Samstag, 24. Dezember 2016

Gretasophie 004a

004a Vom Verlieben

Wann beginnt die Liebe?

Wir sprechen vom Verlieben, wenn die Liebe noch neu ist und erst anfängt zu wachsen. Es soll ein Anfang sein, wird aber auch gerne nicht so ganz ernst genommen. Dann heißt es, du bist ja nur verliebt, wart erstmal ab, bis ihr euch richtig kennt. Manchmal verlieben wir uns auch in Sachen, die wir unbedingt haben wollen oder gerade bekommen haben.

Verliebt sein enthält alle Zustände, welche die Liebe ausmacht, von den Flugzeugen im Bauch, bis zur Sehnsucht auch mit dem völligen Ausblenden jeder Realität, einem Zustand, der alles wunderbar erscheinen lässt. Verliebte machen lauter unsinnige Sachen, finden alles wunderbar und erleben die Liebe, wie sie uns verzaubern kann, so intensiv wie später nie wieder.

Manchmal bestaunen wir ältere Paare, die noch ganz süß miteinander sind, sagen, die seien ja wie frisch verliebt, finden das eher verwunderlich aber auch schön, weil die zärtliche Liebe und Zuwendung von zwei Menschen einfach schön ist, außer wir haben gerade Liebeskummer, dann erscheint ohnehin die ganze Welt grau und andere Verliebte sind reine Folter für uns.

Wann und womit beginnt das Verlieben?

Habe schon genau darüber nachgedacht, aber keinen immer gültigen Maßstab dafür finden können. Es ist jedesmal anders, auch wenn es sich andererseits in ganz vielem sehr ähnelt. Beim ersten mal denken wir noch, wir würden nie wieder so etwas schönes erleben können in unserem Leben und hängen alles daran. Dann kreist jeder Gedanke um den Geliebten und es ist ein Zustand, als wären wir an einer euphorischen Psychose erkrankt, die zur eben völligen Ausblendung jeder Realität auch bei sonst vernünftigen Menschen führt.

Kann auch kein Muster erkennen, was das verliebt sein immer auslöst. Höchstens bestimmte Folgen in meinem Verhalten an denen ich merke, dass es mich erwischt hat. Kann nicht mal sagen, welche Eigenschaften besonders bei denen überwogen, wo es mich erwischte.

War es die Gelegenheit und taugte für diese jede Frau bei mir?

Glaube nicht, es gibt schon klare Auswahlkriterien, die bei Äußerlichkeiten anfangen, den Geruch beinhalten und beim Intellekt noch nicht enden. Aber auch da sind ganz gegensätzliche Fälle in meinem Leben schon aufgetaucht. Habe mich in Frauen verliebt, die sich nie verstehen würden, nichts miteinander zu tun haben wollten vermutlich, auch wenn die soziale Kompatibilität etwas ist, was mir schon wichtig  ist. Etwa, ob es in der Familie passt, ich mich gut unterhalten kann, wir uns über die erste Anziehung verstehen könnten.

Doch all das sind immer Überlegungen, die ich dazu und nebenbei anstelle, um meinem Kopf noch eine gewisse Herrschaft in der Sache zu geben. Dies alles hat nichts mit meinem dann Gefühl zu tun, was sich völlig selbständig zu entwickeln scheint, als führe es ein Eigenleben. So habe ich mich auch schon gegen alle Vernunft in Frauen verliebt, die meine Familie ablehnte, mit denen es nichts als Probleme gab, es eigentlich nirgendwo so richtig passte und dennoch an der Idee vom Traum festgehalten.

Wenn ich mich verliebe, scheint die Vernunft in bestimmten Bereichen wie ausgeschaltet, ich verhalte mich fast zwanghaft und könnte mich fragen, ob eine solche Reaktion noch gesund ist und dem Ziel eines dauerhaften Glücks nicht zuwiderläuft. Vor allem die völlige Ignorierung aller Kriterien der Vernunft bei der Wahl und dem Weg zueinander, die einen wider besseres Wissen immer wieder die gleichen Fehler machen lässt, auch wenn es uns eigentlich dabei bewusst ist, noch zu hoffen, diesmal sei alles anders, weil sie eben die Richtige wäre, mit der nichts falsch sein könnte.

Solange ich verliebt bin, denke ich aber über diesen Zustand und mein Verhalten nicht nach, sondern schwebe wie auf einer rosa Wolke durch die Tage, die sich nur um die eine drehen. Darum verwundert es nicht, dass auf das Verlieben oft ein Zustand großer Ernüchterung folgt, wenn die Vernunft wieder stärker als das nur Gefühl wird. Manche Beziehungen halten dem Stand und verwandeln sich dann in eine ruhige Liebe, die dem gelassenen Glück entspricht. In diesen Fällen sprechen wir dann von großer oder glücklicher Liebe.

Das Wort große Liebe verwenden auch Verliebte gern, um diese Liebe als die größte zu bezeichnen, die sie  je hatten, zumindest in der Reihe hervorzuheben, die uns im Leben eben so begegnet, dem eigentlich etwas entrückten Zustand der Verliebten eine reale Bodenhaftung zu geben.

Weiß nicht, ob es weise ist dieses Wort, schnell zu verwenden oder so etwas nicht eher von verliebter Verblendung zeugt, denn wie außer verliebt sollen wir jemanden für die große Liebe halten?

Was wäre ein vernünftigerer Maßstab um die großen von den kleinen Lieben zu unterscheiden und was bleibt im Leben davon?

Könnte das Wort große Liebe an eine bestimmte Länge der Beziehung knüpfen und es nicht vor Ablauf von mindestens einem Jahr verwenden. So etwas macht aber relativ abgebrüht und raubt der Verliebtheit allen Zauber. Wer verliebt ist, will den anderen dann logisch für die große Liebe halten und wenn nicht, scheint etwas beim Gefühl nicht zu stimmen.

Kein Verliebter, auch mit der größten Erfahrung nicht, will die aktuelle Liebe gegenüber den anderen Lieben relativieren. Dennoch vergleicht unsere Natur immer und automatisch, muss dies tun, um eine für uns gesunde Auswahl zu treffen. So funktioniert Evolution eben im kleinen. Daraus wird gerne der Gegensatz von Herz und Verstand konstruiert. Dazwischen liegt das schmale Drahtseil auf dem wir zwischen Glück und Resignation in der Liebe so oft balancieren.

Wann und womit das Verlieben beginnt, weiß ich nicht genau zu sagen. Kenne nur die Symptome und kann sagen, für jeden anderen Zustand würden wir diese pathologisch nennen, was den Wert der Verliebtheit als Glückszustand genauso relativiert wie die gesellschaftliche Beurteilung pathologischer Zustände.

Was ist schon krank, wenn sich Verliebte genau so verhalten?

Wie toll kann Verlieben überhaupt sein, wenn es uns verrückt macht?

In Goethes Werther kann und sollte jeder mal lesen, wohin die extreme Verliebtheit, in die wir uns hinein steigern, führt, noch dazu wo wir verzweifeln und aus diesem Unglück allen Lebensmut verlieren. Werther, der in manchem für Goethe stand, der darin auch eine eigene unglückliche Verliebtheit verarbeitete, gibt sich am Ende die Kugel, weil er nicht mehr kann, jede Hoffnung auf Erfüllung seiner Liebe verloren hat und wer dies absolute Gefühl der Liebe, neben der sich alles weitere Leben relativiert, nicht kennt, hat noch nicht wirklich geliebt, würde ich sagen, auch wenn die Reaktion von Werther übersteigert ist, um dem Briefroman ein dramatisches Theaterende noch zu geben.

Werther ist durchgedreht, würden wir heute sagen, hätte einen guten Therapeuten oder zumindest Pillen gebraucht, um sich nichts anzutun, denn wir sollen ja funktionieren und uns nichts antun, nur um einer einzigen Verliebtheit wegen, deren im Leben noch so viele kommen, wie sich mit Abstand leicht sagen lässt

Dieses Stück des Sturm und Drang hat eine ganze Epoche ausgelöst und später auch viele romantische Dichter und Denker inspiriert, die ihn nicht nur im Äußern nachahmten, sondern sich auch reihenweise umbrachten.  Die Mode taucht sogar später wieder bei dem unsympathischen Bendix Grünlich in den Buddenbrooks auft, die etwa 130 Jahre später geschrieben wurden. Der Aufschneider, der ähnlich gekleidet war, sich so gestelzt gab, als er Tonys Vater täuschte und um die Hand seiner Tochter anhielt, die nach anfänglichem Widerstand, da sie den Kerl ja nicht liebe und er widerlich wäre in seiner gestelzten Art und mit seinen goldgelben Favoris, dann doch nachgibt und heiratet, um der Ehre der Familie genüge zu tun, auf die sie so viel hält und sich ein wenig zumindest in ihre Rolle als Braut und Ehefrau verliebt, weil sie es liebt, sich einzurichten, ihre Aussteuer zusammenzustellen und anderes sekundäres, was die fehlende Verliebtheit in ihren künftigen Gatten zu kompensieren, der im Wertherkostüm auf Freiersfüßen beim reichen Kaufmann auftauchte, um mit der Aussteuer noch einmal seine Firma zu retten.

Tony geht eine Vernunftehe ein, die ja statistisch eigentlich länger hielten, was bei ihr nicht der Fall war, da Grünlich ein Betrüger blieb und ihr Vater sie dann wieder vor dem Untergang beschämt retten muss, da er dem richtigen Instinkt seiner Tochter nicht traute, die Kosten dieser Ehe leider abschreiben muss.

Wo ich gerade von Thomas Schwester Tony erzähle, kann ich auch ihre zweite Ehe noch beschreiben, die ebenfalls sehr schnell scheitert, obwohl die Verbindung mit dem Bierbrauer Permaneder aus München doch eher eine Liebesheirat war. Sicher wollte sie auch die Schande ihrer ersten gescheiterten Ehe von sich waschen, wie es eben der Moral der Zeit  im 19. Jahrhundert noch entsprach, doch sie war auch fasziniert von diesem Mann und seiner manchmal etwas rauen aber doch ehrlich liebevollen Art. Dass sie ihn dann, was sie kaum auszusprechen wagt, beim Sex mit einer Magd im Treppenhaus erwischt, entsetzt sie so sehr, dass sie sofort mit ihrer Tochter die Flucht aus München ergreift, wo sie nie wirklich heimisch wurde.

Sicher spielt da viel Konvention eine Rolle, die sie das eine wie das andere mal scheitern und unglücklich werden lässt, worauf sie sich lieber um die Ehe ihres Bruders mit ihrer Pensionatsfreundin Gerda, die aus Amsterdam eingeheiratet wird, kümmert, auch wenn diese als Künstlerin ihrer nüchtern hanseatischen Art immer etwas fremd bleibt. Verliebt hatte sich Tony vorher in den Sohn des Lotsenkommandeurs in Travemünde, bei dem sie den Sommer verbrachte und der die revolutionären Ideen der Göttinger Studenten als dort Medizinstudent ihr nahebrachte, die sich sonst eher naiv als Tochter aus gutem Hause wie die Königin der Stadt fühlte. Diese Verliebtheit und was von ihr geschildert wird, ist eine der emotional ergreifendsten Stellen des Familienromans, auch wenn Tony es in ihrer Art wieder munter weiter plätschern lässt, wie auch Thomas Manns Tante Elisabeth Mann, der die Tony naturgetreu nachgebildet wurde, nach kurzer Empörung die Rolle mit Humor nahm und sich von der Familie künftig eben Tony nennen ließ.

Eine andere Verliebtheit, die des Erben und späteren Senators Thomas Buddenbrook, dem Bruder Tonys wird so beendet, wie es sich für einen Kaufmannssohn aus guter Familie gehört und mit der musikalisch leidenschaftlichen Gerda findet er ja auch eine sehr gute Partie, egal wie verliebt oder nicht. Auch die später große Nähe seiner Frau zu dem Leutnant,  mit dem sie musiziert, gehört zu den zarten Andeutungen der Verliebtheit in den Buddenbrooks, die nicht nur eine Familie sondern eine ganze Stadt so treffend und scharf malten. Aber im großen und ganzen spielt Verliebtheit dort weniger eine Rolle als die soziale Rolle und die daraus resultiernden Pflichten hinter denen solche Gefühle zurückstehen müssen.

Eine geschiedene Ehe hinter sich zu haben oder nicht, führt heute noch in alten Familien zu zumindest empfunden verschieden starker Zuneigung, gelten diese doch als teilweise gescheitert, so erfolgreich sie auch sonst sind. In meiner Familie waren Scheidungen lange unbekannt, die Brüder meines Vaters waren bis über 60 alle mit derselben Frau verheiratet und folgten damit dem Vorbild der Großeltern. Später gab es dann eine Scheidung in dieser Generation, die aber wohl nur dazu führte, dass die beiden sich inzwischen besser verstehen als zuvor. Dagegen gab es in meiner Generation bereits mehrere Scheidungen. Von den 8 Enkeln meiner Großeltern sind nur noch 3 verheiratet und haben auch nur wenige Kinder bekommen und die aussterbende Familie so fortgesetzt.

Bin davon überzeugt, dass meine Eltern all ihre drei Kinder gleich lieben und nie eines bewusst bevorzugen wollten, sondern immer um Gerechtigkeit bemüht waren. Dennoch ist das Gefühl derjenigen, die nicht verheiratet oder geschieden sind, ein anderes als derer, die eine glückliche Familie haben und dieses Gefühl der Konkurrenz, die eigentlich keiner will, scheint in der Natur der Tradition zu liegen. Wie sich auch Tony ständig geißelte, weil sie doch keine gute Partie gemacht hatte, am Ende übrig blieb, trotz der guten Erziehung auch im Pensionat.

Eine Freundin von mir leidet jedes Jahr an Weihnachten ganz furchtbar, wenn sie mit ihren Eltern und ihrer Schwester feiern muss, ohne einen Mann und noch dazu mit Kind alleinerziehend, während ihre Schwester glücklich verheiratet mit Kindern alles richtig gemacht hat und dies obwohl die Freundin selbständige Ärztin ist, ihr Leben mit Kind alleine vorbildlich meistert, viel mehr schafft als ihre Schwester, stolz auf sich sein könnte. Vermutlich sagen ihre Eltern nichts dergleichen, wie es auch meine nie täten, bei denen ich sogar bezweifle, dass sie sich erlaubten, so etwas auch nur zu denken, weil sie solch eine Benachteiligung nie wollten. Dennoch gibt es dieses starke Gefühl, weniger wert zu sein, was ich zum Glück nur als Idee kenne, bei ihr sehr ausgeprägt und wie sie mir erzählte, leidet sie auch an Kleinigkeiten schon und muss immer aufpassen, nicht in die Luft zu  gehen.

So haben manche Zustände wenig mit der Realität um uns, dafür umso mehr mit der in uns zu tun. Dies ähnelt insofern negativ dem Verliebtsein wieder, dessen Anfang ich nicht definieren konnte, während ich hier klar sehe, es geht um die eigene Rolle, in der wir uns nur bedingt wohlfühlen und darum so irrational und bescheuert reagieren, gerne alles anders hätten, aber alles dafür tun, dass sich nichts ändert.

Goethes Sehnsucht nach dem verweilenden Augenblick gehört zur Verliebtheit, die er auch in seinen Sesenheimer Liedern für die Pfarrerstochter Friederike Brion so wundervoll beschrieb und der er sich im Geiste völlig hingab, statt seinem Jurastudium in Straßburg, wie es der Vater wünschte, der ihn irgendwann zurück nach Frankfurt rufen ließ. Zum Abschied dichtete der junge Goethe für Friederike das wunderbare Gedicht Willkommen und Abschied, in dem er mit tränenden Augen Abschied nimmt und die Summe der großen Gefühle der Verliebtheit so wunderbar bedichtete. Mit Gefühl konnte er einfach. Darum hier die Verse aus diesem wunderbaren Liebesgedicht, dass für mich immer noch eines der schönsten deutschen Liebesgedichte überhaupt ist:

Es schlug mein Herz. Geschwind, zu Pferde!
Und fort, wild wie ein Held zur Schlacht.
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht.
Schon stund im Nebelkleid die Eiche
Wie ein getürmter Riese da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem Wolkenhügel
Sah schläfrig aus dem Duft hervor,
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr.
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
Doch tausendfacher war mein Mut,
Mein Geist war ein verzehrend Feuer,
Mein ganzes Herz zerfloß in Glut.

Ich sah dich, und die milde Freude
Floß aus dem süßen Blick auf mich.
Ganz war mein Herz an deiner Seite,
Und jeder Atemzug für dich.
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
Lag auf dem lieblichen Gesicht
Und Zärtlichkeit für mich, ihr Götter,
Ich hofft’ es, ich verdient’ es nicht.

Der Abschied, wie bedrängt, wie trübe!
Aus deinen Blicken sprach dein Herz.
In deinen Küssen welche Liebe,
O welche Wonne, welcher Schmerz!
Du gingst, ich stund und sah zur Erden
Und sah dir nach mit nassem Blick.
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden,
Und lieben, Götter, welch ein Glück!

Goethe überstand diese Trennung und auch die spätere von derjenigen, die Vorbild der Lotte im Werther war. Indem er darüber schrieb, legte er die großen Gefühle ab und wie dramatisch diese waren, zeigt Werthers Tod am Ende. Zu dieser Zeit, nach seiner Promotion über die Besitzverhältnisse an einem Floh, war Goethe ganz nüchtern Assessor am Reichskammergericht zu Wetzlar, da gab es noch das Heilige Römische Reich Deutscher Nationen.

Was es auslöst, dies seltsame Verlieben, weiß ich auch am Ende der literarischen Ausflüge hier nicht, was es bewirkt, merke ich, wenn es da ist. Obwohl eigentlich nicht mal das wirklich, weil ich in diesem Zustand eher halb bewusstlos immer war, warum von bemerken eigentlich erst hinterher gesprochen werden kann. Wenn ich aber nun nüchtern über die Verliebtheit schreibe, ist es nicht echt, weil diesen Zustand eben nur versteht, wer sich wie unter Drogen darin bewegt.

Denke, wer es verstehen will, muss sich darauf einlassen und es genießen wollen, wie bereit sein, darunter zu leiden, was in aller Regel irgendwann folgt, mögen die selbst behaupteten Ausnahmen mit ihrer Illusion weiter glücklich bleiben.

Literatur und Lyrik nähern sich der Verliebtheit besser als lange Ausführungen es hier können, darum empfehle ich dazu neben Werther und Goethes Sesenheimer Liedern noch Fontanes Effie Briest, Flauberts Madame Bovary, Tolstois Anna Karenina - um nur eine kleine Auswahl hier zu nennen, die nicht gleich abschreckt oder erschlägt. Es sind eher klassische Stücke und es gibt ganz sicher auch neuere Autoren, die schön über die Liebe schreiben, doch hilft es manchmal den großen Abstand zu wählen, um mehr Gefühl dafür zu bekommen, was bleibt und darüber hinaus noch geht, die Koordinaten jenseits der Zeit zu erkennen, in denen sich alle Menschen in einer Sache ähneln, die sich konkret nicht greifen lässt.

Sich verlieben ist bescheuert und wunderschön. Wer die Kontrolle behalten will, dem wird es sehr schwer immer fallen, sich überhaupt zu verlieben, während alle, die sich sofort fallen lassen können, sich auch leicht darin verlieren. Doch weiß ich nicht mal ein Rezept für einen goldenen Mittelweg, als zu versuchen ab und an den Verstand einzuschalten, um halbwegs nüchtern bei all dem Blödsinn noch zu bleiben. Leider oder zum Glück scheitert dieser Versuch meist schon im Ansatz, da wir verliebt nicht mehr klar denken können und wenn wir es vorher zu tun, des wunderbaren Wahnsinns dieses Zustandes total verlustig gehen.

Manchmal hilft mit Abstand darüber schonmal nachgedacht zu haben, sich in der Gefahrensituation, in der wir jeden Verstand verlieren, dessen bewusst zu bleiben, aber wirklich glaube ich auch daran nicht, weil die Liebe, wenn sie mit ihrem Wahnsinn zuschlägt, stärker als alles sein kann und wir schon sehr feste Leitplanken im Leben brauchen, uns vernünftig dagegen zu wehren.

Vielleicht können wir uns auch die Abwehr ersparen, wenn wir uns klar machen, es ist Teil unserer Natur, tut auch gut und nur weil wir, was so unvernünftig erscheint, nicht begreifen, kann es doch eine logische und damit vernünftige Folge unserer Natur sein, die in komplexer Kausalität steht. Es gibt wenig, was mich so demütig macht wie Verliebtheit. Verstehe es nicht ganz, weiß auch nicht, wie ich das je tun sollte, noch, ob ich es je wollte, aber ich nehme es, um des Glücks, was es trotz allem Risiko dabei bescheren kann, mal hin und versuche, zu genießen, was ist. Vielleicht ist das schon alles in der Verliebtheit, was wir wissen können, ich weiß es nicht.

Lukrez und Epikur werden es sicher auch als kritisch betrachtet haben aufgrund der unvernünftigen Extreme, auch wenn es ganz natürlich scheint, macht es nicht dauerhaft glücklich, glänzt dafür aber im ersten Moment desto heller. Es ist immer eine Täuschung, führt häufig daher logisch zur Enttäuschung, bringt einen völlig an die eigenen Grenzen. Dass noch irgendwie zu genießen, ist schon genug eigentlich als Aufgabe für ein Leben scheint mir.
jens tuengerthal 24.12.2016

Freitag, 23. Dezember 2016

Gretasophie 004

004 Von der Liebe

Ob Liebe vernünftig ist - von Glück und Unglück

Die Liebe ist ein großes Kapitel im Leben, wir lernen sie von den Eltern kennen, manchmal auch zwischen diesen noch und irgendwann lernen sie von ganz neuen Seiten kennen. Sie ist das stärkste Gefühl der Zuneigung, das ein Mensch, dem anderen entgegen bringen kann. Das Gefühl kann dabei unabhängig davon entstehen, ob es erwidert wird oder nicht.

Wir unterscheiden die Liebe in der Familie, zu Eltern oder Geschwistern, die als ganz natürlich gilt, auch wenn sie manchmal schwierig ist, gerade beim erwachsenwerden, von der geistigen Verwandtschaft zu Freunden oder Partnern und schließlich noch von der körperlichen Anziehung, die Eros genannt wird.

Das körperliche Begehren ist eng mit Sex verbunden, der aber auch nicht ausgelebt werden muss, was die Leidenschaft noch erhöhen kann, etwa in einer platonischen Liebe. Manche trennen Liebe und Sex voneinander, was die Beziehungen zueinander oft noch komplizierter macht.

Liebe ist auch kulturgeschichtlich ein ziemlich schillernder Begriff, der in vielfältiger Bedeutung verwandt wird. Auch durch die Zeiten und verschiedenen Kulturen und Gegenden wird der Begriff, den alle Menschen kennen, unterschiedlich verwendet. Die einen betonen mehr das sinnliche Element, andere stärker die geistige Eben und dabei wird wiederum zwischen der eher emotionalen und der ethischen Liebe als Grundhaltung unterschieden.

So spannend wie die vielseitige Verwendung des Begriffes Liebe ist auch sein Gegenteil, was dies ist, sind sich die Menschen auch relativ uneinig. Einige meinen das Gegenteil von Liebe sei Hass. Andere sind sich sicher, dass Gleichgültigkeit im zwischenmenschlichen das Gegenteil von Liebe ist. Die völlige Abwesenheit von Liebe kann bei Kindern zu  Krankheiten wie dem Hospitalismus führen.

Ob Eifersucht oder Besitzdenken und Hörigkeit das Gegenteil von Liebe sind oder nur irgendwie ungesunde Fehlentwicklungen infolge der Liebe ist strittig. Die zur Eifersucht neigen, nennen diese zumindest in einem gewissen Rahmen normal und gesund als Ausdruck von Gefühl, das damit erst spürbar werde. Andere, wie ich etwa, halten Eifersucht immer für das Gegenteil von Liebe, weil sie nicht mehr selbstlos gönnen will sondern den anderen besitzen möchte.

Eifersucht lernt jeder schon als Kind irgendwann kennen. Es scheint auch natürliche Teile zu haben, ist von der Angst des Verlustes getrieben und wird gerne auch irgendwie vernünftig begründet, zumindest mit Vergleichen wie etwa andere Männer oder Frauen würden auf das gleiche viel weniger tolerant reagieren, was dem Gefühl der Angst und Missgunst scheinbar vernünftige Gründe aus dem Vergleich geben soll.

Bevor ich nun weiter frage, ob die Eifersucht je vernünftig oder begründet sein kann, was ich grundsätzlich bezweifle, um der Freiheit der Liebe willen, würde ich mir gern erstmal darüber klar werden, ob die Liebe überhaupt vernünftig ist oder immer nur ein irrationales Gefühl ist.

Insofern Kinder, die ohne Liebe aufwachsen und Menschen, die ohne Liebe leben, darum zu psychischen Krankheiten neigen, spricht einiges für eine ganz natürliche Neigung, der zu folgen uns gut tut, was also erstmal vernünftig wäre.

Ob allerdings das, was wir, auch über die Elternliebe hinaus, Liebe nennen, vernünftig beginnt im Sinne der Natur als Ergebnis von im Kausalzusammenhang stehenden Ereignissen, scheint dagegen wiederum sehr fraglich. Wenn wir von Liebe reden, geht es um ein Gefühl, was scheinbar keine rationalen Ursachen braucht, sondern einem tiefen inneren Bedürfnis folgt.

Aber ist es wirklich so, wie uns die Mischung aus Hormonen und Gedanken vorgauckelt?

Was zwei Menschen verbindet und warum sie von Liebe reden, hat verschiedene Ursachen aus ganz unterschiedlichen hochkomplexen Bereichen, wenn wir sie von Seiten der Wissenschaft, also vernünftig betrachten.

Zum einen lösen bestimmte Begegnungen eine besondere Folge von hormonellen Reaktionen aus, die zu dem Gefühl beitragen und dazu führen, dass wir uns verliebt oder liebend so glücklich fühlen, ganz besondere Kräfte entwickeln um zueinander zu finden.

Zum anderen hat die Liebe wissenschaftlich betrachtet auch oft eine Vielzahl von sozialen Gründen, die eine Bindung für uns attraktiv erscheinen lassen, uns Nähe fühlen, aufgrund geteilten Hintergrundes oder auch im Gegenteil mal das Fremde anziehend finden lassen.

Erziehung, Bildung, soziale Stellung, Gewohnheiten und Vorlieben mischen sich dann mit den Hormonen zu einem Gemisch, dessen Ursachen wir meist nicht mehr ganz klar logisch erkennen können. Es passt dann einfach, sagen wir, aus dem Gefühl, auch wenn dieses sich wiederum aus einer Summe von Gründen zusammensetzt, immer noch also vernünftig eigentlich sein können.

Im Bereich der Liebe hat die Vernunft einen schlechten Ruf. Eine Vernunftehe gilt heute als viel weniger wert als eine Liebesheirat, der langes Glück gewünscht wird. Vielleicht braucht die Liebe ein irrational erhofftes Glück, wenn sie auf einer unvernünftigen Basis stünde. Betrachten wir uns die Haltbarkeit, sind engagierte Ehen deutlich stabiler als die heutigen Liebesheiraten aus irrational vermuteten Gründen. Ob dies eher am Gefühl oder den sozialen Zwängen lag, wäre noch eine andere Frage, die hier aber gerade mal ist.

Aber ist es wirklich so wie der Volksmund und die Romantik sagen oder hat jede Liebe ihren Grund in einer Summe kausaler Vorgänge?

Dafür spricht, dass die Liebe Teil unserer Natur zu sein scheint und nichts in der Natur ohne einen solchen passiert, auch wenn wir die Zusammenhänge als zu komplex manchmal nicht begreifen und dann Zufall nennen. Den Zufall finden wir in der Natur vom Kleinsten, etwa dem Welleteilchendualismmus auf subatomarer Ebene, bis zum Größten, der Entstehung des Universums und woher die Energie dazu wiederum kam, da Energie ja bekanntlich nicht verloren geht. Auch in der Evolution des Menschen erkennen wir dies immer wieder, dort wo es Veränderungen gab und was sich durchsetzte und so stellt sich die Frage, ob wir auch in der Liebe nur unserem evolutionären Bauplan in den Trieben folgen oder eine eigene neue geistige Veränderung darin schaffen.

Setzen wir die Gründe der Liebe selbst oder sind sie in uns angelegt?

Warum haben wir manchmal Flugzeuge im Bauch und sind vom gleichen Verhalten ein anderes mal genervt bis zur  Übersättigung, die wir dann Stalking nennen?

So kann die einseitige Liebe, wenn sie sich unbedingt erklären und um den anderen ringen will, schon zur Straftat werden, wenn dieser es ausdrücklich nicht will, während in anderen Fällen das gleiche genauso bescheuerte Verhalten zum romantischen Glück führt.

Einmal ist der Typ total süß, beim anderen fürchtet sie sich vor dem gleichen Verhalten und empfindet es als Belästigung, weil zwischen den beiden scheinbar die Chemie nicht stimmt.

Manchmal ist es das richtige Wort im rechten Moment, das ein Gefühl auslöst, was danach alles öffnet, von völliger Hingabe bis zu tiefer Liebe, noch bevor sich zwei überhaupt gesehen haben, können sie sich dann sicher sein, weil sie sich innig fühlen und verstehen, ohne dass es bis dahin auf die Chemie angekommen wäre, fühlen sie sich dessen sicher.

Solches passiert etwa bei Romanzen im virtuellen Raum, die sich in die Worte oder bloße Bilder des anderen verlieben. Manchmal gibt es vorher noch Telefonate, die dann schon entweder ernüchtern und relativieren, was die Traumwelt der Worte im Geist schuf oder diese noch lustvoll verstärken. Es gibt sogar die totale Hingabe an die verbale Leidenschaft vor der ersten Begegnung, die bis zum Höhepunkt geschrieben oder geredet wird, ohne dass sich die beiden bis dahin schon berührten oder riechen konnten.

Manchmal folgt die Ernüchterung bei der Begegnung, wenn sich zwei überraschend nicht riechen oder schmecken können, es ihnen, wie wir dann gerne sagen, komisch vorkommt. Dann erfüllt sich der Traum der Worte nicht und wir gehen wieder auf dem Boden der Tatsachen sodann getrennte Wege. Gut, wenn es beiden so geht, schlecht, wenn eine Seite darunter leiden muss.

Doch es findet sich auch gelegentlich die Liebe aus den nur Worten in der Realität wieder und wenn sie genug geschrieben haben, glauben sie auch, sich längst ganz nah zu sein. Dann ist eine solche Begegnung mit wieviel Lust auch immer, wie ein Wiedersehen und findet schnell lustvolle Erfüllung oder stolpert zumindest recht bald in die Richtung, die wir Liebe nennen.

So kann also, was wir Liebe nennen, durchaus ohne jede Chemie nur im Kopf beginnen, wobei es relativ hoffnungslos ist, sich gegen seine eigene Natur aufzulehnen. Kann mich daran erinnern, wie ich mit einer schon schönste Pläne schmiedete, alles wunderbar mir erschien und als ich ihren Schoss küsste, plötzlich Ekel empfand. Die Natur mir deutliche Signale sendete, auch wenn ich sie nicht hören wollte.

Nun könnt ich zwar auf dieses Detail des nur Eros verzichten, in dem ich sie nicht dort küsste, wenn der Rest stimmte, bedenke ich, dass diese Form der Lust sogar in einigen Bundesstaaten der USA gesetzlich verboten ist, doch schiene mir das wie eine Flucht vor der eigenen Natur. Darum ist es für mich eher der natürliche Maßstab, ob es passt.

Weiß zwar nicht, warum ich die eine gut riechen kann und die anderen nicht, was nicht nur mit dem Zeitpunkt im Zyklus zusammenhängt, sondern einfach in der Natur zu liegen scheint, da ich die Frauen, die ich liebte und mit denen ich glücklich war eigentlich immer gut riechen und schmecken konnte, während es mit den anderen nie etwas wurde.

Kannte mal eine Barkeeperin, nicht näher körperlich aber aus sehr persönlichen Gesprächen doch nahe und sie schwor auf den Geruch und die instinktive Leidenschaft, meinte zu einem Date benutze sie am liebsten keinen Deo oder Parfum, um ein Gefühl für die Chemie zu  bekommen. Wenn sie leidenschaftlich liebe, stinke ihr Liebster ihr nicht mal völlig verschwitzt. Sie kam ursprünglich vom Bauernhof auf einer Insel und war ländlich, natürlich aufgewachsen, bis sie eine Karriere bei Film und Theater für eine Zeit startete.

Sie wusste, was sie wolle und was ihr dabei wichtig war, was zumindest leidenschaftlich schönen Sex erhoffen ließe, dachte ich - aber ich dachte es nur, bei uns war die Chemie wohl ihrerseits nicht so und ich kann auch nicht behaupten, dass ich es unbedingt gewollt und mich darum bemüht hätte.

So scheinen manche Dinge nach der Natur zu laufen und den Regeln der Chemie zu folgen, wie etwa die Auslösung der Lust beim Sex durch Duftstoffe, während andere ein rein geistiger Prozess sind, der allein durch Worte Erregung bis zur Befriedigung auslösen kann, selbst wenn dann noch mal kurz Hand angelegt werden sollte, wie es die Natur verlangt, ist die Lust dazu allein im Kopf oft entstanden.

Was im Kopf an Gefühl entsteht, also Produkt unserer Phantasie ist, kann aber im Körper die gleichen Hormone freisetzen, schon wie die erste Begegnung oder Berührung uns elektrisieren, wie wir sagen, um die sinnliche Spannung auszudrücken, die zwischen zweien entsteht.

Weiß nicht, was überwiegt und denke, es kann auch mal das eine, dann wieder das andere sein, ohne dass dies darum einer festen Regel folgte. Optimal ist es, wenn beides zusammenkommt und in einem ausgewogenen Verhältnis steht, mit dem wir uns wohl fühlen. Doch klingt so etwas schon wieder nach einer Vernunftehe und wirkt emotional eher abschreckend.

Was uns auf die ewige Dialektik in der Liebe bringt, dies dauernde Hin und Her zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt, dass manche scheinbar zum Genuß ihres Glücks brauchen. Auch wenn ich jetzt also irgendwie ableiten könnte, dass die Liebe natürlich vernünftig sei, käme ich vermutlich bald wieder zu dem Schluss, dies sei doch in der Realität völlig egal, weil es uns aufgrund seiner Komplexität immer nur in Einzelteilen bewusst ist, die dann unser Gefühl begründen.

Dazu kommt noch, dass die Liebe gar keinen Grund braucht. Sie ist einfach und macht dann glücklich oder nicht. Erich Fried schrieb in seinem wunderbaren Gedicht, Es ist was es ist, was es mit der Liebe auf sich hat und traf es auf den Punkt für viele, die sich dort verstanden fühlten, es ist, was es ist.

Sie mag also vernünftig und unvernünftig zugleich vielleicht auch sein, weil das ihrem Wesen eben entspricht, wie eine doppelköpfige Hydra, die uns infolge auch mal nach der einen, dann wieder nach der anderen Seite treibt, uns so glücklich macht, wie nichts sonst im Leben und zugleich unglücklicher als alles, jeglichen Lebensmut raubt, wie es Goethe in seinem Werther so wunderbar tragisch beschrieb.

Die Liebe kann alles, was sie will. Sie überwindet jede Grenze und alle Angst, kann zu völligem Glück führen, in dem wir meinen nichts könne mehr schöner sein je und denken, wie auch der olle Goethe einst dichtete, oh Augenblick, du bist so schön, verweile doch.

Wenn alles Natur ist und alle Natur logisch und vernünftig funktioniert, eben natürlich, wird die Liebe auch so sein. Doch besonders Frauen leugnen dies mit großer Leidenschaft und wenn du mit ihnen auf einen Nenner kommen willst, sind die fast dadaistisch schlichten Worte Frieds ein gutes Mittel dazu, ohne sich gegen alle Vernunft verbiegen zu müssen und Lyrik ist wie alle Minne in der Liebe immer ein probates Ziel von der Werbung zur Erfüllung zu gelangen.

Aber auch ich, für den es nichts außer der Natur gibt, keine höheren Wesen, kein Leben nach dem Tod oder vor der Befruchtung der Eizelle, ab wann immer wir es dann auch Mensch schon nennen, halte es für weiser, es lieber den Frauen, die es austragen ihrer Natur nach zu überlassen, wann es leben soll, betrachte die Liebe und insbesondere im Verhältnis zu Frauen als etwas völlig irrationales, dem ich mich mit den Mitteln des Verstandes nur beschränkt nähern kann.

Ob vernünftige Leidenschaft immer maßvoll sein muss, wie Montaigne es für die Ehe eher fordert, warum er beiden vorschlägt, die falls vorhandenen Leidenschaften lieber anderweitig auszuleben, weiß ich nicht so genau. Sicher ist aber, dass große Leidenschaft, wie es schon das Wort Leiden verrät, auch häufig zum Unglück führt und manch unschönes mit sich bringen kann. Wir sind in voller Leidenschaft fern der ausgeglichenen Gelassenheit, wie sie schon Epikur als Ideal vorschwebte, obwohl für ihn das Streben nach der Lust zu unserer Natur gehörte. Montaigne mit seinem vermutlich für die Renaissance typischen Bild von der Ehe geht es auch um die Gelassenheit, die der ebenfalls Verehrer des Lukrez teilweise auch in der römischen Stoa fand.

Eigentlich besteht eher ein Gegensatz zwischen Epikuräern und Stoikern, der von der Kirche, die in Opposition zu den atheistischen und streng rationalen aber freien Genussmenschen stand, als die sie die Epikuräer sah, besonders betont wurde, auch weil es den Epikureern mehr um die Lust als um die Pflicht ging, während die katholische Kirche unfreie und gehorsame Christen erziehen wollte, warum sie irgendwann von machtbewussten Kaisern als gut kompatibel integriert wurde, auch wenn das ein wichtiger Schritt zum Untergang Roms wohl war, dass sich auch einfach überlebt hatte, aber mancher Gegensatz hebt sich auf und der Weise lebt eklektizistisch, pickt sich also die Rosinen heraus, die ihm gerade gefallen, ohne sich darum zum Ganzen verpflichtet zu fühlen und doch nichts sucht als eben Lust im Leben.

Auch wenn der Satz eben etwas lang geriet, durch die kleinen historischen Ausflüge, bleibt davon entscheidend die Gelassenheit, sich an Gedanken zu nehmen, was gefällt, ohne dogmatisch einer Schule folgen zu müssen. Es soll die Lust mehren und keine anderen Ansprüche befriedigen, was auch die stoischen Gedanken wieder epikureisch nutzbar macht. Dies führt uns auch in die Gegenwart, in der wir wohl in einer postideologischen Zeit leben. Die großen Ideologien haben sich nahezu überall erledigt und jeder versucht irgendwie am Markt zu überleben, um es sich so gut wie möglich gehen zu lassen, was keinen festen Rahmen braucht sondern immer wieder flexible Antworten sucht.

Nun fragt sich am Ende des ersten Teils zur Liebe, wie es mit der Eifersucht ist, ob sie natürlich oder krank vom Grundsatz her bleibt und was an ihr vernünftig sein kann. Der Teil fand keine Antwort auf die Frage, ob die Liebe vernünftig ist, sie ist es natürlich immer auch, aber sie wäre eben auch nicht, wenn sie nicht völlig irrational zugleich uns vorkäme und so nehmen wir sie, wie es gerade kommt, in beiden Teilen als natürlich und alle Natur ist immer auch vernünftig.

Eifersucht als Besitzdenken steht  im klaren Gegensatz zur Natur der Liebe, die dem anderen gut will und sich verschenken möchte am liebsten, weil sie eben Ausdruck tiefer Zuneigung ist und nicht der Angst zu kurz zu kommen. Von daher hat Eifersucht logisch nichts mit Liebe zu tun, wer sie empfindet, sollte sich lieber fragen, was er oder sie überhaupt will und wohin es führen soll.

Wenn es einen Grund für die Eifersucht gibt, ist es müßig, auf Treue laut zu pochen, weil diese nie eine Pflicht sein darf, sondern immer nur wenn gewollt und gefühlt einen Wert hat, als Gehorsam aber nur der Anfang des Krieges und das logische Gegenteil der Liebe ist.

Das ist ganz einfach, dazu braucht es keine weiteren Ausflüge in den Bereich der Moral. Wenn die Liebe echt und natürlich sein soll, vergessen wir besser vorher alle moralischen Grenzen, weil die Liebe immer Freiheit braucht, um zu sein. Nur wer gänzlich frei ist, kann sich verschenken, während wer einer Moral oder Konventionen folgt, unfrei ist und so also nicht wirklich lieben kann.

Wenn sie keinen Grund hat, wie meistens, weil es keinen Grund gibt, der dazu berechtigte, warum schon die Behauptung ein Witz ist, hier aber den üblichen Sprachschemen des Alltags folgt, ist sie ohnehin eine Belästigung der Liebe durch kleinliches Besitzdenken, bei der sich fragt, was die Eifersüchtigen damit erreichen wollen, da sie das Ziel ihrer Gefühle durch die Eifersucht bereits von der Liebe entfernt haben.

Es gibt also keinen vernünftigen Grund für Eifersucht. Wenn meine Partnerin einen anderen Mann mehr begehrt als mich oder überhaupt begehrt, was ich aber völlig natürlich fände und für sie hoffen will, weil alles andere verlogener Mist ist, der nur im Knast der Eifersuchtshölle enden kann, dann frage ich mich eher, was kann ich tun, um ihre Lust mit mir zu erhöhen, wenn ich es erfahren sollte. Ehrlich gesagt, möchte ich so etwas eigentlich am liebsten gar nicht wissen, um mir gar keine Gedanken darüber machen zu müssen, die vielleicht zu Angst und Eifersucht führten, weil so vernünftig der Mensch auch sein mag, so unsinnig regiert die Natur manchmal doch die Gedanken.

Es soll jeder tun, wonach ihm ist. Würde nie nachfragen bei meiner Partnerin, weil ich es nicht wissen will. Erfahre ich es, wäre es mein Bemühen, unsere Beziehung zu verbessern, damit wir noch irgendeine Perspektive wieder finden, die gemeinsame Lust neu zu wecken.

Wer liebt ist dennoch Mensch mit seiner Natur, gegen die keiner leben soll. Es wäre für mich die Pflicht des einen, es so dezent wie möglich zu gestalten, wenn das Bedürfnis eben da ist und die des anderen nicht weiter zu fragen.

Dann ist eine wunderbare Liebe und ein glückliches Zusammensein von Mann und Frau möglich. Alles andere aber ist der Mühe nicht weiter wert aus meiner Sicht, warum dennoch viele, viele Paare es anders und völlig unfrei leben, verstehe ich nicht. Werde mich nie auf so etwas einlassen, weder Treue schwören noch sie verlangen, nur alles dafür tun, so glücklich miteinander zu sein und es so zu genießen, dass es nichts sonst für uns braucht.

Wer wär ich je über einen anderen zu richten, noch dazu, wo ich diesen Menschen zu lieben vorgebe?

Eifersucht bleibt für mich der Tod der Liebe, wo sie auftritt, können beide es lieber lassen und neue Formen des Miteinanders finden, weil es nicht mehr um Liebe sondern um Besitz geht. Fragen des Besitzes regelt das Bürgerliche Gesetzbuch, in dem auch passend die Ehe geregelt ist. Den Besitz sollten wir aber nicht mit Gefühl verteidigen. Es verleugnet nur die Liebe, die frei von allem und über allem ist, wenn sie ist.
jens tuengerthal 23.12.2016

Berlinstille

Was gibt es zum Breitscheidplatz noch
Neues was nicht schon alle gesagt haben
Muss dazu überhaupt etwas gesagt werden
Sollten wir es nicht gut sein lassen diesmal

Nachrichten überschlagen sich
Im immer noch Live-Ticker überall
Werden wir auf dem Laufenden gehalten
Als lebte davon einer oder änderte es was

Was geschah kennen wir doch schon
Vermutlich das gleiche wie in Nizza
Nur weniger Tote diesmal zum Glück
Von unschuldigen Toten ist die Rede

Als gäbe es schuldige Tote oder gar welche
Die den Tod verdienen würden auch noch
Lange nach Abschaffung der Todesstrafe
Müsste nun Rache barbarisch geübt werden

Rechte Radikale nutzen die Ereignisse sofort
Zum Wahlkampf und so werden die Opfer noch
Von NPD AfD und CSU zu ihren Zwecken gleich
Ausgeweidet wie frisch erlegtes Wild zum Fest

Habe lange dazu lieber geschwiegen noch
Um nicht ins Horn zu stoßen der Hysterie
Mit der BILD gleich ANGST titelte was den
Rechten Radikalen den Ball leicht zuspielte

Nun sollen wir Kerzen ins Fenster stellen um
Der Opfer zu gedenken als stürben nicht täglich
Mehr im Straßenverkehr verdienten diese dann
Weniger Ehrung als andere zufällige Opfer

Oder die viel mehr Toten in Aleppo sind sie etwa
Weniger wert als deutsche Leichen um die Ecke
Warum schrie da keiner nach Kerzen oder gab sich
Betroffen auch wenn es keinem Toten je nutzte

Tote sind tot und bleiben es auch wenn ihnen
Mit einer Kerze im Fenster gedacht wird wie
Dumm nur dass gerade alles weihnachtlich noch
Überall leuchtet könnte auch Deko also sein

Der Angriff war schrecklich und traf wie jeder
Angriff immer die Falschen auch wenn wir mal
Wieder zufällig irgendwo beim bombadieren
Noch mithelfen trifft es wieder die Falschen

Wenn wir nun der Angst verfallen wie auch
Unsere Art zu leben aufgeben und deren
Feinden noch zustimmen damit dann haben
Mit IS und AfD die Falschen gewonnen

Wir stehen im Krieg hier wie in Syrien da
Sterben eben die Leute hier wie da leider
Es gibt keinen hundertprozentigen Schutz
So wenig wie im Straßenverkehr auch

Im Straßenverkehr sterben etwa so viele
Wie auf dem Berliner Weihnachtsmarkt
Jeden Tag was immer über 3000 Tote im
Jahr noch sind ohne Kerzen im Fenster

Auch 1970 gab es kaum Kerzen für die
Da waren es sogar fast 20.000 im Jahr
Heute nur noch ⅓ so viele wie nach der
Wende 1991 als die Ossis rasen durften

In Syrien starben längst hunderttausende
Eine Ende ist noch nicht wirklich absehbar
Zumindest über Weihnachten sollen diesmal
In der Ukraine die Waffen verlogen ruhen

Im Mittelmeer ersaufen täglich viel mehr noch
An Flüchtlingen die sich vor dem Krieg retten
Wollen als in Deutschland bisher überhaupt
Opfer des Terrors wurden seit Krieg ist

Leben scheint unterschiedlich viel wert zu sein
Wir finden es scheinbar auch völlig in Ordnung
Dies durch verstärkte Hysterie nun zu zeigen
Statt lauter die Freiheit noch zu verteidigen

Die Toten sind nicht mehr für die ist alles egal
Sie haben es hinter sich und leiden an nichts
Ist es nur die eigene Angst die mit dieser
Rituellen Hysterie beruhigt werden soll

Natürlich betroffen aber doch sachlich gelassen
Wie immer reagierte die Kanzlerin und macht sich
An die Arbeit auch wenn sie mit zwei Besuchen
Am Tatort und beim BKA etwas ablenken ließ

Es hätte schlimmer wohl kommen können wenn
Mehr Menschen zu passenderer Zeit auf dem Markt
Oder andernorts noch gewesen wären wie wir ja
In Nizza schon sehr deutlich sehen konnten

Es gibt keine Sicherheitsgarantie die uns
Gänzlich vor drohendem Terror schützte
Die freie Gesellschaft ist im Krieg logisch
Von Innen angreifbar und wird zum Opfer

Was sollen wir in dieser Situation noch tun
Als das zu verteidigen was uns wertvoll erst
Machte damit nicht Gewalt und Terror siegen
Die Angst und Unsicherheit verbreiten wollen

Die Toten tun mir nicht leid sie sind ja nicht mehr
Die Angehörigen brauchen kein Mitleid sondern
Eher noch Ablenkung es ändert nichts zu heulen
Doch darf das keiner ernsthaft laut hier sagen

So wird viel geredet und mehr noch gelogen
Weil uns unsere Toten viel wertvoller sind als
Jene in Aleppo oder im Mittelmeer nur das
Sagt keiner der sich betroffen jetzt gibt laut

Es war schrecklich und der Täter gehört darum
Bestraft wenn gefangen und genau darum wird
Krieg gegen die Islamisten geführt und gewähren
Wir denen die vor ihnen fliehen hier Schutz

Die Regierung tut was nötig ist ohne Hysterie
Das ist gut so und im übrigen sollte nun lieber
In Ruhe weitergemacht werden verteidigen wir
Lieber unseren Lebensstil in dem wir leben

Deutschland wird sich dadurch so wenig ändern
Als wenn es ein Unfall gewesen wäre noch dem
Leider einige zum Opfer fielen diesmal doch darf
So etwas den Staat nie aus der Ruhe bringen

Zu verteidigen gilt es bei Angriffen was die Täter
Angreifen und das ist unsere Freiheit wie eben
Eine westliche Art freier zu leben die Gläubigen
Als unmoralisch erscheint und schwere Sünde

Im übrigen galt der Angriff einem Beteiligten der
Koalition gegen den Terror was eben passiert
Wenn einer in den Krieg zieht wird er sich über
Opfer nicht beschweren können mehr

Die Millionen Tote Muslime nach dem Angriff auf
Amerika am 11. September übersteigen die Zahl
Der Opfer im Westen um ein vielfaches noch was
Wollen wir denen erzählen die nun Rache rufen

Haben wir uns nicht für einige Anschläge schon
Millionenfach gerächt und wer sind wir überhaupt
Richter sein zu wollen der sagt welcher Tod gerecht
Wann die Toten unschuldige Opfer nur sind

Auf all das weiß ich keine Antwort zu geben
Verstehe die Wut mancher Muslime auf den
Terror der USA in ihren Ländern den wir auch
Als Partner seit Jahren mit unterstützen

Werden wir nun Mauern bauen um uns damit
Zu schützen wie Israel es erfolglos versucht
Oder zur Sicherheit die Freiheit aufgeben die
Keiner uns wieder gibt auch ohne Sicherheit

Habe keine einfache Antwort weil es keine gibt
Es bleibt kompliziert immer in solchen Fällen
Glauben wir keinen der behauptet er wüsste wie
Nur versuchen wir was bleibt zu genießen

Berlin lebt weiter und sollte es tun wie immer
Unberührt von der Hysterie um uns herum weil
Es ändert sich nichts wenn wir uns nun aufregen
Also machen wir einfach weiter wie immer

Damit nicht die Feinde der Freiheit gewinnen
Sondern alle gemäßigten Kräfte eher die jetzt
In Ruhe ihre Arbeit machen wie es nötig ist
Es gilt nur die Freiheit weiter zu verteidigen
jens tuengerthal 22.12.2016

Donnerstag, 22. Dezember 2016

Gretasophie 003d

003d Ob Glück egoistisch ist

Klar ist Glück egoistisch, es geht ja nur darum, wie es einem geht.

Wer sich Glück wünscht, möchte glücklich sein und es geht ihm genau um seine Befindlichkeit. Doch wer von uns hat nicht schon mal gesagt, wünsch mir mal Glück, dann und dann oder dafür?

Ist wer anderen Glück wünscht darum altruistisch oder geht  es bei solchen Wünschen nur um die gute Stimmung und sie sind eigentlich genauso egoistisch, wie sich selbst Glück zu wünschen?

Um dies zu beantworten, wäre es wichtig, zu verstehen, was damit gemeint ist, wenn jemand einem anderen Glück wünscht. Geht es dabei um das, was die Lateiner noch Fortuna nannten, was außerhalb unseres Einflusses liegt und wo nur, wenn überhaupt, der Aberglaube hilft?

Wer für eine Prüfung gut gelernt hat, ist eigentlich optimal vorbereitet, braucht gute Nerven und kein Glück. Solche Aufgaben sind vernünftig immer lösbar. Dennoch reden wir von Glück und wünschen es anderen vor Klassenarbeiten, Examen oder Vorträgen als ob es je noch darum dabei ginge.

Viel spricht dafür, dass die meisten Glückwünsche genau wie offensichtlich die damit verbundenen Sitten, wie dreimal gegen Holzklopfen, ein Talisman, Daumen drücken und vieles mehr, tief im Aberglauben wurzeln und auch nichts anderes ausdrücken. Es wird ein Ritual vollzogen, was vernünftig betrachtet völlig unsinnig ist, sicher keine Hilfe etwa bei der Lösung logischer mathematischer Aufgaben sein kann und dennoch hoffen sehr, sehr viele Menschen auf diesen Segen, statt ruhig ihrer Vernunft zu vertrauen.

Zum verbreiteten Aberglauben gehört auch das Lesen in Sternen, Karten oder Handlinien, um die Zukunft zu sehen oder die Dinge besser zu verstehen. Nichts davon hat einen vernünftigen Grund oder eine Beziehung zum Menschen als den Aberglauben. Dennoch erhoffen sich viele davon höhere und weitere Einsichten, als wenn sie einfach ihren Verstand benutzten und vernünftig nachdächten.

Unklar ist, ob die Neigung zum Aberglauben mehr am tatsächlichen Mangel des Verstandes bei denjenigen liegt oder aus der Natur jedes Menschen kommt, der Dinge verstehen will, die keinen höheren Grund haben. Seltsam genug versucht ja auch etwa die Astrologie, ein scheinbar logisches und komplexes Gebiet der Berechnungen auf den Aberglauben aufzubauen. Hierin ähnelt sie der Theologie und wird darum auch von ihren Anhängern mindestens ebenso ernst genommen und verteidigt.

Nicht bekannt sind allerdings bisher Scheiterhaufen der Astrologen für Leugner der Astrologie, da diese selten alleinige Staatsreligion war. Umgekehrt ließen sich aber viele hohe Piester, also auch Bischöfe und Päpste von diesem Unsinn leiten. Doch auch im eigentlich vernünftigeren Bereich der Kriegsführung mangelte es nicht an berühmten Gläubigen der Astrologie, von den Pharaonen zu römischen Kaisern bis zum Inkakönig über Wallenstein und mit Ronald Reagan bis in die Gegenwart sogar, ob deren Rar wirkungsvoller als bloßer Zufall oder ein Placebo war, lässt sich nur noch schwer verifizieren.

All diese Menschen glaubten an das Glück, höhere Zusammenhänge und Dinge hinter den Dingen, die jedem vernünftigen Menschen schlicht wahnsinnig vorkommen müssen, kritisch betrachtet und also vernünftig bedacht.

Einer der vernünftigsten, systematischsten und kritischsten Denker war der große Autor der Kritiken, Immanuel Kant. Er schrieb über den Wissenschaftler, Mystiker und Wahrsager Svedenborg seine Schrift, Träume eines Geistersehers, in der er vor dem Wahn der Magie warnt. Dazu gäbe es viel zu sagen, wie auch zu den Grenzen der reinen Vernunft und wo die Metaphysik anfängt in der Begründung der Sitten, doch soll dies weniger noch ein relativ unverständliches Philosophiebuch werden, sondern bloß eine Sammlung von Essays in denen ein eitler Vater gerne seiner fünfzehnjährigen Tochter etwas von der Welt erklären möchte, wie er sie sieht.

Da gehört Kant und seine Kritiken klar dazu aber eben  nur in dem bescheidenen Ausmaß in dem meine geringen geistigen Mittel ermöglichten den Großen aus Königsberg zu verstehen. Diese Frage ist hier besonders wichtig weil es um den übersinnlichen Charakter des Glücks geht, den wir gern mit allem möglichen und unmöglichen Aberglauben auch um den Jahreswechsel pflegen. Wie wichtig ist die reine Vernunft für das Glück? Kann vernünftig glücklich sein oder widerspricht sich das?

Auch meine Eltern, eigentlich vernünftige, aufgeklärt und kritisch denkende Menschen, der Vater gebildeter Naturwissenschaftler, die Mutter eine der belesensten Personen, die ich kenne, pflegen bestimmten Aberglauben, um das Glück zu beschwören.

So wird Silvester Linsensuppe gegessen und Neujahr ein Karpfen, dessen Schuppen mein Vater das ganze Jahr oder zumindest bis er sie verliert, in seinem Geldbeutel mit sich herumträgt, weil diese dafür sorgten, dass derselbe immer gut gefüllt sei. Es werden natürlich auch immer die Daumen gedrückt und mein Vater hat während seines Medizinstudiums in Wien einst von einer Zigeunerin das Handlesen gelernt, behauptete er, tat es natürlich nicht mehr, nach dem mehrfach eintraf, was er prophezeite, weil es gegen sein Verständnis von Freiheit verstieß, was mir sympathisch war und was ich teile. Natürlich ist das nur Aberglauben, vorkritischer Unsinn, der auf bloßen Zufällen beruht. Dennoch war ich dabei lange selbst nicht ganz sicher.

So hatte mein Vater auch wie ich manches mal seherische Träume, die Dinge vorher wussten und andere überraschten. Doch ehrlich gesagt, kommen mir diese Dinge inzwischen eher wie die Twitternachrichten von Lutz Bachmann vor, der aus internen Quellen der Berliner Polizei schon vorher gewusst haben will, dass es sich bei den Attentäter um einen Tunesier handelte, weil er sich gerne wichtig macht und unter dem zunehmenden Bedeutungsverlust leidet, dem dieses möglicherweise Attentat ganz gelegen kam. Ob geheimes Wissen eher verdächtig macht oder nur den Kopf schütteln lässt, möge jeder für sich entscheiden, vernünftig wird es damit nicht und seriös werden vorbestrafte Betrüger auch nicht durch einen behaupteten Draht zur Polizei.

Will damit sagen, Hokuspokus und Magie bleiben immer Unvernünftig, auch wenn ich selbst mal solchen Unsinn mit voller Überzeugung vertrat, meinte, es müsste so sein oder werden und mich dann an der selbsterfüllenden Prophezeiung aufrichtete.

Alle Dinge haben einen Grund, wo es daran fehlt, sollten wir lernen an unserem Wissen lieber zu zweifeln als an der Natur der Dinge. Energie geht nicht verloren und Prozesse verlaufen kausal. Überall im Universum und schon immer. Im kleinsten wie im allergrößten.

Nur weil ich nicht alle Kausalitäten verstehe und übersehen kann, etwa wie chaostheoretisch der Schmetterlingsflügelschlag in Australien das Wetter in Deutschland verändert, muss ich nicht meinen, es müsse darum einen höheren Grund geben, der einem simplen Muster folgt, was ich nun zu verstehen meine und was insbesondere Menschen jenseits aller Vernunft deuten können.

Doch wo bleibt das Glück auf das viele hoffen, sei es beim Spiel, auch um Geld oder in der Liebe, die ebenfalls vielen Faktoren unterliegt von denen wir nie alle kennen und zumindest einige nie beeinflussen können?

Glück ist eben die Hoffnung, durch simple rituelle Handlungen Einfluss auf die große Kausalität zu nehmen, die wir weder überblicken noch verstehen können. Oder ist das nur dummer, naiver Aberglaube und Glück sich von so etwas zu befreien und aufgeklärt, sich voller Gelassenheit am Glück des Lebens zu freuen?

Es kann wohl beides sein, je nach Haltung zum Leben und wie weit jemand über das, was er tut wirklich nachdenkt. Für mich ist Unfreiheit und die Sklaverei der Vorurteile das größte Unglück und genau das steckt für gewöhnlich hinter dem albernen Aberglauben, der sich höheren Mächten unterwirft, die durch ein rituell albernes Verhalten zu allen Zeiten beschworen werden sollten. Für andere, wie etwa auch meine Eltern, ist es eine liebgewordene Gewohnheit, die sie pflegen, auch wenn sie wissen, wie unvernünftig das eigentlich ist.

Wie können beide Sichten auf die Welt, die sich eigentlich diametral entgegenstehen aber miteinander auskommen?

Ganz einfach, indem sie sich sein lassen, was es überhaupt einfacher macht, das Leben zu genießen, wenn wir es nicht ständig für andere verbessern wollen, sondern sie eben auch ihren rituellen Unsinn pflegen lassen, solange wir nicht gezwungen werden, uns daran zu beteiligen.

Angesichts der Gefahr für die Vernunft, die durch wachsenden Aberglauben in der Welt gerade wieder entsteht, was wir an den Kriegen der Islamisten, denen gegen sie und deren Terror als Antwort erkennen können, scheint es mir aber vernünftig, gerade jetzt mal wieder allen Aberglauben so zu nennen und auch auf dieser Ebene gleichzusetzen.

Es ist egal, ob ich aus den Sternen lese, vor der Krippe bete, das Spaghettimonster verehre oder nur Neujahr Karpfen esse, es steht auf einer Ebene, ist der gleiche Aberglaube, auch wenn sich der eine noch Glaube nennt, weil er irgendwann hoheitlich abgesegnet wurde, doch von der Begründung und Anwendung ist es immer das gleiche und vielfach geht es darum, das Glück zu seinen Gunsten zu beschwören irgendwie.

Natürlich wissen wir, dass Bleigießen Blödsinn ist und nichts über die Zukunft verrät. Dennoch wird es ganz üblich betrieben und falls es eintritt auch gerne als Begründung genommen - habe das auch schon oft gemacht, dank der Gnade meines schlechten Gedächtnisses im Bereich des Aberglaubens aber sofort wieder vergessen und kann mich nur an den Vorgang und die vielen Versuche der Deutung noch erinnern.

All dies spirituelle Zeug hat auch etwas zutiefst sexuelles. Darum machen es auch vernünftige Leute und finden es viele so geil. Es erhofft sich mancher dadurch bessere Chancen bei der Verführung oder Glück in der Liebe.

Doch fragte ich ehrlich, was wäre eine Liebe wert, die auf solchen Glück aufbaut, wäre die Antwort meist nur betretenes Schweigen.

Worauf baut eine glückliche Liebe auf?

Genau hier liegt das Problem, wir wissen manches, ahnen einiges, aber so ganz genau und sicher, wissen wir es nicht. Ist es die soziale Passung, sind es Muster der Kindheit, suchen wir unsere Eltern wieder, treiben uns nur die Hormone, also die Chemie zusammen, ist die geistige Idee des Gefühls entscheidend oder eine bunte Mischung von allem, bei dem mal das eine, dann das andere überwiegt?

Ich weiß es nicht und will auch nichts anderes behaupten. Die Wissenschaft, kann selbst, wenn sie was weiß, nur einen Teilbereich beantworten, trifft nie das Ganze der Liebe, zu der eben auch Gefühl gehört und ob das wiederum mehr aus der Erbanlage resultiert oder aus den sozialen Prozessen in denen wir leben, weiß keiner ganz exakt zu sagen. Es spielt sicher alles irgendwie eine Rolle.

Wie Alice im Wunderland am Ende des Rennens so wunderbar emotional gerecht entscheidet, alle haben gewonnen, will auch ich diese Frage beantworten, es hat viele Gründe, alles spielt in der Liebe und beim Glück irgendwie eine Rolle. Wen es glücklich macht, dies mit Aberglauben zu beschwören, der soll das tun, ich mag als Epikuräer gern glückliche Menschen.

Die eher einfach und schlicht denkenden Menschen, wie ich einer bin, sind schon glücklich, wenn sie sehen, alles ist Natur, es gibt nichts außer mir, meine Welt ist auf mich gestellt und ich kann zumindest so tun, als wäre ich frei und es so ausgiebig wie möglich genießen, was für mich das größte Glück ist. Wer es gern mit anderen teilt, sollte ihnen immer das ihre lassen und sich hüten, alles besser zu wissen, wie ich in diesen Essays, die ich aber ja nur schreibe und wie ich nicht immer unbedingt rede. Dann geht es einem vermutlich besser dabei, damit ist das Glück keine Wahrheit und auch kein Zustand größter Reinheit, sondern der bestmögliche irgendwie Kompromiss, mit dem alle leben können. Natürlich ist Glück dabei immer auch egoistisch, selbst wenn ich es anderen wünsche, weil sich mit Glück beschäftigen einfach glücklich machen kann und also auch es zu wünschen, so unsinnig das eigentlich ist.

Wünschte lieber gute Nerven oder Ruhe und Gelassenheit, aber da dies meist eine weitere Erklärung erforderte, die  auch überflüssig ist, wünsche ich auch vielen einfach Glück, weil es sie glücklich macht, mir egal ist, aber glückliche Menschen in der Umgebung mich eben dafür glücklicher machen und was mehr sollte ich wollen.
jens tuengerthal 22.12.2016

Mittwoch, 21. Dezember 2016

Gretasophie 003c

003c Wann bleibe ich glücklich

Glück gibt es als dauerhaften Genuss und als kurzzeitigen Höhepunkt. An Höhepunkte haben wir eine Erinnerung, mehr bleibt selten davon. Der dauerhafte Genuss dagegen kommt, um zu bleiben.

Vielleicht ließe sich der Zustand frisch verliebt und völlig kopflos mit dem Gefühl in einer alten Ehe vergleichen, wo diese von den Beteiligten noch als Glück und nicht nur als Pflicht empfunden wird. Es gibt dann selten nur noch den ganz aufregenden Sex und die wilde Euphorie, beide kennen sich und haben sich aneinander gewöhnt, wissen aber auch genau das zu schätzen.

Etwas wertschätzen können, ist der Schlüssel zum dauerhaften Glück,  denke ich, sowohl in so kompliziert komplexen Dingen wie einer Partnerschaft, als auch in nahezu allen Fragen des glücklichen Lebens. So ist es bei der Dauer wie beim Weg zum Glück, es kommt auf unsere Haltung zum Glück an.

Glücklich bleibt eher, wessen Glück nicht nur an einer Sache hängt, sondern wer sich an viel erfreuen kann. Die Sache kann auch eine Person oder ein Zustand sein. Bei Personen kann die Vielfalt des Glücks manchmal zu Schwierigkeiten führen, weil einige es nur für sich haben wollen und für unteilbar halten. Besonders in Fragen der Liebe und des Sex ist diese Sicht relativ weit verbreitet, ohne damit logisch richtiger zu werden oder mehr Glück zu bringen.

Im Leistungssport sind solche beliebt, die all ihre Kraft auf den einen Sieg setzen, wie etwa der mal wieder Weltfußballer Ronaldo, der enttäuscht ist, wenn er nicht der schönste und beste der Welt ist und der seine Eitelkeit mit großer Geste pflegt, was die einen lästern lässt, während die anderen ins Schwärmen geraten. So sehen wir es auch in der Formel 1, warum einer, der gehen kann, wenn er ganz oben steht, wie es Rosberg tat, um so mehr Bewunderung verdient, weil Leben und Glück eben mehr ist, als ein Auto möglichst schnell im Kreis zu fahren.

Die Bayern sind Deutschlands beliebteste und meistgehasste Mannschaft, weil sie die meisten Titel gewinnen, bis auf wenige Ausnahmen, das beste Team haben und am reichsten sind. Hier verbindet sich die Euphorie des Glücks über den Sieg im Sport mit einem relativ dauerhaften Glück. So müssen sich Bayernfans seltener über Niederlagen ärgern, erleben aber auch nicht die emotionale Aufregung der Fans von Werder, HSV oder BVB, die zwischen Untergang und großen Siegen oder gerade noch gerettet schwanken. Die Bayern sind für Fußballfans eine relativ sichere Bank. Wie jemand, der auf Bundesanleihen als Wertpapier setzt, weniger spekulieren möchte, als die Kontinuität liebt.

Viele die heiraten, tun dies in der Hoffnung auf dauerhaftes Glück. Ob diese Hoffnung sich je erfüllen kann oder die Ehe schon von ihrer Natur her dagegen spricht, braucht hier nicht, diskutiert zu werden. Es gibt welche, die, aus welchen Gründen auch immer, in der Ehe dauerhaftes Glück finden und viele verfolgen diese Absicht bei der Eheschließung.

Vermutlich sind die glücklichsten Ehen jene mit der geringsten Erwartung aneinander, an das eheliche Glück und das eigene darin. Dagegen sprechen viele, deren Ehen scheiterten von den enttäuschten Erwartungen, die sich nicht miteinander erfüllten. Vertrete seit längerem die Überzeugung, dass Erwartungen immer der Tod der Liebe sind und frage mich gerade, ob sich dies hier bestätigt oder die Liebe immer auch eine Erwartung hat in der Hoffnung auf Erfüllung und von daher was teilweise nicht stimmte, eigentlich gar nicht stimmt.

Voller Erwartungen in die Liebe gehen, kann nur zu Enttäuschungen führen und alle Erfahrung bestätigt das, da kein Mensch die Erwartungen eines anderen, die nur in seinem Kopf sind, erfüllen kann. Wer sich ein bestimmtes Bild von einem anderen macht, wird dies nie erfüllt finden, sondern immer entweder positiv überrascht oder eher häufiger enttäuscht werden. Je höher die Erwartung, desto wahrscheinlicher ist auch die Enttäuschung und je geringer, umso eher kann sie positiv übertroffen werden.

So werden alle, die weitgehend ohne Absicht oder Erwartung in die Liebe gehen, viel höhere Chancen haben, darin ihr Glück zu finden, als jene, die ein festes Ziel dabei verfolgen. Genauso ging es mir bisher immer, wenn ich ohne jede Absicht im Café saß, war die Wahrscheinlichkeit am höchsten, dort eine Frau kennenzulernen. Wenn ich dagegen mit dem Wunsch jemanden kennenzulernen irgendwohin ging, mir die Bedürftigkeit schon aus den Augen tropfte, konnte ich sicher sein, nie jemanden zufällig kennenzulernen.

Beim Onlinedating, bei dem sich die Suchenden zuvor schon virtuell auf Interesse abtasteten, wäre es nach der Natur vermutlich genauso, doch sind vermutlich beide eigentlich so beschämt, dass sie sich nur darüber treffen konnten, dass sie eine Art Solidargemeinschaft bilden, welche dann doch wieder eine Annäherung trotz Absicht dazu ermöglicht.

Nicht scheint abschreckender in Liebe und Lust als diejenigen, die was wollen, denen nur ausnahmsweise Gnade gewährt wird, wenn das gegenseitige Bedürfnis eine Gemeinschaft aus eigentlich Scham bildet. Daraus sind die ungeschriebenen Regeln vieler Frauen beim Onlinedating entstanden, nie mit einem Mann beim ersten mal ins Bett zu gehen, was noch den Anschein anderer Absichten aufrecht erhält und scheinbar den eigenen Wert erhöht.

Nach meiner bescheidenen Erfahrung jedoch, hat warten nie gelohnt, auch wenn ich es zu oft tat, weill, wenn es passt, das Bedürfnis natürlich da sein sollte und wo nicht, weitere Versuche ohnehin entbehrlich sind. Eine Frau, die keine eigene Lust hat, sondern nur konformen Spielregeln gehorcht, lässt auch beim 10. mal nicht mehr erwarten und wird kaum je voller Leidenschaft über sich hinaus wachsen. Warten ist also eigentlich entbehrlich beim Onlinedating. Wer es will, will etwas anderes und spielt lieber als der Natur zu folgen, die er für sich vermutlich kaum mit echter Leidenschaft kennt, warum die Ersatzformeln so willig befolgt werden.

Wie oft habe ich inzwischen diese ein wenig peinlichen Paare beobachtet, die sich in netter Konversation versuchen und nichts ist leichter, als mit einer Frau zu flirten, die sich online datete und sich aber wie so viele eigentlich dafür ein wenig schämt. Habe es nur wenige male getan und dabei festgestellt, es gibt schon Gründe, warum manche sich lieber virtuell vorstellen - jedoch fällt die sonst formelle Hemmschwelle beim realen Kennenlernen einfach weg, dann gibt es keine Verabredung der Frauen nie beim ersten mal mehr, sondern die gleiche Frau, die ihr online Date tagelang warten lässt, verschwindet mit den zufälligen Typen aus der Bar noch in der ersten Nacht zueinander und plauscht mit anderen Frauen dann darüber, was es bei dem oder dem zum Frühstück gibt. Der Genießer schweigt lieber.

Wer also den schnellen Kick und das kurze Glück sucht, schmeißt sich am besten an einen Teil eines Online-Dates heran, was nicht ganz fair eigentlich ist, aber wo ist die Natur schon gerecht und wer es tut, muss mit der Realität wieder leben lernen, gut, wenn es so schnell geht. Es siegt in der Natur ganz natürlich derjenige, der seine Vorteile nutzt und auslebt. Das Spiel nennen wir sonst Evolution, die ja auch beim Geschlechtsakt eine gewisse Rolle spielt.

Das Spiel der Verzögerung ist bei vielen, eigentlich nahezu allen Frauen zu beobachten und Männer mögen es scheinbar auch. Eine, die sich schnell hingibt und uns sagt, was sie will, bevor wir uns darum überhaupt mit Erobererabsicht bemüht haben, schreckt uns ab. Zum einen weil Männer eben auch von der Evolution simpel gestrickte Tiere sind, die einfach nach Schema funktionieren, besonders, wenn der Trieb auch im Spiel ist, zum anderen weil jeder Markt nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage funktioniert.

Was breitbeinig vor uns liegt und darum winselt, ist keine Eroberung mehr. Die sich wehren, können so hässlich sein wie die Nacht, wenn sie sich nur geschickt zieren, werden sie durch die bloße Show zum reizvollen Ziel nahezu aller Männer. Es geht also nicht um ästhetische Maßstäbe dabei, auch nur scheinbar um Gefühl, was zur Realisierung logisch dauert, so wenig wie hehre ethische Maßstäbe dabei noch griffen, sondern schlicht um evolutionäres Marketing.

Aber jenseits der schlichten Begattung und dem Balzverhalten, mit dem sich mehr oder weniger erwachsene Zweibeiner immer begegnen, fragt sich, ob es auch beim Glück und der Frage seiner Dauer dies dialektische Element gibt.

Wer allein ist, träumt  stets von der Zweisamkeit
Die in der Ehe leiden, wünschten mehr Einsamkeit

Können wir das eingetretene Glück wirklich schätzen oder braucht es immer mehr der Sehnsucht nach diesem, um es reizvoll und erstrebenswert zu halten?

Wenn Glück wirklich dialektisch ist, inwieweit kann es dann, seiner Natur nach von Dauer sein?

Was immer auch den Gegensatz braucht, um sich gewürdigt zu fühlen, bleibt auf Dauer nur bei hohem Seegang.

Im Gegensatz dazu steht, was Lukrez als Glück mit einem Brot, einem Käse und etwas Wasser und Wein beschreibt. Dabei geht es um die Freude am bescheidenen Glück, das auf Dauer ohne große Bewegung, kommt um zu bleiben.

Was wer sucht, scheint je nach Typ unterschiedlich. Dies aber auch nicht absolut sondern meist in irgendwie Mischformen. Der eine braucht in einer Beziehung die ständige Spannung und das auf und ab, um sein Glück zu spüren. Andere, wie ich zum Beispiel haben es da lieber ruhiger und suchen die Abwechslung lieber geistig. Manchmal ziehen sich auch Gegensätze an, meist aber ist es schwierig, solche auf Dauer zu vereinbaren.

Aber so wenig es dafür eine Regel gibt, so sehr hilft uns die Natur dabei, wenn wir bei uns bleiben. Mit sich dabei in Harmonie zu sein, hilft, glücklich zu bleiben. Wer dauerhaftes Glück erstrebt, ist gut beraten, sich darüber klar zu werden.

Wie wir am ehesten auf Dauer glücklich bleiben, hängt also davon ab, ob uns in dieser Frage eher die Abwechslung oder die Ruhe und Kontinuität liegt. Wobei Kontinuität auch im ständigen Wechsel liegen kann. Ob bei denen, die stets Wechsel brauchen, Glück von Dauer sein kann, weil sie immer die Wogen des Gegenteils brauchen, um ihr Glück spüren zu können, in der schlichten Ruhe nichts spüren.

Dabei seiner natürlichen Lust zu folgen, würden die Epikuräer empfehlen, auch wenn sowohl Lukrez wie der Meister Epikur sich für das kleine Glück als großes aus der ruhigen Haltung zu den Dingen aussprächen. Genau das läge auch mir eher, als sich in die Wogen zu stürzen mit dann meist ungewissem Ausgang.

Ein Brot und ein Käse, ein wenig Wasser und Wein mit einem Garten voller Freunde, was braucht es mehr zum Glück? Auch wenn ehrlich gesagt eine gut bestückte Bibliothek für mich jeden Garten ersetzt.

Vielleicht ist es so, wie Cicero einst sagte, wenn du einen Garten hast und dazu eine Bibliothek, wird es dir an nichts fehlen. Auch wenn der eher gläubige Cicero mit Lukrez, der sein Zeitgenosse war, nicht immer einer Meinung war, könnte er doch der Herausgeber seiner Schriften gewesen sein, insbesondere des de rerum natura, Von den Dingen der Natur, was schon für eine vielleicht nicht öffentlich gemachte Nähe der beiden spricht, wie sie in diesem Zitat anklingt - warum sonst sollte Lukrez einem Gegner die Herausgabe seiner Schriften anvertrauen?

Den Garten überlasse ich gerne denen, die es lieben mit den Händen im Grünen zu wühlen und bin ansonsten mit meiner Bibliothek vollkommen zufrieden. Das Leben ist schön, wenn wir es genießen wollen. Es zu tun, würdigt, was ist, nur angemessen.
jens tuengerthal 21.12.2016

Gretasophie 003b

003b Wie werde ich glücklich

Auf die Frage, wie ich glücklich werde, gibt es eine ganz einfache Antwort, indem ich es bin.

Mehr ist es nicht und mehr wird es auch nie als eine Haltung zu den Dingen, die unser Glück ausmachen.

Also sollte es doch eigentlich ganz einfach sein, glücklich zu werden, in dem wir uns an dem freuen, was uns glücklich macht. Doch wäre es vermutlich nicht menschlich, wenn sich dem nicht wieder viele Dinge entgegenstellten.

Bauen wir uns Hindernisse zum Glück, um nicht glücklich zu sein?

So wir unser Glück an Dinge knüpfen, die wir nicht beeinflussen können, liegt es nicht mehr in unserer Hand, ob wir glücklich werden. Dann überlassen wir es denen, die darüber entscheiden können oder noch komplizierter, wir überlassen es dem Zufall, ob wir uns für glücklich halten oder nicht.

Eigentlich ist es völlig unsinnig, sein Glück an einen bloßen Zufall zu hängen oder auf diesen zu vertrauen. Dennoch spielen Millionen Menschen Glücksspiele oder Lotto, bei denen sie viel Geld für den möglichen Eintritt eines von aller Vernunft unabhängigen Ereignisses einsetzen. Das daran geknüpfte Glück hängt dabei nicht von ihrem Willen ab.

Wer sich der Möglichkeit beraubt, selbst über sein Glück zu entscheiden, hat damit sein Glück aus der Hand gegeben. Solche Menschen können nur trotzdem glücklich sein, weil sie das zufällige Glück ignorieren oder sich durch nichts unglücklich machen lassen.

Mit etwas Abstand in Ruhe betrachtet aber, wird deutlich, warum so wenige Menschen glücklich werden und dafür so viele an ihrem Unglück leiden, auf das sie keinen Einfluss mehr nehmen können. Sie haben keine Chance von sich aus glücklich zu werden, außer sie ändern ihre Haltung zum Leben und zu sich.

Wer durch den Zufall glücklich wird, sei es im Spiel oder im Leben, macht sich von diesem für seine Zufriedenheit abhängig. Sein Befinden ist damit nicht mehr von seiner Haltung zum Leben abhängig, sondern wird nur von Ereignissen außerhalb seines Einflussbereiches entschieden.

Dass es viele oder mancherorts auch fast alle Menschen so machen, führt nicht dazu, dass ein falsches Verhalten damit richtiger wird und wer mit dem Strom schwimmt, glücklicher ist. Leichter haben es sicher immer diejenigen, die sich gut anpassen können und sich unauffällig in der Masse treiben lassen.

Wer selbst denkt und sich ernsthaft fragt, was macht mich dauerhaft glücklich und wie werde ich es überhaupt, hat es schwerer als jene, die ihr Glücksempfinden an der Mehrheit ausrichten.

Welchen Grund könnte es geben, es sich bei der Frage nach dem Glück, schwerer zu machen als die meisten anderen?

Wer sich die Frage stellt, ist sich schon des relativen Charakters allen Glücks bewusst und wird damit den folgenden Fragen ohnehin nicht mehr entkommen. Wenn aber etwas ist, und sei es nur als Idee in unserem Bewusstsein, stellt sich nicht mehr die Frage, wie werde ich es los, sondern wie werde ich, mit dem was ist, glücklich.

Betrachte ich die Erfolgsquote des Zufalls und die Abhängigkeit seines Eintritts von Dingen außer mir, relativiert sich die Schwere der Fragen gemessen am möglichen Erfolg. Ob ein zufälliges Glück eintritt, ist zwar mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit berechenbar, doch, egal wie ich mich nun verhalte, nicht beeinflussbar.

Dagegen ist die Haltung zum Leben eine Frage derselben und kein Zufall mehr. Unabhängig von dem, was ohne meinen  Einfluss geschieht, kann ich so eine Position finden, die mich möglichst glücklich macht.

Was in meiner Hand liegt und mich unabhängig vom Zufall macht, verspricht Dauer und einen vernünftigen Weg zum Glück. So komme ich, gegen das Verhalten der Mehrheit und deren Meinung zu dem Schluss, dass wie glücklich ich bin, allein von meiner Haltung abhängt, was ich ja schon oben feststellte, dass Glück also machbar ist, wenn ich es will.

Wenn ich nun weiß, es kommt auf meine Haltung an, fragt sich, welche mich am ehesten glücklich macht, welche Dauer verspricht und welche das Glück am längsten noch hält. Über die letzten beiden Punkte will ich in eigenem Kapitel jeweils nachdenken, weil ich sie für ziemlich wichtig halte auf dem Weg zum Glück durch die Zeit.

Auf die Frage, was wen glücklich macht, habe ich keine Antwort für alle. Jeder kann sich selbst aussuchen, woran er sich freuen will und wie er seinen Alltag so gestaltet, sein Glück möglichst intensiv zu genießen.

Wichtig dabei scheint mir, das Leben als einen Prozess zu begreifen, der sich ständig ändert und der an sich erstmal, egal was ist, keinen bestimmten Wert und kein konkretes Ziel hat, sondern diesen von uns bekommt, je nachdem, wie wir es betrachten.

Wer Cluburlaub mit Party-Spaß und Unterhaltung bucht, wird mit einer stillen, abgelegenen, einfachen Pension, die nichts bietet als himmlische Ruhe, selten glücklich werden. Umgekehrt wird, wer seine Ruhe möchte, kaum einen solchen Spaß-Urlaub buchen wollen.

Wer in der Großstadt lebt, sich aber eigentlich mehr nach dem ruhigen Landleben sehnt, wird es schwerer haben mit dem glücklich zu sein, was um ihn ist.

Diejenigen, die klassische Konzerte lieben, werden sich seltener für Rockkonzerte begeistern, während umgekehrt alle, die es eher hart und wild mögen, sich in einem typischen klassischen Konzert langweilen werden.

Unsere jeweilige Leidenschaft für etwas, können wir noch mit unserer Haltung dazu gut beeinflussen - so mag ich beides jeweils zu seiner Zeit und am richtigen Ort, freue mich aber auch an gelegentlichen Überschneidungen, wenn etwa im Keller der Bar nebenan plötzlich eine Geige oder ein Cello erklingen, statt der sonst E-Gitarren und des immer Schlagzeugs.

Dieses Crossover gibt es auch im Bereich der Klassik, wenn etwa die Cellisten der Berliner Symphoniker, Songs von Rockgrößen spielen oder ein Opernstar einfach mal Schlager singt und viele mögen das gern, wenn sich sonst getrennte Bereiche ausnahmsweise mischen, wie sich etwa auch an der Ausgelassenheit bei der Last Night of the Proms in London jedes Jahr wieder zeigt, in denen die Besucher der Promenadenkonzerte und viele andere mehr oder weniger illustre Gäste eine Party feiern, die mit vielen Gebieten von Klassik bis Moderne spielt.

Auch ganz eigentlich Grässliches kann Kultcharakter entwickeln, wie etwa Florence Foster Jenkins, die wirklich nicht singen konnte, deren teuer produizierte Aufnahmen aber Kultcharakter inzwischen haben.

Es ist ziemlich bunt und vielfältig, was Menschen um die Welt so schön finden und sich schmecken lassen - wer noch nie tibetischen Yak-Tee getrunken hat, dem wird beim ersten Schluck dieses nach ranziger Butter schmeckenden Gesöffs speiübel werden, während es für viele Mönche und andere ein Hochgenuss und das beste Heilmittel ist.

Ist es leichter, glücklich zu sein, wenn wir an allem neugierig etwas finden können oder lieber in dem Rahmen bleiben, den wir für gut befunden haben?

Ist eine Abweichung ein Glück oder ein Unglück?

Manche lieben Überraschungen und brauchen das ständige emotionale auf und ab, um sich zu spüren. Andere haben lieber Sicherheit und Kontinuität, um glücklich zu sein. Insofern ist Glück wohl auch einfach Geschmackssache.

Jedoch können wir je nachdem, für was wir uns entscheiden, unterschiedlich viel Einfluss auf diesen Zustand nehmen und unser Leben danach selbst bestimmen, sind also frei, während alle, die auf Überraschungen setzen, immer von diesen abhängig sind und unberechenbar bleiben, ihr Glück ist dann zufällig.

Schaue ich mir diese Argumentation bis hierher an, könnte es scheinen, als mache nur die langweilige  Berechenbarkeit glücklich während Spontaneität eher Gefahr liefe, unglücklich zu machen, weil sie unberechenbar ist.

Dabei sind es doch so oft gerade die spontanen Aktionen, die so schön sind und die dann überraschend zum Genuß werden, gerade da, wo wir es am wenigsten erwarten. Immer der gleiche Rhythmus erscheint dagegen den meisten eher ermüdend, auch wenn er die größte Garantie für eine Kontinuität des Glücks gäbe, dächten wir es konsequent.

Habe die ziemlich starke Vermutung, dass es, wie immer, nur um den goldenen Mittelweg geht, der sich irgendwo dazwischen befindet. Einen Plan haben und diesem folgen, gibt Sicherheit und kann insofern auch glücklich machen. Mit allen Plänen auch mal brechen können, um das Glück des Augenblicks zu genießen, ist ein Weg zu großem Glück in diesen oft gut erinnerten Ausnahmefällen.

Kommt es also auf die Ausnahme oder die Regel eher an bei der Suche nach Glück, wenn wir schon feststellten, dass Glück hauptsächlich eine Frage der Haltung ist?

Für mich wird es immer die Sicherheit im Plan sein, die eine Ausnahme auch zulässt, um sie zu genießen. Andere leben gern den permanenten Ausnahmezustand, frage mich dann immer, wie sie das genießen können und was für sie dauerhaftes Glück ist, aber vielleicht ist das auch einfach nie ein Kriterium für solche Menschen.

Spannender ist die Frage, wie Menschen ihre jeweiligen Wege zum Glück miteinander vereinen können. Wer immer etwas machen will und Überraschungen liebt, wird sich mit denen, die lieber in der Ruhe selbst bestimmen, was sie glücklich macht, auf Dauer nur schwer verstehen können. Den einen ist die Ruhe zu langweilig, dem anderen wiederum die Unruhe zu unruhig.

Vereinen müssen sich zwei Wege, wenn zwei meinen, sich zu lieben und ein Leben teilen wollen. Ob das geht und was dabei Glück ausmacht, ist eines der größten Rätsel bei der Suche nach dem Glück, wie überhaupt in der Liebe zugleich gesteuertes und zufälliges oder zumindest von uns unabhängiges Glück zusammenkommen, um für uns, wenn wir sie gefunden zu haben meinen, das schönste Glück zu sein.

Liebe ist ziemlich komplex, die natürliche und durch Hormone gesteuerte Anziehung mischt sich mit geistigen Wünschen, Träumen und Ansprüchen, die wir gern als Hoffnungen verklären. Wer sie schon mal glücklich verliebt hat, wird nichts mehr für höher halten. Dagegen weiß jeder, der richtigen Liebeskummer schon hatte, wie verflucht unglücklich und hässlich sie das Leben auch machen kann.

Mit Liebeskummer scheint alles grau und grässlich, während die Welt verliebt bei jedem Wetter himmelblau und zauberhaft uns vorkommt. Beides entspricht natürlich nicht der Realität sondern ist eine Vorspiegelung unseres jeweiligen Zustandes, der uns die Wirklichkeit eben so oder so wahrnehmen lässt.

Verliebt sein macht glücklich. Liebeskummer macht umgekehrt unglücklich. Dennoch hängt das Eintreten des einen oder anderen nicht nur in unserer Hand sondern eben auch vom Zufall und einem anderen ab, auf den wir nur bedingt Einfluss überhaupt je haben. So gesehen ist Liebe eigentlich nie geeignet auf Dauer glücklich zu machen, vor allem ist es nichts, auf das wir irgendwie sinnvoll dabei Einfluss nehmen könnten, weil es eben um ein irrationales Gefühl geht, was wir für das größte Glück des Lebens halten und unser von der Natur darauf getrimmter Körper uns dies auch gehörig noch vorspielt.

Um die Kontinuität in der Liebe zu gewährleisten, gibt es Institute wie die Ehe und die Kirchen, die Scheidung als Sünde bezeichnen. Doch wirkt jeder Zwang in der Liebe eigentlich kontraproduktiv, ist die erzwungene Liebe wertlos und der staatliche Rechtstitel eines Ehepaares eigentlich nur der Beweis dafür, dass die Liebe allein nicht stark genug war, ein Leben ohne Sicherheitsgurt miteinander zu teilen.

Liebe und Glück philosophisch und vernünftig zu betrachten, scheint mir ziemlich kompliziert und oft fern der Realität.

Mein Großvater sagte gerne, wenn es soweit ist, sitzt das Hirn im Hintern und hilft schieben. Dieser Spruch wurde zum geflügelten Wort in meiner Familie für alle völlig unvernünftigen Entscheidungen aus Liebe oder Trieb, wenn wir das denn wirklich unterscheiden können und wollen.

Wir handeln, wenn wir lieben, gern unvernünftig und tun vieles, was uns nicht gut tut, aber dennoch wunderbar erscheint. Manches bereuen wir, wenn die Liebe doch nicht hält, was sie verspricht, anderes wird, so es in seltenen Fällen hält, zur romantischen Sage einer Liebe. Vernünftig wird es dadurch nicht, aber solange es Teil des bestehenden Glücks ist, wird uns das egal sein.

Insofern wir mit denen, die wir lieben, viel Zeit verbringen, ist das Glück in der Liebe schon entscheidend für unser Glück oft und das obwohl es von so vielen dummen Zufällen und Launen abhängt, fern aller Vernunft steht, nur zu einem kleinen Teil Produkt unseres Verhaltens ist.

Ob das heute gut so ist, wäre der Frage wert. Montaigne war verheiratet, liebte seine Frau auch, aber schrieb in manchem auch über sie wie Sokrates über die seine, wenn auch mit mehr französischem Charme und überließ ihr weitgehend die Führung seiner Güter, die ihn  nicht sonderlich interessierte. Doch er hatte Geliebte liebte die Frauen, die Lust und die Liebe mit Leidenschaft. In der Ehe fand er jedoch, auch da ganz Kind seiner Zeit der Renaissance, habe die Leidenschaft weniger zu suchen, so habe der eheliche Beischlaf eher eine Pflichtübung als ein Lustakt zu sein.

Auch wenn ich Montaigne sonst sehr schätze, könnte ich mir das schwer vorstellen - eine Ehe in der Sex und Lust nur Pflicht sind, scheint mir noch überflüssiger. Aber vielleicht ist dieser Gedanke dennoch relativ weise, weil er die Ehe und den ehelichen Beischlaf, der als Vollzug der Ehe ein Recht der Partner war, auch wenn dieses nicht mehr einklagbar ist, als das offenbart, was es ist, eine schlicht reizlose Pflichtübung ohne Leidenschaft schon aus ihrer Konstruktion heraus, was so gerne geleugnet wird, aber nur weiß, wer die Lust kennenlernte.

Diese Fehlkonstruktion kann heute die Liebe als Heiratsgrund manchmal eine zeitlang auffangen, doch auch das nur bedingt erfolgreich und selten auf Dauer, die verordnete und legitime Lust ist eben flüchtig, sie bleibt nur theoretisch. Warum sich noch mehr Frauen als Männer der Illusion hingeben die Ehe sei etwas wunderbares und ein Lebensziel, kann ich nur rätseln. Vermute aber es hängt mit einer ohnehin unbefriedigten oder unentdeckten Sexualität zusammen, die dann im Umkehrschluss mit der so gewonnenen Sicherheit aufgerechnet wird. Kurz gesagt, wenn sie schon Sex haben müssen, dann wollen sie zumindest Sicherheit dafür erkaufen. Warum Männer heiraten wollen, wird mir immer mehr ein Rätsel heute.

Dennoch und wider alle Vernunft, wollte auch ich immer wieder, wenn ich verliebt war, heiraten und das gerne auch ganz romantisch, weil ich eben ein Romantiker bin und auch auf die nur durchschnittlichen und ewig imitierten Muster der Liebe hereinfalle. Es war dann immer der Traum vom Glück für mich und ich habe mich diesem Traum folgend auch dreimal verlobt, obwohl oder vielleicht gerade weil manche nüchtern betrachteten Tatsachen eigentlich gegen den Erfolg dieses ewig erhofften Glücks sprachen.

Insofern kann ich meinem Grotepater genannten Großvater nur Recht geben, im richtigen Moment, dachte ich nicht mehr vernünftig kritisch sondern ließ mich vom Gefühl wie in anderen Fällen vom bloßen Trieb zu unsinnigen Dingen treiben. Dabei habe ich es immer ernst gemeint und genau so gewollt, dachte es wäre auch vernünftig der Liebe durch das Versprechen der Ehe Dauer oder so etwas wie Ewigkeit zu geben.

Weiß nicht, ob dieses eigentlich unvernünftige Verhalten Folge der Triebe ist, also das Hirn im Hintern sitzt und schieben hilft, weil ich einen dauerhaften Sexualpartner sichern will oder auf den schönsten Sex hoffte, mich fortpflanzen noch möchte, was ich bei Bewusstsein als Grund alles abwegig fände, oder erlernt aus der Familie ist, in deren Tradition ich auch stehe, weil Familie und ihre Gründung für mich von Kindheit an ein Wert war, den ich weitergeben wollte.

Dazu kommt noch diese etwas unklare Vermischung von Gefühl und Trieb in der Liebe. Wir neigen dazu die Liebe heilig zu sprechen und der Lust nur eine Nebenrolle zu geben, auch wenn es in der Bedeutung für ein glückliches Zusammensein durchaus auch umgekehrt sein könnte. Sie sind durchaus trennbar, was gut funktionieren kann, wie Millionen Männer beweisen, die Hure besuchen, dafür Unsummen bezahlen und anschließend mit schlechtem Gewissen heimlich nach Hause kommen und den braven Gatten geben. Es kann nur diese Dialektik sein, die Männer dazu treibt, zu hoffen bei Huren Erfüllung und Spaß zu finden, bei etwas, was eigentlich nur geteilt schön sein kann und nicht gekauft. Vernünftig bedacht, wüsste es jeder und ließe es besser, dennoch haben Huren und ihre Existenz vermutlich mehr Ehen gerettet als alle Paarberater.

Die Liebe als das große Glück im Leben ist zugleich das komplizierteste, weil wir uns meist völlig unvernünftig verhalten, es von zweien und von vielen Zufällen abhängt, so flüchtig ist wie hinfällig und dem wir durch die Formen nur einen Rahmen geben, der weniger mit dem Gefühl zu tun hat als unserer Angst vor der Freiheit. Es gibt gute Gründe der Liebe gegenüber misstrauisch zu sein, was das Glück angeht und Montaigne hat wie Lukrez und auch Epikur völlig Recht, wenn sie vor zu großer Leidenschaft warnen, auch wenn letztere nun gerade keine Stoiker waren, sondern das Streben nach Lust ja gerade gut hießen, wie Montaigne im übrigen auch, der so gern von sich sagte, wie sehr er es liebe den Menschen gegenüber, denen das Wort Lust so zuwider ist, es bis zum Überdruß zu widerholen.

Wo Liebe und Lust sich finden, ist es ein Glück und sollte genossen werden, denke ich, wo nicht, sollten wir uns fragen, warum wir es verlängern oder diesem durch Heirat noch Dauer geben wollen, außer die übrigen Komponenten, die uns glücklich machen, wiegen so schwer, dass wir die Lust darüber vergessen können - leider ist es in den meisten Fällen der Eheschließung umgekehrt und baut dabei auf immer Illusionen. Die Menschen heiraten aus lauter Verliebtheit, halten den Verlust an Lust für verschmerzbar, die werden schon kommen oder wiederkehren, bis sie merken, dass der Lustverlust eine natürliche Folge der Ehe ist, dann ist es entweder zu spät und Scheidung zu teuer, dann setzen sie eben scheinbar andere Prioritäten oder lassen sich heute wieder scheiden, ohne dabei vernünftig nachzudenken, ob da nicht ein Zusammenhang zwischen Lustverlust und formaler Verbindung bestehen könnte, der relativ logisch ist und wie sie diesen umgehen könnten durch fremde oder neue Lust.

Trotzdem werden viele Menschen weiter von Ehe und Familie träumen und sich das dauerhafte Glück erhoffen und je niedriger die Ansprüche dabei, desto höher sind die Chancen, spät aus dieser Illusion zu erwachen.

So hat es etwa bei meiner Großmutter bis über das 80. Lebensjahr gedauert, als mein Großvater schließlich mit 87 verstarb, fand sie leider die Briefe, die der Trottel nicht vernichtete und die er an seine Geliebte vor 30 Jahren geschrieben hatte, die noch dazu seine Sekretärin war und ihn also fast so häufig sah wie sie ihren geliebten Gatten. Damit brach das große Liebesglück das beide über 50 Jahre nach außen hin zelebriert hatten für sie zusammen und sie verfiel für eine Zeit in Depressionen, bis sie irgendwann die Demenz daraus wieder gnädig befreite.

War es ein Glück für sie noch die Wahrheit vor ihrem Tod in Sachen der Liebe erfahren zu haben?

Ich glaube nicht, besser hätte er die Briefe noch vernichtet, statt sie ihr zuzumuten. Glaube wirklich, dass die beiden sich sehr geliebt haben, auch wenn er eine Liaison mit seiner Sekretärin hatte. So etwas kommt in den besten Familien vor und hat schon manche Ehe gerettet.

Ihr Wissen hat sie nicht glücklicher gemacht als die Illusion mit der sie gelebt hatte bis über 80 und mit der sie auch noch das nächste dutzend Jahre, die ihr noch blieben gut überstanden hätte. Um so dementer sie wurde und dies Unglück wieder vergaß, desto mehr  sprach sie wieder von ihrer glücklichen Ehe und ihrem wunderbaren Mann.

So leben wir wohl mit manchen Illusionen gerne, so lange wir uns glücklich fühlen und gerade in der Liebe fragt sich, was soll Illusion und was Wahrheit überhaupt sein.

Bin meinem Großvater genetisch sehr nah verwandt glaube ich. Wollte ich es böse sagen, hieße das, ich habe keine meiner Beziehungen nicht irgendwann mit einer anderen mal, wenn mich die Lust trieb, betrogen, formuliere ich es verständnisvoller und dem Leben näher, sagte ich, mancher Irrweg hat schon meinen Beziehungen mehr Dauer gegeben.

Damit habe ich meine jeweils Frauen nicht weniger geliebt, vielleicht war ich ihnen innerlich sogar treuer und verständnisvoller dadurch, als ich es ohne Geliebte je gewesen wäre. Karl Kraus hat einmal gesagt, wer seine Geliebte auch Geliebte nenne, müsse den Mut haben, seine Frau Ungeliebte zu nennen.  Das halte ich für dummes Zeug. Es gibt verschiedene Ebenen der Anziehung und Liebe und nicht jede passt in jedem Moment in allem und dennoch ist es ganz natürlich und gut, auch seiner Natur zu folgen, es muss nur bei beiden, wenn sie ein Paar bleiben wollen, mit Würde und Achtung geschehen und der Rest sollte Schweigen sein.

Aber bevor ich nun weiter in der Liebe und den Formen der Beziehung als Weg zum Glück ausschweife, ein wirklich zu weites Feld und unendliches Kapitel, wie es ja auch die liebe Effie Briest erfahren musste, zu der ihr Vater immer diesen Spruch sagte und auch Toni Buddenbrook ist da ihre Wege weit gegangen, komme ich lieber endlich zum Schluss für heute. Auch die Liebe kann ein Glück sein, es ist meist ziemlich kompliziert, was wohl in unserer Natur liegt, warum glücklich ist, wer es gelassen zu genießen lernt, statt gegen seine Natur zu kämpfen, die doch immer ist, wie sie eben ist.
jens tuengerthal 20.12.2016

Montag, 19. Dezember 2016

Gretasophie 003a

003a Was ist Glück überhaupt

Glück ist so vielschichtig wie der Mensch, als Erfüllung und Ziel menschlichen Strebens und Wünschens, ist es so bunt wie die Menschheit. Es kann ekstatisch und orgiastisch sein oder friedlich und ruhig, sogar für den gleichen Menschen, kann es im Laufe seines Lebens ganz unterschiedliches sein. Manche halten es für eine Wendung des Schicksals, die sie dann sogar höheren Mächten zuschreiben, denen sie dann für ihr jeweiliges Glück danken. Oft wird Glück als eine zufällige Wendung gesehen, die eben am Zufall oder dem geglaubten Schicksal  hänge.

Viele meinen Glück, sei nicht von Dauer sondern immer nur ein glücklicher Moment wie ein Höhepunkt, der Gipfel eines Lebens, der durch harte Arbeit erklommen wird und dann doch letztlich nicht mehr vom Willen des so Beglückten abhängt. Für sie ist Glück der Augenblick, den wir schätzen und von dem Goethe noch sagte, er sei so schön und darum hoffte, er möge doch verweilen.

In die amerikanische Verfassung hat das Streben nach Glück dank Thomas Jefferson gefunden, dem eifrigen Leser von Lukrez, der sich in manchem auch als Epikuräer sah. Dort wurde das sogenannte Pursuit of happiness ein individuelles Freiheitsrecht. Dies war zur Zeit der Gründung der USA als in Europa und an vielen Orten sonst in der Welt noch gottgewollte Monarchen absolutistisch herrschten, eine radikale Neuerung, die den Weg der USA als Land der Freiheit prägen sollte. Zumindest bei den Mitgliedern der damaligen Boston Tea Party, einer Bewegung revolutionär gesinnter, liberaler, vielfach Freimaurer, herrschte noch dieser Geist vor und ihr Streben sich eine möglichst gute Verfassung zu geben, was immer nun daraus wurde und wird.

Das Wort „Glück“ kommt aus dem mittelniederdeutschen von gelucke/lucke oder dem mittelhochdeutschen gelücke/lücke. Es bedeutete  die Art, wie etwas endet oder ob es gut ausgeht. Glück war der günstige Ausgang von etwas, wenn es denn gut ausging. Voraussetzung war weder ein bestimmtes Talent noch eigenes Zutun.

Der Volksmund meint dagegen jeder Einzelne sei auch für die Erlangung seines Lebensglück verantwortlich: „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Die Fähigkeit zum Glücklichsein hängt in diesem Sinne außer von äußeren Umständen auch von individuellen Einstellungen und von der Selbstbejahung in einer gegebenen Situation ab. Danach wäre Glück auch eine Frage der Haltung zu den Dingen, wie es auch die Epikuräer und der gute Lukrez sagten, die das Streben nach Lust, was für sie Glück war, als menschliche Natur sahen.

Heute bereits hat die Hirnforschung enorme Fortschritte darin gemacht, zu sagen, was biologisch Glücksgefühle auslöst. Ganz großen Einfluss haben danach die Endorphine und Oxytocin sowie die Neurotransmitter Dopamin und Serotonin, die unser Gehirn bei unterschiedlichen Aktivitäten frei setzt. So etwa beim Essen, beim Sport, bei der völligen Entspannung und beim Sex.

Wir wissen also, dass bloße Chemie unseren Gemütszustand verändern kann, den wir immer eher für eine geistige Frage eher hielten. So meinen wir immer noch, es sei Liebe oder andere große Gefühle, die uns zu etwas bewegten, in einen seligen Zustand brächten, der in seiner Wirkung bloßes Produkt einer nur chemischen Reaktion ist.

Gibt es also eine chemische Formel für Glück, die uns mit dem richtigen Cocktail schon glücklich machen könnte?

Ist eine Welt denkbar, wie sie Stanislaw Lem in seinem genialen Futurologischen Kongress als Zukunftsvision beschreibt, in der Menschen alles ganz toll und schön finden, wenn sie nur die richtige Gasmischung permanent einatmen, die sie auf diesem Trip hält?

Es scheint komplizierter noch zu sein, zwar spielen die ollen Neurotransmitter wohl eine Hauptrolle für unser Glücksempfinden aber alleine wirken sie auch nicht, sondern nur in einem ganz komplexen Gewebe von Reaktionen, die erst zusammen zum großen Glück führen und uns einen Zustand als ganzes Wesen so empfinden lassen.

Die Erkenntnisse der Hirnforschung haben uns Medikamente entwickeln lassen, die gegen Depressionen helfen, sogenannte Psychopharmaka, oder bestimmte Zustände vermeiden können, aber sie greifen nur an einen Teil eines komplexen Gewebes und wirken zwar auch teilweise verändernd auf die Persönlichkeit aber noch sind wir weit davon den ganzen Menschen und all die in ihm wirksamen Einflüsse zu begreifen. So können wir noch nicht sicher sein, ob das eine oder andere nicht noch andere Reaktionen hervorruft, von denen wir noch nichts ahnen, weil die Milliarden Verbindungen zu komplex sind, eine immer einheitliche Aussage zu treffen.

Auch in der Welt der Drogen wird immer wieder versucht an diese Neurotransmitter und andere Glücksstoffe anzugreifen, um Glücksgefühle mit Drogen auszulösen. Dies gelingt auch, warum sie die Konsumenten high fühlen und Glück empfinden, obwohl sie sich eigentlich schaden und vom Glück als Freiheit und Sache ihrer Natur entfernen. Die Sucht ersetzt dann das natürliche Glücksgefühl, das sie nur für einen Moment imitieren sollte und gibt den Konsumenten das Gefühl dadurch befriedigt zu sein.

Ist natürlich Unsinn, weil es keine natürliche Befriedigung ist und auch kein dauerhaftes Glücksgefühl auslösen kann, sondern nur einen künstlichen Abklatsch davon, mit üblen gesundheitlichen Folgen und dem ganzen Rattenschwanz, der an legalen oder illegalen Drogen noch dranhängt.

Wie die Medikamente, gibt es für die Zeit der Wirkung kurze Glücksgefühle, die funktionieren lassen, solange es nötig ist, was in einer Leistungsgesellschaft von Vorteil sein kann, warum in bestimmten Kreisen etwa auch viel Kokain konsumiert wird, weil sich die Leute dabei toll fühlen, solange sie es kriegen und wie irre leistungsfähig brennen, was dann die übliche Spirale der Sucht schnell auslöst.

Am Anfang aber steht auch die Suche nach Glück, dass dadurch künstlich hergestellt und vermehrt werden soll.  Beim Menschen hat  sich die Suche nach Glück, wie Drogen und lustige Varianten beim Sex und in anderen Gebieten zeigen, von der ursprünglichen schlichten Belohnung für Verhaltensweisen gelöst und sich verselbständigt. So können wir uns schon Glücksgefühle für nichts eigentlich verschaffen, ohne Grund völlig euphorisch werden, was an die erste Reihe bei Konzerten von Teenie-Stars denken lässt, in denen eine kreischende Menge schwankt.

Auch im Staat wird danach geforscht, was die Bürger glücklich macht und führende Forscher meinen das Zusammenspiel von Bürgersinn, sozialem Ausgleich und Kontrolle über das eigene Leben seien das magische Dreieck des Wohlbefindens in einer Gesellschaft. Je besser die drei Faktoren erfüllt sind, desto zufriedener sind die Menschen und damit glücklicher.

Die Hirnforschung hat nun festgestellt, dass manche freudige Reaktionen des Körpers, dem bewussten Gefühl im Gehirn vorausgehen. Unser Körper Reaktionen zeigt, bevor  wir wissen warum und so manchmal schneller weiß, was uns glücklich macht als unser Gehirn. So scheint es, als wüsste der Körper manchmal in seinen Reaktionen mehr als der Verstand weiß, als stimmte der Satz von Blaise Pascal, “das Herz hat Gründe, welche die Vernunft nicht kennt”, mit der neuesten Forschung völlig überein.

Spannend könnte hier, wenn wir uns noch mit der unsäglichen Seele beschäftigten, die Frage sein, ob die rein körperliche Glücksreaktion, ohne bewussten Akt im Hirn, dann ist, was manche Seele noch nennen oder das genaue Gegenteil, aber das fiel mir nur gerade so nebenbei ein. Sagen doch manche die Seele stecke im ganzen Körper, nicht nur im Hirn, ist sie dann die bloß physiologische, biochemische Reaktion auf bestimmte Reize oder brauchte sie Bewusstsein und also Hirn?

Manche, wie etwa der Dalai Lama, meinen, Glück sei durch bewusste Hinwendung des Geistes zum Glück erreichbar. Dafür praktizieren sie ihre Meditationen als Weg zum Glück. Solche sind nicht nur bei tibetischen Mönchen beliebt sondern finden sich auch beim Yoga und und anderen Formen der Selbstfindung, wie sie in unserer Kultur gerade so Mode sind, die oft überbezahlten und unterbeschäftigten Mütter in meinem Kiez in Form zu halten, weil sie ein verbreitetes Gefühl und eine Suche ansprechen. Der Dalai Lama ist quasi der Papst der tibetischen Buddhisten, dessen Auswahl schon magischen Ritualen folgt, die einem vernünftigen Menschen die Auswahl für den höchsten Posten im früheren Tibet, bevor es die Chinesen besetzten, als eher reines Glücksspiel erscheinen lassen könnte, auch wenn es für sie eine Demut gegenüber dem höheren Willen, der sich darin zeigt bedeutete.

Auch die Philosophenschulen der Antike entwickelten bei der Suche nach größtmöglicher Gelassenheit, welche für sie das höchste Glück war, Techniken um Affekte wie Eifersucht, Zorn Habgier oder Todesangst zu überwinden. Am konsequentesten auf das eigene Glück und seine Erfüllung ausgerichtet waren die Epikuräer, die auch konsequent weder Tod noch Krankheit fürchteten, sondern den heutigen Konstruktivisten gleich, in jeder Situation das beste zu finden suchten, um glücklich zu sein.

Interessant ist dabei, was Epikur auf die Frage nach dem Glück antwortet, das für ihn ein Käse, ein Brot und Wasser oder Wein wären, also die Stillung der grundlegenden Bedürfnisse und kein übermäßiger Luxus. ‘Slow food’ oder ‘weniger ist mehr’ sind auch Bewegungen, die heute in diese Richtung gehen, auf die seltsame Einsiedler schon seit tausenden von Jahren aufmerksam machen.

Glück ist danach weniger die große Euphorie gerade das eine zu erreichen, wie es Leistungssportler kennen, die auf den Punkt trainieren, sondern eher ein dauerhafter Zustand zufriedener Gelassenheit, der nicht an schwer zu erreichende Ziele geknüpft wird, sondern sich mit wenig im Alltag zufrieden gibt und dabei glücklich in sich ruht.

Dieser Zustand von Glück ist keiner der aufschreit und jubelt, sondern eher einer der zufrieden vor sich hin grinst. Wir Menschen haben aber scheinbar oft beides in uns. Das merken wir schon beim Sex, wo wir nach dem Höhepunkt streben, um glücklich zu sein, für den Bruchteil einer Sekunde, die er dauert und die Zufriedenheit danach.

Guter Sex wirkt auch mal einige Stunden befriedigend in der Erinnerung des Körpers nach, aber auch das, wie ich heute weiß, für die meisten Menschen seltene zusammen Kommen, dauert nur wenige Sekunden, wenn überhaupt so lange und ist auch nur viel Lärm um das Nichts einer temporär eben gleichzeitigen Erschlaffung der Nerven, die auch ich lange völlig überschätzte.

Ist Glück in der Liebe guter Sex oder eine entspannte Beziehung ohne Stress und bei der sich beide gegenseitig so glücklich machen, wie sie es eben können?

Früher hätte ich immer gesagt, es gehört zusammen, heute halte ich Sex immer mehr für eher überschätzt, nett zwar, wenn es funktioniert, aber auch keine notwendige Komponente des Glücks sondern nur eine Variante Glück miteinander zu leben, die desto wahrscheinlicher wird, je weniger wir davon erwarten.

Nähe, Wohlgefühl und erholsamer Schlaf, sowie reger geistiger Austausch ist für mich inzwischen wichtiger als der ultimative Sex, der auf Dauer ohnehin meist viel von seinem Reiz verliert, da viel davon auch logisch der Reiz des Neuen noch ist.

Eine Hochzeit  ist also ein Versprechen auch gegen die Natur, die immer wieder neue Reize sucht, aneinander festhalten zu wollen. Ob dies sinnvoll ist, weiß ich nicht zu sagen, da ich noch nie verheiratet  war. Andererseits war ich lang genug in dauerhaften Beziehungen auch immer wieder, dass ich mir ein Urteil über die natürliche Entwicklung dabei zutraue.

Sich gegen die Natur etwas zu versprechen, ist offensichtlich eigentlich Unsinn. Die Liebe oder zumindest das Versprechen füreinander noch für stärker zu halten, als den Trieb, der ganz natürlich den neuen Reizen immer gerne folgte, zeugt zumindest von hehren Absichten. Die Ehe ist also nicht nur toll sondern immer auch ein sich überwinden gegen die eigene Natur, auch wenn viele Frauen die durchgehende Neigung haben, diese konsequent zu leugnen, vielleicht auch um mit der Macht des schlechten Gewissens ihre moralisch schwächeren Männer zu fesseln.

Ob die Ehe, die manche gern als Hafen des Glück bezeichnen, dies tatsächlich mehrt oder nur eine Krücke der eigenen Feigheit und der Angst vor der Einsamkeit ist, weiß ich nicht klar zu sagen. Vermutlich hat sie von beiden Seiten etwas und damit die Eheleute nicht lange ständig überlegen, ob die Bilanz positiv oder negativ ist, hat sich der Staat hier entschlossen, die Trennung der Ehe kostspielig und aufwändig zu machen.

Ob dies die Dauer und die Stabilität von Beziehungen erhöht oder nur den Verdienst von Anwälten in die Höhe treibt, zu fragen, könnte böswillig als gegen die Ehe gerichtet gewertet werden, allerdings weiß ich auch wirklich nicht mehr, was dafür spricht, sich seine Liebe vom Staat bescheinigen zu lassen, sehen wir von den steuerlichen Vergünstigungen und ähnlichen Fragen einmal ab.

Die Ehe erhöht statistisch die Überlebenschancen der Beteiligten, ob dieses meist auch divergente Zusammenfinden zweier Wesen, die schon hormonell von zwei Planeten zu kommen scheinen, im gegenseitigen Verständnis ohnehin, damit auch das Glück der Beteiligten in Summa erhöht, scheint mir mehr als fraglich.

Als Versorgungsgemeinschaft hat die Ehe leider relativ ausgedient, auch wenn sie dafür das geeignete Modell war und ihre noch heutige rechtliche Konstruktion genau diesem Modell entspricht. Warum heute beide meinen Glück hinge davon ab, sein eigenes Geld zu verdienen und keine Gemeinschaft im ganzen zu bilden, habe ich noch nie verstanden, als sei Geld ein Glücksfaktor an sich und nicht nur Mittel zum Zweck, das im Falle seines Vorhandenseins meist eher ängstlich und viele unglücklich macht. Darüber kann ich gut reden, da ich mich schon seit Jahren relativ erfolgreich darum bemühe, auch ohne glücklich zu sein.

Was noch übrig ist von der Ehe ist die konservative Pflege von Traditionen, die nur aufgrund der fortgesetzten Diskriminierung anderer Lebensformen noch gewisse rechtliche Vorteile hat, die verfassungsrechtlich allerdings schon mehr als fragwürdig wären im Sinne des Gleichheitssatzes.

Ob es neue zeitgemäßere Formen der Liebe braucht, um auf Dauer glücklich zu bleiben als die Ehe, könnte wichtig  werden, wenn wir dazu kommen, dass Hochzeit als Ding überhaupt einen Wert für das Glück darstellt oder nicht nur der natürliche und logische Anfang eines Leidens ist, das mit dem Abnehmen der gegenseitigen sexuellen Attraktion beginnt, was du hast, hast du eben, und der durch die wechselseitige Sorge um den je anderen Versorger aufgrund bestimmter emotionaler oder materieller Bedürfnisse auch noch länger leben und leiden lässt, während andere zeitiger und vor Einsetzen der Verblödung in Ruhe für sich sterben dürfen.

Diese zugegeben etwas zugespitzte Betrachtung der Ehe als Bedrohung nicht nur der Freiheit im Leben sondern auch der im Tod bringt mich im Rahmen Frage nach dem, was Glück ist zu der schönen Geschichte von Solon und Kroisos. Als Solon, der einer der 7 Weisen von Athen war, den sagenhaft reichen König Kroisos besuchte, fragte dieser ihn, wen er für den glücklichsten Menschen halte und ob das nicht er in seinem Reichtum sein müsse. Doch Solon erwirderte, noch glücklicher sei der Athener gewesen, der reich war, wunderbare Kinder hatte, eine Frau, die wunderschön war und ihn liebte und der dann noch als Held für seine Stadt im Kampf fallen durfte, um nun von dieser im Andenken hoch verehrt zu werden.

So zeigt Solon dem unermeßlich Reichen Kroisos, dass auch er nicht alles haben kann, weil das ehrenvolle Andenken der Toten für kein Geld der Welt erworben werden kann, andererseis die Ehre des Helden auch den Nachteil hat, dass wir sie so nicht mehr lebend genießen können.

So bleibt das Glück wohl immer relativ unfassbar nicht nur für jeden ist es anders nach der gerade zufälligen Meinung oder Gesinnung, viel mehr noch ist es, nie von einem vollständig zu erreichen, denn das größte Glück nach seinem Tode als Held des Volkes verehrt zu werden, wie es ja auch Goethe und Schiller, viel mehr noch Heine erging, bekommt keiner lebend geschenkt, so glücklich sein Leben relativ auch war. Wer es hat, ist nicht mehr und was das wert ist, scheint auch mehr als fraglich. So schlecht auch alles gesehen werden könnte, liegt doch darin immer noch mehr als nichts. Wer aber noch ist, hat nie das Glück würdigen Angedenkens und für alle die nicht mehr sind, ist es egal, weil sie ja nicht mehr sind, sie der Tod, der sie ergriff also nichts mehr angeht, solange sie sind und wer nicht ist, den geht ohnehin nichts mehr was an.
jens tuengerthal 19.12.2016

Sonntag, 18. Dezember 2016

Gretasophie 003

003 Suche nach Glück

Im Dritten Kapitel soll sich nun auf die Suche nach dem Glück begeben werden. Was überhaupt Glück ist und ob das so allgemein gesagt werden kann oder immer für jeden anders ist. Was, wen glücklich macht, soll gefragt werden und ob es etwas gibt, dass alles Glück dabei noch verbindet. Von dem allgemeinen Blick auf das Glück wechsle ich dann auf den individuellen und frage, was macht mich glücklich, ohne dabei an mir hängen zu bleiben, suche ich nach den Verbindungen zwischen dem allgemeinen und individuellen Glück.

Bevor ich das in Kapitel 003a dann tue, möchte ich noch Fragen an mich und die geschätzte Leserin stellen, die versuchen, meine Suche nach Antworten zu beschreiben, auf die ich mich begab, als ich über das Glück schreiben wollte, ohne zu wissen, was es ist, außer im Moment.

Menschen begeben sich schon, so lange es die Menschheit gibt, auf die Suche nach dem Glück, dem sie immer andere Namen gaben, davon handeln Sagen und Märchen, abenteuerliche Geschichten bis in die Gegenwart. Vielleicht ist die Suche wichtiger, um glücklich zu sein, als die Sache an sich, die gerade angestrebt wird.

Ziele wandeln sich nach Moden und durch die Zeiten, einem heiligen Gral würde heute kaum ein vernünftiger Mensch noch nachjagen, es sei denn er ist Schatzsucher und hat Hinweise auf einen archäologischen Fund. Gold zu finden war auch schon lange für viele eine Glückssache, dabei wissen wir relativ genau heute, wo Funde zu erwarten sind und Schürfen sinnvoll sein könnte.

Ob Gold zu haben und noch dazu viel Gold, heute also Geld, ein Glück oder ein Unglück ist, wird eine der ganz wichtigen Fragen sein, ohne zu wissen, wer sie wirklich beantworten kann, es eine Antwort darauf gibt. Marcel Reich-Ranicki hat einmal in seiner Sendung gesagt, natürlich macht Geld nicht glücklich, aber mit Liebeskummer im Taxi nach Hause zu  fahren, sei besser als heulend in der Straßenbahn zu sitzen. Schon dem würde ich nur bedingt zustimmen, weil  die Erfahrung des Trosts von Fremden etwas wunderschönes sein kann, auch wenn er natürlich Recht hat, dass es gut ist, sich genau das leisten zu können, wonach einem gerade ist, wie ihm etwa bei Liebeskummer nach einem Taxi.

Als armer Poet, der eigentlich nie Geld hat, noch weiß, wie er es verdienen soll, außer mit Schreiben, kenne ich die Geldsorgen durchaus und weiß das Glück finanzieller Unabhängigkeit, so es sie mal gab, schon zu schätzen. Doch mit Glück hat es für mich sehr wenig zu tun eigentlich, denn auch die Erfüllung irgendwelcher materieller Träume scheint mir ein nur ein sehr relatives Glück. Wenn ich mir diese Ausgabe leisten könnte oder jene Regalreihe noch, von einem edlen Hollandrad mit Ledergriffen und allen schönen Zutaten träume, an ein Haus an der See denke oder anderes, scheint es mir doch relativ unwichtig verglichen mit dem, was mich glücklich sein lässt.

Wann strahle und lache ich, bin glücklich und beliebt?

Ist Glück etwas soziales, was zu einem wie mir, der sich lieber zurückzieht, um still sein Glück zu genießen, gar nicht passt, weil es nur in Beziehung zu anderen entsteht?

Kann ein Robinson glücklich sein?

Klar kann er, so wie manche Onanie die Liebe an und für sich nennen, kann der Mensch auch ganz wunderbar für sich glücklich sein und die Freude würdigen. Vielleicht ist das stille Glück sogar noch stärker als das laute, das sich allen mitteilt. Aber wer wollte darüber urteilen?

Muss ein Glück mehr wert sein als das andere oder wäre es  auch schon ein Glück, dieses an sich würdigen zu können und jedes anzuerkennen, wie es ist?

Wohin begebe ich mich, wenn ich das Glück suche, könnte am Anfang vieler Fragen stehen und Antwort auf die unterschiedlichen Arten und Wege zum Glück geben. Für manche liegt es an traumhaften Stränden etwa in der Karibik,  bei Sonne und sanftem Meeresrauschen, andere meinen, es ist ganz still in ihnen und wenn es da ist, ist nichts mehr zu suchen, dann hören wir auf zu sein.

Ist die Suche das Ziel überhaupt, bleibt der Traum vom Glück nur traumhaft schön?

Hatte als Teenie wilde auch sexuelle Träume von der totalen Erfüllung und wildesten Erlebnissen und nachdem ich nahezu alles erlebt und ausprobiert habe, weiß ich, darum geht es nicht, sondern allein um das Glück des geteilten Moments im Bruchteil einer Sekunde des gemeinsamen Höhepunktes - dann wiegt die Entspannung und Stille danach viel mehr und schwerer als alle wilden Orgien und Sehnsüchte davor.

Dinge von denen wir besonders intensiv träumten und die wir  um alles in der Welt haben wollten, enttäuschen uns oft, wenn wir sie dann tatsächlich haben. Nichts ist in Wirklichkeit so toll wie im Traum sagen auch die Sprichworte, die so abgedroschen klingen, aber ist dann das Träumen überhaupt gut oder führt es nur logisch zu einer dann frustrierten Realität?

Wären wir, vernünftig betrachtet, besser dran, wenn wir uns weniger um das Glück als  Traum kümmerten, als lernten die Realität so zu genießen, als sei sie traumhaft, egal wie sie ist?

Sind Wunsch und Vorstellung immer in einem gewissen Maße zum Scheitern verurteilt und ist derjenige glücklicher, der sich an dem freut, was eben möglich ist?

Kann der glücklich sein, dem es nicht um Glück geht oder kann es gerade nur derjenige, weil alles ihn glücklich machen kann und nicht nur eine sicher enttäuschte Erwartung ihn frustriert?

Es scheint nicht so einfach zu sein mit dem Glück und den Wegen zu ihm. Zu genießen, was ist, wäre scheinbar Aufgabe genug, ob wer das kann glücklich genannt werden darf, wenn es ihm nie um Glück ging, wird zu untersuchen sein. Andererseits, wäre es ganz einfach nur der Blickwechsel, um zu genießen, was ist, wenn wir es wagten, dasjenige Glück zu nennen, was gerade ist, statt vom sicher enttäuschten mehr noch zu träumen.

Wo also findet sich das große Glück, im weniger dessen, der abwarten und sich mit dem kleinen Glück zufrieden gibt oder im Traum, der uns Antrieb genug ist, irgendwas doch zu erreichen?

Lohnt sich die Suche oder sollte sie tabu sein, um möglichst bescheiden glücklich zu bleiben und lässt sich diese Frage wirklich verbindlich beantworten?

Fragen über Fragen und am Ende bleibt doch alles offen, um auf die Suche zu gehen.
jens tuengerthal 18.12.2016