei der Liebeserklärung
An die neuen Bände in denen allen ich
Schon etwas gestern und heute las 

Ins Lektürentagebuch hinein was aber
Auch nichts macht weil in der Liebe
Ohnehin alles eins wird es also passt
Zur großen Geburtstagsliebe voller

Vorfreude auf Montag den ich natürlich
Alleine lesend verbringen werde weil
Nichts mit vier neuen Geliebten für den
Literaten aus Leidenschaft schöner wäre

Lustvoller Lesegenuss mit ganz  tiefer 
Inniger Zuneigung die Liebe zu nennen 
Wenig übertrieben ausnahmsweise scheint
Steht mir bevor ich bin also im Paradies 

Dies alles schon vier Tage vorher mit also
Genug Geliebten ganz nah wird alles gut
Denke ich dankbar und Apfelkuchen gibt
Es fein gedeckt bei Lidl im Kühlregal 

jens tuengerthal 25.9.25

Charlottenglück

Charlottenglück

Bei schönstem Sonnenschein heute
Vom Helmholtzplatz nach Charlottenburg
Geradelt nach dem langen Weg durch 
Mitte den schönen Tiergarten durchquert

Nach dem Charlottenburger Tor zum 
Einsteinufer abgebogen am Landwehrkanal
Entlang bis er in die Spree fließt und dieser 
Bis zum Schloss Charlottenburg gefolgt

Das zauberhafte Schloss und den Garten
Begrüßt aber erstmal gegenüber in den
Östlichen der beiden Stülerbauten ins 
Museum Scharf-Gerstenberg gegangen

Bei danach immer noch schönstem 
Sonnenschein eine Runde durch den
Park geradelt bis zur Brücke mit dem
Allerschönsten Schlossblick dort

Dann zu dem ursprünglich noch
Dem Ort namensgebenden Lietzensee
Diesen ganz verzaubert umrundet
Weiter zum Stuttgarter Platz geradelt

All der verlorenen Lieben dort tief im
Westen liebevoll gedacht und erinnert
Wie schön ist es doch auch liebevoll
Zärtliche Erinnerungen dort zu haben

Unter der S-Bahn am dort Bahnhof
Durch und auf der anderen Seite die
Mommsenstraße hinunter bis sie endet
Noch ein wenig dem Kudamm gefolgt 

Dieser Teil ist für Radler kein Vergnügen
Wie die City West noch Autofahrerstadt 
Geblieben ist um das so zauberhafte 
Café im Literaturhaus wie dort auch

Garten und Buchladen zu besuchen
Doch zu meiner großen Enttäuschung
War es eine einzige Baustelle warum 
Der Flaneur Richtung Zoo radelte

Dieses Tier Gefängnis lieber ignorierend
Radelte ich am Schleusenkrug vorbei
Wieder zum Landwehrkanal und folgte
Diesem auf der Tiergarten Seite nun

Nach kurzer sonniger Bankpause ging es
Weiter durch den ganzen Tiergarten bis
Zum Brandenburger Tor am Adlon vorbei
Kurz zu Dussmann wie natürlich nicht

Ohne Bücher wieder hinaus und weiter
Die Friedrichstraße hinunter dann über
Oranienburger und Linienstraße bis zur
Ackerstraße und Anklamer den Berg hoch

Die Kastanienallee ab Schwedterstraße
Hinunter war ich nach Überquerung der
Schönhauser Allee auf der Pappelallee
Die direkt zum Helmi mich heim führte

Sehr lustig war die Schulklasse die ich
In der Friedrichstraße dank mehrerer
Ampeln länger beobachten durfte die
Sichtbar noch etwas großes vorhatte

Die Knaben liefen sich kabbelnd
Meist in Trainingshose und Trikot
Gekleidet vorneweg während die
Jungen Damen diese Rolle spielten

Ziemlich aufgebrezelt mit knappen
Minis die gerade den Po bedeckten
Teilweise mit ordentlich Absätzen und
Professionell wirkendem Hüftschwung

Ob diese jungen Damen wo auch immer
Der Trupp hin marschierte ich fürchte es
Düfte der Friedrichstadt Palast werden
Anderes beabsichtigten als die Herren

Ist so ungewiss wie ihre Herkunft die
Vermutlich provinziell war aber das
Könnte täuschen tragen heute doch 
Auch Berliner diese Nichtkleidung

Die Ungleichzeitigkeit der sexuellen
Wie geistigen Entwicklung war selten
So deutlich wie bei diesem Trupp
Was immer sie aneinander finden

Charlottenburg ist wirklich immer
Eine Reise wert aus dem grauen
Osten der Stadt dachte ich wieder
Ist halt irgendwie Zone noch hier

Natürlich ist längst alles bunt auch
Hier im wilden Osten angemalt aber
Das leberwurstgrau bleibt doch im
Gemüt noch irgendwo dachte ich

Die eher langsame Fahrweise meines
Behäbigen Rad passt zum Flaneur
Der innerlich auf den Spuren von
Franz Hessel den Westen genoss

Prenzlauer Berg ist ganz schön hat
An den Plätzen Ecken die an Paris
Schon erinnern können aber es ist
Künstliche Fassade der vieles fehlt 

Im Westen ist die Struktur gewachsen
Finden sich alle Generationen noch
Ist das Leben natürlich lebendig
Hierher kommt die Provinz zur Party

jens tuengerthal 24.9.25