Freitag, 13. Januar 2017

Gretasophie 008a

008a Heimatfamilie

Was ist die Heimat der Familie oder ist diese selbst Heimat?

Zwei Fragen in einer und noch dazu ein sehr komplexes Thema, auf das ich eigentlich keine Antwort habe und bei dem ich mir nicht mal sicher bin, ob ich überhaupt etwas davon verstehe, auch wenn ich es mir immer gewünscht habe als Kind, eine Heimat zu haben, während ich so oft umzog und nur Familie als Heimat kennenlernte.

Nach Wiki ist Heimat ein ziemlich weites Feld:

“Der Begriff Heimat verweist zumeist auf eine Beziehung zwischen Mensch und Raum. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird er auf den Ort angewendet, in den ein Mensch hineingeboren wird und in dem die frühesten Sozialisationserlebnisse stattfinden, die zunächst Identität, Charakter, Mentalität, Einstellungen und Weltauffassungen prägen. Der Begriff „Heimat“ steht in einer speziellen Beziehung zum Begriff der „Siedlung“; dieser bezieht sich, und damit im Gegensatz zum Wohnplatz, in der Regel auf eine sesshafte Lebensform, d. h. auf ein dauerhaftes bzw. langfristiges Sich-Niederlassen und Wohnen an einem Ort bzw. in einer Region. Der Heimatbegriff befindet sich in ständiger Diskussion.”

Wenn ich gefragt werde, was meine Heimat ist, komme ich immer etwas ins Schwimmen, weil ich nicht sagen kann, was alle sagen, habe nicht einen Ort sondern viele und weiß nicht wo. Geboren bin ich in Bremen, gelebt habe ich dort nur mein erstes Jahr - ganz nah der Weser, am Osterdeich, in dem Haus, in dem schon mein Großvater aufwuchs und an das ich nahezu keine Erinnerungen mehr habe. Laufen gelernt habe ich angeblich am Richard, wie der Platz in der Straße meiner Großeltern mütterlicherseits hieß. Dort war ich aber später noch häufiger, warum sich ganz frühe mit späteren Erinnerungen mischen.

Zu Bremen hab ich ein heimatliches Gefühl, ich mag die Bremer, die Art, wie sie schnacken und ihre Traditionen - von der Eiswette bis zum Bürgerpark und der Schaffermahlzeit. Vieles davon habe ich durch meine Großeltern noch kennengelernt, deren Geburtstage im Schütting oder besser unter ihm, im Club zu Bremen oder im Parkhotel gefeiert wurde, wo meine Mutter wohl auch arbeitete, bis sie mit mir schwanger war. Es sind kleine hanseatische Kreise und seltsam blind fand ich mich immer in Bremen zurecht, ohne zu wissen warum - nicht nur von der Sögestraße zum Schnoor, auch andere Wege fand ich intuitiv, wenn ich mal da war, ohne zu wissen warum.

Der letzte Besuch in Bremen war die Beerdigung meiner Großmutter. Es ist eigentlich damit gestorben für mich und dennoch, wenn ich jemanden bremisch reden höre, oder Werder Fans sehe, fühle ich eine tiefe Verbundenheit zu der alten Hansestadt, ihren hanseatischen Gewohnheiten und rieche wieder das Frühstück bei meiner Großmutter mit frischen Kaiserwecken vom Bäcker gegenüber oder höre die Großmutter am Flügel spielen, sehe das Focke-Museum vor mir, in dem auch so viele Familiengeschichten standen und manche Möbel von den Freundinnen meiner Großmutter, die stundenlang davon erzählen konnte. Denke ich daran, breitet sich ein warmes, wohliges und heimatliches Gefühl in mir aus, sehe ich Bilder von Bremen, in dem ich erwachsen nie lebte, von dem ich, außer als Enkel, nichts weiß, außer den aktuellen Tabellenstand von Werder vielleicht, fühle ich, was andere Heimat nennen.

Mit einem Jahr zog ich nach Frankfurt und lebte dort zunächst in einer hässlichen Siedlung in Schwanheim, die zur Universitäts Klinik gehörte, zehn Jahre lang mit meinen Eltern in wachsenden Wohnungen, während meine Familie noch um zwei Schwestern anwuchs, bis wir an den Stadtrand gen Wetterau für weitere fünf Jahre zogen. Wollte nie umziehen, auch wenn mir das dann Haus mit Garten sehr verlockend gegen die bisher Wohnung schien. In Schwanheim beginnen die Erinnerungen an meine Kindheit, den Kindergarten, die Grundschule, meine Freunde und was wir zusammen alles anstellten. Als ich mit meinen späteren Freundinnen, etwa nach einem Besuch im Städel, dort entlang fuhr, um ihnen zu zeigen, wo ich groß wurde, schien es mir seltsam fremd schon, obwohl ich zehn Jahre dort lebte. Das Seppsche, wie die Dorfkneipe in Alt-Schwanheim heißt, hatte ich noch in aktiverer und besserer Erinnerung als diese Siedlung zwischen Main und Stadtwald gelegen. Der Ort an dem ich den größten Teil meiner Kindheit verbracht habe, löst keine warmen Gefühle in mir aus, ist keine Heimat geworden irgendwie.

Eher erinnerte mich an Frankfurt, den Eisernen Steg, den Römerberg mit dem Weihnachstmarkt, das Museumsufer auf der anderen Mainseite und natürlich das Städel, dessen ausgesuchte Sammlung ich heute noch liebe und bei jeder sich bietenden Gelegenheit besuche. Das Städel, in dem ich als Kind Malkurse machte und der Goethe  mit den zwee linke Fieß, der inzwischen nicht mehr im Eingang hängt, ist mir mehr Heimat in Frankfurt als irgendwas, wenn ich auch eine enge Beziehung zum Senckenberg durch meinen Vater hat, war dieses Naturkundemuseum mit seinen vielen ausgestopften Tieren und den riesigen Dinosaurierknochen immer auch unheimlich für mich, ist weniger Heimat je gewesen als das Städel mit seinen liebsten Bildern und das ist es trotz der etwas mutigen neuen Farbgebung, die etwas viel selbst glänzen will, statt die Bilder schön sein zu lassen, immer noch. So ist nicht die Stadt Frankfurt mir heimatlich sondern einzig ein Museum dort.

Viel mehr Heimat war mir, auch als wir noch in Schwanheim lebten das Haus meiner Großeltern mit ihrem damals gefühlt riesigen Garten in Petterweil, diesem Dorf inmitten der Wetterau. Erinnere die Einrichtung jedes Zimmers genau, die große Truhe im Flur, vor den Glasbausteinen, in denen die Familienfahne verborgen lag, die der Großvater zu großen Festen und zur Freude von uns Enkeln auch mal einfach so, aufzog. Das Biedermaier-Zimmer, in dem die kleinen Mahlzeiten eingenommen wurden, das Kaminzimmer mit dem Tisch mit den Engeln und der Kommode mit den vielen Schubladen voller Geheimnisse, das Arbeitszimmer meines Großvaters in Kirsche, das nun bei meinen Eltern steht, wo es mich immer noch etwas befremdet, so sehr ich diese wunderschönen schlichten Kirschmöbel liebe. Petterweil wurde für mich zum Inbegriff einer glücklichen Kindheit zum oft Sehnsuchtsort, trotz der manchmal Strenge des Großvaters, der Grotepater hieß.

Erinnere mich genau an den Weg in die Felder, wo der Stall stand, von dem aus mein Großvater ausritt bis ins hohe Alter. An den Vorgarten eine Straße weiter, voller Gartenzwerge, an dem wir Enkel gar nicht vorbei gehen wollten. Denke an den Garten und wie wir uns die Wiese herunter rollten, an die Vorratskammer der Großmutter mit der teils viele Jahre alten Erdbeermarmelade, die wir ganz heimlich naschten. Wie wir um das Haus rannten und Fangen oder Verstecken spielten. Dies auch in den grünen Regentonnnen meines Großvaters und das kleine Stück, wo er seine Birnen züchtete. An die Bank hinter der Doppelgarage unter dem großen Baum, ich meine es war auch ein Apfelbaum, auf der wir zum Abschied oder am Abend saßen, auf der Taunusblick stand, auch wenn der Taunus meist nicht mehr zu sehen war und wo wir zum Abschied immer schon ein wenig traurig, Kein schöner Land, zusammen sangen. Denke an die Zeremonie der großen Verehrung, wenn wir uns alle unserer Großmutter oder dem Großvater in zeremonieller Weise nähern mussten, mit Verbeugung und einer genauen Abfolge von Küssen - Details dieses Rituals habe ich leider vergessen und so wird meine Generation, wenn sie denn solchen Unsinn je praktizieren will, sich vielleicht etwas neues ausdenken müssen.

So ist Heimat für mich eng mit Familie verbunden und ihren Festen, ist weniger ein Ort als ein Ritual, denn Petterweil wurde auch von den Erben verkauft, keiner wollte da leben, alle hatten ihre Heimat und Arbeit andernorts. Nun wohnt ein Vetter von mir mit seiner Frau unweit, der den weiten Weg aus Südafrika nahm, sich ganz nah der alten Enkelheimat niederzulassen. Dennoch ist die Wetterau für mich eine Heimat geworden, erinnere mich an bestimmte Bäume, auch durch das große Engagement eines meiner Onkel im Umweltschutz, der uns Kindern die Natur nahe brachte - es breitet sich in mir, wenn ich Wetterau höre, auch dieses warme wohlige Gefühl aus.

Meine ersten Lieben waren dort in Bad Vilbel am Rand der Wetterau, das ich seltsam auch wieder kaum erinnere, auch wenn ich den Plan der Stadt vor meinem inneren Auge sehe, den Fluss Nidda, der durch den Kurpark fließt, das alte Rathaus am Ende der Hauptstraße noch vor mir sehe, auch wenn ich seit Ewigkeiten nicht mehr dort war. Fünf Jahre lebte ich in der Wasserstadt am Rande der Wetterau, erinnere mich aber besser an den Wald, in dem ich viel mit dem Hund spazieren ging, als die Stadt selbst, die für mich in meiner Erinnerung nur aus einer Hauptstraße besteht, um die herum Siedlungen wuchsen - es gab noch den Festplatz, auf dem das jährliche Volksfest stattfand, von dem ich nicht mehr weiß, wie es heißt - als Kind fand ich solche Feste wunderbar, heute sind sie mir eher ein Grauen und ich habe es vollständig verdrängt. Besuchte später noch Freundinnen und wenige Freunde in Vilbel, hatte mal wieder eine Liebe dort, aber es verschwand ohne heimatliche Gefühle aus meiner Erinnerung, obwohl ich dort der Feuerwehr eng verbunden war, nie wegziehen wollte.

Nach fünf Jahren aber war es wieder soweit, nach dem beruflichen Aufstieg meines Vaters zum Chefarzt zogen wir gen Heidelberg.  Wollte nicht weg, nicht meine Freunde verlieren, war todunglücklich darüber und unzufrieden mit der ganzen Welt, fand den Ort, an den wir zogen spießig, kleinkariert und der Dialekt war ja so furchtbar, ich wollte da nicht hin und genau so fühlte ich mich auch dort erstmal.

Das damals noch völlig popelige Walldorf, war nur durch den IKEA und sein Autobahnkreuz bekannt. Heute kennt es dank SAP, die sich dort in der Sparkasse etwa um die Zeit gründeten, als wir auch in die Kurpfalz zogen, die ganze Welt. Mit der Arroganz des Großstädters, der aus einem Vorort der Weltstadt Frankfurt kam, in der ich groß wurde, begann ich die Schule dort und fand alles furchtbar. So blieb ich lange blind auch für die Schönheit dieser neuen Heimat und ihrer Umgebung - wie gut der Wein ist, der dort in der Nähe angebaut wurde, lernte ich erst später schätzen und Heidelbergs romantische Schönheit, hat mich noch nie so sehr beeindruckt. Erst fand ich sie kitschig, dann zu touristisch und als ich selbst dort studierte, zwar schon schön aber auch nichts besonderes, nur nett eben.

Ein wenig Gefühl von Heimat für die Region, in der ich nun lebte, entwickelte ich im Studium, als wir einem Freund, der auf einer nahe gelegenen Burg wohnte und dort wunderbare Weinberge hat, bei der Renovierung in seinem kleinen Schlößchen in der Kleinstadt am Neckar halfen. Seine Familie lebte seit hunderten von Jahren dort, er war ortsverbunden, auch wenn sein Geschlecht erst nach der Zeit des Götz von Berlichingen, dem die Burg einmal gehörte, die Güter dort erwarb, aus Rheinhessen an den Neckar zog, er seine Schulzeit auf einem Internat am Bodensee absolvierte. In seiner Bibliothek noch das letzte Turnierbuch mit ihm durchgeblättert, mit dem seine Vorfahren sich unter den Rittern dort einen Namen machten. Eine Art Poesiealbum für Ritter und ihr Kräftemessen, das einzige Exemplar auf der Welt außer noch einer Ausgabe in der vatikanischen Bibliothek. Bei ihm spürte ich eine enge Verbundenheit zu seiner Heimat, auch beim Gang durch seine Weinberge oder wenn wir dort gerade geschossenes Wild verspeisten, Silvester uns das Feuerwerk von der Burg aus ansahen. Das hatte was, auch die alte Rüstung des Götz, die er oben in der Burgruine ausstellte, gab mir ein Gefühl wie bedeutend diese irgendwie wohl auch meine Heimat historisch einmal war. Sein besonders guter Riesling von den Steilhängen auf dem Weg zu seiner Burg, zeigte mir, was Heimat auch sein konnte und wie schön die Gegend war.

Als ich es meinen späteren Freundinnen aus Berlin kommend zeigte, entwickelte sich erstmals etwas wie Heimatstolz hinsichtlich der Schönheit dort. So wurde es mir mit Abstand erst später zur Heimat und über den Dialekt, den ich früher so schrecklich und primitiv fand, als würde jemand schlecht gelaunt Wortbrocken auskotzen, klang es für mich zuerst, kann ich heute liebevoll lächeln, höre den Anklang des französischen und finde es in Ordnung so. Durch die regelmäßigen Familienfeste, die nun im Haus meiner Eltern stattfinden, das zum neuen Mittelpunkt der Familie wurde, nachdem es Petterweil nicht mehr gab, ist dies popelige aber stinkreiche Walldorf für mich zu einer Heimat geworden, mit der ich meinen Frieden gemacht habe, zumindest, solange ich in Berlin lebe und nur ab und an dort bin.

Auch durch meine Tochter, die ihre Großeltern und ihr Haus liebt, wie ich einst Petterweil, bekam das Elternhaus einen neuen Charakter von Heimat nun. Lese ich in der FAZ, dass mein ehemaliger Klassenkamerad es zum Finanzvorstand des Weltunternehmens in der alten Heimat brachte, lächle ich und denke, wäre ich nicht so arrogant damals aufgetreten, wer weiß, wo ich in dieser Gründerzeit noch gelandet wäre, hätte ich die Chancen gesehen und ergriffen, statt nur trotzig die popelige Gegend und den grässlichen Dialekt abzulehnen, solange ich dort lebte.

Berlin ist der Ort, an dem ich in meinem Leben nun am längsten lebe. Über 16 Jahre nun wohne ich in Berlin, eigentlich in Pankow, noch präziser in Prenzlauer Berg, das nur nach dem nördlicheren Vorort als Bezirk heute heißt, auch wenn es von der Art und Struktur nichts mit diesem popeligen Vorort zu tun, der doch noch sehr ostig sich anfühlt. Aber ist Berlin meine Heimat geworden je?

Sind es die drei Plätze geworden, um die ich die längste Zeit hier lebte in verschiedenen Abschnitten meines sonst eher unaufregenden Lebens?

Beim letzten Platz, an dem ich heute noch lebe, um den ich alle Cafés bis zum Abwinken gut kenne wie die Verkäuferinnen und Kassierer im Edeka-Markt, würde ich es fast sagen. Bin hier zuhause. Aber ein warmes Gefühl bekomme ich da nicht. Als ich mit meiner letzten Verlobten langfristig überlegte, teilweise in ihrer Eigentumswohnung in Charlottenburg und einem noch zu kaufenden Haus in Norddeutschland zu leben, war das für mich völlig ok. Wo meine Bücherregale in Berlin stehen, war mir relativ egal. Charlottenburg ist zwar furchtbar langweilig, aber auch sehr nett irgendwie und mit Frau wandeln sich ja manche Prioritäten und ein Haus an der See noch, irgendwo im Norden, ihr Schloss, wie sie sagte, klang sehr verlockend. Im Norden fühle ich mich ja heimatlich.

Was würde ich wohl vermissen von Berlin, wenn ich nicht nur zu Besuch und manchmal in der Provinz lebte, wo käme ich gerne an und was ist meine Heimat?

Heimat ist für mich Familie eher als ein Ort, denn so kann genausogut der Hof meines Onkels in Mecklenburg nahe Wismar Heimat sein, wenn wir uns dort jedes Jahr zu Ostern treffen, wenn es dort meist noch zu kalt ist, das nahe Meer zu genießen - bescheuert eigentlich, dass wir  uns nicht im Sommer dort treffen, aber gehört halt dazu, ist Tradition geworden und so ist die Tradition allein wohl schon ein Stück Heimat.

Darum ist mir auch so wichtig, die Frau, die ich liebe, in meine Familie einzuführen und zu wissen, ob es passt, weil das eher mit nach Hause bringen für mich ist, als irgendein geografischer Ort, der sich ja beliebig verschieben kann. Von meinen Bremer Großeltern und der Heimat dort ist mir nur ein Anzug und ein Frack meines Großvaters geblieben sowie ein Trenchcoat. Seltsam eine alte Heimat mit Kleidung in Erinnerung bei sich zu haben. Petterweil ist verkauft und das Haus meiner Eltern an dem Ort, an den ich nicht wollte, der aber heute wirklich ganz nett in zauberhafter Umgebung mir zu sein scheint, ist es, wenn die Familie da ist, aber es könnte dies Haus auch irgendwo anders beliebig stehen, sogar in Bielefeld.

Passt die Familie und klappt es im Bett ist eigentlich alles gut. Hakt es beim einen oder anderen, hält es meist nicht lang, sagt die Erfahrung und ich frage mich, ob die Heimatliebe stärker ist sogar als das, was ich große Liebe nennen würde oder ob ich nur zu angepasst bin, um die tragische Romeo und Julia Liebe gegen die Familie durchzuziehen, wenn es nötig wäre und warum mir nicht eines von beidem genügen kann, was doch schon mehr ist als viele in der Liebe je finden. Doch solche Volltreffer sind selten und noch seltener auf Dauer, weiß ich inzwischen, aus Erfahrung kein bisschen klüger geworden.

Mit zunehmendem Alter und abnehmender Potenz vielleicht wandeln sich auch dabei die Prioritäten. Irgendwann heißt gut im Bett nur noch wunderbar anschmiegsam und friedlich, warum die Verbindung mit der Heimat des ortlosen Narren unbeabsichtigt zum zentralen Kriterium wird, das schon meine Auswahl mitbestimmt. Wen ich nicht vorstellen könnte, die hat keine Chance und seltsam genug war da auch die Vernunft bisher immer stärker als alle Leidenschaft und ich denke an Thomas Buddenbrook und seine Liebe zum Blumenmädchen, von der er genau wusste, dass er sie beenden musste, als es nach Amsterdam ging und er sich um eine ernsthafte und gute Partie bemühen würde.

Sich standesgemäß paaren, hieß das früher, nicht über und nicht unter Stand heiraten, war wichtig, um sich wohl zu fühlen, mit dem was war. Dabei waren meine Großeltern, die uns immer als Vorbild einer großen und glücklichen Liebe galten, das beste Beispiel für das genaue Gegenteil - so galt meine Großmutter, deren Vater sogar im Gefängnis gesessen hatte, als nicht standesgemäß für den gut bürgerlichen, dessen Vater zwar als Offizier vor Verdun gefallen war, so wie meine Großmutter Halbwaise war, als schlechte Partie, noch dazu mit ihrer leichten Behinderung, da sie an einer Knochentuberkulose erkrankt war. Der Großvater meines Grotepaters war doch immerhin Hofbibliothekar zu Gotha gewesen und mit den einflussreichsten Familien dort verwandt oder bekannt. Diese Hochzeit aus Liebe, war ein kleiner Skandal, dem aber bald 4 Knaben folgten, was gut in den Geist der Zeit passte und mit der nicht standesgemäßen Partie versöhnte.

Was immer Bürger so als standesgemäß ansahen. Es gibt aber Kreise in denen, das bis heute sehr wichtig ist. So war bei meiner ersten Verlobten, die von Familie war, den Eltern schon wichtig, zu wissen, dass mein Vater auch Chefarzt war, wenn wir schon kein standesgemäßes ‘von’ im Namen trugen, wie sie es sich vielleicht für ihre Tochter gewünscht hätten. Beim Adel ist es relativ einfach was standesgemäß noch ist und was schon nicht mehr. Herrschende Häuser nur untereinander aber das hat sich ja heute glücklicherweise alles erledigt und die jahrhundertelange Inzucht konnte einer gesunden Durchmischung weichen, es darf meist auch aus Liebe geheiratet werden, auch wenn es ein Fitnesstrainer in Schweden als Kronpriesinnengatte wird, was ja zur Frau des jetzigen Königs, jener Silvia Sommerlath aus Heidelberg passt, die Olympia-Hostess in München war, wo sie ihren Prinzen kennenlernte.

Dreimal habe ich mich inzwischen verlobt und also jeweils ein Eheversprechen abgegeben, was dann wohl im Interesse aller Seiten nicht weiter verfolgt wurde. Spannend finde ich, wie nahe das Wort sich versprechen am Versprecher liegt und versprochen und gebrochen sich nicht nur reimen. Finde die Idee, sich zu versprechen, ein Leben miteinander zu wagen, immer noch romantisch und schön, würde es immer wieder tun, dahingestellt, ob ich je heiraten möchte oder es eine Frau ewig mit mir aushalten könnte, was zugegeben am unwahrscheinlichsten ist. Möchte eigentlich gar keine Beziehung ohne beginnen, denn wenn ich nicht aufs Ganze gehe, kann ich es auch gleich lassen, wozu ich gerade ohnehin mehr tendiere, weil Nähe auf Dauer ohnehin überschätzt wird und Männer und Frauen nur bedingt zusammenpassen, es uns nur Gefühl und Trieb gern verdrängen und vieles ertragen lässt, aber, wer weiß - halte jede plötzliche Sinnesänderung im Sinne der Liebe für möglich und wenn sie kommt, ist es gut so.

Das Eheversprechen aber zeigt mir, wie wichtig mir Familie und Anbindung an alte Traditionen ist, wie zuhause ich heimatloser mich dort fühle, der einen Hafen der Liebe so sich wirklich sucht, um zumindest symbolisch vor Anker zu gehen. Dabei sage ich jetzt nichts dazu, ob ich mich überhaupt für fähig halte, eine monogame Beziehung zu führen, nicht mal weiß, ob es überhaupt Menschen gibt, die das ihrer Natur nach können oder solche Stagnation immer nur Konsequenz anderer Ängste ist. Es reden die von Treue und einziger Liebe am lautesten, die am stärksten um sie fürchten, weil sie Versuchung selbst zu gut kennen. Mein Ehversprechen hatte damit auch eher weniger zu tun, auch wenn das meine Verlobten, die alle nicht zu den leidenschaftlichsten Frauen gehörten, denen ich im Leben begegnete, wohl anders sahen, aber auch das ist ein weites Feld.

Wo die Treue von der Natur aus Liebe zum Zwang wird, ist die Leidenschaft längst tot und es halten nur noch Ängste und Formalien aneinander, würde ich mal behaupten und alle Frauen, die noch von der großen Liebe träumen oder überhaupt, würden mir vermutlich zornig widersprechen und kluge Männer mit Erfahrung vermutlich eher schweigen. Diese Erkenntnis und der offene Umgang damit kann den Umgang miteinander sehr entspannen.

Was ist mir wichtig an einer Frau, frage ich mich also.

Zuerst ihre Liebe und Leidenschaft. Wenn es daran mangelt kann gute familienkompatibilität dies glatt ersetzen. Schönheit ist eine sehr relative Größe. So mag ich Frauen gerade sehr, die andere Männer schon mindestens als kräftig bezeichnen würden, an denen was dran ist zum liebhaben. Einige meiner großen Lieben und längeren Beziehungen waren aber das genaue Gegenteil und es hat der Liebe oder Leidenschaft, wenn es denn welche gab, keinen Abbruch getan und so sind Äußerlichkeiten mir mittlerweile egal. Sich intellektuell auf Augenhöhe zu begegnen, ist immer schön und macht das Leben leichter, doch sofern die anderen Faktoren passen, kann darüber auch großzügig hinweggesehen werden und bedenke ich, wovon ich alles keine Ahnung habe, hätte mich ein solches Kriterium bisher sehr einsam gemacht, was mir immer fern lag. Es kann sehr vieles das andere ausgleichen und mancher Kompromiss wird möglich, wenn das Gefühl dabei stimmt. So spielte ich auch gern den Romeo gegen die Familie, wenn sonst alles stimmt, doch zum Glück muss ich das gerade nicht.

Warum rede ich wieder über meine Frauen, wird meine Tochter bei der Lektüre wohl augenrollend denken, die nichts mehr hören will von meinen 180 Frauen, was auch eine rein symbolische Zahl sein könnte, schweige dazu lieber - weil die Liebe mir Heimat ist. Neben meiner Bibliothek, und Familie, ist sie die andere nicht geografische Heimat, die ich habe.

Gerade ist ein Freund von mir auf die Philippinen gezogen, um dort mit über 50 nochmal Vater zu werden mit seiner nicht mal halb so alten inzwischen Frau und freut sich an dem südlichen warmen Glück, dass ihm das Leben beschied. Er hat die alte Heimat verlassen, sein Haus vermietet, die Pferde in Pension gegeben, seine alte Standuhr steht bei mir und eine neue Heimat auf einer der vielen Inseln in der Liebe gefunden und was ich von ihm bei facebook so lese und sehe, scheint er ein glücklicher Mann zu sein. Etwas unkonventionell vielleicht aber doch liebenswert auch und was kann falsch sein, der Liebe zu folgen, kommt es dabei je auf Alter oder Geld an?

Die Heimat ist der Ort, an dem ich mich wohlfühle und mit dem ich mich gut und zuhause fühle. Dabei kann Sex eine Rolle spielen, aber das wichtigste ist es nicht, warum auch manche Ehen ohne Sex wunderbar halten, wenn beide erkennen, was sie verbindet ist mehr und wichtiger als der Austausch von Körperflüssigkeiten, den auch jeder für sich oder andernorts erledigen kann. Als etwas autistischer Leser und Autor bin ich in der Welt meiner Bücher zuhause und bin glücklich dort, wo meine Bibliothek ist.

Es gibt wenig, was mir so nahe kommt wie Bücher und Schreiben, die Welt der Worte. Sicher meine Tochter, qua natura, aber auch da denke ich an Montaigne, der darüber lange philosophierte, ob ihm sein biologisches Erbe an seine Tochter, nur eine Tochter überlebte von den mehreren ehelichen Geburten seiner Frau und wurde erwachsen, oder seine Worte wichtiger wären, dächte er über sein Erbe nach und worauf er mehr Mühe verwendete. Der dem schönen Leben und der Lust als Epikuräer nicht abgeneigte Montaigne, der in diesem Essais, von dem ich gerade spreche, zwar auch viel über seine Nierensteine klagt und wie sie ihn quälten, hat ein schlechtes Gewissen zu rechtfertigen, warum ihm, ehrlich gesagt, das Produkt seines Geistes wichtiger ist als seine Tochter. Er begründet es damit, dass ihre Entstehung Produkt seines Schwanzes sei, während seine Essais ja ein Kind seines Geistes sein und ihm damit natürlich noch näher als die Tochter wäre, die ja nur zur Hälfte aus  ihm bestand.

Diese Rechtfertigung auch in Kenntnis von Montaignes geeier hier umging ich nun geschickt, indem ich dies Kind meines Geistes meiner Tochter widme und für sie schreibe, wann immer sie es auch lesen wird, junge Damen widmen sich nicht immer mit größter Leidenschaft der Philosophie und den wirren Gedanken ihrer Väter. Ob das wirklich geschickt oder geradezu aufdringlich dreist war, möge die Nachwelt entscheiden, mir ist nicht besseres eingefallen, um micht nicht entscheiden zu müssen, denn natürlich kenne ich den Konflikt von dem Michel aus Montaigne mit soviel Gefühl und Witz erzählt, nur zu gut.

Bin ich zuerst Künstler oder Vater und worauf kommt es mir an? Was ist mir wichtiger, was von mir bleibt, die Erinnerung im biologischen Erbe meiner Tochter oder die geistige Erinnerung in meinen Schriften Würde ich meinem Opus den Vorzug geben, wenn ich entscheiden müsste?

Natürlich nicht, verkünde ich aus voller Überzeugung, wieviel wertvoller ist doch ein Mensch als eine nur Sammlung meiner wirren Worte und hoffe, es fragt niemand zu genau nach und die Realität stellt diese Frage nie wirklich, weil ich sie doch, indem ich dies Essais für meine Tochter nun schreibe, quasi genetisch überlistete. Lassen wir es mal dabei und hoffen wir, dass es keine weitere Verwirrung mehr gibt und alle mit dem glücklich sind, was ist. Zu wenig geliebt oder beachtet fühlen sich ja immer eher Menschen, die Probleme mit ihrem Selbstwert haben, wofür vorliegend nichts spricht und wenn sie nur halb so eitel wie ihr Vater wäre, dessen halbes genetisches Erbe sie ja mitschleppen muss, besteht zur Sorge nie Grund.

Die Bibliotheksfamilie ist auch noch so eine Welt für sich. Wer je Bücher liebte, kann es nachvollziehen und versteht, was ich meine, wenn ich sage, es gibt Bücher, wenn ich deren Rücken streichle allein, laufen mir wohlige Schauer der Erinnerung durch den Geist, wer nicht, wird seine Heimat andernorts haben. So lebe ich in einer WG mit meinen Büchern und wir tauschen ab und an Zärtlichkeiten miteinander aus, indem wir ineinander lesen. So gesehen kommt dies Leben meiner natürlichen Polygamie am nächsten wie es auch einer autistischen Neigung entspricht, die andere vielleicht nur die Flucht vor dem Gewöhnlichen nennen würden bei der eben nach oben hin, die Luft dünn wird, aber, was weiß ich schon, und so gehe ich erstmal von einer sozialen Behinderung meinerseits aus, die eine gewisse Inkompatibilität begründet.

Solange es so viele Bücher gibt, mit denen ich glücklich bin, wüsste ich nicht, was ich vermissen sollte in dem zurückgezogenen Leben des Bücherwurms und Autors, dem die meisten sozialen Treffpunkte eher langweilen, zumindest verglichen mit Büchern, außer es geht  um Sex und Liebe, was immer wieder neu erstaunlich aufregend sein kann, auch wenn sich die Frauen nun doch eher im Detail nur unterscheiden in der Erinerung

Sitze und saß ja immer viel im Café und lauschte auch mal den Gesprächen der Nachbarn und denke immer wieder, wie gut, dass ich für mich meist dort bin und nur darüber schreibe, statt mich daran beteiligen zu müssen, was mir nach einer ewigen Wiederholung immergleicher Worte zu klingen, scheint ohne echten Fortschritt - der Mensch dreht sich seit Epikur vor 2300 Jahren aus seinem Garten berichtete, sozial im Kreis, es ist meist langweilig, außer der kleine Schritt vom Gespräch zum Sex und wie sich die Lust miteinander entwickelt, was erahnbar und sichtbar ist und was nicht oder die seltenen Fälle guter philosophischer Gespräche, die jedoch seltsam oft dem Triebbedürfnis in die Quere kommen.

Habe da noch kein taugliches Muster entdeckt und suche darum weiter, es zu verstehen, unsicher, ob es dann auch in der Sache langweilig wird, wie der meist gewissen Mustern irgendwann immer folgende Sex in längeren Beziehungen, außer beide Partner haben entweder viel Phantasie oder vergesse glücklicherweise noch schneller als sie erleben. Liebhaberinnen bleiben immer spannend, Partnerinnen ermüden irgendwann, was in der Natur der Sache liegt. Die Geliebte triffst du zur Lust, mit der Partnerin teilst du ein Leben mit allem auf und ab. Wessen schlechte Laune und Blähungen du manchmal auch nur erträgst, der reizt dich nicht so, wie die du nur gelegentlich siehst und dann nur zur Lust.

Ob es darum richtig ist, wie Montaigne es vorschlägt, die leidenschaftliche Liebe und die wilde Lust von der Ehe zu trennen, damit in dieser der gemächliche Beischlaf zur Fortpflanzung praktiziert, ansonsten aber ein Leben mit Achtung und Respekt geführt wird, das sich in guten wie in schlechten Zeiten kennt, scheint mir einer Überlegung wert. Dann behielte beides seinen Charakter und keines verlöre sich in zu großer Leidenschaft, die schnell auch verwirrt. Vielleicht schätzen wir die Liebe als Heimat falsch ein und überfordern sie auch, wenn sie nicht nur Konstanz und  Sicherheit sondern auch Leidenschaft und Feuer bieten soll und täten darum besser daran bestimmte Bedürfnisse auszulagern, um die Ehe gut und stabil zu halten.

So gesehen diente das Gebot der Treue, wie es die Kirche immer hochhielt, eher der Stabilität der Ehen, da es weniger um die tatsächliche Treue ging als das permanente moderat schlechte Gewissen, dass beide Parteien zu einem besonders aufmerksamen Verhalten gegenüber dem Partner brachte. Vermutlich entspricht diese Regelung am ehesten unserer Natur und ermöglichte dauerhafte Ehen und viel Leidenschaft nebenbei, die Triebe befriedigte und zugleich Quelle der Musen immer wieder wäre.

Eine solche Beziehung hat für beide Seiten Vorteile und ich wollte nicht der Richter über gut und böse wider meine Natur je sein. Wie offen darüber geredet und nachgedacht werden kann, scheint mir eine Frage der inneren und sittlichen Reife und auch der Erfahrung mit schönen Sex zu sein.

Die Partnerinnen, die Befriedigung beim Sex fanden und dies genießen konnten, hatten da eher mehr Verständnis als diejenigen, die es nur mitmachten ohne größere eigene Leidenschaft. Darüber nachzudenken, um Familie und Heimat besser zu erhalten, ohne Eifersucht leben zu können, wäre befreiend für viele Menschen wohl, doch leben zugleich noch mindestens so viele Menschen mit der Illusion der großen Liebe, die alles umfasst und wollen alles mit einem haben, auch wenn das logisch auf Dauer immer unvereinbar wird.

Stehe da gerade zwischen den Welten, betrachte es lächelnd, denk mir meinen Teil und lebe, was mir gefällt. Wer mit sich und seiner Natur im Reinen und des logischen Denkens fähig ist, wird vermutlich zu einem ähnlichen Schluss kommen, aber vielleicht werden sich Männer und Frauen diesbezüglich auch nie ganz verstehen, allerdings kann ich sagen, dass viele der Frauen, die das entspannt sahen, auch zu meinen besten Liebhaberinnen gehören.

Heimat ist kein Ort und Heimat ist ein Ort. Es ist ein Gefühl und eine vernünftige Lokalisierung dessen, was uns ausmacht. Es ist alles und nichts zugleich. Dazu vielleicht eine kleine Geschichte zum Schluss, die dies unklare Gefühl verdeutlicht.

Die Familie, deren Namen ich trage kommt seit ewigen Zeiten aus Thüringen, bis ins Mittelalter dort nachweisbar. Das ist die alte Heimat, aus der mein Großvater mit seinen vier Söhnen mit der Großmutter nach dem Krieg gen Westen flüchtete. Dieses Gefühl von Heimat habe ich jedesmal, wenn ich durch Thüringen fahre. Meine Liebe zu Weimar drückt dieses Gefühl ganz intensiv aus und Frauen aus Thüringen können mit nahezu nichts  meinem Herzen ganz nahe kommen, einfach nur, weil sie von da sind und ich mal von da kam, also meine Familie hat und auch wenn es bis zur Wende für mich in einem anderen Land lag, von dem ich keine Vorstellung hatte und das für mich nur eine schlimme Diktatur war. Ein Leben hinter der Mauer ohne Meinungsfreiheit und Levis Jeans, ohne Bananen und Anannas, wobei ich erstere nur stopfend finde und letztere nicht vertrage, aber egal, ich könnte sie jederzeit kaufen, wenn ich wollte.

Einer meiner Vettern hat eine zauberhafte Thüringerin geheiratet und das ist ein Stück wie ankommen und er hat es geschafft, dachte ich immer wieder, auch wenn das völlig idiotisch ist. Habe inzwischen mehr als eine Frau aus Thüringen näher kennengelernt und phasenweise in mein Herz geschlossen, immer mit dem großen Gefühl von Heimat und mich wieder getrennt ohne Folgen für mein Heimatgefühl. Denke es würde immer wieder funktionieren und gäbe einer Frau bei mir immer einen Bonus, auch wenn es dafür null sachlichen Grund gibt und die Sächsinnen, die ich kennenlernte alle viel zauberhafter waren, zumindest teilweise.

Heimat verführt also auch zu unsinnigen Dingen, gerade in der Verbindung mit Familie und Gefühl. Darum ist es gut, sich dessen bewusst zu sein und auch gegen die Übermacht des Gefühls kritisch noch denken zu können. Wenn ich meiner Tochter das vermitteln kann, könnte sie auch in der Liebe ein riesiges Stück Freiheit  gewinnen und es leichter haben, glücklich zu werden.

Glück ist keine absolute und feste Größe, die starr irgendwo steht und erstrebt sein will, sondern ein flexibler Zustand, mit dem wir mit der Welt leben lernen, sie uns zur Heimat oder Familie machen, denn jede Liebe ist auch immer ein wenig der Versuch eine Kernfamilie und damit ein Stück Heimat zu begründen, vielleicht brauchen wir das irgendwie immer.
jens tuengerthal 13.1.2017

Donnerstag, 12. Januar 2017

Gretasophie 008

008 Familie

Ist Familie noch ein aktuelles Thema oder hat sich das erledigt?

Das Wort bezeichnet heute eine durch Liebe, Partnerschaft, Adoption oder Abstammung begründete Lebensgemeinschaft. In unserem Kulturraum besteht sie meistens aus Eltern und Kindern sowie weiteren im Haushalt lebenden Personen, ob diese nun Verwandte oder andere Lebenspartner und Freunde sind. Die lateinischen Begriffe famulus oder famula heißen Diener oder Sklave. Das Wort familia war im lateinischen vielschichtiger und meinte auch ein Herrschaftsverhältnis etwa des pater familias. Der biologische Erzeuger der Kinder hieß bei den Römern genitor, nicht pater, was nur auf eine Machtposition in den sozialen Strukturen hinwies. Auch bei den Germanen stand das Wort Vater für viele weitere Dinge außer der reinen Zeugungskraft, etwa Schöpfungskraft und übernatürliche Kräfte.

Unklar ist, ob dies daran lag, dass, wie Tacitus uns berichtete, seine Glaubwürdigkeit einmal dahingestellt, die germanischen Männer im Rhythmus der Felderwirtschaft den Hof und die Frau wechselten, um eine gerechte Verteilung zu gewährleisten, die Frau aber als Herrin des Hofes dort blieb, das Schlüsselrecht hatte und darum die Frage der genetischen Vaterschaft wohl weniger wichtig genommen wurde.

Bei den Römern hatte der pater familias volles Verfügungsrecht über die gesamte Hausgemeinschaft, die aus Frauen, Kindern, Sklaven, Freigelassenen und Vieh bestand. Dort hatte er Herrschaftsrechte, was immer das praktisch bedeutete. Seine Stellung hatte er nicht, weil sich sein Samen mit dem Ei der Frau zu Kindern vereinigt hatte, sondern schlicht als Hausherr, sie war also an den Besitz gebunden und nicht an die gerade soziale Stellung aufgrund des vorigen Sex.

Insofern die Herrschaft des pater familias auch Sachen und andere Wesen wie Sklaven und Freigelassene umfasste, ist sie völlig anders zu verstehen als unser eher genetischer Begriff der Vaterschaft, der am Zeugungsakt anknüpft und unabhängig von den jeweiligen sozialen Verhältnissen auch ist.

Auch im christlichen Mittelalter war mit Familie noch kein Begriff der Alltagssprache sondern meinte den Haushalt eines Herrschers und alle die dazu gehörten. Solch ein Haushalt konnte tausende Personen umfassen, je nach Bedeutung des Herrschers. Diese vielen untergeordneten Hausgemeinschaften wurden unter dem Begriff Haus mit dem dazugehörigen Namen zusammengefasst.

Erst ab dem Ende des 17. Jahrhunderts, also nach dem Dreißigjährigen Krieg, kam der Begriff allmählich aus dem französischen in die deutsche Alltagssprache und wurde zunächst auch identisch mit Haus gebraucht. Langsam wurde dann auch die Kernfamilie als Einheit so genannt und auch die weitere Verwandtschaft von dem Wort miterfasst. Der Begriff kam parallel mit dem Aufstieg des Bürgertums auf und dessen Idealbild von der Familie als Kernfamilie mit klaren Abstammungsbeziehungen.

Doch im deutschen blieb der Begriff Haus sehr wichtig und hat sich in zahlreichen Begriffen noch erhalten, wie den Hausaufgaben, der Hausarbeit, der Hausfrau und dem Hausrecht.  Adelige Familien benutzen ihn auch noch gern, um bestimmte Zweige einer großen Familie zu  bezeichnen und sich bezüglich des Erbes auf ihr Hausrecht zu berufen, das stärker ist als das gesetzliche Erbrecht in einigen Fällen, wie sich etwa in der Familie Preußen zeigte, wo die nicht standesgemäße erste Heirat die älteren Brüder vom Familienerben ausgeschlossen hatten und dies so an den jüngsten Sohn übertrug, wie von Gerichten bestätigt wurde, was den Familienzusammenhalt dort nicht wirklich verbesserte.

Die Familie bündelt in sich verschiedene soziale Funktionen, die heute teilweise der Staat übernimmt und deren Notwendigkeit auch strittig ist. Zunächst ist da die Reproduktionsfunktion, in dem die Familie als Basis zur Weitergabe des biologischen Erbes durch die Kinder besteht. Dies entfällt bei Adoption, die aber eine gleichberechtigte Familie rechtlich entstehen lässt und wo der Rechtsakt der Adoption Zeugung, Schwangerschaft und Geburt ersetzt.

Daneben gibt es die soziale Funktion, die bei der Sozialisation hilft und durch ein dichtes soziales Netzwerk dabei unterstützt, den eigenen Platz zu finden in der Gemeinschaft, in dem von Kindesbeinen an bestimmte Arten des Benehmens und des Umgangs im familiären Kreis gelernt werden. Auch die wirtschaftliche Funktion vieler Familien ist wichtig, sie bringt Schutz für Säuglinge und Alte, pflegt, kleidet und versorgt sie.

Die ehemals wichtige politische Funktion ist heute, bis auf den Hochadel weitgehend erloschen und auch dort hat sie nur noch eine repräsentative Funktion, die aber zur Lebensaufgabe werden kann. In nicht staatlichen Gemeinschaften, bei denen Sippen oder Clans herrschen, kann diese Funktion, die dafür sorgt, die eigenen Kinder entsprechend ihrem Erbe sozial zu platzieren, große Bedeutung haben. Hier gibt es noch kleine Überbleibsel etwa in den ausgesuchten Tanzkursen bestimmter Familien und Kreise, die unter sich bleiben möchten. Auch bestimmte Elite-Schulen können solche Funktionen teilweise wahrnehmen, wie die ihnen entsprechend folgenden Elite-Hochschulen, an denen sich eine teils eingeschworene Gemeinschaft weniger Familien immer wieder trifft.

Bestimmte religiöse Funktionen der Familien haben sich bis heute erhalten, wie etwa das Tischgebet, das stets vom ältesten oder jüngsten Sohn zu sprechen war, rituelle Begrüßungen oder der weihnachtliche Gesang um den Baum vor dem großen Festessen. Früher bestimmte der Vater der Familie noch welche Kinder lebensfähig waren und welche ausgesetzt wurden, worüber heute höchstens Ämter und Ärzte entscheiden und wo die Aussetzung eine Straftat wurde. Auch die Aussaat auf dem Feld als früher väterliches Privileg ist heute in einer arbeitsteiligen Gesellschaft ein Job, den die Bäuerin so übernehmen kann wie der Sohn oder die Tochter.

Die besondere rechtliche Funktion der Familie besteht noch teilweise fort. Sie steht darum unter dem besonderen Schutz des Grundgesetzes und ihre Verhältnisse sind in zahlreichen Regelungen bestimmt, die dem Schutz der Gemeinschaft dienen sollen. Die Freizeit- und Erholungsfunktion der Familie spielt heute eine größere Rolle, auch wenn sie von vielen überschätzt wird. Ob Familie eher entspannt oder stresst, ist vermutlich Geschmackssache, jedoch kann sie ein Genuss sein, der das Leben schöner macht.

Eine besondere Rolle spielt die Familie auch bei der Stiftung einer sozialen Identität, die viel zum Selbstbild beiträgt und die Basis für dauerhafte soziale Beziehungen sein kann. Manche sind in ihrer Familie zuhause und fühlen sich dort wohler als mit allen Freunden, andere ziehen die Freunde vor und nehmen die Familie nur hin. Diese engen sozialen Beziehungen, die meist schon in der Kindheit angelegt werden, können durch Familienbesuche und Feste bis ins hohe Alter fortgesetzt und zelebriert werden.

Ob Ur- oder Frühmenschliche Gemeinschaften die Familie kannten, ist nicht klar Einige halten sie für familienlos in der Organisation. Doch werden auch bei manchen indigenen Gesellschaften, die noch unberührt lebten, ähnliche Strukturen entdeckt, die keine Kernfamilie kennen aber darum nicht unbedingt familienlos sind. Teilweise versuchen moderne Gesellschaften Äquivalente der Familie zu entwickeln, die diese auch sozial in vielen Bereichen ersetzen können. Dazu gehören zum einen etwa die Kibbuz seit der Gründung des Staates Israel oder Hausgemeinschaften in denen generationenübergreifendes Leben praktiziert wird, als bestünde eine familiäre Beziehung.

Viele Kinder in der modernen Großstadt vermissen die alte Großfamilie und den schnellen Weg zu den Großeltern, andererseits wünschen sich manche Kinder, die in solchen Gemeinschaften aufwuchsen, die Freiheit der Stadtkinder. Die Gesellschaft scheint dabei momentan in einem Übergangsprozess in dem viele Modelle nebeneinander bestehen und noch nicht klar ist, welches überleben und sich durchsetzen wird. Es gibt teilweise noch die alten Großfamilien in bürgerlichen oder adeligen Kreisen, die viel Wert auf ihre Formen legen, um als Gemeinschaft erhalten zu bleiben. Daneben gibt es die migrantischen Großfamilien, die aus einer teilweise völlig anderen Tradition kommen und bei denen die Mitglieder häufig einen harten Spagat zwischen Alltag und Familie praktizieren. Welchen Weg sie langfristig einschlagen werden ist noch unklar, auch welchen Vorbildern sie nacheifern sollen.  Die meisten Deutschen leben heute eher in Kleinfamilien, von denen auch ungefähr die Hälfte aus gescheiterten Beziehungen neu zusammengesetzt wird oder ganz für sich bleibt. Die durchschnittliche Kinderzahl liegt noch bei etwa 1,8, was deutlich macht, wohin die Tendenz der Familie geht, warum die Frage nach neuen Modellen für die Zukunft, für den Zusammenhalt der Gemeinschaft wichtig sein wird.

Vielen, denen der soziale Hintergrund der Familie fehlt, die dadurch immer neu ihre Position in der Gemeinschaft suchen müssen, fällt der Start ins Leben dadurch schwerer. Auch psychische Probleme können die Folge solche mangelhafter familiärer Bindung sein.

Wie kann die Großfamilie in der heutigen Großstadt ersetzt werden?

Sollten wir sie überhaupt ersetzen wollen oder lieber wieder nach mehr Familie streben, statt ein Alias groß zu machen?

Bin in der Großfamilie aufgewachsen wie in der heilen Kernfamilie, hatte also doppelt Glück und keine Angst war bei mir als Kind größer, als dass sich meine Eltern scheiden lassen könnten, auch wenn ich nicht weiß warum ich mich davor fürchtete und der normale Streit der Eltern, mir häufig gehörig auf die Nerven ging.

Die Großfamilie waren die drei Brüder meines Vaters und deren Kindern, die teils in meinem Alter und teils etwas älter waren. Uns verbinden viele wunderbare Erinnerungen und es müssen nur bestimmte Begriffe fallen, wie der Name des Schaukelpferdes Pipifax oder Petterweil, wo das Haus der Großeltern stand und die Augen der mittlerweile auf die 50 zugehenden Enkelgeneration leuchten heute noch.

War es der strenge pater familias, mein Großvater mit dem Spitznamen Grotepater, der die Gemeinschaft zusammenhielt oder seine liebende Frau, die Omi Elfie, die ihr Nähzimmer mit Kinderbildern tapezierte und immer Zeit für ihre Enkel fand oder war es die Bereitschaft der Elterngenerartion zu den eigenen Eltern zu fahren, sich dort zu treffen, zu regelmäßigen Festen und mehr, die unsere Gemeinschaft bis heute lebendig hielt?

Es ist wohl von allem etwas, wie Familie überhaupt nie etwas einzelnes sondern die Summe der Dinge ist, mit denen wir groß wurden. Das Haus meiner Großeltern haben die Brüder als Erben längst verkauft, die Einrichtung unter sich aufgeteilt und eines Tages werde ich vielleicht das kirschhölzerne Arbeitszimmer meines Großvaters erben, wie mein Vater es schon übernahm. Derjenige von uns, der die Familienfeste weiter führt, wird das Meißen erben, das mein Vater mit dieser Auflage übernahm und so verbinden sich Traditionen auch mit Pflichten, die weitergetragen werden und rituellen Abläufen, die jedes Jahr auf die gleiche Art praktiziert werden.

Zu Familie gehört sich auf eine Partnerschaft einlassen und mit einem Partner zusammenleben zu wollen, zumindest irgendwie. Frage mich das manches mal selbst, da ich gerne inzwischen für mich lebe, auch wenn es Momente gibt, wo ich daran leide. Es ist eine stete Gratwanderung, aber denke ich daran, wie glücklich ich in Kinderzeiten in der Familie war und wie selig meine Tochter bei den Großeltern ist, denke ich, es ist gut so und auch ich sollte das weitertragen. Andererseits, können Familien auch enden, wie wir ja aus den Buddenbrooks wissen und das hat zwar eine gewisse Tragik, wem fällt dann das Erbe zu, wenn die  Generation keine eigenen Kinder mehr hat, fragt sich mancher, aber so ist eben das Leben manchmal. Generationen kommen, Generationen gehen und nicht immer bleibt etwas bestehen.

Ist das Weitergeben von Tradition schon ein Wert an sich, oder wird da nur Kult um etwas gemacht, was keinen eigenen Wert hat, nichts als Gewohnheit ist?

Weiß es noch nicht so genau, will auch in den kommenden Essais danach forschen, was der richtige Weg und das richtige Verhältnis zur Familie ist. Als eigentlich fast autistischer Einzelgänger, der zwar in der Familie aus Gewohnheit großmäulig sein kann, weil  es nötig ist, um zu Wort zu kommen, frage ich mich schon, was sie mir ist außer Erinnerung und wie nah sie meinem Wesen noch ist, der ich in und mit Büchern lebe, gerne in Cafés schreibe und die Reisen zu den Festen eher als Stress empfinde, weil ich reisen immer eher unangenehm fand und lieber vermeide, wenn möglich, um in meiner Bücherhöhle zu leben oder mich wie Montaigne in meinen Turm zurückzuziehen, um die Welt zu betrachten. Dort bin ich völlig glücklich und brauche nichts sonst in der Welt als meine Bücher und meine Worte.

Dennoch liebe ich die Familie, so oft wir uns auch noch mal übereinander ärgern oder die Brauen rümpfen. Sie sind Teil meiner Geschichte und diese möchte ich meiner Tochter weitergeben. War der erste, der einen Enkel bekam, als zumindest meine beiden Großmütter noch lebten und meine Tochter noch kennenlernen konnten, was mich stolz und glücklich machte, auch wenn das kein Verdienst meinerseits war sondern ein bloßer Zufall im Zusammenspiel mit deren Genen.

Es ist manchmal ein schwieriges Verhältnis zu und mit der Familie und doch ist sie eine wichtige Konstante, die mir auch Stabilität gab auf dem Weg zum erwachsen werden. Wusste ich doch woher ich kam, gab es etwas, auf das ich stolz sein konnte ohne eigenes Verdienst, was schon vor mir war und weitegegeben wird.

Erbe ist ein Teil dessen, was Familie bedeutet. Eine schnelllebige Zeit, die mehr Mobilität braucht, passst nicht zu  altem Erbe, das weitergegeben wird, als hätten wir noch Güter, die wir damit füllen können. Ist das je mehr als eine nur Last, wie aller Besitz?

Sollte ich etwa einmal,  was hoffentlich noch lange Zeit hat, das Erbe meines Vaters in der familiären Kunstsammlung antreten, oder kann ich was schon vom Ururgroßvater mindestens stammt und in den Stücken bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht einfach verkaufen, um frei zu bleiben?

Gehört Kunst nichts ins Museum, was soll sie in privaten Händen, denke ich einerseits und andererseits, weiß ich um die Schönheit solch einer sozialen Verpflichtung, die von Generation zu Generation weitergegeben wird und so sehen wir wieder den Konflikt in dem die heutige Art zu Leben zum alten Erbe steht und auch dabei suchen wir neue Formen, die Tradition und Gegenwart vernünftig verbinden.

Familie ist nicht immer einfach, aber sie ist einfach da und wir werden in sie hineingeboren, wenn wir das Glück haben, manchmal aber müssen wir uns auch erst eine Familie aufbauen, die dann in den folgenden Generationen Tradition entwickelt. Eine Familie verlangt einen bürgerlichen Beruf am besten und ein regelmäßiges Einkommen, Sicherheit und Verantwortung, alles Dinge, die nur bedingt in mein Leben und zu meiner Kunst passen und wir sehen auch darum, wie treffend Thomas Mann vom Niedergang einer Familie schrieb, die er noch ein letztes mal als pater familias in voller Größe zelebrierte auch fern von der Heimat, die eine Familie auch braucht. Aber was ist heute noch Heimat, werde ich im folgenden Essais mich fragen und die Suche nach Orten oder Wesen beginnen.

Weiß nicht, ob es dazu etwas allgemeines und verbindliches zu sagen gibt, oder jeder es ganz natürlich für sich erlebt und auf die eigene Art. Kenne nur, was ich kennenlernte und später fiel mir auf, wie nah es dem kam, was ich in den Buddenbrooks las. Immer in der Hoffnung lieber Thomas als Christian zu sein und doch den Künstler mehr spürend als den Kaufmann je, fragte ich mich, ob ich damit logisch der Untergang der Familie bin oder sie schreibend neu gebären muss, ihr über nur zufällige Generationenfolgen hinaus heute Ewigkeit im Netz geben, dem flüchtigen virtuellen Raum als Heimat meiner Worte auf der Suche nach einem Platz in der Familie der Geschichten.
jens tuengerthal 12.1.2017

Gretasophie 007d

007d Moral ohne Recht

Müssen angesichts der Ausländerfeindlichkeit und des Terrorismus die Gesetze verschärft werden?

Wer glaubt mit schärferen Gesetzen, Probleme lösen zu können, sollte sich mal mit der Geschichte der Menschheit beschäftigen, in der die Beschränkung von Freiheit immer zu Stagnation und weniger Entwicklung führte, auch wenn kurzfristige Erfolge etwas anderes in kurzlebigen Wahlperioden vorgauckeln können. Der Glaube an rigorose Maßnahmen gleicht den vermeintlichen Klimaexperten, die aus einem warmen oder kalten Winter gleich auch die globale Entwicklung schließen wollen und so nur ihre Ahnungslosigkeit offenbaren. Ein Bild des Klimas braucht viele Jahre.

Fraglich könnte jedoch sein, ob Recht die Moral überhaupt fördert oder im Gegenteil ihr vielmehr hinderlich ist.

Brauchen die Menschen Recht, um moralisch zu handeln?

Moral bezeichnet erstmal die faktischen Konventionen, Regeln, Prinzipien oder Handlungsmuster einer Gruppe. Die Begriffe Moral, Ethos oder Sitte sind daher fast gleichbedeutend und werden ganz ähnlich gebraucht. Gleichzeitig schafft ein moralisches Urteil auch eine Normsetzung, was sich kompliziert anhört aber eigentlich nur meint, dass die moralische Beurteilung einer Sache, etwa als gut oder schlecht, ihr Wert gibt oder nimmt.

Moral im engeren Sinne meint zusätzlich die ganz subkjektive Neigung der Sitte oder Moral im weiteren Sinne zu folgen oder von ihr abzuweichen. Dazu passt die schöne Geschichte des Generals von Friedrich dem Großen, einem von Mahlsdorf, der sich entscheidet einem Befehl Friedrichs zur Plünderung eines sächsischen Schlosses, ich meine es war die Moritzburg, nicht zu folgen, weil ihm der Gehorsam keine Ehre brachte, sondern er der Legende nach sogar sagte, eine Plünderung stünde einem Oberst des Regiments der Gendarmen nicht gut zu Gesicht und dafür von Friedrich bestraft wurde, was seine Erben sogar auf seinem Grabstein vermerkten.

Dazu gehört auch der berühmte Spruch, dass, wo Recht zu Unrecht wird, Widerstand zur Pflicht wird. Dies wurde und wird viel bei den Tätern der NS-Zeit diskutiert und dafür gibt es die Radbruch’sche Formel, die ich oben schon erwähnte, wie meine kritische Haltung zu diesem moralischen Werturteil im Strafrecht zum Ausdruck brachte.

So gelten die Täter des 20. Juli um Graf Stauffenberg oder die Mitglieder des Kreisauer Kreises, um Helmuth James Moltke und Peter Yorck als moralische Vorbilder in einer Generation in der viele Väter zu Tätern und Verbrechern wurden und sich manche Kinder nicht sicher sein konnten, wo ihre Eltern denn nun standen, die hinterher von all dem nichts geahnt haben wollen.

Ungehorsam ist für einen Soldaten ein Verbrechen, das schwer bestraft wird. Deutschland befand sich 1944, als das Attentat auf Hitler versucht wurde, im Krieg mit dem größeren Teil  der Welt. Die Mitglieder der Verschwörung um Stauffenberg, wie der Kreisauer Kreis, der aber ein Attentat eher ablehnte, um eine Dolchstoßlegende zu vermeiden, zumindest äußerte sich Helmuth James ausdrücklich so, waren meist Offiziere im militärischen Dienst. Sie brachen damit Recht und wurden dafür hingerichtet.

Diese Urteile wurden nach dem Krieg wieder aufgehoben und auch durch das intensive Bemühen von Marion Dönhoff um die Ehre vieler ihrer hingerichteten Freunde wurden diese zu wichtigen Figuren der moralischen Rechtfertigung im neuen Deutschland.

Wie sollte dies Land anfangen und auftreten, das die größten vorstellbaren Verbrechen der Menschheit beging mit den rassistischen Morden an Millionen Juden aus ganz Europa, der systematischen Tötung von Homosexuellen, Behinderten, Zigeunern und anderen Gegnern des Regimes?

Welche moralische Position sollte ein neues Deutschland in der Welt einnehmen, die sogar dazu noch für vierzig Jahre gleich zwei davon bekam, die beide zu den Strebern und Klassenbesten in ihrem je Bündnis wurden?

Es gab darüber viele wichtige auch kulturelle Diskussionen zu denen auch die Gruppe 47 gehört, mit der Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki bekannt wurden. Viele fühlten sich schuldig, die meisten leugneten lange irgendwas gewusst zu haben. Günter Grass, der zum Sprecher des guten Deutschland und der Versöhnung mit Polen wurde war selbst gegen Kriegsende kurze Zeit noch Mitglied der Waffen-SS und steht damit beispielgebend für die vielen Widersprüche in den Biografien in Deutschland, auf die ich die eigene Familie betrachtend noch näher eingehen möchte. Für den Osten beleuchtete Peter Weiss in seiner Ästhetik des Widerstandes diese auch Widersprüche aus Sicht eines kommunistischen Widerstandskämpfers, der von Hitlers Unrecht entsetzt in den spanischen Bürgerkrieg flüchtet, wo er von Stalins Säuberungen erfährt und einen weiten Weg geht in der Hoffnung auf das gute, für ihn dann sozialistische Deutschland. Dieser in beiden Deutschlands verlegte Text brachte die Diskussion um Widerstand und Kultur neu in Gang und änderte auch den verklärten je Blickwinkel, um zu sehen, es gibt auf beiden Seiten gutes und schlechtes und ein kritischer Blick bleibt wichtig.

Als meine eine Großmutter nach dem Krieg anfing für englische Offiziere als Dolmetscherin zu arbeiten, wurde sie von diesen in ein KZ geführt, um ihr zu zeigen, was Deutschland getan hatte und konnte bis ins hohe Alter davon völlig erschüttert erzählen. Sie hätte sich das nie vorstellen können und wäre beinahe zusammengebrochen, war spürbar entsetzt

Ja, die Juden verschwanden aus der Nachbarschaft und es gab die Sprüche der Nazis, aber feinere Leute hätten doch diesen Stürmer nicht gelesen. Mein Urgroßvater, der Vater dieser Großmutter, hatte selbst im Gefängnis gesessen, als er seinen jüdischen Bankier freundlich grüßte, während dieser von der SS abgeführt wurde, war er verhaftet worden und nur die versammelte Belegschaft seiner Firma, die Ostfriesland einst elektrifizierte, konnte ihn aus der Haft brüllen.

Warum keiner die Juden aus der Haft brüllte oder sich den Zügen entgegenstellte, die sie nach Osten transportierten, ist so unklar wie die reale Blindheit auch in konservativen bürgerlichen Kreisen für die totalitär zersetzende Seite des Faschismus. So war meine Großmutter, die von Haus aus immer deutschnational war, wie sie bis Ende neunzig noch betonte, sicher von den schnieken Uniformen begeistert und der Ordnung für welche die Nazis wieder sorgten. Sicher wäre keiner für Auschwitz gewesen, kaum einer gäbe das bis heute zu, wo dergleichen zum Glück auch strafbar ist, doch verschwimmt die Grenze zwischen unbeteiligt, ein wenig widerständig und Mitläufertum schnell. Wirklich dagegen waren am Anfang nur wenige und auch die Geschwister Scholl, die als Studenten für den Abwurf ihrer liberalen Flugblätter in München an der Uni hingerichtet wurden, waren wie Stauffenberg anfänglich Anhänger des neuen Systems und Parteimitglieder.

Viele waren blind für den sofort nach dem Reichstagsbrand, also wenige Tage nach der Wahl Hitlers zum Reichskanzler 1933, einsetzenden Prozess, der die Demokratie auflöste und den totalitären Staat der NS-Diktatur durch Ausnahmeregeln schrittweise einführte. Glaube meine beiden Großmütter fanden es gut, dass Hitler für Ordnung sorgte, die Wirtschaft in Schwung brachte, wenn auch auf Kredit und mit geklautem Geld, was noch keiner ahnte. Vor anderem wurden die Augen lieber geschlossen, alles war besser als die Kommunisten dachten viele. Damit wurde ich auch noch im Kalten Krieg im Westen Deutschlands groß, eine nicht selten anzutreffende Sicht in bürgerlichen Kreisen.

Damit waren ehemalige Nazis, die sich schnell wendeten und etwa Christdemokraten wurden, rasch wieder in hohen Funktionen integriert, es wurden ja auch Fachleute gebraucht und Deutschland hatte nicht genug Widerstandskämpfer mit Erfahrung, ein Land wieder aufzubauen. Dazu kam, viele, die im Widerstand waren, standen den Kommunisten nah, hatten nicht auf gut deutsch gehorcht sondern waren ungehorsam gewesen, waren dem Führer teilweise im Krieg in den Rücken gefallen, oder, was noch schlimmer nach dem Krieg war, standen den Kommunisten nah, wurden von Moskau bezahlt.

Die Großmütter haben sich beide wohl nicht im Krieg mit Ruhm des Widerstandes bekleckert, vielleicht weil ihnen das nicht lag, sie irgendwann Angst um ihre Kinder hatte, sie schlicht unpolitisch waren und die Gefahr nicht erkannten, ich kann es bis heute nicht so genau sagen, obwohl ich viel mit meinen Großmüttern sprach. Ihre Aussagen waren da auch widersprüchlich, selten historisch konsistent und viel von starken Gefühlen geprägt in dieser Zeit von Angst und Schrecken gelebt zu haben.

In hohem Alter, als mein Großvater schon gestorben war, erzählte meine Großmutter plötzlich, sie sei zu einer Ehrung ins Bremer Rathaus geladen worden, weil ihren Schwiegereltern, deren einziger Sohn mein Großvater war, eine Ehrung in Yad Vashem zugekommen sei. Diese hätten über den ganzen Krieg ein jüdisches Ehepaar in ihrem Haus am Osterdeich versteckt, in dem ich mein erstes Lebensjahr verbrachte. Ob das stimmt, konnte ich nicht verifizieren, finde es aber auch nicht so wichtig, wie historisch wahr diese Erzählung ist, was für mich dabei zählt, ist ein geändertes historisches Bewusstsein.

Während früher noch die ewige deutsche Geschichte von den Autobahnen und der Ruhe und Ordnung auf den Straßen erzählt wurde, was logisch ist, wenn diejenigen, die für die  eine Hälfte der Unruhen verantortlich waren, plötzlich regierten und die andere Hälfte in Lager steckte mithilfe der Reichstagsbrandverordnung, wurde ihr im Alter immer wichtiger vom Widerstand meines Urgroßvaters, ihres Vaters und ihrer Schwiegereltern zu erzählen, was immer daran war. Es ist für mich weniger wichtig, was historisch da tatsächlich passiert ist, als wie sie es moralisch bewerten und auch ihre eigene Rolle dabei veränderten, was zu einem vollständig anderen moralischen Urteil über ihre Zeit und ihr Leben führte. Sie waren sich der zumindest deutschen Schuld bewusst geworden und sahen Widerstand als Ehre an.

Die Mutter meines Vaters hielt sich dagegen erstaunlich zurück in diesem Bereich. Ihre Stiefmutter, die eine überzeugte Nationalsozialistin war, mochte sie nicht sonderlich. Sie kannte einige Offiziere, die später dem Widerstand zugeordnet wurden und die meinen Großvater wohl mal in Güstrow besuchten. Das wären jedoch immer nur die Kameraden aus dem Kadettenkorps gewesen, von mehr wusste sie angeblich nicht. Barlach den sie kannte, die als Gutstochter eine Zeit bei Bülows dort gelebt hatte, mochte sie nicht sonderlich. doch schien sie mir in allem immer eher unpolitisch und sie stimmte dem zu, sagte, sie hätte ja schließlich 4 Kinder gehabt und da hätte sie im Krieg ohne Mann, der an der Front war, andere Sorgen gehabt.

Die übliche Geschichte eben und ich nahm sie hin, weil ich meine Großmutter liebte und fragte nicht nach, was sie denn von 1933 bis 1938, als ihre ältesten Söhne geboren wurden, dachte und tat. Habe ich auch meine andere Omi nie gefragt, vielleicht habe ich mich auch darum so gut mit ihnen verstanden und so viele Geschichten gehört. Die Frage nach der moralischen Rechtfertigung stellte ich nur allgemein und sie antworteten so mit der kleinen Änderung, dass sich ihre moralische Sicht wohl im Alter veränderte und sie weniger Rechtfertigung noch suchten, als zu erklären, wie nah sie doch dem Widerstand waren, der früher kein Thema war, auch ihren Kindern gegenüber nie, die nach 1968 mit Fragen begonnen hatten.

Die Großväter hielten sich erstaunlich lange sehr zurück. Der eine war in russischer Gefangenschaft gewesen. Ein Spätheimkehrer, der vermutlich nur überlebte, weil er Zahnarzt war, hielt sich vornehm hanseatisch lieber zurück und rechtfertigen wollte er sich schon gar nicht. Er war kein Freund der Nazis. Der andere zu Kinderzeiten preußischer Kadett als Sohn eines gefallenen höheren Beamten, war seiner Französisch Kenntnisse wegen an der Westfront und in Belgien eingesetzt. Nach dem 20. Juli als sein Name irgendwo auf den Listen von Goerdeler auftauchte, der leider eine Liste der Verschwörer gegen die Vereinbarung bei sich Zuhause hatte, was noch manchen den Kopf kostete, wurde ihm ein Verfahren wegen Unterschlagung und Betrug gemacht und danach wurde er an die Ostfront geschickt, um verfeuert zu werden. Er überlebte dennoch und musste nach dem Krieg mit Hilfe von Resistance-Kämpfern aus Belgien, mit denen er befreundet war, seine Vertrauenswürdigkeit beweisen, während sein Bruder, der ein mittelgroßer Nazi war, rechtzeitig bei der Kirche wieder Unterschlupf fand und von dieser gedeckt wurde.

Der väterliche Großvater erzählte mir auf Drängen und mehrfache Nachfrage seine Version der Geschichte seiner Degradierung und des Betrugsverfahrens, die damit zusammen hing, dass er auf den Listen Goerdelers stand, sie ihm aber nichts nachweisen konnten. Er wäre nie ein Nazi gewesen, auch nicht wirklich Widerstand aber klar kannte er viele Offiziere aus dem Widerstand aus Lichterfelde, so wäre er da reingerutscht eher, wie er sagte. Er stapelte lieber tief, statt sich zum Helden zu machen, der er da wohl auch nicht war.

Es hatte sich aber bei beiden das moralische Bewusstsein ihrer Haltung zu dieser Zeit verändert. Ihrem Enkel gegenüber vertraten sie nun andere Sachen als ihren Kindern gegenüber. Was davon nun wahr ist und ob es den Kindern gegenüber mehr um Ordnung und Disziplin wie auch Gehorsam ging, sie den Enkeln gegenüber großzügiger sein konnten, wie Großeltern eben so sind, oder sich tatsächlich ihr moralisches Bewusstsein und ihre Sicht auf die eigene Geschichte verändert hat, weiß ich nicht. Täter waren sie wohl beide nicht im Sinne des Nationalsozialismus und gegen ihn nur ganz am Rande, dennoch bin ich froh, dass es ihnen im Altern wichtig war, sich als moralische Gegner darzustellen.

Moralische Urteile unterliegen der Veränderung. Gerade schrieb ich mit einem Freund zu einem der Texte über Recht und Ordnung und erinnerte ihn bezüglich der moralischen Bewertung, die er für ganz sicher hielt, an seine Tante, die als Witwe eines Widerstandskämpfers aus dem Kreisauer Kreis und Studienfreundin von Dietrich Bonhoeffer als moralisch absolut integer galt und doch selbst als Richterin in der jungen Bundesrepublik Urteile gegen Homosexuelle nach § 175 StGB fällte, die wir heute klar als Unrechtsurteile qualifizieren würden, obwohl sie selbst Opfer der nationalsozialistischen Intoleranz gewesen war, von der diese Regelung noch stammte.

Gerade las ich in der FAZ in einem Artikel von einer neuen Biografie über den Großvater meines Freundes, dessen Vettern dem Widerstand so nah waren. Danach soll der unter seltsamen Umständen in Spanien zu Tode gekommene, der angeblich dort den geheimen Auftrag hatte Franco zu beseitigen, wofür auch die Beweise recht dünn sind, insbesondere was seine Absichten betrifft, doch besser mit den Nazis kollaboriert haben auch in Polen, wo er in Warschau bis zum Einmarsch Botschafter war, als bisher angenommen. Kenne andererseits vom Hörensagen eine Geschichte eines uralten Resistance-Kämpfers, einem Straßburger, der in zwei Weltkriegen an fast allen Fronten auf beiden Seiten kämpfte, an sehr vielen zumindest, der sich an den Namen erinnerte und sich sicher war, dass dieser Botschafter ein guter war und mit ihren Kämpfern in Kontakt war. Glaube dem alten Straßburger Freund seine Geschichte, warum sollte er sich so etwas ausdenken, inzwischen ist er vermutlich längst verstorben, es ist über zwanzig Jahre her und er war damals schon weit jenseits der neunzig. Denke aber auch der Historiker wird gut recherchiert haben und der Großvater meines Freundes wird sich auch irgendwie arrangiert haben und kein nur Widerstandskämpfer gewesen sein als Diplomat, stand er ja schon beruflich gerne zwischen den Stühlen.

Moralische Urteile, dass zeigen mir alle diese Geschichten über eine moralisch und historisch schwierige Zeit, sind wandelbar und obliegen auch immer den Strömungen der Zeit. Was macht ein Vater von 5 Kindern, dessen Vettern dem Widerstand nahe waren, wenn er vor der Wahl steht, ins Konzentrationslager zu kommen, oder dem Regime zu dienen?

Dies scheint eine Gewissensfrage zu sein und damit kämen wir zur Basis aller moralischen Entscheidungen und dem Ausgangspunkt des kategorischen Imperativs, der alles am Gewissen misst.

Wer könnte von sich sagen, wie er in dieser Situation handelte?

Dies über sich zu sagen, ist schwer genug und ich traue mir dies Urteil kaum zu. Würde ich das Leben meiner Tochter oder ihre Sicherheit gefährden, um meiner politischen Überzeugung folgend, Widerstand zu leisten, oder würde ich mich als Künstler lieber ins innere Exil zurück ziehen und nur darüber schreiben, frage ich mich und hoffe es nie entscheiden zu müssen. Spannend finde ich an dieser Stelle eine andere Geschichte über die Schwester des obigen Freundes, die ich einerseits sehr mag, andererseits manchmal etwas sehr angespannt finde auch mit ihren Kindern, ohne mir darüber ein Urteil erlauben zu dürfen, sprach ich an der Hochzeit des Freundes darüber mit einem seiner anderen Freunde, der schon seit Kinderzeiten ein Freund der Familie war und der nur in seiner bayerischen Gelassenheit sagte, sie mag a bissel nervig manchmal wirken, aber wenn Not wäre oder ich mich verstecken müsste, wüsste ich niemandem, dem ich eher und mehr vertrauen würde, sie wäre für ihn eine absolut integre Person. Das ist ein klares moralisches Urteil über das Verhalten eines anderen in einer Notsituation, finde ich erstmal mutig, mehr aber noch muss ich ihm, je mehr ich darüber nachdenke, völlig zustimmen und finde auch dies mein moralisches Urteil erstaunlich, auch wenn ich mir ganz sicher bin, sie ist sicher einer der integersten Menschen, die ich kenne.

Gibt es wirklich ein moralisches Gesetz, das über allem steht und uns immer leitet, wie es der kategorische Imperativ vorsieht oder ist das in einem Unrechtsstaat eine Illusion in dem jeder auch um sein Überleben kämpfen muss?

Die sich zum Widerstand aufrafften, werden dies bejahen. Sie folgten einem höheren Recht, das sie für verbindlich hielten, um etwa das gute Deutschland zu retten, das unter dem Terror der Nazis unterzugehen drohte. Ihnen schien dies nur moralische Recht, das noch nirgendwo als Norm niedergelegt war, außer vielleicht in den Ideen des Völkerbundes, den Deutschland aber unter Hitler längst verlassen hatte. Die ganz große Mehrheit aber, die sich regimekonform verhielt, wird es anders sehen und auch ein Adolf Eichmann, der Organisator des Holocaust, sagte nach seiner Verhaftung, er habe sich doch nur an Recht und Gesetz gehalten, seine Arbeit als Beamter ordnungsgemäß verrichtet.

Dass Eichmann vom Mossad entführt wurde und ihm in Israel der Prozess gemacht wurde, der mit dem Todesurteil endete, ist eine andere Geschichte und die Rache der Juden im Staat Israel ist verständlich und scheint moralisch bei diesem Täter berechtigt, auch wenn er sich an Recht und Gesetz hielt, scheint uns sein Handeln keinesfalls als legitim. Rechtlich betrachtet jedoch scheint mir die Verurteilung sehr problematisch, weil hier einer aufgrund eines späteren moralischen Urteils bestraft wurde, das zum Tatzeitpunkt weder für ihn noch für andere galt. Wer dürfte danach so behandelt werden, wenn er sich an das unrechte Gesetz des NS-Staates hielt und wer nicht?

Muss nicht ein strafrechtliches Urteil, wenn es rechtsstaatlich sein soll, und Israel nimmt ja aus guten Gründen für sich in Anspruch der einzige Rechtsstaat im Nahen Osten zu sein, immer dem nulla poena Grundsatz genügen und ist dessen Aushebelung auch durch die Radbruch’sche Formel, die sich auf höheres Naturrecht bezieht, nicht das Ende des Rechtsstaates und raubt damit entsprechenden Urteilen jede Legitimation?

Aus moralischen Gründen, damit die Schweine bestraft werden konnten, die sich an die Nazi-Gesetze hielten, wurde obige Formel erfunden. Dennoch hebelt sie den Rechtsstaat in einem seiner wichtigsten Prinzipien aus, die auch in der Beschränkung staatlicher Macht als Schutz der Bürger vor Willkür, erlassen wurde. Damit raubt sie jedem folgenden Urteil eigentlich die Legitimation, auch wenn wir es seit Jahrzehnten aus guten moralischen Gründen anders in Deutschland praktizieren, scheint mir die Anwendung des Strafrechts als Mittel zur Durchsetzung moralischer Positionen schwierig und eigentlich falsch, weil es die höhere Gerechtigkeit, auf die sich die Urteile berufen, so wenig gibt wie ein Naturrecht, das dem Menschen bestimmte Rechte gibt.

Jedes Gesetz ist Produkt eines formalen Prozesses, der in Demokratien relativ durchsichtig sein muss. Nur was diesen Anforderungen genügt, kann gesetzliche Wirkung entfalten und damit auch die Freiheit der Bürger in Folge einschränken, die Teil der Gesellschaft sind, die das Gesetz erlassen hat. Eine wie auch immer begründete höhere moralische Norm ist nur eine relative Idee, die von Moden, Zeitströmungen, Aberglauben und vielem mehr abhängt. Sie dürfte keine formale Wirkung wie ein Gesetz entfalten, was sie aber tut, wenn wir die Berufung auf ein höheres moralisches Recht zulassen und damit dem Unrecht im Rechtsstaat die Tür öffnen.

Auch die Nationalsozialisten waren davon überzeugt, dass ihr Recht einer höheren Moral genügte und sie gemäß ihrer Ideologie zum Wohle des Volkes handelten, was sie vor dem Untergang durch Bolschewisten und Juden schützen wollten. Diese rassistische Lehre basierte zwar allein auf Vorurteilen und hatte keine vernünftige sachliche Grundlage aber war eine in sich geschlossene Moral, die über allem stand, wie es danach die der Menschenrechte war, die moralisch Urteile legitimierte, die rechtsstaatlich betrachtet eigentlich Unrecht waren.

Zum Wandel der moralischen Sichten fällt mir noch die Geschichte meiner langjährigen Freundin während des Studiums ein, deren Vater als Sohn des Gutsverwalters von Hindenburg in Ostpreußen noch auf eine Adolf Hitler Schule ging und im Geist des Nationalsozialismus groß wurde. Er kämpfte noch als Jugendlicher kurz vor Kriegsende gegen die Alliierten in Schwerin, wohin sie nach der Besetzung Ostpreußens geflohen waren. Nach dem Krieg studierte er Jura, wurde ein bekannter und erfolgreicher Völkerrechtler, der sich auch privat immer für die Deutsche Einheit setzte und CDU Mitglied war. So auch seine spätere Frau, mit der er früh viele Kinder bekam, die noch als BDM voller Überzeugung gedient hatte und später auch in der CDU engagiert, es unter anderem bis zur Ortsbürgermeisterin brachte. Respektierte und anerkannte Menschen, die in der Bundesrepublik Karriere machten, ohne sich für ihre jugendliche Verwirrung noch rechtfertigen zu müssen, außer vielleicht mal vor ihren Kindern. Will beiden nicht absprechen auf dem Boden des Grundgesetzes zu stehen und in diesem Sinne ihre konservativen Positionen gelebt zu haben. Dennoch sind sie auch Teil der Geschichte des anderen Deutschland, dessen Verantwortung für den größten Massenmord der Geschichte immer bestehen bleibt und wachgehalten werden sollte, um für die Zukunft zu lernen, was gerade in der aktuellen Situation sehr nötig scheint, in der rechte Gruppen von Osten her wieder gegen eine religiöse Gruppe mit rassistischer Tendenz hetzen.

Diese Geschichten des Wandels der Überzeugungen, die Menschen zugleich auf der Seite des Unrechts und der höheren Gerechtigkeit stehen ließ, gibt es sehr viele und immer wieder in ehemaligen totalitären Regimen. Auch nach dem Sturz der Diktatur in der DDR und der Etablierung demokratischer Strukturen dort, nahmen Menschen, die vorher für den Sozialismus einstanden, plötzlich Führungspositionen im Kapitalismus ein und passten sich an.

Dürfen wir die Linke, die Nachfolgeorganisation der SED ist, darum für alle Zeiten moralisch verurteilen, weil es in ihren Reihen auch Anhänger des Massenmörders Stalin gibt?

Was erlaubt den Siegern der Geschichte ihr moralisches Urteil und auf welche Basis stellen sie es?

Die Strafurteile gegen wenige Täter und die Täter hinter den Tätern im SED-Regime, wie  gegen einige Mauerschützen und wenige SED-Bonzen, zeigen diesen Konflikt. Auch da wurde wieder unter Berufung auf höhere Moral die Radbruch’sche Formel gebraucht und Soldaten, die ihren Dienst vorschriftsgemäß versahen, der Prozess gemacht, weil doch jedem moralisch offensichtlich sein müsste, dass der Schuss an der Grenze auf Menschen, die in die Freiheit fliehen wollen, Unrecht sei.

Ein bundesdeutscher Grenzschützer, der nach mehrfacher Aufforderung stehen zu bleiben, auf einen Flüchtling oder einen Eindringling schösse, den er für eine Gefahr halten darf, handelte legitim. Gleiches gilt, wenn Polizisten von ihrer Schusswaffe gebrauch machen und die Voraussetzungen dafür vorliegen.

Will weder die  Mauerschützen noch die Täter des Nationalsozialismus moralisch verteidigen, dass die Schweine bestraft wurden, scheint mir moralisch gut. Doch ist eine Bestrafung immer ein Rechtsakt eines Rechtsstaates für den besondere Voraussetzungen zu gelten haben. Der Staat ist an Recht und Gesetz gebunden bei jedem seiner Akte. Er handelt nicht aufgrund einer höheren Moral.

So könnte auch die beste Moral nicht die Enteignung der Deutschen Bank zum Wohle des Staates rechtfertigen, auch wenn dieser viel zu mächtige Konzern nachweislich in verschiedenste teils mafiöse Strukturen der Geldwäsche verwickelt war und seit Jahren in Teils betrügerischer Absicht die Gesetze in Deutschland umging, wie inzwischen hinlänglich bekannt ist. Eine solche Enteignung und Zerschlagung der teils verbrecherischen Deutschen Bank, so gute moralische Gründe es dafür geben mag, bräuchte eine gesetzliche Grundlage, die im Rechtsstaat momentan nicht vorhanden ist, warum dieser Akt, auch wenn manche ihn moralisch gut heißen würden, rechtlich nie zu rechtfertigen wäre und damit zu einem Unrechtsurteil führte.

Es gab und gibt in der Deutschen Bank sehr moralische Menschen und unmoralische Täter, die teilweise schon bestraft wurden. Ein moralisches Urteil über Macht und Finanzgebahren des größten deutschen Geldhauses allein kann aber keine rechtlichen Schritte gegen dieses rechtfertigen. Der Rechtsstaat setzt auch der staatlichen Moral Grenzen, wie gerade das Land Bayern erfahren musste, dass sein moralisches Karfreitagstanzverbot noch weiter ausdehnen wollte und dafür vom Bundesverfassungsgericht in die Schranken gewiesen wurde aufgrund der Klage eines humanistischen Verbandes, der sich in seinen Rechten beschränkt sah.

Der Rechtsstaat ist gut und wichtig und momentan wohl die gerechteste Form in der eine große Gemeinschaft ihr Zusammenleben organisieren kann. Darum gilt es ihn zu verteidigen und die Rechte aller Teile zu wahren. Dazu gehört auch das Grundrecht der Angeklagten, die nicht gegen den nulla poena Grundsatz verurteilt werden dürfen. Unser Staat hat mit seinen Gerichten dagegen ein moralisches Urteil gefällt, nach dem die herrschende Moral wichtiger sein darf, als die Prinzipien des Rechtsstaates nach denen geurteilt wird. Dies ist Unrecht im Sinne des Rechtsstaates, der aber wiederum als einziger Recht sprechen darf. Tut er dies nicht zu Recht, raubt er sich damit die Legitimation, rechtmäßig zu handeln.

Die Basis für Strafurteile sind immer Gesetze, keine Moral, auch wenn diese den Gesetzen zugrunde gelegen haben mag, darf sie beim Eingriff des Staates in die Freiheit des Bürgers, die den Staat erst begründet, nicht die formalen Grenzen staatlichen Handelns umgehen. Der Schaden der dem Staat durch die Umgehung der rechtsstaatlichen Prinzipien in seiner Legitimation droht durch solch unrechtmäßigen moralischen Gerichtsurteile, ist größer als der Gewinn an moralischer Sauberkeit, weil das Schwein bestraft wurde.

Moral und Recht können sich harmonisch verstehen und im Rechtsstaat sollte alles Recht einer einheitlichen und freiheitlichen moralischen Grundlage genügen, aber in Urteilen hat dies nichts zu suchen, die haben sich nur an Gesetze zu halten, die zum Tatzeitpunkt galten.

Wer es für moralisch geboten hält, bestimmte Täter zu bestrafen, um so der Gerechtigkeit genüge zu tun, kann dies nur im Wege der Siegerjustiz wie sie in den Nürnberger Prozessen gegen die Täter des NS-Regimes angewandt wurde. Diese ist nicht rechtsstaatlich und nur einer sich wandelnden Moral unterworfen, gleicht damit den Hexenprozessen, die wir heute selbstverständlich verurteilen, auch wenn diese erstmals rechtsstaatliche Grundsätze sogar im Reich einführten, was heute absurd klingt.

Die Achtung vor dem Rechtsstaat gebietet ihn, zumindest wenn er straft und damit meint in Bürgerrechte eingreifen zu dürfen, von aller Moral freizuhalten und sich auf die Formalien zu beschränken und so zeigt sich, wie gefährlich die Verknüpfung von Recht und Moral eigentlich ist.

Moralisches Handeln, wie es Kant in seinem kategorischen Imperativ fordert, demgemäß wir stets so handeln sollen, dass unser Handeln auch Gesetz für jedermann sein könnte, also moralisch zu jeder Zeit, an jedem Ort und für jedermann gelten kann, steht über dem Rechtsstaat. Es ist ein bloßer Näherungswert, der tatsächlich nie erreicht werden kann, doch zählt das Streben danach, um moralisch, also gut zu handeln und sein eigenes Handeln kritisch infrage zu stellen. Wer so moralisch handelt, ist aufgeklärt in dem Sinne, dass er sich aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit befreit hat und jedes Gesetz wie jede seiner Handlungen an seinem Gewissen misst und dafür Verantwortung übernimmt.

Wer so handelt ist erst wirklich frei, für denjenigen gelten Gesetze nur insoweit, er sie mit seinem Gewissen vereinbaren kann, auch wenn er eine sie ist. Diesen freien Bürger setzt der Rechtsstaat eigentlich voraus, es ist derjenige, der eigentlich keine Gesetze mehr bräuchte, weil er auch ohne sie moralisch handelte und moralisch handelt ohnehin nur derjenige, der alles Handeln an seinem Gewissen misst, warum all die Gesetze eigentlich nur lästig und überflüssige Verblödung sind, die vom moralischen Handeln abhält. Eine Krücke für alle gewissensmäßig behinderten Menschen, die andererseits der Rechtsstaat, um sie bestrafen zu können, wieder für frei erklärt und mit der Strafe zugleich etwas tut, was deren Zweck eigentlich entgegensteht. Eine autoritäre Bestrafung steht einem freien Urteil des Gewissens entgegen, derjenige übernimmt keine Verantwortung, sondern es wird nur etwas aufgezwungen, was Geld kostet und nichts bringt, als ein kriminelles Umfeld zu schaffen.

Vom moralischen Standpunkt her ist das Strafrecht völliger Unsinn, da es das Gegenteil von dem tut, was es erreichen möchte, nämlich den Täter sittlich verantwortlich zu machen, was nur ein freier Mensch aus eigenem Entschluss sein kann. Daneben gilt das Strafrecht noch als staatliche Form der Rache oder Vergeltung wie es juristisch korrekt gesagt wird. Damit sollte Rechtsfrieden hergestellt und die ewigen Fehden beendet werden. Nur der Staat darf noch Gewalt ausüben, außer jemand verteidigt sich, wenn er gerade angegriffen wird.

Dennoch scheint es uns nötig um ein bloßes Recht des Stärkeren zu verhindern, das Zusammenleben in geordneten Bahnen laufen zu lassen. Manche Täter werden auch weggesperrt, um die Gesellschaft vor ihnen zu schützen, was jedoch in Anbetracht von deren Grundrechten nur sehr beschränkt möglich ist. Gerade hat das Kabinett in Reaktion auf den Berliner Anschlag eine Verschärfung der Haft für Gefährder gefordert, womit auch wieder Grundrechte eingeschränkt wurden, auch wenn uns das gerade zum Schutz der Bevölkerung sinnvoll erscheint, ist der moralische Wert solches Aktionismus sehr fragwürdig.

Wir nehmen zur Verteidigung unserer Freiheit billigend in Kauf deren Grundlagen infrage zu stellen und wundern uns, wenn das, was übrig bleibt nur ein hohles Gerippe im autoritären Kostüm ist, was seinen zentralen Wert verlor. Wer nur Normen und Befehle befolgt, handelt nicht moralisch sondern wie ein Automat ohne jeden sittlichen Wert. Solange die Normen im Einklang mit dem Rechtsstaat und der gerade zufällig herrschenden Moral stehen, ist alles gut, falls nicht, haben wir aus diesem System heraus keine Antwort.

Der Rechtsstaat ist an Normen gebunden und sollte nur ihnen entsprechend handeln, wo er sein Recht aus nur gedachtem Naturrecht ableitet, handelt er ohne Rechtsgrundlage und damit illegal. Jeder einzelne ist nur seinem Gewissen verantwortlich, um dem kategorischen Imperativ gemäß zu handeln, wer nur Normen befolgt, handelt nicht sittlich gut oder moralisch.

Zwischen diesen Gegensätzen müssen wir im Alltag immer wieder einen Kompromiss suchen, mit dem wir leben können. Zu verstehen, dass Recht und Moral ein schwieriges Verhältnis im Schatten der Freiheit haben und der Staat manchmal paradoxe Dinge tut, indem er infragestellt, was er zu seiner Begründung etwa bei der Strafe braucht und dafür schlechte Kompromisse schließt, die nicht logisch sind, mit denen wir aber irgendwie überleben, kann uns helfen, die relative Gültigkeit aller menschlichen Normen und aller Moral zu erkennen.

Höhere Gesetze sind nur für die relevant, die sie zufällig glauben und nicht für jeden Bürger also, daher jenseits des Aberglaubens irrelevant. Es bleibt der kategorische Imperativ als moralisches Ziel und Näherungswert, mit dem wir bestmöglich leben können. Wer stets rücksichtsvoll handelt und sich kompromissbereit zeigt, wird damit  bestmöglich durchs Leben kommen. Die Suche der Epikuräer nach dem Glück ist der Kompass des Weges, Rücksicht auf das Glück der anderen die Richtschnur, nach der sich aufrecht gehen lässt.

Weniger Recht ist mehr Moral im Miteinander, was viele, die nach Gesetzen brüllen gegen die Unmoral, wohl vergessen haben.  Der Rechtsstaat verliert seine Legitimation wo er nur moralischen Grundsätzen folgt und schafft damit auch formell Unrecht. Dennoch braucht es noch ein minimum an Regelungen, um den Übergang bis zu dem Zeitpunkt zu ordnen, an dem alle moralisch handeln. Auf diesem Drahtseil zu wandeln und die Freiheit zu verteidigen, wird in Zeiten zunehmender Angst immer wichtiger.
jens tuengerthal 11.1.2017

Dienstag, 10. Januar 2017

Gretasophie 007c

007c Chancen der Freiheit

Ist Freiheit in Zeiten von Krieg und Terror noch eine Chance?

Wer mehr Sicherheit will, gibt dafür Freiheit auf. Das fängt bei Grenzkontrollen und der Videoüberwachung im öffentlichen Raum an und endet noch nicht mit der Kontrolle des Internets. Unsere Verfassung sieht strenge Auflagen für die Beschränkung der Freiheit vor, die in Zeiten des Terrors, insbesondere seit dem 11. September 2001, schon sehr weit ausgehebelt wurden, um mehr Sicherheit zu gewährleisten.

Viele Bürger sagen inzwischen, lieber mehr Kontrollen, damit nichts passiert, sie hätten sich ja nichts vorzuwerfen, wollen sich lieber sicher fühlen. Der Staat gibt ihnen gern die Illusion, durch mehr Kontrolle, könne mehr Sicherheit gewährleistet werden. Wirkliche Sicherheit gibt es jedoch nicht, sondern nur weniger Freiheit und mehr Kontrolle bei fortbestehender Unsicherheit, der wir durch Angst Raum geben können oder nicht.

Doch geht es nur um den Vorwurf, gefährlich zu sein oder steckt mehr hinter der so möglichen verstärkten Kontrolle aller Bürger?

Manche machen sich die Angst zunutze und verbreiten Lügen oder den Vorwurf Volksverräter gegenüber Politikern, die mit einer menschlichen Aufnahmepolitik von Flüchtlingen ihr Sicherheitsgefühl gefährden. Diese Wort aus dem Sprachgebrauch der Nationalsozialisten, das gerade zum Unwort des Jahres gewählt wurde, suggeriert es gäbe ein Volk in ihrem Sinne, der meist biologisch durch behauptete Rassen begründet ist und die Politik, die Menschen in Not aufnimmt, würde das Volk verraten und dem Terror ausliefern, da Terroristen so ungehindert ins Land gekommen wären.

Dies ist aus mehreren Gründen falsch und gelogen. Zum einen gibt es das Volk im Sinne nationalsozialistischer Ideologie längst nicht mehr. Migranten leben hier als gleichberechtigte Bürger und können, so sie die Bedingungen erfüllen, eingebürgert werden. Deutscher ist, wer einen deutschen Pass rechtmäßig hat. Dies Land braucht dringend sehr viel Zuwanderung, um den Geburtenrückgang am Arbeitsmarkt auszugleichen. Wer sich dagegen wendet, beschleunigt das Aussterben der Gesellschaft, schwächt damit die Ökonomie und verdiente, wenn überhaupt die Bezeichnung Volksverräter, weil damit die Zukunft verbaut wird. Zum anderen ist die zeitlich befristete Aufnahme von Flüchtlingen aus Bürgerkriegsgebieten keine Migrationspolitik, sondern nur ein Akt menschlicher Solidarität für Menschen in Not. Der Vorwurf der Überfremdung wird hauptsächlich in Regionen erhoben, in denen bisher keine oder fast keine Migranten lebten. Des weiteren teilt diesen Vorwurf nur eine kleine Minderheit der Deutschen überhaupt. Die große Mehrheit ist zwar teils besorgt gewesen, bemühte sich aber offen um die Integration der Neuankömmlinge. Wenn könnte diese Gruppe also von Randgruppenverrätern sprechen, dahingestellt was die Verwendung nationalsozialistischen Vokabulars über die Nutzer hier verrät, da es nicht um rechte Politik sondern um die Gefahren der Freiheit geht.

Diese Menschen fürchten teilweise, durch das Auftauchen einer muslimischen Minderheit in ihren Freiheiten beschränkt zu werden, sprechen vom Untergang des Abendlandes, das sie als christlichen Kulturraum definieren. Denkbar ist zwar, dass eine Minderheit durch zunehmende Migration bei gleichzeitigem Aussterben der Mehrheitsgesellschaft zur Mehrheit wird und damit die Geschicke des Landes demokratisch bestimmen könnte, doch sprechen die Zahlenverhältnisse eine deutlich andere Sprache, so dass die politisch missbrauchte Lüge der Minderheit die Freiheit der Mehrheit gefährdet, die in unbegründete Angst versetzt wird. Wenn die Freiheit hier ausstürbe, weil sie sich nicht vermehrte, war sie nicht wert, erhalten zu werden und die Welt ginge ihren natürlichen evolutionären Gang weiter. Wenn die Mehrheitsgesellschaft ihre Werte einer Minderheit nicht vermitteln kann, schien sie nicht erhaltenswert, was also in unserer Hand konstruktiv liegt.

Warum die vermeintlichen Verteidiger der hiesigen Freiheit nicht gerade diese verteidigen mit allen ihren Rechten, zu denen auch Asyl gehört, sondern dies tun wollen, in dem sie das Grundgesetz nach rassistischen Kriterien brechen, bleibt unklar, lässt eher vermuten, dass diese den islamistischen Terroristen in ihren totalitären Überzeugungen näher stehen als der freiheitlichen Gesellschaft, die sie von Innen bedrohen, warum der Staat gegen diese Gefahr genauso entschieden vorgehen müsste.

So ist die innere Sicherheit und damit die Freiheit im Land von zwei Seiten bedroht. Ob dies zugleich rechtfertigt die Freiheit der Bürger zu beschränken und diese Beschränkung im Verhältnis zur Bedrohung steht, ist stets zu prüfen. Der Rechtsstaat garantiert die Freiheit der Bürger wie deren Grundrechte. Darum und zur Sicherheit vor äußeren Feinden gibt es überhaupt Staaten und haben wir uns zu solchen zusammengeschlossen.

Was ist überhaupt diese Freiheit, die der Staat verteidigen will?

Freiheit heißt, zwischen verschiedenen Möglichkeiten ohne Zwang entscheiden zu können. Der Begriff meint in Philosophie, Theologie und Recht die Autonomie des Subjekts. Der Begriff gehört in seinen verschiedenen Dimensionen, von Psychologie bis zum Recht, zu den zentralen der menschlichen Ideengeschichte. Das Wort selbst hat vermutlich indogermanische Wurzeln, kommt von dem, was bei mir ist, also dem Eigentum und leitet sich vom germanischen fri-halsa ab, der, dem sein Hals gehört, der also über seine Person frei verfügen kann. Frei war danach, wer zu einer Gemeinschaft von einander Nahestehenden und Gleichberechtigten gehört, zwischen denen Frieden herrscht und die diesen Frieden nach außen verteidigen. Somit wird Freiheit immer relativ in der Zugehörigkeit zur Gruppe und den Bereichen bestimmt, in denen sie Herrschaft ausübt.

Würde Freiheit auch unabhängig von einer Gemeinschaft definieren wollen, als die eben Herrschaft über mein Leben, die besteht, ob ich mit anderen zusammenlebe oder für mich bleibe. Diese Freiheit kann einem keiner nehmen. Auch wer meint, einen anderen als Sklaven halten zu können, was glücklicherweise heute weltweit geächtet wurde, wenn es auch praktisch noch sehr ähnliche Verhältnisse gibt, hat keine Herrschaft über dessen Willen und Geist, so bleibt der Sklave noch faktisch derjenige, der über sein Leben als letztes entscheiden kann. Das zeigt wie sehr die Sklaverei als Hypothese einer könnte am anderen, wie an einer Sache, Eigentum erwerben, schon der Natur des Menschen als freies Wesen widerspricht, der bewusst über sein Leben bestimmen kann.

Die Entscheidung über das eigene Leben und dessen Ende war auch den Epikureern schon sehr wichtig, die darin den entscheidenden Ausdruck von Freiheit sahen, auch wenn sie die Lust wichtiger fanden, als Grund zu leben, was ja keinen braucht, weil es einfach ist und eben möglichst genossen werden solle. So sei es die vernünftigste Entscheidung nach Epikur, sein Leben zu beenden, wenn es keine Lust mehr bereiten könnte. Allerdings knüpft der Philosoph diese Entscheidung an eine reifliche und nüchterne Überlegung und nicht nur an einen Gefühlsausbruch, der die meisten heute nur dazu motiviert, von dem sich auch der Werther treiben ließ, was Goethe schreibend von dem Wunsch kurierte.

Freiheit heißt, die letzten Dinge, entscheiden zu können, warum auch die Todesstrafe mit einer freiheitlichen Verfassung und dem entsprechenden Menschenbild nie zu vereinbaren ist. Wer über den Tod eines anderen entscheidet, trifft eine unwiderrufliche Verfügung, was angesichts möglicher Irrtümer jeder Entscheidung kein Gericht darf, da es sich nach dem Tod nicht mehr korrigieren kann. Zum anderen wird, wenn eine Entscheidung über den Tod getroffen wird, die Freiheit des anderen endgültig zerstört. Damit kann er aber auch logisch nicht mehr bestraft werden, weil nur freie Menschen für ihre Taten Verantwortung übernehmen können. Wer nicht mehr ist, übernimmt keine Verantwortung und raubt damit jeder Strafe ihre Begründung und eröffnet eine reine Willkür im Sinne biblischer Rachegedanken, die mit dem Rechtsstaat nicht zu vereinbaren sind.

Freiheit ist an unser Sein geknüpft und findet den letzten Ausdruck darin über Sein oder Nichtsein zu entscheiden. Nur wer frei ist, kann moralisch handeln nach dem kategorischen Imperativ. Also so, dass sein Handeln jederzeit Gesetz für jedermann sein könnte. Unfreie folgen nur Befehlen. Fraglich ist also, ob die Befolgung von Gesetzen als Pflicht zur Freiheit im Widerspruch steht.

Hierbei geht es um die Handlungsfreiheit, so oder anders zu handeln, die in der Willensfreiheit  ihren Grund findet, die zentral für unseren Begriff von Freiheit ist. Solange wir bewusst handeln und wissen, was wir tun, kann die Entscheidung dem Gesetz folgen zu wollen, angenommen werden und darum der Einzelne für ein Zuwiderhandeln zur Verantwortung gezogen werden. Nicht das Schwein muss bestraft werden, sondern weil dort ein Mensch, der verantwortlich handelt, weiß was er tut, muss er dafür Verantwortung übernehmen, nimmt eben notfalls auch Sanktionen in kauf.

Nur wenn wir einen Täter für einen vernünftigen und verantwortlichen Menschen halten, können wir ihn für sein Handeln zur Verantwortung ziehen. Es kann einer auch aus dem Affekt oder reflexartig eine Tat begehen, was seine Verantwortung als Täter ändert. Auch die geistige Zurechnungsfähigkeit kann bei einem Täter beschränkt sein, was den Staat dann daran hindert, dessen Taten wie die eines vernünftigen Menschen, der vorsätzlich handelt, zu bestrafen. Darum kommen manche Täter in die Psychatrie oder eine bloße Verwahrung, um die Gesellschaft vor ihnen zu schützen, falls Gutachter dies für nötig halten.

Dies sind Fragen der Schuldfähigkeit. Manchmal gibt es aber auch Fälle, wo der Täter irrtümlich meinte, sein Tun sei erlaubt. Dann müssen die Gerichte prüfen, ob dieser Irrtum vermeidbar war. Früher konnten noch Menschen aufgrund ihrer geistigen Störung entmündigt werden, dann hatten sie selbst keine Verantwortung, für das, was sie taten, sondern nur ihre Vormünder. Das Bundesverfassungsgericht hat jedoch erklärt, dass eine Entmündigung nicht mit Artikel 1 Grundgesetz vereinbar ist.

Dieser erste Artikel schützt die Würde des Menschen und ist auch eine Reaktion auf die millionenfache Entwürdigung von Menschen durch die Verbrechen der Nationalsozialisten. Die Würde steht immer auch in engem Bezug zur Freiheit des Menschen, die durch Artikel 2 im Grundgesetz als geschützt erklärt wird.

Dieses Verständnis von Freiheit und Würde des Menschen unabhängig von seinem Geschlecht und seiner Abstammung, scheint vielen der Pegiden und AfD-Anhängern zu fehlen und damit ein grundsätzliches Wissen um das Funktionieren von Demokratie und Rechtsstaat. Sie wollten ihnen unliebsame Politiker aufhängen oder diese mit Mistgabeln aus Berlin vertreiben, verweigern Menschen ihr Asylrecht, weil Terroristen es missbrauchen könnten und fordern etwa die Todesstrafe für Kinderschänder, was noch deutlicher zeigt, wie wenig diese Menschen im Rechtsstaat ankamen und nicht verstanden haben, was Freiheit heißt. Darin gleichen die radikalen Rechten den Islamisten und wenig verwunderlich übernimmt nun auch die radikale Linke in Gestalt von Sahra Wagenknecht deren Forderungen teilweise und offenbart damit deren Unverständnis von Freiheit.

Ohne die Annahme der Freiheit jedes Menschen könnte es keinen Rechtsstaat und keine Urteile gegen einzelne Täter geben, die sich nicht an die Gesetze halten und damit die Freiheit der anderen einschränken oder gefährden. Die Demokratie und der Rechtsstaat setzen die Freiheit und Verantwortlichkeit ihrer Bürger voraus. Der Staat dient dem Schutz genau dieser Freiheit. Im Verständnis von Freiheit und Rechtsstaat genau unterscheidet sich die Bundesrepublik von der ehemaligen DDR, die kein Rechtsstaat war, auch wenn sie sich in ihrer Verwaltung den Anschein gab, deren Entscheidungen jedoch auf Grundlage eines totalitären Menschenbildes und der Diktatur einer Partei zustande kamen, die sich als Vertreterin der Arbeiterklasse verstand. Dies war nicht für jeden in allem so deutlich spürbar, zumal in der Propaganda wie der Internationalen die Verteidigung von Freiheit und Menschenrechten hochgehalten wurden, die jedoch de facto ganz grundsätzlich nie gewährt wurde.

Die Reisefreiheit ist nur ein Ausdruck davon, noch wichtiger war die Freiheit der Meinungsbildung und der Umgang mit pluralen und divergenten Auffassungen auch in den Medien, warum im Osten der Slogan von der Lügenpresse so viel Zulauf fand bei den Menschen, die früher das Neue Deutschland lasen und heute lieber russische Propagandasender schauen, die ihre Meinung bestätigen, statt sich ein differenziertes Bild in einer pluralen Medienlandschaft zu machen, die vermutlich viele Menschen nicht nur in Sachsen bis heute völlig überfordert.

Andererseits haben Bürger des Ostens als erste und einzige Deutsche mit ihren friedlichen Protesten 1989 ein totalitäres System auf demokratisch freiheitliche Weise gestürzt, eine bürgerliche Revolution gemacht, die den realen Sozialismus beendete. Sie haben gezeigt, dass sie für die Freiheit aufstehen können und unser jetzt scheidender Bundespräsident war einer von ihnen. Auch die Kanzlerin beteiligte sich, wenn auch bescheidener am demokratischen Aufbruch im Osten und weiß auch darum wohl, den Wert der Demokratie zu schätzen, ohne ihr revolutionäres Engagement hier überbewerten zu wollen. Doch ist der Freiheitskampf der Bürger der DDR ein wichtiger Teil unserer Geschichte und ein konstituierendes Element unserer Demokratie und sollte bei allem Ärger über ausländerfeindliche Sachsen nicht vergessen werden, denn auch viele der Helden von 89  kamen aus Leipzig und Umgebung.

Der Diskurs divergenter Meinungen ist Teil der Demokratie, warum eine große Koalition immer die schlechtest mögliche Lösung ist, weil sie die Opposition klein und schwach macht, sie an die radikalen Ränder drängt, das Entstehen einer extremistischen Partei wie des AfD, die unsere innere Freiheit gefährden, begünstigt hat.

Doch welche Partei verteidigt heute noch die Freiheit und was bräuchte es, um sich für diese einzusetzen?

Nominell stehen alle wählbaren Parteien auf dem Boden des Grundgesetzes und damit der freiheitlichen Grundordnung. Wer sie zu beseitigen beabsichtigt, könnte verboten werden und gegen jeden, der das versucht, haben alle Deutschen ein Widerstandsrecht, um eben ihre Freiheit zu verteidigen nach Artikel 20 IV GG. An den Rändern links und rechts wird das Verständnis der Freiheit teilweise etwas undeutlich und mischt sich mit einem ungesunden Populismus, der viel verspricht und wenig bewirkt.

Es fehlt im Bundestag, der nun weiter munter Grundrechte einschränkt, als Reaktion auf die Berliner Terroranschläge, an einer überzeugenden Verteidigerin der Freiheit. Ob die FDP dies wieder sein könnte, scheint noch fraglich. Die Gesellschaft sollte sich jedoch bewusst sein, dass zwischen zwei staatstragenden Volksparteien und einer grünlichkonfessionellen Gruppe derzeit eine Kraft der Freiheit und der Mitte fehlt, die Bürgerrechte und Freiheiten ausdrücklich verteidigt und nicht nur hohle Sicherheitsversprechen macht.

Wo es an Verteidigern der Freiheit fehlt im politischen Diskurs, und die FDP war unter Westerwelle ja auch nur noch eine neoliberale Mehrheitsbeschafferin ohne Image geworden, was sich nun wieder wandeln könnte, besteht die Gefahr, dass diese für Sicherheit, Wohlstand und soziale Fürsorge der jeweiligen Klientel nebenbei geopfert wird. Freiheit braucht Verteidigung auch im politischen Alltag, weil sie die Bedingung ist, unter der Rechtsstaat und Demokratie überhaupt erst funktionieren können.

Klingt nach einem staatstragenden Artikel aus den besten Zeiten der Wochenzeitung Die Zeit und ist doch ganz wichtig, um Verständnis für die Chance der Freiheit zu entwickeln. Nur wer sich um die Freiheit immer wieder bemüht, wo sie bedroht ist, wird sie erhalten können. Es wird immer nur eine Minderheit diese Frage überhaupt wirklich interessieren, da die Mehrheit lieber ihren Wohlstandsbauch pflegt, statt für ein Ideal zu kämpfen.

Weder ist die Einflussnahme Russlands auf die amerikanischen Wahlen akzeptabel, auch wenn wir noch nicht wissen, wie der designierte Populist Trump als Präsident sein wird, noch ist Putins massive finanzielle Unterstützung rechter Populisten in Europa zur Destabilisierung unserer Demokratien hinnehmbar. Aber auch die an Big Brother aus Orwells 1984 erinnernde Überwachung des Internet durch amerikanische und heimische Geheimdienste ist aus Sicht der Verteidiger der Freiheit für keine Sicherheit der Welt akzeptabel. Es gilt wachsam gegen alle Feinde der Freiheit  zu sein, unabhängig vom Lager, aus dem sie kommen.

Es gibt beispielsweise Gründe für Überwachungskameras und den Rückgriff auf ihre Bilder im Einzelfall. Der Fall des Berliner U-Bahn-Treters, eines wohl Bulgaren, der legal hier weilte, machte bundesweit Schlagzeilen und führte auch zur schnellen Überführung des Täters. Doch die öffentliche Fahndung mit Bildern der bisher nur Verdächtigen in Western-Manier gefährdet unser Verständnis der Grundrechte und die Freiheit im Land.

Wir haben keinen Staat von 80 Millionen Hilfspolizisten, die wie bei Aktenzeichen XY nun auf Verbrechersuche gehen sollen, um die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten. Das ist Aufgabe der Polizei, die ihre Befugnisse im engen gesetzlichen Rahmen, den es braucht, um die Freiheit einzuschränken, genau kennt. Es sollen hier nie wieder Horden Jagd auf vermeintliche Täter machen, weil die Regenbogenpresse sie aufhetzt und der restriktive Gebrauch solcher Aufnahmen durch die Berliner Polizei bisher gefällt mir besser als die Hetze der Medien und ängstlicher Menschen.

Natürlich kann ich in Berlin jeden Tag Opfer eines Verbrechens werden. Real bin ich in den über 16 Jahren, die ich hier lebe, einmal von einem Vater auf dem Spielplatz aggressiv bedroht und einmal in Brandeburg an einem See von einem aggressiven, angetrunkenen Kerl geschlagen worden, der zu der Fraktion gehört, die unser Land vor kriminellen Ausländern schützen möchte. Das Geschehen am Breitscheidplatz ist tragisch, könnte aber überall passieren und kann auch durch noch mehr Videoüberwachung nicht verhindert werden. Es könnte, wie jetzt beschlossen wurde, klar gegen bekannte Gefährder vorgegangen werden, damit diese nicht zur rollenden Bombe werden. Die Frage ist dabei, wie weit der Rechtsstaat grundsätzliche Freiheitsrechte vorab außer Kraft setzen darf, um einer nur hypothetischen Sicherheit zu dienen.

Die Zahl der potentiell terroristischen Gefährder unserer Freiheit ist übrigens auf der islamistischen Seite ungefähr so hoch wie bei den Rechtsradikalen. Die Zahl der Taten von Islamisten in Deutschland lässt sich bisher an einer Hand abzählen. Die Taten von Rechtsextrimsten sind längst jährlich vierstellig.

Diese betonen gerne immer wieder, es müsse auch gegen linke Extremisten vorgegangen werden, um die hohe Kriminalität in ihrem eigenen Umfeld zu relativieren. Die tatsächliche kriminelle Bedrohung des Rechtsstaats durch linke Extremisten hält sich in relativ überschaubaren Grenzen. Es gibt also gute Gründe die rechten Extremisten wie die Islamisten mit größter Aufmerksamkeit zum Schutz der Freiheit zu beobachten, da sie die Gesellschaft auch über die sozialen Netzwerke längst auf eine sehr perfide Art infiltrieren.

Dennoch sollten wir ihnen nicht zu viel Bedeutung geben, sondern eher ihre Lächerlichkeit offenbaren und sie als Gefährder der Freiheit laut benennen. Der Drahtseilakt dabei ist, dass der Bevölkerung die Fähigkeit  zugetraut werden muss, die dummen Populisten als solche zu erkennen, während diese zugleich medial von Moskau unterstützt aufrüsten und Freiheit nur selbst wahrgenommen werden kann, keinem erklärbar ist, da die Befreiung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit, wie Kant die Aufklärung nannte, ein autonomer Prozess sein muss.

Aber, was sollen wir uns darüber Sorgen machen, die Angst ist das Geschäft der Populisten, während die Vernunft in Gelassenheit ruht. Freiheit kann nur selbst von denkenden Menschen entdeckt werden, zu denken kann jeder nur selbst anfangen, der Weg dorthin hat als Verlockung nur die nackte Freiheit selbst und keine plakativen, einfachen Antworten. Traue lieber den Menschen zu, selbst kritisch zu denken, um eine Lösung zu finden für die Fragen der Zeit und zu merken, was Freiheit heißt. Was anderes kann ich ohnehin nicht tun, wenn Freiheit selbst Denken heißt, den Rest regelt der Markt oder die Natur alleine, die stets den Gesetzen der Evolution folgte und an der wir beobachten können, welche Populationen am erfolgreichsten waren und am besten überlebten und das waren nie die inzüchtig nur mit sich beschäftigten.

Warum aber, um endlich zum Anfang zurück zu kommen, soll die Freiheit in Zeiten des Terror noch eine Chance sein und wenn ja welche?

Es ist die Freiheit, um deren Verteidigung es hier geht. Die vor totalitären Islamisten und rechten Populisten, um irgendwo in der Mitte ungestört seiner Lust nachzugehen, seine Geschäfte zu machen, frei und glücklich zu sein. Wo die Freiheit angegriffen wird, bemerken wir erst, welch hohen Wert sie hat und wie gut wir im friedlichen Europa heute miteinander leben, wie hoch der Wert der freien Union ist, die eben diese rechten Populisten ständig schlecht reden, ohne eine Alternative zu haben. Wo die Ränder lichterloh in Panik brennen, kann sich die Mitte besonnen zeigen und auf den Wert ihrer Werte und der Ruhe verweisen, weil wir gerade alles andere als Volksaufstände brauchen und die große Mehrheit ohnehin lieber in Ruhe genießen will. Ob sie das im Freizeitpark tut, wie Kohl einst munkelte oder über blühenden Landschaften, die er dem Osten versprach, dessen geistige Abgründe sich zwischen Pegida und Wagenknecht gerade offenbaren, ist nicht so wichtig, wie das Streben der Mehrheit nach Ruhe und Frieden und weniger lauter Propaganda auf allen Kanälen.

Der von mir sehr geschätzte Michel de Montaigne lebte auch in einer Zeit von Terror und Bürgerkrieg im eigenen Land. Es war das Frankreich am Ende des 16. Jahrhunderts und also die Zeit der Hugenottenkriege. Banden von Söldnern zogen durch das Land und bekriegten sich gegenseitig oder überfielen, wenn es ihnen gerade passte, einsame Höfe und Güter, um sie auszurauben. Alle Freunde rieten Montaigne sein Schloss besser zu sichern, um sich verteidigen zu können, sein immer offenes Haus, sei in Zeiten wie diesen eine Gefahr. Er kümmerte sich nicht darum und argumentierte mit einer bestechenden Logik, die sich mancher Politiker heute merken könnte. Gegen den Überfall von Söldnern, könne er sich ohnehin nicht sicher schützen, wenn sie ihn töten wollten, würden sie es tun und er könnte nichts dagegen tun. Wenn er sich ständig bewachte, könnte er nicht mehr das Leben führen, das er liebt und wie es seiner Art entspricht, mit einem offenen Haus und einer Tafel an der jeder Gast immer willkommen ist. Es gäbe keinen sicheren Schutz und also lebe er lieber, wie er immer gelebt hat, statt sich in Sorgen und Angst ständig zu beunruhigen über Dinge, die er nicht ändern könne. Er überlebte auf diese Art die Hugenottenkriege als Katholik, der sowohl dem katholischen König als auch seinem Freund, den Protestanten Heinrich von Navarra, den späteren Heinrich IV., als Berater zur Seite stand und überstand gelegentliche Überfälle ohne größeren Schaden. So hat er nie seine Freiheit verloren, noch sich je Angst machen lassen.

Es geht um die Freiheit und nichts weniger, lassen wir ihr, den Raum den sie braucht, damit sie sich entfalten kann und uns beflügelt für die Zukunft, nutzen wir einfach jede Chance dazu, also auch den Terror, der ihr Gegenteil ist, sie noch mehr zu verteidigen, weil wir wissen warum es uns so gut geht.
10.1.2017 jens tuengerthal

Montag, 9. Januar 2017

Gretasophie 007b

007b Gefahr der Unordnung

Ist Unordnung wirklich gefährlich?

Denke ich an die Zustände auf einem Schiff oder bei einer Expedition am Berg, kann Unordnung schnell tödlich sein, wenn etwa Rettungswesten nicht da sind, wo sie hingehören, die ihrer bedürften infolge elendig ersaufen, sich im Biwak die Sicherungshaken nicht finden, einige darum abstürzen.

Kenne es noch von der Feuerwehr und meiner Zeit auf den Rettungswagen, wo jeder Griff sitzen musste und alle Sache genau an ihrem Platz sein mussten, damit im Notfall alles funktioniert, keiner suchen muss und Leben so gerettet werden können. Auch später als Springer im OP war die exakte Ordnung überlebenswichtig, wenn am offenen Herzen oder der Lunge des Patienten operiert wurde, musste jeder Griff blind sitzen und der Arzt darauf vertrauen können, dass ihm die richtigen Sachen gereicht wurden.

Wo wir uns in gefährliche Situationen begeben, ist Ordnung also manchmal mehr als wichtig sondern kann Bedingung des Überlebens sein. So probten wir bei der Feuerwehr etwa auf der Atemschutzstrecke die Meldungen, ob alles in Ordnung sei, um ständig die Sicherheit gegenseitig auch zu kontrollieren, damit in der Gefahrensituation in einem brennenden Haus auch alles reibungslos funktionierte.

Hier wäre jede Unordnung gefährlich, könnte tödlich enden im schlimmsten Fall. Die Erfahrung durfte ich im Krankenhaus auch noch selbst machen und überlebte nur mit Glück ohne größere Schäden. Während ich im Koma lag und noch beatmet wurde, war wohl die Beatmung falsch eingestellt und ich erlitt einige Zeit eine Sauerstoffunterversorgung, weil sie geschlampt hatten. Zum Glück, kam mein Vater wie jeden Tag vorbei und bemerkte es als Arzt mit viel Erfahrung sofort und rettete mich so. Einmal als er umfiel, konnte ich ihn durch einen Schlag auf seine Brust wieder zurück ins Leben holen, weil ich wusste wie und wohin und es automatisch machte, ohne weiter nachzudenken, ob da mein Vater vor mir auf der Erde lag oder ein unbekannter Patient, die Ordnung hatte ich verinnerlicht und das war gut so, wir wären also quitt, ginge es im Leben wie bei einem Wettkampf zu, was ich bezweifle.

Ordnung kann Leben retten, lebenswichtig sein und erfüllt ganz wichtige Aufgaben, um Abläufe zur Rettung anderer reibungslos zu machen. Andererseits trug mein Vater, der ein großer Radiologe war, in seiner Klinik den Spitznamen Tütental, weil auf dem Wust seines Schreibtisches scheinbar manche Röntgentüte verschwand, auch wenn er immer behauptete, er beherrsche wie jedes Genie das Chaos und wisse genau, was wo läge, noch nach Jahren, Befunde und ihren Verlauf sofort wieder erkannte.

Ob er eine innere Systematik hatte, die ihn das äußere Chaos beherrschen ließ, damit er dennoch immer präzise funktionierte oder er einer anderen unsichtbare Ordnung zwischen den Dingen erkannte, weiß ich nicht, er fand sich immer erstaunlich gut zurecht und Chaos stifteten nur alle, die irgendeine der Röntgentüten bei ihm suchten. Wie genial würde er erst heute im Zeitalter totaler Digitalisierung sein können, dachte ich, in  dem keiner mehr Bilder suchen muss, weil alle Patientendaten auf dem Server bei seiner Akte liegen.

Das gerade geniale Wissenschaftler oder Künstler auch dazu neigen, im kreativen Chaos am besten schöpfen zu können, ist ein bekanntes Gerücht und dass ich meinen Vater für einen Künstler zuerst halte, schrieb ich ja schon mehrfach, doch stimmt dies Gerücht überhaupt?

Bin mir da nicht sicher. Halte mich weder für genial noch sonderlich begabt, auch wenn manche Tests zu anderen Ergebnissen kamen, beruhige ich mich immer damit, dass andere Methoden der Erkundung mich auch schon für schwachsinnig hielten, was ich nur selten so teilen würde. Wer ein bestimmtes Ergebnis möchte, wird eben die Parameter so setzen, dass es erreicht werden kann, wenn die Zahl hoch genug gesetzt wird.

Habe mit der Ordnung in meinem Leben verschiedene Phasen durchlebt und unterscheide heute die Anscheinsordnung von der tatsächlichen, die primär eine Innere für mich ist. Die meisten Menschen achten auf die Anscheinsordnung, die ja auch ist, was wir zuerst sehen und was ist, wie es den Anschein hat. Ob es dort ordentlich ist oder nicht, verrät nichts über das Chaos in dem Menschen darunter. Würde nicht gleich sagen, dass es sogar eher ein Beweis für das Gegenteil wäre, aber wer sich nur an seiner äußeren Ordnung festhält, findet sich nicht selten sonst weniger zurecht.

Schöner wohnen ist schön und auch Grund genug, ab und an mal aufzuräumen und es schön zu machen. Dennoch steht die Priorität des Saubermachens bei mir sehr weit hinten auf der Liste, der Dinge, die ich für wichtig halte.  Lesen und Schreiben, was 70% des Tages bei mir einnimmt, da ich ab und an auch noch schlafen und essen muss leider, hat eine viel größere Bedeutung und so habe ich seit einer Ewigkeit meine Fenster nicht geputzt, auch wenn ich jedesmal, wenn die Sonne scheint, denke, es wäre nötig, bis ich es doch irgendwann tue, weil ich keinen Durchblick mehr habe. Doch zuvor rede ich ein Jahr darüber, überlege, wann es passen würde, verschiebe es wieder, bis jede Ausrede verbraucht ist.

Im griechischen heißt die totale Unordnung das Chaos und der Begriff wurde in unsere Sprachen übernommen. Der Gegenbegriff dazu ist der Kosmos oder die Ordnung im Universum. Manches im Universum würden wir chaotisch nennen, aber vieles von dem, was wir früher chaotisch nannten, erkennen wir heute als Teil einer komplexen Ordnung.

Ist die Chaostheorie eine Beschreibung der totalen Unordnung oder sucht sie die Ordnung hinter dem scheinbaren Chaos in dem alles mit allem zusammnehängt?

Das Wort Chaos stammt etymologisch von dem Wort Klaffen und meint klaffende oder gähnende Leere. Wie das deutsche Wort Gähnen, wird auch die gähnende Leere auf ihre indogermanischen Wurzeln zurückgeführt. Chaos heißt nebenbei noch eine tiefe Schlucht auf dem Peleponnes, die der Urschlucht Ginnungagap in der nordischen Mythologie gleicht.

Nach der Edda befand sich dort der leere Raum vor Beginn des Weltgeschehens. In dieser urigen Schlucht schmolzen das Eis von Norden und die Glut von Süden zum Urriesen und der Urkuh zusammen. Der Riese Ymir mit Namen wurde dann von den Söhne des Bör, einem Wesen, das schon vor der Schöpfung der Welt bestand, Odin, Vili und Vé, die er mit seiner Frau der Riesin bekommen hatte, umgebracht und wieder in die Kluft Ginnungagap gelegt. Aus seinen Resten formten dann die drei Göttersöhne die bestehende Welt. Vergleichbar dem Zustand dieser Schlucht ist das griechische Chaos oder das jüdische Tohuwabohu als totale Unordnung.

Nach Hesiod, der etwa 700 vor Christus dichtete, war das Chaos der Urzustand der Welt. Dabei ähnelt es auch sprachlich immer wieder dem Nichts und der Leere. Hier ist ein erstaunlicher Unterschied zu den asiatischen Religionen, die das Nichts als Ziel erstreben, auch wenn beide es vielleicht als gemeinsamen Ursprung sehen, strebt die westliche Welt nach Ordnung oder einem aufgeräumten Himmelreich und nicht nach dem Nichts und der Leere als Erlösung.

Darum war auch ein Philosoph wie Epikur für viele untragbar, der nicht nur Frauen gleichberechtigt in seiner Runde zuließ, sondern auch sagte, wir kommen aus dem Nichts und werden zu Nichts und darum ginge ihn der Tod nichts an, weil er nicht mehr ist, wenn der Tod da ist. Es gelte nur das Leben bis dahin so sehr wie möglich zu genießen.

Kinder des Chaos sind bei Hesiod, Gaia, die Göttin der Erde, Nyx, die Göttin der Finsternis oder Nacht, Erebos, der ebenfalls Gott der Finsternis in der Unterwelt, Tartaros, der als Ort und Person zugleich für die Unterwelt steht und schließlich Eros der Gott der Liebe und der Lust. All diese Götter sind also direkte Ausgeburten des Chaos.

In der Schöpfungsgeschichte der Bibel in Genesis 1, 1-5 steht dazu wüst und leer war die Welt, was auch als Chaos gelesen werden kann und in der hebräischen Variante steht tohu vaohu, was zum Tohuwabohu im Deutschen später wurde.

Erst seit dem 17. Jahrhundert wird der Begriff auch für allgemeine Unordnung verwendet - etwa das Chaos in meinem Zimmer. Die Chaosforschung selbst ist ein Teilgebiet der angewandten Mathematik und steht in keinem Zusammenhang mit den Chaostagen, die Punkgruppen seit den 80ern mehrfach veranstalteten. Es geht dabei um die Ordnung in dynamischen Systemen, deren zeitliche Entwicklung nicht vorhersagbar scheint. Solch chaotisch dynamische Systeme sind nicht linear und zeigen sich etwa bei Pendeln oder beim Schmetterlingseffekt beim Wetter, demgemäß ein Schmetterlingsflügelschlag in Australien unser Wetter verändern kann. Wichtig ist die Chaosforschung zum Verständnis von Wirtschaftskreisläufen, der Erosion, Verkehrsstaus, neuronaler Netze, wie sie unserem ganzen Gehirn zugrunde liegen, also allem, was die Leser zu meinen wirren Worten hier denken mögen, und auch bei Lasern.

Die Berechnung des Chaos, also des unmessbaren, das wild aus dem Nichts kam, scheint wie die Quadratur des Kreises und arbeitet mit Näherungswerten zunehmender Präzision. Anders als im alltäglichen Sprachgebrauch befasst sich die Mathematik jedoch in der Chaostheorie nicht mit Systemen, die dem Zufall unterliegen, sondern mit dynamischen Systemen, die grundsätzlich schon mathematisch beschrieben werden können und sich prinzipiell deterministisch, also vorhersagbar, verhalten. Dann ist das Chaos nach der Mathematik berechenbar und hat eine eigene Formel, die hier aber nicht weiter aufgeführt werden sollte, da ich auch als Autor nicht über Dinge reden sollte, von denen ich nichts verstehe und sie nur voller Respekt erwähne, weil ich nicht alles verstehen können muss mit meinen natürlich beschränkten Fähigkeiten.

Wichtig werden diese Fragen heute auch etwa bei der Quantentheorie und dem Welle-Teilchen-Dualismus, der uns allen auf subatomarer Ebene zugrunde liegt und den Shakespeare in seinem Hamlet mit der Formulierung “Sein oder nicht sein?” so wunderbar auf den Punkt brachte, auch wenn es da nur um den Geist seines jüngst verstorbenen Vaters ging.

Wir wissen manches aber vieles doch nie, so viel wir auch wissen und so ist die Frage Montaignes, was weiß ich schon, auch gerade gegenüber dem unergründlichen Chaos wohl angemessen und treffend.

Die Unordnung, die der Welt nach allen Sagen und dem, was die Physik heute weiß, zugrunde lag, könnte aber auch nur Ausdruck unseres bescheidenen Horizonts sein, der die Ordnung dahinter nicht oder noch nicht erkennen kann.

Ganz in diesem Sinne erfanden die Religionen immer wieder Systeme, die hinter allem eine Erklärung, des geglaubten höheren Wesens fanden. Diese Idee der Schöpfung hat die Kirche nach vielen peinlichen Blamagen durch die Jahrhunderte, die einzugestehen manchen immer noch schwer fällt, zu einer dynamischen gemacht, die sich den je Umständen anpasst - es lässt sich gegen diese moderne jesuitisch geprägte Theorie der Schöpfung wenig sagen, wer einen Schöpfer als Urgrund glauben will, soll das tun, denen ist nicht zu helfen mit Vernunft. Alle übrigen erkennen die Kausalität der Evolution und fragen weniger nach einem Urgrund als den wechselnden Zuständen der Energie, die den evolutionären Prozess in Gang brachte.

Warum es dazu einen definierbaren Anfang braucht, unser Denken sich also linear beschränken soll, verstehe ich bis heute nicht, was daran liegen kann, dass ich auch gedanklich ein anarchischer Chaot bin und auch im Kreis denken kann. Wer den Welle-Teilchen-Dualismus, der sich wunderbar in dem alten chinesischen Zeichen des I-Ging oder Tao wiederspiegelt, warum Niels Bohr genau dieses auch in sein Wappen aufnahm, als Urgrund sieht, der den Dingen zugrunde liegt, erkennt, wie die alten Sagen es beschrieben, ein chaotisches System, das sich nicht vorhersagbar abwechselt und entwickelt aber immer ist. Es wechselte nur seine energetische Zustandsform.

Aus der Theorie, dass Energie nicht verloren geht, dem berühmten Energieerhaltungssatz, leiten manche Esoteriker ab, auch die menschliche Seele und ihre Energie seien unsterblich und wirkten immer weiter. Allerdings ist die Begründung höchst absurd und zeugt mehr von Ahnungslosigkeit als Verständnis des Chaos. Lebende Wesen sind als solche immer nur begrenzt haltbar und damit sterblich. Warum das höchst komplexe System des menschlichen Gehirns dessen vielfältige neuronale Verbindungen wir nicht mal chaostheoretisch bis heute vollständig beschreiben können, weil eben kein deteministisches, wenn auch dynamisches System und daher immer nur teilweise berechenbar ist, nach dem Ende aller biologischen Prozesse, eben dem Tod, in einem Teilbereich seiner Funktionen als erdachte Seele jenseits des Chaos fortbestehen soll, ist mir schon immer noch rätselhafter gewesen als die Erkenntnisse der Chaosforschung.

Wo keine Energie mehr messbar ist, weil das System tot ist und die vorhandene Energie nur zur Umwandlung der verbliebenen Zellen verwandelt wird, wir also verfaulen oder gären, ist nichts mehr, was an Komplexität den vorherigen neuronalen Vorgängen gleicht, es geht nur noch um den geordneten Zerfall und diese Chance des Nichts als große Freiheit zu begreifen, könnte ein Weg sein, der den Menschen die Angst vor dem Tod nimmt und sie das Leben mehr genießen lässt.

Ob es darüber Götter gibt und diese sich um uns kümmern würden in ihrer Allmacht und Allwissenheit, weiß ich nicht, wie sollte ich es auch wissen. Einen Gott kannst du glauben oder nicht, wie es eben deiner Natur entspricht oder dir vernünftig erscheint. Wissen kann es im Glauben nie geben. Kann aber nicht glauben, dass wenn es etwas Allwissendes gäbe, sich dies mit solch engstirnigen Kleinigkeiten abgäbe, wie es die Kirchen als immer Diener der Macht tun, würde also mit den Brüdern Goncourt sagen, wenn es einen Allmächtigen vielleicht Baumeister geben sollte, wären die Veranstaltungen des Aberglaubens sicher die schlimmere Verspottung für dieses also auch vernünftige Wesen, als es der Atheismus je war. Im übrigen ist von dem, von dem ich nichts wissen kann, besser zu schweigen.

Es gehen mich irgendwelche höheren Wesen für mein Handeln und meine Moral, die wie auch von Kant bewiesen, nur meinem Gewissen verantwortlich ist, nichts an und was mich nichts angeht und von dem ich nichts wissen kann, wie wohl alle Menschen, auch wenn viele anderes beteuern, dazu schweige ich lieber, nicht etwa, weil ich mich für weiser halte als der Papst, der gern formelhaft darüber redet, sondern weil ich glücklich in meiner geistigen Beschränkung bin und sie mir einzig logisch erscheint.

Sollte ich um des Chaos wegen den Tod nun fürchten oder gerade nicht?

Halte es auch da mit Epikur, der gut begründet, warum der Tod uns nichts angeht und uns nie tangieren kann, weil uns nur angeht, was wir wahrnehmen, mit dem Tod aber all unsere Wahrnehmung endet und all unsere Wahrnehmungsorgane aufhören zu funktionieren. Lukrez sein Schüler, der knapp 300 Jahre nach ihm seine Philosophie in schönste Verse dichtete dazu in seinem de rerum, wie ich hier nur laienhaft ungefähr wiedergebe:

Der Tod geht mich nichts an
Weil der Tod und ich nie irgendwo
Zusammen sind wo er ist bin ich
Nicht mehr und wo ich bin kann
Er noch nie sein und ist also egal

Die Wahrnehmung als Grenze des Seins könnte für Fälle der Bewusstlosigkeit das Ganze vielleicht kompliziert machen, doch auch die reagieren ja irgendwie - meist eher mit Reflexen auf körperliche Berührung aber wohl auch auf Ansprache und sonstige verbale Zuwendungen oder Musik, soweit Reaktionen darauf bereits messbar sind.

Spannend aber ist es, wie schlicht Epikur daraus schließt, warum uns nichts angehen kann, was wir nicht mehr wahrnehmen, dass der Tod für unser Leben völlig irrelevant ist und es nur eine Frage der Wahrnehmung ist, wie wir mit ihm umgehen, der nur nichts mehr ist.

Es gibt ein wunderbares Essais von Montaigne dazu im ersten Band seiner Essais, die mir in der wunderbaren Übersetzung von Hans Stilett vorliegen, wo er unter dem Titel, ob wir etwas als Übel oder Wohltat empfinden, hängt weitgehend von unserer Einstellung dazu ab, über den Tod und die Haltung verschiedener Menschen dazu schreibt, über die einen berichtet, die lachend und scherzend dem Tod entgegen gehen, sogar wenn sie gerade gehängt werden und die anderen, die sich ewig grämen aus Angst, bis der Tod sie endlich davon erlöst. Montaigne selbst hatte lange furchtbare Angst vor dem Tod nachdem dieser seinen Bruder in jungen Jahren überraschend beim Ballspiel ereilt hatte. Auch unter dem Tod seines besten Freundes, der noch relativ jung während der Pestepidemie in Bordeaux starb,  den er innig liebte, litt er lange. Er selbst erkrankte an Nierenkoliken, die so furchtbare Schmerzen verursachten, bis sie endlich abgingen, dass er sich manches mal den Tod gewünscht haben wird, um Frieden zu finden.

Es ist nicht ganz klar, wann Montaigne erstmals den Lukrez las und von Epikurs Denken Kenntnis bekam, doch irgendwann hatte er keine Angst mehr vor dem Tod und begründet es mit diesen beiden. Dieser war rund hundert Jahre vor seiner Geburt erst wiederentdeckt und vom ehemaligen Sekretär des gerade auf dem Konzil zu Konstanz abgesetzten römischen Papstes nach Florenz aus vermutlich Fulda geschickt worden. Von dort hatte er sich unter allen Denkern und Künstlern der Renaissance wie ein Lauffeuer verbreitet und das Denken und die Haltung zum Menschen komplett verwandelt. Klar aber ist, wie dies sein Denken verwandelte und wie sehr sich dies in seinen Essais widerspiegelt, wie überhaupt seiner Haltung zum Leben.

Da war einer erfolgreicher Jurist, Bürgermeister von Bordeaux, ein bewährter Krisenmanager, geschätzt bis an die königlichen Höfe, von Navarra bis Paris, die ihn immer wieder um Rat baten, ein erfolgreicher und beliebter Berater an den Zügeln der Macht also und er nutzte es nicht sondern zog sich auf sein ländlich gelegenes Schloss zurück, lebte dort hauptsächlich in seinem Turm mit seiner Bibliothek, wenn nicht gerade Freunde zum Essen kamen. Er überließ, wenn seinen Berichten zu trauen ist, aber wenig spricht dagegen, er ist sehr ehrlich in allem, seiner Frau die Führung des Guts mit Wein- und Ackerbau und las und schrieb in Ruhe vor sich hin, korrespondierte mit der intellektuellen Welt des damaligen Europa, unabhängig vom jeweiligen Glauben.

Dieser Michel de Montaigne nun, sah die Wahrnehmung, wie es schon Epikur wortwörtlich tat, als diejenige, die uns alle Angst im Leben nehmen kann, weil es immer und überall nur auf die Haltung ankommt und nichts der Beunruhigung eigentlich lohnte.

Als ich von einer Sekunde auf die andere quasi tödlich verunglückte und monatelang im Koma lag, unklar, ob ich je wiederkäme und wieviel schwachsinniger noch als vorher, konnte ich mir keine Gedanken oder Sorgen machen. An den Moment erinnere ich mich nicht, als mein Herz nicht mehr schlug und ich auf der Straße reanimiert wurde. Da ist nichts geblieben und die Wochen danach sind wie die kurz davor gelöscht, ich war eben bewusstlos. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß, sagt dazu der Volksmund und trifft es genau mal wieder.

Diese Ereignisse ändern nichts an meiner Haltung zum Tod, der mich nichts angeht und lassen mich ihn so wenig fürchten wie vorher, da er uns einfach jederzeit und überall ereilen kann und doch jede Wahrnehmung logisch beendet, da die Organe der Wahrnehmung nicht mehr funktionieren, wenn wir tot sind und alles andere ins Reich des Märchens und der Phantasie nur gehört.

Ob der Tod das Chaos und die Unordnung ins Leben bringt oder das chaotische System Mensch einfach beendet und zur guten Ruhe kommen lässt, ist lediglich eine Frage der Haltung und also auch der Wahrnehmung der Dinge. Was mir gut tut und womit ich wohl fühle, ist gut für mich und nach diesem einfachen Prinzip ordne ich mir die Welt, wie sie mir gefällt, da alles komplexere vermutlich meinen Horizont überstiege, zumal ich noch gelegentlich sogar auch mit Frauen zu tun habe, von denen ich noch weniger verstehe, die ich einfach nur genieße, wie sie eben sind und kommen. Mache es mir also so einfach wie möglich und versuche, wie Lukrez es lehrte, mein Leben voller Lust zu genießen, wie es ist.

Der Tod ist für mich in Ordnung, er beendet das Leben und gibt keinen Grund zur Trauer, die meist nur Ausdruck von Eitelkeit ist, wie der andere es wagen konnte, uns vorher zu verlassen oder uns allein zu lassen und dazu fehlt mir mit meinen bescheidenen Mitteln der Anspruch. Habe auch festgestellt, dass Neid und Missgunst weniger froh machen als Liebe und Zuwendung und so gönne ich dem anderen die Freiheit zu sterben und nicht mehr zu sein und was nicht mehr ist, spielt keine Rolle, womit alle gut und glücklich leben könnten.

Einzig die gesellschaftlichen Zwänge begründet auf den alten Aberglauben, zwingen mich dazu noch gewisse Formen manchmal einzuhalten und Betroffenheit zu mimen, wo ich nicht tangiert bin. Da ich kein Prediger bin, kann ich den Leuten nicht erzählen, trauert nicht, sondern freut euch, lasst frei, sondern kann nur jeden in den Grenzen seines Horizontes auffordern selbst zu denken. Wer sich knechten will und trauern möchte, dies für natürlich und normal hält, wie die Psychologie es uns gerne einredet, in dem sie gewohnte Muster der Massen für gesund erklärt, der soll das tun. Halte es anders, weil ich mir die Welt so mache, wie sie mir gefällt und versuche diese Idee konsequent zu denken.

Finde es völlig in Ordnung, dass unser Leben endlich ist, wir die Freiheit haben, es endgültig zu beenden, ohne uns vor einer Seele und ihrem Heil fürchten zu müssen. Ob das Ende im Nichts zugleich eines im Chaos ist oder immer noch Ausdruck der Ordnung der Natur ist nur für den relevant, der noch ist und es sich fragt. Wer nicht mehr ist und also jenseits aller Wahrnehmung bleibt, für den ist alles egal. So ist das Ende in der völligen Unordnung, oder im Chaos, also im Nichts die natürliche und also beste Ordnung mir.

Gefährlich ist die Unordnung nur, wo wir eine Ordnung brauchen, um zu funktionieren, auf Schiffen, im Straßenverkehr, in Flugzeugen, in der Schule und bei der Feuerwehr wie im Krankenhaus. Ansonsten sollten wir sie wie alles gelassen betrachten und genießen wie wir können, solange wir können, wenn wir nichts mehr können, ist ohnehin alles egal und ohne jede Relevanz noch. Es gibt keinen Grund zur Furcht vor der Unordnung mehr.
jens tuengerthal 9.1.2017