003d Ob Glück egoistisch ist
Klar ist Glück egoistisch, es geht ja nur darum, wie es einem geht.
Wer sich Glück wünscht, möchte glücklich sein und es geht ihm genau um seine Befindlichkeit. Doch wer von uns hat nicht schon mal gesagt, wünsch mir mal Glück, dann und dann oder dafür?
Ist wer anderen Glück wünscht darum altruistisch oder geht es bei solchen Wünschen nur um die gute Stimmung und sie sind eigentlich genauso egoistisch, wie sich selbst Glück zu wünschen?
Um dies zu beantworten, wäre es wichtig, zu verstehen, was damit gemeint ist, wenn jemand einem anderen Glück wünscht. Geht es dabei um das, was die Lateiner noch Fortuna nannten, was außerhalb unseres Einflusses liegt und wo nur, wenn überhaupt, der Aberglaube hilft?
Wer für eine Prüfung gut gelernt hat, ist eigentlich optimal vorbereitet, braucht gute Nerven und kein Glück. Solche Aufgaben sind vernünftig immer lösbar. Dennoch reden wir von Glück und wünschen es anderen vor Klassenarbeiten, Examen oder Vorträgen als ob es je noch darum dabei ginge.
Viel spricht dafür, dass die meisten Glückwünsche genau wie offensichtlich die damit verbundenen Sitten, wie dreimal gegen Holzklopfen, ein Talisman, Daumen drücken und vieles mehr, tief im Aberglauben wurzeln und auch nichts anderes ausdrücken. Es wird ein Ritual vollzogen, was vernünftig betrachtet völlig unsinnig ist, sicher keine Hilfe etwa bei der Lösung logischer mathematischer Aufgaben sein kann und dennoch hoffen sehr, sehr viele Menschen auf diesen Segen, statt ruhig ihrer Vernunft zu vertrauen.
Zum verbreiteten Aberglauben gehört auch das Lesen in Sternen, Karten oder Handlinien, um die Zukunft zu sehen oder die Dinge besser zu verstehen. Nichts davon hat einen vernünftigen Grund oder eine Beziehung zum Menschen als den Aberglauben. Dennoch erhoffen sich viele davon höhere und weitere Einsichten, als wenn sie einfach ihren Verstand benutzten und vernünftig nachdächten.
Unklar ist, ob die Neigung zum Aberglauben mehr am tatsächlichen Mangel des Verstandes bei denjenigen liegt oder aus der Natur jedes Menschen kommt, der Dinge verstehen will, die keinen höheren Grund haben. Seltsam genug versucht ja auch etwa die Astrologie, ein scheinbar logisches und komplexes Gebiet der Berechnungen auf den Aberglauben aufzubauen. Hierin ähnelt sie der Theologie und wird darum auch von ihren Anhängern mindestens ebenso ernst genommen und verteidigt.
Nicht bekannt sind allerdings bisher Scheiterhaufen der Astrologen für Leugner der Astrologie, da diese selten alleinige Staatsreligion war. Umgekehrt ließen sich aber viele hohe Piester, also auch Bischöfe und Päpste von diesem Unsinn leiten. Doch auch im eigentlich vernünftigeren Bereich der Kriegsführung mangelte es nicht an berühmten Gläubigen der Astrologie, von den Pharaonen zu römischen Kaisern bis zum Inkakönig über Wallenstein und mit Ronald Reagan bis in die Gegenwart sogar, ob deren Rar wirkungsvoller als bloßer Zufall oder ein Placebo war, lässt sich nur noch schwer verifizieren.
All diese Menschen glaubten an das Glück, höhere Zusammenhänge und Dinge hinter den Dingen, die jedem vernünftigen Menschen schlicht wahnsinnig vorkommen müssen, kritisch betrachtet und also vernünftig bedacht.
Einer der vernünftigsten, systematischsten und kritischsten Denker war der große Autor der Kritiken, Immanuel Kant. Er schrieb über den Wissenschaftler, Mystiker und Wahrsager Svedenborg seine Schrift, Träume eines Geistersehers, in der er vor dem Wahn der Magie warnt. Dazu gäbe es viel zu sagen, wie auch zu den Grenzen der reinen Vernunft und wo die Metaphysik anfängt in der Begründung der Sitten, doch soll dies weniger noch ein relativ unverständliches Philosophiebuch werden, sondern bloß eine Sammlung von Essays in denen ein eitler Vater gerne seiner fünfzehnjährigen Tochter etwas von der Welt erklären möchte, wie er sie sieht.
Da gehört Kant und seine Kritiken klar dazu aber eben nur in dem bescheidenen Ausmaß in dem meine geringen geistigen Mittel ermöglichten den Großen aus Königsberg zu verstehen. Diese Frage ist hier besonders wichtig weil es um den übersinnlichen Charakter des Glücks geht, den wir gern mit allem möglichen und unmöglichen Aberglauben auch um den Jahreswechsel pflegen. Wie wichtig ist die reine Vernunft für das Glück? Kann vernünftig glücklich sein oder widerspricht sich das?
Auch meine Eltern, eigentlich vernünftige, aufgeklärt und kritisch denkende Menschen, der Vater gebildeter Naturwissenschaftler, die Mutter eine der belesensten Personen, die ich kenne, pflegen bestimmten Aberglauben, um das Glück zu beschwören.
So wird Silvester Linsensuppe gegessen und Neujahr ein Karpfen, dessen Schuppen mein Vater das ganze Jahr oder zumindest bis er sie verliert, in seinem Geldbeutel mit sich herumträgt, weil diese dafür sorgten, dass derselbe immer gut gefüllt sei. Es werden natürlich auch immer die Daumen gedrückt und mein Vater hat während seines Medizinstudiums in Wien einst von einer Zigeunerin das Handlesen gelernt, behauptete er, tat es natürlich nicht mehr, nach dem mehrfach eintraf, was er prophezeite, weil es gegen sein Verständnis von Freiheit verstieß, was mir sympathisch war und was ich teile. Natürlich ist das nur Aberglauben, vorkritischer Unsinn, der auf bloßen Zufällen beruht. Dennoch war ich dabei lange selbst nicht ganz sicher.
So hatte mein Vater auch wie ich manches mal seherische Träume, die Dinge vorher wussten und andere überraschten. Doch ehrlich gesagt, kommen mir diese Dinge inzwischen eher wie die Twitternachrichten von Lutz Bachmann vor, der aus internen Quellen der Berliner Polizei schon vorher gewusst haben will, dass es sich bei den Attentäter um einen Tunesier handelte, weil er sich gerne wichtig macht und unter dem zunehmenden Bedeutungsverlust leidet, dem dieses möglicherweise Attentat ganz gelegen kam. Ob geheimes Wissen eher verdächtig macht oder nur den Kopf schütteln lässt, möge jeder für sich entscheiden, vernünftig wird es damit nicht und seriös werden vorbestrafte Betrüger auch nicht durch einen behaupteten Draht zur Polizei.
Will damit sagen, Hokuspokus und Magie bleiben immer Unvernünftig, auch wenn ich selbst mal solchen Unsinn mit voller Überzeugung vertrat, meinte, es müsste so sein oder werden und mich dann an der selbsterfüllenden Prophezeiung aufrichtete.
Alle Dinge haben einen Grund, wo es daran fehlt, sollten wir lernen an unserem Wissen lieber zu zweifeln als an der Natur der Dinge. Energie geht nicht verloren und Prozesse verlaufen kausal. Überall im Universum und schon immer. Im kleinsten wie im allergrößten.
Nur weil ich nicht alle Kausalitäten verstehe und übersehen kann, etwa wie chaostheoretisch der Schmetterlingsflügelschlag in Australien das Wetter in Deutschland verändert, muss ich nicht meinen, es müsse darum einen höheren Grund geben, der einem simplen Muster folgt, was ich nun zu verstehen meine und was insbesondere Menschen jenseits aller Vernunft deuten können.
Doch wo bleibt das Glück auf das viele hoffen, sei es beim Spiel, auch um Geld oder in der Liebe, die ebenfalls vielen Faktoren unterliegt von denen wir nie alle kennen und zumindest einige nie beeinflussen können?
Glück ist eben die Hoffnung, durch simple rituelle Handlungen Einfluss auf die große Kausalität zu nehmen, die wir weder überblicken noch verstehen können. Oder ist das nur dummer, naiver Aberglaube und Glück sich von so etwas zu befreien und aufgeklärt, sich voller Gelassenheit am Glück des Lebens zu freuen?
Es kann wohl beides sein, je nach Haltung zum Leben und wie weit jemand über das, was er tut wirklich nachdenkt. Für mich ist Unfreiheit und die Sklaverei der Vorurteile das größte Unglück und genau das steckt für gewöhnlich hinter dem albernen Aberglauben, der sich höheren Mächten unterwirft, die durch ein rituell albernes Verhalten zu allen Zeiten beschworen werden sollten. Für andere, wie etwa auch meine Eltern, ist es eine liebgewordene Gewohnheit, die sie pflegen, auch wenn sie wissen, wie unvernünftig das eigentlich ist.
Wie können beide Sichten auf die Welt, die sich eigentlich diametral entgegenstehen aber miteinander auskommen?
Ganz einfach, indem sie sich sein lassen, was es überhaupt einfacher macht, das Leben zu genießen, wenn wir es nicht ständig für andere verbessern wollen, sondern sie eben auch ihren rituellen Unsinn pflegen lassen, solange wir nicht gezwungen werden, uns daran zu beteiligen.
Angesichts der Gefahr für die Vernunft, die durch wachsenden Aberglauben in der Welt gerade wieder entsteht, was wir an den Kriegen der Islamisten, denen gegen sie und deren Terror als Antwort erkennen können, scheint es mir aber vernünftig, gerade jetzt mal wieder allen Aberglauben so zu nennen und auch auf dieser Ebene gleichzusetzen.
Es ist egal, ob ich aus den Sternen lese, vor der Krippe bete, das Spaghettimonster verehre oder nur Neujahr Karpfen esse, es steht auf einer Ebene, ist der gleiche Aberglaube, auch wenn sich der eine noch Glaube nennt, weil er irgendwann hoheitlich abgesegnet wurde, doch von der Begründung und Anwendung ist es immer das gleiche und vielfach geht es darum, das Glück zu seinen Gunsten zu beschwören irgendwie.
Natürlich wissen wir, dass Bleigießen Blödsinn ist und nichts über die Zukunft verrät. Dennoch wird es ganz üblich betrieben und falls es eintritt auch gerne als Begründung genommen - habe das auch schon oft gemacht, dank der Gnade meines schlechten Gedächtnisses im Bereich des Aberglaubens aber sofort wieder vergessen und kann mich nur an den Vorgang und die vielen Versuche der Deutung noch erinnern.
All dies spirituelle Zeug hat auch etwas zutiefst sexuelles. Darum machen es auch vernünftige Leute und finden es viele so geil. Es erhofft sich mancher dadurch bessere Chancen bei der Verführung oder Glück in der Liebe.
Doch fragte ich ehrlich, was wäre eine Liebe wert, die auf solchen Glück aufbaut, wäre die Antwort meist nur betretenes Schweigen.
Worauf baut eine glückliche Liebe auf?
Genau hier liegt das Problem, wir wissen manches, ahnen einiges, aber so ganz genau und sicher, wissen wir es nicht. Ist es die soziale Passung, sind es Muster der Kindheit, suchen wir unsere Eltern wieder, treiben uns nur die Hormone, also die Chemie zusammen, ist die geistige Idee des Gefühls entscheidend oder eine bunte Mischung von allem, bei dem mal das eine, dann das andere überwiegt?
Ich weiß es nicht und will auch nichts anderes behaupten. Die Wissenschaft, kann selbst, wenn sie was weiß, nur einen Teilbereich beantworten, trifft nie das Ganze der Liebe, zu der eben auch Gefühl gehört und ob das wiederum mehr aus der Erbanlage resultiert oder aus den sozialen Prozessen in denen wir leben, weiß keiner ganz exakt zu sagen. Es spielt sicher alles irgendwie eine Rolle.
Wie Alice im Wunderland am Ende des Rennens so wunderbar emotional gerecht entscheidet, alle haben gewonnen, will auch ich diese Frage beantworten, es hat viele Gründe, alles spielt in der Liebe und beim Glück irgendwie eine Rolle. Wen es glücklich macht, dies mit Aberglauben zu beschwören, der soll das tun, ich mag als Epikuräer gern glückliche Menschen.
Die eher einfach und schlicht denkenden Menschen, wie ich einer bin, sind schon glücklich, wenn sie sehen, alles ist Natur, es gibt nichts außer mir, meine Welt ist auf mich gestellt und ich kann zumindest so tun, als wäre ich frei und es so ausgiebig wie möglich genießen, was für mich das größte Glück ist. Wer es gern mit anderen teilt, sollte ihnen immer das ihre lassen und sich hüten, alles besser zu wissen, wie ich in diesen Essays, die ich aber ja nur schreibe und wie ich nicht immer unbedingt rede. Dann geht es einem vermutlich besser dabei, damit ist das Glück keine Wahrheit und auch kein Zustand größter Reinheit, sondern der bestmögliche irgendwie Kompromiss, mit dem alle leben können. Natürlich ist Glück dabei immer auch egoistisch, selbst wenn ich es anderen wünsche, weil sich mit Glück beschäftigen einfach glücklich machen kann und also auch es zu wünschen, so unsinnig das eigentlich ist.
Wünschte lieber gute Nerven oder Ruhe und Gelassenheit, aber da dies meist eine weitere Erklärung erforderte, die auch überflüssig ist, wünsche ich auch vielen einfach Glück, weil es sie glücklich macht, mir egal ist, aber glückliche Menschen in der Umgebung mich eben dafür glücklicher machen und was mehr sollte ich wollen.
jens tuengerthal 22.12.2016
Donnerstag, 22. Dezember 2016
Mittwoch, 21. Dezember 2016
Gretasophie 003c
003c Wann bleibe ich glücklich
Glück gibt es als dauerhaften Genuss und als kurzzeitigen Höhepunkt. An Höhepunkte haben wir eine Erinnerung, mehr bleibt selten davon. Der dauerhafte Genuss dagegen kommt, um zu bleiben.
Vielleicht ließe sich der Zustand frisch verliebt und völlig kopflos mit dem Gefühl in einer alten Ehe vergleichen, wo diese von den Beteiligten noch als Glück und nicht nur als Pflicht empfunden wird. Es gibt dann selten nur noch den ganz aufregenden Sex und die wilde Euphorie, beide kennen sich und haben sich aneinander gewöhnt, wissen aber auch genau das zu schätzen.
Etwas wertschätzen können, ist der Schlüssel zum dauerhaften Glück, denke ich, sowohl in so kompliziert komplexen Dingen wie einer Partnerschaft, als auch in nahezu allen Fragen des glücklichen Lebens. So ist es bei der Dauer wie beim Weg zum Glück, es kommt auf unsere Haltung zum Glück an.
Glücklich bleibt eher, wessen Glück nicht nur an einer Sache hängt, sondern wer sich an viel erfreuen kann. Die Sache kann auch eine Person oder ein Zustand sein. Bei Personen kann die Vielfalt des Glücks manchmal zu Schwierigkeiten führen, weil einige es nur für sich haben wollen und für unteilbar halten. Besonders in Fragen der Liebe und des Sex ist diese Sicht relativ weit verbreitet, ohne damit logisch richtiger zu werden oder mehr Glück zu bringen.
Im Leistungssport sind solche beliebt, die all ihre Kraft auf den einen Sieg setzen, wie etwa der mal wieder Weltfußballer Ronaldo, der enttäuscht ist, wenn er nicht der schönste und beste der Welt ist und der seine Eitelkeit mit großer Geste pflegt, was die einen lästern lässt, während die anderen ins Schwärmen geraten. So sehen wir es auch in der Formel 1, warum einer, der gehen kann, wenn er ganz oben steht, wie es Rosberg tat, um so mehr Bewunderung verdient, weil Leben und Glück eben mehr ist, als ein Auto möglichst schnell im Kreis zu fahren.
Die Bayern sind Deutschlands beliebteste und meistgehasste Mannschaft, weil sie die meisten Titel gewinnen, bis auf wenige Ausnahmen, das beste Team haben und am reichsten sind. Hier verbindet sich die Euphorie des Glücks über den Sieg im Sport mit einem relativ dauerhaften Glück. So müssen sich Bayernfans seltener über Niederlagen ärgern, erleben aber auch nicht die emotionale Aufregung der Fans von Werder, HSV oder BVB, die zwischen Untergang und großen Siegen oder gerade noch gerettet schwanken. Die Bayern sind für Fußballfans eine relativ sichere Bank. Wie jemand, der auf Bundesanleihen als Wertpapier setzt, weniger spekulieren möchte, als die Kontinuität liebt.
Viele die heiraten, tun dies in der Hoffnung auf dauerhaftes Glück. Ob diese Hoffnung sich je erfüllen kann oder die Ehe schon von ihrer Natur her dagegen spricht, braucht hier nicht, diskutiert zu werden. Es gibt welche, die, aus welchen Gründen auch immer, in der Ehe dauerhaftes Glück finden und viele verfolgen diese Absicht bei der Eheschließung.
Vermutlich sind die glücklichsten Ehen jene mit der geringsten Erwartung aneinander, an das eheliche Glück und das eigene darin. Dagegen sprechen viele, deren Ehen scheiterten von den enttäuschten Erwartungen, die sich nicht miteinander erfüllten. Vertrete seit längerem die Überzeugung, dass Erwartungen immer der Tod der Liebe sind und frage mich gerade, ob sich dies hier bestätigt oder die Liebe immer auch eine Erwartung hat in der Hoffnung auf Erfüllung und von daher was teilweise nicht stimmte, eigentlich gar nicht stimmt.
Voller Erwartungen in die Liebe gehen, kann nur zu Enttäuschungen führen und alle Erfahrung bestätigt das, da kein Mensch die Erwartungen eines anderen, die nur in seinem Kopf sind, erfüllen kann. Wer sich ein bestimmtes Bild von einem anderen macht, wird dies nie erfüllt finden, sondern immer entweder positiv überrascht oder eher häufiger enttäuscht werden. Je höher die Erwartung, desto wahrscheinlicher ist auch die Enttäuschung und je geringer, umso eher kann sie positiv übertroffen werden.
So werden alle, die weitgehend ohne Absicht oder Erwartung in die Liebe gehen, viel höhere Chancen haben, darin ihr Glück zu finden, als jene, die ein festes Ziel dabei verfolgen. Genauso ging es mir bisher immer, wenn ich ohne jede Absicht im Café saß, war die Wahrscheinlichkeit am höchsten, dort eine Frau kennenzulernen. Wenn ich dagegen mit dem Wunsch jemanden kennenzulernen irgendwohin ging, mir die Bedürftigkeit schon aus den Augen tropfte, konnte ich sicher sein, nie jemanden zufällig kennenzulernen.
Beim Onlinedating, bei dem sich die Suchenden zuvor schon virtuell auf Interesse abtasteten, wäre es nach der Natur vermutlich genauso, doch sind vermutlich beide eigentlich so beschämt, dass sie sich nur darüber treffen konnten, dass sie eine Art Solidargemeinschaft bilden, welche dann doch wieder eine Annäherung trotz Absicht dazu ermöglicht.
Nicht scheint abschreckender in Liebe und Lust als diejenigen, die was wollen, denen nur ausnahmsweise Gnade gewährt wird, wenn das gegenseitige Bedürfnis eine Gemeinschaft aus eigentlich Scham bildet. Daraus sind die ungeschriebenen Regeln vieler Frauen beim Onlinedating entstanden, nie mit einem Mann beim ersten mal ins Bett zu gehen, was noch den Anschein anderer Absichten aufrecht erhält und scheinbar den eigenen Wert erhöht.
Nach meiner bescheidenen Erfahrung jedoch, hat warten nie gelohnt, auch wenn ich es zu oft tat, weill, wenn es passt, das Bedürfnis natürlich da sein sollte und wo nicht, weitere Versuche ohnehin entbehrlich sind. Eine Frau, die keine eigene Lust hat, sondern nur konformen Spielregeln gehorcht, lässt auch beim 10. mal nicht mehr erwarten und wird kaum je voller Leidenschaft über sich hinaus wachsen. Warten ist also eigentlich entbehrlich beim Onlinedating. Wer es will, will etwas anderes und spielt lieber als der Natur zu folgen, die er für sich vermutlich kaum mit echter Leidenschaft kennt, warum die Ersatzformeln so willig befolgt werden.
Wie oft habe ich inzwischen diese ein wenig peinlichen Paare beobachtet, die sich in netter Konversation versuchen und nichts ist leichter, als mit einer Frau zu flirten, die sich online datete und sich aber wie so viele eigentlich dafür ein wenig schämt. Habe es nur wenige male getan und dabei festgestellt, es gibt schon Gründe, warum manche sich lieber virtuell vorstellen - jedoch fällt die sonst formelle Hemmschwelle beim realen Kennenlernen einfach weg, dann gibt es keine Verabredung der Frauen nie beim ersten mal mehr, sondern die gleiche Frau, die ihr online Date tagelang warten lässt, verschwindet mit den zufälligen Typen aus der Bar noch in der ersten Nacht zueinander und plauscht mit anderen Frauen dann darüber, was es bei dem oder dem zum Frühstück gibt. Der Genießer schweigt lieber.
Wer also den schnellen Kick und das kurze Glück sucht, schmeißt sich am besten an einen Teil eines Online-Dates heran, was nicht ganz fair eigentlich ist, aber wo ist die Natur schon gerecht und wer es tut, muss mit der Realität wieder leben lernen, gut, wenn es so schnell geht. Es siegt in der Natur ganz natürlich derjenige, der seine Vorteile nutzt und auslebt. Das Spiel nennen wir sonst Evolution, die ja auch beim Geschlechtsakt eine gewisse Rolle spielt.
Das Spiel der Verzögerung ist bei vielen, eigentlich nahezu allen Frauen zu beobachten und Männer mögen es scheinbar auch. Eine, die sich schnell hingibt und uns sagt, was sie will, bevor wir uns darum überhaupt mit Erobererabsicht bemüht haben, schreckt uns ab. Zum einen weil Männer eben auch von der Evolution simpel gestrickte Tiere sind, die einfach nach Schema funktionieren, besonders, wenn der Trieb auch im Spiel ist, zum anderen weil jeder Markt nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage funktioniert.
Was breitbeinig vor uns liegt und darum winselt, ist keine Eroberung mehr. Die sich wehren, können so hässlich sein wie die Nacht, wenn sie sich nur geschickt zieren, werden sie durch die bloße Show zum reizvollen Ziel nahezu aller Männer. Es geht also nicht um ästhetische Maßstäbe dabei, auch nur scheinbar um Gefühl, was zur Realisierung logisch dauert, so wenig wie hehre ethische Maßstäbe dabei noch griffen, sondern schlicht um evolutionäres Marketing.
Aber jenseits der schlichten Begattung und dem Balzverhalten, mit dem sich mehr oder weniger erwachsene Zweibeiner immer begegnen, fragt sich, ob es auch beim Glück und der Frage seiner Dauer dies dialektische Element gibt.
Wer allein ist, träumt stets von der Zweisamkeit
Die in der Ehe leiden, wünschten mehr Einsamkeit
Können wir das eingetretene Glück wirklich schätzen oder braucht es immer mehr der Sehnsucht nach diesem, um es reizvoll und erstrebenswert zu halten?
Wenn Glück wirklich dialektisch ist, inwieweit kann es dann, seiner Natur nach von Dauer sein?
Was immer auch den Gegensatz braucht, um sich gewürdigt zu fühlen, bleibt auf Dauer nur bei hohem Seegang.
Im Gegensatz dazu steht, was Lukrez als Glück mit einem Brot, einem Käse und etwas Wasser und Wein beschreibt. Dabei geht es um die Freude am bescheidenen Glück, das auf Dauer ohne große Bewegung, kommt um zu bleiben.
Was wer sucht, scheint je nach Typ unterschiedlich. Dies aber auch nicht absolut sondern meist in irgendwie Mischformen. Der eine braucht in einer Beziehung die ständige Spannung und das auf und ab, um sein Glück zu spüren. Andere, wie ich zum Beispiel haben es da lieber ruhiger und suchen die Abwechslung lieber geistig. Manchmal ziehen sich auch Gegensätze an, meist aber ist es schwierig, solche auf Dauer zu vereinbaren.
Aber so wenig es dafür eine Regel gibt, so sehr hilft uns die Natur dabei, wenn wir bei uns bleiben. Mit sich dabei in Harmonie zu sein, hilft, glücklich zu bleiben. Wer dauerhaftes Glück erstrebt, ist gut beraten, sich darüber klar zu werden.
Wie wir am ehesten auf Dauer glücklich bleiben, hängt also davon ab, ob uns in dieser Frage eher die Abwechslung oder die Ruhe und Kontinuität liegt. Wobei Kontinuität auch im ständigen Wechsel liegen kann. Ob bei denen, die stets Wechsel brauchen, Glück von Dauer sein kann, weil sie immer die Wogen des Gegenteils brauchen, um ihr Glück spüren zu können, in der schlichten Ruhe nichts spüren.
Dabei seiner natürlichen Lust zu folgen, würden die Epikuräer empfehlen, auch wenn sowohl Lukrez wie der Meister Epikur sich für das kleine Glück als großes aus der ruhigen Haltung zu den Dingen aussprächen. Genau das läge auch mir eher, als sich in die Wogen zu stürzen mit dann meist ungewissem Ausgang.
Ein Brot und ein Käse, ein wenig Wasser und Wein mit einem Garten voller Freunde, was braucht es mehr zum Glück? Auch wenn ehrlich gesagt eine gut bestückte Bibliothek für mich jeden Garten ersetzt.
Vielleicht ist es so, wie Cicero einst sagte, wenn du einen Garten hast und dazu eine Bibliothek, wird es dir an nichts fehlen. Auch wenn der eher gläubige Cicero mit Lukrez, der sein Zeitgenosse war, nicht immer einer Meinung war, könnte er doch der Herausgeber seiner Schriften gewesen sein, insbesondere des de rerum natura, Von den Dingen der Natur, was schon für eine vielleicht nicht öffentlich gemachte Nähe der beiden spricht, wie sie in diesem Zitat anklingt - warum sonst sollte Lukrez einem Gegner die Herausgabe seiner Schriften anvertrauen?
Den Garten überlasse ich gerne denen, die es lieben mit den Händen im Grünen zu wühlen und bin ansonsten mit meiner Bibliothek vollkommen zufrieden. Das Leben ist schön, wenn wir es genießen wollen. Es zu tun, würdigt, was ist, nur angemessen.
jens tuengerthal 21.12.2016
Glück gibt es als dauerhaften Genuss und als kurzzeitigen Höhepunkt. An Höhepunkte haben wir eine Erinnerung, mehr bleibt selten davon. Der dauerhafte Genuss dagegen kommt, um zu bleiben.
Vielleicht ließe sich der Zustand frisch verliebt und völlig kopflos mit dem Gefühl in einer alten Ehe vergleichen, wo diese von den Beteiligten noch als Glück und nicht nur als Pflicht empfunden wird. Es gibt dann selten nur noch den ganz aufregenden Sex und die wilde Euphorie, beide kennen sich und haben sich aneinander gewöhnt, wissen aber auch genau das zu schätzen.
Etwas wertschätzen können, ist der Schlüssel zum dauerhaften Glück, denke ich, sowohl in so kompliziert komplexen Dingen wie einer Partnerschaft, als auch in nahezu allen Fragen des glücklichen Lebens. So ist es bei der Dauer wie beim Weg zum Glück, es kommt auf unsere Haltung zum Glück an.
Glücklich bleibt eher, wessen Glück nicht nur an einer Sache hängt, sondern wer sich an viel erfreuen kann. Die Sache kann auch eine Person oder ein Zustand sein. Bei Personen kann die Vielfalt des Glücks manchmal zu Schwierigkeiten führen, weil einige es nur für sich haben wollen und für unteilbar halten. Besonders in Fragen der Liebe und des Sex ist diese Sicht relativ weit verbreitet, ohne damit logisch richtiger zu werden oder mehr Glück zu bringen.
Im Leistungssport sind solche beliebt, die all ihre Kraft auf den einen Sieg setzen, wie etwa der mal wieder Weltfußballer Ronaldo, der enttäuscht ist, wenn er nicht der schönste und beste der Welt ist und der seine Eitelkeit mit großer Geste pflegt, was die einen lästern lässt, während die anderen ins Schwärmen geraten. So sehen wir es auch in der Formel 1, warum einer, der gehen kann, wenn er ganz oben steht, wie es Rosberg tat, um so mehr Bewunderung verdient, weil Leben und Glück eben mehr ist, als ein Auto möglichst schnell im Kreis zu fahren.
Die Bayern sind Deutschlands beliebteste und meistgehasste Mannschaft, weil sie die meisten Titel gewinnen, bis auf wenige Ausnahmen, das beste Team haben und am reichsten sind. Hier verbindet sich die Euphorie des Glücks über den Sieg im Sport mit einem relativ dauerhaften Glück. So müssen sich Bayernfans seltener über Niederlagen ärgern, erleben aber auch nicht die emotionale Aufregung der Fans von Werder, HSV oder BVB, die zwischen Untergang und großen Siegen oder gerade noch gerettet schwanken. Die Bayern sind für Fußballfans eine relativ sichere Bank. Wie jemand, der auf Bundesanleihen als Wertpapier setzt, weniger spekulieren möchte, als die Kontinuität liebt.
Viele die heiraten, tun dies in der Hoffnung auf dauerhaftes Glück. Ob diese Hoffnung sich je erfüllen kann oder die Ehe schon von ihrer Natur her dagegen spricht, braucht hier nicht, diskutiert zu werden. Es gibt welche, die, aus welchen Gründen auch immer, in der Ehe dauerhaftes Glück finden und viele verfolgen diese Absicht bei der Eheschließung.
Vermutlich sind die glücklichsten Ehen jene mit der geringsten Erwartung aneinander, an das eheliche Glück und das eigene darin. Dagegen sprechen viele, deren Ehen scheiterten von den enttäuschten Erwartungen, die sich nicht miteinander erfüllten. Vertrete seit längerem die Überzeugung, dass Erwartungen immer der Tod der Liebe sind und frage mich gerade, ob sich dies hier bestätigt oder die Liebe immer auch eine Erwartung hat in der Hoffnung auf Erfüllung und von daher was teilweise nicht stimmte, eigentlich gar nicht stimmt.
Voller Erwartungen in die Liebe gehen, kann nur zu Enttäuschungen führen und alle Erfahrung bestätigt das, da kein Mensch die Erwartungen eines anderen, die nur in seinem Kopf sind, erfüllen kann. Wer sich ein bestimmtes Bild von einem anderen macht, wird dies nie erfüllt finden, sondern immer entweder positiv überrascht oder eher häufiger enttäuscht werden. Je höher die Erwartung, desto wahrscheinlicher ist auch die Enttäuschung und je geringer, umso eher kann sie positiv übertroffen werden.
So werden alle, die weitgehend ohne Absicht oder Erwartung in die Liebe gehen, viel höhere Chancen haben, darin ihr Glück zu finden, als jene, die ein festes Ziel dabei verfolgen. Genauso ging es mir bisher immer, wenn ich ohne jede Absicht im Café saß, war die Wahrscheinlichkeit am höchsten, dort eine Frau kennenzulernen. Wenn ich dagegen mit dem Wunsch jemanden kennenzulernen irgendwohin ging, mir die Bedürftigkeit schon aus den Augen tropfte, konnte ich sicher sein, nie jemanden zufällig kennenzulernen.
Beim Onlinedating, bei dem sich die Suchenden zuvor schon virtuell auf Interesse abtasteten, wäre es nach der Natur vermutlich genauso, doch sind vermutlich beide eigentlich so beschämt, dass sie sich nur darüber treffen konnten, dass sie eine Art Solidargemeinschaft bilden, welche dann doch wieder eine Annäherung trotz Absicht dazu ermöglicht.
Nicht scheint abschreckender in Liebe und Lust als diejenigen, die was wollen, denen nur ausnahmsweise Gnade gewährt wird, wenn das gegenseitige Bedürfnis eine Gemeinschaft aus eigentlich Scham bildet. Daraus sind die ungeschriebenen Regeln vieler Frauen beim Onlinedating entstanden, nie mit einem Mann beim ersten mal ins Bett zu gehen, was noch den Anschein anderer Absichten aufrecht erhält und scheinbar den eigenen Wert erhöht.
Nach meiner bescheidenen Erfahrung jedoch, hat warten nie gelohnt, auch wenn ich es zu oft tat, weill, wenn es passt, das Bedürfnis natürlich da sein sollte und wo nicht, weitere Versuche ohnehin entbehrlich sind. Eine Frau, die keine eigene Lust hat, sondern nur konformen Spielregeln gehorcht, lässt auch beim 10. mal nicht mehr erwarten und wird kaum je voller Leidenschaft über sich hinaus wachsen. Warten ist also eigentlich entbehrlich beim Onlinedating. Wer es will, will etwas anderes und spielt lieber als der Natur zu folgen, die er für sich vermutlich kaum mit echter Leidenschaft kennt, warum die Ersatzformeln so willig befolgt werden.
Wie oft habe ich inzwischen diese ein wenig peinlichen Paare beobachtet, die sich in netter Konversation versuchen und nichts ist leichter, als mit einer Frau zu flirten, die sich online datete und sich aber wie so viele eigentlich dafür ein wenig schämt. Habe es nur wenige male getan und dabei festgestellt, es gibt schon Gründe, warum manche sich lieber virtuell vorstellen - jedoch fällt die sonst formelle Hemmschwelle beim realen Kennenlernen einfach weg, dann gibt es keine Verabredung der Frauen nie beim ersten mal mehr, sondern die gleiche Frau, die ihr online Date tagelang warten lässt, verschwindet mit den zufälligen Typen aus der Bar noch in der ersten Nacht zueinander und plauscht mit anderen Frauen dann darüber, was es bei dem oder dem zum Frühstück gibt. Der Genießer schweigt lieber.
Wer also den schnellen Kick und das kurze Glück sucht, schmeißt sich am besten an einen Teil eines Online-Dates heran, was nicht ganz fair eigentlich ist, aber wo ist die Natur schon gerecht und wer es tut, muss mit der Realität wieder leben lernen, gut, wenn es so schnell geht. Es siegt in der Natur ganz natürlich derjenige, der seine Vorteile nutzt und auslebt. Das Spiel nennen wir sonst Evolution, die ja auch beim Geschlechtsakt eine gewisse Rolle spielt.
Das Spiel der Verzögerung ist bei vielen, eigentlich nahezu allen Frauen zu beobachten und Männer mögen es scheinbar auch. Eine, die sich schnell hingibt und uns sagt, was sie will, bevor wir uns darum überhaupt mit Erobererabsicht bemüht haben, schreckt uns ab. Zum einen weil Männer eben auch von der Evolution simpel gestrickte Tiere sind, die einfach nach Schema funktionieren, besonders, wenn der Trieb auch im Spiel ist, zum anderen weil jeder Markt nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage funktioniert.
Was breitbeinig vor uns liegt und darum winselt, ist keine Eroberung mehr. Die sich wehren, können so hässlich sein wie die Nacht, wenn sie sich nur geschickt zieren, werden sie durch die bloße Show zum reizvollen Ziel nahezu aller Männer. Es geht also nicht um ästhetische Maßstäbe dabei, auch nur scheinbar um Gefühl, was zur Realisierung logisch dauert, so wenig wie hehre ethische Maßstäbe dabei noch griffen, sondern schlicht um evolutionäres Marketing.
Aber jenseits der schlichten Begattung und dem Balzverhalten, mit dem sich mehr oder weniger erwachsene Zweibeiner immer begegnen, fragt sich, ob es auch beim Glück und der Frage seiner Dauer dies dialektische Element gibt.
Wer allein ist, träumt stets von der Zweisamkeit
Die in der Ehe leiden, wünschten mehr Einsamkeit
Können wir das eingetretene Glück wirklich schätzen oder braucht es immer mehr der Sehnsucht nach diesem, um es reizvoll und erstrebenswert zu halten?
Wenn Glück wirklich dialektisch ist, inwieweit kann es dann, seiner Natur nach von Dauer sein?
Was immer auch den Gegensatz braucht, um sich gewürdigt zu fühlen, bleibt auf Dauer nur bei hohem Seegang.
Im Gegensatz dazu steht, was Lukrez als Glück mit einem Brot, einem Käse und etwas Wasser und Wein beschreibt. Dabei geht es um die Freude am bescheidenen Glück, das auf Dauer ohne große Bewegung, kommt um zu bleiben.
Was wer sucht, scheint je nach Typ unterschiedlich. Dies aber auch nicht absolut sondern meist in irgendwie Mischformen. Der eine braucht in einer Beziehung die ständige Spannung und das auf und ab, um sein Glück zu spüren. Andere, wie ich zum Beispiel haben es da lieber ruhiger und suchen die Abwechslung lieber geistig. Manchmal ziehen sich auch Gegensätze an, meist aber ist es schwierig, solche auf Dauer zu vereinbaren.
Aber so wenig es dafür eine Regel gibt, so sehr hilft uns die Natur dabei, wenn wir bei uns bleiben. Mit sich dabei in Harmonie zu sein, hilft, glücklich zu bleiben. Wer dauerhaftes Glück erstrebt, ist gut beraten, sich darüber klar zu werden.
Wie wir am ehesten auf Dauer glücklich bleiben, hängt also davon ab, ob uns in dieser Frage eher die Abwechslung oder die Ruhe und Kontinuität liegt. Wobei Kontinuität auch im ständigen Wechsel liegen kann. Ob bei denen, die stets Wechsel brauchen, Glück von Dauer sein kann, weil sie immer die Wogen des Gegenteils brauchen, um ihr Glück spüren zu können, in der schlichten Ruhe nichts spüren.
Dabei seiner natürlichen Lust zu folgen, würden die Epikuräer empfehlen, auch wenn sowohl Lukrez wie der Meister Epikur sich für das kleine Glück als großes aus der ruhigen Haltung zu den Dingen aussprächen. Genau das läge auch mir eher, als sich in die Wogen zu stürzen mit dann meist ungewissem Ausgang.
Ein Brot und ein Käse, ein wenig Wasser und Wein mit einem Garten voller Freunde, was braucht es mehr zum Glück? Auch wenn ehrlich gesagt eine gut bestückte Bibliothek für mich jeden Garten ersetzt.
Vielleicht ist es so, wie Cicero einst sagte, wenn du einen Garten hast und dazu eine Bibliothek, wird es dir an nichts fehlen. Auch wenn der eher gläubige Cicero mit Lukrez, der sein Zeitgenosse war, nicht immer einer Meinung war, könnte er doch der Herausgeber seiner Schriften gewesen sein, insbesondere des de rerum natura, Von den Dingen der Natur, was schon für eine vielleicht nicht öffentlich gemachte Nähe der beiden spricht, wie sie in diesem Zitat anklingt - warum sonst sollte Lukrez einem Gegner die Herausgabe seiner Schriften anvertrauen?
Den Garten überlasse ich gerne denen, die es lieben mit den Händen im Grünen zu wühlen und bin ansonsten mit meiner Bibliothek vollkommen zufrieden. Das Leben ist schön, wenn wir es genießen wollen. Es zu tun, würdigt, was ist, nur angemessen.
jens tuengerthal 21.12.2016
Gretasophie 003b
003b Wie werde ich glücklich
Auf die Frage, wie ich glücklich werde, gibt es eine ganz einfache Antwort, indem ich es bin.
Mehr ist es nicht und mehr wird es auch nie als eine Haltung zu den Dingen, die unser Glück ausmachen.
Also sollte es doch eigentlich ganz einfach sein, glücklich zu werden, in dem wir uns an dem freuen, was uns glücklich macht. Doch wäre es vermutlich nicht menschlich, wenn sich dem nicht wieder viele Dinge entgegenstellten.
Bauen wir uns Hindernisse zum Glück, um nicht glücklich zu sein?
So wir unser Glück an Dinge knüpfen, die wir nicht beeinflussen können, liegt es nicht mehr in unserer Hand, ob wir glücklich werden. Dann überlassen wir es denen, die darüber entscheiden können oder noch komplizierter, wir überlassen es dem Zufall, ob wir uns für glücklich halten oder nicht.
Eigentlich ist es völlig unsinnig, sein Glück an einen bloßen Zufall zu hängen oder auf diesen zu vertrauen. Dennoch spielen Millionen Menschen Glücksspiele oder Lotto, bei denen sie viel Geld für den möglichen Eintritt eines von aller Vernunft unabhängigen Ereignisses einsetzen. Das daran geknüpfte Glück hängt dabei nicht von ihrem Willen ab.
Wer sich der Möglichkeit beraubt, selbst über sein Glück zu entscheiden, hat damit sein Glück aus der Hand gegeben. Solche Menschen können nur trotzdem glücklich sein, weil sie das zufällige Glück ignorieren oder sich durch nichts unglücklich machen lassen.
Mit etwas Abstand in Ruhe betrachtet aber, wird deutlich, warum so wenige Menschen glücklich werden und dafür so viele an ihrem Unglück leiden, auf das sie keinen Einfluss mehr nehmen können. Sie haben keine Chance von sich aus glücklich zu werden, außer sie ändern ihre Haltung zum Leben und zu sich.
Wer durch den Zufall glücklich wird, sei es im Spiel oder im Leben, macht sich von diesem für seine Zufriedenheit abhängig. Sein Befinden ist damit nicht mehr von seiner Haltung zum Leben abhängig, sondern wird nur von Ereignissen außerhalb seines Einflussbereiches entschieden.
Dass es viele oder mancherorts auch fast alle Menschen so machen, führt nicht dazu, dass ein falsches Verhalten damit richtiger wird und wer mit dem Strom schwimmt, glücklicher ist. Leichter haben es sicher immer diejenigen, die sich gut anpassen können und sich unauffällig in der Masse treiben lassen.
Wer selbst denkt und sich ernsthaft fragt, was macht mich dauerhaft glücklich und wie werde ich es überhaupt, hat es schwerer als jene, die ihr Glücksempfinden an der Mehrheit ausrichten.
Welchen Grund könnte es geben, es sich bei der Frage nach dem Glück, schwerer zu machen als die meisten anderen?
Wer sich die Frage stellt, ist sich schon des relativen Charakters allen Glücks bewusst und wird damit den folgenden Fragen ohnehin nicht mehr entkommen. Wenn aber etwas ist, und sei es nur als Idee in unserem Bewusstsein, stellt sich nicht mehr die Frage, wie werde ich es los, sondern wie werde ich, mit dem was ist, glücklich.
Betrachte ich die Erfolgsquote des Zufalls und die Abhängigkeit seines Eintritts von Dingen außer mir, relativiert sich die Schwere der Fragen gemessen am möglichen Erfolg. Ob ein zufälliges Glück eintritt, ist zwar mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit berechenbar, doch, egal wie ich mich nun verhalte, nicht beeinflussbar.
Dagegen ist die Haltung zum Leben eine Frage derselben und kein Zufall mehr. Unabhängig von dem, was ohne meinen Einfluss geschieht, kann ich so eine Position finden, die mich möglichst glücklich macht.
Was in meiner Hand liegt und mich unabhängig vom Zufall macht, verspricht Dauer und einen vernünftigen Weg zum Glück. So komme ich, gegen das Verhalten der Mehrheit und deren Meinung zu dem Schluss, dass wie glücklich ich bin, allein von meiner Haltung abhängt, was ich ja schon oben feststellte, dass Glück also machbar ist, wenn ich es will.
Wenn ich nun weiß, es kommt auf meine Haltung an, fragt sich, welche mich am ehesten glücklich macht, welche Dauer verspricht und welche das Glück am längsten noch hält. Über die letzten beiden Punkte will ich in eigenem Kapitel jeweils nachdenken, weil ich sie für ziemlich wichtig halte auf dem Weg zum Glück durch die Zeit.
Auf die Frage, was wen glücklich macht, habe ich keine Antwort für alle. Jeder kann sich selbst aussuchen, woran er sich freuen will und wie er seinen Alltag so gestaltet, sein Glück möglichst intensiv zu genießen.
Wichtig dabei scheint mir, das Leben als einen Prozess zu begreifen, der sich ständig ändert und der an sich erstmal, egal was ist, keinen bestimmten Wert und kein konkretes Ziel hat, sondern diesen von uns bekommt, je nachdem, wie wir es betrachten.
Wer Cluburlaub mit Party-Spaß und Unterhaltung bucht, wird mit einer stillen, abgelegenen, einfachen Pension, die nichts bietet als himmlische Ruhe, selten glücklich werden. Umgekehrt wird, wer seine Ruhe möchte, kaum einen solchen Spaß-Urlaub buchen wollen.
Wer in der Großstadt lebt, sich aber eigentlich mehr nach dem ruhigen Landleben sehnt, wird es schwerer haben mit dem glücklich zu sein, was um ihn ist.
Diejenigen, die klassische Konzerte lieben, werden sich seltener für Rockkonzerte begeistern, während umgekehrt alle, die es eher hart und wild mögen, sich in einem typischen klassischen Konzert langweilen werden.
Unsere jeweilige Leidenschaft für etwas, können wir noch mit unserer Haltung dazu gut beeinflussen - so mag ich beides jeweils zu seiner Zeit und am richtigen Ort, freue mich aber auch an gelegentlichen Überschneidungen, wenn etwa im Keller der Bar nebenan plötzlich eine Geige oder ein Cello erklingen, statt der sonst E-Gitarren und des immer Schlagzeugs.
Dieses Crossover gibt es auch im Bereich der Klassik, wenn etwa die Cellisten der Berliner Symphoniker, Songs von Rockgrößen spielen oder ein Opernstar einfach mal Schlager singt und viele mögen das gern, wenn sich sonst getrennte Bereiche ausnahmsweise mischen, wie sich etwa auch an der Ausgelassenheit bei der Last Night of the Proms in London jedes Jahr wieder zeigt, in denen die Besucher der Promenadenkonzerte und viele andere mehr oder weniger illustre Gäste eine Party feiern, die mit vielen Gebieten von Klassik bis Moderne spielt.
Auch ganz eigentlich Grässliches kann Kultcharakter entwickeln, wie etwa Florence Foster Jenkins, die wirklich nicht singen konnte, deren teuer produizierte Aufnahmen aber Kultcharakter inzwischen haben.
Es ist ziemlich bunt und vielfältig, was Menschen um die Welt so schön finden und sich schmecken lassen - wer noch nie tibetischen Yak-Tee getrunken hat, dem wird beim ersten Schluck dieses nach ranziger Butter schmeckenden Gesöffs speiübel werden, während es für viele Mönche und andere ein Hochgenuss und das beste Heilmittel ist.
Ist es leichter, glücklich zu sein, wenn wir an allem neugierig etwas finden können oder lieber in dem Rahmen bleiben, den wir für gut befunden haben?
Ist eine Abweichung ein Glück oder ein Unglück?
Manche lieben Überraschungen und brauchen das ständige emotionale auf und ab, um sich zu spüren. Andere haben lieber Sicherheit und Kontinuität, um glücklich zu sein. Insofern ist Glück wohl auch einfach Geschmackssache.
Jedoch können wir je nachdem, für was wir uns entscheiden, unterschiedlich viel Einfluss auf diesen Zustand nehmen und unser Leben danach selbst bestimmen, sind also frei, während alle, die auf Überraschungen setzen, immer von diesen abhängig sind und unberechenbar bleiben, ihr Glück ist dann zufällig.
Schaue ich mir diese Argumentation bis hierher an, könnte es scheinen, als mache nur die langweilige Berechenbarkeit glücklich während Spontaneität eher Gefahr liefe, unglücklich zu machen, weil sie unberechenbar ist.
Dabei sind es doch so oft gerade die spontanen Aktionen, die so schön sind und die dann überraschend zum Genuß werden, gerade da, wo wir es am wenigsten erwarten. Immer der gleiche Rhythmus erscheint dagegen den meisten eher ermüdend, auch wenn er die größte Garantie für eine Kontinuität des Glücks gäbe, dächten wir es konsequent.
Habe die ziemlich starke Vermutung, dass es, wie immer, nur um den goldenen Mittelweg geht, der sich irgendwo dazwischen befindet. Einen Plan haben und diesem folgen, gibt Sicherheit und kann insofern auch glücklich machen. Mit allen Plänen auch mal brechen können, um das Glück des Augenblicks zu genießen, ist ein Weg zu großem Glück in diesen oft gut erinnerten Ausnahmefällen.
Kommt es also auf die Ausnahme oder die Regel eher an bei der Suche nach Glück, wenn wir schon feststellten, dass Glück hauptsächlich eine Frage der Haltung ist?
Für mich wird es immer die Sicherheit im Plan sein, die eine Ausnahme auch zulässt, um sie zu genießen. Andere leben gern den permanenten Ausnahmezustand, frage mich dann immer, wie sie das genießen können und was für sie dauerhaftes Glück ist, aber vielleicht ist das auch einfach nie ein Kriterium für solche Menschen.
Spannender ist die Frage, wie Menschen ihre jeweiligen Wege zum Glück miteinander vereinen können. Wer immer etwas machen will und Überraschungen liebt, wird sich mit denen, die lieber in der Ruhe selbst bestimmen, was sie glücklich macht, auf Dauer nur schwer verstehen können. Den einen ist die Ruhe zu langweilig, dem anderen wiederum die Unruhe zu unruhig.
Vereinen müssen sich zwei Wege, wenn zwei meinen, sich zu lieben und ein Leben teilen wollen. Ob das geht und was dabei Glück ausmacht, ist eines der größten Rätsel bei der Suche nach dem Glück, wie überhaupt in der Liebe zugleich gesteuertes und zufälliges oder zumindest von uns unabhängiges Glück zusammenkommen, um für uns, wenn wir sie gefunden zu haben meinen, das schönste Glück zu sein.
Liebe ist ziemlich komplex, die natürliche und durch Hormone gesteuerte Anziehung mischt sich mit geistigen Wünschen, Träumen und Ansprüchen, die wir gern als Hoffnungen verklären. Wer sie schon mal glücklich verliebt hat, wird nichts mehr für höher halten. Dagegen weiß jeder, der richtigen Liebeskummer schon hatte, wie verflucht unglücklich und hässlich sie das Leben auch machen kann.
Mit Liebeskummer scheint alles grau und grässlich, während die Welt verliebt bei jedem Wetter himmelblau und zauberhaft uns vorkommt. Beides entspricht natürlich nicht der Realität sondern ist eine Vorspiegelung unseres jeweiligen Zustandes, der uns die Wirklichkeit eben so oder so wahrnehmen lässt.
Verliebt sein macht glücklich. Liebeskummer macht umgekehrt unglücklich. Dennoch hängt das Eintreten des einen oder anderen nicht nur in unserer Hand sondern eben auch vom Zufall und einem anderen ab, auf den wir nur bedingt Einfluss überhaupt je haben. So gesehen ist Liebe eigentlich nie geeignet auf Dauer glücklich zu machen, vor allem ist es nichts, auf das wir irgendwie sinnvoll dabei Einfluss nehmen könnten, weil es eben um ein irrationales Gefühl geht, was wir für das größte Glück des Lebens halten und unser von der Natur darauf getrimmter Körper uns dies auch gehörig noch vorspielt.
Um die Kontinuität in der Liebe zu gewährleisten, gibt es Institute wie die Ehe und die Kirchen, die Scheidung als Sünde bezeichnen. Doch wirkt jeder Zwang in der Liebe eigentlich kontraproduktiv, ist die erzwungene Liebe wertlos und der staatliche Rechtstitel eines Ehepaares eigentlich nur der Beweis dafür, dass die Liebe allein nicht stark genug war, ein Leben ohne Sicherheitsgurt miteinander zu teilen.
Liebe und Glück philosophisch und vernünftig zu betrachten, scheint mir ziemlich kompliziert und oft fern der Realität.
Mein Großvater sagte gerne, wenn es soweit ist, sitzt das Hirn im Hintern und hilft schieben. Dieser Spruch wurde zum geflügelten Wort in meiner Familie für alle völlig unvernünftigen Entscheidungen aus Liebe oder Trieb, wenn wir das denn wirklich unterscheiden können und wollen.
Wir handeln, wenn wir lieben, gern unvernünftig und tun vieles, was uns nicht gut tut, aber dennoch wunderbar erscheint. Manches bereuen wir, wenn die Liebe doch nicht hält, was sie verspricht, anderes wird, so es in seltenen Fällen hält, zur romantischen Sage einer Liebe. Vernünftig wird es dadurch nicht, aber solange es Teil des bestehenden Glücks ist, wird uns das egal sein.
Insofern wir mit denen, die wir lieben, viel Zeit verbringen, ist das Glück in der Liebe schon entscheidend für unser Glück oft und das obwohl es von so vielen dummen Zufällen und Launen abhängt, fern aller Vernunft steht, nur zu einem kleinen Teil Produkt unseres Verhaltens ist.
Ob das heute gut so ist, wäre der Frage wert. Montaigne war verheiratet, liebte seine Frau auch, aber schrieb in manchem auch über sie wie Sokrates über die seine, wenn auch mit mehr französischem Charme und überließ ihr weitgehend die Führung seiner Güter, die ihn nicht sonderlich interessierte. Doch er hatte Geliebte liebte die Frauen, die Lust und die Liebe mit Leidenschaft. In der Ehe fand er jedoch, auch da ganz Kind seiner Zeit der Renaissance, habe die Leidenschaft weniger zu suchen, so habe der eheliche Beischlaf eher eine Pflichtübung als ein Lustakt zu sein.
Auch wenn ich Montaigne sonst sehr schätze, könnte ich mir das schwer vorstellen - eine Ehe in der Sex und Lust nur Pflicht sind, scheint mir noch überflüssiger. Aber vielleicht ist dieser Gedanke dennoch relativ weise, weil er die Ehe und den ehelichen Beischlaf, der als Vollzug der Ehe ein Recht der Partner war, auch wenn dieses nicht mehr einklagbar ist, als das offenbart, was es ist, eine schlicht reizlose Pflichtübung ohne Leidenschaft schon aus ihrer Konstruktion heraus, was so gerne geleugnet wird, aber nur weiß, wer die Lust kennenlernte.
Diese Fehlkonstruktion kann heute die Liebe als Heiratsgrund manchmal eine zeitlang auffangen, doch auch das nur bedingt erfolgreich und selten auf Dauer, die verordnete und legitime Lust ist eben flüchtig, sie bleibt nur theoretisch. Warum sich noch mehr Frauen als Männer der Illusion hingeben die Ehe sei etwas wunderbares und ein Lebensziel, kann ich nur rätseln. Vermute aber es hängt mit einer ohnehin unbefriedigten oder unentdeckten Sexualität zusammen, die dann im Umkehrschluss mit der so gewonnenen Sicherheit aufgerechnet wird. Kurz gesagt, wenn sie schon Sex haben müssen, dann wollen sie zumindest Sicherheit dafür erkaufen. Warum Männer heiraten wollen, wird mir immer mehr ein Rätsel heute.
Dennoch und wider alle Vernunft, wollte auch ich immer wieder, wenn ich verliebt war, heiraten und das gerne auch ganz romantisch, weil ich eben ein Romantiker bin und auch auf die nur durchschnittlichen und ewig imitierten Muster der Liebe hereinfalle. Es war dann immer der Traum vom Glück für mich und ich habe mich diesem Traum folgend auch dreimal verlobt, obwohl oder vielleicht gerade weil manche nüchtern betrachteten Tatsachen eigentlich gegen den Erfolg dieses ewig erhofften Glücks sprachen.
Insofern kann ich meinem Grotepater genannten Großvater nur Recht geben, im richtigen Moment, dachte ich nicht mehr vernünftig kritisch sondern ließ mich vom Gefühl wie in anderen Fällen vom bloßen Trieb zu unsinnigen Dingen treiben. Dabei habe ich es immer ernst gemeint und genau so gewollt, dachte es wäre auch vernünftig der Liebe durch das Versprechen der Ehe Dauer oder so etwas wie Ewigkeit zu geben.
Weiß nicht, ob dieses eigentlich unvernünftige Verhalten Folge der Triebe ist, also das Hirn im Hintern sitzt und schieben hilft, weil ich einen dauerhaften Sexualpartner sichern will oder auf den schönsten Sex hoffte, mich fortpflanzen noch möchte, was ich bei Bewusstsein als Grund alles abwegig fände, oder erlernt aus der Familie ist, in deren Tradition ich auch stehe, weil Familie und ihre Gründung für mich von Kindheit an ein Wert war, den ich weitergeben wollte.
Dazu kommt noch diese etwas unklare Vermischung von Gefühl und Trieb in der Liebe. Wir neigen dazu die Liebe heilig zu sprechen und der Lust nur eine Nebenrolle zu geben, auch wenn es in der Bedeutung für ein glückliches Zusammensein durchaus auch umgekehrt sein könnte. Sie sind durchaus trennbar, was gut funktionieren kann, wie Millionen Männer beweisen, die Hure besuchen, dafür Unsummen bezahlen und anschließend mit schlechtem Gewissen heimlich nach Hause kommen und den braven Gatten geben. Es kann nur diese Dialektik sein, die Männer dazu treibt, zu hoffen bei Huren Erfüllung und Spaß zu finden, bei etwas, was eigentlich nur geteilt schön sein kann und nicht gekauft. Vernünftig bedacht, wüsste es jeder und ließe es besser, dennoch haben Huren und ihre Existenz vermutlich mehr Ehen gerettet als alle Paarberater.
Die Liebe als das große Glück im Leben ist zugleich das komplizierteste, weil wir uns meist völlig unvernünftig verhalten, es von zweien und von vielen Zufällen abhängt, so flüchtig ist wie hinfällig und dem wir durch die Formen nur einen Rahmen geben, der weniger mit dem Gefühl zu tun hat als unserer Angst vor der Freiheit. Es gibt gute Gründe der Liebe gegenüber misstrauisch zu sein, was das Glück angeht und Montaigne hat wie Lukrez und auch Epikur völlig Recht, wenn sie vor zu großer Leidenschaft warnen, auch wenn letztere nun gerade keine Stoiker waren, sondern das Streben nach Lust ja gerade gut hießen, wie Montaigne im übrigen auch, der so gern von sich sagte, wie sehr er es liebe den Menschen gegenüber, denen das Wort Lust so zuwider ist, es bis zum Überdruß zu widerholen.
Wo Liebe und Lust sich finden, ist es ein Glück und sollte genossen werden, denke ich, wo nicht, sollten wir uns fragen, warum wir es verlängern oder diesem durch Heirat noch Dauer geben wollen, außer die übrigen Komponenten, die uns glücklich machen, wiegen so schwer, dass wir die Lust darüber vergessen können - leider ist es in den meisten Fällen der Eheschließung umgekehrt und baut dabei auf immer Illusionen. Die Menschen heiraten aus lauter Verliebtheit, halten den Verlust an Lust für verschmerzbar, die werden schon kommen oder wiederkehren, bis sie merken, dass der Lustverlust eine natürliche Folge der Ehe ist, dann ist es entweder zu spät und Scheidung zu teuer, dann setzen sie eben scheinbar andere Prioritäten oder lassen sich heute wieder scheiden, ohne dabei vernünftig nachzudenken, ob da nicht ein Zusammenhang zwischen Lustverlust und formaler Verbindung bestehen könnte, der relativ logisch ist und wie sie diesen umgehen könnten durch fremde oder neue Lust.
Trotzdem werden viele Menschen weiter von Ehe und Familie träumen und sich das dauerhafte Glück erhoffen und je niedriger die Ansprüche dabei, desto höher sind die Chancen, spät aus dieser Illusion zu erwachen.
So hat es etwa bei meiner Großmutter bis über das 80. Lebensjahr gedauert, als mein Großvater schließlich mit 87 verstarb, fand sie leider die Briefe, die der Trottel nicht vernichtete und die er an seine Geliebte vor 30 Jahren geschrieben hatte, die noch dazu seine Sekretärin war und ihn also fast so häufig sah wie sie ihren geliebten Gatten. Damit brach das große Liebesglück das beide über 50 Jahre nach außen hin zelebriert hatten für sie zusammen und sie verfiel für eine Zeit in Depressionen, bis sie irgendwann die Demenz daraus wieder gnädig befreite.
War es ein Glück für sie noch die Wahrheit vor ihrem Tod in Sachen der Liebe erfahren zu haben?
Ich glaube nicht, besser hätte er die Briefe noch vernichtet, statt sie ihr zuzumuten. Glaube wirklich, dass die beiden sich sehr geliebt haben, auch wenn er eine Liaison mit seiner Sekretärin hatte. So etwas kommt in den besten Familien vor und hat schon manche Ehe gerettet.
Ihr Wissen hat sie nicht glücklicher gemacht als die Illusion mit der sie gelebt hatte bis über 80 und mit der sie auch noch das nächste dutzend Jahre, die ihr noch blieben gut überstanden hätte. Um so dementer sie wurde und dies Unglück wieder vergaß, desto mehr sprach sie wieder von ihrer glücklichen Ehe und ihrem wunderbaren Mann.
So leben wir wohl mit manchen Illusionen gerne, so lange wir uns glücklich fühlen und gerade in der Liebe fragt sich, was soll Illusion und was Wahrheit überhaupt sein.
Bin meinem Großvater genetisch sehr nah verwandt glaube ich. Wollte ich es böse sagen, hieße das, ich habe keine meiner Beziehungen nicht irgendwann mit einer anderen mal, wenn mich die Lust trieb, betrogen, formuliere ich es verständnisvoller und dem Leben näher, sagte ich, mancher Irrweg hat schon meinen Beziehungen mehr Dauer gegeben.
Damit habe ich meine jeweils Frauen nicht weniger geliebt, vielleicht war ich ihnen innerlich sogar treuer und verständnisvoller dadurch, als ich es ohne Geliebte je gewesen wäre. Karl Kraus hat einmal gesagt, wer seine Geliebte auch Geliebte nenne, müsse den Mut haben, seine Frau Ungeliebte zu nennen. Das halte ich für dummes Zeug. Es gibt verschiedene Ebenen der Anziehung und Liebe und nicht jede passt in jedem Moment in allem und dennoch ist es ganz natürlich und gut, auch seiner Natur zu folgen, es muss nur bei beiden, wenn sie ein Paar bleiben wollen, mit Würde und Achtung geschehen und der Rest sollte Schweigen sein.
Aber bevor ich nun weiter in der Liebe und den Formen der Beziehung als Weg zum Glück ausschweife, ein wirklich zu weites Feld und unendliches Kapitel, wie es ja auch die liebe Effie Briest erfahren musste, zu der ihr Vater immer diesen Spruch sagte und auch Toni Buddenbrook ist da ihre Wege weit gegangen, komme ich lieber endlich zum Schluss für heute. Auch die Liebe kann ein Glück sein, es ist meist ziemlich kompliziert, was wohl in unserer Natur liegt, warum glücklich ist, wer es gelassen zu genießen lernt, statt gegen seine Natur zu kämpfen, die doch immer ist, wie sie eben ist.
jens tuengerthal 20.12.2016
Auf die Frage, wie ich glücklich werde, gibt es eine ganz einfache Antwort, indem ich es bin.
Mehr ist es nicht und mehr wird es auch nie als eine Haltung zu den Dingen, die unser Glück ausmachen.
Also sollte es doch eigentlich ganz einfach sein, glücklich zu werden, in dem wir uns an dem freuen, was uns glücklich macht. Doch wäre es vermutlich nicht menschlich, wenn sich dem nicht wieder viele Dinge entgegenstellten.
Bauen wir uns Hindernisse zum Glück, um nicht glücklich zu sein?
So wir unser Glück an Dinge knüpfen, die wir nicht beeinflussen können, liegt es nicht mehr in unserer Hand, ob wir glücklich werden. Dann überlassen wir es denen, die darüber entscheiden können oder noch komplizierter, wir überlassen es dem Zufall, ob wir uns für glücklich halten oder nicht.
Eigentlich ist es völlig unsinnig, sein Glück an einen bloßen Zufall zu hängen oder auf diesen zu vertrauen. Dennoch spielen Millionen Menschen Glücksspiele oder Lotto, bei denen sie viel Geld für den möglichen Eintritt eines von aller Vernunft unabhängigen Ereignisses einsetzen. Das daran geknüpfte Glück hängt dabei nicht von ihrem Willen ab.
Wer sich der Möglichkeit beraubt, selbst über sein Glück zu entscheiden, hat damit sein Glück aus der Hand gegeben. Solche Menschen können nur trotzdem glücklich sein, weil sie das zufällige Glück ignorieren oder sich durch nichts unglücklich machen lassen.
Mit etwas Abstand in Ruhe betrachtet aber, wird deutlich, warum so wenige Menschen glücklich werden und dafür so viele an ihrem Unglück leiden, auf das sie keinen Einfluss mehr nehmen können. Sie haben keine Chance von sich aus glücklich zu werden, außer sie ändern ihre Haltung zum Leben und zu sich.
Wer durch den Zufall glücklich wird, sei es im Spiel oder im Leben, macht sich von diesem für seine Zufriedenheit abhängig. Sein Befinden ist damit nicht mehr von seiner Haltung zum Leben abhängig, sondern wird nur von Ereignissen außerhalb seines Einflussbereiches entschieden.
Dass es viele oder mancherorts auch fast alle Menschen so machen, führt nicht dazu, dass ein falsches Verhalten damit richtiger wird und wer mit dem Strom schwimmt, glücklicher ist. Leichter haben es sicher immer diejenigen, die sich gut anpassen können und sich unauffällig in der Masse treiben lassen.
Wer selbst denkt und sich ernsthaft fragt, was macht mich dauerhaft glücklich und wie werde ich es überhaupt, hat es schwerer als jene, die ihr Glücksempfinden an der Mehrheit ausrichten.
Welchen Grund könnte es geben, es sich bei der Frage nach dem Glück, schwerer zu machen als die meisten anderen?
Wer sich die Frage stellt, ist sich schon des relativen Charakters allen Glücks bewusst und wird damit den folgenden Fragen ohnehin nicht mehr entkommen. Wenn aber etwas ist, und sei es nur als Idee in unserem Bewusstsein, stellt sich nicht mehr die Frage, wie werde ich es los, sondern wie werde ich, mit dem was ist, glücklich.
Betrachte ich die Erfolgsquote des Zufalls und die Abhängigkeit seines Eintritts von Dingen außer mir, relativiert sich die Schwere der Fragen gemessen am möglichen Erfolg. Ob ein zufälliges Glück eintritt, ist zwar mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit berechenbar, doch, egal wie ich mich nun verhalte, nicht beeinflussbar.
Dagegen ist die Haltung zum Leben eine Frage derselben und kein Zufall mehr. Unabhängig von dem, was ohne meinen Einfluss geschieht, kann ich so eine Position finden, die mich möglichst glücklich macht.
Was in meiner Hand liegt und mich unabhängig vom Zufall macht, verspricht Dauer und einen vernünftigen Weg zum Glück. So komme ich, gegen das Verhalten der Mehrheit und deren Meinung zu dem Schluss, dass wie glücklich ich bin, allein von meiner Haltung abhängt, was ich ja schon oben feststellte, dass Glück also machbar ist, wenn ich es will.
Wenn ich nun weiß, es kommt auf meine Haltung an, fragt sich, welche mich am ehesten glücklich macht, welche Dauer verspricht und welche das Glück am längsten noch hält. Über die letzten beiden Punkte will ich in eigenem Kapitel jeweils nachdenken, weil ich sie für ziemlich wichtig halte auf dem Weg zum Glück durch die Zeit.
Auf die Frage, was wen glücklich macht, habe ich keine Antwort für alle. Jeder kann sich selbst aussuchen, woran er sich freuen will und wie er seinen Alltag so gestaltet, sein Glück möglichst intensiv zu genießen.
Wichtig dabei scheint mir, das Leben als einen Prozess zu begreifen, der sich ständig ändert und der an sich erstmal, egal was ist, keinen bestimmten Wert und kein konkretes Ziel hat, sondern diesen von uns bekommt, je nachdem, wie wir es betrachten.
Wer Cluburlaub mit Party-Spaß und Unterhaltung bucht, wird mit einer stillen, abgelegenen, einfachen Pension, die nichts bietet als himmlische Ruhe, selten glücklich werden. Umgekehrt wird, wer seine Ruhe möchte, kaum einen solchen Spaß-Urlaub buchen wollen.
Wer in der Großstadt lebt, sich aber eigentlich mehr nach dem ruhigen Landleben sehnt, wird es schwerer haben mit dem glücklich zu sein, was um ihn ist.
Diejenigen, die klassische Konzerte lieben, werden sich seltener für Rockkonzerte begeistern, während umgekehrt alle, die es eher hart und wild mögen, sich in einem typischen klassischen Konzert langweilen werden.
Unsere jeweilige Leidenschaft für etwas, können wir noch mit unserer Haltung dazu gut beeinflussen - so mag ich beides jeweils zu seiner Zeit und am richtigen Ort, freue mich aber auch an gelegentlichen Überschneidungen, wenn etwa im Keller der Bar nebenan plötzlich eine Geige oder ein Cello erklingen, statt der sonst E-Gitarren und des immer Schlagzeugs.
Dieses Crossover gibt es auch im Bereich der Klassik, wenn etwa die Cellisten der Berliner Symphoniker, Songs von Rockgrößen spielen oder ein Opernstar einfach mal Schlager singt und viele mögen das gern, wenn sich sonst getrennte Bereiche ausnahmsweise mischen, wie sich etwa auch an der Ausgelassenheit bei der Last Night of the Proms in London jedes Jahr wieder zeigt, in denen die Besucher der Promenadenkonzerte und viele andere mehr oder weniger illustre Gäste eine Party feiern, die mit vielen Gebieten von Klassik bis Moderne spielt.
Auch ganz eigentlich Grässliches kann Kultcharakter entwickeln, wie etwa Florence Foster Jenkins, die wirklich nicht singen konnte, deren teuer produizierte Aufnahmen aber Kultcharakter inzwischen haben.
Es ist ziemlich bunt und vielfältig, was Menschen um die Welt so schön finden und sich schmecken lassen - wer noch nie tibetischen Yak-Tee getrunken hat, dem wird beim ersten Schluck dieses nach ranziger Butter schmeckenden Gesöffs speiübel werden, während es für viele Mönche und andere ein Hochgenuss und das beste Heilmittel ist.
Ist es leichter, glücklich zu sein, wenn wir an allem neugierig etwas finden können oder lieber in dem Rahmen bleiben, den wir für gut befunden haben?
Ist eine Abweichung ein Glück oder ein Unglück?
Manche lieben Überraschungen und brauchen das ständige emotionale auf und ab, um sich zu spüren. Andere haben lieber Sicherheit und Kontinuität, um glücklich zu sein. Insofern ist Glück wohl auch einfach Geschmackssache.
Jedoch können wir je nachdem, für was wir uns entscheiden, unterschiedlich viel Einfluss auf diesen Zustand nehmen und unser Leben danach selbst bestimmen, sind also frei, während alle, die auf Überraschungen setzen, immer von diesen abhängig sind und unberechenbar bleiben, ihr Glück ist dann zufällig.
Schaue ich mir diese Argumentation bis hierher an, könnte es scheinen, als mache nur die langweilige Berechenbarkeit glücklich während Spontaneität eher Gefahr liefe, unglücklich zu machen, weil sie unberechenbar ist.
Dabei sind es doch so oft gerade die spontanen Aktionen, die so schön sind und die dann überraschend zum Genuß werden, gerade da, wo wir es am wenigsten erwarten. Immer der gleiche Rhythmus erscheint dagegen den meisten eher ermüdend, auch wenn er die größte Garantie für eine Kontinuität des Glücks gäbe, dächten wir es konsequent.
Habe die ziemlich starke Vermutung, dass es, wie immer, nur um den goldenen Mittelweg geht, der sich irgendwo dazwischen befindet. Einen Plan haben und diesem folgen, gibt Sicherheit und kann insofern auch glücklich machen. Mit allen Plänen auch mal brechen können, um das Glück des Augenblicks zu genießen, ist ein Weg zu großem Glück in diesen oft gut erinnerten Ausnahmefällen.
Kommt es also auf die Ausnahme oder die Regel eher an bei der Suche nach Glück, wenn wir schon feststellten, dass Glück hauptsächlich eine Frage der Haltung ist?
Für mich wird es immer die Sicherheit im Plan sein, die eine Ausnahme auch zulässt, um sie zu genießen. Andere leben gern den permanenten Ausnahmezustand, frage mich dann immer, wie sie das genießen können und was für sie dauerhaftes Glück ist, aber vielleicht ist das auch einfach nie ein Kriterium für solche Menschen.
Spannender ist die Frage, wie Menschen ihre jeweiligen Wege zum Glück miteinander vereinen können. Wer immer etwas machen will und Überraschungen liebt, wird sich mit denen, die lieber in der Ruhe selbst bestimmen, was sie glücklich macht, auf Dauer nur schwer verstehen können. Den einen ist die Ruhe zu langweilig, dem anderen wiederum die Unruhe zu unruhig.
Vereinen müssen sich zwei Wege, wenn zwei meinen, sich zu lieben und ein Leben teilen wollen. Ob das geht und was dabei Glück ausmacht, ist eines der größten Rätsel bei der Suche nach dem Glück, wie überhaupt in der Liebe zugleich gesteuertes und zufälliges oder zumindest von uns unabhängiges Glück zusammenkommen, um für uns, wenn wir sie gefunden zu haben meinen, das schönste Glück zu sein.
Liebe ist ziemlich komplex, die natürliche und durch Hormone gesteuerte Anziehung mischt sich mit geistigen Wünschen, Träumen und Ansprüchen, die wir gern als Hoffnungen verklären. Wer sie schon mal glücklich verliebt hat, wird nichts mehr für höher halten. Dagegen weiß jeder, der richtigen Liebeskummer schon hatte, wie verflucht unglücklich und hässlich sie das Leben auch machen kann.
Mit Liebeskummer scheint alles grau und grässlich, während die Welt verliebt bei jedem Wetter himmelblau und zauberhaft uns vorkommt. Beides entspricht natürlich nicht der Realität sondern ist eine Vorspiegelung unseres jeweiligen Zustandes, der uns die Wirklichkeit eben so oder so wahrnehmen lässt.
Verliebt sein macht glücklich. Liebeskummer macht umgekehrt unglücklich. Dennoch hängt das Eintreten des einen oder anderen nicht nur in unserer Hand sondern eben auch vom Zufall und einem anderen ab, auf den wir nur bedingt Einfluss überhaupt je haben. So gesehen ist Liebe eigentlich nie geeignet auf Dauer glücklich zu machen, vor allem ist es nichts, auf das wir irgendwie sinnvoll dabei Einfluss nehmen könnten, weil es eben um ein irrationales Gefühl geht, was wir für das größte Glück des Lebens halten und unser von der Natur darauf getrimmter Körper uns dies auch gehörig noch vorspielt.
Um die Kontinuität in der Liebe zu gewährleisten, gibt es Institute wie die Ehe und die Kirchen, die Scheidung als Sünde bezeichnen. Doch wirkt jeder Zwang in der Liebe eigentlich kontraproduktiv, ist die erzwungene Liebe wertlos und der staatliche Rechtstitel eines Ehepaares eigentlich nur der Beweis dafür, dass die Liebe allein nicht stark genug war, ein Leben ohne Sicherheitsgurt miteinander zu teilen.
Liebe und Glück philosophisch und vernünftig zu betrachten, scheint mir ziemlich kompliziert und oft fern der Realität.
Mein Großvater sagte gerne, wenn es soweit ist, sitzt das Hirn im Hintern und hilft schieben. Dieser Spruch wurde zum geflügelten Wort in meiner Familie für alle völlig unvernünftigen Entscheidungen aus Liebe oder Trieb, wenn wir das denn wirklich unterscheiden können und wollen.
Wir handeln, wenn wir lieben, gern unvernünftig und tun vieles, was uns nicht gut tut, aber dennoch wunderbar erscheint. Manches bereuen wir, wenn die Liebe doch nicht hält, was sie verspricht, anderes wird, so es in seltenen Fällen hält, zur romantischen Sage einer Liebe. Vernünftig wird es dadurch nicht, aber solange es Teil des bestehenden Glücks ist, wird uns das egal sein.
Insofern wir mit denen, die wir lieben, viel Zeit verbringen, ist das Glück in der Liebe schon entscheidend für unser Glück oft und das obwohl es von so vielen dummen Zufällen und Launen abhängt, fern aller Vernunft steht, nur zu einem kleinen Teil Produkt unseres Verhaltens ist.
Ob das heute gut so ist, wäre der Frage wert. Montaigne war verheiratet, liebte seine Frau auch, aber schrieb in manchem auch über sie wie Sokrates über die seine, wenn auch mit mehr französischem Charme und überließ ihr weitgehend die Führung seiner Güter, die ihn nicht sonderlich interessierte. Doch er hatte Geliebte liebte die Frauen, die Lust und die Liebe mit Leidenschaft. In der Ehe fand er jedoch, auch da ganz Kind seiner Zeit der Renaissance, habe die Leidenschaft weniger zu suchen, so habe der eheliche Beischlaf eher eine Pflichtübung als ein Lustakt zu sein.
Auch wenn ich Montaigne sonst sehr schätze, könnte ich mir das schwer vorstellen - eine Ehe in der Sex und Lust nur Pflicht sind, scheint mir noch überflüssiger. Aber vielleicht ist dieser Gedanke dennoch relativ weise, weil er die Ehe und den ehelichen Beischlaf, der als Vollzug der Ehe ein Recht der Partner war, auch wenn dieses nicht mehr einklagbar ist, als das offenbart, was es ist, eine schlicht reizlose Pflichtübung ohne Leidenschaft schon aus ihrer Konstruktion heraus, was so gerne geleugnet wird, aber nur weiß, wer die Lust kennenlernte.
Diese Fehlkonstruktion kann heute die Liebe als Heiratsgrund manchmal eine zeitlang auffangen, doch auch das nur bedingt erfolgreich und selten auf Dauer, die verordnete und legitime Lust ist eben flüchtig, sie bleibt nur theoretisch. Warum sich noch mehr Frauen als Männer der Illusion hingeben die Ehe sei etwas wunderbares und ein Lebensziel, kann ich nur rätseln. Vermute aber es hängt mit einer ohnehin unbefriedigten oder unentdeckten Sexualität zusammen, die dann im Umkehrschluss mit der so gewonnenen Sicherheit aufgerechnet wird. Kurz gesagt, wenn sie schon Sex haben müssen, dann wollen sie zumindest Sicherheit dafür erkaufen. Warum Männer heiraten wollen, wird mir immer mehr ein Rätsel heute.
Dennoch und wider alle Vernunft, wollte auch ich immer wieder, wenn ich verliebt war, heiraten und das gerne auch ganz romantisch, weil ich eben ein Romantiker bin und auch auf die nur durchschnittlichen und ewig imitierten Muster der Liebe hereinfalle. Es war dann immer der Traum vom Glück für mich und ich habe mich diesem Traum folgend auch dreimal verlobt, obwohl oder vielleicht gerade weil manche nüchtern betrachteten Tatsachen eigentlich gegen den Erfolg dieses ewig erhofften Glücks sprachen.
Insofern kann ich meinem Grotepater genannten Großvater nur Recht geben, im richtigen Moment, dachte ich nicht mehr vernünftig kritisch sondern ließ mich vom Gefühl wie in anderen Fällen vom bloßen Trieb zu unsinnigen Dingen treiben. Dabei habe ich es immer ernst gemeint und genau so gewollt, dachte es wäre auch vernünftig der Liebe durch das Versprechen der Ehe Dauer oder so etwas wie Ewigkeit zu geben.
Weiß nicht, ob dieses eigentlich unvernünftige Verhalten Folge der Triebe ist, also das Hirn im Hintern sitzt und schieben hilft, weil ich einen dauerhaften Sexualpartner sichern will oder auf den schönsten Sex hoffte, mich fortpflanzen noch möchte, was ich bei Bewusstsein als Grund alles abwegig fände, oder erlernt aus der Familie ist, in deren Tradition ich auch stehe, weil Familie und ihre Gründung für mich von Kindheit an ein Wert war, den ich weitergeben wollte.
Dazu kommt noch diese etwas unklare Vermischung von Gefühl und Trieb in der Liebe. Wir neigen dazu die Liebe heilig zu sprechen und der Lust nur eine Nebenrolle zu geben, auch wenn es in der Bedeutung für ein glückliches Zusammensein durchaus auch umgekehrt sein könnte. Sie sind durchaus trennbar, was gut funktionieren kann, wie Millionen Männer beweisen, die Hure besuchen, dafür Unsummen bezahlen und anschließend mit schlechtem Gewissen heimlich nach Hause kommen und den braven Gatten geben. Es kann nur diese Dialektik sein, die Männer dazu treibt, zu hoffen bei Huren Erfüllung und Spaß zu finden, bei etwas, was eigentlich nur geteilt schön sein kann und nicht gekauft. Vernünftig bedacht, wüsste es jeder und ließe es besser, dennoch haben Huren und ihre Existenz vermutlich mehr Ehen gerettet als alle Paarberater.
Die Liebe als das große Glück im Leben ist zugleich das komplizierteste, weil wir uns meist völlig unvernünftig verhalten, es von zweien und von vielen Zufällen abhängt, so flüchtig ist wie hinfällig und dem wir durch die Formen nur einen Rahmen geben, der weniger mit dem Gefühl zu tun hat als unserer Angst vor der Freiheit. Es gibt gute Gründe der Liebe gegenüber misstrauisch zu sein, was das Glück angeht und Montaigne hat wie Lukrez und auch Epikur völlig Recht, wenn sie vor zu großer Leidenschaft warnen, auch wenn letztere nun gerade keine Stoiker waren, sondern das Streben nach Lust ja gerade gut hießen, wie Montaigne im übrigen auch, der so gern von sich sagte, wie sehr er es liebe den Menschen gegenüber, denen das Wort Lust so zuwider ist, es bis zum Überdruß zu widerholen.
Wo Liebe und Lust sich finden, ist es ein Glück und sollte genossen werden, denke ich, wo nicht, sollten wir uns fragen, warum wir es verlängern oder diesem durch Heirat noch Dauer geben wollen, außer die übrigen Komponenten, die uns glücklich machen, wiegen so schwer, dass wir die Lust darüber vergessen können - leider ist es in den meisten Fällen der Eheschließung umgekehrt und baut dabei auf immer Illusionen. Die Menschen heiraten aus lauter Verliebtheit, halten den Verlust an Lust für verschmerzbar, die werden schon kommen oder wiederkehren, bis sie merken, dass der Lustverlust eine natürliche Folge der Ehe ist, dann ist es entweder zu spät und Scheidung zu teuer, dann setzen sie eben scheinbar andere Prioritäten oder lassen sich heute wieder scheiden, ohne dabei vernünftig nachzudenken, ob da nicht ein Zusammenhang zwischen Lustverlust und formaler Verbindung bestehen könnte, der relativ logisch ist und wie sie diesen umgehen könnten durch fremde oder neue Lust.
Trotzdem werden viele Menschen weiter von Ehe und Familie träumen und sich das dauerhafte Glück erhoffen und je niedriger die Ansprüche dabei, desto höher sind die Chancen, spät aus dieser Illusion zu erwachen.
So hat es etwa bei meiner Großmutter bis über das 80. Lebensjahr gedauert, als mein Großvater schließlich mit 87 verstarb, fand sie leider die Briefe, die der Trottel nicht vernichtete und die er an seine Geliebte vor 30 Jahren geschrieben hatte, die noch dazu seine Sekretärin war und ihn also fast so häufig sah wie sie ihren geliebten Gatten. Damit brach das große Liebesglück das beide über 50 Jahre nach außen hin zelebriert hatten für sie zusammen und sie verfiel für eine Zeit in Depressionen, bis sie irgendwann die Demenz daraus wieder gnädig befreite.
War es ein Glück für sie noch die Wahrheit vor ihrem Tod in Sachen der Liebe erfahren zu haben?
Ich glaube nicht, besser hätte er die Briefe noch vernichtet, statt sie ihr zuzumuten. Glaube wirklich, dass die beiden sich sehr geliebt haben, auch wenn er eine Liaison mit seiner Sekretärin hatte. So etwas kommt in den besten Familien vor und hat schon manche Ehe gerettet.
Ihr Wissen hat sie nicht glücklicher gemacht als die Illusion mit der sie gelebt hatte bis über 80 und mit der sie auch noch das nächste dutzend Jahre, die ihr noch blieben gut überstanden hätte. Um so dementer sie wurde und dies Unglück wieder vergaß, desto mehr sprach sie wieder von ihrer glücklichen Ehe und ihrem wunderbaren Mann.
So leben wir wohl mit manchen Illusionen gerne, so lange wir uns glücklich fühlen und gerade in der Liebe fragt sich, was soll Illusion und was Wahrheit überhaupt sein.
Bin meinem Großvater genetisch sehr nah verwandt glaube ich. Wollte ich es böse sagen, hieße das, ich habe keine meiner Beziehungen nicht irgendwann mit einer anderen mal, wenn mich die Lust trieb, betrogen, formuliere ich es verständnisvoller und dem Leben näher, sagte ich, mancher Irrweg hat schon meinen Beziehungen mehr Dauer gegeben.
Damit habe ich meine jeweils Frauen nicht weniger geliebt, vielleicht war ich ihnen innerlich sogar treuer und verständnisvoller dadurch, als ich es ohne Geliebte je gewesen wäre. Karl Kraus hat einmal gesagt, wer seine Geliebte auch Geliebte nenne, müsse den Mut haben, seine Frau Ungeliebte zu nennen. Das halte ich für dummes Zeug. Es gibt verschiedene Ebenen der Anziehung und Liebe und nicht jede passt in jedem Moment in allem und dennoch ist es ganz natürlich und gut, auch seiner Natur zu folgen, es muss nur bei beiden, wenn sie ein Paar bleiben wollen, mit Würde und Achtung geschehen und der Rest sollte Schweigen sein.
Aber bevor ich nun weiter in der Liebe und den Formen der Beziehung als Weg zum Glück ausschweife, ein wirklich zu weites Feld und unendliches Kapitel, wie es ja auch die liebe Effie Briest erfahren musste, zu der ihr Vater immer diesen Spruch sagte und auch Toni Buddenbrook ist da ihre Wege weit gegangen, komme ich lieber endlich zum Schluss für heute. Auch die Liebe kann ein Glück sein, es ist meist ziemlich kompliziert, was wohl in unserer Natur liegt, warum glücklich ist, wer es gelassen zu genießen lernt, statt gegen seine Natur zu kämpfen, die doch immer ist, wie sie eben ist.
jens tuengerthal 20.12.2016
Montag, 19. Dezember 2016
Gretasophie 003a
003a Was ist Glück überhaupt
Glück ist so vielschichtig wie der Mensch, als Erfüllung und Ziel menschlichen Strebens und Wünschens, ist es so bunt wie die Menschheit. Es kann ekstatisch und orgiastisch sein oder friedlich und ruhig, sogar für den gleichen Menschen, kann es im Laufe seines Lebens ganz unterschiedliches sein. Manche halten es für eine Wendung des Schicksals, die sie dann sogar höheren Mächten zuschreiben, denen sie dann für ihr jeweiliges Glück danken. Oft wird Glück als eine zufällige Wendung gesehen, die eben am Zufall oder dem geglaubten Schicksal hänge.
Viele meinen Glück, sei nicht von Dauer sondern immer nur ein glücklicher Moment wie ein Höhepunkt, der Gipfel eines Lebens, der durch harte Arbeit erklommen wird und dann doch letztlich nicht mehr vom Willen des so Beglückten abhängt. Für sie ist Glück der Augenblick, den wir schätzen und von dem Goethe noch sagte, er sei so schön und darum hoffte, er möge doch verweilen.
In die amerikanische Verfassung hat das Streben nach Glück dank Thomas Jefferson gefunden, dem eifrigen Leser von Lukrez, der sich in manchem auch als Epikuräer sah. Dort wurde das sogenannte Pursuit of happiness ein individuelles Freiheitsrecht. Dies war zur Zeit der Gründung der USA als in Europa und an vielen Orten sonst in der Welt noch gottgewollte Monarchen absolutistisch herrschten, eine radikale Neuerung, die den Weg der USA als Land der Freiheit prägen sollte. Zumindest bei den Mitgliedern der damaligen Boston Tea Party, einer Bewegung revolutionär gesinnter, liberaler, vielfach Freimaurer, herrschte noch dieser Geist vor und ihr Streben sich eine möglichst gute Verfassung zu geben, was immer nun daraus wurde und wird.
Das Wort „Glück“ kommt aus dem mittelniederdeutschen von gelucke/lucke oder dem mittelhochdeutschen gelücke/lücke. Es bedeutete die Art, wie etwas endet oder ob es gut ausgeht. Glück war der günstige Ausgang von etwas, wenn es denn gut ausging. Voraussetzung war weder ein bestimmtes Talent noch eigenes Zutun.
Der Volksmund meint dagegen jeder Einzelne sei auch für die Erlangung seines Lebensglück verantwortlich: „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Die Fähigkeit zum Glücklichsein hängt in diesem Sinne außer von äußeren Umständen auch von individuellen Einstellungen und von der Selbstbejahung in einer gegebenen Situation ab. Danach wäre Glück auch eine Frage der Haltung zu den Dingen, wie es auch die Epikuräer und der gute Lukrez sagten, die das Streben nach Lust, was für sie Glück war, als menschliche Natur sahen.
Heute bereits hat die Hirnforschung enorme Fortschritte darin gemacht, zu sagen, was biologisch Glücksgefühle auslöst. Ganz großen Einfluss haben danach die Endorphine und Oxytocin sowie die Neurotransmitter Dopamin und Serotonin, die unser Gehirn bei unterschiedlichen Aktivitäten frei setzt. So etwa beim Essen, beim Sport, bei der völligen Entspannung und beim Sex.
Wir wissen also, dass bloße Chemie unseren Gemütszustand verändern kann, den wir immer eher für eine geistige Frage eher hielten. So meinen wir immer noch, es sei Liebe oder andere große Gefühle, die uns zu etwas bewegten, in einen seligen Zustand brächten, der in seiner Wirkung bloßes Produkt einer nur chemischen Reaktion ist.
Gibt es also eine chemische Formel für Glück, die uns mit dem richtigen Cocktail schon glücklich machen könnte?
Ist eine Welt denkbar, wie sie Stanislaw Lem in seinem genialen Futurologischen Kongress als Zukunftsvision beschreibt, in der Menschen alles ganz toll und schön finden, wenn sie nur die richtige Gasmischung permanent einatmen, die sie auf diesem Trip hält?
Es scheint komplizierter noch zu sein, zwar spielen die ollen Neurotransmitter wohl eine Hauptrolle für unser Glücksempfinden aber alleine wirken sie auch nicht, sondern nur in einem ganz komplexen Gewebe von Reaktionen, die erst zusammen zum großen Glück führen und uns einen Zustand als ganzes Wesen so empfinden lassen.
Die Erkenntnisse der Hirnforschung haben uns Medikamente entwickeln lassen, die gegen Depressionen helfen, sogenannte Psychopharmaka, oder bestimmte Zustände vermeiden können, aber sie greifen nur an einen Teil eines komplexen Gewebes und wirken zwar auch teilweise verändernd auf die Persönlichkeit aber noch sind wir weit davon den ganzen Menschen und all die in ihm wirksamen Einflüsse zu begreifen. So können wir noch nicht sicher sein, ob das eine oder andere nicht noch andere Reaktionen hervorruft, von denen wir noch nichts ahnen, weil die Milliarden Verbindungen zu komplex sind, eine immer einheitliche Aussage zu treffen.
Auch in der Welt der Drogen wird immer wieder versucht an diese Neurotransmitter und andere Glücksstoffe anzugreifen, um Glücksgefühle mit Drogen auszulösen. Dies gelingt auch, warum sie die Konsumenten high fühlen und Glück empfinden, obwohl sie sich eigentlich schaden und vom Glück als Freiheit und Sache ihrer Natur entfernen. Die Sucht ersetzt dann das natürliche Glücksgefühl, das sie nur für einen Moment imitieren sollte und gibt den Konsumenten das Gefühl dadurch befriedigt zu sein.
Ist natürlich Unsinn, weil es keine natürliche Befriedigung ist und auch kein dauerhaftes Glücksgefühl auslösen kann, sondern nur einen künstlichen Abklatsch davon, mit üblen gesundheitlichen Folgen und dem ganzen Rattenschwanz, der an legalen oder illegalen Drogen noch dranhängt.
Wie die Medikamente, gibt es für die Zeit der Wirkung kurze Glücksgefühle, die funktionieren lassen, solange es nötig ist, was in einer Leistungsgesellschaft von Vorteil sein kann, warum in bestimmten Kreisen etwa auch viel Kokain konsumiert wird, weil sich die Leute dabei toll fühlen, solange sie es kriegen und wie irre leistungsfähig brennen, was dann die übliche Spirale der Sucht schnell auslöst.
Am Anfang aber steht auch die Suche nach Glück, dass dadurch künstlich hergestellt und vermehrt werden soll. Beim Menschen hat sich die Suche nach Glück, wie Drogen und lustige Varianten beim Sex und in anderen Gebieten zeigen, von der ursprünglichen schlichten Belohnung für Verhaltensweisen gelöst und sich verselbständigt. So können wir uns schon Glücksgefühle für nichts eigentlich verschaffen, ohne Grund völlig euphorisch werden, was an die erste Reihe bei Konzerten von Teenie-Stars denken lässt, in denen eine kreischende Menge schwankt.
Auch im Staat wird danach geforscht, was die Bürger glücklich macht und führende Forscher meinen das Zusammenspiel von Bürgersinn, sozialem Ausgleich und Kontrolle über das eigene Leben seien das magische Dreieck des Wohlbefindens in einer Gesellschaft. Je besser die drei Faktoren erfüllt sind, desto zufriedener sind die Menschen und damit glücklicher.
Die Hirnforschung hat nun festgestellt, dass manche freudige Reaktionen des Körpers, dem bewussten Gefühl im Gehirn vorausgehen. Unser Körper Reaktionen zeigt, bevor wir wissen warum und so manchmal schneller weiß, was uns glücklich macht als unser Gehirn. So scheint es, als wüsste der Körper manchmal in seinen Reaktionen mehr als der Verstand weiß, als stimmte der Satz von Blaise Pascal, “das Herz hat Gründe, welche die Vernunft nicht kennt”, mit der neuesten Forschung völlig überein.
Spannend könnte hier, wenn wir uns noch mit der unsäglichen Seele beschäftigten, die Frage sein, ob die rein körperliche Glücksreaktion, ohne bewussten Akt im Hirn, dann ist, was manche Seele noch nennen oder das genaue Gegenteil, aber das fiel mir nur gerade so nebenbei ein. Sagen doch manche die Seele stecke im ganzen Körper, nicht nur im Hirn, ist sie dann die bloß physiologische, biochemische Reaktion auf bestimmte Reize oder brauchte sie Bewusstsein und also Hirn?
Manche, wie etwa der Dalai Lama, meinen, Glück sei durch bewusste Hinwendung des Geistes zum Glück erreichbar. Dafür praktizieren sie ihre Meditationen als Weg zum Glück. Solche sind nicht nur bei tibetischen Mönchen beliebt sondern finden sich auch beim Yoga und und anderen Formen der Selbstfindung, wie sie in unserer Kultur gerade so Mode sind, die oft überbezahlten und unterbeschäftigten Mütter in meinem Kiez in Form zu halten, weil sie ein verbreitetes Gefühl und eine Suche ansprechen. Der Dalai Lama ist quasi der Papst der tibetischen Buddhisten, dessen Auswahl schon magischen Ritualen folgt, die einem vernünftigen Menschen die Auswahl für den höchsten Posten im früheren Tibet, bevor es die Chinesen besetzten, als eher reines Glücksspiel erscheinen lassen könnte, auch wenn es für sie eine Demut gegenüber dem höheren Willen, der sich darin zeigt bedeutete.
Auch die Philosophenschulen der Antike entwickelten bei der Suche nach größtmöglicher Gelassenheit, welche für sie das höchste Glück war, Techniken um Affekte wie Eifersucht, Zorn Habgier oder Todesangst zu überwinden. Am konsequentesten auf das eigene Glück und seine Erfüllung ausgerichtet waren die Epikuräer, die auch konsequent weder Tod noch Krankheit fürchteten, sondern den heutigen Konstruktivisten gleich, in jeder Situation das beste zu finden suchten, um glücklich zu sein.
Interessant ist dabei, was Epikur auf die Frage nach dem Glück antwortet, das für ihn ein Käse, ein Brot und Wasser oder Wein wären, also die Stillung der grundlegenden Bedürfnisse und kein übermäßiger Luxus. ‘Slow food’ oder ‘weniger ist mehr’ sind auch Bewegungen, die heute in diese Richtung gehen, auf die seltsame Einsiedler schon seit tausenden von Jahren aufmerksam machen.
Glück ist danach weniger die große Euphorie gerade das eine zu erreichen, wie es Leistungssportler kennen, die auf den Punkt trainieren, sondern eher ein dauerhafter Zustand zufriedener Gelassenheit, der nicht an schwer zu erreichende Ziele geknüpft wird, sondern sich mit wenig im Alltag zufrieden gibt und dabei glücklich in sich ruht.
Dieser Zustand von Glück ist keiner der aufschreit und jubelt, sondern eher einer der zufrieden vor sich hin grinst. Wir Menschen haben aber scheinbar oft beides in uns. Das merken wir schon beim Sex, wo wir nach dem Höhepunkt streben, um glücklich zu sein, für den Bruchteil einer Sekunde, die er dauert und die Zufriedenheit danach.
Guter Sex wirkt auch mal einige Stunden befriedigend in der Erinnerung des Körpers nach, aber auch das, wie ich heute weiß, für die meisten Menschen seltene zusammen Kommen, dauert nur wenige Sekunden, wenn überhaupt so lange und ist auch nur viel Lärm um das Nichts einer temporär eben gleichzeitigen Erschlaffung der Nerven, die auch ich lange völlig überschätzte.
Ist Glück in der Liebe guter Sex oder eine entspannte Beziehung ohne Stress und bei der sich beide gegenseitig so glücklich machen, wie sie es eben können?
Früher hätte ich immer gesagt, es gehört zusammen, heute halte ich Sex immer mehr für eher überschätzt, nett zwar, wenn es funktioniert, aber auch keine notwendige Komponente des Glücks sondern nur eine Variante Glück miteinander zu leben, die desto wahrscheinlicher wird, je weniger wir davon erwarten.
Nähe, Wohlgefühl und erholsamer Schlaf, sowie reger geistiger Austausch ist für mich inzwischen wichtiger als der ultimative Sex, der auf Dauer ohnehin meist viel von seinem Reiz verliert, da viel davon auch logisch der Reiz des Neuen noch ist.
Eine Hochzeit ist also ein Versprechen auch gegen die Natur, die immer wieder neue Reize sucht, aneinander festhalten zu wollen. Ob dies sinnvoll ist, weiß ich nicht zu sagen, da ich noch nie verheiratet war. Andererseits war ich lang genug in dauerhaften Beziehungen auch immer wieder, dass ich mir ein Urteil über die natürliche Entwicklung dabei zutraue.
Sich gegen die Natur etwas zu versprechen, ist offensichtlich eigentlich Unsinn. Die Liebe oder zumindest das Versprechen füreinander noch für stärker zu halten, als den Trieb, der ganz natürlich den neuen Reizen immer gerne folgte, zeugt zumindest von hehren Absichten. Die Ehe ist also nicht nur toll sondern immer auch ein sich überwinden gegen die eigene Natur, auch wenn viele Frauen die durchgehende Neigung haben, diese konsequent zu leugnen, vielleicht auch um mit der Macht des schlechten Gewissens ihre moralisch schwächeren Männer zu fesseln.
Ob die Ehe, die manche gern als Hafen des Glück bezeichnen, dies tatsächlich mehrt oder nur eine Krücke der eigenen Feigheit und der Angst vor der Einsamkeit ist, weiß ich nicht klar zu sagen. Vermutlich hat sie von beiden Seiten etwas und damit die Eheleute nicht lange ständig überlegen, ob die Bilanz positiv oder negativ ist, hat sich der Staat hier entschlossen, die Trennung der Ehe kostspielig und aufwändig zu machen.
Ob dies die Dauer und die Stabilität von Beziehungen erhöht oder nur den Verdienst von Anwälten in die Höhe treibt, zu fragen, könnte böswillig als gegen die Ehe gerichtet gewertet werden, allerdings weiß ich auch wirklich nicht mehr, was dafür spricht, sich seine Liebe vom Staat bescheinigen zu lassen, sehen wir von den steuerlichen Vergünstigungen und ähnlichen Fragen einmal ab.
Die Ehe erhöht statistisch die Überlebenschancen der Beteiligten, ob dieses meist auch divergente Zusammenfinden zweier Wesen, die schon hormonell von zwei Planeten zu kommen scheinen, im gegenseitigen Verständnis ohnehin, damit auch das Glück der Beteiligten in Summa erhöht, scheint mir mehr als fraglich.
Als Versorgungsgemeinschaft hat die Ehe leider relativ ausgedient, auch wenn sie dafür das geeignete Modell war und ihre noch heutige rechtliche Konstruktion genau diesem Modell entspricht. Warum heute beide meinen Glück hinge davon ab, sein eigenes Geld zu verdienen und keine Gemeinschaft im ganzen zu bilden, habe ich noch nie verstanden, als sei Geld ein Glücksfaktor an sich und nicht nur Mittel zum Zweck, das im Falle seines Vorhandenseins meist eher ängstlich und viele unglücklich macht. Darüber kann ich gut reden, da ich mich schon seit Jahren relativ erfolgreich darum bemühe, auch ohne glücklich zu sein.
Was noch übrig ist von der Ehe ist die konservative Pflege von Traditionen, die nur aufgrund der fortgesetzten Diskriminierung anderer Lebensformen noch gewisse rechtliche Vorteile hat, die verfassungsrechtlich allerdings schon mehr als fragwürdig wären im Sinne des Gleichheitssatzes.
Ob es neue zeitgemäßere Formen der Liebe braucht, um auf Dauer glücklich zu bleiben als die Ehe, könnte wichtig werden, wenn wir dazu kommen, dass Hochzeit als Ding überhaupt einen Wert für das Glück darstellt oder nicht nur der natürliche und logische Anfang eines Leidens ist, das mit dem Abnehmen der gegenseitigen sexuellen Attraktion beginnt, was du hast, hast du eben, und der durch die wechselseitige Sorge um den je anderen Versorger aufgrund bestimmter emotionaler oder materieller Bedürfnisse auch noch länger leben und leiden lässt, während andere zeitiger und vor Einsetzen der Verblödung in Ruhe für sich sterben dürfen.
Diese zugegeben etwas zugespitzte Betrachtung der Ehe als Bedrohung nicht nur der Freiheit im Leben sondern auch der im Tod bringt mich im Rahmen Frage nach dem, was Glück ist zu der schönen Geschichte von Solon und Kroisos. Als Solon, der einer der 7 Weisen von Athen war, den sagenhaft reichen König Kroisos besuchte, fragte dieser ihn, wen er für den glücklichsten Menschen halte und ob das nicht er in seinem Reichtum sein müsse. Doch Solon erwirderte, noch glücklicher sei der Athener gewesen, der reich war, wunderbare Kinder hatte, eine Frau, die wunderschön war und ihn liebte und der dann noch als Held für seine Stadt im Kampf fallen durfte, um nun von dieser im Andenken hoch verehrt zu werden.
So zeigt Solon dem unermeßlich Reichen Kroisos, dass auch er nicht alles haben kann, weil das ehrenvolle Andenken der Toten für kein Geld der Welt erworben werden kann, andererseis die Ehre des Helden auch den Nachteil hat, dass wir sie so nicht mehr lebend genießen können.
So bleibt das Glück wohl immer relativ unfassbar nicht nur für jeden ist es anders nach der gerade zufälligen Meinung oder Gesinnung, viel mehr noch ist es, nie von einem vollständig zu erreichen, denn das größte Glück nach seinem Tode als Held des Volkes verehrt zu werden, wie es ja auch Goethe und Schiller, viel mehr noch Heine erging, bekommt keiner lebend geschenkt, so glücklich sein Leben relativ auch war. Wer es hat, ist nicht mehr und was das wert ist, scheint auch mehr als fraglich. So schlecht auch alles gesehen werden könnte, liegt doch darin immer noch mehr als nichts. Wer aber noch ist, hat nie das Glück würdigen Angedenkens und für alle die nicht mehr sind, ist es egal, weil sie ja nicht mehr sind, sie der Tod, der sie ergriff also nichts mehr angeht, solange sie sind und wer nicht ist, den geht ohnehin nichts mehr was an.
jens tuengerthal 19.12.2016
Glück ist so vielschichtig wie der Mensch, als Erfüllung und Ziel menschlichen Strebens und Wünschens, ist es so bunt wie die Menschheit. Es kann ekstatisch und orgiastisch sein oder friedlich und ruhig, sogar für den gleichen Menschen, kann es im Laufe seines Lebens ganz unterschiedliches sein. Manche halten es für eine Wendung des Schicksals, die sie dann sogar höheren Mächten zuschreiben, denen sie dann für ihr jeweiliges Glück danken. Oft wird Glück als eine zufällige Wendung gesehen, die eben am Zufall oder dem geglaubten Schicksal hänge.
Viele meinen Glück, sei nicht von Dauer sondern immer nur ein glücklicher Moment wie ein Höhepunkt, der Gipfel eines Lebens, der durch harte Arbeit erklommen wird und dann doch letztlich nicht mehr vom Willen des so Beglückten abhängt. Für sie ist Glück der Augenblick, den wir schätzen und von dem Goethe noch sagte, er sei so schön und darum hoffte, er möge doch verweilen.
In die amerikanische Verfassung hat das Streben nach Glück dank Thomas Jefferson gefunden, dem eifrigen Leser von Lukrez, der sich in manchem auch als Epikuräer sah. Dort wurde das sogenannte Pursuit of happiness ein individuelles Freiheitsrecht. Dies war zur Zeit der Gründung der USA als in Europa und an vielen Orten sonst in der Welt noch gottgewollte Monarchen absolutistisch herrschten, eine radikale Neuerung, die den Weg der USA als Land der Freiheit prägen sollte. Zumindest bei den Mitgliedern der damaligen Boston Tea Party, einer Bewegung revolutionär gesinnter, liberaler, vielfach Freimaurer, herrschte noch dieser Geist vor und ihr Streben sich eine möglichst gute Verfassung zu geben, was immer nun daraus wurde und wird.
Das Wort „Glück“ kommt aus dem mittelniederdeutschen von gelucke/lucke oder dem mittelhochdeutschen gelücke/lücke. Es bedeutete die Art, wie etwas endet oder ob es gut ausgeht. Glück war der günstige Ausgang von etwas, wenn es denn gut ausging. Voraussetzung war weder ein bestimmtes Talent noch eigenes Zutun.
Der Volksmund meint dagegen jeder Einzelne sei auch für die Erlangung seines Lebensglück verantwortlich: „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Die Fähigkeit zum Glücklichsein hängt in diesem Sinne außer von äußeren Umständen auch von individuellen Einstellungen und von der Selbstbejahung in einer gegebenen Situation ab. Danach wäre Glück auch eine Frage der Haltung zu den Dingen, wie es auch die Epikuräer und der gute Lukrez sagten, die das Streben nach Lust, was für sie Glück war, als menschliche Natur sahen.
Heute bereits hat die Hirnforschung enorme Fortschritte darin gemacht, zu sagen, was biologisch Glücksgefühle auslöst. Ganz großen Einfluss haben danach die Endorphine und Oxytocin sowie die Neurotransmitter Dopamin und Serotonin, die unser Gehirn bei unterschiedlichen Aktivitäten frei setzt. So etwa beim Essen, beim Sport, bei der völligen Entspannung und beim Sex.
Wir wissen also, dass bloße Chemie unseren Gemütszustand verändern kann, den wir immer eher für eine geistige Frage eher hielten. So meinen wir immer noch, es sei Liebe oder andere große Gefühle, die uns zu etwas bewegten, in einen seligen Zustand brächten, der in seiner Wirkung bloßes Produkt einer nur chemischen Reaktion ist.
Gibt es also eine chemische Formel für Glück, die uns mit dem richtigen Cocktail schon glücklich machen könnte?
Ist eine Welt denkbar, wie sie Stanislaw Lem in seinem genialen Futurologischen Kongress als Zukunftsvision beschreibt, in der Menschen alles ganz toll und schön finden, wenn sie nur die richtige Gasmischung permanent einatmen, die sie auf diesem Trip hält?
Es scheint komplizierter noch zu sein, zwar spielen die ollen Neurotransmitter wohl eine Hauptrolle für unser Glücksempfinden aber alleine wirken sie auch nicht, sondern nur in einem ganz komplexen Gewebe von Reaktionen, die erst zusammen zum großen Glück führen und uns einen Zustand als ganzes Wesen so empfinden lassen.
Die Erkenntnisse der Hirnforschung haben uns Medikamente entwickeln lassen, die gegen Depressionen helfen, sogenannte Psychopharmaka, oder bestimmte Zustände vermeiden können, aber sie greifen nur an einen Teil eines komplexen Gewebes und wirken zwar auch teilweise verändernd auf die Persönlichkeit aber noch sind wir weit davon den ganzen Menschen und all die in ihm wirksamen Einflüsse zu begreifen. So können wir noch nicht sicher sein, ob das eine oder andere nicht noch andere Reaktionen hervorruft, von denen wir noch nichts ahnen, weil die Milliarden Verbindungen zu komplex sind, eine immer einheitliche Aussage zu treffen.
Auch in der Welt der Drogen wird immer wieder versucht an diese Neurotransmitter und andere Glücksstoffe anzugreifen, um Glücksgefühle mit Drogen auszulösen. Dies gelingt auch, warum sie die Konsumenten high fühlen und Glück empfinden, obwohl sie sich eigentlich schaden und vom Glück als Freiheit und Sache ihrer Natur entfernen. Die Sucht ersetzt dann das natürliche Glücksgefühl, das sie nur für einen Moment imitieren sollte und gibt den Konsumenten das Gefühl dadurch befriedigt zu sein.
Ist natürlich Unsinn, weil es keine natürliche Befriedigung ist und auch kein dauerhaftes Glücksgefühl auslösen kann, sondern nur einen künstlichen Abklatsch davon, mit üblen gesundheitlichen Folgen und dem ganzen Rattenschwanz, der an legalen oder illegalen Drogen noch dranhängt.
Wie die Medikamente, gibt es für die Zeit der Wirkung kurze Glücksgefühle, die funktionieren lassen, solange es nötig ist, was in einer Leistungsgesellschaft von Vorteil sein kann, warum in bestimmten Kreisen etwa auch viel Kokain konsumiert wird, weil sich die Leute dabei toll fühlen, solange sie es kriegen und wie irre leistungsfähig brennen, was dann die übliche Spirale der Sucht schnell auslöst.
Am Anfang aber steht auch die Suche nach Glück, dass dadurch künstlich hergestellt und vermehrt werden soll. Beim Menschen hat sich die Suche nach Glück, wie Drogen und lustige Varianten beim Sex und in anderen Gebieten zeigen, von der ursprünglichen schlichten Belohnung für Verhaltensweisen gelöst und sich verselbständigt. So können wir uns schon Glücksgefühle für nichts eigentlich verschaffen, ohne Grund völlig euphorisch werden, was an die erste Reihe bei Konzerten von Teenie-Stars denken lässt, in denen eine kreischende Menge schwankt.
Auch im Staat wird danach geforscht, was die Bürger glücklich macht und führende Forscher meinen das Zusammenspiel von Bürgersinn, sozialem Ausgleich und Kontrolle über das eigene Leben seien das magische Dreieck des Wohlbefindens in einer Gesellschaft. Je besser die drei Faktoren erfüllt sind, desto zufriedener sind die Menschen und damit glücklicher.
Die Hirnforschung hat nun festgestellt, dass manche freudige Reaktionen des Körpers, dem bewussten Gefühl im Gehirn vorausgehen. Unser Körper Reaktionen zeigt, bevor wir wissen warum und so manchmal schneller weiß, was uns glücklich macht als unser Gehirn. So scheint es, als wüsste der Körper manchmal in seinen Reaktionen mehr als der Verstand weiß, als stimmte der Satz von Blaise Pascal, “das Herz hat Gründe, welche die Vernunft nicht kennt”, mit der neuesten Forschung völlig überein.
Spannend könnte hier, wenn wir uns noch mit der unsäglichen Seele beschäftigten, die Frage sein, ob die rein körperliche Glücksreaktion, ohne bewussten Akt im Hirn, dann ist, was manche Seele noch nennen oder das genaue Gegenteil, aber das fiel mir nur gerade so nebenbei ein. Sagen doch manche die Seele stecke im ganzen Körper, nicht nur im Hirn, ist sie dann die bloß physiologische, biochemische Reaktion auf bestimmte Reize oder brauchte sie Bewusstsein und also Hirn?
Manche, wie etwa der Dalai Lama, meinen, Glück sei durch bewusste Hinwendung des Geistes zum Glück erreichbar. Dafür praktizieren sie ihre Meditationen als Weg zum Glück. Solche sind nicht nur bei tibetischen Mönchen beliebt sondern finden sich auch beim Yoga und und anderen Formen der Selbstfindung, wie sie in unserer Kultur gerade so Mode sind, die oft überbezahlten und unterbeschäftigten Mütter in meinem Kiez in Form zu halten, weil sie ein verbreitetes Gefühl und eine Suche ansprechen. Der Dalai Lama ist quasi der Papst der tibetischen Buddhisten, dessen Auswahl schon magischen Ritualen folgt, die einem vernünftigen Menschen die Auswahl für den höchsten Posten im früheren Tibet, bevor es die Chinesen besetzten, als eher reines Glücksspiel erscheinen lassen könnte, auch wenn es für sie eine Demut gegenüber dem höheren Willen, der sich darin zeigt bedeutete.
Auch die Philosophenschulen der Antike entwickelten bei der Suche nach größtmöglicher Gelassenheit, welche für sie das höchste Glück war, Techniken um Affekte wie Eifersucht, Zorn Habgier oder Todesangst zu überwinden. Am konsequentesten auf das eigene Glück und seine Erfüllung ausgerichtet waren die Epikuräer, die auch konsequent weder Tod noch Krankheit fürchteten, sondern den heutigen Konstruktivisten gleich, in jeder Situation das beste zu finden suchten, um glücklich zu sein.
Interessant ist dabei, was Epikur auf die Frage nach dem Glück antwortet, das für ihn ein Käse, ein Brot und Wasser oder Wein wären, also die Stillung der grundlegenden Bedürfnisse und kein übermäßiger Luxus. ‘Slow food’ oder ‘weniger ist mehr’ sind auch Bewegungen, die heute in diese Richtung gehen, auf die seltsame Einsiedler schon seit tausenden von Jahren aufmerksam machen.
Glück ist danach weniger die große Euphorie gerade das eine zu erreichen, wie es Leistungssportler kennen, die auf den Punkt trainieren, sondern eher ein dauerhafter Zustand zufriedener Gelassenheit, der nicht an schwer zu erreichende Ziele geknüpft wird, sondern sich mit wenig im Alltag zufrieden gibt und dabei glücklich in sich ruht.
Dieser Zustand von Glück ist keiner der aufschreit und jubelt, sondern eher einer der zufrieden vor sich hin grinst. Wir Menschen haben aber scheinbar oft beides in uns. Das merken wir schon beim Sex, wo wir nach dem Höhepunkt streben, um glücklich zu sein, für den Bruchteil einer Sekunde, die er dauert und die Zufriedenheit danach.
Guter Sex wirkt auch mal einige Stunden befriedigend in der Erinnerung des Körpers nach, aber auch das, wie ich heute weiß, für die meisten Menschen seltene zusammen Kommen, dauert nur wenige Sekunden, wenn überhaupt so lange und ist auch nur viel Lärm um das Nichts einer temporär eben gleichzeitigen Erschlaffung der Nerven, die auch ich lange völlig überschätzte.
Ist Glück in der Liebe guter Sex oder eine entspannte Beziehung ohne Stress und bei der sich beide gegenseitig so glücklich machen, wie sie es eben können?
Früher hätte ich immer gesagt, es gehört zusammen, heute halte ich Sex immer mehr für eher überschätzt, nett zwar, wenn es funktioniert, aber auch keine notwendige Komponente des Glücks sondern nur eine Variante Glück miteinander zu leben, die desto wahrscheinlicher wird, je weniger wir davon erwarten.
Nähe, Wohlgefühl und erholsamer Schlaf, sowie reger geistiger Austausch ist für mich inzwischen wichtiger als der ultimative Sex, der auf Dauer ohnehin meist viel von seinem Reiz verliert, da viel davon auch logisch der Reiz des Neuen noch ist.
Eine Hochzeit ist also ein Versprechen auch gegen die Natur, die immer wieder neue Reize sucht, aneinander festhalten zu wollen. Ob dies sinnvoll ist, weiß ich nicht zu sagen, da ich noch nie verheiratet war. Andererseits war ich lang genug in dauerhaften Beziehungen auch immer wieder, dass ich mir ein Urteil über die natürliche Entwicklung dabei zutraue.
Sich gegen die Natur etwas zu versprechen, ist offensichtlich eigentlich Unsinn. Die Liebe oder zumindest das Versprechen füreinander noch für stärker zu halten, als den Trieb, der ganz natürlich den neuen Reizen immer gerne folgte, zeugt zumindest von hehren Absichten. Die Ehe ist also nicht nur toll sondern immer auch ein sich überwinden gegen die eigene Natur, auch wenn viele Frauen die durchgehende Neigung haben, diese konsequent zu leugnen, vielleicht auch um mit der Macht des schlechten Gewissens ihre moralisch schwächeren Männer zu fesseln.
Ob die Ehe, die manche gern als Hafen des Glück bezeichnen, dies tatsächlich mehrt oder nur eine Krücke der eigenen Feigheit und der Angst vor der Einsamkeit ist, weiß ich nicht klar zu sagen. Vermutlich hat sie von beiden Seiten etwas und damit die Eheleute nicht lange ständig überlegen, ob die Bilanz positiv oder negativ ist, hat sich der Staat hier entschlossen, die Trennung der Ehe kostspielig und aufwändig zu machen.
Ob dies die Dauer und die Stabilität von Beziehungen erhöht oder nur den Verdienst von Anwälten in die Höhe treibt, zu fragen, könnte böswillig als gegen die Ehe gerichtet gewertet werden, allerdings weiß ich auch wirklich nicht mehr, was dafür spricht, sich seine Liebe vom Staat bescheinigen zu lassen, sehen wir von den steuerlichen Vergünstigungen und ähnlichen Fragen einmal ab.
Die Ehe erhöht statistisch die Überlebenschancen der Beteiligten, ob dieses meist auch divergente Zusammenfinden zweier Wesen, die schon hormonell von zwei Planeten zu kommen scheinen, im gegenseitigen Verständnis ohnehin, damit auch das Glück der Beteiligten in Summa erhöht, scheint mir mehr als fraglich.
Als Versorgungsgemeinschaft hat die Ehe leider relativ ausgedient, auch wenn sie dafür das geeignete Modell war und ihre noch heutige rechtliche Konstruktion genau diesem Modell entspricht. Warum heute beide meinen Glück hinge davon ab, sein eigenes Geld zu verdienen und keine Gemeinschaft im ganzen zu bilden, habe ich noch nie verstanden, als sei Geld ein Glücksfaktor an sich und nicht nur Mittel zum Zweck, das im Falle seines Vorhandenseins meist eher ängstlich und viele unglücklich macht. Darüber kann ich gut reden, da ich mich schon seit Jahren relativ erfolgreich darum bemühe, auch ohne glücklich zu sein.
Was noch übrig ist von der Ehe ist die konservative Pflege von Traditionen, die nur aufgrund der fortgesetzten Diskriminierung anderer Lebensformen noch gewisse rechtliche Vorteile hat, die verfassungsrechtlich allerdings schon mehr als fragwürdig wären im Sinne des Gleichheitssatzes.
Ob es neue zeitgemäßere Formen der Liebe braucht, um auf Dauer glücklich zu bleiben als die Ehe, könnte wichtig werden, wenn wir dazu kommen, dass Hochzeit als Ding überhaupt einen Wert für das Glück darstellt oder nicht nur der natürliche und logische Anfang eines Leidens ist, das mit dem Abnehmen der gegenseitigen sexuellen Attraktion beginnt, was du hast, hast du eben, und der durch die wechselseitige Sorge um den je anderen Versorger aufgrund bestimmter emotionaler oder materieller Bedürfnisse auch noch länger leben und leiden lässt, während andere zeitiger und vor Einsetzen der Verblödung in Ruhe für sich sterben dürfen.
Diese zugegeben etwas zugespitzte Betrachtung der Ehe als Bedrohung nicht nur der Freiheit im Leben sondern auch der im Tod bringt mich im Rahmen Frage nach dem, was Glück ist zu der schönen Geschichte von Solon und Kroisos. Als Solon, der einer der 7 Weisen von Athen war, den sagenhaft reichen König Kroisos besuchte, fragte dieser ihn, wen er für den glücklichsten Menschen halte und ob das nicht er in seinem Reichtum sein müsse. Doch Solon erwirderte, noch glücklicher sei der Athener gewesen, der reich war, wunderbare Kinder hatte, eine Frau, die wunderschön war und ihn liebte und der dann noch als Held für seine Stadt im Kampf fallen durfte, um nun von dieser im Andenken hoch verehrt zu werden.
So zeigt Solon dem unermeßlich Reichen Kroisos, dass auch er nicht alles haben kann, weil das ehrenvolle Andenken der Toten für kein Geld der Welt erworben werden kann, andererseis die Ehre des Helden auch den Nachteil hat, dass wir sie so nicht mehr lebend genießen können.
So bleibt das Glück wohl immer relativ unfassbar nicht nur für jeden ist es anders nach der gerade zufälligen Meinung oder Gesinnung, viel mehr noch ist es, nie von einem vollständig zu erreichen, denn das größte Glück nach seinem Tode als Held des Volkes verehrt zu werden, wie es ja auch Goethe und Schiller, viel mehr noch Heine erging, bekommt keiner lebend geschenkt, so glücklich sein Leben relativ auch war. Wer es hat, ist nicht mehr und was das wert ist, scheint auch mehr als fraglich. So schlecht auch alles gesehen werden könnte, liegt doch darin immer noch mehr als nichts. Wer aber noch ist, hat nie das Glück würdigen Angedenkens und für alle die nicht mehr sind, ist es egal, weil sie ja nicht mehr sind, sie der Tod, der sie ergriff also nichts mehr angeht, solange sie sind und wer nicht ist, den geht ohnehin nichts mehr was an.
jens tuengerthal 19.12.2016
Sonntag, 18. Dezember 2016
Gretasophie 003
003 Suche nach Glück
Im Dritten Kapitel soll sich nun auf die Suche nach dem Glück begeben werden. Was überhaupt Glück ist und ob das so allgemein gesagt werden kann oder immer für jeden anders ist. Was, wen glücklich macht, soll gefragt werden und ob es etwas gibt, dass alles Glück dabei noch verbindet. Von dem allgemeinen Blick auf das Glück wechsle ich dann auf den individuellen und frage, was macht mich glücklich, ohne dabei an mir hängen zu bleiben, suche ich nach den Verbindungen zwischen dem allgemeinen und individuellen Glück.
Bevor ich das in Kapitel 003a dann tue, möchte ich noch Fragen an mich und die geschätzte Leserin stellen, die versuchen, meine Suche nach Antworten zu beschreiben, auf die ich mich begab, als ich über das Glück schreiben wollte, ohne zu wissen, was es ist, außer im Moment.
Menschen begeben sich schon, so lange es die Menschheit gibt, auf die Suche nach dem Glück, dem sie immer andere Namen gaben, davon handeln Sagen und Märchen, abenteuerliche Geschichten bis in die Gegenwart. Vielleicht ist die Suche wichtiger, um glücklich zu sein, als die Sache an sich, die gerade angestrebt wird.
Ziele wandeln sich nach Moden und durch die Zeiten, einem heiligen Gral würde heute kaum ein vernünftiger Mensch noch nachjagen, es sei denn er ist Schatzsucher und hat Hinweise auf einen archäologischen Fund. Gold zu finden war auch schon lange für viele eine Glückssache, dabei wissen wir relativ genau heute, wo Funde zu erwarten sind und Schürfen sinnvoll sein könnte.
Ob Gold zu haben und noch dazu viel Gold, heute also Geld, ein Glück oder ein Unglück ist, wird eine der ganz wichtigen Fragen sein, ohne zu wissen, wer sie wirklich beantworten kann, es eine Antwort darauf gibt. Marcel Reich-Ranicki hat einmal in seiner Sendung gesagt, natürlich macht Geld nicht glücklich, aber mit Liebeskummer im Taxi nach Hause zu fahren, sei besser als heulend in der Straßenbahn zu sitzen. Schon dem würde ich nur bedingt zustimmen, weil die Erfahrung des Trosts von Fremden etwas wunderschönes sein kann, auch wenn er natürlich Recht hat, dass es gut ist, sich genau das leisten zu können, wonach einem gerade ist, wie ihm etwa bei Liebeskummer nach einem Taxi.
Als armer Poet, der eigentlich nie Geld hat, noch weiß, wie er es verdienen soll, außer mit Schreiben, kenne ich die Geldsorgen durchaus und weiß das Glück finanzieller Unabhängigkeit, so es sie mal gab, schon zu schätzen. Doch mit Glück hat es für mich sehr wenig zu tun eigentlich, denn auch die Erfüllung irgendwelcher materieller Träume scheint mir ein nur ein sehr relatives Glück. Wenn ich mir diese Ausgabe leisten könnte oder jene Regalreihe noch, von einem edlen Hollandrad mit Ledergriffen und allen schönen Zutaten träume, an ein Haus an der See denke oder anderes, scheint es mir doch relativ unwichtig verglichen mit dem, was mich glücklich sein lässt.
Wann strahle und lache ich, bin glücklich und beliebt?
Ist Glück etwas soziales, was zu einem wie mir, der sich lieber zurückzieht, um still sein Glück zu genießen, gar nicht passt, weil es nur in Beziehung zu anderen entsteht?
Kann ein Robinson glücklich sein?
Klar kann er, so wie manche Onanie die Liebe an und für sich nennen, kann der Mensch auch ganz wunderbar für sich glücklich sein und die Freude würdigen. Vielleicht ist das stille Glück sogar noch stärker als das laute, das sich allen mitteilt. Aber wer wollte darüber urteilen?
Muss ein Glück mehr wert sein als das andere oder wäre es auch schon ein Glück, dieses an sich würdigen zu können und jedes anzuerkennen, wie es ist?
Wohin begebe ich mich, wenn ich das Glück suche, könnte am Anfang vieler Fragen stehen und Antwort auf die unterschiedlichen Arten und Wege zum Glück geben. Für manche liegt es an traumhaften Stränden etwa in der Karibik, bei Sonne und sanftem Meeresrauschen, andere meinen, es ist ganz still in ihnen und wenn es da ist, ist nichts mehr zu suchen, dann hören wir auf zu sein.
Ist die Suche das Ziel überhaupt, bleibt der Traum vom Glück nur traumhaft schön?
Hatte als Teenie wilde auch sexuelle Träume von der totalen Erfüllung und wildesten Erlebnissen und nachdem ich nahezu alles erlebt und ausprobiert habe, weiß ich, darum geht es nicht, sondern allein um das Glück des geteilten Moments im Bruchteil einer Sekunde des gemeinsamen Höhepunktes - dann wiegt die Entspannung und Stille danach viel mehr und schwerer als alle wilden Orgien und Sehnsüchte davor.
Dinge von denen wir besonders intensiv träumten und die wir um alles in der Welt haben wollten, enttäuschen uns oft, wenn wir sie dann tatsächlich haben. Nichts ist in Wirklichkeit so toll wie im Traum sagen auch die Sprichworte, die so abgedroschen klingen, aber ist dann das Träumen überhaupt gut oder führt es nur logisch zu einer dann frustrierten Realität?
Wären wir, vernünftig betrachtet, besser dran, wenn wir uns weniger um das Glück als Traum kümmerten, als lernten die Realität so zu genießen, als sei sie traumhaft, egal wie sie ist?
Sind Wunsch und Vorstellung immer in einem gewissen Maße zum Scheitern verurteilt und ist derjenige glücklicher, der sich an dem freut, was eben möglich ist?
Kann der glücklich sein, dem es nicht um Glück geht oder kann es gerade nur derjenige, weil alles ihn glücklich machen kann und nicht nur eine sicher enttäuschte Erwartung ihn frustriert?
Es scheint nicht so einfach zu sein mit dem Glück und den Wegen zu ihm. Zu genießen, was ist, wäre scheinbar Aufgabe genug, ob wer das kann glücklich genannt werden darf, wenn es ihm nie um Glück ging, wird zu untersuchen sein. Andererseits, wäre es ganz einfach nur der Blickwechsel, um zu genießen, was ist, wenn wir es wagten, dasjenige Glück zu nennen, was gerade ist, statt vom sicher enttäuschten mehr noch zu träumen.
Wo also findet sich das große Glück, im weniger dessen, der abwarten und sich mit dem kleinen Glück zufrieden gibt oder im Traum, der uns Antrieb genug ist, irgendwas doch zu erreichen?
Lohnt sich die Suche oder sollte sie tabu sein, um möglichst bescheiden glücklich zu bleiben und lässt sich diese Frage wirklich verbindlich beantworten?
Fragen über Fragen und am Ende bleibt doch alles offen, um auf die Suche zu gehen.
jens tuengerthal 18.12.2016
Im Dritten Kapitel soll sich nun auf die Suche nach dem Glück begeben werden. Was überhaupt Glück ist und ob das so allgemein gesagt werden kann oder immer für jeden anders ist. Was, wen glücklich macht, soll gefragt werden und ob es etwas gibt, dass alles Glück dabei noch verbindet. Von dem allgemeinen Blick auf das Glück wechsle ich dann auf den individuellen und frage, was macht mich glücklich, ohne dabei an mir hängen zu bleiben, suche ich nach den Verbindungen zwischen dem allgemeinen und individuellen Glück.
Bevor ich das in Kapitel 003a dann tue, möchte ich noch Fragen an mich und die geschätzte Leserin stellen, die versuchen, meine Suche nach Antworten zu beschreiben, auf die ich mich begab, als ich über das Glück schreiben wollte, ohne zu wissen, was es ist, außer im Moment.
Menschen begeben sich schon, so lange es die Menschheit gibt, auf die Suche nach dem Glück, dem sie immer andere Namen gaben, davon handeln Sagen und Märchen, abenteuerliche Geschichten bis in die Gegenwart. Vielleicht ist die Suche wichtiger, um glücklich zu sein, als die Sache an sich, die gerade angestrebt wird.
Ziele wandeln sich nach Moden und durch die Zeiten, einem heiligen Gral würde heute kaum ein vernünftiger Mensch noch nachjagen, es sei denn er ist Schatzsucher und hat Hinweise auf einen archäologischen Fund. Gold zu finden war auch schon lange für viele eine Glückssache, dabei wissen wir relativ genau heute, wo Funde zu erwarten sind und Schürfen sinnvoll sein könnte.
Ob Gold zu haben und noch dazu viel Gold, heute also Geld, ein Glück oder ein Unglück ist, wird eine der ganz wichtigen Fragen sein, ohne zu wissen, wer sie wirklich beantworten kann, es eine Antwort darauf gibt. Marcel Reich-Ranicki hat einmal in seiner Sendung gesagt, natürlich macht Geld nicht glücklich, aber mit Liebeskummer im Taxi nach Hause zu fahren, sei besser als heulend in der Straßenbahn zu sitzen. Schon dem würde ich nur bedingt zustimmen, weil die Erfahrung des Trosts von Fremden etwas wunderschönes sein kann, auch wenn er natürlich Recht hat, dass es gut ist, sich genau das leisten zu können, wonach einem gerade ist, wie ihm etwa bei Liebeskummer nach einem Taxi.
Als armer Poet, der eigentlich nie Geld hat, noch weiß, wie er es verdienen soll, außer mit Schreiben, kenne ich die Geldsorgen durchaus und weiß das Glück finanzieller Unabhängigkeit, so es sie mal gab, schon zu schätzen. Doch mit Glück hat es für mich sehr wenig zu tun eigentlich, denn auch die Erfüllung irgendwelcher materieller Träume scheint mir ein nur ein sehr relatives Glück. Wenn ich mir diese Ausgabe leisten könnte oder jene Regalreihe noch, von einem edlen Hollandrad mit Ledergriffen und allen schönen Zutaten träume, an ein Haus an der See denke oder anderes, scheint es mir doch relativ unwichtig verglichen mit dem, was mich glücklich sein lässt.
Wann strahle und lache ich, bin glücklich und beliebt?
Ist Glück etwas soziales, was zu einem wie mir, der sich lieber zurückzieht, um still sein Glück zu genießen, gar nicht passt, weil es nur in Beziehung zu anderen entsteht?
Kann ein Robinson glücklich sein?
Klar kann er, so wie manche Onanie die Liebe an und für sich nennen, kann der Mensch auch ganz wunderbar für sich glücklich sein und die Freude würdigen. Vielleicht ist das stille Glück sogar noch stärker als das laute, das sich allen mitteilt. Aber wer wollte darüber urteilen?
Muss ein Glück mehr wert sein als das andere oder wäre es auch schon ein Glück, dieses an sich würdigen zu können und jedes anzuerkennen, wie es ist?
Wohin begebe ich mich, wenn ich das Glück suche, könnte am Anfang vieler Fragen stehen und Antwort auf die unterschiedlichen Arten und Wege zum Glück geben. Für manche liegt es an traumhaften Stränden etwa in der Karibik, bei Sonne und sanftem Meeresrauschen, andere meinen, es ist ganz still in ihnen und wenn es da ist, ist nichts mehr zu suchen, dann hören wir auf zu sein.
Ist die Suche das Ziel überhaupt, bleibt der Traum vom Glück nur traumhaft schön?
Hatte als Teenie wilde auch sexuelle Träume von der totalen Erfüllung und wildesten Erlebnissen und nachdem ich nahezu alles erlebt und ausprobiert habe, weiß ich, darum geht es nicht, sondern allein um das Glück des geteilten Moments im Bruchteil einer Sekunde des gemeinsamen Höhepunktes - dann wiegt die Entspannung und Stille danach viel mehr und schwerer als alle wilden Orgien und Sehnsüchte davor.
Dinge von denen wir besonders intensiv träumten und die wir um alles in der Welt haben wollten, enttäuschen uns oft, wenn wir sie dann tatsächlich haben. Nichts ist in Wirklichkeit so toll wie im Traum sagen auch die Sprichworte, die so abgedroschen klingen, aber ist dann das Träumen überhaupt gut oder führt es nur logisch zu einer dann frustrierten Realität?
Wären wir, vernünftig betrachtet, besser dran, wenn wir uns weniger um das Glück als Traum kümmerten, als lernten die Realität so zu genießen, als sei sie traumhaft, egal wie sie ist?
Sind Wunsch und Vorstellung immer in einem gewissen Maße zum Scheitern verurteilt und ist derjenige glücklicher, der sich an dem freut, was eben möglich ist?
Kann der glücklich sein, dem es nicht um Glück geht oder kann es gerade nur derjenige, weil alles ihn glücklich machen kann und nicht nur eine sicher enttäuschte Erwartung ihn frustriert?
Es scheint nicht so einfach zu sein mit dem Glück und den Wegen zu ihm. Zu genießen, was ist, wäre scheinbar Aufgabe genug, ob wer das kann glücklich genannt werden darf, wenn es ihm nie um Glück ging, wird zu untersuchen sein. Andererseits, wäre es ganz einfach nur der Blickwechsel, um zu genießen, was ist, wenn wir es wagten, dasjenige Glück zu nennen, was gerade ist, statt vom sicher enttäuschten mehr noch zu träumen.
Wo also findet sich das große Glück, im weniger dessen, der abwarten und sich mit dem kleinen Glück zufrieden gibt oder im Traum, der uns Antrieb genug ist, irgendwas doch zu erreichen?
Lohnt sich die Suche oder sollte sie tabu sein, um möglichst bescheiden glücklich zu bleiben und lässt sich diese Frage wirklich verbindlich beantworten?
Fragen über Fragen und am Ende bleibt doch alles offen, um auf die Suche zu gehen.
jens tuengerthal 18.12.2016
Samstag, 17. Dezember 2016
Gretasophie 002d
002d Ob ohne Glaube was fehlt
Als mich meine Tochter gerade anrief und vorschlug, ein Star Wars Buch für meinen Neffen zu kaufen, dass sie gerade entdeckt hatte, fragte ich sie, ob sie glaube, dass so ein Buch etwas für den kleinen, großen Bastler wäre. Wusste es nicht genau, war mir also nicht sicher, sie war sich dagegen sicher, dass es zu ihm passte, dennoch fragte ich, ob sie glaube, dass es passt und nicht, ob sie sicher sei, es wisse oder ähnliches.
Ging es dabei um Glauben oder nur um etwas, wovon ich eben keine Ahnung habe, wie etwa Star Wars und war diese Frage richtig oder falsch?
Es ging nur um eine Sache von der ich keine Ahnung habe, was für ein Weihnachtsgeschenk zu einem Jungen in diesem Alter passt und ich wollte einfach nur ihre Meinung dazu hören. Traue ihrer Meinung da mehr als meiner Ahnung, weil sie näher dran ist und es wohl besser weiß. Dabei ging es mir nicht darum, eine wahre Aussage zu bekommen im Sinne von unwiderlegbar, was bei Geschenken wohl keiner je vorhersagen kann, sie sollen ja auch überraschen, sondern nur um ein Gefühl für die Sache.
Eigentlich war die Frage völlig überflüssig, sie hätte mich ja kaum angerufen, wenn sie nicht meinte, es passte irgendwie zu ihm. Dennoch war es keine bloße Floskel sondern die Suche nach Bestätigung im Ungewissen.
Natürlich nahm ich ihr Angebot dankbar an, froh, etwas nicht mehr besorgen zu müssen und den Kopf davon frei zu haben, um etwa wie hier, über ihr Buch und damit die Dinge des Lebens nachzudenken und dabei insbesondere die Frage, ob uns ohne Glaube etwas fehlt.
Den Gläubigen fehlte wohl etwas, dass ihnen Halt und Trost gibt, eine gute Aussicht für sie ist, in eine immer ungewisse Zukunft. Dieser Satz ist so erwartungsgemäß wie das Amen in der Kirche. Aber fehlte den Atheisten, die keine Götter kennen und an nichts glauben, auch etwas oder wären sie froh, wenn sich ihre Meinung endlich durchsetzte?
Doch manches glaube ich auch nur, wie ich im Vergleich sagen würde, weil ich es nicht weiß und nicht wissen kann. So ist Glaube immer Ausdruck von Unwissenheit, für die Gläubigen aber dafür von Gewissheit, die den Atheisten und Ungläubigen eher völlig fehlt. Berechtigt aber fehlende Gewissheit zu endgültigen Urteilen?
Gläubige haben auf vieles eine Antwort im Buch der Bücher, wissen um ihr Weiterleben, dass sie sogar noch durch ihr Wohlverhalten beeinflussen können, glauben sie zumindest oft, um kürzer in der Hölle zu schmoren, gleich in den Himmel zu kommen oder im Zyklus der Wiedergeburten aufzusteigen, dem keiner entkommen könnte.
Wie wäre die Welt, wenn alle Gläubigen plötzlich vernünftig würden, den Aberglauben ablegten, Weihnachtsmärkte einfach Wintermärkte zur Feier der Sonnenwende würden, Kirchen als Gemeindesaal oder als Bühne für Konzerten, wenn nicht sogar als Clubs genutzt würden?
Manches wäre wohl kulturhistorisch erhaltenswert und sollte beschützt werden - aber nach welchen Maßstäben, wenn der Aberglaube endgültig Geschichte wäre?
Singen wir dann noch die alten schönen Weihnachtslieder, weil es so romantisch ist oder müssten wir uns neue Verse und Wege suchen, weil es allen nur noch absurd erschien?
Gäbe es einen schnellen Wandel oder ginge es wie immer in der Evolution ganz langsam vor sich?
Sind wir vielleicht längst mitten in diesem Prozess und ist der alte Glaube eine Koryphäe geworden, wie eine aussterbende Tierart, die darum schutzbedürftig ist?
Die Abhängung und Beseitigung aller Kreuze, dieses grässlichen Folterwerkzeuges, fände ich persönlich sehr begrüßenswert, wenn ich auch für alle kulturhistorisch bedeutenden Stätten hier Ausnahmen gestattete.
Was sollte aus einem wunderschönen Altar von Riemenschneider das Kreuz herausgenommen werden, nur weil wir Folter nicht mehr öffentlich preisen wollen?
Wollen wir wie die Baanausen der Kulturrevolution unsere Kultur zerstören, wie es der IS gerade in Syrien vormacht?
Andererseits frage ich mich, ob Zensur oder Verbote uns je der Freiheit näher brachten oder nur die Sklaverei noch verlängerten, in dem nun in neuem Namen das je vorherige Dogma verboten würde.
Glaube wirklich, dass Verbote beim Glauben nichts bringen, denn, wie Kant so richtig feststellte, ist Aufklärung immer die Befreiung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit durch selbständiges Denken, nicht durch neue Dogmen und autoritäre Lenkung, auch wenn diese sich freiheitlich gern gibt.
Andererseits praktizieren viele religiöse Länder diese Intoleranz gegenüber anderem Glauben - wäre es dann richtig diese Länger umgekehrt genauso zu behandeln, wie es AfD und Pegida immer wieder lautstark fordern?
Nur weil sich einer wie ein Idiot aufführt, wird damit idiotisches Verhalten nicht legitim. Auch wer den Mörder seiner Liebsten tötet, bleibt, wenn es nicht gerade nur im Affekt geschieht immer zumindest ein Totschläger, wird vielleicht sogar zum Mörder, dessen Tun genauso zu beurteilen ist, weil hier keiner solches Unrecht begehen darf, egal, was der andere vorher tat. Unrecht bleibt Unrecht und wer es begeht, setzt sich in ein solches und kann sein Handeln nicht mit dem Unrecht eines anderen rechtfertigen, außer, es besteht gerade zufällig noch ein gegenwärtiger, rechtswidriger Angriff auf ihn, den er nicht ertragen muss und gegen den er sich mit Notwehr oder anderen mit Nothilfe wehren kann.
Ein Grenzgebiet betreten wir hier gerade bei der Frage, wie weit die Verteidigung der Rechtsordnung gegen fanatische Gläubige gehen muss, was unsere Toleranz zulassen muss und wo wir uns dringend wehren müssen.
Dürfen Frauen vollverschleiert hier herumlaufen oder gehört diese Verhüllung gemäß den Geboten einer islamischen Sekte verboten und mit Strafe bewehrt?
Gefährdet es meine Freiheit, wenn diese Frauen meinen, sie dürften ihr Gesicht keinem Mann als ihrem zeigen und wo ziehe ich da welche Grenzen?
Verbiete ich schon das Kopftuch für Beamte, verweise ich auch alle Nonnen aus dem Staatsdienst, fragt sich, mit welcher Autorität soll ich das überhaupt tun?
Schwierig ist es im Staatsdienst, in dem die Betreffenden in ihrer Verkleidung des Aberglaubens auch den Staat repräsentieren und es könnte fraglich sein, ob dieser so repräsentiert werden möchte. Dennoch gilt immer auch die Glaubensfreiheit, die keiner leichtfertig für dummen Populismus auf Pegida-Niveau infrage stellen sollte. Es dürfen Polizistinnen wie Soldatinnen lange Haare tragen, bei Männern tun sie sich da manchmal noch schwerer.
Die Burka und andere Formen der vollständigen Verschleierung sind sicher auch Ausdruck einer frauenverachtenden Kultur, die nicht nach Europa passt und unsere Werte infrage stellt. Bedeutete Toleranz hier schon eine Kapitulation?
Sollten wir diesen Frauen nicht helfen, indem wir sie dazu verpflichten, sich zu enthüllen, sich selbst zu befreien?
Doch gibt es keine taugliche Hilfe zur Aufklärung und keine Befreiung aus den Zwängen der selbstverschuldeten Unmündigkeit mithilfe autoritärer aber gut gemeinter Regelungen. Kant kann hier wirklich im Wortlaut gefolgt werden. Aufklärung ist immer die Befreiung des Einzelnen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit durch selber denken, nicht durch Anweisung.
Wer glaubt, die arabischen Frauen durch Bekleidungsverbote zum kritischen Denken anregen zu können, hat die Prinzipien der Aufklärung und des kategorischen Imperativs nicht verstanden. Es ist einfach nur dummes Zeug, in einer freiheitlichen Gesellschaft etwas verbieten zu wollen, was jeder als seinen Glauben, für sich entscheiden muss, der niemanden etwas angeht. Solche Verhüllungsverbote sind so lächerlich wie Bekleidungsgebote oder ein Uniformzwang für alle, sie sind geistig wertlos, führen nur zu Trotz gegen einen Staat, der besseres tun könnte, um den Geist der Freiheit zu fördern als Strafzettel für falsche Kleider zu verhängen.
Wenn die freiheitliche Gesellschaft sich gegenüber dem radikalen Islam verteidigen will, weil sie sich durch diesen bedroht sieht, muss sie ihre Werte gemäß deren Charakter verteidigen. Die Freiheit des Glaubens verteidige ich nicht, wenn ich anderen ihren verbiete, weil mir dessen Kleidergebote unfrei erscheinen.
Die Taufe und die Beschneidung verteidigen mit der Begründung sie diene der gelebten Religionsfreiheit und andererseits die unmenschliche aber inhaltlich als bloße Initiation gleich geartete weibliche Beschneidung zu stigmatisieren und zu bestrafen, ist nicht zu rechtfertigen und nach der Logik, die Strafen begründen können muss, dummes Zeug. Die besondere Lautstärke der Grünen-Vertreter in dieser Diskussion zeigte wieder einmal wie sehr diese Bewegung eben auch Sektencharakter hat und von dogmatischen Glaubenssätzen ausgeht, die sie im Namen der Sache auch alle Logik vergessen lassen.
Natürlich bin ich ein Feind der Klitorektomie und halte diese vorsintflutliche atavistische Sitte für unmenschlich grausam, eine lebenslänglich folternde Straftat, die hart sanktioniert werden sollte. Andererseits ist sie von der ethischen und sittlichen Beurteilung her genau das gleiche wie Taufe und Beschneidung, wie bereits im anderen Kapitel dargelegt, ein Initiationsakt, der in die körperliche oder geistige Unversehrtheit eines Kindes eingreift und der nur aus dem Glauben heraus begründet werden kann.
Natürlich verletzt die Taufe nicht wie die Beschneidung und ist diese nicht so folgenschwer wie die Klitorektomie, doch kann eine bloß graduelle Unterscheidung hinsichtlich der Wirkung nichts am zugrundeliegenden Prinzip ändern und müssten wenn alle gleich behandelt werden, was dann wieder die Frage stellte, wie weit darf der Staat sich in solche privaten Dinge, die Eltern für ihre Kinder entscheiden, überhaupt einmischen?
Taufe oder Konfirmation sind im westlichen Teil der Bundesrepublik lange mehrheitlich der soziale Initiationsakt gewesen, im Osten war es die Jugendweihe. Was käme heute, wenn beides wegfällt, was wäre angemessen, wie weit geht es den Staat etwas an?
Der völlige Verlust des Glaubens hätte auch enorme soziale Folgen in einer Gesellschaft, die es über Jahrtausende gewohnt war, ihren Kindern die Werte anhand der alten Sagen des Glaubens auch zu erzählen. Sollten dann Conny oder die 5 Freunde, gar die ???, die Geschichten von Noah, von Hiob, die Weihnachtsgeschichte, David und Goliath, den Turmbau zu Babel, die Trompeten von Jericho, Moses Auszug aus Ägypten und anderes mehr ersetzen, dass uns die meiste Kunstgeschichte überhaupt erst verstehen ließe?
Wer eines verliert, sollte überlegen, wie es ersetzt werden kann, um nicht seine Kultur und die Beziehung zu ihr völlig zu verlieren, wie es leider vielen Menschen heute längst geht, die keinen Bezug mehr zu den alten Geschichten und ihrer Bedeutung haben. Der größere Teil der vermeintlichen Retter des christlichen Abendlandes in Dresden hat eine DDR-Biografie und wenig bis keine Ahnung von den kirchlichen Geschichte, wenn sie nicht ein wenig oppositionell sich noch privat um die religiöse Erziehung gekümmert haben. Die dort missgünstigen Rassisten, welche die Invasion des Islam fürchten und unsere Volksvertreter hängen möchte, aus lauter Angst um ihre Habseligkeiten, haben meist keine Ahnung von christlicher Kultur und deren Werten. Sonstige wurden auch nicht wirklich vermittelt. Der Ethikunterricht, wenn es ihn denn gab, führte schon immer ein Schattendasein.
Als ich im ersten Jahrgang überhaupt in Baden Württemberg 1992 in Ethik mündlich Abitur machte, war ich noch ein totaler Sonderling und bekam aber immerhin wie prägend und schön, einen wunderbaren Text aus Kants praktischer Vernunft, also was ganz klassisches, zu dem ich befragt wurde. Damals hielt ich, als ich das Abitur dann doch hatte, ein Plädoyer für ein Hauptfach Ethik in der Abiturrede, die mir auch noch vielleicht zufällig zugefallen war, aber nicht der mündlichen Ethikprüfung wegen. Heute schiene mir das noch nötiger, um wieder einen Wertekonsens zu erreichen und ihn so sehr zu diskutieren, wie zu vermitteln.
Für Flüchtlingskinder mindestens so wichtig wie für viele deutsche Kinder, die sich wenig Gedanken meist über die Tragweite ihres Handelns machen und die ethischen Folgen, dessen was sie tun, sich nur laut aufregen, sobald es sie betrifft. Diese Wutbürgermentalität lernen viele schon in der Schule und schon zu meiner Zeit, als unsere Lehrer als alte 68er uns noch gern zum Aufstand anstacheln wollten, wurde gerechter Zorn vielfach für wichtiger gehalten als differenzierte Abwägung und ein reifes ethisches Urteil.
Bis zur neunten Klasse hatte ich auch noch Religionsunterricht, dann war ich religionsmündig, durfte also insoweit wählen und entschied mich für Ethik und das war auch gut so, sage ich heute, entsprach mir eher als die alten Geschichten des Aberglaubens - von Anfang an, war ich in Ethik immer einer der engagiertesten, die immer alles genau wussten und über alles diskutieren wollten - total nervig für die Schläfer in der letzten Reihe, anstrengend sicher auch für einige Lehrer aber manche auch begeisternd, seltener allerding, dahingestellt ob das an meiner oder ihrer Qualität lag.
Nichts ist so wichtig wie dieser Unterricht, der nur ein Ersatzfach war und doch den Kern von allem beleuchtete, den Dingen einen Grund gab und sie erklärte, denke ich heute noch - Mathe, Deutsch, Englisch, Naturwissenschaften, alles nur pillepalle gegen die Grundlagen der Ethik, die Philosophie und das Nachdenken über Freiheit und Verantwortung.
Alle, denen dies in ihrem Leben entgangen ist, sollten es dringend nachholen, es ist so wichtig für Bürger und Wähler, die für ihr Handeln Verantwortung übernehmen müssen, ohne sich in den Aberglauben fliehen zu können, auch wenn viele sich ohne große Begründung durch das Leben lavieren. Es kann dort nicht vermittelt werden, was gut und richtig ist, es soll ja gerade kein Glaube und keine Religion gelehrt werden, sondern, was uns das Werkzeug in die Hand gibt, dies vernünftig herauszufinden.
Aber bei diesem Plädoyer für die Ethik schon als Hauptfach verliere ich vor lauter Begeisterung glatt noch den obigen Faden, ob ein Leben ohne Glauben nun besser oder schlechter wäre, uns was fehlte ohne diesen. Schaue ich mir den Anteil der Gläubigen im Westen und Osten an und andererseits, die Zustimmung zu rechtsradikalen, rassistischen Bewegungen wie Pegida, scheint es, als ob weniger Kirchenmitglieder eher zu einer ethischen Verrohung führt von Menschen, die jenseits des Wertekonsens ihre egoistischen Ängste verteidigen wollen.
So gesehen und beim Blick auf die ehemalige DDR könnte es scheinen, als ob der Glaube doch dazu beiträgt, noch eher ethisch zu handeln. Andererseits finden wir im katholischen Bayern den höchsten Anteil an sogenannten Reichsbürgern, die sich nirgendwo zuhause fühlen, bei Bayern ja auch verständlich, und daraus eine totalitäre Ideologie mit verschwörungstheoretischen Elementen basteln. Der Erfolg solch idiotischer Bewegungen ist meist das Produkt mangelnder Bildung, wofür das bayerische Schulsystem nicht gerade verrufen ist, das noch als eines der besten im Lande immer galt. Inwiefern die dort häufig noch stark religiös traditionelle Ebene zu deren Wahn beitrug, ist mir nicht bekannt, jedoch scheint ihnen die Schule philosophischen und kritischen Denkens völlig zu fehlen.
Wer kritisches Denken lernt, wird seltener fanatischen Ideologien folgen, sich auch aus religiösen Zwängen eher noch befreien. Wir brauchen darum kein Verbot der Verschleierung, wie es überhaupt immer weniger Verbote braucht, um die Freiheit zu verteidigen. Stattdessen bräuchte es einen verpflichtenden mindestens einjährigen Ethikunterricht für alle Bürger, die in diesem Land leben wollen. Diese Kurse könnten auch zu einer wunderbaren Keimzelle des Diskurses über die Gesellschaft werden und sollten immer auch über alle anderen Religionen aufklären, um kritisch abwägen zu können.
So fehlte ohne Glaube einigen womöglich etwas, an das sie sich gewöhnt haben und was manche vermissen würden. Fraglich nur, ob die Gesellschaft damit ihre ethische Basis verlöre, asozial würde, wie wir es im Osten, nicht nur unter den Pegiden vielfach beobachten können, ganz im Gegensatz zum Credo der vorher herrschenden Religion des Sozialismus.
Insofern Nationalsozialismus wie Sozialismus sich ähnelnden teilweise religiösen Charakter in ihrer totalitären Ausformung haben, wäre dies kein gutes Gegenbeispiel, um den Wert der alten Ethik zu begründen.
Hinzu kommt, was viele für die Freiheit und die Werte des Abendlandes halten, sind in Wirklichkeit ein Produkt nur von Aufklärung und Revolution, also einer Bewegung, die sich klar vom Glauben abgrenzte, sogar in Gegnerschaft zu ihm lange stand. Der Verlust des Glaubens, beraubte uns also eben nicht der Basis unserer heutigen Werte, die einige durch den Islam bedroht sehen, sondern führte uns auf diese zurück. Menschenrechte sind eben menschlich und Ausgeburt eines laizistischen Denkens keines Aberglauben.
Dennoch stellte sich die Frage, ob es ein Gewinn wäre, Menschen zu helfen, sich von ihrem Aberglauben zu befreien, im Sinne eines Missionars der Aufklärung oder wir uns lieber völlig zurückhalten sollen, weil Aufklärung eben nur die Befreiung aus selbstverschuldeter Unmündigkeit sein kann, wenn jeder für sich anfängt, kritisch zu denken.
Mission für Aufklärung und Atheismus, also aus meiner Sicht für die Vernunft, schiene mir so unvernünftig wie Mission für einen Aberglauben, egal wie er heißt. Nur weil die Religionen dies weiterhin tun, rechtfertigt dies nicht als einer, der es anders sieht und von sich aus besser weiß, genauso blöd zu machen. Es gibt keine Erlösung im Atheismus, nur die Befreiung von der Sklaverei der Vorurteile, wenn die Menschen anfangen wollen zu denken, was sie nur tun können, wenn sie denken, wo nicht ist jedes weitere Wort verlorene Liebesmüh, genau wie die dämlichen Verbote der Verschleierung und ähnliche Vorboten der staatlichen Diskriminierung, die auf genauso totalitären Denken beruhen, wie das, was sie zu bekämpfen nur vorgeben.
Es ist nicht einfach seinen Weg immer gerade zu gehen, muss ja auch keiner, krumm kann auch völlig ok sein, wichtig ist nur, zu erkennen, dass Freiheit und Aufklärung selbständiges Denken erfordert und ich damit anfangen muss, wenn ich nicht dumm bleiben will als einer der nur Vorurteilen folgt oder nachbellt. Menschliche Werte sollen menschlich sein, trauen wir uns, sie auch so zu leben.
jens tuengerthal 17.12.2016
Als mich meine Tochter gerade anrief und vorschlug, ein Star Wars Buch für meinen Neffen zu kaufen, dass sie gerade entdeckt hatte, fragte ich sie, ob sie glaube, dass so ein Buch etwas für den kleinen, großen Bastler wäre. Wusste es nicht genau, war mir also nicht sicher, sie war sich dagegen sicher, dass es zu ihm passte, dennoch fragte ich, ob sie glaube, dass es passt und nicht, ob sie sicher sei, es wisse oder ähnliches.
Ging es dabei um Glauben oder nur um etwas, wovon ich eben keine Ahnung habe, wie etwa Star Wars und war diese Frage richtig oder falsch?
Es ging nur um eine Sache von der ich keine Ahnung habe, was für ein Weihnachtsgeschenk zu einem Jungen in diesem Alter passt und ich wollte einfach nur ihre Meinung dazu hören. Traue ihrer Meinung da mehr als meiner Ahnung, weil sie näher dran ist und es wohl besser weiß. Dabei ging es mir nicht darum, eine wahre Aussage zu bekommen im Sinne von unwiderlegbar, was bei Geschenken wohl keiner je vorhersagen kann, sie sollen ja auch überraschen, sondern nur um ein Gefühl für die Sache.
Eigentlich war die Frage völlig überflüssig, sie hätte mich ja kaum angerufen, wenn sie nicht meinte, es passte irgendwie zu ihm. Dennoch war es keine bloße Floskel sondern die Suche nach Bestätigung im Ungewissen.
Natürlich nahm ich ihr Angebot dankbar an, froh, etwas nicht mehr besorgen zu müssen und den Kopf davon frei zu haben, um etwa wie hier, über ihr Buch und damit die Dinge des Lebens nachzudenken und dabei insbesondere die Frage, ob uns ohne Glaube etwas fehlt.
Den Gläubigen fehlte wohl etwas, dass ihnen Halt und Trost gibt, eine gute Aussicht für sie ist, in eine immer ungewisse Zukunft. Dieser Satz ist so erwartungsgemäß wie das Amen in der Kirche. Aber fehlte den Atheisten, die keine Götter kennen und an nichts glauben, auch etwas oder wären sie froh, wenn sich ihre Meinung endlich durchsetzte?
Doch manches glaube ich auch nur, wie ich im Vergleich sagen würde, weil ich es nicht weiß und nicht wissen kann. So ist Glaube immer Ausdruck von Unwissenheit, für die Gläubigen aber dafür von Gewissheit, die den Atheisten und Ungläubigen eher völlig fehlt. Berechtigt aber fehlende Gewissheit zu endgültigen Urteilen?
Gläubige haben auf vieles eine Antwort im Buch der Bücher, wissen um ihr Weiterleben, dass sie sogar noch durch ihr Wohlverhalten beeinflussen können, glauben sie zumindest oft, um kürzer in der Hölle zu schmoren, gleich in den Himmel zu kommen oder im Zyklus der Wiedergeburten aufzusteigen, dem keiner entkommen könnte.
Wie wäre die Welt, wenn alle Gläubigen plötzlich vernünftig würden, den Aberglauben ablegten, Weihnachtsmärkte einfach Wintermärkte zur Feier der Sonnenwende würden, Kirchen als Gemeindesaal oder als Bühne für Konzerten, wenn nicht sogar als Clubs genutzt würden?
Manches wäre wohl kulturhistorisch erhaltenswert und sollte beschützt werden - aber nach welchen Maßstäben, wenn der Aberglaube endgültig Geschichte wäre?
Singen wir dann noch die alten schönen Weihnachtslieder, weil es so romantisch ist oder müssten wir uns neue Verse und Wege suchen, weil es allen nur noch absurd erschien?
Gäbe es einen schnellen Wandel oder ginge es wie immer in der Evolution ganz langsam vor sich?
Sind wir vielleicht längst mitten in diesem Prozess und ist der alte Glaube eine Koryphäe geworden, wie eine aussterbende Tierart, die darum schutzbedürftig ist?
Die Abhängung und Beseitigung aller Kreuze, dieses grässlichen Folterwerkzeuges, fände ich persönlich sehr begrüßenswert, wenn ich auch für alle kulturhistorisch bedeutenden Stätten hier Ausnahmen gestattete.
Was sollte aus einem wunderschönen Altar von Riemenschneider das Kreuz herausgenommen werden, nur weil wir Folter nicht mehr öffentlich preisen wollen?
Wollen wir wie die Baanausen der Kulturrevolution unsere Kultur zerstören, wie es der IS gerade in Syrien vormacht?
Andererseits frage ich mich, ob Zensur oder Verbote uns je der Freiheit näher brachten oder nur die Sklaverei noch verlängerten, in dem nun in neuem Namen das je vorherige Dogma verboten würde.
Glaube wirklich, dass Verbote beim Glauben nichts bringen, denn, wie Kant so richtig feststellte, ist Aufklärung immer die Befreiung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit durch selbständiges Denken, nicht durch neue Dogmen und autoritäre Lenkung, auch wenn diese sich freiheitlich gern gibt.
Andererseits praktizieren viele religiöse Länder diese Intoleranz gegenüber anderem Glauben - wäre es dann richtig diese Länger umgekehrt genauso zu behandeln, wie es AfD und Pegida immer wieder lautstark fordern?
Nur weil sich einer wie ein Idiot aufführt, wird damit idiotisches Verhalten nicht legitim. Auch wer den Mörder seiner Liebsten tötet, bleibt, wenn es nicht gerade nur im Affekt geschieht immer zumindest ein Totschläger, wird vielleicht sogar zum Mörder, dessen Tun genauso zu beurteilen ist, weil hier keiner solches Unrecht begehen darf, egal, was der andere vorher tat. Unrecht bleibt Unrecht und wer es begeht, setzt sich in ein solches und kann sein Handeln nicht mit dem Unrecht eines anderen rechtfertigen, außer, es besteht gerade zufällig noch ein gegenwärtiger, rechtswidriger Angriff auf ihn, den er nicht ertragen muss und gegen den er sich mit Notwehr oder anderen mit Nothilfe wehren kann.
Ein Grenzgebiet betreten wir hier gerade bei der Frage, wie weit die Verteidigung der Rechtsordnung gegen fanatische Gläubige gehen muss, was unsere Toleranz zulassen muss und wo wir uns dringend wehren müssen.
Dürfen Frauen vollverschleiert hier herumlaufen oder gehört diese Verhüllung gemäß den Geboten einer islamischen Sekte verboten und mit Strafe bewehrt?
Gefährdet es meine Freiheit, wenn diese Frauen meinen, sie dürften ihr Gesicht keinem Mann als ihrem zeigen und wo ziehe ich da welche Grenzen?
Verbiete ich schon das Kopftuch für Beamte, verweise ich auch alle Nonnen aus dem Staatsdienst, fragt sich, mit welcher Autorität soll ich das überhaupt tun?
Schwierig ist es im Staatsdienst, in dem die Betreffenden in ihrer Verkleidung des Aberglaubens auch den Staat repräsentieren und es könnte fraglich sein, ob dieser so repräsentiert werden möchte. Dennoch gilt immer auch die Glaubensfreiheit, die keiner leichtfertig für dummen Populismus auf Pegida-Niveau infrage stellen sollte. Es dürfen Polizistinnen wie Soldatinnen lange Haare tragen, bei Männern tun sie sich da manchmal noch schwerer.
Die Burka und andere Formen der vollständigen Verschleierung sind sicher auch Ausdruck einer frauenverachtenden Kultur, die nicht nach Europa passt und unsere Werte infrage stellt. Bedeutete Toleranz hier schon eine Kapitulation?
Sollten wir diesen Frauen nicht helfen, indem wir sie dazu verpflichten, sich zu enthüllen, sich selbst zu befreien?
Doch gibt es keine taugliche Hilfe zur Aufklärung und keine Befreiung aus den Zwängen der selbstverschuldeten Unmündigkeit mithilfe autoritärer aber gut gemeinter Regelungen. Kant kann hier wirklich im Wortlaut gefolgt werden. Aufklärung ist immer die Befreiung des Einzelnen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit durch selber denken, nicht durch Anweisung.
Wer glaubt, die arabischen Frauen durch Bekleidungsverbote zum kritischen Denken anregen zu können, hat die Prinzipien der Aufklärung und des kategorischen Imperativs nicht verstanden. Es ist einfach nur dummes Zeug, in einer freiheitlichen Gesellschaft etwas verbieten zu wollen, was jeder als seinen Glauben, für sich entscheiden muss, der niemanden etwas angeht. Solche Verhüllungsverbote sind so lächerlich wie Bekleidungsgebote oder ein Uniformzwang für alle, sie sind geistig wertlos, führen nur zu Trotz gegen einen Staat, der besseres tun könnte, um den Geist der Freiheit zu fördern als Strafzettel für falsche Kleider zu verhängen.
Wenn die freiheitliche Gesellschaft sich gegenüber dem radikalen Islam verteidigen will, weil sie sich durch diesen bedroht sieht, muss sie ihre Werte gemäß deren Charakter verteidigen. Die Freiheit des Glaubens verteidige ich nicht, wenn ich anderen ihren verbiete, weil mir dessen Kleidergebote unfrei erscheinen.
Die Taufe und die Beschneidung verteidigen mit der Begründung sie diene der gelebten Religionsfreiheit und andererseits die unmenschliche aber inhaltlich als bloße Initiation gleich geartete weibliche Beschneidung zu stigmatisieren und zu bestrafen, ist nicht zu rechtfertigen und nach der Logik, die Strafen begründen können muss, dummes Zeug. Die besondere Lautstärke der Grünen-Vertreter in dieser Diskussion zeigte wieder einmal wie sehr diese Bewegung eben auch Sektencharakter hat und von dogmatischen Glaubenssätzen ausgeht, die sie im Namen der Sache auch alle Logik vergessen lassen.
Natürlich bin ich ein Feind der Klitorektomie und halte diese vorsintflutliche atavistische Sitte für unmenschlich grausam, eine lebenslänglich folternde Straftat, die hart sanktioniert werden sollte. Andererseits ist sie von der ethischen und sittlichen Beurteilung her genau das gleiche wie Taufe und Beschneidung, wie bereits im anderen Kapitel dargelegt, ein Initiationsakt, der in die körperliche oder geistige Unversehrtheit eines Kindes eingreift und der nur aus dem Glauben heraus begründet werden kann.
Natürlich verletzt die Taufe nicht wie die Beschneidung und ist diese nicht so folgenschwer wie die Klitorektomie, doch kann eine bloß graduelle Unterscheidung hinsichtlich der Wirkung nichts am zugrundeliegenden Prinzip ändern und müssten wenn alle gleich behandelt werden, was dann wieder die Frage stellte, wie weit darf der Staat sich in solche privaten Dinge, die Eltern für ihre Kinder entscheiden, überhaupt einmischen?
Taufe oder Konfirmation sind im westlichen Teil der Bundesrepublik lange mehrheitlich der soziale Initiationsakt gewesen, im Osten war es die Jugendweihe. Was käme heute, wenn beides wegfällt, was wäre angemessen, wie weit geht es den Staat etwas an?
Der völlige Verlust des Glaubens hätte auch enorme soziale Folgen in einer Gesellschaft, die es über Jahrtausende gewohnt war, ihren Kindern die Werte anhand der alten Sagen des Glaubens auch zu erzählen. Sollten dann Conny oder die 5 Freunde, gar die ???, die Geschichten von Noah, von Hiob, die Weihnachtsgeschichte, David und Goliath, den Turmbau zu Babel, die Trompeten von Jericho, Moses Auszug aus Ägypten und anderes mehr ersetzen, dass uns die meiste Kunstgeschichte überhaupt erst verstehen ließe?
Wer eines verliert, sollte überlegen, wie es ersetzt werden kann, um nicht seine Kultur und die Beziehung zu ihr völlig zu verlieren, wie es leider vielen Menschen heute längst geht, die keinen Bezug mehr zu den alten Geschichten und ihrer Bedeutung haben. Der größere Teil der vermeintlichen Retter des christlichen Abendlandes in Dresden hat eine DDR-Biografie und wenig bis keine Ahnung von den kirchlichen Geschichte, wenn sie nicht ein wenig oppositionell sich noch privat um die religiöse Erziehung gekümmert haben. Die dort missgünstigen Rassisten, welche die Invasion des Islam fürchten und unsere Volksvertreter hängen möchte, aus lauter Angst um ihre Habseligkeiten, haben meist keine Ahnung von christlicher Kultur und deren Werten. Sonstige wurden auch nicht wirklich vermittelt. Der Ethikunterricht, wenn es ihn denn gab, führte schon immer ein Schattendasein.
Als ich im ersten Jahrgang überhaupt in Baden Württemberg 1992 in Ethik mündlich Abitur machte, war ich noch ein totaler Sonderling und bekam aber immerhin wie prägend und schön, einen wunderbaren Text aus Kants praktischer Vernunft, also was ganz klassisches, zu dem ich befragt wurde. Damals hielt ich, als ich das Abitur dann doch hatte, ein Plädoyer für ein Hauptfach Ethik in der Abiturrede, die mir auch noch vielleicht zufällig zugefallen war, aber nicht der mündlichen Ethikprüfung wegen. Heute schiene mir das noch nötiger, um wieder einen Wertekonsens zu erreichen und ihn so sehr zu diskutieren, wie zu vermitteln.
Für Flüchtlingskinder mindestens so wichtig wie für viele deutsche Kinder, die sich wenig Gedanken meist über die Tragweite ihres Handelns machen und die ethischen Folgen, dessen was sie tun, sich nur laut aufregen, sobald es sie betrifft. Diese Wutbürgermentalität lernen viele schon in der Schule und schon zu meiner Zeit, als unsere Lehrer als alte 68er uns noch gern zum Aufstand anstacheln wollten, wurde gerechter Zorn vielfach für wichtiger gehalten als differenzierte Abwägung und ein reifes ethisches Urteil.
Bis zur neunten Klasse hatte ich auch noch Religionsunterricht, dann war ich religionsmündig, durfte also insoweit wählen und entschied mich für Ethik und das war auch gut so, sage ich heute, entsprach mir eher als die alten Geschichten des Aberglaubens - von Anfang an, war ich in Ethik immer einer der engagiertesten, die immer alles genau wussten und über alles diskutieren wollten - total nervig für die Schläfer in der letzten Reihe, anstrengend sicher auch für einige Lehrer aber manche auch begeisternd, seltener allerding, dahingestellt ob das an meiner oder ihrer Qualität lag.
Nichts ist so wichtig wie dieser Unterricht, der nur ein Ersatzfach war und doch den Kern von allem beleuchtete, den Dingen einen Grund gab und sie erklärte, denke ich heute noch - Mathe, Deutsch, Englisch, Naturwissenschaften, alles nur pillepalle gegen die Grundlagen der Ethik, die Philosophie und das Nachdenken über Freiheit und Verantwortung.
Alle, denen dies in ihrem Leben entgangen ist, sollten es dringend nachholen, es ist so wichtig für Bürger und Wähler, die für ihr Handeln Verantwortung übernehmen müssen, ohne sich in den Aberglauben fliehen zu können, auch wenn viele sich ohne große Begründung durch das Leben lavieren. Es kann dort nicht vermittelt werden, was gut und richtig ist, es soll ja gerade kein Glaube und keine Religion gelehrt werden, sondern, was uns das Werkzeug in die Hand gibt, dies vernünftig herauszufinden.
Aber bei diesem Plädoyer für die Ethik schon als Hauptfach verliere ich vor lauter Begeisterung glatt noch den obigen Faden, ob ein Leben ohne Glauben nun besser oder schlechter wäre, uns was fehlte ohne diesen. Schaue ich mir den Anteil der Gläubigen im Westen und Osten an und andererseits, die Zustimmung zu rechtsradikalen, rassistischen Bewegungen wie Pegida, scheint es, als ob weniger Kirchenmitglieder eher zu einer ethischen Verrohung führt von Menschen, die jenseits des Wertekonsens ihre egoistischen Ängste verteidigen wollen.
So gesehen und beim Blick auf die ehemalige DDR könnte es scheinen, als ob der Glaube doch dazu beiträgt, noch eher ethisch zu handeln. Andererseits finden wir im katholischen Bayern den höchsten Anteil an sogenannten Reichsbürgern, die sich nirgendwo zuhause fühlen, bei Bayern ja auch verständlich, und daraus eine totalitäre Ideologie mit verschwörungstheoretischen Elementen basteln. Der Erfolg solch idiotischer Bewegungen ist meist das Produkt mangelnder Bildung, wofür das bayerische Schulsystem nicht gerade verrufen ist, das noch als eines der besten im Lande immer galt. Inwiefern die dort häufig noch stark religiös traditionelle Ebene zu deren Wahn beitrug, ist mir nicht bekannt, jedoch scheint ihnen die Schule philosophischen und kritischen Denkens völlig zu fehlen.
Wer kritisches Denken lernt, wird seltener fanatischen Ideologien folgen, sich auch aus religiösen Zwängen eher noch befreien. Wir brauchen darum kein Verbot der Verschleierung, wie es überhaupt immer weniger Verbote braucht, um die Freiheit zu verteidigen. Stattdessen bräuchte es einen verpflichtenden mindestens einjährigen Ethikunterricht für alle Bürger, die in diesem Land leben wollen. Diese Kurse könnten auch zu einer wunderbaren Keimzelle des Diskurses über die Gesellschaft werden und sollten immer auch über alle anderen Religionen aufklären, um kritisch abwägen zu können.
So fehlte ohne Glaube einigen womöglich etwas, an das sie sich gewöhnt haben und was manche vermissen würden. Fraglich nur, ob die Gesellschaft damit ihre ethische Basis verlöre, asozial würde, wie wir es im Osten, nicht nur unter den Pegiden vielfach beobachten können, ganz im Gegensatz zum Credo der vorher herrschenden Religion des Sozialismus.
Insofern Nationalsozialismus wie Sozialismus sich ähnelnden teilweise religiösen Charakter in ihrer totalitären Ausformung haben, wäre dies kein gutes Gegenbeispiel, um den Wert der alten Ethik zu begründen.
Hinzu kommt, was viele für die Freiheit und die Werte des Abendlandes halten, sind in Wirklichkeit ein Produkt nur von Aufklärung und Revolution, also einer Bewegung, die sich klar vom Glauben abgrenzte, sogar in Gegnerschaft zu ihm lange stand. Der Verlust des Glaubens, beraubte uns also eben nicht der Basis unserer heutigen Werte, die einige durch den Islam bedroht sehen, sondern führte uns auf diese zurück. Menschenrechte sind eben menschlich und Ausgeburt eines laizistischen Denkens keines Aberglauben.
Dennoch stellte sich die Frage, ob es ein Gewinn wäre, Menschen zu helfen, sich von ihrem Aberglauben zu befreien, im Sinne eines Missionars der Aufklärung oder wir uns lieber völlig zurückhalten sollen, weil Aufklärung eben nur die Befreiung aus selbstverschuldeter Unmündigkeit sein kann, wenn jeder für sich anfängt, kritisch zu denken.
Mission für Aufklärung und Atheismus, also aus meiner Sicht für die Vernunft, schiene mir so unvernünftig wie Mission für einen Aberglauben, egal wie er heißt. Nur weil die Religionen dies weiterhin tun, rechtfertigt dies nicht als einer, der es anders sieht und von sich aus besser weiß, genauso blöd zu machen. Es gibt keine Erlösung im Atheismus, nur die Befreiung von der Sklaverei der Vorurteile, wenn die Menschen anfangen wollen zu denken, was sie nur tun können, wenn sie denken, wo nicht ist jedes weitere Wort verlorene Liebesmüh, genau wie die dämlichen Verbote der Verschleierung und ähnliche Vorboten der staatlichen Diskriminierung, die auf genauso totalitären Denken beruhen, wie das, was sie zu bekämpfen nur vorgeben.
Es ist nicht einfach seinen Weg immer gerade zu gehen, muss ja auch keiner, krumm kann auch völlig ok sein, wichtig ist nur, zu erkennen, dass Freiheit und Aufklärung selbständiges Denken erfordert und ich damit anfangen muss, wenn ich nicht dumm bleiben will als einer der nur Vorurteilen folgt oder nachbellt. Menschliche Werte sollen menschlich sein, trauen wir uns, sie auch so zu leben.
jens tuengerthal 17.12.2016
Gretasophie 002c
002c Warum nichts ist außer uns
Gibt es etwas außer uns oder kann nichts jenseits unserer Wahrnehmung sein?
Manche fürchten sich vor Außerirdischen, andere vor Geistern, die sie beschwören wollen, viele denken auch wir könnten den Lauf der Welt und unseres Schicksals aus den Sternen lesen, glauben es sei eine Vernunft, ein logos hinter der Sternenkunde, der von höherem Sinn zeugt und nennen es dann Astrologie.
In unserem Staat ist das weitgehend ins Privatleben gerutscht, wer noch an Horoskope glaubt, wird eher belächelt, doch schaffte es der Aberglaube schon bis ins Amt des amerikanischen Präsidenten unter Ronald Reagan und seiner dafür mehr als anfälligen Frau Nancy und auch hier finden es viele noch normal, wenn eine Regierung einen Eid auf die Bibel schwört, um damit dem Volk, das sie demokratisch wählte, den Gehorsam zu loben.
Der Aberglauben ist also trotz aller Vernunft und auch 300 Jahre nach der Aufklärung noch sehr präsent in Europa und wird von vielen als völlig normal empfunden, ihn in Frage zu stellen, gilt dagegen als ungehörig und wird von Konservativen angefeindet, die ihre Sicht auch meist nicht weiter als mit Tradition eben begründen können.
Weiß nicht, ob es etwas außer mir gibt und kann es auch nicht wissen, was mir nicht bewusst ist, davon weiß ich natürlich nichts. Platon hat einmal in seinem Höhlengleichnis darüber spekuliert, ob die Welt so ist, wie sie uns scheint oder wir, wie die Höhlenbewohner nur Schatten der Wirklichkeit wahrnehmen, die sich in unseren Vorurteilen spiegeln und die wir dann für die Wahrheit halten.
Mochte Platon ja noch nie mit seinen seltsam autoritären Ideen zur Kindererziehung, die sich am spartanischen Vorbild orientierten und ähnlich totalitären Anflüge in seinem Staat. Aber das sollte mich nicht daran hindern, mich offen mit seinen Ideen auseinanderzusetzen.
Kommt es darauf an, ob die Welt ist, wie sie mir scheint oder in Wirklichkeit ganz anders, wenn ich keine andere Möglichkeit habe, sie wahrzunehmen?
Heute können wir fast überall hinreisen und viele meinen, sich dadurch ein Bild von der Welt zu machen, dass sie da waren. Diese Illusion des Daseins hat den Tourismus expandieren lassen und Menschen rasen durch die Welt, um möglichst überall gewesen zu sein. Ob solches Handeln wirklich den Horizont erweitert, als öffnete sich den Bornierten durch Verlassen der Höhle eine neue Welt, ist relativ ungewiss.
Messen wir es am Intellekt vieler Reisender, die schon überall mal waren, spricht eher mehr dagegen als dafür. Vor allem gilt das Vorurteil, dass Reisen an sich bilde, als würde eine bloße Fortbewegung von A nach B irgendetwas an der geistigen Haltung ändern. Wer jedes Jahr zum Cluburlaub in die Türkei fliegt, wird dadurch kein Kenner der dortigen Kultur, dagegen wird wer im heimischen Sessel ausgiebig türkische Autoren liest, mehr über Land und Leute wissen als die meisten überhaupt Cluburlauber in ihrem Leben je.
Der geistige Horizont hat also mit dem realen nichts zu tun und immer, wenn ich Menschen Geschichten von ihren Reisen erzählen höre, frage ich mich, was haben sie wohl wirklich mitbekommen vom Leben dort und was ist der Vorteil davon irgendwo gewesen zu sein, wenn es meinen Geist nicht weiter bewegt, sondern ich mich nur im Kreis drehe, weil ich vor lauter Bewegung der Reisen nicht zum Nachdenken komme.
Andererseits lese ich sehr gern die alten Reisegeschichten von Alexander von Humboldt, Georg Forster, Sir John Franklin und vielen anderen mehr, folge ihnen im Geist in unerforschte Landschaften, bin fasziniert davon andere Seiten der Welt lesend kennenzulernen. So gab es bei meinen Eltern schon immer National Geographic und später auch Geo, weil sie die Welt spannend finden und gern erkunden und ich liebte es, sie zu durchblättern, manchmal auch zu lesen, allerdings fand ich nicht viel davon lesenswert, sehenswert dagegen mehr.
Die male, zu denen ich reiste, mal nach Afrika noch als Kind, quer durch Kanada kurz vor meinem 18., durch Frankreich mit dem Auto nach dem Examen, gerade wieder zu meinem Geburtstag ins geliebte Weimar, mochte ich es auch, doch ist die Entscheidung irgendwohin zu fahren, für mich immer ein Angang, der selten im Verhältnis zum Ergebnis steht.
So bewundere ich Kant sehr, der Königsberg nahezu nie verließ, aber freier und weltumspannender dachte, als viele Menschen, welche die Welt gesehen haben und dort mit Sklaven handelten oder ihre Vorurteile auf andere Art pflegten, während sie sich nur körperlich bewegten aber geistig auf der Stelle traten.
Nach allem, sehe ich keinen Anhaltspunkt dafür, dass Reisen den geistigen Horizont erweitert. Allerdings verengt es ihn auch nicht bei Menschen deren Horizont schon sehr weit ist. Es lohnt sich immer wieder darum auch klugen Reisenden zuzuhören, weil sie mit ihrem Blick auf die Welt interessantes zu berichten haben. Andererseits lohnt es sich auch sonst nicht dummen Menschen zu lauschen, wenn sie die Welt erklären wollen, die sie nicht verstanden haben und über die sie nur ihre Vorurteile verbreiten wollen, wie etwa die Redner auf Pegida-Demonstrationen, die ein solch unreflektierter Sumpf typischerweise sind.
Es mag für manche gut sein, zu reisen, während andere sich nur bewegen und dabei so blöd bleiben, wie sie waren, sich nur durch die ständige Bewegung vom weiteren nachdenken geschickt ablenken. Darum erwarte ich keine neuen Erkenntnisse von Gesprächen mit Weltreisenden, da bloße Bewegung nicht bildet und klüger macht, dagegen hat das Gespräch mit einem interessierten Leser, den Horizont noch immer erweitert, egal wo diese schon waren oder nicht.
So sagt also das Wissen, wie die Welt real ist, weil jemand schon da war, nichts über sein Verständnis von der Welt aus. Da oder dort gewesen zu sein, hilft nicht dabei, die Dinge zu verstehen, weil in Bewegung sein für gewöhnlich das Gegenteil von zur Ruhe kommen und nachdenken ist.
Vielfach habe ich bei literarisch gebildeten Menschen mehr Toleranz und Verständnis gefunden als bei den weitgereisten Experten, die sich aus ihrer Anwesenheit ein Bild erlaubten, bei dem die Leser meist vorsichtiger waren. So meinen viele, die mal irgendwo waren dann gern, darüber Bescheid zu wissen und reden auch so über die Menschen vor Ort und verbreiten damit, obwohl weit gereist nur was Platon die Vorurteile der Höhlenbewohner nennt. Diese Tendenz nimmt im Zeitalter der Clubs noch zu, die Parallelwelten schaffen, die egal wo hinter Zäunen ungestört paradiesische Welten schaffen, um sich vom Stress des Alltags zu erholen. Den Clubs vergleichbar sind Kreuzfahrtschiffe, die nicht nur ökologisch eine Katastrophe schaffen, sondern auch eine Weltsicht aus der Parallelwelt, die eher der von Höhlenbewohnern gleicht, als umgekehrt den Horizont irgend erweiterten.
So würde ich viele heutige Reisende eher für die Höhlenbewohner meist halten, die aber meinen durch ihre Betrachtung der Welt, diese zu kennen, während die Leser, die in ihrer Höhle bleiben, um über die Welt zu lesen, diese oft viel besser kennen. Wer nun die Wirklichkeit besser kennt oder freier beurteilt, weiß ich nicht zu sagen.
Aber egal wie ich nun das Reisen beurteile, ob es bildet oder nicht, es geht darum, wie wirklich mir die Wirklichkeit scheint, die ich wahrnehme und ob was nicht wirklich ist, für andere gelten darf.
Wenn ich mich mit anderen einigen will und also einen Vertrag mache oder, wenn es dabei um eine ganze Gruppe geht, einen Gesellschaftsvertrag, der durch Gesetze konkretisiert wird, brauche ich etwas, was dem kategorischen Imperativ genügte, also an jedem Ort für jeden Menschen und zu jeder Zeit so gelten könnte. Für diejenigen, die an höhere Mächte glauben, müssten dann andere Regeln gelten, als für alle, die frei davon nur ihrem Gewissen folgen.
Alle einem Glauben folgenden Gesetze könnten damit nie dem kategorischen Imperativ genügen, hätten nur beschränkte Gültigkeit für Gläubige, solange sie eben glauben. Für einen modernen Rechtsstaat eigentlich undenkbar, da seine Gesetze jeden unabhängig vom privaten Aberglauben binden. Dennoch gibt es auch in unserem Staat Regelungen oder Formulierungen, die noch tief im Aberglauben wurzeln und nur für die Wirkung haben dürften, die noch daran glauben. Dies fängt in der Präambel des Grundgesetzes an, das danach in Verantwortung vor Gott und den Menschen erlassen wurde.
Hat so etwas überhaupt für einen Atheisten Gültigkeit und genügt Tradition sich über die grundlegenden Prinzipien des kategorischen Imperativs hinwegzusetzen?
Weiter geht es auch mit den Folterwerkzeugen in bayerischen Klassenzimmern, genannt Kruzifix, die in einer bekenntnisneutralen Schule eigentlich nichts verloren haben.
Wen vertritt ein Regierungsmitglied, das seinen Eid mit so wahr mir Gott helfe, ableistet?
Klingt vermutlich relativ absurd, ist aber noch Realität im aufgeklärten Rechtsstaat der BRD und die Mitglieder der Bundesregierung schworen alle auf den erfundenen Gott, fühlen sich also an den Aberglauben gebunden, was logisch, wenn ich ihn annehme eine höhere Bindung sein muss als das Gesetz, gerade als Basis eines Eides und entziehen sich damit ihrer demokratischen Legitimation als gewählte Volksvertreter
Die EU ist da in einigen Ländern dank Frankreichs strengen Laizismus schon weiter. Es gibt dort keinen Gottesbezug und so gelten die dortigen Regeln wirklich für jedermann. Auch wenn damit noch nicht geklärt ist, ob die nur indirekte Legitimation etwa der Kommission, von der die meisten Gesetze in Europa kommen und die niemand direkt gewählt hat, noch den Anforderungen eines Gesellschaftsvertrages genügen kann, der einer Demokratie immer zugrunde liegt. Es gibt da manche Zweifel und viel Streit auch mit dem Europäischen Parlament, das sich aber aufgrund fehlender Macht selten gegen die nationalen Regierungen durchsetzt.
Ob es besser wäre die Kommission direkt zu wählen oder diese wie die nationalen Regierungen nur aus dem Parlament bestimmen zu lassen, wird vermutlich noch weiter gestritten und ist wichtig für die Zukunft der Demokratie in Europa, die so wunderbar laizistisch schon ist, von der Deutschland manches lernen noch könnte.
Insofern es welche gibt, die es glauben und andere nicht, dürfte der Glaube aber kein für alle gültiges Gesetz bestimmen oder in der Verfassung irgendwo auftauchen, was eigentlich die logische Konsequenz der auch negativen Glaubensfreiheit wäre. Doch verhält es sich mit den Gesetzen so ähnlich wie mit vielen anderen Dingen, wir leben eben auch mit Traditionen und so singen auch strenge Atheisten Weihnachtslieder, stellen eine Krippe für die Kinder auf und ähnliches.
Will darüber nicht urteilen und wie ich Weihnachten in der Familie liebe, das bei uns immer wie bei den Buddenbrooks gefeiert wird, seit ich mich erinnern kann, jedenfalls ziemlich ähnlich, könnte auch völlig absurd und albern sein, betrachtete ich es im strengen kategorischen Maßstab und doch wollte ich nichts daran ändern.
So geht es vielen Menschen mit ihren religiösen Gewohnheiten, die unterschiedlich stark ausgeprägt sind. In immer mehr Bereichen verschwinden sie ins Privatleben, manchmal aber, wie etwa gerade die Beschneidung von Knaben im Judentum und Islam, werden sie wieder öffentlich diskutiert und es finden sich dann seltsame Fronten der Solidarität, die sich sonst völlig fremd sind.
Warum wird ein solcher normalerweise nicht medizinisch indizierter Eingriff gestattet, an den sonst etwa bei kosmetischen Operationen und anderem hohe Hürden gestellt werden?
Wieso dürfen Kinder vor Erreichen der Volljährigkeit damit Mitglieder einer religiösen Gemeinschaft werden, ohne selbst darüber entscheiden zu können?
Schwierige rechtliche Fragen deren Entscheidung auch durch die deutsche Geschichte mitgeprägt wurde. Wollen wir in Deutschland wirklich gläubigen Juden je wieder ihr religiöses Leben erschweren? Sollte unser Land Juden und Muslime aus moralischen Gründen diskriminieren, Gläubige in die Illegalität drängen?
Vom kategorischen Imperativ und dem Gedanken des Kinderschutzes her müsste die Antwort klar sein und der Aberglaube, der die Vorhaut abschneiden will, gehörte hier verboten und erst ab dem 18. Lebensjahr erlaubt, wenn es dann noch einer tun will.
Nach sozialen und gesellschaftlichen Gewohnheiten aber wie im Spiegel unserer Geschichte und der Verantwortung für diese, scheint diese Konsequenz fragwürdig - vielleicht wäre es leichter hier eine einheitliche europäische Lösung zu finden, die Kinder vor dem 18. Lebensjahr vor jedem Aberglauben schützt, was die Eltern den Kindern privat erzählen, lässt sich ohnehin nicht kontrollieren aber in der Schule ließe sich mancher Wahn durch die Schulpflicht wieder gerade rücken.
Es zeigt also auch dieses Beispiel wie präsent der Aberglaube im Alltag noch ist, der gerade ein Gesetz ermöglichte, das die Beschneidung aus religiösen Gründen gestattet, auch wenn dies eigentlich im eklatanten Widerspruch zu den Prinzipien der Freiheit, der negativen Religionsfreiheit gerade für Kinder und des Kinderschutzes steht, so nimmt, was für Atheisten nicht existiert an unserem Leben teil.
Regeln die auf Aberglauben aufbauen und nur religiös begründbar sind, führen also, wie in diesem Beispiel gezeigt, dazu, dass auch unser Grundgesetz umgangen wird, um Gewohnheiten zu schützen, vielleicht auch den sozialen Frieden zu wahren, weil die Gesetzgeber, selbst oft noch im Aberglauben befangen sind. So hat die große Volkspartei CDU diesen sogar im Namen schon mit dem C.
Was so präsent ist, ist also auch da und wir müssen mit ihm leben, so absurd es uns scheint. Von der Fastenzeit bis zu den gesetzlichen kirchlichen Feiertagen, an denen die Läden schließen müssen oder auch dem Tanzverbot etwa am Karfreitag oder teilweise jeden Sonntag, das je nach Bundesland verschieden streng durchgesetzt wird.
Aber ist der Glaube der reale Wirkungen durch seine Verbindung mit der Macht zeigt damit wirklich da oder zeigt er nur Wirkungen für alle?
Zu dieser Frage und dem besagten strengen Tanzverbot der katholischen CSU im schwarzen Bayern hat das Bundesverfassungsgericht, als es deren strenges Gesetz, auf die Bechwerde eines humanistischen Verbandes hin, kippte, manch kluges gesagt. Wie überhaupt in Fragen der Freiheit und der Menschenrechte und ihrer gewandelten Sicht manche Entscheidungen aus Karlsruhe immer wieder zu lesen lohnen auch für Nichtjuristen, weil sie kritisch über vieles nachdenken, was für unser Zusammenleben wichtig ist.
Der Glaube darf in Deutschland nicht mehr die Ungläubigen zwingen, sich an die Sitten des Glaubens halten zu müssen. Worüber die CSU mault und geifert ist gut so und der erste Schritt hin zum notwendig laizistischen Staat, wie ihn Frankreich erstmals mit der Revolution bekam.
Schon mit der Wiedervereinigung hätten wir den Gottesbezug aus unserer Verfassung eigentlich streichen müssen, weil es den größeren Teil der Ossis nicht betraf und auch einen immer größeren Teil der Bürger überhaupt. Es gab in Neufünfland 1989 prozentual weniger Christen als in Indien. Hätte die DDR Regierung nicht den einen Glauben, den sie lieber verbannen wollte durch die sozialistische Religion ersetzt, wäre es ein Akt der Aufklärung gewesen, so war es nur einer der Unterdrückung, der wieder rückgängig gemacht werden sollte und der darum auch die Fortsetzung der verlogenen Kompromisse der BRD scheinbar doch legitimierte.
Damit sei nicht gesagt, dass die christlichen Kirchen heute schlecht oder böse seien, im Gegenteil sind sie häufig sehr positiv sozial engagiert, in vielen Gegenden darum auch unentbehrlich, nur sollten wir sie endlich streng vom Staat trennen, keine Kirchensteuer mehr einziehen und die Wahrnehmung sozialer Aufgaben nur noch als freie Träger ohne Sonderrechte gestatten. Nach deren Regeln darf etwa die Kirche, einem Arzt oder einer Schwester kündigen, wenn sie sich scheiden lassen oder einen unsittlichen Lebenswandel führen, der nicht mit ihrer Ideologie zu vereinbaren ist und taten dies auch immer wieder, während sie Pfaffen, die sich an Kindern vergingen seit Jahrzehnten deckten und in Rom versteckten.
Vielfache reale Wirkungen, die teilweise absurd heute scheinen, sagen aber nichts über die tatsächliche Realität des Glaubens, die für Gläubige scheinbar besteht, für alle Ungläubigen oder Andersgläubigen aber nicht. Glaube aber kann nicht die Existenz von etwas begründen, was nicht real da ist. Hier kommen wir wieder zu der Frage, wie wirklich die Wirklichkeit ist. Manches scheint uns nur wirklich, ist aber real nie da, außer für unsere Vorstellung von der Wirklichkeit, die aber sodann solange wir sind und damit leben unsere Realität ist.
Es gibt keine wissenschaftlich tauglichen Beweise für Götter oder höhere Wesen, für ein Jenseits oder ein Leben nach dem Tod. Aus Sicht der Wissenschaft gibt es das nicht. Dennoch glauben manche Wissenschaftler, wie etwa auch Einstein, die ich darum nie für dumm halten würde.
Wenn etwas für Einstein existiert und für mich nicht, warum sollte ich, der es nicht kennt, dann darüber endgültig urteilen wollen, ob es ist oder nicht, nur weil ich den vernünftigen Weg der Wissenschaft für den einzig richtigen halte?
Für mich gibt es nichts außer mir, wie Max Stirner es schon in seinem Einzigen schrieb, ich kenne keine Götter und habe meine Welt nur auf mich gestellt, messe jedes Gesetz an meinem Gewissen, weil das die logische Konsequenz des kategorischen Imperativs ist. Aber vielleicht ist meine Wahrnehmung der Wirklichkeit der Gläubigen auch nur in den engen Grenzen meiner Realität gefangen, als säße ich in der Höhle der Wissenschaft gefangen, von der aus der für Gläubige ganz reale Himmel einfach nicht sichtbar ist.
Vermutlich lässt sich diese Frage nie ganz entscheiden und jeder hält es damit eben so, wie es ihm gefällt, wie es die Tradition lehrt, ob dieser nun gefolgt wird oder bewusst mit ihr gebrochen wird. Wichtig scheint nur dabei mit Toleranz mit jeder Variante des Lebens umzugehen und die anderen so sein zu lassen, wie sie es wollen.
Nur eine Grenze scheint nötig und sollte auch hier mehr bedacht werden. Alle Gesetze müssen dem kategorischen Imperativ zumindest theoretisch genügen, warum der Glauben aus diesem Bereich, aller Tradition zum Trotz völlig zu verschwinden hat, damit Verträge mit allen geschlossen werden und nicht nur mit einigen.
jens tuengerthal 16.12.2016
Gibt es etwas außer uns oder kann nichts jenseits unserer Wahrnehmung sein?
Manche fürchten sich vor Außerirdischen, andere vor Geistern, die sie beschwören wollen, viele denken auch wir könnten den Lauf der Welt und unseres Schicksals aus den Sternen lesen, glauben es sei eine Vernunft, ein logos hinter der Sternenkunde, der von höherem Sinn zeugt und nennen es dann Astrologie.
In unserem Staat ist das weitgehend ins Privatleben gerutscht, wer noch an Horoskope glaubt, wird eher belächelt, doch schaffte es der Aberglaube schon bis ins Amt des amerikanischen Präsidenten unter Ronald Reagan und seiner dafür mehr als anfälligen Frau Nancy und auch hier finden es viele noch normal, wenn eine Regierung einen Eid auf die Bibel schwört, um damit dem Volk, das sie demokratisch wählte, den Gehorsam zu loben.
Der Aberglauben ist also trotz aller Vernunft und auch 300 Jahre nach der Aufklärung noch sehr präsent in Europa und wird von vielen als völlig normal empfunden, ihn in Frage zu stellen, gilt dagegen als ungehörig und wird von Konservativen angefeindet, die ihre Sicht auch meist nicht weiter als mit Tradition eben begründen können.
Weiß nicht, ob es etwas außer mir gibt und kann es auch nicht wissen, was mir nicht bewusst ist, davon weiß ich natürlich nichts. Platon hat einmal in seinem Höhlengleichnis darüber spekuliert, ob die Welt so ist, wie sie uns scheint oder wir, wie die Höhlenbewohner nur Schatten der Wirklichkeit wahrnehmen, die sich in unseren Vorurteilen spiegeln und die wir dann für die Wahrheit halten.
Mochte Platon ja noch nie mit seinen seltsam autoritären Ideen zur Kindererziehung, die sich am spartanischen Vorbild orientierten und ähnlich totalitären Anflüge in seinem Staat. Aber das sollte mich nicht daran hindern, mich offen mit seinen Ideen auseinanderzusetzen.
Kommt es darauf an, ob die Welt ist, wie sie mir scheint oder in Wirklichkeit ganz anders, wenn ich keine andere Möglichkeit habe, sie wahrzunehmen?
Heute können wir fast überall hinreisen und viele meinen, sich dadurch ein Bild von der Welt zu machen, dass sie da waren. Diese Illusion des Daseins hat den Tourismus expandieren lassen und Menschen rasen durch die Welt, um möglichst überall gewesen zu sein. Ob solches Handeln wirklich den Horizont erweitert, als öffnete sich den Bornierten durch Verlassen der Höhle eine neue Welt, ist relativ ungewiss.
Messen wir es am Intellekt vieler Reisender, die schon überall mal waren, spricht eher mehr dagegen als dafür. Vor allem gilt das Vorurteil, dass Reisen an sich bilde, als würde eine bloße Fortbewegung von A nach B irgendetwas an der geistigen Haltung ändern. Wer jedes Jahr zum Cluburlaub in die Türkei fliegt, wird dadurch kein Kenner der dortigen Kultur, dagegen wird wer im heimischen Sessel ausgiebig türkische Autoren liest, mehr über Land und Leute wissen als die meisten überhaupt Cluburlauber in ihrem Leben je.
Der geistige Horizont hat also mit dem realen nichts zu tun und immer, wenn ich Menschen Geschichten von ihren Reisen erzählen höre, frage ich mich, was haben sie wohl wirklich mitbekommen vom Leben dort und was ist der Vorteil davon irgendwo gewesen zu sein, wenn es meinen Geist nicht weiter bewegt, sondern ich mich nur im Kreis drehe, weil ich vor lauter Bewegung der Reisen nicht zum Nachdenken komme.
Andererseits lese ich sehr gern die alten Reisegeschichten von Alexander von Humboldt, Georg Forster, Sir John Franklin und vielen anderen mehr, folge ihnen im Geist in unerforschte Landschaften, bin fasziniert davon andere Seiten der Welt lesend kennenzulernen. So gab es bei meinen Eltern schon immer National Geographic und später auch Geo, weil sie die Welt spannend finden und gern erkunden und ich liebte es, sie zu durchblättern, manchmal auch zu lesen, allerdings fand ich nicht viel davon lesenswert, sehenswert dagegen mehr.
Die male, zu denen ich reiste, mal nach Afrika noch als Kind, quer durch Kanada kurz vor meinem 18., durch Frankreich mit dem Auto nach dem Examen, gerade wieder zu meinem Geburtstag ins geliebte Weimar, mochte ich es auch, doch ist die Entscheidung irgendwohin zu fahren, für mich immer ein Angang, der selten im Verhältnis zum Ergebnis steht.
So bewundere ich Kant sehr, der Königsberg nahezu nie verließ, aber freier und weltumspannender dachte, als viele Menschen, welche die Welt gesehen haben und dort mit Sklaven handelten oder ihre Vorurteile auf andere Art pflegten, während sie sich nur körperlich bewegten aber geistig auf der Stelle traten.
Nach allem, sehe ich keinen Anhaltspunkt dafür, dass Reisen den geistigen Horizont erweitert. Allerdings verengt es ihn auch nicht bei Menschen deren Horizont schon sehr weit ist. Es lohnt sich immer wieder darum auch klugen Reisenden zuzuhören, weil sie mit ihrem Blick auf die Welt interessantes zu berichten haben. Andererseits lohnt es sich auch sonst nicht dummen Menschen zu lauschen, wenn sie die Welt erklären wollen, die sie nicht verstanden haben und über die sie nur ihre Vorurteile verbreiten wollen, wie etwa die Redner auf Pegida-Demonstrationen, die ein solch unreflektierter Sumpf typischerweise sind.
Es mag für manche gut sein, zu reisen, während andere sich nur bewegen und dabei so blöd bleiben, wie sie waren, sich nur durch die ständige Bewegung vom weiteren nachdenken geschickt ablenken. Darum erwarte ich keine neuen Erkenntnisse von Gesprächen mit Weltreisenden, da bloße Bewegung nicht bildet und klüger macht, dagegen hat das Gespräch mit einem interessierten Leser, den Horizont noch immer erweitert, egal wo diese schon waren oder nicht.
So sagt also das Wissen, wie die Welt real ist, weil jemand schon da war, nichts über sein Verständnis von der Welt aus. Da oder dort gewesen zu sein, hilft nicht dabei, die Dinge zu verstehen, weil in Bewegung sein für gewöhnlich das Gegenteil von zur Ruhe kommen und nachdenken ist.
Vielfach habe ich bei literarisch gebildeten Menschen mehr Toleranz und Verständnis gefunden als bei den weitgereisten Experten, die sich aus ihrer Anwesenheit ein Bild erlaubten, bei dem die Leser meist vorsichtiger waren. So meinen viele, die mal irgendwo waren dann gern, darüber Bescheid zu wissen und reden auch so über die Menschen vor Ort und verbreiten damit, obwohl weit gereist nur was Platon die Vorurteile der Höhlenbewohner nennt. Diese Tendenz nimmt im Zeitalter der Clubs noch zu, die Parallelwelten schaffen, die egal wo hinter Zäunen ungestört paradiesische Welten schaffen, um sich vom Stress des Alltags zu erholen. Den Clubs vergleichbar sind Kreuzfahrtschiffe, die nicht nur ökologisch eine Katastrophe schaffen, sondern auch eine Weltsicht aus der Parallelwelt, die eher der von Höhlenbewohnern gleicht, als umgekehrt den Horizont irgend erweiterten.
So würde ich viele heutige Reisende eher für die Höhlenbewohner meist halten, die aber meinen durch ihre Betrachtung der Welt, diese zu kennen, während die Leser, die in ihrer Höhle bleiben, um über die Welt zu lesen, diese oft viel besser kennen. Wer nun die Wirklichkeit besser kennt oder freier beurteilt, weiß ich nicht zu sagen.
Aber egal wie ich nun das Reisen beurteile, ob es bildet oder nicht, es geht darum, wie wirklich mir die Wirklichkeit scheint, die ich wahrnehme und ob was nicht wirklich ist, für andere gelten darf.
Wenn ich mich mit anderen einigen will und also einen Vertrag mache oder, wenn es dabei um eine ganze Gruppe geht, einen Gesellschaftsvertrag, der durch Gesetze konkretisiert wird, brauche ich etwas, was dem kategorischen Imperativ genügte, also an jedem Ort für jeden Menschen und zu jeder Zeit so gelten könnte. Für diejenigen, die an höhere Mächte glauben, müssten dann andere Regeln gelten, als für alle, die frei davon nur ihrem Gewissen folgen.
Alle einem Glauben folgenden Gesetze könnten damit nie dem kategorischen Imperativ genügen, hätten nur beschränkte Gültigkeit für Gläubige, solange sie eben glauben. Für einen modernen Rechtsstaat eigentlich undenkbar, da seine Gesetze jeden unabhängig vom privaten Aberglauben binden. Dennoch gibt es auch in unserem Staat Regelungen oder Formulierungen, die noch tief im Aberglauben wurzeln und nur für die Wirkung haben dürften, die noch daran glauben. Dies fängt in der Präambel des Grundgesetzes an, das danach in Verantwortung vor Gott und den Menschen erlassen wurde.
Hat so etwas überhaupt für einen Atheisten Gültigkeit und genügt Tradition sich über die grundlegenden Prinzipien des kategorischen Imperativs hinwegzusetzen?
Weiter geht es auch mit den Folterwerkzeugen in bayerischen Klassenzimmern, genannt Kruzifix, die in einer bekenntnisneutralen Schule eigentlich nichts verloren haben.
Wen vertritt ein Regierungsmitglied, das seinen Eid mit so wahr mir Gott helfe, ableistet?
Klingt vermutlich relativ absurd, ist aber noch Realität im aufgeklärten Rechtsstaat der BRD und die Mitglieder der Bundesregierung schworen alle auf den erfundenen Gott, fühlen sich also an den Aberglauben gebunden, was logisch, wenn ich ihn annehme eine höhere Bindung sein muss als das Gesetz, gerade als Basis eines Eides und entziehen sich damit ihrer demokratischen Legitimation als gewählte Volksvertreter
Die EU ist da in einigen Ländern dank Frankreichs strengen Laizismus schon weiter. Es gibt dort keinen Gottesbezug und so gelten die dortigen Regeln wirklich für jedermann. Auch wenn damit noch nicht geklärt ist, ob die nur indirekte Legitimation etwa der Kommission, von der die meisten Gesetze in Europa kommen und die niemand direkt gewählt hat, noch den Anforderungen eines Gesellschaftsvertrages genügen kann, der einer Demokratie immer zugrunde liegt. Es gibt da manche Zweifel und viel Streit auch mit dem Europäischen Parlament, das sich aber aufgrund fehlender Macht selten gegen die nationalen Regierungen durchsetzt.
Ob es besser wäre die Kommission direkt zu wählen oder diese wie die nationalen Regierungen nur aus dem Parlament bestimmen zu lassen, wird vermutlich noch weiter gestritten und ist wichtig für die Zukunft der Demokratie in Europa, die so wunderbar laizistisch schon ist, von der Deutschland manches lernen noch könnte.
Insofern es welche gibt, die es glauben und andere nicht, dürfte der Glaube aber kein für alle gültiges Gesetz bestimmen oder in der Verfassung irgendwo auftauchen, was eigentlich die logische Konsequenz der auch negativen Glaubensfreiheit wäre. Doch verhält es sich mit den Gesetzen so ähnlich wie mit vielen anderen Dingen, wir leben eben auch mit Traditionen und so singen auch strenge Atheisten Weihnachtslieder, stellen eine Krippe für die Kinder auf und ähnliches.
Will darüber nicht urteilen und wie ich Weihnachten in der Familie liebe, das bei uns immer wie bei den Buddenbrooks gefeiert wird, seit ich mich erinnern kann, jedenfalls ziemlich ähnlich, könnte auch völlig absurd und albern sein, betrachtete ich es im strengen kategorischen Maßstab und doch wollte ich nichts daran ändern.
So geht es vielen Menschen mit ihren religiösen Gewohnheiten, die unterschiedlich stark ausgeprägt sind. In immer mehr Bereichen verschwinden sie ins Privatleben, manchmal aber, wie etwa gerade die Beschneidung von Knaben im Judentum und Islam, werden sie wieder öffentlich diskutiert und es finden sich dann seltsame Fronten der Solidarität, die sich sonst völlig fremd sind.
Warum wird ein solcher normalerweise nicht medizinisch indizierter Eingriff gestattet, an den sonst etwa bei kosmetischen Operationen und anderem hohe Hürden gestellt werden?
Wieso dürfen Kinder vor Erreichen der Volljährigkeit damit Mitglieder einer religiösen Gemeinschaft werden, ohne selbst darüber entscheiden zu können?
Schwierige rechtliche Fragen deren Entscheidung auch durch die deutsche Geschichte mitgeprägt wurde. Wollen wir in Deutschland wirklich gläubigen Juden je wieder ihr religiöses Leben erschweren? Sollte unser Land Juden und Muslime aus moralischen Gründen diskriminieren, Gläubige in die Illegalität drängen?
Vom kategorischen Imperativ und dem Gedanken des Kinderschutzes her müsste die Antwort klar sein und der Aberglaube, der die Vorhaut abschneiden will, gehörte hier verboten und erst ab dem 18. Lebensjahr erlaubt, wenn es dann noch einer tun will.
Nach sozialen und gesellschaftlichen Gewohnheiten aber wie im Spiegel unserer Geschichte und der Verantwortung für diese, scheint diese Konsequenz fragwürdig - vielleicht wäre es leichter hier eine einheitliche europäische Lösung zu finden, die Kinder vor dem 18. Lebensjahr vor jedem Aberglauben schützt, was die Eltern den Kindern privat erzählen, lässt sich ohnehin nicht kontrollieren aber in der Schule ließe sich mancher Wahn durch die Schulpflicht wieder gerade rücken.
Es zeigt also auch dieses Beispiel wie präsent der Aberglaube im Alltag noch ist, der gerade ein Gesetz ermöglichte, das die Beschneidung aus religiösen Gründen gestattet, auch wenn dies eigentlich im eklatanten Widerspruch zu den Prinzipien der Freiheit, der negativen Religionsfreiheit gerade für Kinder und des Kinderschutzes steht, so nimmt, was für Atheisten nicht existiert an unserem Leben teil.
Regeln die auf Aberglauben aufbauen und nur religiös begründbar sind, führen also, wie in diesem Beispiel gezeigt, dazu, dass auch unser Grundgesetz umgangen wird, um Gewohnheiten zu schützen, vielleicht auch den sozialen Frieden zu wahren, weil die Gesetzgeber, selbst oft noch im Aberglauben befangen sind. So hat die große Volkspartei CDU diesen sogar im Namen schon mit dem C.
Was so präsent ist, ist also auch da und wir müssen mit ihm leben, so absurd es uns scheint. Von der Fastenzeit bis zu den gesetzlichen kirchlichen Feiertagen, an denen die Läden schließen müssen oder auch dem Tanzverbot etwa am Karfreitag oder teilweise jeden Sonntag, das je nach Bundesland verschieden streng durchgesetzt wird.
Aber ist der Glaube der reale Wirkungen durch seine Verbindung mit der Macht zeigt damit wirklich da oder zeigt er nur Wirkungen für alle?
Zu dieser Frage und dem besagten strengen Tanzverbot der katholischen CSU im schwarzen Bayern hat das Bundesverfassungsgericht, als es deren strenges Gesetz, auf die Bechwerde eines humanistischen Verbandes hin, kippte, manch kluges gesagt. Wie überhaupt in Fragen der Freiheit und der Menschenrechte und ihrer gewandelten Sicht manche Entscheidungen aus Karlsruhe immer wieder zu lesen lohnen auch für Nichtjuristen, weil sie kritisch über vieles nachdenken, was für unser Zusammenleben wichtig ist.
Der Glaube darf in Deutschland nicht mehr die Ungläubigen zwingen, sich an die Sitten des Glaubens halten zu müssen. Worüber die CSU mault und geifert ist gut so und der erste Schritt hin zum notwendig laizistischen Staat, wie ihn Frankreich erstmals mit der Revolution bekam.
Schon mit der Wiedervereinigung hätten wir den Gottesbezug aus unserer Verfassung eigentlich streichen müssen, weil es den größeren Teil der Ossis nicht betraf und auch einen immer größeren Teil der Bürger überhaupt. Es gab in Neufünfland 1989 prozentual weniger Christen als in Indien. Hätte die DDR Regierung nicht den einen Glauben, den sie lieber verbannen wollte durch die sozialistische Religion ersetzt, wäre es ein Akt der Aufklärung gewesen, so war es nur einer der Unterdrückung, der wieder rückgängig gemacht werden sollte und der darum auch die Fortsetzung der verlogenen Kompromisse der BRD scheinbar doch legitimierte.
Damit sei nicht gesagt, dass die christlichen Kirchen heute schlecht oder böse seien, im Gegenteil sind sie häufig sehr positiv sozial engagiert, in vielen Gegenden darum auch unentbehrlich, nur sollten wir sie endlich streng vom Staat trennen, keine Kirchensteuer mehr einziehen und die Wahrnehmung sozialer Aufgaben nur noch als freie Träger ohne Sonderrechte gestatten. Nach deren Regeln darf etwa die Kirche, einem Arzt oder einer Schwester kündigen, wenn sie sich scheiden lassen oder einen unsittlichen Lebenswandel führen, der nicht mit ihrer Ideologie zu vereinbaren ist und taten dies auch immer wieder, während sie Pfaffen, die sich an Kindern vergingen seit Jahrzehnten deckten und in Rom versteckten.
Vielfache reale Wirkungen, die teilweise absurd heute scheinen, sagen aber nichts über die tatsächliche Realität des Glaubens, die für Gläubige scheinbar besteht, für alle Ungläubigen oder Andersgläubigen aber nicht. Glaube aber kann nicht die Existenz von etwas begründen, was nicht real da ist. Hier kommen wir wieder zu der Frage, wie wirklich die Wirklichkeit ist. Manches scheint uns nur wirklich, ist aber real nie da, außer für unsere Vorstellung von der Wirklichkeit, die aber sodann solange wir sind und damit leben unsere Realität ist.
Es gibt keine wissenschaftlich tauglichen Beweise für Götter oder höhere Wesen, für ein Jenseits oder ein Leben nach dem Tod. Aus Sicht der Wissenschaft gibt es das nicht. Dennoch glauben manche Wissenschaftler, wie etwa auch Einstein, die ich darum nie für dumm halten würde.
Wenn etwas für Einstein existiert und für mich nicht, warum sollte ich, der es nicht kennt, dann darüber endgültig urteilen wollen, ob es ist oder nicht, nur weil ich den vernünftigen Weg der Wissenschaft für den einzig richtigen halte?
Für mich gibt es nichts außer mir, wie Max Stirner es schon in seinem Einzigen schrieb, ich kenne keine Götter und habe meine Welt nur auf mich gestellt, messe jedes Gesetz an meinem Gewissen, weil das die logische Konsequenz des kategorischen Imperativs ist. Aber vielleicht ist meine Wahrnehmung der Wirklichkeit der Gläubigen auch nur in den engen Grenzen meiner Realität gefangen, als säße ich in der Höhle der Wissenschaft gefangen, von der aus der für Gläubige ganz reale Himmel einfach nicht sichtbar ist.
Vermutlich lässt sich diese Frage nie ganz entscheiden und jeder hält es damit eben so, wie es ihm gefällt, wie es die Tradition lehrt, ob dieser nun gefolgt wird oder bewusst mit ihr gebrochen wird. Wichtig scheint nur dabei mit Toleranz mit jeder Variante des Lebens umzugehen und die anderen so sein zu lassen, wie sie es wollen.
Nur eine Grenze scheint nötig und sollte auch hier mehr bedacht werden. Alle Gesetze müssen dem kategorischen Imperativ zumindest theoretisch genügen, warum der Glauben aus diesem Bereich, aller Tradition zum Trotz völlig zu verschwinden hat, damit Verträge mit allen geschlossen werden und nicht nur mit einigen.
jens tuengerthal 16.12.2016
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