Donnerstag, 29. Dezember 2016

Gretasophie 005a

005a Kultur und Geschichte

Was haben Kultur und Geschichte miteinander zu tun, fragte ich mich vor diesem Kapitel, der ich leidenschaftlich gerne Kulturgeschichte lese, mit viel Freude Kulturgeschichten in Versen schrieb und damit irgendwas dazwischen schuf. Ist sie die Kultur in der Geschichte und damit selbst schöpferisch, kreativ tätig oder doch nur eine Art Untergruppe der ganzen Geschichtsschreibung?

Wird die Geschichte Teil unserer Kultur oder ist die Kulturgeschichte eine Welt für sich, die Kultur schöpft?

Die Kulturgeschichte befasst sich mit dem geistig-kulturellen Leben in Zeiträumen und Landschaften. Ihre Elemente sind dabei Familie, Sprache, Brauchtum, Religion, Kunst und Wissenschaft. Die Angabe genauer Zeitpunkte ist dabei weniger wichtig als in der politischen Geschichtsschreibung. Was mir mit meinem lückenhaften Wissen sehr gelegen kommt.

Der Begriff selbst stammt aus dem 18. Jahrhundert und wurzelt im Glauben der Aufklärung an die ständig fortschreitende kulturelle Entwicklung der Menschheit. Die Romantik sah jedes unbewusste Schaffen als Teil der Kulturgeschichte und wollte in ihm den „Volksgeist erkennen, was über Geist und Romantik manches verrät.

Das 20. Jahrhundert führte zu einer eigenen Kulturphilosophie mit Vertretern wie Arnold J. Toynbee und Oswald Spengler, die ihre Erkenntnisse aus einer vergleichenden Kulturgeschichte der Völker entwickelten. Alfred Weber entwickelte die Kulturgeschichte mehr in Richtung der Geistesgeschichte zur Kultursoziologie.

Manche schreien wieder nach den überholten Ideen Sprenglers heute, um ihrer Angst vor dem Islam oder anderen Kulturen dahinter zu tarnen, dem Kampf der Kulturen das Wort zu reden, der so unkultiviert schon gedacht ist, wie nur etwas sein kann.

Kann es je kultiviert sein, sich für eine Trennung der Kulturen oder die Überlegenheit einer Kultur stark zu machen?

Gibt es eine Kultur der Intoleranz oder wäre das eine eigentlich unmögliche Verbindung, weil Kultur sich dadurch auszeichnet, dass sie kultiviert ist und also Respekt, Toleranz und Gleichberechtigung pflegt?

Lange Zeit wurden noch Sklaven toleriert sogar in Teilen einer liberal verfassten Demokratie wie den USA. Dies, um die Einheit mit dem Süden zu halten, der behauptete, ökonomisch auf sie angewiesen zu sein. Dennoch führte dieser Streitpunkt über die Behandlung von Menschen zum Bürgerkrieg dort, der nicht durch den irgendwann Frieden beendet wurde.

Dieser Zeit wurde auch manches sehr erfolgreiche literarische Denkmal gesetzt, wie etwa vom Winde verweht, ohne hier etwas über dessen literarische Qualität sagen zu wollen, sei festgestellt, es gefiel dem breiten Publikum und begeisterte auch Kinder schon. Dieses Thema der Geschichte wurde auch mit inzwischen klassischen Verfilmungen Teil der Kulturgeschichte der USA.

Die Beschäftigung mit Sklaven kann Teil unserer Kultur sein und dies nicht nur im Kampf um ihre Befreiung von Spartakus über den Freiherren bis Martin Luther King sondern auch als normaler Gegenstand des Alltags, wie bei Epikur, der in seinem Verhältnis zur Frau sehr tolerant war, diese als erster der Philosophie an seiner Schule in seinem Garten selbstverständlich gleichberechtigt teilnehmen ließ. Der große Denker hielt Sklaven für normal und fand ihre Haltung habe nur menschlich zu sein.

Scheint uns heute absurd, entsprach aber dem damaligen Menschenbild. Auch die Römer mit ihrer Hochkultur fanden Sklaven ganz normal, warum wir uns fragen dürfen, ob das heutige Urteil auch eines über die Kultur sein kann oder sagen müssen, es ist das Denken nicht in allem vergleichbar, was aber die Frage aufwirft, ob es richtig sein kann, auch andere Kulturen mit dem europäischen Maßstab zu messen und da ist sich die große Mehrheit hier eigentlich einig, dass es nicht passt und dennoch tun wir es immer wieder.

Betrachten wir jedoch die Wortwahl zu vieler Menschen in Sachsen und auch im sonstigen Neufünfland, fällt auf, dass die Herabsetzung bestimmter Menschengruppen auf Sachniveau dort noch gang und gäbe ist, was sie  Asylantenpack oder Rapefugees schimpfen,  sollte ruhig wieder an der Grenze beschossen werden. Das kommt an im verwilderten Osten und zeugt von einer Sozialisierung in der zentrale Werte teilweise verkümmerten. So gesehen wirkt sich die DDR Biografie, aus der sie ja kannten, dass auf alles Flüchtige geschossen wird, bis heute asozial aus.

Es gibt auch Idioten im Westen, nur sind die Zahlenverhältnisse anders, das Selbstverständnis ist vollständig verschieden und kaum einer präsentiert seine asoziale Gesinnung dann noch lautstark als gerechte Forderung.

Wir ziehen nach den Menschenrechten, die jedem Menschen zustünden Grenzen, die jede Kultur zu beachten hätte, ohne uns selbst für früher andere Ansichten noch bestrafen zu wollen. Andererseits, sind alle, die es taten tot und jene, die es noch genauso sehen werden dafür geächtet oder bestraft, so sie sich Sklaven halten oder andere Menschen als minderwertig und unwürdig behandeln.

Wie Frauen in einigen afrikanischen und asiatischen Ländern behandelt werden auch aus religiösen Gründen ist für uns untragbar. Die strengsten Kleidervorschrifen des Islam, Methoden wie die Klitorektomie oder die Steinigung untreuer Ehefrauen, lehnen wir als unmenschlich ab, auch wenn es den betrügenden Männern nach einigen Auslegungen der Scharia ähnlich gehen kann. Aber wie unterscheidet es sich von Hexenverbrennungen und ähnlichem hier vor nicht mal 600 Jahren, die der Koran jünger ist als das Christentum?

Denke alle Kulturen scheinen da ähnliche Zyklen der Menschenfeindlichkeit zu durchlaufen und lassen Gewalt gern an Schwächeren aus, was dann, um nicht so offensichtlich feige zu wirken, mit einer transzendenten Rechtfertigung gern erschwindelt wird. Die Beurteilung von Kulturen nach unseren hohen ethischen Maßstäben ist also nicht ganz so leicht und offensichtlich, wie es manchen scheint.

So scheint im Lichte des Grundgesetzes, der Europäischen Menschrechtscharta und den Vereinbarungen der Vereinten Nationen ein Verhalten nicht tragbar, was einzelne wegen ihres Geschlechts oder ihrer Überzeugung diskriminiert, auch wenn es gute Kunden sind. Was aber nur theoretisch gilt und praktisch keine Auswirkung hat:

Das Recht in Saudi Arabien gleicht dem des IS in vielem. Beide hängen einer fundamentalistischen Auslegung ihres Aberglaubens an, die mit unserem Verständnis von Frauenrechten im speziellen und Menschenrechten unvereinbar ist. Ähnliches gilt auch für Al Quaida, gegen die und die Taliban in Afghanistan immer noch Krieg geführt wird, während sie in Syrien auch schon als Partner gelten, weil es gerade besser so passt.

Sollen wir deren Kultur als Partner tolerieren, damit wir die noch schlimmeren nach aktueller Lesart beseitigen können?

Scheint es, auch keine einfache Antwort zu geben, sondern es ist irgendwie ziemlich kompliziert. Es fing so richtig kulturgeschichtlich oben an, mit der typischen Feuilleton Debatte um den Kampf der Kulturen, von dem die Rechten immer schwadronieren und vor dem sie die verweichlichte Republik der Gutmenschen warnen wollen, weil sie Angst vor Multikulti haben, was ihrer Ansicht nach nicht funktionieren kann.

Warum sich eine Kultur, die erfolgreich ist und ökonomisch an der Weltspitze steht, vor einer irgendwie noch mittelalterlich unterentwickelten Sekte fürchten und schützen muss, habe ich nie verstanden. Es zeugt für mich eher von Angst und mangelndem Selbstbewusstsein bei denen von Pegida und AfD, die ständig darüber schwadronieren.

Was tue ich, wenn ich von meiner Art zu leben überzeugt bin, gegenüber denen, die anderes gewohnt sind?

Werde ich sie vertreiben, weil alle hier so sein müssen wie ich und es sonst Krieg gibt, eben der Kulturen wie Huntington, der Vorgänger der ängstlichen Wutbürger, es ständig in tiefstem Schwarz an die Wand malte?

Beseitige ich die Angst, in dem ich den ängstlichen Wutbürgern ständig sage, sie seien doof, intolerant und passten nicht in die Zeit?

Eher weniger, würde ich vermuten, vergrößere nur das gegenseitige Unverständnis und provoziere den von ihnen prophezeiten Kampf der Kulturen als internen Bürgerkrieg, was auch in die falsche Richtung irgendwie geht.

Nachdem ich mich lange über die sagenhaft peinliche Intoleranz in diesem Land aufgeregt habe, die Pegiden als Idioten und echtes Ostprodukt erkannte und beschimpfte, merkte ich, dass sich dadurch nichts ändert, außer der Tiefe der Gräben zwischen beiden Lagern.

Vielleicht lag das Unverständnis auch daran, dass wir  eine verschiedene Sozialisation in Ost und West haben, unterschiedlich auf die gleiche Sache schauen und so begann ich zu überlegen, bevor ich mich im gewohnten Muster über die Idioten erhob, was uns verbinden könnte, wo es Gemeinsamkeiten gibt und für welche ihrer Argumente ich Verständnis haben könnte.

Reflexartig fiel mir der radikale Islam ein, den ich wie jeden extremen Aberglauben ablehne. Darin wäre ich mir mit den Rechten sogar inhaltlich relativ einig. Erstrebenswert fände ich es, den Muslimen die Befreiung aus selbstverschuldeter Unmündigkeit als hehres Lebensziel darzustellen, ihnen das kantsche Denken im Geist der Toleranz als Vorbild vorzuleben, um damit die Werte unserer Kultur zu verteidigen, die nichts mit dem Christentum zu tun haben, sondern Produkt der Aufklärung und damit der der Opposition gegen den hiesigen Aberglauben sind.

Aber, wer den ollen Kant einmal las, oder auch über ihn las, will mich da nicht größer darstellen als ich in den bescheidenen Grenzen meines Verstandes nur bin, der wird feststellen, Bekehrung ist kein Mittel der Aufklärung, sondern im Gegenteil geht es ihm, um den Mut sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, um sittlich zu handeln - sapere aude, habe Mut, sei der Wahlspruch der Aufregung und genau darum geht es, den Mut haben, selbständig zu denken und dies kritisch zu tun, statt nur Schemen nach zu beten.

Wer Angst hat, verdrängt zu werden, den Kampf der Kulturen und seinen Untergang fürchtet, hat keinen Mut, sondern fürchtet sich, was eine genauso schlechte Basis für Aufklärung ist wie fanatischer Glaube.

Was wäre, wenn die Kirchen sich hier massenhaft um Konvertiten bemühten, denen im Gegenzug dann hier ein sicherer Asylanspruch zustünde und nicht nur eine Duldung bis der Fluchtgrund wieder wegfällt?

Wer sich also kulturell unserem Aberglauben annäherte, würde als leicht zu integrieren zunächst gelten, bis sich das Gegenteil erweist. Eine Art kultureller Beweislastumkehr fände vermutlich zwar laute Gegner auf allen Seiten, wäre aber zunächst wesentlich effektiver als alle verwaltungstechnischen Verfahren.

Oder wäre das nur ein neuer Kampf der Kulturen, in dem sich diejenigen die sich bedroht fühlen, mit gleichen primitiven Waffen wehrten?

Missionierung ist eine widerliche Anmaßung, die von kulturellen Überlegenheitsgefühlen zeugt, abzulehnen, sofern sie nicht völlig freiwillig erfolgt, in dem eben die Betreffenden zum neuen Glauben alleine fanden und dann auf diesem Weg begleitet würden.

Eine Einbürgerung oder ein sicherer Aufenthaltsstatus bei drohender Ausweisung wären wohl vielen Anreiz genug, zu konvertieren und den Aberglauben, anzunehmen, der eben hier am stärksten herrscht. So gesehen wäre dies zumindest in reinen Zahlen und rein oberflächlich der effektivste Weg zur kulturellen Integration, sofern mehr Aberglaube je mehr Frieden auf Erden brächte.

Was es hier aber zu verteidigen gilt, ist nicht der christliche Aberglaube oder die Traditionen von Weihnachtsbäumen bis zu Ostereiern, sondern das Wertgefüge der Aufklärung, die allerding ihrer Art nach nie eine Heilslehre sein kann. Sie ist unbequem, weil selber gedacht werden muss, sie hat keine Parolen, weder Lügenpresse, noch Gutmensch oder Faschos am Ende gar Ostdeutsche, genügte diesem Anspruch.

Wer über die Kultur des Abendlandes spricht und sie bewahren will, sollte wissen, um was es geht und nicht Kultur mit dem richtigen finnischen Glühweinstand auf dem Weihnachtsmarkt verwechseln und nicht meinen unsere Wertegemeinschaft in Europa, die Basis unserer Kultur ist, könne durch die Rückbesinnung auf mittelalterliche hiesige Glaubensformen bewahrt werden.

Europa hat einen reichen Schatz mit seiner Aufklärung, deren radikaler Form um die weitgehend atheistischen Enzyklopädisten, wie den von ihr errungenen Menschen- und Bürgerrechten, für die es Revolutionen und blutige Weltkriege gab. Sie sind, was uns zusammenhält, nur gibt es die nicht als Ideologie zum nachbeten, sondern nur als anstrengende Aufforderung zum selber denken, die nicht endet, weil sich die Welt immer ändert, warum sie ein dauernder Prozess der Diskussion sind, in dem wir denken müssen, um frei zu bleiben. Freiheit ist einerseits ein Geschenk, andererseits eine lebenslange Aufgabe und nur, wo wir täglich den Mut haben, um sie zu kämpfen, wird sie den Mut haben, zu kommen, um zu bleiben.

Das Denken und der Mut dazu, dabei alle Grenzen zu überschreiten, ist die Freiheit, auf der unsere Kultur fußt, aus der die Menschenrechte wuchsen und die wir nur hier verteidigen können, in dem wir zum selbständigen Denken anregen, statt zu taufen. Vielleicht aber ist die Taufe ein Schritt, diese Menschen aus der größeren Abhängigkeit an mehr Freiheit zu gewöhnen, aus der sie dann kritisch zu denken, beginnen können.

Aberglaube kann kein Ziel einer offenen Gesellschaft sein, aber pragmatisch betrachtet, könnten so kreativ Intergrationshindernisse umgangen und ein konstruktiveres Miteinander gefunden werden, um darauf leicher das ‘HABE MUT!’ wie Kant es dachte, zu integrieren unsere Gesellschaft freier und offener zu machen.

Wer es als Brücke nutzt, um Menschen aus stärkeren Ketten des Aberglaubens zu befreien, könnte damit das Fundament für eine spätere Integration durch Befreiung aus der dann selbstverschuldeten Unmündigkeit legen.

Wichtig ist dieser Unsinn des auch christlichen Aberglaubens und die anmaßende Peinlichkeit der Mission, mit der sich ein besserer Status erhandelt werden könnte, nur deshalb, weil er Teil unserer Kultur ist, das Verständnis für freies und selbständiges Denken förderte.

Kulturgeschichte verstehen ist ein Teil jeder Integration und wenn eine Gemeinschaft sich auf gemeinsame Werte einigen will und mehr als den formalen Gesellschaftsvertrag als Bindung untereinander sucht, braucht es eine gemeinsame Kultur als Bindeglied. Die schufen für das Christentum noch Karl und Otto die jeweils Großen mit dem Schwert, nicht so fern von dem, was der IS heute auch tut.

Wer nicht versteht, warum die Menschenrechte in Abgrenzung von einer übermächtigen Kirche entstanden, sie sich nicht selbst auch als Schatz erringt, sondern übergestülpt bekommt wie ein unbestelltes Geschenk, wird sie eher weniger wertschätzen. In Sachsen und vielen ländlichen Regionen Neufünflands konnten wir dies beobachten, weil das Grundgesetz von ihnen nicht errungen wurde, sondern viele diese beste deutsche Verfassung aller Zeiten bis jetzt, als übergestülpt empfanden, weil sie auch manches in der DDR zu schätzen wussten. Dies ist ein Beispiel für Kants habe Mut im Rahmen der Beantwortung der Frage, was Aufklärung sei.

Auch darum blieb die SED-Nachfolgeorganisation, die sich heute sehr kulturaffin Die Linke nennt und doch eher mehrheitlich eine nur reaktionäre Organisation ist, stark. Sie nutzte den fehlenden Mut und unterstützte die enttäuschten Nörgler mit Anklagen und Forderungen gegen den Sozialstaat, die keine Regierung je realisieren könnte, warum auch Wagenknecht keiner ernst nimmt, der sich mit der tatsächlichen Umsetzbarkeit von Politik schon beschäftigte, sie nur als eine brandgefährliche Populistin wie ihren Gatten Oskar sieht.

Kultur kann nur in Freiheit und in Freiräumen entstehen. Wie es früher der Adel war, braucht die Kunst auch heute Mäzene - ob dies der Staat sein muss, könnte der Frage wert sein, vor allem in Anbetracht herrschender Vetternwirtschaft. Dafür spricht der Bildungsauftrag, dagegen spricht die Vergeudung von Geldern, die für effektive Verwaltung dringender gebraucht werden.

Aber eine Gemeinschaft funktioniert auch nur, wenn sich ihre Teile mit dem Ganzen identifizieren. Dazu braucht es Kultur als Brücke und Gegenstand der Identifikation. So ist die Kulturgeschichte immer auch zentraler Teil für den Zusammenhalt eines Staatswesens und damit, wenn auch von vielen nur für die schöne Verzierung gehalten, in Wirklichkeit der Mörtel zwischen den Steinen, der erst ein Bauwerk sicher macht, das vielleicht auch ohne die Verbindung der Steine irgendwie stände, aber verbindungslos bliebe und immer einzustürzen drohte ohne Fundament und Verbindung.

Sie ist auch Teil der großen Geschichte, die gern mit Fakten und großen Namen glänzt von denen, die wichtiges an zentraler Stelle entschieden. Es gibt in der Kulturgeschichte auch die Tendenz mehr Wert auf die Sozialgeschichte zu lesen, auch wenn dies logisch vermischt, aus durchsichtigem Interesse Dinge betont, damit sie sozialer und besser klingen, als sei Aufgabe der Kulturgeschichte die Geschichte umzuschreiben und nicht nur von ihr zu erzählen.

Diskutierte mit einer kulturgeschichtlichen Dozentin und Liebhaberin, was hier keine Rolle spielt nur beim später Blick auf die Sittengeschichte als Teil der Kulturgeschichte interessant sein könnte, über die Rolle großer Köpfe und Familien zum Verständnis der Geschichte und stritt mich mit ihr dazu genauso wie zu der Frage der Bedeutung der Religion, die sie aus meiner Sicht an falscher Stelle für entscheidend hält.

Sie meinte, die Sozialgeschichte der normalen Menschen, der Bauern und Handwerker, sei viel wichtiger und spannender als die zur genüge bekannte des Adels und der Politik. Hatte mit meiner dürftigen Bildung nur wenige Argumente gegen diese hochgebildete Frau, war mir aber ganz sicher, dass sie völlig falsch lag und Prioritäten setzte, die nicht zum Verständnis beitragen, sondern nur politisch gerade korrekt, das Maß der Verwirrung sozial kompatibel erhöhten.

Hatte mich über diese Frage schon einmal mit einem Kunsthistoriker überworfen, der die Person des Künstlers für überbewertet erklärte und stattdessen lieber das Werk an sich betrachtete und für sich sprechen ließ, was ich für bloßes politisch korrektes und gerade modisches Blabla hielt. Ein Werk stammt immer von einem Künstler und dieser spricht durch seine Werke immer.

In jedem meiner Texte, spiegelt sich auch mein Leben und wer eine Geschichte meiner Liebsten schreiben wollte irgendwann oder mich einer Biografie für würdig erachtete, was zugegeben ziemlich phantastischer Unsinn wohl wäre, brauchte nur in meinem Blog die Serie meiner Verse lesen und könnte sehr viel aus meinem Leben wieder entdecken, es teilweise exakt erzählt finden, allerdings selten oder nie so, wie es  geschah, sondern so, wie ich darüber denke mit meinen bescheidenen Mitteln. Viele verwechseln auch Dichtung und Wahrheit wie schon Goethe autobiografisch so treffend titelte, erstere bleibt immer Kunst und macht, was sie will und aus ästhetischen Gründen, die manchmal auch vom schlichten Marketing beeinflusst werden, letztere gibt es nicht und ist systemlogisch die Erfindung eines Lügners. Was die Wirklichkeit für wen ist, wäre wohl ein zu weites Feld für ein nur Essay.

Nun aber zurück zu dieser hochintelligenten, noch gebildeteren und wunderschönen Kulturwissenschaftlerin, mit der ich zu gerne mal ein Buch zusammen geschrieben hätte, müsste ich nicht fürchten, dass wir uns dabei irgendwann den Schädel einschlügen oder zumindest schreiend auseinanderliefen - ihre These von der Sozialgeschichte und der Wichtigkeit der kleinen Leute zum Verständnis einer Zeit, halt ich, um ehrlich zu sein, für politisch korrektes Gewäsch, was den Horizont in eben diesem Nebel verdunkelt, ohne etwas zur Aufklärung beizutragen.

Weiß, dass es seit den 80ern dazu eine angeregt geführte Diskussion in der Kulturgeschichte gibt, die ich aber von Anfang an eher für geistige Onanie hielt, mit der sich die Beteiligten mehr Aufmerksamkeit für ihre Publikationen im Wettstreit um Professuren erhofften, ohne irgend neues zum Diskurs beizutragen. Es wurden politische Formeln und Forschungsgegenstände der Soziologie auf die Kulturgeschichte übertragen, diese wurde dazu im egalitären Gewand geschminkt damit sie nett sozialdemokratisch aussah und ließ sich dafür immer tiefer über im Grunde völlig unwesentliches zum Verständnis des Laufes der Welt aus.

Sich ein Bild auch davon zu machen, wie die nicht privilegierten Menschen lebten, die keine Entscheidungen fällten, kann sicher helfen, historische Ereignisse besser einzuordnen. Ist ein kleiner Baustein, der ein Mosaik auch vervollständigt, aber damit nicht zur Bedeutung an sich wird.

Geschichte und Kulturgeschichte lebte von dem, was passierte und denen, die es bewegten. Das ist lange Zeit primär der Adel gewesen, dann kamen im Mittelalter und der Renaissance bürgerliche Bänker zu Macht, die Adel sich kaufen konnten, wie die Medici, die Fugger und die Rothschilds später. In Summa haben alle Lieschen Müller und Fritzchen Meyer auch viel in der Welt bewegt, sind eigentlich die Basis aller Macht, doch vollzogen sie im bekannten Rahmen ihr Tagwerk als abhängig Beschäftigte oder Eigentum des Grundherren bis ins 19. Jahrhundert weit hinein.

Habe mich mit der Kulturhistorikerin leider nie mehr zum streiten getroffen, was ich immer sehr bedauerte, weil ich trotz aller divergierenden Meinung, sehr viel von ihrem Wissen halte, vom übrigen hier zu schweigen, was sicher auch Grund genug wäre, aber kein Thema ist, höchstens zur Sittengeschichte als Teil der Kulturgeschichte passte aber auch insofern hier gerade nicht passt, wir sahen uns ja auch irgendwann nie wieder, weil beiden andere Leidenschaften zwischen die Kultur kamen und Priorität bekamen.

Hätte sie zu gern davon überzeugt, dass auch die Kulturgeschichte ihre Köpfe braucht, um sich zu orientieren, was sie vermutlich meinem Mangel an Orientierung zuschrieb, der auch an den Lücken meiner Bildung liegt, was sie als Profi wohl unschwer erkannt haben wird. Es ist das Gegenteil nämlich, die Sehnsucht nach Orientierung, die mich Netze mit den immer gleichen Köpfen spannen lässt, um die sich bestimmte Teile der Welt zu dieser Zeit drehten.

Die Geschichte mit der Kultursozialgeschichte mag ein verzeihlicher Unsinn zur Erringung einer begehrten Stelle sein, die ausreichend Aufmerksamkeit erheischt, vielleicht noch die Leser des sozialdemokratischen Vorwärts interessieren, wenn es diese denn wirklich gibt und solche nicht nur wie die Leser aller Vereinsblätter einzig wahrnehmen, was sie persönlich betrifft, leistet ansonsten aber keinen Beitrag zur Aufklärung, die aus der Unmündigkeit befreien soll, die aus Unwissen resultiert.

Geschichte wie Kulturgeschichte braucht ein grobes Netz, das sich in Details je nach Bedürfnis verfeinert. Wie wir den Rahmen finden, der zu uns passt, muss jeder für sich entscheiden und sich dabei nach dem richten, was Lust auf mehr macht und interessiert. Kulturgeschichte ist noch mehr als alle anderen eine Frage der Lust, die sich Brücken zum Rahmen sucht, der sie betrifft.

So kam ich von der Lektüre von Heinrich Manns Henry IV. zu diesem und dabei noch zu den französischen Häusern Valois zu dem von Bourbon, die heute noch in Spanien repräsentieren, nebenbei noch zu seinem Berater Michel de Montaigne und seiner englischen protestantischen Kollegin Elisabeth I., diese führt klar zu Philipp II. der natürlich an Karl V. denken lässt, den Kaiser in dessen Reich die Sonne nie unterging und der so viele Kriege ausfechten musste, der wiederum nach seinem Großvater Maximilian I. über Luther richtete, was zur Reformation bringt, dabei denke ich zugleich an das Spanien, das Karl V als I.  regierte, was mich zur Reconquista als Gegenbewegung zum sich aufbäumenden Protest gegen Ablass und Inquisition führt, diese in Spanien noch stärkte und von Karl geht es zu seinen Großeltern mütterlicherseits, die auch Schwiegereltern einst vom Vater von Elisabeth I. von England waren, dem berühmten Henry VIII. aus dem Hause Tudor, und die  Karl von Aragon und Isabella von Kastilien hießen und zufällig die gleichen waren, die den im Glauben fanatischen genuesischen Kaufmann Christoph Kolumbus die Reise nach Indien auf westlichem Wege finanzierten und damit landen wir in Amerika und sind fast schon wieder in der Gegenwart, wo Obama wie verzweifelt noch lauter Aktionen startet, von denen jeder weiß, Trump wird sie schnell zurücknehmen, was gegen jede demokratische Sitte auch für eine lame duck verstößt.

Wen dies surfen zwischen Welten und Zeiten nicht fasziniert, der wird andere Wege und Brücken finden und suchen, um sich zurechtzufinden, wo immer ein Mensch zum erstenmal auf die großen Zusammenhänge stößt, die ein faszinierendes Netz offenbaren, in dem Kultur sich entfalten kann.

Es mag schön sein, Forschungsmittel dafür zu bekommen, sich einige Jahre damit zu beschäftigen, wie es fränkischen und hessischen Bauern während der Bauernkriege in ihren Ehen sozial erging. Dann muss natürlich zur Rechtfertigung noch irgendetwas scheinbar wichtiges zu diesem irrelevanten Thema veröffentlicht werden, denn Schlachten entschieden immer andere, auch wenn jeder Tropfen seine Rolle irgendwo spielt, politisch wichtige Entscheidungen trafen die Bauern auch eher nie, so wenig wie die Handwerker im engen Verbund ihrer Zünfte. Sie zu würdigen und ihrer sozialen Rolle gerecht werden wollen, klingt nett, ist aber nichts als geistige Onanie junger Dozenten auf der Suche nach Bedeutung, wenn dafür die entscheidenden Dinge vernachlässigt werden und die Köpfe und Familien, die erst Zusammenhänge weltweit verstehen lassen, vergessen werden.

Auch in der Kulturgeschichte gilt, das Netz ist der Zahlenstrang im Kopf, auf dem Ereignisse sichtbar werden und hervorstechen, es bildet den Rahmen, in dem bestimmte Personen und Familien manch Großes bewegten, während alles übrige wie immer geschah, was auch beim  Blick auf die Sittengeschichte noch deutlicher wird. Es hat sich am Leben und an den Bedürfnissen der Menschen nicht wirklich viel geändert in den letzten Millionen Jahren, um so mehr an der Art, wie wir unser Zusammenleben organisieren. Es wird in der irgendwann Kulturgeschichte unserer Zeit und der Demokratie natürlich auch der Bürger als Stimmberechtigter eine größere Rolle spielen, vom Wutbürger bis zum besorgten Brüder, die wie damals die von Straßenkämpfen genervten an die Macht wählten.

Doch um einen Rahmen zu finden, sollten wir durch die Jahrhunderte zu fliegen lernen und nur die Leuchttürme als Orientierung kennen, um zu wissen, wo wir stehen und wer diese sind. Habe selbst seinerzeit in Hessen viel von diesem Unsinn gelernt, der dem Unterricht in Geschichte einen sozialdemokratischen Anstrich geben wollte. Wusste aber nichts von der Rolle der Medici, der Rolle der Katharina und der königlichen Vettern in der Bartholomäusnacht und hatte doch nichts davon, zu wissen, wieviel Quadratmeter durchschnittliche abhängige Bauern für die Eigenversorgung bewirtschafteten.

All dies ist Wissen für ein Lexikon des überflüssigen Wissens, in dem notiert würde, was niemand wissen muss, keinen weiteren Zweck erfüllt als Fakten zu liefern, die nichts an der Welt änderten.

Vielleicht ist meine Beschränkung auf bedeutende Ereignisse und Personen völlig asozial, adelsfixiert und elitär, aber sie gibt mir ein Netz jenseits von Beschäftigungstherapien für historische Soziologen, mit  dem ich von jedem Punkt aus arbeiten und mich zurecht finden kann. Da mögen andere begabter sein, warum ich nicht über das, was mich vielleicht aufgrund meiner bescheidenen Mittel so gähnend langweilt, scharf urteilen - sondern nur feststellen, dass ich lieber nach oben schaue in der Geschichte, um zu verstehen, statt im Schlamm zu wühlen, da es den Überblick erleichtert.
jens tuengerthal 29.12.2016

Mittwoch, 28. Dezember 2016

Gretasophie 005

005 Wie alles wurde - Geschichte im Überblick

Über die Lust an der Geschichte

Geschichte scheint ein riesiges, unendlich weites Feld zu sein, in dem Mensch sich völlig verlieren kann, wenn keine Orientierung gefunden wird. Viele kapitulieren schon bevor sie nach einer solchen suchen vor den Unmengen an Stoff, die den Neugierigen hier erwarten und den Experten  vom Laien unterscheiden.

Andere rutschen über historische Romane plötzlich in die Welt der Geschichte und einzelne Personen, mit denen sie sich identifizieren können, die dann zur Brücke ihrer Neugier werden und ihnen damit eine Orientierung geben.

Habe wenig Ahnung von historischen Daten, bringe mit meiner lückenhaften Erinnerung immer wieder Zeiten durcheinander, springe nach Ideen zwischen den Zeiten, ohne mich an eine strenge Chronologie dabei noch zu halten. Trotzdem fragen mich erstaunlicherweise immer wieder Menschen, wie ich mir das alles merken kann und woher ich die Namen alle kenne.

Bin dabei immer ganz perplex, weil ich weiß, wie wenig Faktenwissen ich habe, auf wie dünnem historischen Eis ich stehe und das nicht nur weil ich in den 70ern in Hessen in der Schule war. Verdrehe manches und es gibt mehr Gebiete, die für mich ein völlig blinder Fleck sind als jene, von denen ich zumindest ein wenig Ahnung habe. Dennoch schaffe ich es irgendwie den Eindruck zu erwecken, ich verstünde was vom Thema, was mir  zwar rätselhaft erscheint aber zumindest meiner Eitelkeit schmeichelt.

Schreibe und rede nur von wenigen vermutlich häufig wiederholten Geschichten, die ich kenne und vergesse das meiste, was ich lese sehr bald wieder. Viele meiner Freunde und Bekannten, die von sich sagen, sie haben keine Ahnung von Geschichte, haben meist ein besseres historisches Wissen in Fakten als ich, der die Geschichte einfach liebt und eher eine bloß emotionale Bindung zu diesem Thema hat.

Daten haben mich schon immer gelangweilt und wenn ich höre, welche Schlachten und Geburtstage einer meiner besten Freunde neben allen Figuren der griechischen Mythologie dazu kennt, merke ich bei jedem Besuch im Museum mit ihm, wie wenig Ahnung ich in der Sache habe. Ihm fällt das wohl leichter, weil er im Gegensatz zu mir ein hervorragendes auch durch die Musik trainiertes Gedächtnis hat, vom Bridge Spiel ganz zu schweigen, dass seine Aufmerksamkeit wohl auch von früh an zusätzlich trainierte. Dagegen scheiterten meine Versuche mit ihm Bridge zu lernen, obwohl ich es sehr vornehm fand, bald an meinem schlechten Gedächtnis  und ich war zu faul in ein Kartenspiel Energie zu investieren, wie ich überhaupt wohl sehr faul und bequem bin, es mir gern gut gehen lasse.

Meinem Freund fällt es noch leichter, weil er mit vielen derer aus der Geschichte auch noch irgendwie verwandt ist -  nicht nur über Adam und Eva wie wir alle, sondern relativ nah und konkret. Ihn bewunderte ich für sein enormes Wissen immer und die Gänge mit ihm durchs Museum wurden mir immer wieder zur  Lehrstunde, bei der meine Lust an der Geschichte wuchs. Er plauderte über Familiengeschichte quasi, so wie meinereiner von Tante Erna erzählte und während ich bei den ersten malen ständig nachfragte, wuchs mit der Zeit auch mein Netz, in dem ich mich bewegte und ich begann, seine Anspielungen zumindest teilweie zu verstehen.

Er hat eine klassische humanistische Bildung genossen, ist mit einem sagenhaften Gedächtnis gesegnet und dazu noch, auch als Erbe der alten Familie,



 mit einem weit überdurchschnittlichen strategischen Denken gesegnet, was Zusammenhänge erkannte, von denen ich zunächst nicht mal etwas ahnte.

Durch ihn lernte ich Schauen und begann Brücken zu bauen zwischen dem, was ich in der Schule lernte und was er an klassischer Bildung spielerisch nutzen konnte. Auch sein Vater spielte immer wunderbar mit historischen Anekdoten, mit denen sie aber auch als Familie groß wurden, erzählte sogar noch mit über achtzig immer wieder lange Verse auswendig dazu - von Fontanes Preußengedichten bis zu Morgenstern, der das ganze noch mit Humor versah. Früher verstand ich viele seiner klugen Witze kaum, dann begann ich, dahinter zu  schauen und zum Glück neigen auch so kluge und gebildete Menschen im Alter zu Wiederholungen, was mir die Chance gab, wenn nicht beim zweiten, so doch beim dritten mal über einen Witz herzlich zu lachen.

Bin also etwas langsam, nicht überdurchschnittlich begabt, egal, was welche Zahlen nun sagen, die ich für eher zufällig halte, sehr faul und mit relativ wenig Ahnung in der Sache, über die ich nun fabulieren will, wovor ich die Leserin hiermit nur eindringlich warnen wollte. Möchte kein Geschichtsreferat halten, in dem ich Fakten herunterbete sondern nur über meinen Blick darauf erzählen und wie ich darin Orientierung fand.

Verglichen mit Historikern oder wirklich gebildeten Menschen habe ich immer noch keine Ahnung, möchte auch meiner Tochter gegenüber gar nicht so tun, als wäre es anders, denn sich als Kenner blamieren, ist immer peinlicher, denn als Dilettant überraschen erfolgreich zu sein, womit ich nicht mal rechne, nur vermeidet es die größte Blamage von vornherein klarzustellen, ich habe keine Ahnung, bin nicht verwandt, habe keine klassische Bildung genossen, die ich nur bewundern kann, sondern manche hessische Schulexperimente bis zur 9. Klasse erfahren und bin danach im Ländle mehr oder weniger erfolglos dem rasenden Schulzug hinterher gerast, der auch im Leistungskurs Geschichte im Abitur noch auf sehr überschaubar niedrigem Niveau blieb.

Im Gegensatz zur Elterngeneration oder meinem hochbegabten Freund, lernte ich in der Schule und auch sonst nahezu nichts mehr auswendig, was als altmodisch galt, sondern sollte es mir im sozialen Kontext erschließen lernen, was sich mir mit nichts als Gerüst so wenig erschloss wie die vorher üblichen nur stumpf auswendig gelernten Daten. Betrachte ich mein schlechtes Gedächtnis, kann ich von Glück reden in den 70ern teilweise reformpädagogisch geprägt die Schule durchritten zu haben, ohne von einer größeren Ahnung tiefer getrübt zu werden.

Da ich wenig so gut kann, wie vergessen, behielt ich fast nichts vom gelernten sondern baute vorsätzlich auf Lücke, die ich mit der Zeit durch Phrasen zu füllen lernte, wie ich es auch hier schon wieder völlig faktenfrei tue. Warum aber kann ich dennoch den Eindruck erwecken, ich würde mich in Geschichte auskennen und hätte meinem schwachen Gedächtnis zum Trotz ein großes Wissen?

Will hier ganz ehrlich sein, es geht ja um nichts als meine Sicht und ich möchte meiner Tochter nicht wie in der Schule Fakten vermitteln, sondern den Blick auf die Geschichte öffnen. Es braucht kein großes Wissen dazu sondern allein ein Verständnis für Zusammenhänge, um zu verstehen, worum es geht. Natürlich ist manches dabei immer Show, was heißt bestimmte Begriffe und wenige Codewörter zu verwenden, die klingen als hättest du Ahnung, auch wenn du wenig mehr als diese Worte kennst.

Auch wenn in der Schule oder später an der Uni Wissen abgefragt und überprüft wird, geht es meist nur um wenige Fakten, die auswendig gelernt werden können und dann einfach nur im richtigen Kontext wiedergekäut werden. Dahinter steckt wenig Zauberei und es braucht keines überragenden Gedächtnisses, um in Geschichte mit Einsen zu glänzen, sonst wäre es ja mir auch völlig unmöglich gewesen, auch in Anbetracht meiner großen Faulheit beim Lernen.

Habe mich in den letzten zwei Jahren in der Schule, den einzigen in denen ich in meiner viel zu langen Schulkarriere jemals gut war, immer auf ein Minimum an Aufwand beschränkt, habe glaube ich nie so wenig für die Schule getan, wie zu dieser Zeit. Nur gefehlt habe ich selten und zum etwas Unwillen der Klassenkameraden immer aktiv mitgemacht, um nicht Gefahr zu laufen, sonst einzuschlafen. Nebenbei habe ich viel Zeitung gelesen, vielleicht um mich wichtig machen zu können, aber auch um gebildet und interessant mit Schlagwörtern wirken zu  können, die dann so ganz nebenbei im Gedächtnis blieben.

Vermute heute diese Lektüre der Zeit, hat die Basis geschaffen, aus der sich dann spielerisch der Rest ergab. Auch in Mathe, wo ich früher  immer eher zur 5 tendiert hatte, machte ich einfach mit und so erledigten sich die Dinge von alleine - nicht dass ich vom Thema sonderlich begeistert gewesen wäre, nur sich dabei mit etwas anderem beschäftigen und es dann in der letzten Minute vor der Klausur nachzuarbeiten, um es doch noch zu verstehen, war viel zeitaufwendiger. Da ich die Stunden ohnehin absitzen musste, konnte ich sie auch nutzen - null Mehraufwand, war ja eh da, führte zu viel geringerem Eigenaufwand vor den Klausuren, für die ich fast nichts mehr tat.

Für Geschichte war das ganze noch einfacher durch die Lektüre der Zeit, die half alles in einen Kontext zu stellen und eigentlich dachte ich schon immer, es wirke gebildet, in diesem Gebiet eine Ahnung zu haben und da ich aus einer Familie voller Besserwisser komme, erleichterte mir wenig Lernarbeit, auch noch im privaten Kreis den dicken Max zu machen.

Damals hatte ich allerdings nur Inselwissen über die gerade aktuellen Themen. Der Zusammenhang fehlte völlig und trotz der angeblichen Hochschulreife, noch dazu aus dem Ländle, was als anspruchsvoll galt, war mein Wissen über die in der Schule gefragten Gebiete noch weit unterdurchschnittlich.

Vom Mittelalter hatte ich nahezu keine Ahnung, die römische und griechische Geschichte kenne ich nur sehr lückenhaft, die Ägypter hatten halt Pyramiden und Pharaonen und balsamierten ihre Leichen ein, aber viel mehr war auch da nicht. Die Renaissance kannte ich nur als Wort und vielleicht Kunststil, der Dreißigjährige Krieg fand statt, klar, aber wann und wo oder warum, außer um den Glauben, hatte ich keine Ahnung. Preußen hatte ich mal vom Großvater gehört, Ostpreußen gab es nicht mehr, der Deutsche Orden war eine unbekannte Größe. Babylon hatte ich mal gehört, des Turmes wegen - aber sonst war da nicht viel und die Germanen gab es halt früher mal.

Über meinen Freund, mit dem ich so gern ins Museum gehe, wurde mir klar, es gibt da unendlich viel zu wissen und wie schön viele Kunsthistorikerinnen waren, die das alles lernten, konnte ich nicht übersehen - wollte es also nicht länger ignorieren, um an den richtigen Stellen nicht zu dumm zu wirken, Eindruck durch die richtige Bemerkung machen zu können, da auch meine sonstigen körperlichen Unzulänglichkeiten mir Erfolge auf diesem Gebiet eher unmöglich machten.

Bin zu blind, einen Ball richtig zu fangen oder zu schießen, zu faul, mehr als nötig für die körperliche Ertüchtigung noch zu tun und die kurze Zeit in der ich schnell schwamm ist so viele Jahrzehnte her, dass ich es besser verschweige und so blieb mir nur der Geist, wenn ich im Gebiet der Minne Eindruck schinden wollte auch jenseits romantischer Verse, die bei falscher Gelegenheit auch nur noch komisch wirken können.

So war die Erkenntnis über die eigenen Grenzen und die daraus resultierenden geringeren Erfolgschancen am Markt der erste Grund, sich zu überlegen, mit möglichst wenig zumindest intellektuell den Anschein von Glanz wecken zu können, vielleicht sogar Frauen zu beeindrucken. Wobei sich mit den Jahren bei mir der Eindruck verfestigt, dass Besserwisserei nicht unbedingt das erfolgreichste Rezept ist Frauen zu beeindrucken, sie gar zur Lust zu bewegen, wenn diese Erkenntnis auch keine Folgen hatte.

Dennoch schadet der unbegründete Eindruck einer gewissen Bildung nicht, mit dem im Gespräch auch immer schnell ein historischer Kontext hergestellt werden kann, dachte ich und versuchte mir mit geringst möglichem Aufwand und mit dem, was ich ohnehin tat, einen solchen Rahmen zu schaffen. Zeitung lesen ist das sicherste Mittel dabei, mitreden zu können und gebildet auch ohne sachliche Ahnung zu wirken.

Mehr war es nie und doch hat es erstaunlich gut gewirkt über die Jahre. Konnte über Bücher professionell reden und urteilen, auch wenn ich nur im Perlentaucher online die Zusammenfassung der Rezensionen gelesen hatte und nie das Buch in die Hand nahm. Wie überhaupt der Perlentaucher kurz gefasst die richtigen Stichworte für alle, die wie ich gerne mal Eindruck mit Bildung machen wollen, weil sie sonst nicht viel zu bieten haben, die beste Basis liefert, überall mitreden zu können, was auch bei allen Empfängen immer weiterhilft.

Zurück von meinen niederen Methoden meiner Eitelkeit zu schmeicheln, die immer gern mit Täuschung mehr sein will, als sie ist, auch wenn zugegeben aufgrund schlechten Gedächtnisses wenig da ist, was gelehrtes Schweigen immer am ungefährlichsten kaschiert, zur Geschichte und meinem Rezept dort eine Ahnung vorzutäuschen, die ich nicht wirklich habe.

Wer einfach nur täuscht und blendet im Stile eines Felix Krull, lebt gefährlich, weil er auffliegen könnte, was noch peinlicher ist, als jeder Gewinn der vorigen Täuschung lohnend war. Auch steht meine Natur, die sich gerne in Gesprächen engagiert, dem gelehrten Schweigen entgegen, so musste ich mit geringstem Aufwand, der natürlichen Faulheit und dem schlechten Gedächtnis geschuldet, eine Methode entwickeln, mit der ich den Anschein von Bildung oder historischem Wissen geben konnte, ohne dies wirklich zu haben aber gleichzeitig nicht Gefahr zu laufen, dabei  aufzufliegen.

Es gibt einen wunderbaren Band für solche Fälle, der sich das synchronoptische Lexikon nennt, in dem historische Ereignisse über Kulturen und Epochen hinweg parallel aufgezeigt und die wichtigsten Personen vermerkt werden. Darüber und durch die Museumsbesuche mit meinem Freund bekam ich langsam und erstmals überhaupt so etwas wie einen Überblick.

Überblick ist das Stichwort zur Geschichte, sie wird leicht, wenn wir uns einen Überblick verschaffen, statt uns gleich ins Detail zu stürzen. Wer alles wissen will, kann sicher leicht an der Geschichte verzweifeln, die dort einen unendlichen Fundus bietet.

Als leidenschaftlicher Büchersammler konnte ich mir einfach die nötigen Bände hinstellen und mich von den Einbänden anwehen lassen, las sie nur immer bei Bedarf ausschnittsweise, weil es mir weniger um Spezialwissen als den großen Überblick ging.

Sich wie auf einem Zeitstrahl die Geschichte der Menschheit ansehen oder einen solchen aufmalen und dann die Ereignisse dort zu platzieren, wo sie hingehören, erst in ganz groben Schritten und falls nötig auch mal en Detail, hilft für den Überblick, der erstmal völlig genügt, um mitreden zu können. Dann verstehst du einfach, was ungefähr wann war und schreibst oder malst dir dazu, was wann erfunden wurde und so wächst dies Ding mit der Zeit immer weiter zusammen und du kannst zwischen den Epochen springen. Irgendwann ist er im Kopf und ermöglicht freies Surfen zwischen den Zeiten.

So tut es auch das großartige Buch ‘Die Wende - wie die Renaissance begann’ von Stephen Greenblatt, der auch die berühmte Shakespear Biografie ‘Will’s Welt’ schrieb, dass von der Wiederentdeckung eines Textes des römischen Dichters Lukrez aus dem Rom vor der Kaiserzeit erzählt, der im ausgehenden Mittelalter, nach dem Konzil von Konstanz, also zwischen Mittelalter und Renaissance, wieder entdeckt wurde. Die Wirkung dieses Buches, de rerum natura oder von den Dingen der Natur, reicht bis in die Gegenwart und baut so Brücken, die verstehen lassen, warum nichts einfach alte Geschichte ist, sondern durch Lukrez, der sich wiederum als Schüler des noch  200 Jahre vorher noch lebenden Epikur sah, bis in die griechische Antike reichen, auf der durch diesen berühmten Text die amerikanische Verfassung der Gegenwart noch genauso ruht, weil die Väter der Verfassung als Leser des Lukrez in ganz vielem von seinen Gedanken beeinflusst wurde, den auch, nun kommen wir noch näher an die Gegenwart, Albert Einstein liebte und der heute wieder neu aufgelegt wird, weil durch das Buch von Greenblatt Neugier und Nachfrage riesig wurden.

Lange Zeit in der Geschichte Europas wirkte nur ein Buch als allmächtig, die Bibel, deren Text, bis Luther kam, von kaum einem gelesen, geschweige denn verstanden werden konnte. Auch wenn ein Sagenschatz voller Aberglauben, in ziemlich vielem völlig unvernünftig und bloße Stammesgeschichte, ist sie bis heute ein wichtiger Teil unserer Kultur, die gerade in der Kunst nur durch die Bezugnahme zu diesem esoterischen Werk verständlich wird. Eine ähnliche Rolle spielen die griechischen Sagen, die bis heute fortwirken in Sprichwörtern oder Redensarten und damit Teil unserer Kulturgeschichte sind, völlig unabhängig vom sachlichen Gehalt, allein durch ihre Präsenz im Geist.

Dies scheint nun wie eine wilde Odyssee durch die Zeiten und ohne praktische Relevanz heute?

Schon das Wort Odyssee belegt das Gegenteil. Es meint die Reise des Odysseus, der nach dem Krieg um Troja aus der heutigen Türkei heim nach Griechenland segeln wollte und sich ein wenig für viele  Jahre verfährt.. Aus dem Krieg kennen wir heute noch das trojanische Pferd, mit dem die Griechen die Trojaner überlisteten und das als Trojaner, der unsere Computer und Netzwerke angreift, bis in die Gegenwart präsent ist.

Einer der wichtigsten Romane der anbrechenden Moderne ist James Joyce Ulysses, der englische Odysseus. Europa selbst hat ihren Namen von einer wunderschönen Geliebten des Zeus, die dieser als Stier verwandelt gen Kreta entführte, um mit ihr einige Kinder noch zu zeugen, glücklichen Sex neben seiner Frau Hera zu haben.

Die Römer haben die griechischen Sagen übernommen und ihrem Sprachgebrauch entsprechend umbenannt, doch blieb es die stets gleiche Geschichte, ähnelten sich die Eigenschaften der Götter und der Sagen um sie, mit denen auch Dante im Mittelalter in seiner göttlichen Komödie spielt.

Die Geschichten der Sagen verstehen wir auch ohne ihren historischen Kontext, weil sie zeitlos gut vom alten Homer erzählt wurden. Doch steckt hinter vielen Sagen auch ein wahrer Kern, wie etwa der Hobbyarchäologe Schliemann glaubte, der sich auf eigene Faust und Kosten ins damals osmanische Reich aufmachte, um den Schatz des Priamos zu finden, von dem schon Homer erzählte, zumindest Trojas Ruinen als Beweis des wahren Charakters hinter den Sagen fand und den Schatz noch nebenbei entdeckte, der heute zwischen Petersburg und Berlin verteilt liegt. Nach Russland kam er als sowjetisches Raubgut nach dem 2. Weltkrieg, nach Berlin hatte ihn Schliemann schon verschleppt - wem er gehörte und wohin vor allem, wäre eine andere Frage.

Dieses und anderes Raubgut belastete teilweise auch die heutigen russisch-deutschen Beziehungen noch. Geschichte ist so in ganz vielen Dingen immer gegenwärtig, wie auch der vermeintlich heilige Krieg des IS in Syrien der ganzen Welt zeigt, da es keine Grenzen mehr gibt im Kampf gegen den Terror, der überall zuhause ist, wo er vernichten und schädigen kann. Warum ist der Kampf der fanatischen Gläubigen aber Terror und der Einsatz unserer Drohnen in ihrer Heimat nicht? Geht es um die Zahl der Toten?

Millionen Muslime starben seit Ausbruch des Krieges gegen den Terror 2001. Müssen erst Millionen auch hier sterben, damit die Terroristen als Krieger anerkannt werden?

Wer den Heiligen Krieg und die islamische Welt verstehen will, auch die Sonderrolle Spaniens, wird in der Geschichte zurückgehen müssen bis zu den Anfängen unter Mohamed, der sich als Straßenräuber wie als Hohepriester verdingte. Ein Urteil kann sich nur bilden, wer die Zusammenhänge versteht, die immer auch historisch sind. Alles und jeder hat seine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden, vor allem aber verstanden werden sollte, wozu eben gehört, in die Zeit zu schauen.

Der Zeitstrahl als Gerüst macht es am einfachsten, sich in der Zeit zurechtzufinden. Ob dieser zuerst gemalt oder geschrieben wird, ist dabei Geschmackssache. Wichtig ist nur, ein Gerüst als Rahmen zu finden, von dem aus locker zwischen den Zeiten gesprungen werden kann, sobald Zusammenhänge erkannt werden. Geschichte ist nicht ein einseitiger Fluss, der einfach fließt und das alte Wasser war vorher ein Stück stromaufwärts, sondern gleicht eher einem weiten Meer auf dem Strömungen die Wasser viele weite Wege tragen, wenn sie nicht gerade als Schaumkrone ans Land klatschen und dort in der Sonne trocknen, geht es immer weiter im Kontext. Auch das von der Sonne verdampfte Wasser kehrt als Wolke mit Regen zum Meer zurück um weiter seine Kreise zu ziehen.

Was nun widersprüchlich klingt, weil ein Zeitstrahl ja eine lineare Strecke ist, die einfach vom Anfang zum Ende führt, auch wenn wir beides nur in Teilen bisher erkennen können oder noch nicht so genau wissen wollen, wird wieder schlüssig durch die Wechselwirkung der Geschichte mit der Gegenwart.

Die Geschichte ist Vergangenheit und bleibt es ewig, egal wie weit wir zurückschauen. Auch die Sekunde über die ich hier nun schreibe, ist längst Geschichte, wenn sie gelesen wird. Ob die Gegenwart nur eine Illusion zwischen jüngster Vergangenheit und noch Zukunft ist, wäre hier eine spannende Frage, wie die Zeit überhaupt ein Rätsel ist, das uns viele neue Wege weist.

Auch die Zeit ist eine relative Größe und nicht das Kontinuum, das einfach abläuft, sie hängt wie wir seit Einstein wissen an der Geschwindigkeit auch mit der wir uns durch den Raum bewegen und das Ganze nennen wir dann schon fast Relativitätstheorie in der Physik. Jenes E=mc², das Einstein fand, hat auch physikalisch belegt, was Dichter vorher nur in Versen träumten. Der Augenblick kann verweilen, wenn wir uns nur hoch genug beschleunigen.

Ob darum auch Zeitreisen, in die mathematisch negative Zeit, nur berechenbar bleiben oder konkret umsetzbar werden, ist wie so vieles dabei noch offen und während mancher noch die Mechanik des Welle-Teilchen-Dualismus zu verstehen sucht, sind andere sicher, es funktioniert im Kleinen wie im Großen und die große Geschichte der Zeit wird erst geschrieben, wenn wir ihre Grenzen zu überschreiten.

Wenig ist gewiss und der Zeitstrahl könnte genauso ein Zeitkreis wohl sein, wüssten wir von Anfang und Ende. Doch gibt das lineare Denken Menschen mit schlichterem Geist als modernen Teilchenphysikern, also solchen wie mir, der nichts von dem versteht, worüber er gerade schrieb, auch wenn es anders scheinen sollte, eine Perspektive, mit Halt im Ungewissen.

Nichts anderes ist Geschichte als ein Rahmen, an dem sich Unwissende wie ich durch den Rahmen ihres Nichts hangeln können, ohne unangenehm aufzufallen. Dies geht also nur alle die an, die sich nicht für klüger halten und einen Halt brauchen.
jens tuengerthal 28.12.2016

Dienstag, 27. Dezember 2016

Gretasophie 004d

004d Von Freiheit und Liebe

Was hat die Liebe mit Freiheit zu tun?

Liebe kann nur in Freiheit sein und verleiht Flügel, war immer meine felsenfeste Überzeugung.

Wie sollte auch das schönste aller Gefühle weniger tun?

Zugleich nimmt die Liebe aber gefangen und fesselt uns. Wenn ich mich verliebe, träume ich von einer Bindung mit dem geliebten Menschen, möchte ihn möglichst nah haben, alles mit ihm teilen, weil mehr Nähe dann glücklicher macht.

Verschenke mich an den geliebten Menschen und gebe mich damit ein Stück weit auf. Natürlich gibt es all die klugen Ratschläge, die uns sagen, dass nur wer sich selbst auch liebt, überhaupt lieben kann. Manchmal denke ich sogar verliebt daran, aber wenn gefühlt das Glück des anderen mein Glück ist, kann es doch nichts schöneres geben, als nach dessen Glück zu streben, sich diesem ganz hinzugeben.

Macht es nicht gerade die Liebe aus, über sich hinaus zu wachsen und alles für den anderen zu wollen, was ihn glücklich macht?

Natürlich sollte sein Glück auch mein Glück sein, damit das gemeinsame Glück genossen werden kann, sich zu  haben. Doch sind die Flügel der Liebe nicht gerade die Fähigkeit das gemeinsame Glück zu genießen und zu wollen, sich darin zueinander fliegend zu  finden?

Darauf gibt es eine pragmatische und eine emotionale Antwort. Wer sich völlig im Gefühl für den anderen verliert, hat schlechte Aussichten, auf Dauer glücklich zu sein. Dagegen werden die, eine glückliche Beziehung führen, die Probleme pragmatisch lösen und beiderseits Erfüllung miteinander finden.

Liebe ist kein Geschäft und es geht nicht um geben und nehmen und einen guten, fairen Preis für gute Ware, der zur beiderseitigen Zufriedenheit ausgehandelt wird. Es geht um Gefühle und das gemeinsame Glück, sagen wir so. Aber gibt es Glück, bei dem nur einer Befriedigung findet und der andere, gefühlt, leer ausgeht?

Wir können aus Liebe auch lange unsere Bedürfnisse zurückstellen, weil es auch schon glücklich machen kann, den anderen glücklich zu sehen und das schon Glück genug zumindest verliebt ist. Doch irgendwann frage ich mich, was habe ich davon und warum geht es nur um das, was dem anderen wichtig ist, wo bleibe ich dabei?

Daran scheitern viele Beziehungen, weil einer das Gefühl hat zu kurz zu kommen. Fraglich nur, was das noch mit Liebe zu tun hat oder ob es dann nur um das Geschäft einer Beziehung geht, die im Alltag eben doch ganz pragmatisch ausgehandelt werden muss, damit beide glücklich werden können.

Ist die Liebe als reines Gefühl darum etwas anderes als eine Beziehung, die eben auch immer ein Geschäft des Alltags sein muss, damit es funktioniert?

Irgendwie schon, denke ich, weil Liebe, die im Alltag nicht funktioniert, eben nur ein hehres Gefühl bleibt, das langfristig unglücklich macht, wenn es nicht auch einen Weg gibt, sie zu leben, wozu ganz logisch die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse gehört.

Das fängt bei der Sehnsucht nach Nähe und Zärtlichkeit an und hört beim Sex noch lange nicht auf, sondern erfasst vielmehr alle Bereiche des Lebens, die uns glücklich machen. Wer in einer Beziehung das Gefühl hat, nicht so sein zu können, wie es der eigenen Natur entspricht, wird kaum auf Dauer glücklich sein können.

Es muss nicht alles geteilt werden, um glücklich zu sein, außer in der Phase erster Verliebtheit vielleicht, vielmehr müssen beide nur das Gefühl haben, der andere macht mich emotional, in dem was wir teilen, glücklicher, als ich es ohne wäre. Gute Beziehungen zeichnet es auch aus, dass der andere alles tun kann, was ihm gefällt und der Partner es ihm ohne Missgunst gönnen kann.

Wenn ich eine Freundin hätte, die gerne tanzt oder in der Natur ist, kann ich ihr das von Herzen gönnen, muss es darum aber nicht teilen wollen, um eine glückliche Beziehung zu führen. Finde sogar, Liebe zeigt sich gerade darin, dem anderen seine Leidenschaften gönnen zu können, ohne sie teilen zu wollen. Schon an diesem Punkt scheitern viele, die enttäuscht darüber sind, dass es nichts gemeinsames gibt, was sie glücklich macht unter den unendlich vielen möglichen Freizeitbeschäftigungen und vergessen dabei völlig, dass die geteilte Liebe und der hoffentlich glückliche Sex schon mehr ist als die meisten Menschen je miteinander teilen und es vollkommen genügen kann, glücklich zu bleiben,  die Sehnsucht nach Nähe in der Nacht, ein Gefühl und Sex miteinander zu teilen.

Was ich gerne tue, ist Lesen und Schreiben und beides tue ich, außer wenn ich mal vorlese, eher völlig für mich. Es ist traumhaft schön, wenn ich das mit einer teilen kann, aber es kommt nicht darauf an für mein Glück, wichtiger wäre mir da, dass der andere respektieren kann, dass ich diese Zeit für mich will, ohne sich dadurch zurückgewiesen zu fühlen.

So wäre mir meine Freiheit sehr wichtig, zu tun und zu lassen, was mir gefällt und nicht ein Leben nach den Wünschen des anderen zu führen. Andere finden es wunderbar, dem anderen in seine Welt zu folgen, um sich auch dort zu finden. Wem das tatsächlich gelingt, der möge es genießen als großes Glück. Nach meinem Gefühl ist das eher die Ausnahme.

So verschieden wie Menschen sind, so unterschiedlich sind auch ihre je Bedürfnisse. Während den einen etwa Sex in einer Beziehung das wichtigste ist, finden andere die nächtliche Nähe viel bedeutender und machen beim ersteren nur mit. Doch gerade bei diesem Punkt ist es oft schwierig, das Glück für sich zu finden, statt gemeinsam.

Wer das Bedürfnis nach großer Nähe oder Sex nicht teilt, wenn etwa nur eine Seite leidenschaftlich ist, die andere zusammen Kommen für unwichtig hält, gibt es keine Perspektive zum geteilten Glück, was schwierig insbesondere dann wird, wenn diejenigen, die es für unwichtiger halten, gleichzeitig Treue für eine Bedingung halten, ohne die gar nichts geht.

Auch hier sind viele pragmatische Lösungen denkbar, die für die meisten aber undenkbar sind, weil sie alles gerne ganz wollen und sich wundern, wenn einer dabei unglücklich wird, wenn sie sich ganz verwirklichen.

Dies soll kein Plädoyer für offene Beziehungen sein, die aufgrund herrschender Konventionen und der Unfreiheit der Beteiligten selten wirklich funktionieren, aber doch eines für die Freiheit, das Glück auf viele Arten zu suchen, um sich an dem zu freuen, was verbindet.

Wenn es im Bett nicht gut miteinander klappt, aber sonst vieles traumhaft ist, muss daran keine Beziehung scheitern, sondern beide könnten sich Wege suchen, mit denen sie  je glücklich werden könnten, um in dem, was sie doch teilen, um so befreiter glücklich zu bleiben.

Sollte meine Partnerin viel Wert auf schönen Sex legen und ich im Alter wie so viele Männer an Problemen mit der Prostata leiden, mit denen oft eine zunehmende Impotenz einhergeht, wünsche ich ihr, dass sie diesen Bereich anderweitig für sich glücklich befriedigen kann und hoffe, sie würde es umgekehrt genauso sehen.

Doch gerade in dem häufig mit viel Gefühl verbundenen Bereich der Sexualität sind die wenigsten dazu fähig, eine pragmatische Lösung zu finden und ob ich praktisch könnte, was ich theoretisch hochhalte, weiß ich auch nicht so genau. Kenne es nur aus dem Fall, wo eine Partnerin von mir noch eine Liebe mit einer Frau teilte, mit der sie auch gelegentlich das Bett teilte. Da war ich erstaunlich gelassen und tolerant. Weiß nicht, ob das eher daran lag, dass ich eine andere Frau nicht als Konkurrenz für meinen Platzhirschanspruch empfand oder eher insgeheim hoffte, irgendwann daran beteiligt zu werden, es zu dritt dann zu tun.

So sehr ich mich dazu auch befrage, eine klare Antwort finde ich bis heute nicht dazu, weiß nur, wie gelassen ich es immer noch betrachte. Ob ich auf einen anderen und damit konkurrenten Schwanz genauso gelassen reagierte, weiß ich praktisch nicht. Habe diese Erfahrung nur mehrfach mit Frauen gemacht, ohne mich irgendwie darüber aufzuregen. Konnte Gönnen und fand es völlig ok so.

Prostitution ist der Bereich in dem dies Bedürfnis professionell erledigt wird, für alle es so mögen. Mag das nicht, finde Sex ohne authentische geteilte Lust langweilig und kann mir dies daher nach ersten Erfahrungen immer sparen. Da bietet die Liebe an und für sich, sprich die Onanie, mehr Freiheiten ohne Zwänge.

Vom Gefühl her, ist es mir wichtig, der Freiheit Priorität zu geben, um das Glück, wo es passt gemeinsam zu genießen. Auch darum ist für mich Eifersucht, die nur Besitzdenken und Verlustangst ausdrückt, ein absolutes Tabu. Wenn ich Angst haben müsste, dass die andere mich verlässt, nur weil sie mal Sex mit jemand anderen hatte oder flirtete oder einfach lustvollen Gedanken nachhing, in denen ich keine Rolle spielte, dann wäre, was uns verbindet nichts und es zeugte mehr für mein geringes Selbstwertgefühl als für Liebe zum anderen, um die ich angeblich fürchtete. Liebe ist doch viel mehr und für mich ist das Glück nebeneinander einzuschlafen und glücklich zu erwachen, viel mehr als aller Sex, der einfach nur ein natürlicher Trieb ist, der sich eben seiner Natur nach Befriedigung sucht und dann bis zur nächsten Lust verfliegt.

Ist Liebe nicht viel mehr das dem anderen gut wollen, gönnen können?

Weiß nicht,  was in der Liebe entscheidend ist und worauf es ankommt, finde es auch nicht wichtig, es festzulegen. Manche Beziehung scheiterte schon am unbefriedigenden Sex. Jedoch weniger am Sex selbst und weil mir dieser so wichtig wäre, als weil die anderen sich schlecht dabei fühlten einerseits und andererseits Treue und Monogamie für unabdingbar erklärten, ohne selbst dabei glücklich zu sein oder mit geteilte Lust schenken zu können.

Sehe es heute pragmatischer. Wenn bestimmte Dinge geteilt werden und das glücklich macht, ist es gut so und der Rest sollte je nach Bedürfnis gelöst werden. Wenn ich liebe, möchte ich gönnen und schenken und nicht den anderen bewachen und ihm Grenzen ziehen. Vielleicht wollte ich nicht alles en Detail dann wissen, weil ich eben auch nur ein Mann mit natürlichen Instinkten bin, der in einer Gesellschaft wie der unseren sozialisiert wurde, aber vom Gefühl her ist mir wichtig, dass jeder sein Glück finden kann und die gemeinsame Zeit von Glück geprägt ist und nicht von Misstrauen und Sorge.

Eine große Liebe übersteht alles und kommt sich immer näher dabei. Auch wenn es bestimmte Bereiche gibt, die beide nie teilen, gerade daran kann sich die Größe der Liebe zeigen oder nicht.

Das wichtigste Geschenk der Liebe ist für mich, den anderen so zu lieben wie sie oder er eben ist und ihm dieses Sein nicht nur zu gönnen, sondern dem anderen mit der Liebe noch Flügel zu verleihen. Fliegen können, heißt frei sein und sich nicht um Grenzen sorgen zu müssen, die wir im Hochgefühl einfach überfliegen.

Was Liebe verbindet, findet sich jenseits aller Grenzen, sorgt sich nicht um diese, sondern begegnet sich im freien Flug, jeder den anderen für seine Art zu fliegen, bewundernd, statt Grenzen zu ziehen. Alles andere, damit wohl, was meistens gelebt wird, hat für mich weniger mit Liebe als mit sozialem Besitzdenken zu tun. Was ok sein kann und verständlich, schließlich will ja auch jeder für sich, was gelten und seinen Bedürfnissen entsprechend Befriedigung finden. Nur von Liebe sollte dann weniger geredet werden, um die Freiheit dieses Gefühls nicht durch zu enge Grenzen zu beschränken.

So bleibe ich am Ende dabei, dass Liebe frei sein muss, wenn sie sein soll. Das hat nichts damit zu tun, ob wir um einer Beziehung wegen, Kompromisse eingehen, die uns unfreier machen. Fragen können wir uns, wie eine den Prinzipien der Liebe gehorchende Beziehung funktionieren soll und warum, dem folgend, auch jede Erwartung der Anfang vom Tod der Liebe ist.

Beziehungen zu anderen Menschen dagegen machen uns immer etwas unfreier und sind damit ein Kompromiss, bei dem wir uns fragen müssen, ob er sich für uns lohnt und eine Abwägung von Aufwand und Nutzen stellen sollten. Wage nicht darüber zu urteilen, worauf es am Ende ankommt, um glücklich zu sein, muss wohl jeder für sich entscheiden, aber vielleicht wären viele glücklicher im Leben, wenn sie konsequenter über die Dinge nachdächten und die Liebe nicht für ihr vermutlich auch natürliches Besitzdenken missbrauchten.

So hoffe ich immer beflügelnd zu lieben und in der Liebe auch Flügel für mich zu finden und wo sie lähmt, lieber pragmatisch rechtzeitig noch zu gehen.
jens tuengerthal 27.9.2016

Gretasophie 004c

004c Vom Liebeskummer

Die Liebe ist das schönste Glück, scheint es uns, wenn wir glücklich lieben. Zugleich ist sie aber auch das größte Unglück, wenn es nicht geht und einige der schönsten Liebesgeschichten, von Romeo und Julia bis zu Goethes Werther handeln vom Liebeskummer und der traurigen Liebe, die keine Erfüllung in der Realität fand, den Tod anstatt suchte.

Ist dies absurd oder liegen sich Liebe und Tod ihrer Natur nach nahe?

Die Franzosen nennen den Höhepunkt der Lust den kleinen Tod, petite mort, was sehr treffend, diesen Gipfel des Lebens beschreibt, nach dem erstmal alles wie Tod erschlafft und dahinsinkt. So beschreibt die Lust vielleicht auch indirekt die Todesnähe der Liebe, die eben alles ist.

Glücklich verliebt, liegt uns der Liebeskummer völlig fern, wollen wir ein Leben miteinander teilen, können uns nichts schöneres mehr vorstellen und fürchten höchstens, dass die Träume nicht in Erfüllung gehen könnten. Die Liebe kann so  groß sein, dass sie alles erfasst und das ganze Leben erfasst, ein Leben ohne scheint unvorstellbar.

Kann persönlich als leidenschaftlicher Liebender diese Wertherneigung gut verstehen, stand innerlich schon häufiger dem Gedanken nahe, das Leben könnte in der Trauer über die  verlorene Liebe nun auch enden, ich könnte ihm ein Ende setzen, weil alles verloren ging, was mir lebenswert schien, woran all meine Träume hingen, die schönsten Hoffnungen des Lebens untergingen.

Irgendwie ging es dann doch immer weiter, sei es, weil ich zu feige war, diesen letzten Schritt in der Konsequenz der großen Liebe auch zu gehen, oder das Unglück Ablenkung fand, die neuen Lebensmut gab. Verstehe und bewundere aber diejenigen, die für die große Liebe diesen Schritt in letzter Konsequenz gingen. Dies auch, wenn ich das Leben sehr liebe, es gerne noch so lange wie  möglich genießen will und nicht nach dem Freitod strebe, um das Elend zu beenden.

Diese auch Pflicht weiter zu machen, wächst mit zunehmenden Alter und besonders, wenn du Kinder hast, die dich brauchen, du nicht nur für dich alleine verantwortlich bist. Dennoch halte ich die Freiheit, sich das Leben nehmen zu können, im Nichts zu enden, weil wir nach dem Tod einfach nicht mehr sind, für den größten Ausdruck unserer Freiheit und möchte diesen niemand nehmen.

Habe mal lange mit einer eng befreundeten Psychiaterin und Neurologin darüber gestritten, ob der Wille, sich das Leben zu nehmen, gerade aus Liebeskummer, pathologisch oder die einzig gesunde Reaktion ist, weil sie echte, tiefe Liebe ausdrückt, alles andere nur  oberflächlich wäre.

Sie war als Ärztin der Überzeugung, es sei ihre Pflicht, suizidgefährdete Menschen retten zu müssen, es sei sogar eine Straftat durch Unterlassen, sie nicht davon abzubringen, wenn sie es denn wollten und versuchten. Überhaupt wollten sich die meisten Kandidaten des Freitod nicht wirklich töten, sondern schrien um Hilfe und dafür sei sie da.

Überhaupt sei  eine verlorene Liebe doch kein Grund, sich etwas anzutun. Lieben kommen und gehen, da hätten wir doch beide genug Erfahrung und könnten es nicht gut heißen, wenn einer für eine Laune der Liebe ein Leben wegwerfe.

Habe ihr da ganz entschieden widersprochen, um der Freiheit und der Würde des Einzelnen wie der Liebe wegen, was auf wenig Verständnis stieß, da wer sich töten wolle, einfach krank sei und Behandlung brauche, ob durch medikamentöse Unterstützung in der akuten Situation, etwa mit Happy-Pillen, oder eine langfristige Therapie, die wieder Lebensmust geben kann.

Verstehe ihre Sicht, gerade als Ärztin und achte sie dafür sehr, finde es liebenswert, dass sie es als ihre Aufgabe ansieht, Menschen in Not zu retten. Dass will ich nicht schlecht reden und ich bin auch überzeugt, dass sie ihre Arbeit sehr gut und aus voller Überzeugung macht und, weil sie bestimmt eine gute Ärztin ist, vielen Menschen schon geholfen hat, die in diesem Bereich gefährdet waren, eher Hilfe zum Leben brauchten, als Unterstützung im Freitod.

Habe selbst auch schon einige Freundinnen und Freunde von diesem Versuch durch Gespräche abgehalten, finde es gut so und würde es wieder tun, freue mich, dass sie noch leben. Doch wollte ich nie jemanden, der dazu aus freien Stücken entschlossen ist, vom Suizid abhalten wollen, möchte ich immer die Freiheit, die mit der Würde hier gleichzusetzen ist für mich, respektieren.

Es ist mir darum wichtiger, einem Menschen, die Freiheit zu geben, sich auch etwas anzutun, wenn es nötig aus freiem Entschluss scheint und sein Weg ist, zu respektieren. Was wäre ein Leben wert, in dem andere entscheiden, ob wir leben müssen oder nicht, wann es enden soll?

Auch Lukrez und Epikur waren klare Befürworter des Freitodes, wenn er frei gewählt wurde im Wissen, dass nichts mehr kommt und wir keinesfalls etwas besseres erwarten können als nichts und das Ende aller Leiden.  Den freiwilligen Märtyrertod, der das Himmelreich als Lohn für seine Tat erhofft, lehne ich dagegen in aller Entschiedenheit ab. Dieser ist nicht frei im Bewusstsein der Folgen, sondern hofft auf ein illusionäres Jenseits, das besser als die Gegenwart und damit unser einziges Sein wäre. Der Freitod ist dann keine Hoffnung auf ein Ende des Leidens wie ein Ende überhaupt, sondern die Illusion, es käme etwas besseres, was immer nur geglaubt bleibt.

Wer nichts besseres erwarten kann mehr oder an dem was ist, mehr leidet und sich nicht vorstellen kann, dass es besser wird, soll seiner Freiheit folgen und sein Ende nehmen können, weil genau das unsere Freiheit ist.

Der Tod geht mich nichts an, schrieb Lukrez, solange ich bin, ist er nicht da und wenn er da ist, bin ich nicht mehr, warum es müßig ist, sich mit diesem weiter zu beschäftigen. Mit dem Tod endet das Sein, wir sind nicht mehr, kehren nie mehr zurück, außer vielleicht im Aberglauben, es ist nicht wichtig, sich über diesen Gedanken zu machen, oder ihn gar zu fürchten.

Warum sollte ich Angst vor dem Tod haben, wenn nichts mehr ist, gibt es keinen Grund zur Sorge, dann ist kein Leid mehr sondern alles vorbei. Sich für das Nichts und das absolute Ende zu entscheiden, kann besser sein, als weiter zu leben, wenn es keine Perspektive mehr gibt, nach der das Leben noch schön aussehen könnte.

Wer es  in diesem Bewusstsein und sei es auch um einer verlorenen Liebe wegen tut, handelt als freier Mensch und ich werde mich hüten, um der Würde dieser Verzweifelten wegen, ihnen diese Freiheit nehmen zu wollen. So lebe ich immer in dem Bewusstsein, wenn ich nicht mehr mag, es keine gute Perspektive mehr gibt, mich keine Pflicht mehr halten kann, weil es meine Freiheit eben ist, jederzeit gehen zu können.

Dieses Bewusstsein gibt mir Kraft, Mut und Freiheit. Habe kein Bedürfnis, es zu tun, weil ich jederzeit die Freiheit habe, es zu tun, ohne noch auf irgendwas zu hoffen oder gar etwas danach zu erfinden, wie eine geaberglaubte Höllenstrafe je zu fürchten. Falls es nichts schönes mehr für mich gibt, ich nichts sehe, wofür es sich für mich zu leben lohnte, werde ich es tun und das ist dann gut so und es muss keiner dann um mich trauern, weil ich meiner Freiheit folgte, mein Leben als freier Mensch aus freiem Entschluss beendete, wie überhaupt Trauer völliger Unsinn in meinen Augen ist, etwas das lähmt und keine Perspektive hat.

Viele sagen, Trauer sei natürlich und normal, weil wir Überlebenden, einen Verlust erlitten, der andere von uns ging, uns alleine ließ und wir ihn nie wieder sehen. Viele trauern einerseits und reden andererseits vom Himmelreich in das dieser oder jener nun einginge, um dessen Ende sie nun trauern.

Dieses Weihnachten starb der Sänger George Michael, der unter anderem durch den Song ‘Last Christmas’, der um Weihnachten überall dudelt, weltberühmt wurde und in allen sozialen Netzwerken häufen sich wieder die Einträge mit dem sinnentleerten R.I.P. mit dem sie Ruhe in Frieden wünschen, was zur modernen Ablaßformel einer abergläubisch ungebildeten Welt wurde, die in naiven kollektiven Affekten reagiert, statt nachzudenken.

Kann gar nicht sagen, wie sehr mich solche hohlen Formeln anwidern und wie entwürdigend ich ihr immer gleiches auch schriftliches Aufsagen finde. Doch habe ich beschlossen, sie lieber zu ignorieren, um mich nicht weiter über die kollektive Dummheit der Welt zu erregen, zumal es den falschen Eindruck erwecken könnte, ich hielte mich für klüger als die Welt, was mir völlig fern liegt.

Im Gegenteil, ich habe keine Ahnung, wie auf den Tod richtig zu reagieren sei. Suche vielmehr nur nach Wegen, wie ich glücklich, mit dem was ist, leben kann und mich nicht von solchen Kleinigkeiten ablenken lasse, die mich in ein unfreies Kollektiv zwängen wollen, dass jeder meiner Überzeugungen widerspricht und der Natur des Menschen noch mehr.

Es gibt kein gutes Leben im falschen, sondern nur den Versuch sich an der Illusion zu erfreuen, es sei nicht so, wie es ist, um wenn die Realität doch vorkommt, über ihren Einbruch zu klagen. Verstehe nicht, warum ich an etwas leiden sollte, was einfach ist und ich nicht ändern kann, sondern versuche, mit dem was ist, so glücklich wie mir nur möglich zu  leben. Darum geht  mich der Tod nichts an. Er betrifft mich nicht wie Lukrez schrieb. Über die zu  jammern, die nicht mehr sind, ist Unsinn für mich, weil sie ja einfach nicht mehr sind. Darüber zu klagen, dass ihre Natur nicht mehr funktioniert hat, aus welchen möglichen Gründen auch immer, finde ich respektlos der Natur gegenüber, die zu  komplex ist, als dass ich sie mit meinem geringen Verstand je ganz begreifen könnte.

Auch bin ich wohl nicht eitel genug, über den Verlust zu  jammern, den ich erlitt, durch das natürliche Ende des anderen, das eben vorkommt. Freue mich lieber an dem was war, als darob zu leiden, was nicht mehr ist.

Klar habe ich schon Tränen auf Beerdigungen und bei der Art wie wir sie begehen verspürt, dieser Kult, den wir  darum machen, ist darauf angelegt, am Tod zu leiden, wer sich ihm hingebt und ihn mitmacht, leidet eben. Doch welchen Grund sollte es für mich geben, dies zu tun?

Manche meinen mit der Trauer, erweise ich dem Verstorbenen Respekt und zeige wie sehr er mir fehle. So sei die Fähigkeit zu trauern, wie die Psychologie behauptet, ein wichtiger Teil unserer Natur und es sei im Gegenteil völlig unnatürlich, dies nicht zu tun, offenbare einen Menschen ohne Empathie, der nicht um andere trauern könne.

Mag sein, dass neben den vielen Mängeln meines geringen Verstandes, diesem auch die Empathie völlig fehlt. Vielleicht ist es eine Behinderung, nicht wie alle um Verstorbene zu trauern, wie alle im Kollektiv es tun und sich dadurch kollektiv schlecht fühlen oder gemeinsam leiden. Dann wäre ein Verhalten krank, das mir gut tut und mich besser leben lässt, während das übliche Verhalten des Kollektivs, nur weil fast alle es tun, gut und gesund wäre, auch wenn viele Menschen genau daran ein Leben lang leiden müssen.

Könnte also eine solche geistige Behinderung, die sie für eine Mehrheit heute wohl ist, ein großes Glück sein, das mir erlaubt, besser zu  leben, als jene, die an Dingen leiden, die sie nicht ändern können und die zur Natur gehören?

Weiß nicht, was richtig ist und ob es gut sein kann, sich gegen die ganz große Mehrheit, ihre Gefühle und das Verhalten im Kollektiv zu stellen. Bin mir nur sicher, dass es glücklicher und freier macht, eher reflektiert, was hinter den Folgen dieses Leidens steckt. So sind große Teile des Aberglaubens genau auf die Angst vor dem Tod gerichtet, der durch das erfundene Himmelreich oder die phantasievolle Unsterblichkeit irreale Hoffnungen begründet und zugleich der Trauer als Lähmung das Wort redet.

Habe den Tod selbst einmal näher erlebt, als ich wollte und mir in dem Moment lieb war, als mich ein Auto umfuhr und der Schlag auf meinen Kopf, der vielleicht einiges sonst erklären könnte, dazu  führte, dass mein Herz aufhörte zu schlagen. Dann wurde ich doch noch reanimiert, überlebte mit nur relativ geringen Gehirnschäden, die kaum genügen meine sonstige Verrücktheit zu erklären, noch eine solche fehlende Empathie erklären könnten. Es hat nur der Tod jeden Schrecken verloren.

Später arbeitete ich noch viele Jahre in der Krebsbaracke um die Klinik mit hauptsächlich Tumorpatienten nach Benn zu benennen und in dieser Zeit starben sie reihenweise in meiner Gegenwart auch, weil gegen bestimmten Krebs die Medizin irgendwann kein Mittel mehr hat. Das hat mich nicht kalt gemacht aber dem Tod seine Dramatik ein wenig geraubt und auch die Zeit vorher auf dem Rettungswagen, bei der ich einige unschöne Arten zu sterben live kennenlernte, widerlegten nicht das Gefühl, dass der Tod mich nicht sehr berührte, nichts war, vor dem ich mich fürchten musste, sondern einfach Natur, wie Schnupfen, Geburt oder Zeugungsakt.

Darum ist für mich der Satz, der Tod geht mich nichts an, wichtiger und zentraler als das Bedürfnis nach Anpassung an die Mehrheit, die es sonst leichter macht im Leben, weil wir mit dem Strom schwimmen können und so erscheint mir die Ablehnung der Rituale und der mit ihnen verbundenen Haltung als besser für mich, um glücklich zu bleiben. Nach meinem Gefühl und aller wenigern Logik, die mein schmaler Horizont, der immer die Hälfte mindestens von allem wieder verdrängt, was er berücksichtigen möchte, scheint es glücklicher zu  machen, sich nicht um den Tod zu sorgen und sich damit völlig frei von aller Angst vor ihm zu machen.

Es macht etwas einsam und viele halten es eher für verrückt, finden es unverständlich und empathielos, sich so gegen die scheinbar ehrlichen Gefühle der Mehrheit zu stellen. Ein wenig frage ich mich jedoch, ob es nicht auch Fälle geben kann, in denen es gut ist, sich gegen die Überzeugung der übrigen zu stellen, unter denen bestimmt viele wesentlich klüger und reflektierter sind, als ich es mit meinen bescheidenen Mitteln und meiner geringen Bildung je sein kann.

Weiß nicht, ob es da richtig oder falsch wirklich geben kann oder wir immer nur nach dem suchen müssen, was uns gut tut. Hoffe ich verletze nun niemanden, was mir fern liegt, wenn ich die Gewohnheit einfach mal in Frage stelle, dass Trauern gut und natürlich sei, weil meine Natur eher etwas anderes erstrebt. Zumindest macht es mich glücklicher und scheint mir viel Respekt vor der menschlichen Freiheit zu haben, seiner Natur zu entsprechen, die eben immer nach Freiheit strebt.

Doch war dies ja nur ein gedanklicher kleiner Ausflug, der vom eigentlichen Thema, dem Liebeskummer, wegzuführen scheint. Zugegeben bin ich mal wieder relativ undiszipliniert einfach meinen Gedanken zum Thema gefolgt. Doch zumindest deren Kausalität scheint nicht so völlig abwegig. Vom Liebeskummer als Tod der Gefühle und Grund zum Freitod liegt die Auseinandersetzung mit diesem für mich nahe, der ich mich immer gern von den engen Grenzen meines Horizonts ablenken lasse, um die Illusion zu behalten, diese seien doch weiter als sie eigentlich sind, wenn sie stets nur um sich und die gleichen Fragen kreisen.

Es wird dabei nicht mehr und mehr als ich ohnehin nicht weiß, was schon wenig genug ist. Will nun auch nichts vorspiegeln, da ich wenig Hoffnung habe, dass mir solches überhaupt jemand abnehmen würde und erscheine so lieber als ehrlicher Narr, denn als ahnungsloser Aufschneider. Zumindest habe ich als Depp angesehen noch mehr Hoffnung positiv zu überraschen, während ich bei letzterem nur enttäuschen kann und so füge ich mich in meine geringe Natur und bin eben so wenig wie ich bin.

Auch wenn dieses Geständnis meiner mangelnden Disziplin nicht weiterführt und nur meine Eitelkeit beleuchtet, die sich gern mit sich beschäftigt, so ist es vielleicht zum Thema Liebeskummer, das dem Tod und der Eitelkeit sehr nahe steht, doch nicht so abwegig, insofern dieser uns dem Tod gefühlt nahe bringt, zumindest, wenn wir die Leidenschaft als echt ganz zulassen.

Das Gefühl, sich von der Welt verlassen zu fühlen und keine Hoffnung mehr zu sehen, hat als logische Konsequenz den Tod. Wer dies nicht fühlte und sich dem Werther noch nicht nahe fühlte, hat kaum richtig geliebt, würde ich sagen, romantisch verklärt, aber vielleicht ist das auch total weltfremder Blödsinn und etwas extrem. Andere erledigen ihren Liebeskummer ohne extreme Gefühle und wenn eines vorbei ist, kommt eben das nächste, sie leiden ein wenig, sind aber eher pragmatisch.

Habe mich immer wieder gefragt, ob ich solche Menschen eher bewundern sollte, die etwas einfach beenden, ohne gleich am Leben zu zweifeln oder diese einfach gefühlsarm sind und nicht merken, worauf es ankommt, die entscheidenden Dinge nicht mitbekommen. Wenn ich dem Tode nahe litt, sagten sie, das Leben geht weiter, tut jetzt weh, aber morgen ist es schon wieder besser.

Tatsächlich hatten diese natürlich immer Recht, weil es von alleine wieder besser wurde und irgendwann die nächste Liebe kam. Leicht fiel es mir diese Sicht zu verstehen oder sogar selbst zu vertreten, wenn ich selbst ging und nicht verlassen worden bin. Dagegen fühlte ich mich völlig von der Welt verlassen, wenn ich mit dem Herz voller Liebe, wie wir romantisch verklärt sagen, auch wenn es immer der Kopf nur war, überraschend verlassen wurde, was zum Glück relativ selten passierte und mich dennoch jedesmal wieder völlig aus der Bahn warf, als wüsste ich es nicht besser.

Habe im Liebeskummer gedanklich alles riskiert und aufgegeben und fühlte mich dem Werther mehr als nah. Zugleich konnte ich, wo ich verließ, immer leicht an die Vernunft der Verlassenen appellieren und die vorher große Liebe relativieren, was eigentlich die Frage nahe legte, was wirklich an der großen Liebe dran ist und ob die Todesnähe des Liebeskummers nicht vernünftigerweise mal relativiert werden sollte.

Theoretisch war mir das immer klar. Gelungen ist es mir nur, wo ich mich vorher emotional entfernt hatte, die Zügel in der Hand hielt und selber ging. Sonst folgte ich wie automatisch der Rolle des Werther und dramatisierte mein Unglück, bis ich nahezu allen Lebensmut über die unglückliche Liebe verlor und nur durch Ablenkung irgendwie doch überlebte.

So scheint mir der Liebeskummer deutlich stärker als all meine Vernunft, so gering sie im Vergleich zu wirklich klugen Leuten auch sein mag. Muss hier nicht um Vorrang mit irgendwem streiten, kann eben nicht über mein niedriges Niveau hinaus, aber an dem gemessen, versuche ich sonst schon mir die Welt vernünftig zu erklären und scheint mir alles relativ logisch, fiel diese Vernunft aber völlig aus, wo sie vom Liebeskummer angegriffen wurde.

So ist das Leiden an der Liebe stärker als die Verliebtheit, die mich zu weniger verrückten Dingen trieb, als es der Liebeskummer tat. Er ist, scheint mir, eine der stärksten Kräfte der Welt und das obwohl ich vernünftigerweise weder den Tod fürchte, noch es unvernünftig fände, ein Leben zu beenden, wenn es keine Hoffnung auf Besserung mehr gäbe.

Dennoch weiß ich ganz klar, es ist jeder Liebeskummer an der nächsten Liebe zu relativieren und keiner das Leben wert, wenn es noch Liebe irgendwann geben kann, die  nie endet,  bevor wir nicht enden. Aber Wissen und Liebeskummer scheinen auch in einem seltsamen Verhältnis weit jenseits aller Vernunft zu stehen. Auch wenn ich es besser weiß und keinen Grund habe, irgendwas zu relativieren, gebe ich dem Liebeskummer freiwillig alle Kraft über das Leben und bin der Überzeugung, dass nicht wirklich liebt, wer nicht schon bis zum Tod an ihr litt.

Das alles klingt zugegeben wenig vernünftig und ist keinesfalls ein weiser Ratschlag eines Vaters für seine pubertierende Tochter, der solches noch vielleicht bevorsteht, denke ich einerseits, andererseits weiß ich auch, dass ich aus dem Extrem der Gefühle viel  Kraft für mein Leben gewonnen habe, das Überleben, auch wenn es eigentlich unmöglich schien, eine viel stärkere Kraft wurde, als alle, die ich kannte.

So scheinen wir an die Grenzen manchmal auch emotional gehen zu müssen, um das Glück genießen zu können und über uns hinaus zu wachsen,  womit wir lernen, was ist, als größtes Glück zu würdigen, zumindest mir ging es so und die Gelassenheit, die aus dieser Erkenntnis wuchs, lässt mich die Extreme, die ich mit meinen Lieben auch an den Grenzen zum Tod immer wieder durchlitt, als nicht so unvernünftig mehr sehen.

Wem es gegeben ist, ganz zu lieben und dafür alles aufzugeben, der kann auch über sich hinaus wachsen und damit seine Welt bewegen. So will ich am Ende nicht sagen, dass Liebeskummer, der mich manchmal den Tod wünschen ließ, eine gute Sache ist, aber ich nehme es, wie es ist, als eine Eigenschaft, die zu mir gehört, der ich ganz liebe und versuche dies als Kraft zu sehen, mit der ich eben leben muss und die ich auch als eine Chance sehen kann, die nichts schlechtes ist, sondern eben ich und solange ich den Liebeskummer noch jedesmal überlebte, sage ich, dass ich froh bin, ganz zu fühlen, statt nur halb. Wenn ich es nicht überleben sollte, ist es auch egal, weil ich nicht mehr bin, aber noch scheinen mir die relativen Gründe zu bleiben stärker, weil ich weiß, wie sehr ich lieben kann.
jens tuengerthal 26.12.2016

Montag, 26. Dezember 2016

Gretasophie 004b

004b Von Lust und Liebe

Zur Liebe gehört die Lust. Nicht immer aber irgendwann schon. Eigentlich den größten Teil zwischen Kindheit und greisenhafter Impotenz, wenn sie aber zumindest manchmal noch erinnerte Geschichte ist. Welche Rolle sie spielt im Leben, ändert sich. Zwischen Eltern und Kindern sollte sie außer zur Aufklärung keine Rolle spielen, wobei schon die alten Griechen von Ödipus wussten, der aber ja auch eher ein Irrtum war und so nicht gewollt, sondern dumme Folge der Orakelhörigkeit.

Wären die Menschen weise, würde aus der Geschichte des Ödipus folgen, hör auf keine Orakel, es geht entweder ohnehin schief und nimmt dir alle natürliche Freiheit. Da wir aber alle dumm sind und ich bin mir zumindest sicher, da einer der ersten zu sein, haben wir den Inzest tabuisiert und die Sexualität zwischen Eltern und Kindern, was auch gute genetische Gründe hat. Die Gefahr von Behinderungen ist dabei deutlich erhöht und so passen manche Verbote sogar zum Lauf der Evolution, selbst wenn sie im Aberglauben begründet wurden.

Überhaupt ist Eltern und Sex für Kinder meist eher peinlich, davon wollen sie nichts hören und schweigen lieber dazu, auch wenn es in den 70ern im Zuge der sexuellen Befreiung eine umgekehrte Bewegung mal gab, die aber dafür heute wieder um so mehr pönalisiert wird. Die moralischen Vorwürfe auf diesem Gebiet sind so voller Hass, dass ein nüchterner Diskurs kaum mehr möglich scheint. Aber ich möchte ja nicht über Pädophile, Missbrauch und moralische Hysterie schreiben, auch wenn es dazu viel  zu sagen gäbe, sondern über Lust und Liebe, wie sie zusammengehören und worauf es dabei aus meiner Sicht ankommt.

Der Vorspann ist nur nötig, weil ich ja hier als Vater für meine Tochter schreibe, die da vermutlich genauso drauf reagiert, wie alle Kinder und ich vermutlich es auch hätte, weil es peinlich ist, wenn der eigene Vater über Sex redet - darum schreibt er hier, dann kann sie es lesen, wenn es sie interessiert und sie nicht mehr beim Gedanken, es zu lesen, schon hochrot anläuft und ich muss nichts mehr dazu sagen.

Darum auch formuliere ich diesmal vielleicht vorsichtiger als ich es sonst täte, weniger mit der Sinnlichkeit spielend und nüchtern sachlicher, aber ich will auch kein Schulbuch schreiben, die hat sie selber, sondern über Lust immer auch lustvoll schreiben, weil Sex einfach schön ist und genau so natürlich genossen werden sollte.

Was ist gut und was erlaubt?

Erlaubt ist, was gefällt, schrieb einst schon der auch für anderes berühmte Marquis de Sade, der übrigens auch wunderbare Bücher über atheistische und materialistische Philosophie schrieb aber dank der Kirche hauptsächlich seiner Schriften zur Sexualität wegen bekannt wurde. Dem stimme ich voll zu. Um nichts anderes geht es. Spaß machen soll es, sich gut anfühlen, möglichst befriedigen und glücklich machen und alles andere ist Sache der beiden zwischen denen es stattfindet.

Wann und wie es wer mit wem tut, hat gerade die katholische Kirche immer wieder gern beschäftigt, die ohnehin ein Thema mit der Sexualität hat, sowohl intern wie auch in der Frage der Dogmen. Dadurch ist aber der irgendwie verbotene Sex auch reizvoller geblieben als bei den Protestanten, die zwar durften, sogar die Pfarrer dürfen dort ja seit Luther heiraten, aber im moralischen Korsett meist jede Lust dennoch verlieren, wie es im Film ‘Der Sinn des Lebens’ der englischen Komikertruppe Monty Python so treffend dargestellt wurde.

Über Sex reden ist nett und erwachsen ist der Mensch von dem Moment an, wo er das völlig entspannt und genüsslich tun kann, warum manche es nie werden und andere geradezu frühreif schon sind. Kann mich noch genau erinnern, als ich meine ersten sexuellen Erfahrungen vor weit über 30 Jahren sammelte, habe ja ziemlich früh angefangen, waren wir zwar aufgeklärt aus der Schule aber darüber locker reden konnten wir noch nicht, auch wenn ich mich da immer ganz entspannt gab, schon sehr früh von meinen Eltern aufgeklärt wurde und Sexualität mir als etwas schönes vorgestellt wurde, dass aber der Folgen wegen auch möglichst mit viel Verantwortung begonnen werden sollte. Dass war weniger moralisch gemeint als in Sicht auf die Vorsicht, die geboten war, damit nichts passierte, da im richtigen Moment ohnehin, wie mein Großvater immer sagte, das Hirn im Hintern sitzt und schieben hilft, was meinte, wenn der Trieb stark genug ist, denken wir nicht mehr, sondern treiben es lieber nur noch.

Auch eine für Menschen vor Erwachen ihrer Sexualität undenkbare Vorstellung, wie Menschen zu schlichten Triebwesen werden, dabei sind sie eigentlich in ganz vielem noch viel näher dran an diesem Verhalten als die sonst gern so kontrollierten Erwachsenen, die sich viel seltener nur echte Wutanfälle mit Schreien, Zähneklappern und allem pipapo leisten können. Darum ist die Lust als letztes Ventil der Natur für viele auch so wichtig. Doch ist sie immer noch mit zu vielen Tabus versehen und zu viele Mensch können sie immer noch nicht frei genießen. Zum einen aus seltsamen moralischen Gründen, die den Genuß der angeblichen Sünde teilweise tabuisieren, zum anderen, weil sie es nie gelernt haben.

Von Lust und Liebe habe ich das Kapitel genannt, weil es, wenn es zusammenkommt am schönsten ist, genau wie der Sex am schönsten oder eigentlich nur welcher ist, wenn es beiden zusammen kommt. Das passiert nicht bei allen, viele machen sich ein Problem daraus, obwohl es eigentlich in der Natur des Menschen liegt, sich dabei aufeinander abzustimmen und es voller Gefühl und mit viel Lust, gemeinsam zu genießen.

Die ersten male fällt das der ganzen Aufregung wegen meist noch schwer, da habe ich auch immer nur cool getan und wusste eigentlich nicht so genau wie das funktioniert, ob Frauen auch kommen können, woran ich das merke und was zusammen Kommen überhaupt heißt.

So habe ich mich die ersten Jahre meiner Erfahrungen beim Sex eher in Frauen befriedigt als Sex mit ihnen gehabt, weil ich, trotz aller Aufklärung nie so genau wusste, wie der weibliche Körper funktioniert und ob und wie Frauen Befriedigung dabei finden können.

Auch dabei gibt es kein Patentrezept oder den einen Knopf, den du bei jeder nur drücken musst, damit sie kommen kann, sondern es ist immer anders, bei jeder Frau, Männer sind da meist relativ simpler gestrickt, aber auch da hängt bei sensiblen Typen, die zwar schwierig sind, aber manchmal andere Vorteile haben, sehr viel am Kopf und wie wir sagen Bauch dabei.

Weiß nicht, ob ich sensibel bin, habe das und das genaue Gegenteil von Frauen gehört je nach Situation und Zusammenhang, der, wie ich inzwischen verstanden habe, wichtiger ist, als die Tatsachen, die ihrem Urteil zu Grunde liegen. Während Männer gern nach den Grundsätzen des kategorischen Imperativs ein Prinzip suchen, das allen Fällen zugrunde liegt und mit denen es einfach funktioniert, auch beim Sex, entscheiden Frauen, nach meinem Gefühl eher ganzheitlich und so kann das für mich als Mann selbe Verhalten, was den gleichen Effekt technisch haben sollte, für eine Frau das genaue Gegenteil sein und so bilden sie ihre Urteile auch nicht für alle Fälle und aus schlichter männlicher Sicht zuverlässig, sondern ihrer Natur entsprechend je nach den Umständen. Darum verlasse ich mich da auf kein Urteil mehr dem Wortlaut nach, sondern betrachte es im Kontext der komplexen weiblichen Gedankenwelt, ohne Hoffnung zu haben, die je ganz begreifen zu können und überlasse also auch vieles dem Zufall und versuche dann in der Situation nachzubessern, was gegenseitiges Unverständnis schwierig wieder machte.

Habe das noch nie anders erlebt und gerade Frauen, die behaupteten, sie seien nicht weiblich und meinten genau, was sie sagten, reagierten um so stärker in diese Richtung, die mir nach meinem schlicht männlich logischen Denken völlig unverständlich war, um sich aber entschieden dagegen zu wehren, wenn ich es so sah und zu verstehen versuchte.

Vermutlich haben wir es manchmal einfach schwer miteinander und uns zu verstehen. Übrigens haben mir Frauen, die mit Frauen zusammen waren immer wieder erzählt diese Muster des Unverständnis zeigten sich auch bei gleichgeschlechtlichen Beziehungen genauso, als würden wir, um Sex zu haben, bestimmte Rollen natürlich einnehmen. Auch meine schwulen Freunde berichteten ähnliches, wenn auch die Verständigung zum Thema Sex unter Männern allein leichter sein soll, als wenn Frauen dabei sind oder diese auch unter sich.

Dies mag daran liegen, dass weibliches Denken eben sehr oft ungeheuer komplex ist und vernetzt denkt, während Männer, auch wenn sie über Sex nachdenken, primär linear und ergebnisorientiert denken. So würde ich ganz nüchtern feststellen, dass ich mit keiner meiner Verlobten je befriedigenden Sex hatte, sondern immer nur paarweises Onanieren stattfand, weil wir eben nicht zusammen konnten, was sicher auch Gründe in beiden hat und in ganz vielem an der Haltung dazu liegt. Bin mir aber völlig sicher, dass diese es ganz anders sehen würden, weil es ja nicht nur auf den gemeinsamen Orgasmus ankäme, Sex viel mehr sei als zusammen Kommen, was immer besonders die betonen, die es nicht kennen, ihnen Zärtlichkeit und Nähe viel wichtiger wäre, als die doch irgendwie primitive Lust und das eine Liebe doch nicht darauf reduziert werden kann.

Natürlich kann eine Liebe nie darauf reduziert werden, auch eine Beziehung nicht und ich achte sie alle drei als wunderbare Frauen um nichts weniger, wenn ich schlicht feststelle, beim Sex klappte es nicht so, wie es sollte und so gesehen war es frustrierend für diejenigen, die es anders kennen.

Eigentlich soll Sex beide zur Befriedigung führen und tut dies der Natur nach auch relativ gleichzeitig weil die Kontraktion der Muskeln dabei den jeweiligen Höhepunkt durch Stimulation der Nervenenden mit auslöst. Dachte lange, das sei natürlich und funktioniere von alleine, wie ich es bei den allermeisten meiner Frauen bis zu meinen 3 Verlobten auch kannte. Heute weiß ich, diese Erfahrung war außergewöhnlich und das Verhältnis ist eher umgekehrt. Die reale Abstimmung aufeinander dabei ist die Ausnahme für viele, weil sie sich nicht spüren und nicht gelernt haben, einander zu erfühlen und dann in gewohnten Mustern gerade im Trieb einfach hängen bleiben.

Als ich zum ersten mal las, mindestens 50% der Frauen kämen nicht beim Sex oder spielten ihren Männern nur etwas vor, konnte ich das nicht glauben. Warum sollten sie das tun, fragte ich mich, warum nicht neue Wege suchen, um natürlich zu genießen, bis ich es selbst erlebte und in der wachsenden Menge die Zahlen leider bestätigen musste, sie vermutlich sogar nach oben korrigieren würde. So ist gemeinsame und geteilte Lust für viele die Ausnahme und nicht die Regel.

Die ungeteilte Lust aber finde ich langweilig und entbehrlich. Kannst du machen, ist ok, kannst du aber genauso auch lassen und so betrachtet, wirkt das sexuelle Bemühen schnell in vielem eher lächerlich und wird für mich überflüssig, was zur Frustration führt, was ich immer nur sehr beschränkte Zeit ausgehalten habe.

Lässt sich das ändern oder ist die Natur einfach so, dass sie es manchen ganz natürlich schenkt und andere es einfach nicht haben?

Es muss keiner nicht genießen,  sondern es kann jeder Wege zur Lust finden, zumindest sofern die Hindernisse im Kopf überwunden werden, die den meisten dabei eher im Weg stehen, als die körperlichen Möglichkeiten. Manchen Männern ist relativ egal, was Frau dabei empfindet, ob sie kommt oder nicht, spüren sie nicht, sondern befriedigen sich einfach selbst mit Frau dabei. Andere, wie der Autor selbst, sind da eher behindert und können es nur gemeinsam genießen, finden alles übrige eher entbehrlich.

Auch darum war ich schon immer, wenn auch teilweise sehr erfolglos, auf der Suche nach Wegen zur gemeinsamen Befriedigung. Insofern fand ich auch immer interessant, was die Forschung dazu veröffentlichte.

Dazu gibt es auch eine schöne historische Geschichte. Als die Geliebte von Ludwig XV. irgendwann feststellte, dass ihr beim unehelichen Beischlaf etwas entging, was für andere Frauen ganz natürlich schien, begann sie zu forschen, ob das nur ihr Problem war und woran es liegen könnte.

Sie ließ dazu Bäuerinnen im ganzen Land untersuchen und stellte die These auf, ob Frau beim Beischlaf zum Höhepunkt kommen könnte, läge daran, wie groß der Abstand von Klitoris und Scheideneingang wäre. Dazu führte sie eine Untersuchung durch, die aber außer dem statistischen Wert keine neurologischen Gründe benennen konnte und so wurde diese Untersuchung bald als verrückte Idee wieder vergessen.

Heute nun, scheinen überraschenderweise die neuesten Forschungen, diese bloß statistische These medizinisch zu bestätigen.

Ein Team von italienischen Neurologen hat herausgefunden, dass der weibliche Höhepunkt immer klitoral sei. Sofort ging ein Aufschrei durch die Welt auch der Frauen, die es anders empfanden und sich auf den in den 70ern im Rahmen der sexuellen Befreiung entdeckten G-Punkt beriefen.

Für diesen angeblichen Punkt, gab es jedoch, ähnlich wie für die These der Liebhaberin keinen neurologischen Beleg. Dagegen haben die Forscher aus Italien einen klaren neurologischen Nachweis erbracht, dass der weibliche Höhepunkt immer durch den nervus pudendus ausgelöst wird.

Dieser verläuft von der Klitoris zur Wirbelsäule und von da mit vielen anderen bis ins Hirn, wo die Erregung umgesetzt wird.

Was früher G-Punkt genannt wurde ist nach diesen Erkenntnissen nur die Stelle, wo bei manchen Frauen der nervus pudendus an die Scheidenwand stößt und so von innen stimuliert werden kann.

Bei anderen eben nicht, warum sie beim gewöhnlichen Verkehr nichts empfinden können und dafür nach anderen Wegen suchen sollten, um gemeinsam zu genießen. Manche haben dann überraschenderweise doch die Erfahrung mit sehr prächtig ausgestatteten Männern oder in für sie besser geeigneten Stellungen, andere machen sich darüber weniger Gedanken.

Es gibt vielfältige Wege zum Glück und wir sollten uns nicht auf einen versteifen, wenn es eben nicht einfach natürlich klappt, was nicht selbstverständlich ist, gilt es neue zu suchen und dabei entspannt und offen miteinander umzugehen.

Überhaupt scheint es beim Sex am wichtigsten, was auch passiert, alles entspannt und auf den Genuss gerichtet zu betrachten. Nichts muss und alles kann, erlaubt ist, wie es der Marquis, schon oben zitiert, sagte, was gefällt.

Für wichtig halte ich dabei jedoch, offen zu sein für das große gemeinsame Glück und wenn es auf dem einen Weg nicht klappt, sollten wir entspannt miteinander andere suchen.

So erging es mir einmal bei einer Geliebten aus Äthiopien, die als junges Mädchen Klitorektomie erlitt, bevor sie entdeckt wurde und als Modell für ein großes Pariser Haus lief. Sie lebte mit zwei Kolleginnen zusammen mit deren einer ich vor einer gefühlten Ewigkeit eine irgendwie Liaison hatte, nachdem ich eine Freundin von ihr im Krankenhaus leider zu Tode hatte pflegen müssen.

Damals war die Suche nach geteilter Lust erfolgreich, sie fühlte zum ersten mal im Leben etwas dabei. Dachte nun, wenn es sogar so noch gehen kann, ohne Klitoris, müsste es doch eigentlich immer gehen, was ja eine gewisse Logik für sich hatte.

Doch wie so häufig im Verhältnis von Männern und Frauen ging die männliche Logik kilometerweit an der weiblichen Realität vorbei.

Noch immer zögere ich, darüber zu schreiben, weil ich doch als Mann immer eine männlich logische Perspektive darauf habe, die vermutlich das weibliche Gefühl dazu nicht erfasst.

Glaube, Frau legt meist mehr Wert auf das komplexe Ganze als auf die schlichte Logik der Natur, wie sie dem beschränkteren männlichen Verstand erscheint. Dabei spielt alles eine Rolle für Frau und noch mehr als das, zum berechenbaren kommt zusätzlich noch der unberechenbare Teil des Gefühls, in dem Frau es schafft, was Mann in der Chaostheorie nur mühsam umschreibt, als unbegreiflichen Grund ihrer Lust zu definieren.

In Anbetracht der Komplexität all dieser Dinge, die meinen bescheidenen Verstand bei weitem übersteigt, kapituliere ich meist schnell und gebe mich dem Trieb hin, so weit Frau mich lässt. Das Denken stößt dabei meist ohnehin auf relativ überschaubare Grenzen. Sich der Natur anvertrauen, aber um diese und ihre Wege wissen, scheint mir der beste Weg, um beim Sex glücklich zu werden und um nichts anderes geht es wohl im Leben, denke ich, aber, was weiß ich schon?
jens tuengerthal 25.12.2016