Samstag, 25. Juli 2020

Berlinsexy

Ist Berlin wirklich sexy und was macht es wenn dazu?

Berlin sei arm aber sexy stellte der frühere regierende Bürgermeister Klaus Wowereit einmal fest und prägte damit einen wichtigen Begriff, der bei vielen hängen blieb, zum geflügelten Wort im Gespräch über die Stadt wurde, viele Menschen hierher zog.

An der Armut hat sich bis jetzt nicht viel geändert, die Menge der Menschen in der Stadt wächst weiter, die der Arbeit außer der öffentlichen nicht proportional. In der Corona-Krise hat, was Berlin lange für viele anziehend gemacht hat, die Club-Szene zu sterben begonnen und noch kann keine Entwarnung gegeben werden. Es könnte also düster werden und die Zukunft schlecht aussehen, wenn Berlin eine seiner größten Attraktionen verliert, zumindest langfristig nicht öffnen kann.

Ist die Stadt dann immer noch sexy oder am Ende nur noch arm und auf immer mehr Hilfe angewiesen, ein ewiger Sozialhilfeempfänger, der nicht konstruktiv wirtschaften kann?

Es fehlt zwar etwas ohne die Clubs aber nie schien Berlin aktiver auf Partnersuche zu sein als gerade im aktuellen Chaos, betrachte ich die vielen Dates in den Cafés und rechne ich die eigenen Erlebnisse in dieser Zeit außerhalb der Zeit mit. Eine Stimmung, die etwas unwirtlich ist, die anfänglich zu Dates in Parks verführte, beim Wein oder Tee, was ich immer noch deutlich bevorzuge, weil die Bars und Cafés diesbezüglich überschätzt werden und meist weniger schnell natürliche Nähe zulassen als eine Bank im Park aber auch die Cafés sind von den sichtbar noch unerfahreneren Suchenden wieder gut gefüllt, alles sucht nach Abwechslung und viele sind in dieser Situation noch paarungswilliger als zuvor.

Diese Stimmung ist dem aufmerksamen Beobachter, was der Flaneur in der Stadt ja immer sein sollte, spürbar. Über all diesen immer wieder, wenn leider auch vermutlich genauso oft scheiternden, Paarungsversuchen schwebt eine große Sehnsucht nach Nähe, gelegentlich vielleicht auch nach Ankommen und Gefühl, immer aber untergründig nach Sex, auch wenn es viele nie aussprechen und sich lieber in altbekannten Floskeln der gegenseitigen Erkundung ergehen, die meist schnell beide langweilen, wie nicht zielführend sind.

Natürlich ist jede Konstellation anders und wird Mann, wenn er mit zumindest geringen Mengen an Verstand gesegnet ist, versuchen, auf Frau einzugehen, sie bewundern, etwas anschwärmen, wie sehr er dabei spielerisch übertreiben darf, ist wohl auch eine Typfrage und dem einen gehen die schönen Worte leichter über die Zunge, der andere sollte sich vorher einen Plan machen und vorm Spiegel lockere Komplimente üben, die Wesen und Geist des Gegenübers angemessen sind, aber das Thema Sex ist meist beflügelnder noch und schafft eine entspannte Nähe, sofern es nicht mit platten Fragen vorprescht, bei der jede irgendwie interessante Frau nur die Augen verdrehen kann, wenn nicht schon ihr Hormonhaushalt durch den bloßen Anblick ihres Gegenübers jeden Boden unter den Füßen verlor, wovon aber besser keiner ausgehen sollte.

Über Sex nüchtern und wissenschaftlich zu reden, was halb desinteressiert aber dennoch professionell und erfahren klingt, ist nach meiner zugegeben relativ geringen Erfahrung immer das effektivste Mittel die Stimmung zu entspannen und sich irgendwie anzunähern, aber hier geht es ja weniger um Datingtipps für leidende Singles oder persönliche Erfahrungen als um die Stimmung, die in dieser armen Stadt, in der immer mehr um ihre irgend Existenz ringen, sexy sein könnte und damit einen Beitrag zum relativ erhöhten Beischlafkoeffizienten gegenüber anderen Regionen bringt.

In den 20ern als die Stadt weltweit als sexy galt, ein Zentrum der Kunst war, die sich hier in wilden neuen Formen entfaltete, war es das neue Tempo dieser Großstadt, die gerade erst durch Eingemeindung zur riesigen Metropole geworden war, der Berlinbeschluss für Insider, was sie sexy und attraktiv für viele machte. Manche rasen immer noch durch die Stadt, versuchen alles zu sehen und wundern sich, wenn sie nichts vom Sex-Appeal mitbekommen haben, weil der heute gerade auch in der Verzögerung liegt.

Natürlich hat, wer wichtig ist, nie Zeit, hetzt von einem Termin zum anderen, um überall seine eminente Bedeutung bestätigt zu bekommen, was aber im Ergebnis selten zu einem glücklichen erfüllten Leben führt, sondern höchstens zu einer großen Karriere mit zunehmender Impotenz. 

Was macht das Leben in dieser Stadt anders und was ist besonders sexy daran?

Es ist die Ruhe mit der Menschen um nahezu jede Uhrzeit vor oder in Cafés frühstücken oder direkt daneben ihren Wein zum Feierabend genießen, nach einem vielleicht hektischen Arbeitstag. Da sitzen sie gemeinsam vor den Cafés oder in den Parks, vor den Spätis und schlürfen ihre jeweiligen Getränke und plaudern dabei und genau das ist vermutlich einer der Schlüssel zum Verständnis der Stimmung, die innehält und in einer Zeit ewiger virtueller Verfügbarkeit, sich die Zeit nimmt, den Augenblick zu genießen, ein wenig zu träumen und einfach da zu sein, auch wenn es natürlich kaum einer zugibt.

Vermutlich gibt es in Berlin so viele schlechte Liebhaber und Liebhaberinnen wie überall auf der Welt, machen die meisten Menschen nie die erfüllende, selige Erfahrung eines schönen Sexlebens und verkehren nur sexuell miteinander, weil es eben dazu gehört und erledigt werden muss. Dies ist schon beim ersten Date erkennbar und wie oft denke ich, wenn ich an den Cafés vorüber flaniere, spart es euch doch, so wird es nur für beide Seiten frustrierend, macht es richtig, lasst euch ganz darauf ein und genießt, was sein kann, weil die Stadt in ihrer verzögerten Existenz, die immer noch irgendetwas hinterherläuft, den idealen Nährboden dafür bietet, frei genug ist.

Die Freiheit ist ein wichtiger Schlüssel, warum auch das lockere Gespräch über Sex und seine Umsetzung so wichtig ist, eine entspannte irgendwie schon sexuelle Atmosphäre schaffen kann, was heute auch für Mann immer eine Gratwanderung sein kann, damit sich bloß niemand belästigt fühlt, empfiehlt es sich, ganz nüchtern fast wissenschaftlich mit offenen Karten zu spielen, um zu sehen, was möglich ist und sich ergibt, statt altem Versteckspiel weiter zu huldigen. Noch wichtiger aber ist die Freiheit im Lebensstil und miteinander, die eine solch sexy Atmosphäre viel leichter kreieren kann als das Anerkennungsstreben einer formelleren Gesellschaft, in der Menschen weniger sind, wie es ihrer Natur entspricht.

Das wunderbare an Berlin, was es vielen anderen Städten voraus hat, hier kann jeder sein, wie er will und es gibt weniger formale Grenzen, wer wo hin geht und was dazu trägt, um anerkennt oder ausgegrenzt zu werden, es ist nahezu alles irgendwie überall möglich und so kann jeder kommen, wie es einem gerade am besten entspricht und sich seiner Natur nach geben, was den meisten am ehesten liegt und auch den natürlichsten Weg zu einer erotischen Begegnung eröffnet. Was jeder kann, macht noch nicht jeder, viele verkleiden sich dennoch, um seltsamen Ansprüchen zu genügen und was normal ist, unterscheidet sich auch von Kiez zu Kiez ein wenig, aber grundsätzlich ist die Toleranz hier größer als irgendwo sonst, ob ich im Smoking oder eher abgerissen irgendwo erscheine, spielt keine Rolle und wen es stört, der hat den besonderen freien Geist dieser Stadt noch nicht verstanden, kann es eben noch nicht ganz genießen. Amüsanterweise erinnert die Art der Damen sich zu schminken und zu kleiden in Charlottenburg oder Wilmersdorf bis nach Dahlem hinau eher an Düsseldorf und München aber auch das darf hier sein.

Passiert etwas außergewöhnliches, in egal welche Richtung, heißt es dazu schlicht, dit ist eben Berlin, keiner regt sich auf alle lachen und es geht weiter, als wäre nichts passiert. Diese Gelassenheit gegenüber dem Chaos, ist es die Berlin auch so sexy macht und die nichts zu ernst nimmt und wenn etwas daneben geht, dann geht es eben morgen irgendwie weiter, vielleicht mit kleinem Kater aber eben weiter wie immer, weil es ja immer weitergeht in dieser Stadt, als wäre nichts passiert. Kurzzeitige kollektive Betroffenheit ist hier eher die Ausnahme und so hat die Schließung der Clubs, trotz peinlicher Demo dagege, Berlin nicht weniger sexy gemacht sondern im Gegenteil nur das Areal, in dem sich Menschen sonst austoben und ablenken beschränkt, es kommen weniger Touristen, was die Kassen der Stadt empfindlich trifft aber den Berliner erstmal nicht stört, im Gegenteil, dafür haben Menschen mehr Zeit, sich miteinander und dann auch mit Sex zu beschäftigen.

Während in den 20ern ein Franz Hessel sich als Flaneur noch als radikalen Gegenpol zur rasenden und geschäftigen Stadt darstellte, ist der Flaneur heute nicht mehr der rasenden Stadt hinterher, auch wenn manche immer noch meinen, sie müssten hektisch tun und kämen mit ihrer Arbeit nicht hinterher, wobei lautes Klagen über Überforderung ohnehin eine märkische und berlinische Spezialität ist, wie uns schon Fontane lehrte, sondern ihre reinste Verkörperung, lebt, was sie sexy macht und damit der echte Genießer dieser Stadt jenseits der Zeit, die noch ärmer gerade wird aber denen in ihr, mangels anderer Ablenkung, auch noch sexyer sein kann, wenn sie sich darauf einlassen, zu sehen was ist und nicht, woher sie auch hierher kamen, denn irgendwie kommen ja fast alle hier irgendwo her, nur die schlechte Gewohnheit des Klagens und der permanenten Überforderung übernehmen, die schon immer hierher gehörte, ohne dass sie einer zu ernst nähme.

In Berlin muss nichts, aber alles kann und das ist eigentlich sexy genug, ein Leben in Ausschweifungen zu genießen, denn was könnte je mehr sein?

jens tuengerthal 24.7.20

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen