Mittwoch, 1. Juli 2026

Lektürentagebuch 30.6.26

Lektürentagebuch 30.6.26

Vier wunderschöne alte Bände aus
Der Insel Bibliothek sind nach langer
Reise aus der Ferne voller Liebe aus 
Einer aufgelösten Bibliothek im Süden

Zu mir gekommen und haben hier 
Ihren Platz gefunden begonnen mit
Dem schon vertrauten Essay von
Michel de Montaigne über die

Freundschaft das besonders seine
Mit Estienne de La Boëtie betrifft
Indem er über gewählte Nähe und
Die erzwungene Liebe nachdenkt

Mit natürlich zahlreichen Zitaten 
Die hier in den Anmerkungen sogar
Anders als bei Montaigne selbst
Benannt und übersetzt werden

Wer hat heute schon noch die
Belesenheit eines Montaigne 
Wie seine Kenntnisse im Latein 
Das bei mir eher sporadisch blieb 

Ein wunderbarer Einstieg der über
Die Freundschaft und die Liebe noch
Nachdenken lässt wobei Montaigne
Die zu Frauen dabei unterscheidet

Was mich nachdenken lässt der diese
Bände von einer klugen sehr nahen
Geheimen Geliebten erhielt die aber
Auch geistig tief verbunden ist 

Würde ich das wirklich unterscheiden
Hat es Montaigne nicht selbst mit
Seiner späten sehr jungen Geliebten
Maria de Gournay anders gelebt 

Sie die Frau zur Wächterin seiner
Ausgaben gemacht die seinem Geist
Treu blieb in ihrem langen Leben auch
Wenn ihr wohl sein Humor fehlte

Kann es nicht entscheiden und muss
Zum Glück keine Wahl treffen sondern
Freue mich an vielfältiger Nähe auch
Zu so klugen wie schönen Frauen

Er hinterfragt die Liebe in der Familie
Die ein natürlicher Zwang wäre der
Keine Verbindung schafft nur weil
Zwei aus dem selben Loch krochen 

Montaigne spricht auch Dinge an 
Die wir gewohnt sonst hinnehmen
Was lohnend und klug ist weil er
Die Gewohnheit dabei hinterfragt

Die Sonette aus dem Portugiesischen
Von Elizabeth Barrett-Browning in der
Übersetzung von Rainer Maria Rilke 
Sind der nächste wunderbare Schatz

Dieser lange so kranke Engländerin
Die in der ersten Hälfte noch des 19.
Jahrhundert lebte hat Rilke zart erfühlt
Wer hält sie so der Tod oder die Liebe

Fragt sie am Ende und wieder klang
Es dabei sanft und nah nach lichtlos
Vielen Jahren sie durch ihr Weinen 
Leise die süßen Jahre nun sieht

Wunderschön und aus sich selbst
Ganz tief in mir nachklingend darf
Diese große Dichtung ganz für sich
Als große stehen sowohl als auch

Der Lebenslauf des heiligen
Wonnebald Pück ist eine ganz
Wunderbare Satire von Ricarda Huch
Über den Bischof und seine Geliebten

Wie die sich daraus ergebenden 
Verwicklungen bis zur schließlich
Heiligsprechung des lustvollen
Kirchenmanners der ein übler Sünder

Immer war und es beginnt diese
Satirische Biographie über den 
Sündigen Heiligen fast lyrisch wenn
Lux Berkule über die Berge geht

Auf denen der Schnee noch nicht
Geschmolzen war gen Klus zu ihrem
Uralten Schwiegervater dem dort
Mäusescherer und Maulwurfsfänger

Nachdem ihr Mann der Hofjäger war
Von einem Wilderer getötet wurde 
Sie mit ihren Kindern Obdach wie
Sicherheit beim Unbekannten sucht

Hier kritisiert die Protestantin Huch
Die katholische Kirche humorvoll in 
Einer erdachten Kirchenprovinz was
Kluge schöne Lektüre verspricht

Glücklich dankbar macht auch dieser
Mit Liebe ausgewählte Band der hier 
Ein Heim voller Bücherliebe fand
Freue mich auf mehr Lektüre

Dieser Band ein ganz früher noch
Der Insel Bücherei ist Nummer 58
Eine vielfältig schöne Freude von
Doppelt klugen Frauen erschien 1916

Ein Buch aus dem Weltkrieg dem
Todesjahr meines sehr belesenen
Urgroßvaters vor Verdun in dem
Der Großvater nach Lichterfelde kam 

In zartem grün kommen nun noch
Die Augen des ewigen Bruders von
Stefan Zweig die 1922 erschien also 
Auch zu den frühen Bänden gehört

Die Legende vom frommen Sucher
Virata der unwissentlich in der 
Schlacht seinen eigenen Bruder tötete
Gehört zu den unbekannteren Werken

Des großen Stefan Zweig so wird 
Virata sein Leben lang von den Augen
Des Getöteten verfolgt bis er erkennt
Das Erfüllung nur ein gottgefälliges

Leben ihm schenken kann was schon
Den Atheisten genug abschrecken
Könnte auch wenn es zu den tiefsten
Fragen des Menschseins führen soll

Diese zu beantworten bin ich selbst
Manch verwirrende Wege gegangen
Freimaurern Theosophen Druiden
Rosenkreuzern zeitweise gefolgt 

Lieber ohne allen Hokuspokus am
Ende bei der Philosophie geblieben
Die dem Geist genug Freiheit gibt
Zu meinen in der Liebe zu wählen

Der Vergleich den andere Autoren
Dabei zu Hesses Siddhartha ziehen
Würde die Abschreckung noch weiter
Verstärken vor sicheren Antworten 

Doch da ich Zweig als klugen Autor 
Schätze der fein zu erzählen weiß 
Freue ich mich auch auf die Lektüre
Dieses Bandes aus dem Jahr 1922

Noch lange vor dem Grauen des 
Nächsten Krieges und dem Holocaust
Zwanzig Jahre vor dem Freitod des in
Wien geborenen Zweig in Brasilien

So bin ich glücklich voller Freude
Über vier neue Bände die mich
Überraschend von Süden her 
Erreichten und dankbar darüber

Gerne so den Flüchtlingen aus
Einer aufgelösten Bibliothek nahe 
Dem Meer hier Asyl gewährt mit
Liebe werde ich sie genießen 

jens tuengerthal 30.6.26

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