Sonntag, 19. Juli 2020

Familiengen

Hat die Kenntnis der Gene das Bild der Familie und vom Mensch geändert?

Nach der Zeit des Glaubens, kam die Wissenschaft und ersetzte die alten Wahrheiten durch ihre Logik, die auf Naturbeobachtung beruht, wurde langsam zur herrschenden Überzeugung, der sich der Aberglaube beugen, anpassen oder verschwinden musste, weil alles andere nicht mehr in die auf wissenschaftlicher Beweisführung fußende Welt passte, die es immer schneller ganz genau wissen wollte.

Durch die wissenschaftliche Kenntnis der Fortpflanzung und der Rolle auch der Frau dabei, hat sich, zumindest in der westlichen Welt, die nicht mehr so stark vom Aberglaube dominiert wird, schon etwas verändert, die Gleichberechtigung wurde langsam zumindest formal, auch wenn manche darin noch hinterherhinken, ist sie doch inzwischen relativ normal geworden und hat in den letzten 50 Jahren rasantere Fortschritte gemacht als in den 2000 Jahren davor.

Die Gentechnik schien diese inzwischen auch normative Gleichheit zu bestätigen, auf ein breiteres wissenschaftliches Fundament zu stellen, da wir uns nur in einem halben Chromosom unterscheiden, ein y von einem x, und Männer erkennen mussten, Frauen sehen nicht nur besser aus, sie sind auch genetisch quasi vollständiger, dahingestellt ob diese verkürzte Zuspitzung so ganz richtig ist, sie drückt zumindest Bewunderung und Zuneigung aus, die viel komplexer ist, als Gene je erfassen können.

Es geht in diesem Essay nicht um die neuesten Erkenntnisse der Gentechnik, ob wir nun Menschen machen können, also quasi gottgleich wirken, wie früher geglaubt wurde, den gemachten Menschen auch noch bestimmte Eigenschaften schenken können oder bessere Varianten, von uns designen könnten, gar Ersatzteillager für unser Alter uns klonen sollten und wie solches ethisch zu bewerten wäre, was ein Urteil sicher sehr schwer macht, sondern um die Frage, wie sich die Gentechnik auf unser Denken und unsere Sprache auswirkt, welche Sprache diese Variante der Biologie gefunden hat und was sie ausmacht.

Die Gentechnik knüpft wie alle Wissenschaft an die patriarchal dominierte Sprache der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts an, wie Christina von Braun in ihrem Band Blutsbande sehr gut darlegt. Entsprechend auch das Denken der sich als neue Schöpfer gerierenden Gentechniker, die aus ihrem überschaubaren Bereich heraus nun denken, das Leben und seine Entstehung vollständig mechanistisch verstanden zu haben und alles über den Menschen zu wissen. Wie mit dem Aufkommen der Rassentheorien und ähnlicher abwegiger Forschungen, gingen auch die Gentechniker vielfach davon aus, Voraussagen über die Verbrechensneigung eines Menschen machen zu können, wie seine sozialen Fähigkeiten nach ihrer Überzeugung auch genetisch determiniert sein müsste.

Auch hier möchte ich nicht zu dem alten Streit zwischen Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft Stellung beziehen, ob der Mensch als weißes Blatt oder genetisch determiniert auf die Welt kommt, halte nur jede absolute Überzeugung, die meint, alles erkannt zu haben, für so falsch, dass eine weitere Diskussion mir entbehrlich scheint. Der Mensch ist eher weder noch und vermutlich meist auch beides, als nur eines von beiden. Soziale Eigenschaften können sich nicht ohne soziale Gemeinschaft formen aber dennoch gibt es Menschen, die dabei eine unterschiedliche Begabung zeigen. Manche sind sogar sozial behindert und darum aber häufig nicht weniger intelligent, manchmal sogar im Gegenteil und manches heute normales Sozialverhalten lässt eher eine geistige Störung vermuten, betrachteten wir es kritisch mit Kant, doch auch darum geht es mir hier nicht.

Spannend aber ist die Überzeugung der Gentechnik, das menschliche Sein in ihrem beschränkten Horizont vollständig erfassen zu können und verstanden zu haben. Sie entspricht vollständig den materialistischen Denkstrukturen des 19. Jahrhunderts, die zutiefst patriarchal sind. Der Mensch als Maschine, die nach berechenbaren Funktionen gleich einem Roboter programmiert ist, erscheint hier vor meinem geistigen Auge und diese eigentlich beschränkte Anmaßung lässt mich lächeln.

Warum meinen Menschen immer noch, ihr Bereich und ihre gerade Entdeckung, erfasse die ganze Welt, würde zur berechenbaren Formel des Universums, dem doch ein von menschlicher Logik erfassbarer Plan zugrunde liegen muss?

Der Plan als Bild zeigt, wie sprachlich nah die Gentechnik am Vokabular der Kreationisten ist, auch wenn sie natürlich wissenschaftlich exakt arbeitet, beweisen kann, was sie tut und doch ist ihre Selbstüberschätzung grenzenlos, als ginge es um einen göttlichen Plan, den wir nur mit ihrer Methode aufschreiben müssten.

Natürlich können sie bei ihrer Sicht der Welt nur berücksichtigen, was sie bisher wissen. Wie sehr und rasant sich unser Wissen von der Welt und ihren Zusammenhängen allein in den letzten 100 Jahren verändert hat, könnte sie, dächten sie kritisch, ein wenig Bescheidenheit auch für ihr ohne Frage großartiges Fach lehren, was nur eine Art der Informationsweitergabe betrifft, die sie aber für die Festplatte des menschlichen Computers halten, das Programm, was jeder Zelle eingespielt sei und wohl auch nach momentanen Wissensstand ist.

Wie stark die Biochemie und die Physik etwa der neuronalen Netzwerke als lebendiges Organ dabei noch wirken, berücksichtigen diese Biologen nur begrenzt. Ist auch wichtig aber logisch für sie nachrangig, weil es um ihr Primat der Betrachtung geht. Diese Art der Durchsetzung ähnelt der männlicher Tiere im Rudel, sie ist nicht kooperativ sondern konkurrent und verursacht dadurch häufiger mehr Schaden als sie Nutzen bringt. 

Interessanterweise hat sich unter Kanzlerin Merkel ganz langsam ein stärker weiblicher Führungsstil durchgesetzt, der mehr kooperativ als konkurrent arbeitet. Die Wissenschaft hinkt dem, trotz führender weiblicher Forscherinnen, die sich auch nach oben beißen mussten, in vielem noch hinterher, weil das übergreifende Denken zwar schön geredet wird, solange es nicht die eigene Disziplin und ihre Führungsrolle infrage stellt, die sich auch sprachlich immer weiter im Alltag durchzusetzen versucht.

Als Anhänger der Aufklärung war ich von der Gentechnik wie von aller vernünftigen Naturwissenschaft zunächst ohne Vorbehalte begeistert, sah die Ängste vieler Menschen als übertrieben und vorgestrig an. Denke immer noch, der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten und die Chancen, die in der Gentechnik auch etwa in der Tumorbehandlung liegen könnten, sollten wir unbedingt nutzen. Sehe auch das Klonen von Lebewesen nicht als problematisch an,  es gleicht der künstlichen Befruchtung und greift nur an einem anderen Punkt ein, der viele Vorteile bringen könnte.

Nachdenklich machte mich mein Vater, der als Mediziner eigentlich immer ein klarer Naturwissenschaftler war und der Technik gegenüber zumindest aufgeschlossen blieb, der die Gentechnik mit dem Zauberlehrling Goethes verglich, ohne zu sagen, wer nun der alte Meister sein soll, der sich fortbegeben hätte, machte ihm die Gentechnik und die Unbeherrschbarkeit der Risiken, die daraus resultieren könnten, deutlich Sorgen. 

Wir wissen zu wenig meinte er, um in den großen Plan so aktiv einzugreifen, und ich halte ihn nicht für einen besonders gläubigen Menschen, sehe ihn eher als kritischen Agnostiker meist aber in der Gentechnik schien ihm plötzlich der Mensch respektlos gegenüber der Natur und das machte auch mich nachdenklich.

Glaube zwar an keinen Schöpfer oder Meister hinter der Natur, die einfach im Zusammenspiel funktioniert, aber das auch sprachliche Selbstverständnis der Gentechnik, die nun Leben machte, den Schöpfer durch Spezialisten eines Fachbereichs ersetzten, von dem sie glaubten, er würde alles übersehen und verstehen, ist mir verdächtig und genau da fangen meine Zweifel an.

Wir können Leben schaffen und seine Eigenschaften beeinflussen. Sofern es uns dadurch gelingt furchtbare Krankheiten auszurotten, wunderbar. Alles was hilft und heilt, soll willkommen sein, wie froh wäre ich selbst, wenn ich etwa durch einen kleinen genetischen Eingriff meine lästigen Allergien los würde.

Fraglich aber scheint mir, ob wir mit unserem beschränkten Wissen von allen unser Sein betreffenden Einflüssen bereits an unserer Festplatte herumlöten sollten. Käme nicht auf die Idee, meinen Computer auseinander zu schrauben, um darin von außen Dinge zu verändern, weil ich viel zu wenig Ahnung davon habe. Es gibt Spezialisten, die können das und sollen es  tun aber diese Spezialisten würde ich nun nicht bitten, dieses Essay für mich zu schreiben, weil es nicht ihre Spezialität ist, sich abwegig Gedanken über die Welt zu machen, sondern eben meine. Auch käme ich nicht auf die Idee, mich von einem Genetiker in Liebesdingen beraten zu lassen, sondern folge hier konsequent meinem Gefühl, das sich aus mehr Dingen zusammensetzt, als ich begreifen kann und was größeren Einflüssen unterliegt, als ich je werde überschauen können.

Das Genom ist sicher für sehr viele Dinge einflussreich und ich bin dringend dafür, es weiter zu erforschen, um damit so gut wie möglich arbeiten zu können, weil es gut und nötig ist, doch erfasst es nur einen relativ starren Bereich der im Genom durch die Zeugung programmiert wurde. Teile manche Teile davon mit meiner Familie, durch die erbbedingte Verwandtschaft aber kann genauso sicher davon ausgehen, dass es nur einen Teil meines Wesens ausmacht, das im Laufe meines Lebens durch viele Faktoren weiter geprägt und verändert wurde. Bestimmte Dinge bleiben oder tauchen immer wieder auf, sie mögen anlagebedingt sein, andere, sogar felsenfeste Überzeugungen verändern sich mit der Zeit und unterliegen verschiedensten Einflüssen, die ich nicht überblicken kann.

Vielleicht hat das Genom sogar Einfluss darauf, in wen ich mich verliebe und wie eng ich eine Bindung fühle, doch zeigt die Erfahrung wie viele äußere Einflüsse diese Neigung mitprägen und auch wenn ich mir des starken Einflusses meiner Familie und ihrer Sitten auf mein Wesen bewusst bin, auch erschreckenderweise manche Neigungen über Generationen wiederauftauchen sehen - so betrachtet hat die Großfamilie auch einen Vorteil im Sinne der Selbsterkenntnis - was im Guten wie im Schlechten gilt, etwa bei der gelegentlichen cholerischen Neigung, die ich schon früh erstaunt auch bei meinem Großvater, aber nicht nur bei ihm, beobachten konnte oder der starken Neigung zu emotionaler Hingabe und Rührung, die in der ganzen Familie verbreitet ist.

Wie stark diese Neigung durch Vorbilder geprägt ist, was in meinem Genom davon angelegt ist, wann welcher Einfluss stärker ist, weiß ich nicht zu unterscheiden und denke, Elemente davon sind jeweils in unterschiedlichem Maße vorhanden. Dazu kommt noch der völlig unberechenbare Teil des Gegenübers und der verschiedenen Einflüsse genetischer und sozialer Art, die ihn geprägt haben, bis zu psychischen Krisen oder Krankheiten, die möglicherweise auch bleibende Spuren im Körper hinterlassen, auch wenn das Genom davon unberührt bliebe. Konnte diese Erfahrungen schon sehr intensiv machen und habe ihre emotionalen Auswirkungen, natürlich ohne jeden objektiven Anspruch, wie auch als Beteiligter, beobachtet und erlitten, so lange ich lebe.

Der Mensch mag eine komplexe Maschine sein, die aber eben lebendig ist und sich ständig verändert und anpasst. Bestimmte Dinge bleiben und tauchen immer wieder auf, auch bei der emotionalen Neigung, warum bestimmte Menschen mich stärker berühren als andere, doch sind die Frauen, denen ich nah kommen durfte, teilweise so unterschiedlich, dass ich mir nicht zutraue irgendein Muster dabei noch erkennen zu können. Es mag dies an Einflüssen liegen, von denen ich noch nahezu nichts weiß, wie der gegenseitigen Biochemie oder auch am zufälligen Zeitpunkt gelegen haben, der es gerade für beide passend erscheinen ließ oder an ganz anderen Dingen, deren Komplexität meinen Horizont bei weitem übersteigt.

Egal was es also im Kern ausmacht, dass zwischen zwei Menschen ein großes Gefühl wachsen kann oder eine Familie sich über viele Generationen eng verbunden fühlt, gehe ich davon aus, es ist mehr als nur ein Punkt und keiner kann alles überblicken, sondern immer nur auf kleine Ausschnitte schauen, die er dann für die Welt hält.

Die Neigung sich für die Welt und allwissend zu halten, ist in der Genetik und ihrer Tendenz zur Schöpfung besonders stark ausgeprägt, was mich besonders misstrauisch macht. Dazu kommt, dass sie sich des technischen Vokabulars bedient, was ihrer Profession entspricht, die eben auch nur einen Teilabschnitt der Welt anschaut, was aber völlig den gewachsenen patrilinearen Strukturen entspricht, die mit dem Christentum aufkamen und so setzt das scheinbare Gegenteil das vorige Denken zumindest sprachlich fort. Gerade diesen Punkt kritisch zu betrachten und die Ausschließlichkeit stärker infrage zu stellen, scheint mir sehr nötig, weil wir Menschen immer dann, wenn wir von etwas völlig überzeugt waren, am blindesten wurden und den größten Unsinn machten, weil wir den Rest völlig ausblendeten. Die Kernenergie ist hier ein beredtes Beispiel.

Denke inzwischen, die Sorge meines Vaters ist gut begründet, er war ja auch immer ein großer Naturwissenschaftler für mich, der zumindest so tun konnte, als hätte er von allem in der Natur irgendwie Ahnung, was sicher auch durch die ewige familienbedingte Konkurrenz begründet war. Wir arbeiten als Zauberlehrlinge am Leben, von dem wir nur ganz wenig überhaupt in seinen großen Zusammenhängen verstanden haben. Das halte ich für nicht ungefährlich. Finde es dennoch richtig auf diesem Gebiet weiter zu forschen, um mehr erkennen zu können, doch wünschte ich mir dabei mehr preußische Bescheidenheit als die eher amerikanische Neigung zum Blenden als Bester, um die höchsten Fördermittel zu erhalten. 

Familie hat viel auch mit Genetik und der natürlichen Verwandtschaft zu tun, aber nicht nur und ist weit mehr als diese. Sie ist geprägt durch Erlebnisse, Gefühle, Reflektion von Erfahrung und vielem mehr, was ich nie ganz überblicken werden. Menschen können Roboter bauen und Maschinen, die immer besser werden, deren Funktionen sie berechnen und überschauen können aber Menschen sollten sich beim Umgang mit lebendigen Organismen immer bewusst sein, wie wenig sie noch wissen, um lieber weiblich kooperativ statt männlich konkurrent nach Erkenntnis zu streben. Das Risiko anmaßend mehr zu zerstören, als erreichen zu können, scheint mir zu hoch. Sein wir achtsam und vorsichtig, bei dem was wir tun, es könnte allen besser tun.

jens tuengerthal 19.7.20

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